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Thupa

© Sturmfaenger

Manch ein müder Reisender, der in der Pilgerstadt Cry'Dashid in der Provinz Djiun ein Wirtshaus betritt, wird erst einmal nach Luft schnappen, bisweilen sogar Tränen in den Augen haben. Das liegt nicht am Lärm, dem Zustand der Gasthäuser oder der mangelnden Körperhygiene der Gäste, sondern an dem scharfen, stechenden Geruch, der wie eine unsichtbare Wolke in der Luft hängt.
Wenn dieser Reisende den Mut aufbringt, sich zu anderen Gästen an den Tisch zu gesellen, wird er merken, dass der Geruch besonders intensiv aus ihren wissend grinsenden Mündern auszuströmen scheint - und wenn er dann immer noch nicht die Flucht ergreift sondern sich etwas zu Essen bestellt, wird ihm endlich die duftende Ursache des Gestanks auf einem Teller serviert - Thupa. Die Einheimischen am Tisch werden aufmerksam beobachten wie der Fremde die ersten paar Bissen verzehrt. Die würzig-intensive Schärfe ist nicht jedermanns Sache - sollte der Reisende daran Gefallen finden, wird man ihm beifällig zuprosten und das Eis ist gebrochen.

Aber was genau ist das denn nun, Thupa? 
Im Prinzip, wird man dem Reisenden erklären, sind es einfach mit Gemüse gefüllte Teigtaschen, die in der ganzen Provinz Djiun gern gegessen werden. 
Die Zubereitung ist einfach:
Wasser und Getreidemehl werden zu einem mehr oder weniger klebrigen Teig geknetet, aus dem man viele kleine Portionen macht, die jeweils auf einem Brett ausgerollt werden. An Feiertagen fügt man noch ein Pulver aus den Schoten des Cladhbaums zum Teig hinzu, dies verleiht ihm einen safrangelben Farbstich und einen eigenartigen Geschmack, der gut mit der Füllung harmoniert. 
Die Füllung der Thupa besteht aus kleingehäckseltem oder gestampftem Saisongemüse. Statt teuren Gewürzen nimmt man die Odchiknolle, die überall wächst (und von Geschmack und Aussehen her an eine Mischung aus Knoblauch und Zwiebel erinnert). Dies verleiht dem Gericht seine typische, Mundgeruch erzeugende Geschmacksnote. Mit einer Kelle wird auf jedes ausgerollte Teigstück eine Portion Füllung geklatscht, dann werden die Ränder des Teigs hochgenommen, mit einer Handbewegung verdreht und nach unten umgeschlagen, damit die Teigtasche sich nicht wieder öffnen kann. 
Die fertige Thupa ist etwa so groß wie ein Knödel. Nun wird sie in einem flachen, weiten Topf gekocht (in Salzwasser oder Gemüsebrühe) oder aber man frittiert sie. 
Als Beilage gibt es Brot, das entweder zum Tunken der Gemüsebrühe verwendet, oder zerrupft, und knusprig (mit den Resten des Frittierfetts) angebraten über die Thupa gestreut wird.

Niemand aus der Oberschicht wird gern als stinkender Thupaesser bezeichnet - wer nicht als Provinzler dastehen will, macht um das Gericht daher einen großen Bogen. 
Nur ein Mal im Jahr, beim Erntefest, werden Thupa für alle serviert. Man feiert draußen, stellt Tische und Bänke auf Straßen und Plätzen auf, es wird gegessen und getrunken, und den Gauklern und tänzerischen Darbietungen Beifall gespendet. Jeder, der auf sich hält und sich in der Gunst des Pöbels halten will, ist dabei. Aristokraten, höchste Priester, Richter und Militärs... sie alle finanzieren dieses Fest und sind mit ihren Familien anwesend. Thupa werden auf großen Tabletts herumgereicht, keiner weiß, in welchem die kleinen Glücksbringer versteckt sind. Figürchen aus Holz sind es, jedes Jahr andere Tiermotive - und wer einen findet, bindet ihn sich bis zum nächsten Fest um, und bekommt vom Ausrichter des Festes eine kleine Gabe geschenkt, meist ein paar Münzen, ein Fässchen Wein oder dergleichen. Wenn der Dorfvorsteher, ein Priester oder sonst ein hochrangiger Angehöriger der Oberschicht einen Glücksbringer in seinem Thupa findet, muß er aufstehen und laut verkünden, durch welche Aktion er sein Glück mit der Allgemeinheit teilen wird. Dies kann vom Stiften einiger Spanferkel oder Weinfässer bis zur Freilassung eines Gefangenen oder einem einmaligen Steuernachlass alles sein, immer abhängig von Rang, politischer Lage und finanziellen Möglichkeiten desjenigen.