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Tharvellin

© Sturmfaenger

Zum jährlichen Seelentanz in den Heiligtümern des Totengottes Cobah-Lur versammeln sich die Gläubigen auf den Rängen des Zeremonienplatzes. Sie alle sind dunkel gekleidet und still, verschmelzen beinahe mit der hereinbrechenden Nacht.

Während die Farben des Tages weichen, heben sich die weißen Linien im Mosaikmuster der Tanzfläche im Restlicht besonders hervor. Die Tänzer befinden sich bereits in Position, liegen nackt ausgestreckt da, das Gesicht zur Mitte gewandt.

Mit dem ersten Trommelschlag beginnt ihr Tanz, langsam.

Ihre Schritte fließen ineinander, folgen der Vorgabe des Bodenmusters, das durch sie lebendig zu werden scheint. Allmählich wird der Pulsschlag der Trommeln schneller, wilder, die ersten Tänzer brechen aus dem Reigen aus. Bald folgt keiner mehr dem vorgegebenen Muster. Alle erzählen nun mit ihren Körpern vom wilden Todeskampf, von Verzweiflung und schließlich erschöpfter Fügung. Scheinbar leblos sinken sie nieder, nur begleitet von der reinen hohen Stimme eines Knaben, der mit seiner wortlosen Melodie ein namenloses Sehnen auf den Platz herabruft. Andere Stimmen fallen ein, flehen um Erbarmen, um Hilfe im Dunkel des Nachlebens.

Noch während der Anrufung beginnen die Körper der Tänzer sanft zu schimmern, erst matt, dann immer heller. Nach und nach erfasst es sie, bis jeder Körper in einen überirdischen bläulichweißen Schein gehüllt ist. Sie beginnen sich nun erneut zu regen, leuchtende Schemen inmitten der Schwärze.

Ein weiterer Tänzer, der Cobah-Lur selbst verkörpert, erscheint nun wie aus dem Nichts in der Mitte des Platzes - wirft den schwarzen Umhang ab, in den gehüllt er sich auf seine Position begeben hat. Die glühende Bemalung seines Körpers spiegelt die Linien des Lebens auf dem Zeremonienplatz wieder. Er umtanzt die anderen Seelen, geleitet sie nach und nach zu ihren Positionen, auf denen sie niedersinken und symbolisch wieder eins mit dem Kreis des Lebens werden.

Niemand der diesen Tanz gesehen hat kann wahrhaft behaupten, es habe ihn nicht beeindruckt. Doch die wenigsten wissen, daß der Seelentanz ohne ein unscheinbares graues Pulver sehr viel unspektakulärer wäre.

Tharvellin heißt es, auch Mondesleuchten genannt, nach der Ähnlichkeit des bläulichweißen Lichtschimmers mit dem Licht eines der drei Monde.

Traditionell wird es beim Kauf mit reinem Silber aufgewogen – der Aufwand zur Gewinnung der Substanz rechtfertigt diesen hohen Preis zwar nicht, aber das wissen nur diejenigen die Tharvellin herstellen. Auch die meisten Zwischenhändler wissen nicht mehr, denn man macht daraus ein großes Geheimnis.

Nicht zu unrecht, denn die Hersteller des Tharvellin sind die Ji’rallak, auch das ‚Versteckte Volk’ genannt. Sie legen keinen Wert darauf, in das Großreich Morkandor einverleibt zu werden. Die hohen Preise für das seltene Pulver bedeuten für sie einen willkommenen Zusatzverdienst, es ist eine der wenigen Handelswaren die den Weg nach Morkandor finden. Mit dem Gewinn werden seinerseits wieder seltene medizinische oder sonstige Güter gekauft, die über viele Umwege den Weg in ihre Hände finden.

Der Ursprung des Tharvellin sind winzig kleine Bakterien. Sie kommen endemisch in „Andhurs Träne“, einem unzugänglichen Salzwassersee im Carad’Narangebirge vor.

Die Tharvellinbakterien leben frei im Wasser, setzen sich aber wenn die Salzkonzentration des Seewassers durch sommerliche Verdunstung steigt, auch als schleimige Schicht auf Steinen ab. Die Biolumineszenz scheint ein Bestandteil ihres Fortpflanzungszyklus zu sein, sie leuchten nur wenige Wochen im Jahr.

Während dieser Zeit statten einige Ji’rallak dem Tränensee einen Besuch ab. Sie ernten die leuchtende Schleimschicht von den Uferfelsen. Die Masse wird in der Sonne ausgebreitet. In der Sommerhitze verdunstet das Wasser schnell.

Die trockene Masse wird zu Pulver zerstampft, in kleine Barren gepresst und für den Transport so luftdicht wie möglich verpackt. Die Bakterien des Tharvellin sind jedoch nicht tot, sie befinden sich nur in einer Art Trockenstarre. Sobald sie wieder mit Salzwasser in Kontakt kommen – sei es der steigende Wasserpegel im Herbst oder der salzige Schweiß menschlicher Haut – dauert es nur wenige Minuten bis sie wieder zu leuchten beginnen.

Das Pulver ist für religiöse Zeremonien wie den Seelentanz sehr begehrt, scheint es doch die – mit magischen Sinnen übrigens nicht erfassbare – Antwort eines Gottes selbst wiederzuspiegeln.

Nach der Zeremonie läßt sich die mit Pulver vermischte Salbe, mit dem die Körper der Tänzer eingerieben wurden übrigens problemlos abschrubben, dies muss auch sein, da die Ausscheidungsprodukte der Bakterien für Menschen auf Dauer ungesund sind. Kopfschmerzen, Ausschlag und gelegentlich auch Übelkeit sind die Folge, wenn man sich hinterher nicht gründlich genug schrubbt - ein „Zeichen“ des Wunsches der Götter, das Mondesleuchten nur während bedeutsamer, zeitlich begrenzter Zeremonien einzusetzen.

Tharvellin hält sich in Gebieten mit höher Luftfeuchtigkeit und außerhalb seines normalen Umfelds nicht lange, es wird von anderen Bakterien zersetzt. Dies bedeutet eine stetige Nachfrage, und dieses wiederum eine stabile Einnahmequelle für das Versteckte Volk.