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Kaitalaevi

© Ehana

Kaitalaevi (sprich: Kätalaavi) ist ein traditionelles Gericht der Berdaner. Es besteht aus den Wurzeln der Heilpflanze Akaita, eines kniehoch wachsenden Krauts, das man zuhauf in kargen Bergregionen findet, vor allem oberhalb der Baumgrenze. Die Pflanze bildet kräftige, knotige Wurzeln, um auch in hartem Untergrund Halt finden zu können. Für Kaitalaevi schält man die Wurzeln und taucht sie in einen Brei aus zerstoßenem Getreide einer beliebigen Sorte. Welches Getreide ursprünglich verwendet wurde, verrät die Entstehungsgeschichte des Gerichts nicht, allerdings vermutet man, dass es sich dabei um eine Art des genügsamen Bergweizens gehandelt hat, der in den höhergelegenen berdnischen Siedlungen hauptsächlich kultiviert wird. Das Gericht schmeckt in dieser Form ziemlich bitter, was von den rohen Wurzeln kommt. Man kann sie etwas in heißem Wasser garen, wodurch sich die Bitterstoffe zum Großteil verflüchtigen, oder aber den Getreidebrei würzen, was auch zumeist getan wird.

Kaitalaevi steht häufig auf dem Speiseplan der einfachen Leute in den Dörfern und Städten am Fuß der Berge, weil man dort Akaita im Überfluss vorfindet. Der Adel und die wohlhabende Bevölkerung in den Küstenstädten hingegen machen sich nur an einem Tag im Jahr die Mühe, die wenig schmackhaften Wurzeln herbeibefördern zu lassen - am Tag der Lieder, der den großen berdnischen Sagenhelden gewidmet ist. An diesem Tag ruht die Arbeit im ganzen Land, und man trifft sich in Gruppen in den Häusern von Freunden oder Verwandten, um mit Liedern oder Geschichten die Taten der alten Helden wiederauferstehen zu lassen. Und eine dieser Geschichten überliefert die Entstehung von Kaitalaevi, so dass das Gericht am Tag der Lieder traditionell im ganzen Land gegessen wird - einzig in seiner Urform mit rohen Wurzeln und ohne Gewürze.

Der Sage nach geriet einst Raevan, einer der großen Helden Berdans, in den Bergen in einen Schneesturm, der ihn von seinen Begleitern trennte. Auch nach einigen Stunden der Suche gelang es ihm nicht, die Gruppe wiederzufinden. Schließlich gab er auf und machte sich allein auf den Weg zurück ins Tal. Bald jedoch neigte sich der Tag seinem Ende zu. Raevan verbrachte die Nacht in einer Höhle im Berg, aus der er im Morgengrauen von ihrer Bewohnerin, einer Schneekatze, vertrieben wurde.
Hunger hatte begonnen, sich nagend durch seinen Leib zu fressen. Der gesamte Reiseproviant befand sich bei der Gruppe, und es würde noch mehrere Stunden dauern, bis er das Tal erreicht hatte. Raevan wühlte in seinen Taschen und fand die harten Reste eines Teigfladens. Zu hart, um noch davon abbeißen zu können. Vom Wegesrand rupfte er ein Büschel eines kniehoch wachsenden Krauts, von dem er wusste, dass seine dicken, knotigen Wurzeln zumindest nicht giftig waren, weil man aus ihnen Tinkturen herstellte. Raevan zerbröselte den Fladen auf seinem Mantel zu Mehl, vermengte dieses mit etwas Wasser aus einem Gebirgsbach zu einem Brei und strich ihn auf die geschälten Wurzeln, um ihren bitteren Geschmack etwas zu überdecken. Auf diese Weise gelang es Raevan, den Abstieg vom Berg trotz Kälte und Erschöpfung zu überstehen. Und als nur wenige Jahre danach die Böden im Dorf wenig Ertrag abwarfen, erinnerte man sich an Raevans Entdeckung, dass kaita-Wurzeln auch ein nahrhaftes Gericht sein können, und überstand so den Winter.