Linns Flucht

Ein Mädchen späht vorsichtig durch das vierte Türchen. Es ist Linn, Hauptfigur im Roman "Polarnacht", vom Volk der Rentiernomaden in Räkant. Durch einen Frevel an den Göttern wurde sie zu einer abenteuerlichen Flucht quer durch das Land gezwungen. Nun tritt sie vorsichtig durch das Türchen hindurch, mitten in eine in sich abgeschlossene Szene, die sie in den sagenumwobenen Anekkua-Wald führt...

 

Im Dämmerungslicht zwischen Sonnenuntergang und Nacht sah Linn in einiger Entfernung etwas Weißes durch die Bäume blitzen. Sie schritt rascher aus. War das ein Fluss oder nur eine verschneite Lichtung? Voller Hoffnung eilte sie darauf zu, als sie plötzlich ein lautes Knacken und Krachen wie von splitternden Zweigen hörte. Bildete sie sich das nur ein? Nach zwei Tagen in dem unheimlichen Anekkua-Wald spielten ihr ihre Sinne oftmals schon einen Streich. Nein, es war eindeutig das Geräusch eines großen Wesens, das sich einen Weg durch die Bäume suchte. Tritte stampften über den Boden, ein schnaubender Atem war zu hören. Linn wirbelte um ihre eigene Achse, konnte aber nichts erkennen. Ihre Hände zitterten, als sie ihr Messer aus dem Gürtel zog. Es war eine intuitive, aber dumme Geste. Sie hatte ihr Messer noch nie zur Verteidigung oder gar zum Angriff eingesetzt.

Ihr Herz raste, und alles in ihr schrie danach, wegzulaufen, so schnell sie konnte. Doch sie hatte Angst, das Wesen dadurch auf sich aufmerksam zu machen. Mit langsamen Schritten ging sie weiter und sah sich ängstlich nach allen Seiten um. Die Geräusche kamen näher, doch noch immer konnte sie den Verursacher nicht sehen. Die Bäume schienen sich bedrohlich um sie herum zu schließen, als wollten sie ihr eine Falle stellen. Linn brach der Schweiß aus. Sie ahnte, dass sie in diesem Wald etwas aufgeschreckt hatte, das besser weiter geruht hätte.

Sie hörte den klagenden Ruf eines Vogels. Mit einem Aufschrei fuhr Linn herum. War das einer dieser dunklen Vögel, die einst der Heldin Olla den Tod verkündet hatten? Dieser Wald machte sie schon ganz verrückt. Bestimmt war es nur ein einfacher Vogelruf gewesen. Doch als er erneut ertönte, meinte Linn, darin ein „Hüte dich“ herauszuhören.

Dann brach zwischen den Bäumen ein riesiger heller Elch hervor. Er hatte den Kopf gesenkt und stieß die gewaltigen Schaufeln nach vorne. Er griff sie an!

Einen Moment verharrte Linn schreckensstarr, dann rannte sie los. Zweige peitschten ihr ins Gesicht, verfingen sich in ihren Haaren. Hinter sich hörte sie den Elch durch das Gebüsch brechen. Bald hätte er sie eingeholt! Verzweifelt lief Linn schneller und stolperte auf die weiße Fläche zu. Es war ein zugefrorener Fluss. Nach einem kurzen Blick zurück auf den Elch, der nur noch wenige Schritte entfernt war, wagte sie es, einen Fuß auf das Eis zu setzen. Würde es sie tragen?

Das Eis knirschte unter ihren Füßen, und Linn erstarrte. Doch hinter ihr kam bereits der Elch näher. Rasch löste sie ihr Bündel und warf es mit Schwung zum anderen Ufer hinüber, damit sie wenigstens noch trockene Decken hatte, falls das Eis sie nicht tragen sollte. Dann ging sie weiter, tastend, um auf der glatten Fläche nicht auszurutschen.

Sie hatte schon die Hälfte des Flusses erreicht, als der Elch das Eis betrat. Kaum setzte er alle vier Hufe darauf, brach es mit einem Knirschen und Ächzen unter ihm ein. Risse zogen sich bis unter Linns Füße, durch einige quoll Wasser. Sie vergaß all ihre Vorsicht und rannte los. Begleitet vom Knirschen des brechenden Eises stürzte sie auf das Ufer zu, doch ehe sie es erreichte, gab die Fläche unter ihr nach.

Linn sank in das kalte Wasser, das durch ihre dicke Fellkleidung drang. Es war so eisig, dass ihr die Luft wegblieb. Eine Eisscholle stieß gegen ihre Seite und brachte sie ins Straucheln. Linn strampelte und ruderte mit den Armen. Sie würde untergehen! Doch dann hatte sie wieder festen Boden unter ihren Füßen. Sie musste aus dem Wasser hinaus, aber jeder Schritt war unendlich anstrengend. Das Gewicht ihrer Kleidung zog sie nach unten, und die Kälte lähmte sie. Die Uferböschung war bereits zum Greifen nah, und Linn sammelte all ihre Kraft, um die letzten Schritte zu schaffen. Sie griff nach dem schneebeckten Gras am Ufer und zog sich halb hinaus, aber dann glitt das Gras ihr durch die erstarrten Finger. Linn rutschte halb zurück ins Wasser und schnappte nach Luft, als ihre Beine erneut wie von eisigen Klauen umschlossen wurden. Die niedrige Böschung war wie ein unüberwindbares Hindernis.

Sie krallte ihre Hände in die Erde und zog sich mit aller Kraft hoch. Zitternd und keuchend blieb sie einen Moment liegen, ehe sie den Kopf hob, um einen Blick zurückzuwerfen. Der Elch stand zwischen den Eisstücken. Würde er ihr folgen? Er wandte sich um, und mit einem Satz sprang er hinaus auf die Uferböschung.

Kraftlos ließ Linn ihren Kopf auf den Boden sinken, doch sie wusste, dass sie nicht liegen bleiben durfte. Ihre Kleidung hing wie ein Eisklumpen an ihr, und sie wurde von einem unkontrollierten Zittern geschüttelt. Ihre Zähne schlugen aufeinander, ihre Beine gehorchten ihr kaum. Sie rappelte sich auf und tastete sie mit fahrigen Bewegungen nach ihrem Bündel. Mühsam schleppte sie sich einige Schritte in den Wald hinein. Unter der Kälte und der Angst regte sich nun endlich die Erleichterung: Sie war dem Elch entkommen.

(von Neyasha)

zurück zum Kalender
weiter zum nächsten Türchen

(c)2005 www.weltenbastler.net | Impressum