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Gesetz gegen die Shkalapi-Krankheit

© Ehana

Das aberranische Eilgesetz zur Eindämmung der Shkalapi-Krankheit aus dem Jahre 412 n. Rgr.

Im Jahr 412 n. Rgr. fielen in der okroischen Hauptstadt Aberra immer wieder Leute auf, die von seltsamen bräunlichen, faustgroßen, gegenüber der restlichen Haut leicht erhobenen Flecken berichteten, die sich auf der Innenseite ihrer Unterarme gebildet hatten, also etwa dort, wo man sich bei der informellen Begrüßung gegenseitig anfasst. Die Flecken juckten, und wenn man sich daran kratzte, bekam man bisweilen ähnliche Flecken auch an den Fingern. Anhand dieser Symptome kam schnell auf, dass es sich hierbei um die sogenannte Shkalapi-Krankheit handelt, von deren Auftreten sonst nur in der Provinz Tapal im Südosten des Landes bekannt war – also musste sie jemand von dort eingeschleppt haben. Aus Büchern über diese Gegend kam schnell ans Licht, dass die Krankheit glücklicherweise nur bei wenigen – vor allem Kindern und alten Leuten – zum Ausbruch kam, man aber nicht so schnell erkennen konnte, wer sie sich eingefangen hatte, da die Flecken erst nach wenigen Tagen auftraten. Als Gegenmittel schwor man in der Region auf eine Salbe aus dem Schwarzen Schlangenpilz, einem, wie der Name schon sagt, dunkel gefärbten Pilz, der sich ausschließlich auf den Stämmen der Kitunë genannten Bäume findet, sich um deren Stamm windet und mit ihnen in enger Symbiose lebt. Und diese Bäume wachsen ebenfalls nur in und um Tapal, das mehrere Wochen entfernt liegt.

Nun war guter Rat teuer. Die Regierung sah sich vor dem Problem, die weitere Ausbreitung der Krankheit, die nach allem, was man darüber wusste, zwar nicht sonderlich schmerzhaft oder schlimm zu sein schien, die man aber auch nicht unterschätzen wollte, so schnell wie möglich einzudämmen. Die ganze Stadt unter Quarantäne zu stellen, stellte keine Option dar, da so ein Großteil der Haupthandelsströme im Land abgeschnitten worden wäre. Irgendwann suchte ein Mann den Rat zu sprechen, der berichtete, dass im Hof seines Nachbarn seit Jahrzehnten ein aus Tapal importiertes, imposantes Exemplar eines Kitunë-Baums wuchs, auf dem er bereits ein schwarzes Geschlängel gesehen habe. Und dass es sicher noch mehr Leute gäbe, die sich solche Exoten als Zierbäume hielten.

Der Ratssprecher fackelte nicht lange und berief eine Notsitzung ein. Er schlug vor, eine Anordnung zu erlassen, sämtliche Exemplare dieser Pilze, die in Aberra und Umgebung wuchsen, von den Bäumen entfernen und zur Ratsresidenz bringen zu lassen, wo zentral das Gegenmittel zubereitet werden und jeder Infizierte es sich kostenlos verabreichen lassen konnte. Eines der anderen Ratsmitglieder wandte ein, dass die kostenlose Abgabe der Pilze an die Regierung womöglich die Besitzer solcher Bäume veranlassen könnte, die Pilze zu ernten und zurückzuhalten oder gar die Bäume zu fällen, um das Angebot künstlich noch mehr zu verknappen und das Gegenmittel heimlich zu irrsinnig hohen Preisen verkaufen zu können. Das gab den anderen zu denken. Und so fand man noch am selben Tag folgende Verlautbarung in gewaltigen Buchstaben an das Eingangstor zur Ratsresidenz gehängt:

EILGESETZ des Rates des Großreichs Okro und Rykis

Mit sofortiger Wirkung haben wir beschlossen:

(I) Alle im Bezirk Zentral-Okro befindlichen Exemplare des Schwarzen Schlangenpilzes, zu finden ausschließlich auf den Kitunë-Bäumen, sind so schnell wie möglich an der eigens eingerichteten Sammelstelle in der Ratsresidenz zu Aberra abzugeben.

(II) Wer entgegen dieser Bestimmung ein Exemplar des Schwarzen Schlangenpilzes mutwillig länger als eine Woche zurückbehält oder vernichtet, ist mit einer Geldstrafe nicht unter 5.000 Velin zu bestrafen.

(III) Das Beschädigen oder Fällen von Kitunë-Bäumen ist verboten. Jedes Zuwiderhandeln ist mit Geldstrafe nicht unter 30.000 Velin zu bestrafen.

(IV) Dieses Gesetz ist in seiner Geltungsdauer nicht beschränkt und verliert seine Geltung nur durch explizite Aufhebung.

Gezeichnet zu Aberra am 50. Etrel 412 n. Rgr.

- Auflistung der Namen der derzeitigen 6 Ratsmitglieder –

 

Rat des Großreichs Okro und Rykis

Infolge dieses Gesetzes wurden tatsächlich in den nächsten Tagen mehrere Dutzend Exemplare des Schwarzen Schlangenpilzes bei der Ratsresidenz abgegeben – das angedrohte Strafmaß bei Zuwiderhandlung war höher als jeder Schwarzmarktgewinn, den man möglicherweise hätte erzielen können. Mit dem Gegenmittel aus den Pilzen konnte die Ausbreitung der Krankheit in den nächsten Wochen eingedämmt werden. Dennoch ließ sich der Rat noch länger genauestens Bericht erstatten, ob nicht doch noch irgendwo jemand mit den Symptomen der Krankheit herumlief, und auch das Gesetz hob er nicht auf. Pilze hatten die Aberraner jedoch nur bis etwa eineinhalb Wochen nach dem Aushang zur Residenz gebracht – danach waren entweder alle abgegeben worden oder diejenigen, die noch welche auf ihren Bäumen hatten, wagten es nicht, sie auszuhändigen, aus Furcht, sie würden des mutwilligen Zurückhaltens bezichtigt werden – man wusste es nicht. Im Laufe der Zeit rückte die Krankheit aus der öffentlichen Diskussion, da keine neuen Fälle mehr auftraten. Und das Gesetz bestand weiterhin und geriet schnell in Vergessenheit. So überdauerte es viele Ratsperioden und mehrere Herrscherhäuser.

Im Jahr 701 n. Rgr. beschäftigte sich das Aberraner Stadtplanungsbüro mit dem geplanten Ausbau mehrerer Regierungsgebäude, was sich wie immer äußerst problematisch gestaltete. Schon seit langem verfolgte man die Strategie, die Hauptstadt niemals so zugestopft werden zu lassen wie das chaotische und unkontrolliert wachsende Ryn, die größte Stadt des Landes. Standen Erweiterungen im Regierungsviertel an, hatte man daher immer Gebäude, die dem Plan „im Weg“ standen, abreißen lassen und, wenn Wohnhäuser oder Geschäfte weichen mussten, den Betroffenen wenigstens einen Ort zur Neuansiedlung vorgeschlagen. Die Bevölkerung war von dieser Vorgehensweise natürlich alles andere als begeistert. Der Ausbau im Jahr 701 n. Rgr. sah unter anderem vor, fünf Wohnhäuser im Süden des Regierungsviertels zu beseitigen. Allerdings hatten die Stadtplaner die Rechnung ohne den Historiker und Rechtsgelehrten Edris Keltanas gemacht, der in einem der „störenden“ Häuser wohnte – und in dessen Ziergarten, der seit Generationen das Grundstück schmückte, eine Kitunë wuchs. Er hatte als Kind von seinem Großvater erzählt bekommen, wie einst eine furchtbare Krankheit aus fernen Landen die Stadt heimgesucht hatte, die nur mit dem sonderbar aussehenden schwarzen Pilz, wie einer im Garten wuchs, hatte bekämpft werden können. Und dass man die Pilze einem uralten Gesetz zufolge eigentlich gar nicht besitzen dürfe, woran sich heute aber keiner mehr halte. Als Keltanas sich an diese Geschichte erinnerte, eilte er sofort in die aberranische Staatsbibliothek, um nach inem Dokument zu suchen, in dem es um diese Bäume und Pilze ging. Nach drei Tagen der Recherche fand er schließlich in einer alten Mappe mit Ratserlassen eine Abschrift des Eilgesetzes aus dem Jahre 412. Prompt marschierte er ins Stadtplanungsbüro und knallte dem Verantwortlichen das Gesetz auf den Tisch und trug vor, dass sein Haus nicht dem neuen Regierungsbau weichen könne, weil dafür die Kitunë gefällt werden müsste. Der Beamte machte große Augen und tat das Ganze mit dem Argument ab, das Gesetz sei zwischenzeitlich doch sicher längst aufgehoben worden. Mehrere Wochen der Recherche vergingen – doch das Gegenteil beweisen konnte er nicht. Im Rat brach die Diskussion darüber aus, warum man das Gesetz nicht einfach mit sofortiger Wirkung abschaffe, doch die Stadtbewohner, der Abrissaktionen leid, hatten sich längst auf die Seite von Keltanas geschlagen und zu verstehen gegeben, dass sie sich bei der nächsten Ratswahl entsprechend „bedanken“ würden, beseitige der Rat einfach ein bestehendes Gesetz, das er jahrhundertelang übersehen habe, jetzt allein aus dem Grund, weil es ihm politisch nicht in den Kram passe. Die ganze Geschichte verursachte einen derartigen Aufruhr in der Stadt, dass sich der Rat schließlich geschlagen gab, das Gesetz nicht aufhob und sich für eine Variation des Ausbauplans entschied, die keine Abrisse vorsah. Und das Gesetz ist heute, im Jahr 734 n. Rgr., noch immer in Kraft, denn fortan wagte keiner mehr im Rat, seine Aufhebung anzusprechen, denn das, was im Jahr 701 geschah, liegt noch nicht weit genug zurück, als dass sich keiner mehr daran erinnern und den Aufruhr von damals wiederaufleben lassen würde. Dafür aber ist es in den Straßenzügen, die an das Regierungsviertel angrenzen, in Mode gekommen, sich Kitunë-Bäume in den Garten zu holen.