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Xyto, der Glitzersteinschleifer

© Moordrache

"Fánya! Es ist Zeit für's Bettchen!"

"Ja, Mama", kam die Antwort auch promt aus der Wasch-Ecke; etwas lauter, als nötig gewesen wäre. "Bin fast fertiiig."

"Das freut mich." Chiva, Fányas Mutter, zupfte die Decke des kleinen Bettes zurecht und wartete darauf, dass ihre Tochter erscheinen würde.

Ihr 'Zimmer' befand sich in einem Seitenflügel des kleinen und doch geräumigen Holzhauses, so dass hier von den Geräuschen, die üblicherweise in der Küche und anderen Räumen anfallen, nicht viel mitzukriegen war, trotz der Tatsache, dass keine Tür Fányas Zimmer vom Rest des Hauses abtrennte. In ihrem Dorf war es völlig unüblich, die einzelnen Zimmer mit Türen zu versehen. Wozu auch? Eine Haustür reichte ja. Alles andere war unnötiger Luxus.

"Bin daa-aa!" rief Fánya, noch während sie um die Ecke gestürmt kam und beinahe in ihre Mutter gerannt wäre. Ihr Zimmer war nicht groß und bot neben dem Bett kaum mehr Platz als zum Umdrehen nötig war, aber es war ihres! "Bin auch riiichtig müde", fuhr sie fort, scheinbar, ohne sich des Beinahe-Unfalls bewusst zu sein, und strich mit der freien Hand ihr hellblaues Nachthemdchen glatt, das vom kurzen Spurt ein wenig durcheinander gewirbelt worden war. Die andere Hand hielt ein braunes Stofftier, von dem kaum noch zu erkennen war, was es einst darstellen sollte – vielleicht ein Kaninchen (mit inzwischen fehlenden Ohren) oder einen Hamster –, aber es war natürlich ihr Liebling. Mit schiefgelegtem Kopf sah sie ihre Mutter an, als würde irgend etwas fehlen.

Chiva lächelte. "Das ist auch kein Wunder, du hast einen anstrengenden Tag hinter Dir."

"Ooooh ja!" Die Backen aufblähend wischte sie sich imaginären Schweiß von der Stirn, kletterte schließlich ins Bett und legte sich hin – nicht, ohne sich nacheinander über beide an zu kurz geratene Gänsefedern erinnernde Ohren zu streichen, erst links, dann rechts, als müssten sie vor dem Schlafen nochmal geglättet werden. Ihr ganz persönliches Abendritual.

Chiva zog die Bettdecke bis unter Fányas Kinn. "Und morgen wird es nochmal ein anstrengender Tag. Deshalb schlaf jetzt schön und sammel deine Kräfte."

Fánya verzog ihr Gesichtchen, dass ihr Widerwille unverkennbar wurde. Schließlich sah sie mit beinahe flehender Miene ihre Mutter an. "Müssen wir wirklich zu Onkel Xyto?"

"Wir haben es ihm versprochen. Und Versprechen hält man ein, das weißt du doch."

"Ja... aber er mag mich doch gar nicht..."

"Wie kommst du denn darauf?" Chiva war sichtlich überrascht. "Natürlich mag er dich."

"Tut er nicht." Ihr Schmollmund sprach Bände. "Er hat mich noch nie gemocht. – Nie!"

Nun war es an Chiva, die ihren Kopf schieflegte und Fánya verwundert ansah. Unvermittelt stupste sie spielerisch Fányas Näschen mit ihrem Zeigefinger und ließ kurz darauf ihre eigene Nase zu einer Art Knolle wachsen, die farblich entfernt an eine schrumpelige Pflaume erinnerte, um sie einen Augenblick später zu einem dürren und krummen Gürkchen werden zu lassen.

Fánya lachte, aus ihren Augen leuchtete die pure Freude. Aber fast sofort wich diese wieder einer betrübten Miene. "Genau sowas macht er nie..."

"Ah." Chiva ahnte, woher der Wind wehte. Ihre Nase war noch immer ein Gürkchen, jetzt jedoch aschgrau wie ihr übriges Gesicht, nicht mehr grünlich. "Und deshalb glaubst du, Onkel Xyto mag dich nicht?"

Fánya zögerte, nickte dann nachdrücklich.

"Das ist Blödsinn." Chiva lächelte noch immer, aber ihr Blick verriet, wie ernst sie es meinte. "Weißt du... er..." - sie suchte nach den richtigen Worten - "...Onkel Xyto kann das nicht. Nicht mehr."

Fányas Augen wurden groß vor Verwunderung. Sie brauchte einige Augenblicke, um das zu verarbeiten. "Was? - Aber... im Dorf kann das jeder... sogar die Alten. Nur die Kinder noch nicht, so wie ich..." Wieder machte sich Trübsinn in ihrem Gesicht breit, diesmal aber eher, weil sie ihr Gesicht noch nicht so lustig verändern kann wie ihre Mutter. Wie alle Gyx, die sie kannte. Mit einer Ausnahme, wie sie jetzt wusste, aber kaum glauben mochte...

Chiva seufzte. "Ja, jeder kann das, auch Onkel Xyto konnte das mal, aber jetzt nicht mehr. Es ist eine sehr traurige Geschichte..."

"Was ist passiert? Erzähl sie mir... Biiiiddee!" Ein Welpenblick wäre nur halb so überzeugend gewesen wie Fányas bettelnde Augen.

Nochmal seufzte Chiva. Sie wusste, dass ihre Tochter keine Ruhe geben würde, ehe sie nicht alles gehört hatte, was sie hören wollte. "Na gut, aber du musst mir versprechen, gleich danach zu schlafen!"

"Versprochen! Und Versprechen muss man halten!" erklärte sie feierlich, um gleich darauf gespannt auf die Erzählung ihrer Mutter zu warten.

Die setzte sich auf die Bettkante neben ihre Tochter und begann: "Es war vor etwa fünf Jahren mitten in der Trockenzeit..."

"Oh, da war ich noch gar nicht auf der Welt", unterbrach Fánya ihre Mutter.

"Ja." Chiva nahm die Unterbrechung recht gelassen, sie war sowas gewohnt. "Deshalb kennst Du Onkel Xyto auch nicht anders, du bist ja erst drei."

"Fast vier!"

"Das dauert doch noch fast ein halbes Jahr bis dahin."

"Trotzdem, fast vier." Fánya setzte ihren Dickkopf durch und machte das durch einen – wie sie hoffte – wild entschlossenen Blick deutlich.

"Naja, jedenfalls vor fünf Jahren ging Onkel Xyto seiner täglichen Arbeit nach und ahnte nichts Böses..."

"Was macht Onkel Xyto eigentlich?" kam die nächste Unterbrechung. "Ich hab ihn noch nie irgendwas machen gesehen. Alle anderen Erwachsenen machen dauernd irgendwas und haben keine Zeit zum Spielen. Onkel Xyto macht nichts, aber er spielt auch nicht mit mir... naja, kann er ja nicht, nicht so gut wie andere..." Bei dem Gedanken, dass ihr Onkel nicht so tolle 'Grimassen' schneiden kann wie alle anderen Gyx, wurde sie wieder etwas traurig.

"Nein, das kann er nicht... Er hadert zu sehr mit seinem Schicksal..." Chiva bemerkte, dass ihre Tochter damit nichts anzufangen wusste, und versuchte es anders: "Er ist mindestens genauso traurig wie du, dass er sich nicht mehr wandeln kann. Das macht ihn ständig schlecht gelaunt. Du hättest ihn vor vier oder fünf Jahren erleben müssen, da war er richtig verzweifelt... Aber ich sollte es der Reihe nach erzählen.

Wo war ich? Ahja... Damals jedenfalls..."

Fánya zupfte zaghaft am Arm ihrer Mutter.

"Was?"

"Was ist denn jetzt seine... äh, Arbeit?"

"Achso, er hat Glitzersteine geschliffen. Du kennst doch die Glitzersteine, die Papa im großen Zimmer an der Wand festgemacht hat. Die sind von deinem Onkel, die hat er uns vor Jahren geschenkt."

Fányas Augen schienen fast zu Melonen anzuwachsen. "Onkel Xyto macht Glitzersteine? Dann muss er ja reeeiich sein!"

Chiva lachte kurz und herzlich auf. "Nein. Glitzersteine kann man nicht machen, die werden von den Dnompfen in ihren Bergen gefunden. Onkel Xyto hat sie nur geschliffen, sie verschönert, so dass sie schön glitzern und leuchten, wenn man sie ins Licht hält. Wenn die Dnompfe sie finden, sind sie nicht so schön, sie glänzen nichtmal richtig und sind meistens auch etwas unförmig.

Aber er war einer der besten Glitzersteinschleifer, die es je gab – und wahrscheinlich wird es auch für lange Zeit keinen besseren geben. Jahrelang hat er, als er noch jung war, bei den damals besten Schleifern gelernt, er zog sogar bis in die Städte am Stillen Meer – das ist wirklich weit weg von hier, man muss viele Tage wandern, bis man dort ist –, denn dort hatten sich seinerzeit die berühmtesten Glitzersteinschleifer niedergelassen. Und selbst das hat ihm nicht gereicht und er ging dann noch in den Norden zu den Dnompfen. Dort lernte Onkel Xyto einige Tricks und Schliffe, die allen anderen Gyx unbekannt waren."

"Dompfe, Mama? Das sind die komischen Käuze, die manchmal in unser Dorf kommen, so komisch reden und bald wieder gehen?"

"Dnompfe. Ja, genau die. Die so komisch reden. Sie bringen rohe Glitzersteine, also solche, die noch geschliffen werden müssen. Und noch andere Sachen, die wir gut gebrauchen können, wie Werkzeuge. Dafür bekommen sie von uns vor allem Nahrung, Wolle und Leder, manchmal auch fertige Kleidung."

"Hö? Können die das nicht selber machen? Ich mein', wir können das doch auch – und die haben auch Hände..."

"Natürlich können die das. Aber sie leben ja in den Bergen oder zumindest in den Tälern dort. Da ist nicht viel Platz für Äcker und Weiden, an den Berghängen wächst nicht viel. Da holen sie von uns und von anderen Gyx, was ihnen fehlt. Dafür geben sie uns, was wir nicht so gut herstellen können – und eben auch Glitzersteine."

"Oh, dann sind die ja gar nicht so dumm, wie ich gedacht habe..."

"Hm, kann man so sagen... Aber wenn du mich noch oft unterbrichst, bin ich erst morgen früh mit erzählen fertig und du kannst dein Versprechen nicht halten; weißt du noch?"

Fánya erschrak. "Huch, dass ich sofort schlafe, wenn du die Geschichte erzählt hast. Aber wenn es schon hell ist..."

"...wäre es schon Zeit zum Aufstehen. Genau." Chiva grinste ein wenig. "Deshalb erzähle ich jetzt schnell zu Ende, damit du noch genug Schlaf hast für den morgigen Tag.

Also, wie gesagt war Onkel Xyto der beste Glitzersteinschleifer weit und breit. Er war durch seine besondere Art des Schleifens, die er bei den Dnompfen gelernt hatte, schon kurz davor, berühmter zu werden als seine einstigen Lehrer am Stillen Meer, als ihn vor etwa fünf Jahren ein schweres Unglück traf. Und zwar auf den Hinterkopf. In Form eines schweren Holzbalkens..."

"Aua." Fánya verzog das Gesicht, als sie sich den Schmerz vorstellte. Da sie sich vor einigen Tagen heftig den Kopf gestoßen hatte, war die Erinnerung daran noch sehr ausgeprägt. Unbewusst rieb sie sich den Hinterkopf. "Was hatte er denn mit einem Holzbalken zu tun, wenn er Glitzersteine schön macht?" Dann erst fiel ihr wieder ein, dass sie ihre Mutter nicht mehr unterbrechen sollte, und sie presste erschrocken die Lippen zusammen.

"Er gar nichts. Sein Nachbar aber hat sein Haus ausgebaut. Was Xyto da verloren hatte, weiß ich auch nicht – und er kann sich bis heute auch an nichts genaues erinnern. Beim Bauen geriet irgend eine Konstruktion ins Kippen und genau da musste Xyto 'rumstehen. Wahrscheinlich haben ihn sogar gleich mehrere Balken getroffen. Er kann den Göttern danken, dass er überhaupt noch lebt.

Als er nach dem Unglück irgendwann endlich wieder zu Bewusstsein kam, konnte er sich an nichts erinnern, das mit dem Unfall zu tun hatte oder kurz davor geschehen war. Das schien nicht weiter schlimm zu sein, schließlich erinnert man sich an sowas eh nicht gerne.

Aber einige Zeit später hat er gemerkt, dass er nicht mehr in der Lage war, sich zu wandeln. Er hat alles mögliche versucht, aber nichtmal die kleinste Veränderung an seiner Nase oder seinen Ohren konnte er bewirken, geschweige denn sonst irgendwas. Und er war immer so stolz darauf gewesen, als einziger im Dorf seine Augen violett verfärben zu können. Und er konnte die lustigsten Nasen machen, und die farbenfrohsten."

"Ooooch", maulte Fánya halbherzig, "voll gemein vom Holzbalken! Jetzt kann ich das gar nicht mehr sehen... Armer Onkel", ergänzte sie noch schnell, um nicht zu eigennützig zu wirken.

"Ja, wirklich armer Xyto", seufzte Chiva. "Er war todunglücklich darüber und nach einiger Zeit völlig verzweifelt. Er konnte nichts anderes mehr tun, als zu überlegen, wie er seine Wandlungsfähigkeit zurückerlangen könnte. Aber bis heute hat keiner seiner zahllosen Versuche geklappt. Kein Heiler konnte ihm helfen. Er hat sich sogar absichtlich auf den Kopf schlagen lassen, in der Hoffnung, die Wirkung des Holzbalkens so rückgängig machen zu können. Aber außer großen Beulen und noch größeren Kopfschmerzen hat ihm das nichts eingebracht.

Inzwischen hat er es wohl aufgegeben, aber er trauert immernoch seinen Fähigkeiten nach. Er kann sich auch nicht mehr auf seine Arbeit als Glitzersteinschleifer konzentrieren. Jedesmal, wenn er es versuchte, hat ihn seine Sehnsucht nach irgend einer Regung an seiner Nase oder seinen Ohren so abgelenkt, dass er den Glitzerstein verdorben hat und wegwerfen musste. Verlernt hat er das Schleifen bestimmt nicht. Er sagt selbst, dass er noch jeden nötigen Handgriff genau kennt. Aber er kriegt es nicht mehr so hin wie früher.

Fremde Gyx, die von seinem Geschick gehört hatten, kamen sogar im Laufe der letzten Jahre und hatten ihm teilweise beinahe ein Vermögen geboten, damit er ihnen den einen oder anderen ganz besonderen Glitzerstein schleifen sollte. Aber er hat immer abgelehnt, weil er wusste, dass er die Steine verhunzen würde. Ich glaube, er blockiert sich selbst, ohne dass es ihm bewusst ist.

Aber wer weiß schon, was in einem Gyx vor sich geht, der sich nicht mehr wandeln kann. Er ist bestimmt der Erste seit vielen Generationen. Und es muss wirklich furchtbar sein. Ich kann's mir kaum vorstellen..."

Fánya dachte an ihren Onkel und sah ihn vor sich, wie sie ihn bisher kannte. Der im Vergleich zu vielen anderen Gyx etwas kleingewachsene Mann mit breitem Kopf und kantigem Gesicht, das etwas dunkler grau war als das ihrer Mutter, leicht zotteligem, kurzem Haar in kaum beschreibbarer bräunlich-grauer Farbe und mit seinen dunkelgrünen Augen, die immer so traurig und lustlos blickten. Zumindest wusste sie jetzt, weshalb ihr Onkel immer so schlecht gelaunt war, – und glaubte, es verstehen zu können. Seine Nase ähnelte eher einem knorrigen Zweig von einer alten Eiche, und seine Ohren glichen verzwirbelten Bohnenranken, die irgendwer blass-gelb eingefärbt hatte. Ob ihr Onkel nun seine natürliche Gestalt hatte oder seine letzte Wandlung von vor dem Unfall 'eingefroren' wurde, wusste Fánya nicht, sie wagte aber auch nicht, ihre Mutter danach zu fragen. Normalerweise fragte man keinen Gyx nach seiner wahren Gestalt, niemals.

Wie mochte er wohl vor dem Unfall ausgesehen haben mit seinen manchmal violetten Augen? Sie versuchte ihn sich vorzustellen und konnte nicht verhindern, dass ihr Onkel in ihrem geistigen Bild ständig die Nase veränderte, mal zu einer Gurke wie zuvor ihre Mutter, mal zu einem Taubenei, dann verformte sie sich zu einer knallroten Kirsche, die sich in einen blau schillernden Schleimtropfen verwandelte, um schließlich zu einer kleinen, silbrigen, leicht schiefen Pyramide mit grünen Farbtupfern zu werden. Unter anderen Umständen hätte sie bei dieser Vorstellung laut aufgelacht, doch danach war ihr im Moment nicht zumute.

'Jetzt kann er all das nicht mehr, vielleicht nie wieder...', dachte sie traurig. 'Und alles nur wegen dem dummen Balken!'

Dann kam ihr plötzlich ein neuer Gedanke und sie sog erschrocken die Luft ein und starrte ihre Mutter an, die bisher Fánya interessiert und mitfühlend betrachtet und vielleicht selbst auch an Xyto gedacht hatte.

"Was ist, Schatz?" fragte sie besorgt.

Es dauerte einige Atemzüge, bis Fánya registrierte, dass ihre Mutter sie angesprochen hatte. Tränen begannen in ihren Augen zu schimmern. "Ich... was ist... wenn..." Endlich konnte sie in die Augen ihrer Mutter sehen, und da sprudelte es aus ihr heraus: "Hab mir doch auch'n Kopf gestoß'n, vor'npaar Ta-haa-haaaagn..."

Der Rest ging in hemmungslosem Schluchzen unter, während Chiva ihre Tochter umarmte und tröstend an sich drückte.

"Sch-sch... Ganz ruhig, Fánya. Es hat sicher sehr wehgetan, aber so schlimm wie bei Onkel Xyto war es nicht. Onkel Xyto hatte wochenlang Kopfschmerzen nach dem Unfall, und als er bewusstlos dalag, hat er sogar am Kopf geblutet. Du hast ja nichtmal 'ne richtige Beule abgekriegt. Sch-sch..."

Es dauerte natürlich trotzdem einige Zeit, bis sich Fánya wieder beruhigt hatte.

"Du wirst deine Wandlungsfähigkeit noch entwickeln, glaub mir. Und es dauert nicht mehr lang, ganz sicher."

Fánya versuchte sich zu beherrschen, wischte sich ein, zwei Tränen aus den Augen und schniefte einmal ausgiebig. "Das sagst du nur, um mich zu beruhigen."

"Nein, wirklich nicht." Chiva überlegte einen Augenblick und lächelte dann. "Ich... Gestern hattest Du deine erste spontane kleine Wandlung, du hast es selbst aber nicht gemerkt. Deine Ohren waren für ein paar Atemzüge blau-grün und etwas kürzer."

"Eeehrlich?" Fánya schwankte zwischen Trübsinn über ihre Befürchtung von gerade eben, Freude über die Eröffnung ihrer Mutter und Misstrauen, ob dies nicht doch nur ein Trick war, sie zu beruhigen; diese Schwankungen spiegelten sich auch in ihrem Gesicht wider. Schließlich entschied sie sich zu einem vorwurfsvollen Blick. "Wa-warum hast du nichts gesagt?!"

"Übermorgen hätte ich es dir gesagt. Ich wollte nicht, dass Du es morgen vielleicht gegenüber Onkel Xyto erwähnst und dabei um ihn herumhüpfst und -tanzt. Es würde ihn vermutlich noch tiefer in Verzweiflung sinken lassen als ohnehin schon."

"Aha." Fánya nickte und machte das ernsthafteste Gesicht, zu dem sie fähig war. "Keine Angst, ich werde nichts zu Onkel Xyto sagen. Jetzt weiß ich ja, was mit ihm los ist." Ohne Übergang legte sich plötzlich ein strahlendes Grinsen über ihr Gesicht, ihre Augen schienen zu leuchten. "Und ich hab wirklich meine Ohren gewandelt?"

"Ja, wirklich", lachte Chiva.

"Juchuu-huuu, bald bin ich eine richtige Gyx!"

"Ja, aber hab Geduld. Du musst erst noch lernen, deine Wandlungen bewusst einzusetzen. – Aber jetzt schlaf schön. Du hast es versprochen!" mahnte ihre Mutter mit erhobenem Zeigefinger, den sie kurz in eine scheinbare grüne Raupe und gleich darauf wieder zurück verwandelte.

"Ja-ha", lachte nun auch Fánya, strich noch einmal grinsend über ihre Ohren und zog sich anschließend die Bettdecke zurecht. "Gute Nacht, Mama!"

Chiva gab ihrer Kleinen einen Kuss auf die Stirn. "Gute Nacht, Fánya! Träum schön!"

"Ganz bestimmt." Damit schloss sie ihre Augen.

Kurz darauf erhob sich Chiva, löschte die Kerze und ließ ihre Tochter allein.

Einige Augenblicke später war noch ein geflüstertes "Juchuu!" aus Fányas Zimmer zu hören, doch schließlich herrschte schläfrige Stille.