WB-Adventskalender 2011

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    • Dramatische Geschichte mit dem Koch. Sie klingt, als wäre es ein Ausschnitt aus was Größerem... 24 Flöße von 26 Mann, und der Koch gestorben, ich frage mich, wer da noch nicht heimkommen wird ;)

      Und die Amelprinzessin ist sowieso klasse. :thumbup:
      Ist doch nur meine Meinung. Ich find ja auch die Drachenlanze blöd, und Millionen Leute lieben die Bücher trotzdem.
    • Na, dann auch mal wieder was von mir:
      Wie alle anderen auch ;D finde ich die Geschichte mit der Amselprinzessin wirklich sehr schön. Teilweise vertraute Märchenelemente, die aber trotzdem zu was eigenem zusammengesetzt sind. Man könnte sich aber gut vorstellen, dass es das tatsächlich irgendwo als Märchen gibt.
      Bei der Geschichte mit dem Schiffskoch habe ich auch gewisse Verständnisprobleme, wenn auch nicht so ausgeprägt, wie bei der Geschichte neulich. ;) Ich habe aber auch hier eine Weile gebraucht, bis ich kapiert hatte, dass der Koch gestorben ist. Das Rufen des Namens beim Essen hatte ich nämlich erstmal für Lob an den noch anwesenden Helden gehalten. Erst beim zweiten Mal Lesen ist mir dann aufgefallen, dass was nicht stimmt.
      Ich habe auch den Eindruck, dass das Teil einer größeren Geschichte ist.
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      Das zwölfte Türchen ist so verkrustet, dass sich seine Scharniere kaum bewegen lassen.
      Es führt hinein in eine Wüste, wie es sie wohl kein zweites Mal gibt…




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      Von Großen Hühnerfressern
      und Schaumverliebten Tanten

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      Der ganze Boden war mit Zucker bedeckt, eine große durch die Feuchtigkeit zusammengebackene gelblichgraue Kruste. Pitos Halbschuhe hinterließen nur rissige Abdrücke, kein deutliches Profil, wie er gerade einen der Hügel hinaufstieg. Am Horizont konnte man die Sonne untergehen sehen, nur dass sie selbst hinter einem riesigen Plakat verschwunden war, einem Plakat, auf dem eine große Sonnenbrille aufgemalt war, die mit ihrem unbewegten schwarzen Blick eine unheimliche Stimmung verströmte. Pito sah jedoch die meiste Zeit in die entgegengesetzte Richtung, wo seine Schulfreundin Fuhi neben ihm den Hügel hinaufstieg, und dabei leise summte. Pitos Blick hing dabei meist an ihren Lippen fest, auf denen etwas vertrocknetes Blut einen Fleck bildete, der aussah wie eine Klammer, die ihrem Mund das Öffnen verwehrte. Beim Schnaufen blähten sich ihre Wangen auf, aber sie behielt den Mund geschlossen, weiter ihre Melodie summend. Pito stellte sich hingegen Fragen.
      "Wo ist der nächste Bauernhof?" fragte er, und "Wo sind all die Hühner hin?", und "Sieh dir das an, diese Klumpen, meinst du nicht auch, dass es schon längst einmal Zeit wäre, dass wieder einmal jemand hier drüberfegt?"
      Fuhi schien gar nicht hinzuhören. Sie ging unbeirrt weiter, und wurde sogar noch schneller. Der unhöfliche Gesichtsausdruck auf dem Gesicht Pitos kümmerte sie nicht – sie kannte ihn, und wusste, dass es sich lediglich um seine Art handelte, sich unangenehme Gedanken aus dem Kopf zu halten. Es war etwas ungewöhnlich, so spät noch draußen zu sein, und noch ungewöhnlicher war, dass nirgends Hühner zu sehen waren. Aber gerade das war nicht wirklich beunruhigend, da sich an solchen Tagen die Hühner in der Abenddämmerung meist versteckten, um nicht länger dem gnadenlosen Blick der schwarzen Sonnenbrille ausgesetzt zu sein.
      Aus Fuhis Hosentasche baumelten zwei weiße Kopfhörer an einem Kabel; sie hatte sie rasch eingesteckt, als Pito sie zu dieser abendlichen Wanderung eingeladen hatte, aber sie zu benutzen, brachte sie dann nicht übers Herz. Pitos Fragen mochten lästig sein, aber es war besser, wenn irgendjemand sie hörte. Die Melodie, die sie summte, veränderte sich ab und zu, wechselte sozusagen in eine andere Stimmung, wann immer sie eine der Hügelketten erklommen hatten und vor der nächsten, höheren, standen.
      Obwohl der Boden aus Zucker bestand, war es nicht ratsam, ihn zu kosten, denn er war voller Schmutz; auf der klebrigen Oberfläche bildete der Staub Schlieren. In dieser Gegend waren oft Menschen unterwegs, abends jedoch war es immer sehr ruhig. Während des Sonnenuntergangs nach draußen zu gehen, galt als unvorsichtig. Man konnte nie wissen, wie lange es dauern würde, bis die Großen Hühnerfresser auftauchen würden. Aber Pito war zur Not mit einer selbstgemachten Brille bewaffnet. Keiner wusste, warum die Hühnerfresser sich so vor dunklen Brillen fürchteten; vielleicht hatte es einmal vor langer Zeit ein traumatisches Erlebnis gegeben, das sich in die Gene ihrer Rasse eingebrannt hatte. Aber derlei Spekulationen waren fruchtlos. Auch wenn Pito gerne unter seinen Freunden prahlte, er wisse genau, wer die Hühnerfresser seien, und woher sie kämen, in Wahrheit genoss er lediglich den skeptischen Blick seiner Schulkollegen, wenn er eine seiner Erläuterungen zum Besten gab. Er war auch nicht, wie er manchmal behauptete, in der Nacht auf die Jagd nach verlorenen Hühnern gegangen. Von klein auf hatte man sie getrimmt, während der Nacht nicht nach draußen zu gehen, da sich dann, von Richtung Sonnenaufgang her, die Hühnerfresser näherten.
      Niemand wusste eigentlich genau, wie Hühnerfresser aussahen. Im Allgemeinen mieden sie Licht, wenn man sie aber mit einer Taschenlampe anleuchtete, veränderten sie blitzschnell ihre Gestalt; gerade sah man noch einen dunklen Schemen, mit wer weiß wie vielen scharfen Zähnen, dann schließlich nur noch eine klobige schwarze Kugel, die scheinbar am klebrigen Untergrund festsaß. Erst, wenn das Licht verschwand, verwandelten sie sich wieder zurück. Aber es kam nur sehr selten vor, dass man diese schwarzen Kugeln sah, denn meist gingen, wenn die Großen Hühnerfresser kamen, sogleich alle Lichter aus. Aus irgendeinem Grund schienen sie Lichtquellen zu zerstören, wenn sie sich in der Nähe aufhielten.
      Pito hatte einen weiteren Hügel erklommen, und blieb kurz stehen, um auf seine Freundin zu warten. Fuhi bedeutete ihm mit einem strengen Blick, dass das nicht notwendig gewesen wäre, blieb aber schließlich auch stehen, weil sie ungern voran ging. Der Vorangehende hatte meist mit großen Brocken rutschenden Zuckers zu kämpfen; sie stapfte lieber in den Fußstapfen des Jungen.
      Sie standen.
      "Wir haben die Grenze des Landes 11 erreicht.", sagte Pito unnötigerweise. Die selbe Information konnte Fuhi auch von den zahlreichen kleinen Steinmarkierungen ablesen, an die sie sich angelehnt hatte.
      "Gehen wir zurück?", fragte Fuhi. Als ihre Lippen sich öffneten, verzog sie das Gesicht, als ob es ihr Schmerzen bereitete. Die Wunde auf ihren Lippen fing wieder an zu bluten.
      "Es ist in beiden Richtungen gleich weit.", meinte Pito und beantwortete die Frage, in dem er einen Schritt in das nächste Tal hinab machte. Leider rutschte der Klumpen, auf den er den Fuß gesetzt hatte, sofort weg, und er verlor das Gleichgewicht. Fuhi fasste ihn an der Hand, und zog ihn mit verdrehten Augen wieder hoch. Auf der Rückseite seines T-shirts klebte nun gelber Zucker, und vermengte sich mit dem Schweiß zu einer ekligen Masse. Pito machte nur einen kurzen Versuch, sich den Dreck abzuwischen, sah aber sogleich, dass es keinen Sinn hatte.
      "Die Hühner sollen mich holen!", sagte er, "Wieso ist der Zucker gerade an dieser Stelle so weich, dass er kleben bleibt?"
      "Ich kann es dir nicht sagen.", murmelte Fuhi. Die Töne ihrer Melodie waren ihr entfallen, und da sie zu müde war, um sie sich wieder in Erinnerung zu rufen, entschloss sie sich stattdessen, Pito ein wenig zu ärgern.
      "Du hast dir ja ausgesucht, wohin du gehst, also gib nicht mir die Schuld.", stichelte sie.
      "Ich hatte überhaupt nicht vor, dir die Schuld an irgendwas zu geben, Fuhi!"
      Die heiße Abendluft und das unentwegte Starren der Sonnebrille auf dem Plakat, auf das sie allmählich zuwanderten, machte sie beide etwas gereizt. Nur wenige Momente lagen sie beide auf dem Abhang; Pito hatte ihr einen Stoß gegeben, und war dann selbst gestürzt, und sie wurde mitgerissen. Glücklicherweise war der Untergrund an dieser Stelle etwas fester, und nicht so klebrig; er hatte eher die Konsistenz von festgebackenem Sand.
      "Lass mich los!", kreischte Fuhi, die von Pito wieder nach unten gezogen wurde, als sie versuchte, aufzustehen. Ihre kleine Auseinandersetzung war Teil des Rituals, ihres Abendspazierganges, allerdings waren sie später dran als sonst - beide warfen immer wieder Blicke in Richtung Sonnenuntergang. Von ihrer Position, fast auf dem Gipfel einer weitausgedehnten Hügelkette, konnte man die Sonne noch sehen, oder man hätte sie sehen können, stünde nicht das große Plakat mit der Sonnenbrille direkt davor. Aber sie wussten beide, dass sie nicht zu lange warten durften, denn in völliger Finsternis wäre auch die geschwärzte Brille, die Pito um den Hals hing, nicht mehr von Nutzen.
      Bei einem kräftigen Tritt gegen einen Zuckerfelsen, der daraufhin krachend nach unten rollte, verlor Pito seinen Schuh. Der rötliche Stoff raste zusammen mit einer kleinen Lawine nach unten. Für die beiden Jugendlichen war dies das Signal, ihre Rangelei zu beenden. Als sie schließlich aufstanden, hielten sie sich gegenseitig, um nicht wieder abzurutschen, und Fuhi klopfte die größten Zuckerbrocken von seinem Rucksack, bevor sie sich wieder auf den Weg nach unten machten. Ohne Schuhe war das Gehen hier recht unangenehm, und Pito verpasste nicht die Gelegenheit, ordentlich zu jammern, wenn sein Fuß an einer klebrigen Stelle des Bodens hängen blieb. In der Mulde zwischen den Hügeln war es bereits halbdunkel, und das nur das leuchtende Rot von Pitos verlorenem Schuh hatte eine Chance, gesehen zu werden. Leider war er auch innen voller Zucker, und sie hielten sich nicht lange damit auf, ihn zu säubern. Den nächsten Hügel hinauf gingen sie schneller; allmählich verging Pito auch die Lust daran, Fragen in den Raum zu werfen. Oben angekommen, gab er noch "Und weißt du überhaupt, wie lange die drüben in Land 14 ihre Wege gesichert haben?" von sich, dann beließ er es mit Schweigen. Nach einer Weile stöpselte sich Fuhi ihre Kopfhörer in die Ohren, und lauschte den Klängen einer alten Wandersängerin, die einmal ihren Bauernhof besucht hatte. Sie konnte den Text fast auswendig, aber darum ging es ihr jetzt nicht. Sie versuchte, den Rhythmus ihrer Schritte mit dem des Liedes in Verbindung zu bringen. Das war umso schwieriger, als sie immer wieder davonrutschte und aus dem Takt kam. Neben ihr mühte sich Pito mit seinem zuckergefüllten Schuh ab. Er hatte das Gefühl, als würde sein Fuß früher oder später am Stoff festkleben, und er würde ihn nie mehr ausziehen können. Aus Erfahrung wusste er jedoch, dass es praktisch nichts gab, dass sich den Waschmitteln der Schaumverliebten Tanten widersetzen konnte. Sobald sie den nächsten Bauernhof erreicht hatten, würde er seinen Fuß einer der stets lächelnden "Tanten" übergeben, und in weniger als zwanzig Sekunden würde aller Zucker verschwinden.
      Es gab in jedem der Bauernhöfe ein paar dieser riesigen Waschmaschinen. Niemand konnte sich mehr an eine Zeit erinnern, in der sie aufgestellt worden waren, noch dass eine der Maschinen je einmal nicht funktioniert hätte. Es hätte sich auch keiner gefunden, sie zu reparieren, wenn es doch einmal zu einer Störung gekommen wäre.
      Ein Piepton aus Pitos Rucksack teilte ihm mit, dass wieder Essen verfügbar war. Obwohl sie spät dran waren, konnte er Fuhi überzeugen, ihm aus dem Rucksack den Versorgungsbeutel zu reichen. Als er ihn öffnete, fand er eine winzige rote Beere vor, sonst nichts. Ein wenig ärgerlich bot er sie Fuhi an, die sie ablehnte. Schließlich steckte er sie selbst in den Mund, und als sie wieder alles gut verpackt hatten, marschierten sie weiter. Sie hatte nicht schlecht geschmeckt, aber er hätte sich etwas mehr erwartet. Die Versorgungsbeutel erzeugten in vage unregelmäßigen Abständen Nahrung, und folgten dabei einem Muster, das nur schwer zu durchschauen war. Allgemein schienen sie sich an der Situation ihrer Besitzer zu orientieren, und dass der Beutel nun lediglich eine winzige Beere ausgespuckt hatte, konnte man als eine Beleidigung sehen, fand Pito.
      "Ja, ich habe Sehnsucht nach den Schaumverliebten Tanten!", stellte Pito ärgerlich fest, als er den fragenden Blick Fuhis nach seinem schmerzenden Fuß sah.
      "Ich glaube, es ist nicht mehr weit.", sagte Fuhi und sprach damit das Mantra aller müden Wanderer, das sich stets mehr aus Hoffnung als aus tatsächlichem Wissen speiste.
      "Nur noch über den nächsten Hügel.", murmelte Pito die traditionelle Entgegnung. Dann grinsten sie beide. Es war eine Sache, diese Worte auszusprechen, aber etwas anderes, sie auch ernst zu meinen. Fuhi machte eine vielsagende Handbewegung, die im Grunde alles heißen konnte, in Richtung ihres Weges, und sie gingen weiter.
      "Ich ärgere mich jedesmal über das Ende.", verkündete sie plötzlich.
      "Welches Ende?"
      "Das Lied von dieser Auschin Amugula. Du weißt schon, die vorigen Herbst bei uns im Haus geschlafen hat."
      "Das hörst du die ganze Zeit?"
      "So lange, bis ich mich mit dem Ende zufrieden geben kann.", erklärte sie. Eine bessere Erklärung würde er nicht bekommen, wusste Pito, also schwieg er. Sie erreichten die nächste Hügelkuppe - ein etwas unangenehmer Moment, weil man von oben stets besser aussieht, und daran erinnert wird, was man noch vor sich hat. Die Sonne war nun endgültig untergegangen; der letzte Rest des bläßlichen Rosa am Himmel wurde durch die Kristalle des Zuckerbodens reflektiert.
      "Manchmal frage ich mich, was hier eigentlich darunter ist.", meinte Pito nachdenklich, als sie eine Weile schweigend bergab gegangen waren.
      "Wie darunter?"
      "Unter dem Zucker."
      Fuhi dachte darüber nach. So weit sie wusste, gab es nirgendwo tiefere Bohrungen als die Brunnen in den Bauernhöfen, und die befanden sich unter den Schaumverliebten Tanten. Ein paar Schläuche führten dort hinab und pumpten offenbar Wasser herauf. Natürlich war es ihnen streng verboten, in den Brunnenschacht zu sehen, wegen der Gefahr eines Absturzes, trotzdem hatte jeder irgendwann einmal versucht, ein Stück weit unter die Tanten zu klettern. Als Fuhi zwölf Jahre gewesen war, wäre sie auch tatsächlich beinahe abgestürzt, was sie nicht daran hinderte, ein paar Wochen später ihre Schwester anzufeuern, die ebenfalls hinunter klettern wollte. Es war kein wirklich beeindruckendes Erlebnis gewesen, kaum der Erinnerung wert. Unter den Tanten war es ein bisschen kühler, und von unten wehte feuchte Luft herauf. Die Wände des Schachtes waren so klebrig, dass man eigentlich gar nicht weit fallen konnte, vermutete sie, zumal der Schacht sich nach unten verengte.
      "Irgendwo muss halt das Wasser herkommen." sagte sie schließlich.
      "Vielleicht schwimmen unsere Länder auf einem gewaltigen See.", vermutete Pito, "Oder es gibt da unten einfach Maschinen, die Zucker in Wasser umwandeln."
      "Wohl eher die Feuchtigkeit aus dem Zuckerboden extrahieren.", warf Fuhi ein, die einen Vortrag eines durch die Länder wandernden Alchimisten besucht hatte.
      "Oder das, ja."
      Wieder verging ein halber Hügelanstieg, bevor Pito wieder etwas sagte.
      "Ich setze jetzt besser meine Sonnenbrille auf."
      "Tu das.", stimmte sie zu.
      Sie hatten etwa die Hälfte der Strecke hinter sich, vermutete Fuhi. Sie war den Weg schon oft mit Pito gegangen, oder früher auch mit ihrer Schwester, aber die Landschaft veränderte sich schnell, und außerdem sahen fast alle Hügel gleich aus, besonders in der Dämmerung. Sie hatte keine Angst vor den Großen Hühnerfressern - irgendwann legte man seine Angst ab, wenn man hier älter wurde - aber sie wusste, dass sie sich besser beeilten, denn die meisten Bauernhöfe verschlossen irgendwann ihr Wegesystem, und sie wollte heute abend noch nach Hause kommen.
      Es spielte keine Rolle, wem der Bauernhof gehörte. Alle Länder, mit Ausnahme des Landes 8, von dem man aber nur selten etwas hörte, und nie Gutes, hatten sich verpflichtet, ihre Wege zueinander stets im Betrieb zu halten, und das freie Reisen dazwischen zu ermöglichen. Nichtsdestotrotz schlossen die meisten Bauernhöfe am Abend ihren Zugang zu den Wegen ab, und damit konnte niemand mehr aus und eingehen.
      "Ich hoffe, die schließen das System noch nicht.", meinte Fuhi.
      Pito machte eine wegwerfende Handbewegung.
      "Spielt doch keine Rolle."
      "Ach?"
      "Wenn es so ist, dann übernachten wir eben heute in einem anderen Haus. Sie sind ohnehin alle gleich eingerichtet."
      "Tja.", machte Fuhi. Die meisten Bauernhöfe glichen sich in der Aufteilung der Zimmer völlig, so dass man sie von innen kaum unterscheiden konnte. Es war einfach, sich zuhause zu fühlen. Und sie brauchte nur an sich herabzublicken, und ihr Gewand erinnerte sie bereits daran, wer sie war.
      "In Land 8 haben sie alle Zimmer umgebaut.", sagte sie.
      "Die sind verrückt, die vom Land 8. Das weiß jeder."
      "Glaubst du, dass sie dort wirklich neue Vorratskammern gebaut haben? Solche, die nicht automatisch arbeiten?"
      "Ich sage ja, die sind verrückt. Müssen alles selber kochen, oder sie rauben sich Hilfskräfte aus der Salzwüste."
      "Wie in dem Lied von der Großen Brücke.", sagte Fuhi sehnsüchtig.
      "So ungefähr. Aber in Wirklichkeit wird es weniger romantisch zugehen."
      Das Lied von der Großen Brücke hatte eine Alte ihr immer wieder vorgesungen, als sie noch kleiner war. Darin ging es um die tragische Geschichte von einer entführten Salzwüstenbewohnerin, die sich schließlich auf die Seite ihrer Entführer stellt, und schließlich im Kampf getötet wird. Im ganzen Lied kam keine Brücke vor, aber niemand hatte sich je darüber beschwert. Als sie einmal sich getraut hatte, danach zu fragen, warf man ihr nur einen mitleidigen Blick zu, als hätte sie etwas ungeheuer Schönes nicht begriffen.
      "Hörst du das auch?", flüsterte Pito.
      Aus ihren Gedanken gerissen, horchte Fuhi genauer, aber außer dem beständigen Geräusch rutschenden Zuckers konnte sie nichts hören. Sie wollte weitergehen, doch Pito hielt sie auf.
      "Psst."
      Sie blieben stehen. Ein Geräusch näherte sich ihnen, ein leises Flattern und schließlich schoß mit einem panischen Gackern ein Huhn den Hang herunter, verfolgt von... von irgendetwas. Das Geschöpf kümmerte sich nicht um die beiden Jugendlichen, sondern verfolgte ausschließlich das inzwischen völlig gehetzte Huhn, das schließlich in seiner Verzweiflung versuchte, sich in den Hang einzugraben. Momente später hatte der verfolgende Schatten es eingeholt, und das Huhn verschwand mit einem letzten Gackern. Das unangenehme Geräusch eines begonnenen, aber nicht zu Ende gebrachten Schreckenslautes hallte weiter in ihren Köpfen, und sie begannen zu rennen. Glücklicherweise hatten sie ein Stück Boden erreicht, das nicht so sehr rutschig, dafür etwas klebriger war. Sie drehten sich erst um, als sie den übernächsten Hügel passiert und wieder ein breites Tal erreicht hatten. Der Große Hühnerfresser hatte sie nicht verfolgt. Pito bückte sich, und drückte Fuhi etwas in die Hand. Es war eine Feder.
      "Danke.", murmelte sie verwirrt.
      Hier war es wieder etwas heller, was daran lag, dass vom nahen Bauernhof etwas Licht in das Tal hereinfiel. Zielstrebig gingen sie auf den hellen Fleck zu.
      Als sie näherkamen, sahen sie, dass neben der Laterne ein alter Mann stand, nur mit einem Lendenschurz und einer dicken Sonnenbrille bekleidet. Er winkte ihnen zu, und deutete auf eine Tür hinter ihm.
      "Das ist überhaupt nicht Land 14.", meinte Pito, als sie näherkamen.
      "Macht, dass ihr da rein kommt!", brummte der Alte, und Fuhi zwang sich, nicht auf dessen fetten Bauch zu sehen. Sie hetzten durch die Tür, und ließen sich dort erschöpft auf den Boden fallen.
      "Ihr habt recht.", sagte der Alte, als er hinter ihnen die Tür schloß.
      "Dies ist Land 8."

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    • Also das ist eine schräge Geschichte ^^. Ziemlich interessant und ich bin gespannt zu welcher Welt das mit den schaumverliebten Tanten gehört. Sehr surreal irgendwie, aber toll geschrieben!
      "Wenn man im Supermarkt 'ne Melone zurückgeben will, ist der ganze Tag vorbei. "
      -Marge Simpson
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      Über und über von alten Schriftzeichen ist das dreizehnte Türchen überzogen. Was sie bedeuten bleibt den meisten Leuten verborgen. Nur der Kundige vermag in ihnen noch das Schicksal eines längst vergangenen Reiches zu lesen, eine Geschichte vom Leid und von der Liebe…



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      Der Fluch des Prinzen

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      Es war einmal ein wunderschönes Königreich. In diesem herrschte eine weiser König, gut und gerecht. Alle Menschen ging es gut, niemanden mangelte es an Geld, Nahrung, oder guten Kleidern. Doch der König hatte einen Rivalen. Sein engster Hofmagier bestahl ihn des Nachts immer wieder um ein paar Lebensstunden. So alterte der König schnell und sein Tod war nahe, als man den Übeltäter fasste.
      Die anderen Hofmagier bannten ihn und der König forderte seine Lebenszeit zurück, was dieser notgedrungen auch tat. Aus dem jungen Magier wurde ein alter Greis und der König verjüngte um Jahre. Doch bevor er des Palastes und des Landes verwiesen wurde, sprach er noch einen furchtbaren Fluch aus.
      „Im Leib eurer Königin wächst ein Knabe heran. Euer einziges Kind wird sterben, sobald er die Liebe entdeckt und sie ihm erwidert wird. Erst dann, wenn euer Kind vor euch liegt, mit toten offenen Augen, soll auch aus euch das Leben weichen. Damit ihr den Schmerz des Verlustes erkennt und spürt.“
      Die anderen Hofmagier waren nicht fähig den bösen Zauber aufzuhalten und der Magier verschwand wie durch einen Blitz hinweg gefegt.
      Die Zeit verrann. Das Kind wurde geboren und das Alter des Königs war nicht mehr zu verstecken. Doch er grübelte nur, wie er seinen Sohn vor dem sicheren Tod retten konnte, gleichzeitig auch das eigene verlängern. Da entsann es ihm, dass der Sohn, der Prinz war, zunächst lieben musste, doch wenn dass nicht geschah, so würde er so lange leben können, wie sein eigener Sohn.
      So holte der König seine Magier, die den Prinzen mit einem Fluch belegten. Keine Frau sollte ihn lieben und jede noch so schwaches Wesen würde ihn einfach nicht als Mann von reiner Güte erkennen. Und auch er sollte die Liebe niemals erkennen und so das Leben ewig halten können.
      Die Jahre vergingen und der Prinz wurde zu einem jungen Mann. Sein Herz war kalt und die Liebe war ihm fremd. Selbst seine eigenen Eltern verachtete er. Der Fluch tat seine Arbeit und die Jahre verstrichen in dem Land. Niemand wusste, warum der alte König nicht starb, war er nun schon mehr als hundert Jahre an der Regentschaft und warum der Prinz jedes Gesuch einer Heirat aufs schärfste ablehnte. Die Königin war schon lange verstorben, doch noch machte sich der König um die Zukunft des Reiches keine sonderlich großen Sorgen. Er hoffte noch immer, dass der böse Magier starb, bevor es sein Sohn tat.
      Doch der verstoßene Magier hielt sich mit dunklen Zaubern am Leben. Leid ging im Land umher und er erkannte die geschickte Handlung des Königs. Ewiges Leben war ihm nun gewährt, doch der Magier wollte den Fluch austricksen.
      So verwandelte er sich in eine wunderschöne Frau. Jeder Mann, an den er vorbei ging erkannte in ihr die schönste Frau der Welt und verliebte sich in sie. Doch der Magier ging zu dem Prinzen und küsste ihn unaufgefordert auf dem Mund.
      Doch der Prinz erkannte nicht die Schönheit des Mädchens, sondern das teuflische darunter. Mit rasender Wut wollte er den Magier in Gestalt der Frau töten, scheiterte aber daran, da dieser wieder durch einen Blitz aus dem Raum verschwand.
      Der König, alarmiert durch diese Aktion des Magiers musste von den Hofmagiern beruhigt werden. Der Fluch war unbeschadet, der Prinz würde in seinem Leben nicht mehr die Liebe erfahren. Doch nun war es nötig, das Königreich selbst zu schützen.
      Würde der Sohn sterben, würde auch der König zu Grunde gehen. Das wäre das Ende des gesamten Reiches und so beschloss der König, trotz der Proteste seines eigenen Sohnes noch ein Kind zu adoptieren. Seine Wahl fiel auf einen rechtschaffenen Soldaten, der nach dem Ritterschlag dem Adel zugänglich wurde und so der zweite Sohn des Königs wurde.
      Der neue Prinz begann sogleich eine passende Gemahlin zu suchen. Durch seine Abkehr vom Militär musste er keinen Schrecken mehr fürchten und durch sein neues Geblüt waren zahlreiche Frauen bereit, eine Vermählung mit ihm zuzustimmen. Schnell fand er eine bezaubernde junge Dame, voller Anmut und Güte. Doch als der wahre Sohn des Königs diese Frau das erste Mal sah, spürte er einen Stich im Herzen. Der Fluch, der seit Jahren auf seiner Seele lastete, bröckelte und wurde schwach. Seine Blicke wanderten über ihren Körper, während sein Herz wild schlug.
      In einer ruhigen Stunde, als beide im selben Raum waren, begann die Frau, das Interesse an ihren Gemahl zu verlieren und trotz des Fluchs richtete sich ihr Blick auf den Prinzen von königlichem Blute. Ihre Herzen schlugen im gleichen Takt und als die Frau es wagte, dem Mann auf den Mund zu küssen, brach der Fluch entzwei und die Liebe des Prinzen wurde greifbar, genau wie es für die Frau war.
      Das war der Moment, an dem sich der Fluch des verbannten Magiers erfüllte. Schmerz von unsäglichen Qualen durchdrang den Körper des Mannes und brach zusammen. Jede Hilfe, die ihn hätte retten können, war nicht da und so war der Prinz des Todes. Als der König in den Raum kam, sah er nur die Frau an, nicht seinen eigenen Sohn.
      „Du hast sein Schicksal besiegelt“, schrie er sie an und brach vor seinem Sohn zusammen.
      Es gelang ihm noch, den Kopf seines lieben Jungen auf seine Hand zu betten.
      „Wenn dies mein Schicksal ist“, sagte der Prinz schwach, als würde sich eine Krankheit durch seinen Körper fressen, „so bin ich bereit zu sterben, denn ich habe erfahren, was es heißt zu lieben.“
      Mit diesen Worten und mit einem Lächeln schloss der Prinz die Augen und rührte sich nicht mehr.
      Nun, den Sohn, gestorben in den Händen, ließ der König seinen Tränen freien Lauf und spürte den kalten Griff des Todes um sein Herz. Er kämpfte nicht dagegen an. Der Magier hatte geschafft, was er wollte. Sein Leben war nun nicht mehr von Bedeutung und so starb auch der König an gleicher Stelle. Das Schicksal des Königreichs blieb im Verborgenen und heute erzählt nur noch diese Geschichte davon.

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      Der Türrahmen des vierzehnten Türchens besteht aus zwei dicken, verholzten Ranken. Jede entspringt auf einer Seite des Durchgangs, und je höher man blickt, desto stärker sind beide Ranken ineinander verschlungen. Nur zusammen sind sie stark und stabil genug, den Torbogen zu bilden.
      Zwei Reisegefährten, die sich gerade erst neu gefunden haben, sind soeben durch dieses Tor geschritten, und sie haben noch einen weiten Weg vor sich. Manch ein Weltenbastler wird sich an die erste Begegnung der beiden noch erinnern.




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      Xentses und Srandilas lange Reise

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      Mehrere Tage waren vergangen, seitdem Srandila und Xentse, der kleine Seelendrache, sich bei den Wasserbetten ihres Volkes kennengelernt hatten – eine Begegnung, die ihr beider Leben von Grund auf verändert hatte.
      Während Srandila mit jedem Tag mehr begriff, wie schwer sie es sich in den letzten Jahren gemacht hatte, weil sie nicht hatte akzeptieren können, dass ihre Vorfahren die Meere für ein Leben an Land verlassen hatten, war Xentse endlich nicht mehr allein. Zwar war Srandila nicht sein zweites Seelenstück, aber wenigstens konnte man mit ihr reden … die Bäume von Ethorn waren in den letzten Jahren wenig gesprächig gewesen.

      Zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise waren sie meistens schweigend gereist, weil Xentse dem plötzlichen Sinneswandel von Srandila nicht so recht getraut hatte, doch mit der Zeit waren sie beide gesprächiger geworden; so auch jetzt.
      Sie saßen am Fuße eines alten Baumes, während die Sonne irgendwo hinter den Tausenden von Bäumen unterging und das Licht um sie herum immer dunkler wurde. Srandila schaute gedankenverloren in das dichte Blätterwerk über ihr, bevor sie unvermittelt fragte: „Warum haben die Götter euch das angetan? Warum teilen sie eure Seelen und stecken die eine Hälfte in einen Lyn'ebienne und die andere in einen Drachen? Was ist das für ein grausamer Scherz? Ich meine: jeder von uns erhält seine Seele bei seiner Geburt. Sie fällt von den Bäumen, dringt in uns ein und macht uns zu dem wer wir sind. Wie kann sich eine Seele also spalten und in zwei so weit voneinander liegenden und unterschiedlichen Körpern fahren?“
      Zuerst war Xentse verblüfft über Srandilas Fragen. Er brauchte einige Zeit, bis er begriffen hatte, dass Srandila so gut wie gar nichts über die Seelenteilung der Lyn'ebienne und der Seelendrachen wusste.
      „Die Götter haben damit nichts zu tun. Es war auch nicht immer so. Vor lange Zeit waren wir Befnaar nicht mehr als Tiere.“ begann Xentse schließlich vorsichtig zu erklären, doch wurde er gleich von Srandila unterbrochen: „Befnaar? Nennt ihr euch selbst so?“
      „Ja! So wie dein Volk die Sedschu sind, so ist mein Volk die Befnaar. … Wie gesagt: wir waren früher nur einfache Tiere. Wir konnten nicht richtig denken und sprechen konnten wir auch nicht. Der Legende nach war es ein Traummagier, der uns das Bewusstsein einhauchte. Wie so oft war er noch ein Kind, als er jenes Wesen erschuf, das uns zwar intelligenter machte, aber letzten Endes sein eigenes Volk damit verstümmelte.“
      „Ich versteh nicht was du meinst. Was für ein Wesen und wie soll es euch intelligenter machen?“
      „Der Seelenschneider!“
      Srandila lachte unsicher.
      „Der Seelenschneider? Du scherzt … er ist eine Legende. Ein Ammenmärchen mit dem man Kinder erschreckt, wenn sie nicht einschlafen wollen. … Schlaf jetzt Kind oder der Seelenschneider kommt und schneidet ein Teil deiner Seele ab und versteckt sie im Wald.“
      „Richtig! Einst war es nur ein Ammenmärchen. Aber du weißt, was aus Ammenmärchen werden, wenn sie einem Traummagier erzählt werden.“
      „Traummagier?! Pah … ein weiterer Mythos. Menschen, die allein durch ihre Träume Dinge real werden lassen können... Wie soll das funktionieren?“
      Xentse zuckte mit seinen winzigen Schultern. „Da musst du nun wirklich die Götter fragen. Aber es gibt sie; nicht viele – das ist klar. Aber sie haben die Macht, Wesen wie den Seelenschneider in unsere Realität zu holen!“
      „Meinetwegen. Angenommen es gibt ihn – diesen Seelenschneider. Heißt das, er schneidet die Seelen, die für die Lyn'ebienne bestimmt sind, in zwei Teile und nimmt den einen Teil mit und vereint ihn mit einem Befnaar?“
      „Ja so ist es. Und nur jene Befnaar, die eine Seelenhälfte in sich tragen, können denken und sprechen. … Meine Eltern können es zum Beispiel nicht.“
      Srandila war bestürzt über diese Erkenntnis. Ihr ganzes bisheriges Leben hatte sie geglaubt, dass alle Seelendrachen sprechen konnten und das die Götter ein grausames Schicksal mit ihnen trieben. … Ein ähnlich grausames Schicksal, wie sie es mit ihr spielten, indem sie ihre Seele in den falschen Körper gesteckt hatten.
      Und jetzt stellte sich heraus, dass ein naseweiser Bengel eine Kreatur erschaffen haben sollte, die – aus welchen Gründen auch immer – die Seelen der Lyn'ebienne teilte, um die eine Hälfte in einen Seelendrachen zu pflanzen.
      Das waren wenigstens zwei Dinge, an die sie noch nie in ihrem Leben geglaubt hatte. Es fiel ihr schwer an Traummagie zu glauben, und noch weniger konnte sie sich mit dem Gedanken anfreunden, dass ein Wesen einen Traum über Generationen hinweg überleben konnte.
      „Angenommen, es ist wirklich alles so wie du sagst. Hast du diesen Seelenschneider gesehen?“
      Xentse verzog sein kleines Gesicht zu einer schmerzlichen Grimasse: „Ja das habe ich. Ich habe ihn gesehen, als er die Seelenhälfte in mir verankerte, und ich habe ihn später auch noch bei anderen Befnaar gesehen. … Er ist kein böses Wesen. Deshalb ist es umso schlimmer. Er will uns eigentlich nur helfen, indem er uns ein bisschen von der Intelligenz der Großen – wie er die Lyn'ebienne nennt – abgibt.“
      „Das wird ja immer verrückter.“ murmelte Srandila. „Ich glaube, ich muss das Ganze erst einmal verarbeiten.“
      „Na ja! So schlimm ist es eigentlich nicht … bis auf die Tatsache, dass man sich … unvollständig fühlt. Ruhelos … allein!“
      Xentses Worte waren immer leiser geworden … nicht nur weil er sie ungern aussprach, sondern auch weil Srandila sich am Fuße des Baums zusammengerollt hatte und den Eindruck erweckte, sie würde schlafen.
      Doch als Xentse sich schließlich auch zum Schlafen zusammenrollen wollte, hörte er Srandilas leise, schlaftrunkene Stimme noch einmal in der Dunkelheit: „Du bist nicht mehr allein. Ich bleibe bei dir, bis wir deinen Lyn'ebienne gefunden haben.“
      Xentse wusste darauf nichts zu erwidern.
      Und auch das Gefühl, das sich wie warmer Honig in ihm ausbreitete, konnte er zunächst nicht benennen, bis es ihm dämmerte, dass es so etwas wie Glück sein musste.
      „So fühlt es sich also an ...“, dachte der kleine Seelendrache noch, bevor auch ihn der Schlaf übermannte.

      Während ihrer weiteren Reise dachte Srandila oft darüber nach, was Xentse ihr in jener Nacht erzählt hatte. Sie war sich immer noch nicht sicher, ob das mit dem Seelenschneider real war oder ob es sich nur um eine Legende der kleinen Drachen handelte. Dagegen sprach allerdings, dass Xentse den Seelenschneider selbst gesehen hatte, auch wenn er nicht in der Lage war, ihn wirklich zu beschreiben. Er schien mehr ein Geist, denn ein reales Wesen zu sein. Was bei näherer Betrachtung aber nicht so abwegig war, schließlich konnte feste Materie eine Seele nicht aufhalten. Seelen flogen durch die dicksten Baumstämme, wenn sie zwischen ihnen und ihrem Träger standen.

      Schließlich fanden sie den Teil von Ethorn, den Xentse gesucht hatte. Ein Ort, den die Befnaar und auch die Lyn'ebienne aufsuchten, wenn sie ihr zweites Seelenstück suchten. Hier standen die Bäume lichter und auch das Unterholz war nicht so dicht, dass es den Blick auf einige wenige Meter beschränkte. Hier sah man andere Suchende schon von weitem.
      Abgesehen davon unterschied sich der Wald hier nicht vom Rest von Ethorn. Zahlreiche Vögel sangen ihre Melodien, überall huschten Tiere durch das Blätterwerk, und stetig tropfte irgendwo Wasser von den Bäumen. Und dennoch lag eine seltsame Spannung in der Luft, als würden sowohl Tiere, als auch Bäume auf etwas Besonderes warten.

      Auch Xentse wurde mit jedem Schritt, den Srandila tat, aufgeregter und flatteriger. Immer öfter flog er ein ganzes Stück voraus und schaute hinter jedem Baum nach, ob dort nicht gerade ein Lyn'ebienne ein Nickerchen hielt.
      Da er nicht genau wusste wie er seine zweite Seelenhälfte erkennen sollte – immer hieß es nur „du wirst es wissen“ – wollte er nicht riskieren, auch nur einen Lyn'ebienne zu übersehen.
      Srandila musste sich immer wieder selbst ermahnen, Xentse nicht wegen seiner Unruhe zur Ordnung zu rufen. Sie konnte sich nicht wirklich vorstellen wie es war, nur „halb“ zu sein, aber sie konnte sich ausmalen, was für ein Gefühl es sein musste, endlich am Ziel seiner Träume zu sein. Und so lief sie Xentse hinterher und half ihm beim Suchen.

      Viele Tage vergingen, währenddessen sie immer weiter in den Wald der Suchenden vordrangen. Zu Beginn waren sie nur einigen anderen Befnaar begegnet, die entweder traurig den Wald verließen und sich auf den Weg in die Hauptstadt der Lyn'ebienne machten, um dort ihr Glück zu versuchen, oder die genau so aufgeregt waren wie Xentse. Erst im Herzen des Waldes trafen sie auf die ersten Lyn'ebienne, die ebenso verzweifelt nach ihren zweiten Seelenhälften suchten.
      Doch scheinbar wollte kein Paar passen.
      So oft sah Srandila einen Lyn'ebienne in die Augen eines Seelendrachen schauen, aber nie schien ein Funke überzuspringen.
      Nach Tagen der wachsenden Verzweiflung befürchtete Srandila schon, dass es sich doch nur um eine Legende handelte und all diese Wesen umsonst litten, als sie mit eigenen Augen sah, wie sich zwei Seelenhälften fanden.

      Ein kleiner Seelendrache, der sie seit einigen Tagen begleitet hatte, brach auf einmal mitten im Satz abrupt ab und bog von ihrer Laufrichtung ab. Ohne ein Wort verschwand er zwischen zwei Bäumen, und Srandila und Xentse brauchten einen Moment, um zu begreifen, dass er verschwunden war.
      Doch dann liefen und flogen sie ihm eilig hinterher, und da sahen sie es:
      ein Lyn'ebienne kniete vor ihnen im Gras, der kleine Drache hatte sich um seinen Hals geschmiegt und drückte seine kleine Wange an die des anderen. Tränen glitzerten auf ihren Wangen und mühsam lernten sie sich unter Schluchzen, Lachen und Seufzen kennen.
      Viel später, als sich die beiden einigermaßen beruhigt hatten, konnten sie auf Xentses Frage danach, wie es sich anfühlte, wiederum nur antworten: „Du wirst es wissen!“.
      Srandila hätte die beiden am liebsten erwürgt, denn Xentse fiel buchstäblich in sich zusammen und brach in bittere Tränen aus. Die beiden Vereinten, glücklich wie noch nie zuvor in ihrem Leben, ließen Xentse und Srandila daraufhin schnell allein.

      Viele weitere Tage vergingen, bevor Xentse und Srandila den Wald der Suchenden ohne Ergebnis verließen. Wie schon viele Befnaar vor ihm, schlug Xentse nun den Weg zur Hauptstadt der Lyn'ebienne ein, und wie es Srandila versprochen hatte, begleitete sie ihn.

      Jahre vergingen!
      Jahre, in denen Srandila wundersame Dinge zu Gesicht bekam, die sie im Laufe der Zeit vergessen ließen, dass sie es einmal bereut hatte, Beine zum Laufen zu haben, anstatt einen langen Schlangenschwanz, mit dem sie sich im Wasser hätte fortbewegen können, wie ihre Vorfahren.
      Jahre, in denen Srandila und Xentse immer mehr eins wurden und an manchen Tagen fast glaubten, sie wären die zwei Hälften einer Seele.
      Schließlich hatten sie die Suche aufgegeben und hatten sich in einem kleinen Dorf an der Küste niedergelassen. Xentse war die langen Reisen müde geworden und glaubte nicht mehr daran, dass er seine zweite Seelenhälfte noch finden würde.

      Eines Tages wollten Xentse und Srandila gerade zum Markt gehen, als Xentse mitten im Satz abbrach und ohne ein weiteres Wort durch das Fenster das Haus verließ.
      Srandila stürzte hinter ihm durch die Tür und sah ihren Freund, wie er sich um den Hals eines Lyn'ebienne wand und stumme Tränen des Glücks vergoss.
      Xentse und Lonar hatten sich endlich gefunden – die zwei Hälften einer Seele waren endlich vereint.

      Srandila hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht ausmalen können, wie sehr sie sich für ihren Freund freuen würde. Pures Glück durchströmte auch ihren Körper bei dem Anblick dieses so ungleichen Paares.
      Wenn auch die Angst bald danach ihr Herz umklammerte, dass Xentse sie nun nicht mehr brauchen würde. Doch ihre Angst sollte sich schon bald als unbegründet herausstellen, denn die tiefe Zuneigung zu Xentse, teilte Srandila schon bald darauf auch mit Lonar und so wurden sie ein Paar.
      Zu dritt, lebten sie so noch viele glückliche Jahre zusammen.

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      Das fünfzehnte Türchen tarnt sich als gemauerter Hauseingang, der sich im grauen Dämmerlicht des frühen Morgens kaum von den anderen Hauseingängen der Gasse unterscheidet. So früh sind noch nicht viele Leute unterwegs, und die wenigen die durch die Gasse kommen, bemerken das Türchen nicht. Alle haben ihre Mäntel eng um sich geschlungen, ihre Schultern hochgezogen, und versuchen, möglichst schnell ihre Botengänge zu erledigen – denn es regnet…



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      Am Tag als der Regen fiel

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      Am Tag, als der Regen fiel, saß der junge Magier morgens in seinem Zimmer und sah missmutig aus dem Fenster. Er mochte keinen Regen. Er hasste das Gefühl von Nässe auf der Haut und hasste es jedes Mal von Neuem, bei diesem Wetter auf die Straße zu müssen.

      'So kann das nicht weiter gehen', dachte er sich. 'Ich bin Magier, die ganze Welt liegt in meiner Hand, dagegen muss ich doch etwas tun können!' Also packte er seinen Rucksack und machte sich auf in die Akademie, um einen Wetterzauber zu suchen.

      Triefend nass stapfte der junge Magier über die Pflasterstraßen der Stadt, bis er endlich die Akademie mit der angeschlossenen Bibliothek erreicht hatte. Fröstelnd schüttelte er das Wasser aus seiner Kleidung und machte sich an die Arbeit. Stundenlang brütete er über den Büchern, las Querverweise und langweilige Passagen über Wettermanipulation und ihre Auswirkungen, bis er sich sicher war, dass es für ihn keine Möglichkeit gab, so etwas zu erlernen. Auch wenn die Welt in seinen Händen lag, gab es doch keinen Magier, der schnell genug zaubern konnte um alle Effekte unter Kontrolle zu halten. 'Also gut!' dachte er sich. 'Ich frage einen Freund von mir!'

      Am Tag, als der Regen fiel, lief der junge Magier gegen Mittag klatschnass zwischen den Marktständen der Stadt entlang, um einen alten Freund zu besuchen. Der alte Freund lebte etwas außerhalb der Stadt und leider fuhr keine Straßenbahn dort hin, also musste er ein gutes Stück durch den Regen laufen ehe er endlich dort war.
      Er hängte den vom Wasser schweren Mantel an einen Haken, ehe er seinen Kollegen begrüßte. „Du bist ein Technomant!“ sagte er. „Du kannst Maschinen bauen, die schneller zaubern als jeder Magier! Bau mir bitte eine Maschine mit der ich den Regen aufhalten kann.“

      Sein Freund überlegte lange und begutachtete die Theorien und Abhandlungen, die der junge Magier mitgebracht hatte. Nach langer Planung war sich der Technomant jedoch sicher: „Das kann ich nicht! Meine Maschinen können vielleicht schnell genug zaubern, aber sie können nicht selbst denken. Wetter ist etwas zu Kompliziertes, dort kann man kein festes Schema anwenden. Doch frage einen Druiden, vielleicht kann dir so einer helfen!“

      Am Tag, als der Regen fiel, schlurfte der junge Magier missmutig und klitschnass am Nachmittag zu einem nahen Hain, um den dortigen Geisterpriester, den dortigen Druiden, um Hilfe zu bitten. Wenigstens gab es dort eine kleine Hütte und so konnte er sich an einem Feuer aufwärmen, während er dem alten Mann sein Anliegen erklärte. „Ich kann dir nicht helfen!“ sagte dieser schließlich. „Zwar kann ich das Wetter beeinflussen, aber nicht so wie du es dir wünscht. Zudem dürfen wir das nicht einfach so ohne Grund tun. Das Wetter ist Teil der Natur und wir wachen über die Natur und kontrollieren sie nicht. Jeder Eingriff kann unvorhergesehene Folgen haben!“

      Inzwischen war es Abend geworden. Der junge Magier machte sich traurig zurück nach Hause. Verwirrt und durchweicht kroch er durch die Straßen der großen Stadt und dachte nach. All seine Macht, alle Forschungen, alle Wissenschaft und Esoterik der Welt konnte ihm nicht bei seinem Problem helfen. Er fühlte sich hilflos und verlassen.

      Am Tag, als der Regen fiel, begegnete dem jungen Magier eine einfache Magd im Schein einer trüben Gaslaterne. Er stutzte und schlug sich mit der flachen Hand auf die triefende Stirn.
      Die Magd trug einen einfachen Regenschirm...

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    • Hehehe, die neue Geschichte ist toll. :thumbup:

      Aber die ganzen davor find ich auch nicht schlecht. Besonders die schräge mit dem Zuckerland fand ich interessant, auch wenn ich nicht viel verstanden habe.
      Doch auch all die anderen fand ich ganz gut zu lesen und gut, auch wenn sie klassischere Themen hatten. Wobei, was heißt schon klassisch in diesem Kontext?
      Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden. - Mark Twain
    • Nett :) Erinnert mich an die (vermutlich nicht wahre) Geschichte, in der die Amerikaner für die Wltraumfahrt um Millionen einen Kugelschreiber entwickelt haben, der in der Schwerelosigkeit schreiben kann, und die Russen verwendeten Bleistifte ...

      Außerdem hab' ich eine Ahnung, wer das geschrieben hat. Mal sehen.
      Rudran is my oyster!
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      Das sechzehnte Türchen fügt sich wie eine natürliche Formation aus eisverkrustetem Fels in die kalte Landschaft ein. Dunkle Wellen schwappen gegen seine Pfeiler, doch der junge Jäger, der mit seinem Kajak vorbeipaddelt, scheint es nicht zu bemerken. Er hält auf das Ufer zu. Die Beute ist nah…



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      Jagd im Eis

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      Kuitaza zog geschickt mit seinen Zähnen einen Pfeil aus dem Brustköcher, während er mit seinen Händen das Seil festhielt, an dem sein Kajak hing, damit es nicht von der Strömung fortgezogen wurde. Er kauerte am Ufer, an just der Stelle, von der aus er vor wenigen Atemzügen seine Beute erspäht hatte.
      Der Umumani hatte ihn noch nicht gewittert. Die große, weißpelzige Robbe schnüffelte am Eis herum - die letzten Reste seiner Mahlzeit, eines großen Fisches, hatte das Tier schon heruntergewürgt.
      Der junge Alb vom Volk der Gunztiar wusste, dass Umumani nicht gut sehen konnten, aber ihr Geruchssinn ausgezeichnet war. Wenn nur der Wind nicht drehte...
      Langsam legte Kuitaza mit tausendfach geübten Bewegungen mit seinem Mund den Pfeil auf die Sehne des Jagdbogens.
      Die linke Hand ließ langsam das Seil los und bewegte sich in Zeitlupentempo zum Bogen.
      Die Robbe erstarrte.
      Kuitaza verfluchte innerlich seine Ungeduld - nun hatte sie ihn doch gesehen, und alles war... doch Moment, der Umumani senkte wieder den Kopf, schnüffelte weiter an der Eisscholle auf der er lag.
      Gut... noch ein wenig...
      Er fasste den Bogen mit seiner linken Hand, und nahm Pfeilende und Sehne zwischen die Zähne, zog langsam daran.
      Mit einem der großen Bögen der Völker aus dem Süden wäre das nicht möglich gewesen, aber die Jagdbögen der Gunztiar waren klein und leicht zu spannen.
      Natürlich bedeutete das auch eine kleinere Reichweite, aber für den Umumani sollte es reichen.

      Kuitaza zog langsam an der Sehne, immer Bedacht, weder Lippen noch Zunge einzuklemmen. Er erinnerte sich nur zu gut an eine Jagd mit seinem Vater und einer Gruppe von Dorfmitgliedern, bei der sich der ungeduldige Laluze seine Oberlippe gespalten hatte... es hatte Monate gedauert, bis die Wunde ordentlich verheilt war.

      Noch ein Stück... ein kleines Stück....
      Nun drehte sich der Umumani halb zur Seite. Er schien etwas erspäht zu haben, ein gutes Stück weiter westlich, auf dem offenen Ozean... sein Kopf und Hals waren nun perfekt positioniert...

      Twängg! Der Pfeil schnellte von der Sehne und traf Sekundenbruchteile später die große, weiße Robbe hinter dem Ohr.
      „Hanu!“ fluchte Kuitaza. Der Treffer war wertlos - dort lag ein dicker Knochen, der Pfeil war bestimmt nicht weiter als zwei Finger breit in das Fleisch eingedrungen. Der Umumani zuckte zusammen, warf sich mit einer Geschwindigkeit, die man ihm als Unkundiger niemals zugetraut hätte, nach vorn und verschwand im tiefen Wasser.

      Kuitaza trat wütend gegen sein Kajak. So ein Mist! Eine Gelegenheit wie diese, und er hatte sie vergeudet...

      Das Kajak über der Schulter, trat der junge Alb den Heimweg ins Dorf an.
      Die Gunztiar bauten ihre Dörfer nahe dem Wasser, aber niemals genau am Ufer - zu unberechenbar waren Eis, Schnee und Witterung an diesen polaren Gestaden.

      Von weitem schon sah Kuitaza die roten Wimpel, die auf den geduckten Häusern aus Stein und Walbein wehten. Er seufzte. Nun musste er sich eine gute Erklärung für seinen Vater einfallen lassen ...

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