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Schauerfaden

© Ronin

In den Regionen des Ringkontinentes, in denen vor allem trockene Baumsavannen das Bild prägen, wächst der seltene Schauerfaden. Es handelt sich um eine Schmarotzerpflanze, die fast ausschließlich verletzte Bäume befällt, beispielsweise über die Wunden, die durch Tierfraß und dergleichen entstanden sind. Die Ansiedelung eines Schauerfade-Samenkorns geschieht über den Kot von Tieren, die in Kontakt mit der verletzten Baumstelle kommen. In der Regel handelt es sich dabei um Vögel, die die Samenwirte des Schauerfadens gefressen haben.

Ein Schauerfaden-Same ist etwa einen Millimeter groß und keimt normalerweise beim ersten, der Ansiedlung folgenden Regen, sofern ihn der Wirtsbaum nicht vorher von seiner gesundenden Stelle abgestoßen hat. Das Wachstum des Schauerfadens ist außerordentlich schnell, da er sich ein Rennen mit den etwaigen Heilprozessen des Baumes liefern muss. Sobald der Same jedoch seine Reihe von dornartigen Haftwurzeln ins Holz des Baumes gebohrt hat, hat er vorerst einen sicheren Platz. In den ersten Lebenswochen wächst der Faden zum größten Teil ins Innere des Baumes, wo seine hauchdünnen Faserwurzeln sich einen ätzenden Weg bis zu den Leitungsbahnen des Wirtes bohren. Das Wasser und die Nährstoffe, die der Baum durch seine Leitungsbahnen befördert, stellen auch die Lebensgrundlage des Schauerfadens dar, der nach Erreichung dieses Zieles damit beginnt, sein äußeres, vegetatives Wachstum fortzusetzen. Ein kurzer, vielleicht zehn Zentimeter langer, harter Stiel bildet sich, an dessen Ende sofort die Entwicklung einer korbförmigen, etwa fünf Zentimeter durchmessenden Blüte beginnt. Die Blüte dient nicht der Fortpflanzung, kann also als Scheinblüte bezeichnet werden. Der dunkelbraune Blütenkern wird von 28 fleischigen, magentafarbenen Blättern umgeben. Unter dem Blütenansatz entwickeln sich die stark mutierten Blattformen des Schauerfadens, die ihm auch seinen Namen geben. Etwa fünfzig zähe, fadenartige Auswüchse, die bis zu fünf Meter lang werden können und die am letzten Drittel mit nesselartigen Gebilden besetzt sind. Diese Nesselfadenblätter dienen der Pflanze zum einen zum Schutz und zum anderen zur Fortpflanzung. Die Nesselfäden sind beweglich und reagieren dabei auf Wärme. Sobald die Fäden ein Wärme“bild“ in ihrer Reichweite wahrnehmen, peitschen sie darauf zu und umfassen es mit ihren Nesseln. Die Bewegungsfähigkeit der Fäden wird offensichtlich durch einen begrenzten Zugriff der Pflanze auf Naturmagie bewirkt. Auch bei der Infiltrierung des Baumwirtes scheint bereits ein gewisses Quantum Magie im Spiel zu sein.

Tiere (Oder Intelligenzen), die mit den Nesseln des Schauerfadens in Berührung kommen, erleben sehr schnell die massive Wirkung eines hochpotenten Nervengiftes, das kleinere Ziele sofort tötet aber auch große Tiere erheblich schädigen kann. Eine Reihe von spezialisierten Savannentieren ist jedoch immun gegen den Schauerfaden, so z.B. eine Reihe von Vögeln. Der Schauerfaden infiltriert mit seinen Fäden bei der Vergiftung das Opfer auch mit mikroskopisch kleinen Samenpaketen, die im oder am Körper zu mindestens einem Samenkorn heranwachsen. Vögel, die das vergiftete Opfer vertilgen, sorgen so für einen Teil der Weiterverbreitung der Pflanze.

Wie viele giftige Pflanzen ist der Schauerfaden auch eine starke Heilpflanze. Die Inhaltsstoffe seiner dicken, fleischigen Blüte bilden die Grundlage eines Suds, den Heiler und Schamanen gegen die meisten Arten von Parasiten verabreichen, die auf dem Ringkontinent nicht eben selten sind. Die Fadenblüte darf jedoch nur zur Regenzeit, am besten in Folge eines schweren Regengusses, gewonnen werden. Wenn der Schauerfaden tropfnass ist, sind seine Nesselfäden so gut wie inaktiv, seine chemischen Reaktionen fast paralysiert. Pflückt man die Blüte dagegen im trockenen Zustand, beispielsweise indem man die Fäden der Pflanze abbrennt, flutet der Schauerfaden auch die Blüte mit seinem in den Nesseln aktiven Gift, sozusagen als letzte Schutzreaktion. Eine mit Nesselgift versetzte Blüte ist nutzlos. Eine nass gepflückte Schauerfadenblüte hat dagegen einen nicht geringen Wert.

Ab einem gewissen Alter kann ein Schauerfaden übrigens das Pflücken seiner Blüte überleben, die bei genug Reserven nach etwa zwei Wochen nachwächst.