Community > WBO > WBO 2008 > Keryodanir Se'an

Keryodanir Se'an

© Taipan

Jeder Reisenden, der irgendwann einmal in seinem Leben den Weg von Urunaw nach Kamelez geht, wird sehr wahrscheinlich die alte Kupferstraße nehmen, die beide Städte miteinander verbindet. Zuerst führt sie dem Verta entlang, einem kleinen Fluss, der nahe Urunaws in den Iralirt mündet, und durchquert schließlich die eintönige Glockenebene. Doch irgendwann macht die Straße eine scharfe Biege, als ob sie jemandem ausweichen möchte, und ein neugieriger Wanderer nimmt dann vielleicht den nicht so gut in Stand gehaltenen Weg, der genau zu jenem gemiedenen Ort zu führen scheint. Was ihn erwartet, ist zum einen eine kleine Bergbausiedlung der Grobor, die hier Kupfer abbauen, aber vor allem ein gigantisches, annähernd kreisförmiges Loch mit einem Durchmesser von fünf Haagester Meilen. Die Wände fallen nahezu senkrecht an die hundert Meter in die Tiefe und sind großteils so glatt, als ob sie bearbeitet worden wären. An den schwarzen Wänden führt allerdings eine schmale Treppe entlang, die in diese Tiefen hinabführt, und ein Wanderer, der sie benutzt, kann dort unten allerhand Geheimnisvolles entdecken. Denn auf dem Grund der Senke liegt eine Stadt, uralt und durch zahlreiche Erdbeben schon stark zerfallen, doch noch immer reich an interessanten Entdeckungen. Hier gibt es die zahlreichen Fresken, die bizarre Kreaturen, Alltagsgeschehen, religiöse Riten und Figuren einer unbekannten Mythologie zeigen, für die dieser Ort, der den Namen Keryodanir Se’an trägt – die Stadt wird Gestaltenstadt genannt – auch über die Grenzen von Haagest bekannt ist. An der tiefsten Stelle liegt ein winziger See – mehr Teich als See – der vom Grundwasser und dem Regen gespeist und dank kleinerer Ritzen, Spalten und auch kleiner Höhlen bei zu hohem Wasserstand auch einen natürlichen Abfluss besitzt, weshalb das Keryodanir Se’an nicht überflutet ist.

Über die Entstehung des Keryodanir Se’an und der Stadt darin ranken sich mehrere Legenden. Sie haben aber alle die Gemeinsamkeit, dass es von einem göttlichen oder zumindest sehr mächtigen Wesen geschaffen worden ist.

Die Bekannteste ist jene der Auir. Nach ihr haben zum Anbeginn der Zeit, als die ganze Welt von schrecklichen Wunden überzogen war, die ihr die zweiköpfige Urschlange Menas in ihrem Kampf mit sich selbst zufügte, es sich die drei Götter Belkal, Band und Mardritt zur Aufgabe gemacht, die schrecklichen Wunden der Welt zu heilen, denn überall sprudelte das rote feurige Blut aus dem noch nicht geborenen Wesen. Zuerst nahm Belkal, der größte und älteste von ihnen, Ton und Schlamm und verschloss damit die schrecklichen Wunden – er wurde später zum Gott der Töpfer, aber auch der Gebirge und Vulkane. Doch dem jüngsten und kleinsten der drei Brüder gefiel nun nicht mehr das Antlitz der Welt, und so verzierte er formlosen Tonklumpen mit edlen Steinen und wertvollen Metallen. Er wurde später der Gott der Metalle, Edelsteine und des Bergbaus. Doch noch immer sahen Belkals Tonskulpturen hässlich aus, zumindest in den Augen Bands, des mittleren Bruders. Der nahm seinen riesigen Hammer und hämmerte sie auf eine ansehnliche Form zurecht, und noch immer kann man seine Werke als Berge bestaunen. Da aber Band – wie auch seine Brüder – nicht alles auf einmal schaffen, sondern immer eine Wunde nach der anderen heilen konnte, kommt es dazu, dass die Welt auch heute noch von grässlichen Wunden bedeckt ist, aus denen noch immer das feurige Blut Lyvads fließt. Ein Gebiet, auf denen die Verletzungen als besonders zahlreich und tief erwiesen, war Haagest. Band hämmerte lange die Tonklumpen seine Bruder zurecht, um sie zu den heutigen Buckeln zu formen, doch irgendwann wurde auch er müde. Da legte er seinen schweren Hammer neben seinem Werk und machte eine Rast. Doch der Hammer war schwer und der Boden, auf dem er lag gab langsam nach und schließlich war ein großer Teil von Bands Hammer im Boden versunken. Der Gott bemerkte dies nicht – oder es hat ihn nicht gekümmert – sondern nahm nach seiner Rast einfach wieder seinen Hammer und verließ Haagest, um seinen Brüdern woanders zur Hand zu gehen, ein riesiges Loch im Boden zurücklassend. Als Band fort war, entdeckten einige Menschen das Loch, und weil es sie gut vor Feinden verbarg, errichteten sie an er tiefsten Stelle eine Siedlung, aus der bald eine Stadt wurde, deren Bewohner die absonderlichsten Kreaturen und bizarrsten Götzen verehrte und ein zu tiefst lasterhaftes Leben führten. Ihre Gier nach Bodenschätzen, nach denen sie in den nahen Buckeln gruben, führte dazu, dass einige von Band mühsam verschlossenen Wunden wieder aufbrachen. Da kamen Band und seine beiden Brüder zurück und Band hämmerte wieder lange an den Buckeln herum, sodass die Bewohner der Gestaltenstadt – wie man die Stadt im KeryodanirSe’an nannte – vor Angst und Entsetzen wahnsinnig wurden. Doch das schlimmste geschah, als Band von seiner Arbeit erschöpft wieder eine Rast machte und den Hammer an genau der selben Stelle ablegte wie beim ersten Mal. Die Stadt wurde vollkommen zerstört und die wenigen Überlebenden des Wahnsinns fanden allesamt einen schrecklichen aber schnellen Tod – ohne dass Band etwas von alledem gemerkt hatte.

Auch nach den Legenden der Grobor wurde das KeryodanirSe’an von einem Gott geschaffen, nämlich vom Gott Tikmost, einem der beiden Götter des Korogaismus, der namentlich bekannt ist – und diese Legende scheint der einzige Grund zu sein, warum man seinen Namen überhaupt noch kennt. Damals war Tikmost nicht wie heute der Gott der Uhr, sondern der Gott der Glocken. Er fertigte die wunderschönsten Glocken an, deren Musik den Himmel zum Klingen brachte und selbst die mächtigsten Naturgewalten verstummen ließ. Tikmost grub das KeryodanirSe’an, um eine perfekte Glockenform zu schaffen. Doch Tikmost ließ sich bei seiner Arbeit viel Zeit, und als das Loch fertig war, vergingen zahlreiche Generationen, bis er mit dem eigentlichen Gießen begann. In der Zwischenzeit hatten sich aber sonderbare Wesen in der Glockenform angesiedelt und ihre Stadt gebaut, was Tikmost nicht bemerkte, als er die flüssige Bronze in seine Form goss – was natürlich zum Unterganz der Stadt führte. Aber auch die Glocke wurde durch die Verunreinigungen der Form nicht so wie vom Meister erwartet und zersprang beim ersten Klang. Darauf wurde Tikmost zornig und beschloss nie wieder Glocken zu fertigen und sich lieber auf Uhren zu spezialisieren, weshalb er heute als Gott der Uhr bekannt ist.

Eine einzige Legende der Bindin gibt es nicht, sondern jeder einzelne Stamm, der sich irgendwann in der Nähe des Lochs befunden hat – oder auch nur ein einziges Mitglied eines Stammes – kennt seine ganz eigene Legende. Das gibt es Legenden von Gottgestalten, die Steine geworfen haben, solche, laut der das Loch die Heimat von grauenhaften Wesen ist, die zum Glück nicht wissen, dass es auch eine Welt außerhalb des KeryodanirSe’an gibt oder solche, nach denen das Loch nichts anderes ist, als das Maul einer monströsen Kreatur und die seltsamen Bauwerke am Grund wären nichts anderes als deren Zähne. Einig sind sich alle Legenden nur in einem. Keiner soll so dumm sein, in das KeryodanirSe’an hinab zu steigen, denn dies bringe nur Unheil.

Die Garudas kennen übrigens keine Legenden. Sie wissen, dass das Loch schon da war, als sie mit den Sinierern von Kolonor kamen, und dass sich die Sinierer dort niederließen, um ähnlich wie heute die Grobor Kupfer abzubauen. Da aber die Sinierer deutlich empfindlicher auf das Pünktchenfieber regierten als andere Menschen, kehrten die Überlebenden Haagest irgendwann den Rücken – und ließen die nutzlos gewordenen Garudas zurück. Und was das Loch betrifft, das ist in ihren Augen ganz sicherlich nicht das Werk eines übermächtigen Wesens.

Das gemeine Volk von Haagest mag vielleicht an die Legenden glauben, doch für die Gelehrten von der Nadaroster Universität ist längst klar, dass das Keryodanir Se’an natürlich entstanden ist, denn ähnliche Löcher finden sich in diesem Gebiet einige, deutlich kleinere und natürlich ohne Stadt auf dem Grund. Außerdem sind die meisten dieser Löcher heute mit Wasser gefüllt und nur noch als sehr tiefe Seen bekannt. Wahrscheinlich entstanden sie alle durch das Einstürzen von unterirdischen Höhlen, aber das sind nur Vermutungen, denen noch Beweise fehlen. Doch es gibt ehrgeizige Forscher, die die Abflussgänge untersuchen wollen, um Näheres heraus zu finden. Was die Stadt anbelangt, so hält man sich an die Version der Garudas. Die haben schriftliche Aufzeichnungen über die Gründung der Stadt – und auch über ihren Untergang. Und die Abbildungen zeigen das Leben der Sinierer, ihre Religion und Mythologie und auch ihre Nutztiere, die offensichtlich das Klima von Haagest nicht vertrugen, denn heute sind nur noch wenige Knochen zurückgeblieben.

Heute nutzen die Grobor die Nähe des Keryodanir Se’an, um Kupfer zu gewinnen – das Loch selbst würden gerade einmal die mutigsten von ihnen betreten, abgesehen davon, dass es dort schon lange kein Kupfer mehr gibt.

Menschen leben hier keine, höchstens Händler oder Abenteurer verschlägt es gelegentlich hierher und auch sie ziehen weiter, wenn sie ihre Angelegenheiten geregelt und Kupfer gekauft haben, oder ihre Neugier befriedigen konnten.

Dabei ist das Keryodanir Se’an auch für die Auir und die Tanibeder von historischer Bedeutung. Hier, in der Gestaltenstadt, übergab 1029 n. MF der tanibedische Kaiser Raut XIII, der letzte Kaiser, der Haagest betreten hat, die Souveränität über Haagest an Corndelon von Murnshel und machte ihn damit zu ersten Eparchen von Haagest und zum ersten einer Reihe von insgesamt 10 Eparchen, die Haagest höchst unterschiedlich geprägt haben. Warum die Wahl auf das Keryodanir Se’an fiel, lag daran, dass dieser Ort für jede Volksgruppe von Haagest von Bedeutung war und die Gestaltenstadt der Beweis einer uralten, hoch entwickelten Zivilisation darstellte. Weil Tanibed sich damals – und auch noch heute – als das höchst entwickeltste Volk hielt, gefiel dem Kaiser die Geste, die Zukunft von Haagest auf deren Geschichte zu verändern, im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Zeremonie verlief nicht ganz so wie geplant. Die misstrauischen Grobor prophezeiten das Schlimmste, wenn man sein Schicksal derart herausforderte und blieben dem Spektakel praktisch fern – man schickte nur ganz wenige Vertreter, um den Kaiser nicht allzu sehr zu verärgern – und die Auir wollte praktisch nur durch Androhung von Gewalt in das ursprüngliche Gebiet der Grobor eindringen. Die Folge war, dass nur ganz wenige Einheimische bei der Zeremonie anwesen waren, und diese waren allesamt sehr verängstigt. Als dann die Zeremonie selbst noch durch ein leichtes Erdbeben gestört wurde, bei denen es einige Verletzte gab – weniger durch das Beben, als durch die Panik, die dabei ausbrach – gab man der neuen Regierungsform nur noch ein paar Wochen, bis es spektakulär scheitern würde, und den Eparch sah man bereits als toten Mann, zu schlecht standen die Vorzeichen. Der Kaiser nahm die abergläubischen Mutmaßungen sehr ernst und verließ innerhalb eines Monats Haagest, der Eparch blieb und ging als einer der fähigsten Eparchen der Geschichte ein.