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Toulqe

© Sturmfaenger

Isa kaut einen Streifen Frühstücksfleisch und stapft neben ihrem Lehrer Hanco’or durch das morgenfeuchte Gras der Jedobesteppe. Die Sonne geht gerade auf. Sie sind schon seit zwei Stunden unterwegs, das abgeweidete Gebiet rund um das Sommerlager liegt nun hinter ihnen. Keine ledrigen Gh’dulippen haben hier die Sträucher abgezupft, keine Yessithufe die zarten Kräuter zertrampelt, niemand hat das Gestrüpp auf der Suche nach Feuerholz geplündert.
Bald kommt es ihr vor, als seien sie beide die einzigen Menschen in dieser endlosen Weite, die die Heimat der Ghushren ist. Hanco’or ist einer ihrer heiligen Männer, ein Ghairan, und von ihm lernt Isa die Pflanzenwelt der Steppe kennen und schätzen. Die Vegetation ist keineswegs einheitlich, auch wenn größere Bäume und Sträucher fehlen. Bei jedem Ausflug gibt es Neues zu entdecken, wandern Pflanzen in Hanco’ors Beutel, die Isa nie zuvor gesehen hat.
Der sandige, steinige Steppenboden knirscht unter ihren Schritten. Das Urgestein, normalerweise unter der dünnen Grasnarbe verborgen, drängt hier nach oben, bildet unregelmäßige kahle Placken im endlosen Gräsermeer. Die Steppe brandet gegen die pockennarbige Oberfläche, um sich den Boden zurückzuholen. Nur Moos und Flechten haben es schon geschafft hier Fuß zu fassen. Während sie gehen, unterhalten sie sich leise. Er deutet auf Pflanzen und fragt Isa über ihr Aussehen und ihre Eigenschaften aus, erzählt ihr, welche Teile davon er bei der Heilung von Krankheiten braucht, und worauf man bei der Konservierung achten muß.
Am Anfang war alles neu für Isa, doch nun sind die Farbtupfer vieler Blumen, Kräuter und Gräser wie alte Vertraute, die sie auf jeder Wanderung umgeben. Auch heute wird sie wieder viele neue Bekanntschaften schließen.
Zwei Finger breit steht die Sonne überm Horizont, als Hanco’or stehenbleibt. 
„Ah, hier. Die kennst du noch nicht.“ 
Isa schaut sich um. Rechts von ihr blitzt das Rot von Zypien durch die Grashalme, direkt wo sie steht wächst ein Büschel Goldkillor. Vorne links glaubt sie die nickenden Köpfchen von Attrant zu erspähen. Eine neue Pflanze? „Wo?“ 
Hanco’or lächelt. „Besonders hoch ist sie nicht, aber geh noch zwei Schritt weiter und du stehst mitten drin.“
Sie blinzelt. Das Moos da vorne? Ihr Lehrer bemerkt ihr Zögern und nickt ihr ermunternd zu. Das Moos also. 
Wie es die Tradition will, lernt der Schüler eines Ghairan neue Pflanzen alleine kennen. Isa weiß daß Hanco’or es ihr gesagt hätte, wenn die Pflanze gefährlich wäre. Also konzentriert sie sich darauf, ihr krausgrünes Gegenüber zu betrachten.
Die Ausdehnung ihrer neuen Bekanntschaft entspricht der einer ausgebreiteten Felldecke. Von oben sieht es aus wie so ziemlich jedes Moos, der felsige Grund scheint wie von flaumigem Schimmel überzogen. Ob es eine Pflanze ist oder eine ganze Kolonie? Das ist schlecht zu sagen. Isa hat sich über Moose noch nie Gedanken gemacht, sie fand die höheren Pflanzen immer spannender. Zeit, das zu ändern. 
Sie macht anderthalb Schritte nach vorne und geht in die Knie. Es wächst etwa so hoch wie ihr Daumen, stellt sie fest, als sie sich hinabbeugt und in die dichte Pflanzendecke greift. Jetzt sieht sie auch mehr Einzelheiten als zuvor. Es wirkt irgendwie... schmutzig. Flugstaub ist das nicht. Vielleicht die Ausscheidungen von Insekten? Isas Finger streicheln sachte über die Oberfläche. Ein Kitzeln wie von ungekämmter Wolle. Sie wendet ihre Handfläche nach oben, betrachtet sie. Nichts klebt daran. Vielleicht gehören die bräunlichen Flecke zur Pflanze? Das läßt sich herausfinden. 
Tief beugt sie sich hinunter, Auge in Auge mit dem Rätsel.
„Oh!“ Es sind winzige, rostrote Blüten! Ein undurchdringlicher, schier endloser Urwald von winzigen Blüten vor ihrer Nase! Eine kleine Spinne sucht sich ihren Weg hindurch, sie wirkt wie ein riesiges Ungetüm. Erst jetzt bemerkt Isa den leichten Duft, der von der Pflanzendecke aufsteigt. Er ist schwach, doch singt in ihrem Geist eine leise Erinnerung. Sie kennt ihn, diesen Duft. Nur woher? 
Sie schielt zu Hanco’or hinüber. Er hat sich gesetzt, rupft dem Goldkillor die Rispen ab, sie rieseln in einen seiner vielen Jutebeutel. Erst wenn sie ihn fragt wird er antworten, doch noch hat sie ihre Erforschung nicht beendet. 
Sie rupft ein kleines Büschel ab, nur so viel wie zwischen Daumen und Zeigefinger passt, und untersucht es weiter. Das ist kein Moos, sondern eine winzige, winzige Blumenwiese. Die Blätter sind ineinander verzahnt, doch ist jeder Stängel eine eigene kleine Pflanze mit mehreren Blüten, kaum erkennbar. Ein kleines Meisterwerk der Götter. 
Isa zerreibt das Grün, und schnuppert. Jetzt ist der Geruch intensiver. Jetzt erkennt sie ihn. Um ganz sicherzugehen kostet sie. Ja.
Sie spuckt aus ohne zu schlucken wie sie es gelernt hat, und richtet sich wieder auf. „Es sind Toulqe! Wie im Tee von gestern abend.“ 
Hanco’or schließt den Beutel, nickt, steht auf. „Gut. Lass uns weitergehen. Toulqe sind sehr gesund, man wird viel seltener krank wenn man regelmäßig Tee daraus trinkt. Gut für Zähne und Knochen. Überdies schützt der Geist, der ihnen innewohnt, gegen das Röchelfieber. Du warst noch nicht hier, als die letzte Epidemie war. Viele sind gestorben, doch die meisten haben überlebt, weil sie Toulqe gegessen haben. Gib einem Kranken täglich dreimal eine Hand voll zu essen, eingeweicht in saurer Milch, und...“ 
Den ganzen Vormittag über wandern sie in der Gegend umher, in scheinbar willkürlichem Zickzackmuster. Doch bald erkennt Isa ein Muster. Sie besuchen jede Stelle, an der Toulqe wachsen können, und fast immer finden sie auch welche. Jedes Mal läßt Hanco’or sie die Pflanzen genau untersuchen. Sie ernten von jedem Toulqefeld einen kleinen Teil. Als die Sonne von ihrer Mittagshöhe herabsteigt, haben sie zwei Säckchen voll.
Eigentlich, denkt Isa, reicht das für eine Weile. Und wirklich, beim nächsten Feld halten sie nur an, damit Isa ihre Bekanntschaft vertiefen kann. Auch beim nächsten, und beim übernächsten. Allmählich wird es langweilig. 
Bis sie sich über das nächste Feld beugt - und die Nase rümpft. Das Toulqefeld sieht genauso aus, die gleichen Blüten, fühlt sich genauso an, doch - es riecht anders. 
Isa runzelt die Stirn, zerreibt die Stängel, riecht noch einmal. Spielt ihr nur ihre Nase einen Streich? Sie blickt den Ghairan an. „Irgendetwas stimmt damit nicht.“
„Gut erkannt.“ Hanco’or nickt zufrieden.
„Sind sie krank? Ich sehe keine verdorrten Stellen.“ 
„Sie sind nicht krank. Es sind keine Toulqe.“ 
Isa starrt ungläubig auf die Pflanze in ihrer Hand, und in das Gesicht Hanco’ors. „Nicht?“ 
„Toulqe besitzen einen dunklen Zwilling: Naalqe. Sie riechen ein wenig anders, und schmecken etwas süßer. Alles Gute, was Toulqe bewirkt, macht Naalqe zunichte. Koch dir einen Tee aus Naalqe und du bekommst starke Bauchkrämpfe. Iß Naalqe roh und du stirbst daran. Hättest du den Geruch nicht bemerkt sondern davon gekostet, so hättest du dir den Mund ausspülen müssen. Selbst Speichel zu schlucken führt zu Bauchschmerzen.“ 
„Oh.“ Isa betrachtet die Pflanze mit neuem Respekt, während der Ghairan ihr die winzigen Unterschiede erklärt, anhand derer man die beiden Pflanzen auseinanderhalten kann. Geruch zum einen, geringere Anzahl der Blüten zum anderen. Man muß wirklich genau hinsehen um dieses Detail zu bemerken. Und ein weiteres offenbart sich erst, wenn man tiefer gräbt. Hanco’or sticht mit seinem Dolch ein Stück aus der Erde heraus, und zeigt ihr die Haftwurzeln, die ein Geflecht bilden, und das Naalqe als eine einzige Pflanze entlarven.
„Wenn wir wieder im Zelt sind, zeige ich dir die Knotencodes für Toulqe und Naalqe, und wie man sie auch getrocknet noch unterscheiden kann, wenn man die Säckchen doch einmal verwechselt.“ 
Angeregt in die Vor- und Nachteile verschiedener Gifte vertieft, machen sich die beiden auf den Rückweg ins Lager.