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Die Tracht der Perlenmacher

© Sturmfaenger

Vor einigen Jahren war es, da kam ein Fremder in unser Dorf.

Er führte ein bepacktes Luhr hinter sich her, sah aber nicht aus wie einer der anderen Händler die uns sonst besuchen. Wäre er auf einem Pferd angekommen, man hätte ihn für einen reichen Mann gehalten. Er war im besten Alter, von angenehmer Gestalt, und seine Augen blickten freundlich auf uns neugierige Bauern, die ihm vom Wegesrand aus unsere Grüße entboten. Herausgeputzt war er, dieser Fremde, wie wir es noch nie gesehen hatten.

Auf seinem Kopf saß ein kegelförmiger Hut, der schon von ferne in der Sonne blitzte und schimmerte. Als er näher kam, konnten wir sehen, daß es sich um einen Filzhut handelte, der über und über mit winzigen Glimmersteinchen besetzt war. Er hatte keine Krempe, stattdessen hingen lange Fransen vom Rand herab, auf die wiederum die verschiedensten Steinperlen aufgefädelt waren. Zu beiden Seiten seines Gesichts waren sie zu einer Art Zöpfe zusammengebunden, wohl, damit sie ihm nicht die Sicht behinderten. In seinen Bart waren ebenfalls Perlen eingeflochten. Es klickte und klimperte leise sobald er den Kopf bewegte. Er trug einen knielangen, lindgrünen Kapuzenmantel, der vorne von einer Brosche zusammengehalten wurde, in deren schimmernden Schmuckstein das Zeichen Khem’raels eingeschnitten war.

Als wir ihn später in der Dorfschenke wiedersahen hatte er seinen Mantel abgenommen. Unter ihm trug er eine schlicht geschnittene dunkelgraue Tunika, auf deren Vorderseite sich allerdings ein wahrer Sternenhimmel aus kleinen elfenbeinfarbenen Perlen erstreckte. Die Tunika trat aber vor dem prächtigen Halskragen und dem buntbesetzten Gürtel in den Hintergrund, die beide mit denselben von Glimmer durchsetzten Steinkügelchen bestickt waren.

Der Fremde war recht gesprächig. Er erzählte uns, er sei ein Mitglied der neu gegründeten Zunft der Perlenmacher und auf der Durchreise nach Hamosh’huna, um den dortigen Karawanen Proben der eigenen Handwerkskunst anzubieten.

Als einer von vielen sei er ausgesandt worden, um die Zunft im Lande bekannt zu machen, neue Rohstoffquellen zu erschließen und recht viel Werbung zu betreiben. Dabei zwinkerte er uns zu, nippte an seinem Becher mit Wein und verschenkte einige Steinperlen unter uns Zuhörern. So erzählten wir ihm von den Felsen und den Steinen die wir in den Hügeln bei unseren Feldern finden, und er besah interessiert was wir ihm brachten, und steckte ein paar Proben ein.

Er gab auch bereitwillig Auskunft auf unsere vielen Fragen. Über sein Gewerbe, über die Art der Steine aus denen die Perlen bestanden und was sie kosteten, ob er sie alle selbst geschnitzt habe, und wie sich die neue Zunft aus den bisher getrennten Berufsgruppen wie Perlenschnitzern, Siegel-, Gemmen- und Kameenmachern zusammensetzte. An diesem Abend schenkte er der Tochter des Dorfvorstehers ein Armband, und verließ unser Dorf am frühen Morgen des kommenden Tages.

Die Jahreszeiten wandelten sich, und eines Tages näherte sich wieder ein Mann dem Dorf. An der Farbe seines Umhangs erkannten wir, daß es der Perlenmacher war.

Aber wo war seine blitzender glitzernder Kegelhut?

Fort war er, bekannte der nun barhäuptige Fremde freimütig über einem Becher verdünnten Weines, und erzählte, wie die Erste Konkubine des Lordfürsten an dessen Form und Aussehen Gefallen gefunden hatte. Nun hatte die neugeschaffene Zunft die exklusiven Zulieferrechte und verdiente gut an der neuen Hutmode, welche sich rasch ausbreitete. Allerdings war es den Perlenmachern von nun an verboten sich als einfache Handwerker mit derselben Art von Kopfbedeckung zu schmücken wie die hochgestellten Frauen des Reiches.

Der Fremde trug es mit Humor, und freute sich über die Bestellungen, welche die Mädchen und Frauen des Dorfes bei ihm aufgaben. Der Tochter des Dorfvorstehers schenkte er ein weiteres Armband. Es war aus den Steinen gemacht, die er bei uns im Dorf erhalten hatte, und wir staunten über die Schönheit die in unseren Hügeln steckte. Wir gaben ihm mehr davon mit, und diesmal bezahlte er gar dafür. Wir winkten ihm nach, als er von dannen zog.

Als wir den Perlenmacher das nächste Mal sahen, trug er auf dem Kopf eine Art Kranz aus einer in sich gedrehten Filzschnur, in die bunte - allerdings nicht glitzernde - Perlen eingeflochten waren. Dieser Filzkranz diente dazu, den bunt gestreiften Schal auf seinem Kopf zu halten, der als Schutz vor der Sonne diente.

Aber wie staunten wir als wir sahen daß sein glitzernder Halskragen fehlte! Stattdessen trug er nun eine Anzahl von Ketten unterschiedlicher Länge. Einige von ihnen hingen ihm bis fast an den Gürtel hinunter.

Er ließ sich von uns einen Krug Most spendieren und zeigte uns sodann die Narben an seiner Kehle, die er bei einem Überfall erhalten habe. Man habe den Halskragen für wertvoller gehalten als er sei, und in den letzten Jahren ihn und auch andere seiner Zunft mehrfach hinterrücks überfallen. Er sei mit dem Leben davongekommen, aber einigen anderen sei es nicht so gut ergangen. Daraufhin hatte die Zunft beschlossen, den Halskragen abzuschaffen. Halsketten waren leichter abzunehmen und demonstrierten die Kunst der Perlenschleifer ebenso gut.

Nachdem er abgereist war sahen wir, daß die Tochter des Dorfvorstehers eine neue Halskette trug.

Im Jahr darauf reiste der Perlenmacher wieder durch, doch statt des bisherigen Mantels trug er einen neuen aus dunkler Wolle. Diesmal schnalzten wir nur verständnisvoll mit der Zunge – wer hatte auch ahnen können, daß die Aufständischen, die seit Monaten das Land unsicher machten, ausgerechnet lindgrüne Mäntel als Erkennungszeichen gewählt hatten!

Diesmal durfte der Fremde im Haus des Dorfvorstehers übernachten, und bekam von unserem besten Sirdalschnaps vorgesetzt, und am nächsten Morgen entblößte die Tochter des Dorfvorstehers ihre perlweißen Zähne in einem strahlenden Lächeln.

Er ging wieder fort, der Fremde, der doch inzwischen für uns längst kein Fremder mehr war. Und als er diesmal wiederkam, mit mehr als einem Luhr, mit mehr als nur einem Teil seines Werkzeugs, da wußten wir, daß er bleiben würde. Und so war es auch.

Seither wohnt er nun mit seiner Familie hier im Dorf, stellt Perlen aus unseren Steinen her und hat sich vor zwei Jahren gar einen unserer Burschen als Lehrjungen genommen. Für die tägliche Arbeit trägt er seinen Schurz aus ungefärbtem Leder, sein Haar und seine Haut sind grau vom Steinstaub, aber seine Augen leuchten jedesmal, wenn er seine Frau betrachtet. Er ist nicht besser oder schlechter als ein jeder von uns, und zieht seine Tracht nur an wenn er Besuch von jenen erhält, die seine Perlen kaufen.

Und wenn nun, selbst nach all den Jahren, Fremde durchs Dorf kommen und Witze reißen über die Perlenmacher, die ganz furchtbar flatterhaft und eitel sind und ihre Tracht öfter ändern als selbst die modebewußtesten Weiber, so schütteln wir nur den Kopf. Denn wir wissen es besser.