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Ke'ar-than oder "stinkendes Pulver"

© Ehana

Selbst das trockene, heiße Herz von Ataiyon, dem Südkontinent, kennt Zivilisation – seit Tausenden von Jahren verstehen es verschiedenste Völker, den extremen Temperaturen und der Trockenheit zu trotzen. Während über die meisten nur wenig bekannt ist, weil sich kaum jemand in deren unwirtlichen Lebensraum vorwagt, gibt es in den Randgebieten der Wüstengegend Völker, die regelmäßig in Kontakt mit den Bewohnern der „grünen Welt“ um sie herum treten und sogar mit ihnen Handel treiben. Zu diesen gehören etwa die Sisa, die westlichsten Bewohner der wüstenhaften, mit Staub und Geröll übersäten Neeran-Ebene, die einen kleinen Teil der Ostgrenze des Landes Nayod bildet.

Als Volk, das mit äußerst widrigen Umweltbedingungen fertig zu werden hat, ist das gesamte Leben der Sisa stark darauf ausgerichtet, im Einklang mit der Natur und insbesondere den Elementen zu leben. Feuer wird als heilig verehrt, weil es für Wärme in den kalten Nächten sorgt, Wasser ist ohnehin knapp, die Erde ist größtenteils hart und nicht für den Anbau von Nahrung zu gebrauchen, so dass fruchtbarer Boden ebenfalls einen großen Segen darstellt. Als feindlich angesehen wird lediglich der Wind, der Staubstürme bringt. Und nach dem, was die Sisa glauben, kommen mit ihm auch die Windgeister, die Ke’arn. Schon seit Kindesbeinen hat jeder Sisa größten Respekt vor diesen Wesenheiten – kein Wunder, denn die Erwachsenen nehmen den Namen ständig in den Mund, wenn das Wetter schlechter zu werden beginnt und Staubstürme aufzuziehen drohen. Kein Sisa vermag die Ke’arn zu beschreiben, sie gelten als körperlos und unsichtbar, ihre Präsenz äußert sich nur darin, dass wieder einmal etwas Schlimmes passiert ist. Vielerlei schlimme Ereignisse werden auf die Ke’arn zurückgeführt, vor allem plötzlicher Kindstod und Krankheiten aller Art. Aber genauso lange wie die Sisa schon von den Ke’arn erzählen, so lange gibt es auch schon die kuriosesten Mittel, die die Windgeister angeblich zu vertreiben vermögen. Unstreitig am besten geeignet ist Feuer, allerdings ist dessen Einsatz für größere Flächen schwierig. Daneben ist man sich einig, dass starke Gerüche aller Art auch sehr effektiv sein sollen. In früheren Zeiten experimentierte man gerne mit Tierdung und auch menschlichen Hinterlassenschaften, was den Sisa aber auf Dauer im wahrsten Sinne des Wortes stank und außerdem ungeliebtes Getier anzog. Etwas Geeigneteres wollte sich in der kargen Berglandschaft, die die Neeran-Ebene im Norden und Süden begrenzt und zu deren Füßen die Sisa leben, nicht finden lassen.

Seit einigen hundert Jahren verlassen die Sisa jedoch bisweilen ihre Einöde, um mit den nayodischen Siedlern, die im Lauf der Zeit bis zum Rand der Ebene vorgestoßen waren, Handel zu treiben. Mit zunehmender Intensivierung der Kontakte zwischen den beiden Völkern lernten auch einige Sisa etwas Nayodin, und irgendwann erfuhren die Nayodi von dem Ke’arn-Problem der Sisa. Sie schüttelten die Köpfe über einen derart archaisch wirkenden Glauben, ja, Aberglauben. Denn daran, dass der Wind Unheil bringe, glaubten doch höchstens kleine Kinder, wenn sie zu viele Schauergeschichten gehört hatten, befanden sie. Ein besonders findiger der nayodischen Händler in den Dörfern, die die Sisa gerne zum Handeln aufsuchten, kam jedoch auf den Gedanken, aus der Weltsicht der Wüstenbewohner Profit zu schlagen. Als er nämlich erfahren hatte, dass die Sisa eine stinkende Substanz zur Abwehr der Ke’arn suchen, fiel ihm sofort die Rikeira ein, ein bei den Nayodi wohlbekanntes und verhasstes Kraut, das vor dem Heumachen mühsam von den Feldern entfernt werden muss. Der Grund dafür war ebenso bekannt wie die Pflanze selbst, aber auf diesen Gedanken schien außer ihm zu diesem Zeitpunkt keiner der anderen, die mit den Sisa Geschäfte machten, gekommen zu sein.

In den ersten Jahren, nachdem sie sich zum Siedeln in dieser Gegend niedergelassen hatten, war den Nayodi, wenn sie Heu verbrannten, immer ein beißend-intensiver Gestank aufgefallen, der von dem Brennmaterial ausging. Es dauerte seine Zeit, bis sie herausbekamen, dass eine Pflanze daran schuld war, die reichlich auf den Trockenwiesen in diesem Gebiet wuchs und die sie deshalb Rikeira, „stinkendes Kraut“, nannten. Fortan mussten sie mühsam ihre Wiesen per Hand von den Rikeira-Pflanzen befreien, bevor sie mit der Sense anrückten. Schließlich wusste man nie, wofür das eingebrachte Heu später verwendet werden sollte. Man ließ es sich dennoch nicht nehmen, die Pflanze näher zu untersuchen, um die genaue Ursache für den Gestank herauszufinden. Bei der Rikeira handelt sich um ein etwa kniehoch wachsendes Kraut mit kräftigen, an den Rändern gewellten Blättern, die sich um einen langen Stiel gruppieren. An jeder Pflanze finden sich etliche Dutzend Samen, klein, rund und von dunkelbrauner, fast schwarzer Farbe. Sie wachsen in langen Rispen heran, die das obere Ende des Stengels durch ihr Gewicht etwas herabhängen lassen. Es stellte sich heraus, dass diese Samen in getrocknetem Zustand, der sie etwas im Durchmesser schrumpfen und zu harten Körnern werden lässt, hervorragend brennen – ungetrocknet sind sie dafür zu feucht – und dabei diesen unsäglichen Gestank von sich geben.

Diese Geschichte im Hinterkopf, bat besagter Händler kurzum einen seiner Verwandten, der einen Bauernhof besaß, ihm bei der nächsten Gelegenheit einen Haufen der Pflanzen mitzubringen. Letzterer verstand überhaupt nicht, was sein Vetter mit dem nutzlosen Kraut wollte, entsprach aber seiner Bitte. Der Händler experimentierte etwas mit den Samen herum. Zwar sahen sie in getrockneter Form dem, was an den Stengeln der Rikeira wuchs, kaum mehr ähnlich. Dennoch wollte er testen, ob die Substanz auch in weiter bearbeitetem Zustand ihren üblen Geruch behielt. Das Geschäft mit dem Sisa schwebte ihm derart lukrativ vor, dass er kein Risiko eingehen wollte – sie sollten nicht erkennen können, woraus die Substanz besteht, und sie so bei ihren Besuchen in den nayodischen Dörfern nicht selbst sammeln können. Er fand heraus, dass die Körner in pulverisierter Form noch genauso gut brennen und stinken, das Mahlen allerdings die Haltbarkeit herabsetzt. Er füllte das Pulver in kleine Säckchen ab und nannte es „Kanithran“, gebildet aus den Nayodin-Worten „rika“ und „nithran“ für „stinkendes Pulver“.

Als das nächste Mal Sisa das kleine Dorf aufsuchten, pries der Händler ihnen das Pulver als ultimatives Mittel an, um die Ke’arn zu vertreiben. Die Sisa waren skeptisch, dass die Nayodi auf einmal eine angeblich so mächtige Substanz besaßen, von der sie noch nie zuvor etwas gehört hatten. Sie baten den Händler um eine Demonstration. Er ließ sich dazu überreden, mit ihnen ein paar Meilen vor das Dorf zu gehen, um dort eine kleine Menge des Pulvers abzubrennen. So geschah es. Der Gestank, der sich alsbald ausbreitete, entlockte den in der Nähe arbeitenden Bauern wüste Schimpftiraden, aber die Sisa beeindruckte er derart, dass sie gleich mehrere Säckchen der zermahlenen Rikeira-Samen mitnahmen. Anders als die Nayodi schienen sie den Geruch zwar stark, aber nicht unerträglich unangenehm zu finden. Bei ihrem nächsten Besuch kauften sie den gesamten Vorrat des Händlers auf, und als er ihnen nichts mehr von den Samen in pulverisierter Form mitgeben konnte, ließ er sich dazu überreden, ihnen auch seinen gesamten Rest an ungemahlenen Rikeira-Samenkörnern mitzugeben. Die Geschäfte entgingen den anderen Nayodi im Dorf natürlich nicht lange, und bald entstand zwischen den Dorfbewohnern und den Sisa reger Handel mit der Substanz in gemahlener sowie körniger Form. Die ursprüngliche Bezeichnung wurde bald durch den Sisa-Namen „Ke’ar-than“ (Sisari für „Ke’arn-verbannende Substanz“) ersetzt, da diese sich, zu Hause angekommen, wegen ihrer schlechten Nayodin-Kenntnisse nicht mehr an den genauen ursprünglichen Namen der Ware erinnern konnten und nur noch wussten, dass es so ähnlich geklungen hatte wie besagte Worte in ihrer Muttersprache. Während die Sisa das gekörnte Ke’ar-than bevorzugen, weil es länger haltbar ist, ist den Nayodi der Handel mit dem Pulver lieber, denn so lässt sich die Herkunft der Substanz besser verschleiern. Bis heute haben die Sisa nicht herausbekommen, woraus das Ke’ar-than genau besteht – es scheint ihnen auch gleichgültig zu sein, denn überhaupt halten sie sich nie länger als unbedingt für den Handel notwendig in den nayodischen Siedlungen auf. Seit das Ke’ar-than bei den Sisa bekannt geworden ist, kann man mit schöner Regelmäßigkeit, wenn Staubstürme aufzukommen drohen, Schwaden des dunklen Rauchs, der beim Verbrennen von Ke’ar-than entsteht, durch die Wüstensiedlungen ziehen sehen. Und wie die seltenen auswärtigen Besucher bei den Wüstenvölkern berichten, ist der stinkende Geruch der Substanz ist geradezu charakteristisch für die Ansiedlungen in der Neeran-Ebene geworden.