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Ratsresidenz

© Ehana

Das Gebäude, das am stärksten aus dem Straßenbild Aberras heraussticht, ist wohl die ab 593 n. Rgr. errichtete Ratsresidenz. Um das Gebäude an auffälliger Stelle mitten in der Stadt platzieren zu können, wurden einige der umliegenden Häuser abgerissen, da man die Anlage sonst nicht mit den nötigen Schutzmaßnahmen hätte umgeben können. Ursprünglich war geplant, das Gebäude des sich bisher dort befindlichen Landwirtschaftsministeriums nicht vollständig abzureißen und lediglich komplett umzugestalten. Kurz vor Beginn der Bauarbeiten kam im städtischen Bauamt, wo man schon längere Zeit hitzig darüber diskutiert hatte, wie die Residenz nun genau aussehen sollte, jedoch die Idee auf, der Geschichte Okros mit diesem Gebäude Rechnung tragen zu müssen und es deshalb vollständig im rykischen Stil zu errichten. Das Großreich Okro war vor fast 600 Jahren aus dem damaligen Ur-Okro und seinem nördlichen Nachbarn Rykis entstanden, und dem könnte man doch in der Bauweise des Sitzes eines der beiden wichtigsten Staatsorgane gerecht werden. Der Monarch, der seit kurzem zusammen mit dem Rat und nicht mehr allein die Geschicke des Reichs lenken sollte, residierte bereits in einem typisch okroischen Gebäude. Was lag also näher, als die Ratsresidenz im rykischen Stil zu bauen?

Kaum wurde das Vorhaben publik, regte sich heftiger Protest der Städter. "Verschandelung des Stadtbilds" und "Schnellschuss" waren noch die harmlosesten Vorwürfe, mit denen sich die Stadt auseinandersetzen musste. Aber der Gedanke, Rykis' Zugehörigkeit zum Reich in einem Baustil auszudrücken, fand bei den Verantwortlichen großen Anklang, und so wurde das Vorhaben auch realisiert.

Das alte Gebäude wurde komplett abgerissen, da sich der rykische Stil doch sehr vom okroischen unterscheidet.

In Okro baut man Gebäude, vor allem öffentliche, gern aus hell- bis dunkelgrauem Stein, und zwar aus verhältnismäßig großen Ziegeln. Man liebt schlichte, klare Formen und geometrische Flächen. Charakteristisch für die okroische Architektur sind hohe, in einfachen Formen gehaltene Räume mit schmalen, rechteckigen Fenstern, die oft beinahe die gesamte Raumhöhe einnehmen. Von innen aus gesehen befinden sich die Fenster häufig in Nischen. Selbiges gilt für die Türen, die zwar nicht über eine Höhe von 3 - 4 Metern hinausgehen, deren Nischen der Einheitlichkeit wegen aber genauso weit nach oben reichen wie die der Fenster. Dächer sind meist flach gehalten, Steildächer finden sich nur vereinzelt an Privathäusern oder in Orten außerhalb Kern-Okros, in denen mehr Angehörige anderer Völker als Okroer leben.

In Rykis hingegen hat sich ein völlig anderer Baustil entwickelt, obwohl das Land auch zu Zeiten vor dem Zusammenschluss mit Okro enge Beziehungen zu eben jenem Staat gepflegt hatte. Die Rykier bauen ihre Häuser ebenfalls aus Stein, allerdings aus hellerem als die Okroer. Ihre Fassaden bleiben auch häufig nicht so, sondern werden von oben bis unten mit langen Latten aus hellem Holz verkleidet. Fenster und Türen - meist mit einem leichten Spitzbogen versehen, so dass sie grob die Form unten abgeschnittener Regentropfen aufweisen -, werden von einer Umrandung aus dunklerem Holz eingefasst. Die Scheiben rykischer Fenster sind auch oft in kleinere Paneele unterteilt, während man in Okro durchgehend Glas schätzt. Rykische Dächer haben oft eine Zeltform. Der Baustil stellt sich somit als viel organischer, verspielter und weicher dar als die bisweilen hart anmutende Architektur Okros. Kein Wunder, dass dieser Stil den Hauptstädtern ein Dorn im Auge war, passte es doch so gar nicht zu den strengen Formen der umliegenden okroischen Häusern. Nach der Vollendung des Gebäudes, das auf einem seckseckigen Grundriss und mit sechs Dachspitzen - für jedes Ratsmitglied eine - gebaut wurde, verstummten die Kritiker jedoch rasch, und Heute ist das Gebäude aus dem Stadtbild Aberras nicht mehr wegzudenken. Sein verspielt wirkendes Äußeres lockt viele Besucher an, die mit den harten Formen der okroischen Architektur nichts anzufangen wissen. Zu besichtigen ist das Gebäude allerdings nicht, weil es schließlich dem Rat als Tagungsstätte dient und auch sonst für allerlei politische Zusammenkünfte und Besprechungen benutzt wird.