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62-Baum-Gesetz

© Taipan

Erben war schon immer eine recht komplizierte Angelegenheit in Haagest. Was wurde vererbt, zu welcher Gesellschaftsschicht, Volksgruppe und Geschlecht gehörten Verstorbener und Erbe. Ja sogar in welchem Jahr ein Testament verfasst wurde, galten doch Verträge, die zum Beispiel während eines Pestjahres verfasst wurden, nur bedingt als rechtsgültig. Da war das 62-Baum-Gesetz nur eines von jenen zahlreichen rechtlichen Besonderheiten, die vor allem den Erben von großem Grundbesitz das Leben schwer machen können. Die meisten rechtlichen Besonderheiten, die wie das 62-Baum-Gesetz noch aus der Gründerzeit stammten, wurden im Laufe der Geschichte ausgemerzt. Wahrscheinlich hat der schlechte Ruf der Karnells, eines der wichtigsten Adelshäuser von Haagest, dafür gesorgt, dass es niemals ernsthaften Bestrebungen gegeben hat, das Gesetz abzuschaffen. Heute ist es praktisch unbekannt, wird aber zuweilen von findigen Rechtsgelehrten ausgegraben, wenn es bei Erbschaftsstretigkeiten um größeren Grundbesitz geht.

Zu viele Bäume – das Gesetz

Das 62-Baum-Gesetz verbietet es Grundbesitz an eine einzelne Person zu vererben, auf dem sich insgesamt 62 Karnellbäume oder mehr befinden. Sollte dies zutreffen, wird das gesamte Erbe an Grundbesitz in zwei flächen-, nicht wertgleiche Hälften geteilt, von denen der eigentliche Erbe eine Hälfte enthält, die zweite fällt auf den nächsten Erbberechtigten, der bei der Erbschaft leer ausgegangen wäre. Sollten sich auf einem der Hälften wieder 62 Karnellbäume befinden, wird wieder geteilt, bis die Anzahl der Bäume unter 62 sinkt. Gibt es keine Erbberechtigten mehr, fiel der Grundbesitz zur Gründerzeit dem Auir-Handelshaus zu, zur Königszeit der Königin bzw. dem König und heute geht es in den staatlichen Besitz über. Wie die Grundstücke aufgeteilt werden, entscheidet der Richter. Als Karnellbäume gelten nur jene, die mindestens zwei Meter hoch sind, um nächtliche Umsetzaktionen zu erschweren.

Karnellbaum und Ycive-Verschwörung – Historischer Hintergrund

Die Wurzeln des 62-Baum-Gesetzes gehen weit zurück, nämlich bis zum Jahr 602 n. MF, und tatsächlich spielt der Karnellbaum – damals noch unter dem Namen Stinkleede bekannt – eine wichtige Rolle. Zu dieser Zeit war der an und für sich unscheinbare Baum noch sehr häufig und prägte vor allem die Vegetation entlang des Ycive. Doch aus dem Bast können findige Alchemisten ein praktisch geschmackloses Gift – Isterawasser genannt – herstellen, das nur in Verbindung mit Alkohol seine tödliche Wirkung entfaltet und auch das erst mehrere Stunden nach der Einnahme. Das Wissen um das Gift war in der Gründerzeit praktisch nur den Bindin bekannt, und die gaben es schließlich an Mitglieder des Adelshauses Karnell weiter, das vor allem am Oberlauf des Ycive großen Landbesitz hatte und dort auch heute noch die bedeutendste Adelsfamilie ist.

Als ein ehrgeiziges Haus, deren Angehörige Intrigen wie Muttermilch eingeflößt bekommen – so der Volksmund – nütze Raete von Karnell den Senaikrieg (586-601 n. MF) aus, den das Handelshaus Auir und dessen Verbündete zwar gewonnen hatten, allerdings unter schweren Verlusten. Doch die Karnells erklärten den Auir 602 n. MF nicht einfach den Krieg, sondern wollten zuerst einen großen Teil des mächtigen Handelshauses nachhaltiger auslöschen, und zwar der Legende nach mit 62 Fässern des besten Weins ihrer Weingüter, die sie Norkarele von Auir zum Geschenk machten und die zu deren Geburtsagfeierlichkeiten auch ausgeschenkt werden sollten. Der Wein war natürlich mit Isterawasser versetzt, was man wegen der verzögerten Wirkung aber viel zu spät bemerkte. Mindestens 20 hochrangige Mitglieder des Auir-Handelshauses fielen dem Anschlag zum Opfer, aber auch viele deren Verbündeten und auch einige Verbündete der Karnell, die das Pech hatten, eingeladen worden zu sein. Dass einige Teile dieser Legende nicht ganz der Wahrheit entsprechen können, zum Beispiel hatten die Karnell damals noch nachweislich keinen Weinbau betrieben – doch der Ausgang des später als Ycive-Verschwörung bekannten Anschlags ist historisch belegt. Das Auir-Handelshaus war praktisch dazu gezwungen den Karnells den Ersten Ycive Krieg (602-624 n. MF) zu erklären, den sie nach 22 Jahren auch gewannen, nicht zuletzt deshalb, weil einige Verbündete der Karnells entsetz von dem Anschlag zu den Auir überwechselten. Nur knapp entgingen die Karnells ihrer Vernichtung und durften sogar ihre Besitztümer behalten – das war eine Bedingung für die Kapitulation.

Um die Karnells trotzdem zu bestrafen und vor allem zu schwächen – und im Gedenken an die 62 Fässer mit dem vergifteten Wein – wurde das 62-Baum-Gesetz beschlossen. Zuerst traf dieses die Karnells hart, war doch der Karnellbaum einer der häufigsten Bäume auf ihren Ländereien. Sie wurden gezwungen ihren Besitz – nicht nur Waldbesitz – in winzige Teile aufzustückeln und nicht nur die entferntesten Verwandten als Erben einzusetzen, sondern auch ganz normale Bürger, ja sogar treue Dienstboten. Zwar versuchten die Karnells ihren Besetz wieder zurück zu kaufen – dies war schließlich nicht verboten – doch das trieb die Familie immer mehr in den finanziellen Ruin. Bevor das Haus gänzlich verarmte begannen einige Karnells ihre Grundstücke systematisch nach Karnellbäumen abzusuchen und jeden gefundenen umgehend zu fällen und meist gleich vor Ort zu verbrennen, egal wie abgelegen und unzugänglich das betreffende Gebiet auch sein mochte. Bereits 30 Jahre später war der Karnellbaum entlang des Ycive praktisch ausgerottet und die Karnells planten bereits ihren Rachefeldzug gegen die Auir.

Das 62-Baum-Gesetz heute

Kaum jemand ist seither auf den Gedanken gekommen, dieses doch recht sonderbare Gesetz abzuschaffen. Es findet sich nämlich sogar im Codex Aletare wieder, der praktisch hundert Jahre später verfasst wurde und noch heute die Grundlage der Haagester Rechtsprechung bildet. Dies ist auch der Grund, warum es über den meisten anderen Erbgesetzen steht, denn alle (noch existierenden) Gesetze des Codes Aletare stehen über jedes später entstandene Gesetz. Nicht einmal die Karnells änderten es, als ihnen 830 bis 847 n. MF. die Krone von Haagest in die Hände fiel, was aber wohl daran lag, dass sie damals mit einigen Aufständen und einem drohenden Bürgerkrieg genug beschäftigt waren. Das 62-Baum-Gesetz hat übrigens neben dem Karnellbaum auch andere Opfer gefordert. So verfügen das Alte Haus Harasalan und die Neuen Häuser Buuren, Despin und Hokbel wegen diesem heute über praktisch keinen Grundbesitz mehr.

Heute gibt es so gut wie keine Erbbegehungen mehr – die letzte fand 1428 n. MF statt, also vor acht Jahren und endete nach einem monatelangen Streit, bei dem ein ganzes Heer von Botaniker von beiden Seiten beschäftig wurde, damit, dass das Testament für nichtig erklärt wurde und beide Streitparteien leer ausgingen – doch schon allein die Androhung kann ausrechen, dass man sich bei Erbstreitigkeiten schnell einig wird, aber selbst das kommt sehr selten vor. Der Vorfall vor acht Jahren hat aber dafür gesorgt, dass das Gesetzt wieder in das Bewusstsein der Rechtgelehrten gerückt ist und langsam scheint es sich abzuzeichnen, dass es doch noch mit der nächsten Gesetzesreform fallen könnte.