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Nabe von Khsír

© Sturmfaenger

Die Legende von der Entstehung der Nabe von Khsír:

„Dies ist die Stätte der Prüfung“, sagte der Vatergott, als er zum ersten Mal herkam. „Hierher will ich meine Kinder bringen, hier sollen sie ein hartes Leben führen. Hier sollen sie zu Kriegern werden die nicht ihresgleichen finden. Nur so können sie sich ihren Platz an meiner Seite erringen.“

Er wanderte über Sand und Fels, wanderte über Steine und Geröll, und erkannte bei jedem Schritt die Weisheit seiner Wahl.

Doch er wußte, daß auch Krieger einen Platz zum Verweilen brauchen. Er wußte daß sie Wasser und Nahrung und Schatten brauchen. Darum sprach er: „Ich will meinen Kindern Stellen geben, an denen sie rasten und ausruhen können, an denen sie ihre Kinder und deren Kinder großziehen können. Doch will ich ihnen nur wenige solcher Stellen geben, damit sie innerlich Krieger bleiben.“

Weiter wanderte er über die Welt, besah sich Tiere und Pflanzen und setzte an einigen Orten neue dazu, an denen seine Kinder ihr Können testen sollten. Und an andere Orte setzte er welche, die seinen Kindern als Nahrung dienen würden, und an vielen dieser Orte sorgte er für Wasser.

Der Vatergott dachte an die verschiedenen Stämme die seine Kinder waren und wußte, sie würden um Wasser, Nahrung und Schatten miteinander kämpfen.

Darum sprach er: „Es ist gut, daß sie gegeneinander kämpfen, denn nur die Stärksten und Klügsten dürfen sich das Recht erringen, an meiner Seite zu kämpfen.“

Da kam sein Weib zu ihm, um zu sehen ob die Stätte der Prüfung schon bereit war.

Und sie sprach zu ihm: „Nicht immer siegt einer alleine, und sei er noch so stark, und sei er noch so klug. Die Stämme unserer Kinder sind wie die vielen Finger an einer Hand. Lehre sie auch, sich zur Faust zu ballen.“

Und sie verließ ihn wieder, und nachdenklich starrte der Vatergott auf die weite Ebene hinaus, die er gerade durchwanderte. Schließlich hob er seine geballte Faust und ließ sie krachend niedersausen. Wieder und wieder hieb er auf den Boden, bis glühendes Erdblut hervorquoll. Dort wo es unter der Erde gewesen war, sackte die Oberfläche ringsum ein. Dort wo es aus der Wunde herausfloß bildete es einen kleinen Berg.

Und der Vatergott trat zurück und sah, wie ein Teil des Erdblutes wieder im Boden versickerte, und den weiten Krater fruchtbar machte. Und er ließ zu, daß der Wind Unrat herbeitrug. Dieser vermischte sich mit dem Teil des Erdbluts das nicht versickert war, und es begann zu verwesen. Bald krochen widerliche Wesen daraus hervor, Wesen ohne Zahl. Blinden Maden gleich bohrten sie ihre Gänge in die heilende Wunde der Erde um darin zu wohnen. Sie gruben Gänge nach allen Seiten hin, bis sie die steil abfallenden Hänge erreicht hatten, und vermehrten sich bis sie den Krater ganz für sich beansprucht hatten.

Der Vatergott sah dies und war zufrieden. „Dieser Feind nimmt meinen Kindern Wasser, Nahrung und Schatten weg, denn ich habe ihn stark werden lassen. Das wird sie erzürnen. Doch dieser Feind ist stark und zahlreich. Keines meiner Kinder kann ihn alleine bezwingen. Das ist eine gute Probe.“

So sprach er und ging, um seine Kinder zu holen.

Lange lebten die Widerlichen ungestört, denn es dauerte lange bis die Kinder des Vatergottes gelernt hatten wo und wie sie Wasser, Nahrung und Schatten finden konnten. Die Stämme lernten, lebten und kämpften und breiteten sich langsam aus, und der Vatergott war zufrieden mit ihnen.

Da erreichten sie die Ebene und staunten über den Krater, an dessen Rand sie plötzlich standen. Sie sahen wie grün und fruchtbar er war, und da wußten sie, daß sie einen weiteren jener Orte gefunden hatte, die der Vatergott für sie bestimmt hatte. Doch die Widerlichen waren stark und ließen sich nicht vertreiben. Ein Stamm nach dem anderen versuchte den Krater zu erobern, doch alle scheiterten. Da wurden sie wütend und knirschten mit den Zähnen.

Und die Männer eilten zu ihren Frauen und riefen: „Viele sind gestorben, unser Stamm muss wachsen! Zeugt mehr Kinder mit uns, damit wir die Widerlichen töten können!“ Doch die Frauen lachten und sie sagten: „Glaubt ihr, der Vatergott will, daß ihr eure Großtaten in zerwühlten Schlaffellen vollbringt? Sicher hat er eine andere Lösung für diese Prüfung gewünscht.“

Da sahen sich die Männer betreten an. Und wie sie am abendlichen Beratungsfeuer saßen, sahen sie überall in der Ebene andere Beratungsfeuer brennen. Da erkannten sie, daß genug Krieger da waren, nicht alle vom selben Stamm, aber alle Kinder des Vatergottes. So kam es, daß sie sich zusammentaten und gemeinsam den Krater eroberten. Es war ein langer und harter Kampf, und alle Stämme freuten sich über den Sieg und feierten ein großes Fest am Berg im Krater, den sie zuletzt erobert hatten.

Am Morgen darauf sahen sie wie zahlreich die verschiedenen Stämme vertreten waren.

Und sie zündeten ein Beratungsfeuer für alle Stämme an und sprachen:

„Dieser Ort ist groß und fruchtbar, doch wir sind viele. Er kann unmöglich uns alle ernähren. Aber wer soll bleiben, wer soll gehen? Alle haben mitgeholfen den Ort zu Ehren des Vatergottes zurückzuerobern.“

Einige meinten: „Wir wollen nun untereinander kämpfen, dem Sieger soll der Ort gehören!“

Doch andere meinten: „Was, wenn es weitere Orte wie diesen gibt, wo die Widerlichen hausen? Wir dürfen die Stämme nicht zu sehr schwächen.“

Und sie waren ratlos und begannen wütend auf sich selbst und die anderen zu werden, weil keiner eine Lösung wußte. Da standen die Frauen auf und sprachen:

„Wir Frauen aller Stämme haben kein Beratungsfeuer, doch beraten wir uns an der Wasserstelle. Hört was wir beschlossen haben:

Alle Stämme haben Seite an Seite gekämpft und wir waren stark. Es war eine gute Idee, und kein Stamm darf je vergessen daß alle zusammen stärker sind als einer. Deshalb soll dieser Krater ein Ort der Erinnerung sein. Ein heiliger Ort, an dem die Stämme nicht gegeneinander kämpfen dürfen, egal was sonst geschieht. Wir werden hier dem Vatergott und der Muttergöttin huldigen. Wir werden unser Wissen auf die Schulterknochen unserer Ckkurh kerben und auf die Häute unserer Feinde schreiben, und alles in diesem Berg bewahren; und verdiente Krieger sollen hier die anderen lehren ihren Körper und ihren Geist für den Kampf zu schulen. Und alle sollen aus ihren Erfahrungen und Fehlern für die Zukunft lernen.“

So wird es seither gemacht.

Man nennt den Ort die Nabe, zum einen wegen der relativ runden Form des Kraters, und zum anderen wegen der Stämme, deren ständige Fehden und Kriege sich wie die Speichen eines Rades um den Krater von Khsír herumbewegen, aber niemals in ihn eindringen. Die Nabe ist ein Ort des vermittelten Wissens, eine Gedenkstätte an die geballte Kraft der Stämme, ein Archiv über die Großtaten der Ahnen und als religiöses Zentrum das Ziel so mancher beschwerlichen Pilgerreise.

Und der Vatergott sieht es und ist zufrieden.