[Gaia] Kurzgeschichten

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    Es pfeifen die Spatzen schon von den Dächern: die diesjährige Olympiade beginnt in nunmehr weniger als zwei Wochen!
    Das WBO-Orgatool ist hiermit initialisiert. Es mögen sich vor allem für die ersten Kategorien schnell findige Jury-Mitglieder finden.
    Wir wünschen allen viel kreativen Spaß!

    • [Gaia] Kurzgeschichten

      Der folgende Text ist als Flavor-Text für den Einstieg in die neue Gaianische Zeitlinie gedacht. Viel Spaß beim Lesen und schon im Voraus danke für eure Kommentare!

      Er saß unter einer alten Eiche. Das saftige grüne Laub rauschte leise in einer sachten Brise und ließ im Schein der sommerlichen Sonne unzählige Schatten über das kurz geschnittene Gras tanzen. Als er von seinem Lieblingsbuch aufblickte, sah er seine Frau, die vor der ordentlich angelegten Rabatte kniete und den dunklen Boden für einige Lavendelpflanzen vorbereitete. Sie trug eine weiße Hose und eine gelbe Bluse, die mit einem Muster aus roten Blüten verziert war. Ihre üppigen braunen Locken hatte sie mit einem roten Seidenschal gebändigt. Dort wo die obersten Knöpfe der Bluse geöffnet waren, konnte er feine Schweißperlen auf ihrer zarten Haut sehen. Ein Tropfen bildete sich und rann hinab, dorthin, wo er die sanften Rundungen ihres Busens unter der Bluse erahnen konnte. Der Duft der Lavendelpflanze wehte zu ihm herüber und er lächelte.
      Ein lauter werdendes Brummen lenkte seine Aufmerksamkeit nach oben und er sah weit über sich am strahlend blauen Himmel einen der riesigen Raumkreuzer der Allianz. Seinem Kurs nach zu urteilen war er im Anflug auf New Johannisburg. Er legte sein Buch zur Seite, stand auf und ging zu seiner Frau hinüber, die gerade dabei war, die frisch eingesetzten Pflanzen mit einem üppigen Schwalles Wasser zu begießen. Er stand hinter ihr und schlang seine Arme um ihre Taille. Als er ihr einen Kuss auf ihren Hals hauchte stieg ihm ihr Duft in die Nase. Der salzige Geruch ihrer Haut vermischte sich mit dem Duft von Lavendel und feuchter, schwerer Erde. Es war berauschend...
      PIIIIIEEEEEEEP - PIIIIIEEEEEEEP - PIIIIIEEEEEEEP!
      Das Geräusch des Weckers riss ihn brutal aus seinem Traum. Er tastete nach dem Paneel neben seinem Bett und stellte den Alarm ab. Als er die Augen aufschlug sah er über sich nur die kalte, metallische Decke seiner Schlafkoje. Einen Augenblick lang war er versucht, die Augen wieder zu schließen und sich zurück in seinen Traum zu flüchten, aber seine Pflichten verlangten etwas anderes. Also schwang er die Beine aus seinem kargen Bett und begann sein Tagwerk.

      Nachdem er sein Frühstück zu sich genommen hatte, machte er sich auf den Weg zu den Kryokammern. Das Geräusch seiner Schritte hallte metallisch von den Wänden des langen Korridors wieder. Kann ein Mensch vor Einsamkeit verrückt werden? Er schüttelte den Kopf und versuchte den Gedanken zu verscheuchen. Es war der fünfzehnte Tag seiner Schicht. Noch fünf weitere musste er überstehen, dann konnte er zurück in den Kryoschlaf und eine andere arme Ratte musste sich durch die verfluchte Leere der Antaris kämpfen. Er erreichte den Schott zu den Kryokammern und hielt das Ident-Modul an seinem Handgelenk vor den Scanner. Der Scanner piepte kurz, dann öffnete sich das Schott und er konnte eintreten.

      Der Raum war dunkel. Nur eine Minimalbeleuchtung aus in den Boden eingelassenen LED-Einheiten wies ihm den Weg an das Kontrollpult. Er regelte die Beleutungsstärke nach oben und setzte sich auf den Drehstuhl vor dem Pult. Wieder hielt er sein I-M an einen Scanner. Eine weibliche Stimme sagte daraufhin: „Guten Morgen, Mr. Drothers. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Nacht.“ „So angenehm, wie eine Wurzelbehandlung ohne Sedierung...“ murmelte Drothers. „Ungültige Eingabe. Bitte wiederholen Sie die Anforderung.“
      Er schnaubte genervt. Was sollte man von einer Maschine auch schon erwarten. Er hätte sich am liebsten in die zentrale Matrix des Bordcomputers gehackt und diese lächerliche Imitation von menschlichen Umgangsformen aus dem System gelöscht... Stattdessen sagte er: „Ich hatte eine angenehme Nacht. Beginne mit einem Ebene 3 Scan der Kryoeinheiten 27B bis 27F.“ und die Frau antwortete: „Scan läuft. Bitte warten.“
      Während Drothers wartete, öffnete er in der Datenbank seine privaten Logbuch-Aufzeichnungen. Er hatte festgestellt, dass es ihm das Festhalten seiner Gedanken half, konzentriert zu bleiben. Wenn er schon mit niemandem reden konnte, wollte er wenigstens seine Gedanken für die Nachwelt festhalten. Philosophische Gedanken eines Schraubers – 43 Stunden wirres Gefasel. Das würde bestimmt in ferner Zukunft ein Publikumsschlager...
      Nachdem er die letzte Datei geöffnet hatte, sagte er: „Eintrag fortsetzten.“ Ein kurzer Piep bestätigte seinen Befehl.
      Er atmete tief durch. „Es ist jetzt der fünfzehnte Tag meiner Wachschicht. Ich habe wieder von Lizzy geträumt, von der alten Heimat... von der Heimat. Manchmal merkt man gar nicht, wie fremd einem ein Wort wird bis man es laut ausspricht, wie einem die Bedeutung entgleitet und schließlich nur der hohle Klang der zu Lauten geformten Buchstaben bliebt. Heimat... ich habe keine Heimat mehr. Wir alle sind heimatlos. Das einzige Stückchen Zuhause, das ich noch kenne, ist meine Koje. Dieser winzige Metallsarg, in den ich mich jeden Abend legen muss, um wieder von dem zu träumen, was ich zurück gelassen habe. Manchmal wünsche ich mir, die Koje wäre wirklich ein Sarg. Dann würde ich darin liegen und müsste nie wieder in diesem Alptraum aufwachen...“
      Seine Stimme, die zuletzt kaum mehr als ein Flüstern gewesen war, erstarb. Er starrte ins Leere, vorbei an den unzähligen Kryoeinheiten, die man nur anhand der kleinen Displays mit den blau leuchtenden Kennziffern überhaupt als einzelne Einheiten identifizieren konnte. Ohne diese Untergliederung wäre dieser Raum nur eine große rechteckige, metallene Kiste. Eine größere Kopie seines kleinen Schlafsarges... Er riss seinen Blick von dem leeren, stillen Raum los und fuhr fort:
      „Wir waren so voller Hoffnungen, als wir aufbrachen. Wir wollten die Entdecker einer neuen Welt sein. Wir wollten dort eine zweite Heimat finden, ein Paradies ohne Leid, ohne Umweltverschmutzung, ohne Streit, ohne Probleme schaffen. Ach Gott, wir waren so naiv.“
      Gott – schoss ihm der Gedanke durch den Kopf. Vielleicht bestraft uns Gott für unsere Fehler, für unsere Anmaßungen. Vielleicht war dies hier seine ganz persönliche Hölle und er litt jetzt diese Qualen als Sühne für seine Sünden. Er verscheuchte den Gedanken. Jetzt war nicht der Zeitpunkt um die eigene Religiosität wieder zu entdecken.
      „Ich erinnere mich noch an den Tag, als ich mich von Lizzy verabschiedete. Sie hatte Tränen in ihren großen rehbraunen Augen. Und ich habe versucht sie zu trösten und gesagt, der Abschied wäre nicht für lange. In zwölf vielleicht achtzehn Monaten, sobald die Kolonie errichtet wäre würde ich sie nachholen. Sie wäre am liebsten sofort mitgekommen, aber als Linguistin entsprachen ihre Fähigkeiten nicht dem Anforderungsprofil für das Kolonie-Personal und so hatte sie keine Passage-Zuteilung erhalten. Ich hatte sie in die Arme genommen und ihr einen langen Abschiedskuss gegeben. Als ich in das Shuttle stieg, das uns in den Orbit zur Antaris brachte, hatte sie trotz der Tränen tapfer gelächelt und mir zum Abschied gewunken. Das war jetzt 67 Jahre her.“
      Lizzy würde jetzt fast 100 Jahre alt sein, eine Greisin. Falls sie überhaupt noch lebte. Er fragte sich, ob sie wohl wieder geheiratet hatte. Ob sie Kinder bekommen hatte, ob sie manchmal noch an ihn dachte...
      „Die Planung unseres... Abenteuers hatte vorgesehen, dass wir mit der Antaris zunächst den Erdorbit verlassen sollten. Anschließend sollten wir uns der Sonne nähren, bis das Gravitationsfeld eine Stärke von mindestens 1500 kilo-Dyne erreicht hätte. Dort sollte der Graviton-Antrieb gestartet werden. Unter Ausnutzung der Sonnen-Gravitation sollte das Gerät eine kontrollierte, lokale Raumdeformation erzeugen, die den Übertritt der Antaris in das 103 Lichtjahre entfernte System G141 ermöglicht hätte. Dort angekommen, hätten wir Kurs auf den 4 Planeten des Systems genommen. Den Berechnungen der Astromonen der vereinigten Allianz wäre dieser Planet zur Besiedelung geeignet gewesen. Seine Gravitation, seine tektonische Stabilität, sein Sonnenabstand, seine Stahlungswerte. Es war der perfekte Kandidat für das Projekt. Nach dem Erreichen der Umlaufbahn, wären zunächst die Sonden gelandet und hätten den öden Gesteinsklumpen kartographiert. Man hätte die geeigneten Standorte für die Terraforming-Einheiten gefunden und nach ihrer Positionierung hätten wir nur mehr einige wenige Monate warten müssen, bis der Planet eine lebensfreundliche Atmosphäre entwickelt hätte. Dann hätten wir die Genetiker, die Botaniker und Flora-Architekten, die Zoologen und Bioformer aus dem Kryoschlaf geweckt und wären gelandet. Das Errichten der Kolonie hätte nach einem Jahr abgeschlossen sein sollen. Der Bau eines stationären Graviton-Transporters im Schwerkraftfeld der Sonne von G141 war noch einmal mit sechs Monaten veranschlagt gewesen. Dann wäre eine dauerhafte Verbindung zur Erde etabliert und ein Austausch von Gütern und Personen in wenigen Stunden möglich gewesen. Soweit der Plan.“

      Ein rotes Lichtsignal leuchtete auf dem Kontrollpult auf und lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. „Aufzeichnung pausieren.“ befahl er, bevor er sich den Kontrollanzeigen zuwandte.
      Der Scan hatte einen Fehler aufgespürt. In der Einheit 27C Untereinheit 12-Gamma wurde ein Abfall der Energieversorgung verzeichnet. Ohne eine Reparatur würde die Temperatur der Kryoeinheit in wenigen Stunden kritische Werte erreichen und die DNA der dort aufbewahrten Personen würde verloren gehen. Schnell griff Drothers nach seinem Reparaturkit und machte sich auf den Weg zu Sektor 27C.
      Als er angekommen war, entfernte er die Abdeckplatten und verschaffte sich so Zugang zur Elektronik der Kryoeinheit. Was zum Vorschein kam, machte Drothers die Hoffnung er könne den Schaden beheben zunichte. Es hatte wohl ein Leck im Kühlsystem gegeben. Die Kühlfüssigkeit war herausgetropft und hatte begonnen, die Elektronik zu korrodieren. Das System hatte zur Kompensation des Leistungsabfalls die Energiezufuhr erhöht, bis schließlich drei der fünf Energierelais durchgebrannt waren.
      Die Einheit war nicht mehr zu retten. Jetzt musste er Schadensbegrenzung betreiben und die Kryoeinheit stilllegen, bevor ihre Fehlfunktion die umliegenden Einheiten beeinträchtigen würde. Drothers ging an ein lokales Kontrollinterface. Nachdem sein I-M den Computerzugang aktiviert hatte, sagte er: „Scanne die Kryoeinheit 27C nach unausgelasteten Kapazitäten zur Aufnahme der Lagerbestände von Untereinheit 12-Gamma.“ „Scan läuft. Bitte warten.“ erwiderte die Frauenstimme kühl. Während Drothers also wartete, begann er damit das Leck in der Kühlung abzudichten und die Elektronik der Untereinheit 12-Gamma stillzulegen. Normalerweise würden die internen Scans der Antaris einen Fehler wie diesen schon deutlich früher aufspüren. Möglicherweise wäre die Kryoeinheit dann noch zu reparieren gewesen, doch die CPU der Antaris lief auf Volllast, seit sie die Steuerung des Schiffs komplett übernommen hatte und gleichzeitig den Raum ständig nach bewohnbaren Planeten absuchte. Fehler wie dieser mussten also in Kauf genommen werden, denn nur so war es möglich, dass sie eine bewohnbare Welt fanden, bevor ihre Energiereserven zur Neige gingen und die Lebenserhaltung versagen würde. Auch die drastische Reduzierung der Wachmannschaft wurde angeordnet, um Energie zu sparen, denn die Sauerstoffversorgung für eine vollständige Crew war zu kostspielig.
      „Scan abgeschlossen. Es wurden keine unausgelasteten Kapazitäten gefunden.“ Drothers hielt inne. Er schloss die Augen und versuchte die aufkeimende Verzweiflung nieder zu ringen. Wieder erweiterte sich die Liste der Opfer dieser großartigen Mission. Er schüttelte den Kopf gleichsam als wären die düsteren Gedanken Fliegen, die man mit der Bewegung verscheuchen könnte.
      Nachdem er die Arbeiten an der Elektrik abgeschlossen hatte, befestigte er die Abdeckpaneele wieder. Die blaue Kennschrift war erloschen. Ein Symbol für die Leben, die bald erlöschen würden. Er kehrte zum Hauptkontrollpult zurück und trug die Fehlermeldung und seine Maßnahmen in das Lockbuch ein. Als er die Liste der Besatzungsmitglieder aufrief und die Namen, der Personen in 27C 12-Gamma als verstorben kennzeichnete, fragte er sich wieder einmal, ob es überhaupt noch Hoffnung für sie alle gab. Ob sie sich mit den Notfallmaßnahmen, die der Captain angeordnet hatte, wirklich eine Chance oder doch nur ein bisschen Zeit bis zum unausweichlichen Ende erkauft hatten.
      „Aufzeichnung fortsetzten.“ befahl er.
      „Die Katastrophe brach über uns herein, als wir den Graviton-Antrieb aktivierten. Obwohl alle Anzeigen normale Werte zeigten und alles wie in den Simulationen war, geschah etwas Unvorhersehbares, etwas Falsches. Was auch immer dieser Graviton-Antrieb erzeugte, es war nicht bloß ein Raumübergang. Die Antaris wurde von einem viel zu starken Gravitonstrudel erfasst und hineingezogen. Plötzlich spielten alle Anzeigen verrückt. Ich erinnere mich noch. Ich war im Maschinenraum an den Kontrollen der internen Sensorik stationiert. Noch bevor irgendjemand verstand, was geschah, brach das Chaos los. Das Gravitonniveau war förmlich explodiert und die strukturelle Integrität des Schiffes wurde deutlich bis über die empfohlenen Grenzwerte belastet. Die Antaris drohte einfach zerfetzt zu werden. Panisch begannen wir Zusatzenergie zu den Stabilisatoren zu leiten. Viele Leitungen wurden überlastet und überall explodierten Energierelais. Wo Menschen von den Energieentladungen getroffen wurden, gab es Tote und Verletzte. Ich hastete von Kontrollpult zu Kontrollpult. Überall lagen die verdrehten, verkohlten und vor Schmerzen wimmernden Körper meiner Kollegen. Dazwischen sah ich auch meine Kollegin Claudia liegen. Ihr Gesicht und ihre Brust waren bis auf das blanke Fleisch verbrannt. Sie stöhnte vor Schmerzen und streckte mir nach Hilfe flehend die Arme entgegen. Doch ich konnte nichts für sie tun und stolperte weiter. Später bemerkte ich, dass ich selbst aus einer Wunde am Kopf blutete. Vermutlich war ich von einem Trümmerteil getroffen worden, obwohl ich mich an den Aufschlag nicht erinnerte. Immer noch vibrierte das Schiff vor Spannung. Einer der Reaktoren überhitze und begann mit der Notabschaltungsequenz und ich weiß noch, dass ich dachte, wenn jetzt gleich die Energie abfällt, versagen die Stabilisatoren und in wenigen Minuten sind wir alle Leichen, die durchs All treiben. Ich war stehen geblieben, hatte die Augen geschlossen und war vor Angst wie erstarrt. Ich wartete auf das Ende... Ich zählte die Herzschläge. Eins, zwei, drei, vier, aber das Ende kam nicht... und plötzlich erstarb das Kreischen von Metall, das Vibrieren, die Erschütterungen. Die Antaris lag still da. Nur das Keuchen der Überlebenden und das Stöhnen der Verletzten war zu hören, nur ab und zu ein Knistern von den explodierten Energierelais. Wir hatten überlebt.“
      Er hielt erneut inne. Die Erinnerung an den Zwischenfall hatte ihn aufgewühlt und seine Hände zitterten.
      „An die Zeit nach dem Zwischenfall erinnere ich mich nur verschwommen. Es ist als hätte sich ein Schleier über diese Erinnerungen gelegt. Wir alle waren wie in einem Schockzustand. Wir verdrängten die Schrecken, die Schreie der Verwundeten, die Bilder der verbrannten und zerschmetterten Körper der Toten. Wir versuchten die Schäden notdürftig zu reparieren und taten unsere Pflicht. Nach ein paar Tagen berief der Captain eine schiffsweite Konferenz ein, um uns über unsere Lage zu informieren. Das Bild das er zeichnete war furchtbar. Wir waren gestrandet. Die Scanner der Antaris konnten unsere Position nicht ermitteln und auch unsere Astronomen hatten keine Ahnung wo wir uns befanden, denn sie konnten keine der bekannten Sternkonstellationen oder Fixsterne identifizieren. Fest stand nur, wir waren verdammt weit weg von zu Hause und der Kontakt zur Allianz war abgebrochen. Wir hatten unser Ziel verfehlt und ein für das Terraforming geeigneter Planet war in Scannerreichweite nicht zu ermitteln. In Anbetracht unserer begrenzten Energiereserven und Vorräte ein sicheres Todesurteil...
      Der Captain hatte mit seinen Führungsoffizieren die Lage besprochen. Alle waren der Meinung, dass wir den Graviton-Antrieb nicht noch einmal verwenden sollten, also war eine Rückkehr zu Erde ausgeschlossen, selbst wenn die Astronomen noch ermitteln könnten in welcher Richtung sie überhaupt lag.
      Unsere beste Chance wäre es, so der Captain, den Energieverbrauch so weit wie möglich zu drosseln und nach einem bewohnbaren oder terraformbaren Planeten zu suchen. Er führte aus, dass die Wachmannschaften nach Abschluss der wichtigsten Reparaturen auf ein Minimum verkleinert würden, um die Energie für die Lebenserhaltung nicht bemannter Sektionen zu sparen. Den Berechnungen des Chefingenieurs würden unsere Energiereserven so für etwa 100 Jahre reichen. Ohne diese Maßnahmen wären sie in nur 24 Monaten aufgebraucht. Der Captain sagte, mit etwas Glück würden wir in dieser Zeit einen bewohnbaren Planeten finden. Dann wurden die Wachschichten verlost. Ich war schon immer schlecht im Losen...“
      Drothers saß vor dem Kontrollpult und ließ seinen Blick erneut über die Kryoeinheiten schweifen. Über die Hälfte der Zeit war schon um, einen bewohnbaren Planeten hatten sie bisher noch nicht gefunden... Zweimal während seiner Wachschichten hatte der Computer einen Alarm ausgelöst. Dann hatte er einen Teil der Brückencrew aus dem Kryoschlaf geweckt und sie hatten Kurs auf die Planeten genommen. Doch als sie in die Reichweite der Feinscanner gekommen waren, wurden ihre Hoffnungen wieder zerschlagen. Zu hohe Strahlungswerte, tektonische Instabilität, Hypergravitation, die Planeten waren für den Terraforming-Prozess ungeeignet. Die vermeintlichen Rettungsinseln im Meer des Universums hatten sich gleich einer Fata Morgana in Luft aufgelöst, als sie sie fast erreicht hatten.

      Er rief am Kontrollpult eine Bilddatei aus seinen persönlichen Daten auf. Ein Foto von sich und Lizzy, sie waren auf einem dieser nostalgischen Jahrmärkte gewesen und gemeinsam auf einem Karussell gefahren. Lizzy hatte gelacht und ihre Locken flogen im Fahrtwind hin und her. Er lächelte, als er an die glücklichen Zeiten zurückdachte.
      „Ach Lizzy, ich vermisse dich so. Hätte ich doch nur auf dich gehört.“ sagte er zu dem Bild, als könne es ihn hören, und berührte es zärtlich. „Als du gesagt hast, dass dieser Job zu gefährlich wäre, dass dir Karriere und Geld nicht wichtig seien, dass du kein größeres Haus brauchen würdest, um glücklich zu sein... Aber ich war so dumm, so ehrgeizig, so abenteuerlustig... Und du warst bereit mir in diesen Wahnsinn zu folgen. Ich bin so froh, dass du es nicht getan hast und zu Hause geblieben bist. Wenn du mitgekommen wärst und jetzt auch in dieser Hölle gefangen wärst... Ich würde mir das nie verzeihen...“ Wieder spürte er, wie seine Augen feucht wurden... „Ich...“

      DWIUU- DWIUU- DWIUU- DWIUU- DWIUU- DWIUU!

      „Planet entsprechend der eingegebenen Parameter im Scannerbereich detektiert.“ Meldete die Frauenstimme des Bordcomputers über das Heulen der Sirene hinweg. Drothers wurde aus seinen Gedanken gerissen und schaute auf. Zunächst blickte er ausdruckslos auf die blinkenden Anzeigen seines Kontrollpultes, fast als würde er gar nicht sehen, was da stand, denn sein Gehirn sagte ihm, dass es vermutlich auch diesmal wieder nur ein falscher Alarm sein würde. Dennoch... er spürte, wie sich die Hoffnung in ihm regte und schon klopfte ihm das Herz bis zum Hals und eine wilde Mischung aus Angst und Euphorie spülte über ihn hinweg.
      Schnell, fast hektisch initiierte er die Aufwach-Sequenz für die Kryoeinheiten 02A Untereinheiten 03 bis 15-Alpha, in denen die zuständige Brückencrew lag. Dann machte er sich auf den Weg zur Brücke. Er merkte, dass er am ganzen Körper zitterte, dass seine Knie so weich waren, dass er bei jedem Schritt schwankte und ihm schwindelig war vor Aufregung. Als er die Brücke erreicht hatte, hielt er am Schott kurz inne. Er atmete tief durch.
      „Beruhige dich, Drothers, erwarte nicht zu viel.“ sagte er beschwichtigend zu sich selbst. Wahrscheinlich ist es nur ein weiterer falscher Alarm. Wenn sich der Schott öffnet, werden die visuellen Scanner doch nur wieder einen öden, schwarzen, lebensfeindlichen Steinklumpen zeigen.
      Er öffnete die Augen, atmete noch einmal tief durch und öffnete den Schott mit seinem I-M.
      Und da war er, der Planet. Strahlend blau leuchtete die visuelle Übertragung vom Hauptbildschirm der Brücke, durchzogen vom zarten Weiß sanfter Wolken und unterbrochen vom leuchtenden Grün einer üppigen Vegetation.
      Drothers fühlte sich wie betäubt. Er konnte nicht glauben, was er da sah. Langsam, wie ein Schlafwandler, betrat er die Brücke und näherte sich dem Bildschirm. Er wagte nicht zu blinzeln, denn er hatte Angst, dann würde er aufwachen und dieser wundervolle Anblick wäre wieder verschwunden.
      Die neue Heimat. Der Gedanke zuckte wie ein Blitz durch seinen Kopf. Er legte seine zitternde Hand auf die kühle, elektrisch knisternde Oberfläche des Bildschirms, als könne seine Berührung diese neue Hoffnung doch noch als Trugbild entlarven. Doch das Bild blieb unverändert. Der Planet war tatsächlich da. Drothers spürte, wie seine Knie weich wurden und unter ihm nachgaben. Er sank zu Boden, fühlte Tränen über seine Wangen rinnen. Er spürte wie tiefe, glückselige Schluchzer seinen Körper schüttelten. Heimat...
      "Die Leichen der Euren werden genügen diese Ebene in Calislad, die Knochenebene, zu verwandeln. Ich sage euch noch einmal: geht!, hier und zwischen diesen Bäumen wartet nur der Tod auf euch.“
    • Cooler Text, hat mich grade zum Ende hin richtig reingezogen :thumbup: !
      Die hoffnungslose und resignierte Stimmung kommt gut rüber, man kann Drothers gut verstehen.
      Ich persönlich schaue natürlich immer die ganzen astronomischen Sachen. Soweit ist alles ganz gut und logisch, eine Sache irritiert mich ein bisschen: die Planetensuche
      Ich gehe mal davon aus, dass das Scansystem immer nur ein oder wenige Systeme beobachten kann und sich alle hintereinander vornehmen muss. Das erklärt auf jeden Fall die lange Suchdauer und ist auch soweit plausibel. Denn um Planeten zu entdecken muss man ein System über längere Zeit betrachten (zumindest mit den heute verwendeten Methoden), also mindestens ein, zwei Umlaufperioden des jeweiligen Planeten. In dieser Zeit wäre allerdings auf jeden Fall schon recht früh der Trend erkennbar. Bis aus dem Trend die Gewissheit wird, dass es sich um etwas Bewohnabres handeln könnte, vergeht dann eben etwas Zeit. Für die Schiffsleitung wäre es deshalb wohl logisch, die Astronomen regelmäßig hoffungsvolle Trends untersuchen zu lassen, sodass jedes potentielle Ziel sich eher langsam haerauskristallisiert. Dass ein Planet bei einem Scan "plötzlich" auftaucht halte ich deswegen für unwahrscheninlich. Aber dramaturgisch ist das natürlich die schönere Variante ;)
      Dann noch: Wie viele Lichtjahre kann das Schiff bis zu einem potentiellen Ziel noch fliegen? Ich gehe nicht davon aus, dass man das Graviton-Dings nochmal nutzen will, hat man dann überhaupt genug Treibstoff für "normale" Reisen dabei?
      Wie viele Leute sind noch auf dem Raumschiff? Ein paar hundert?

      Zum Schluss noch eine Anmerkung: Müsste das ursprüngliche Ziel nicht G414 heißen? Damit Gaia rauskommt? :pfeif:
      Zwei gesichtslose Tintenfische tanzen in den Tod

      Fragen stellen ist wichtiger als Antworten geben. Meistens...
    • Auf die Frage seid ihr ja bestimmt gefasst, aber: steht diese Welt noch im Bezug zum "alten" Gaia?
      Zum Gaia mit den Nelkins und Cha'Iru und Manakristallen und den geheimen Kulten?
      Willkommen im Kreis der willfährig leichtgläubigen und begeistert abseitigen Phantasten. --- Entropie
    • @Alpha:
      Danke für das Lob! :)
      zum Astronomischen... Da ich eigentlich keine Ahnung davon hab, wie man Planeten entdeckt und untersucht, hab ich mir das Ganze eher so StarTrek technich vorgestellt. Das Schiff fliegt so ala Voyager vor sich hin und untersucht die Systeme, an denen es vorbei kommt... Allerdings könnte ich die entsprechende Stelle auch umschreiben, so dass der Computer meldet, das die Untersuchung eines Systems abgeschlossen ist und ein potentiell geeignerter Planet gefunden wurde.

      Zu deinen anderen Fragen:
      Über die genaue Treibstoffmenge und Reichweite hab ich mir keine Gedanken gemacht. Da es aber essentiell ist, dass die Antaris bei dem Planeten ankommt, sag ich einfach mal, der Sprit reicht ;)

      Auf der Antaris befinden sich einige hundert Besatzungmitglieder. Die meisten davon im Kryoschlaf. Außerdem befinden sich noch eine Menge Leute als Datensammlung mit an Bord, d.h. ihre DNA-Muster sowie ihre Gehirnmuster sind eingelagert und die Personen können in Bioplottern wieder... nachgebaut werden.

      Zum Schluss noch eine Anmerkung: Müsste das ursprüngliche Ziel nicht G414 heißen? Damit Gaia rauskommt? :pfeif:

      Ja, also... nun... *rumdrucks* ja, müsste es... das sind die peinlichen Fehler. ;)

      @Merlin:
      Ja, das tut sie. Diese Geschichte spielt Tausende Jahre vor der Gaia-Jetztzeit. Dazwischen liegen die Besiedelung des Planeten, das Auftauchen der Cha'Iru, ein globaler Krieg mit einer Apokalyptischen Biowaffen-Katastrophe und der Neuentstehung von Kulturen aus den wenigen Überlebenden der Apokalypse.
      "Die Leichen der Euren werden genügen diese Ebene in Calislad, die Knochenebene, zu verwandeln. Ich sage euch noch einmal: geht!, hier und zwischen diesen Bäumen wartet nur der Tod auf euch.“
    • Kleiner Kommentar zur Geisterstund. ;)

      Erst mal vorweg ein großes Lob. Du schaffst es sehr gut die bedrückende Stimmung aufzubauen. Der Charakter wirkt echt, seine Gefühle nachvollziehbar. Solche Kurzgeschichten lese ich sehr gerne. :) Das Gros finde ich also toll, blöd wenn dann Anmerkungen länger wirken. Außer ich würde zu jedem einzelnen Abschnitt was schreiben. %-)

      Meine Anmerkungen betreffen einzig den Anfang und Kleinigkeiten am Ende.
      So mancher schreibt gerade am Einstiegen immer wieder rum, bis sie/er auch nur halbwegs damit zufrieden ist. Die ersten zwei Absätze zogen mich noch nicht in die Geschichte hinein, obgleich ich erkannte, was du vermitteln willst. An sich nur Kleinigkeiten, und evtl. auch nur meinem eigenen Empfinden entsprungen. Sei es die massive Anhäufung von Adjektiven (?) direkt im zweiten Satz. Oder der direkte Einstieg mit "Er ...". (Eventuell aus der Ich-Perspektive erzählen und/oder erst erste Eindrücke der Umgebung vermitteln?) Oder das im dritten Satz eine eher distanzierte Beschreibung gegeben wird, anstatt den Protagonisten seine Frau betrachten zu lassen. Oder das im zweiten Absatz aus einer fließenden Bewegung (er stand auf und ging zu ihr rüber) im Anschlusssatz übergangslos in eine starre Position gewechselt wird (Er stand hinter ihr). "Sanft schlang er seine Arme um ihre Taille", würde imho runder klingen.

      Am Ende entdeckt der Bordcomputer einen potentiellen Kandidaten, nachdem zwei Vorangegangene sich als Nieten entpuppt hatten. Trotzdem wird es dem Mann schwindelig und er bekommt weiche Knie? Aufregung - klar, aber das wirkt im Zusammenhang etwas zu stark. Vielleicht eher ein vor Aufregung rebellierender Magen, dessen Säure brodelt o.ä. Das er ganz zum Schluss auf die Knie niedersackt, nachdem er die Welt vor Augen hat, passt hingegen sehr gut.


      Die neue Heimat. Der Gedanke zuckte wie ein Blitz durch seinen Kopf. Er legte seine zitternde Hand auf die kühle, elektrisch knisternde Oberfläche des Bildschirms, als könne seine Berührung diese neue Hoffnung doch noch als Trugbild entlarven. Doch das Bild blieb unverändert. Der Planet war tatsächlich da. Drothers spürte, wie seine Knie weich wurden und unter ihm nachgaben. Er sank zu Boden, fühlte Tränen über seine Wangen rinnen. Er spürte wie tiefe, glückselige Schluchzer seinen Körper schüttelten. Heimat...
      Wirklich Heimat? Nicht Hoffnung? Sicherlich willst du rüber bringen, dass hier nun die weitere Geschichte erst beginnt. Das Gaia nun gefunden wurde und dieser Moment den Grundstein legte. Doch all das kann der Techniker noch nicht wissen.
      Selbst jetzt noch müssten die Spezialisten diverse Sachen im Vorfeld überprüfen. Mag der Planet auf den ersten Blick auch wie ein Geschenk wirken, so existiert doch bereits Leben auf ihm, der die Kolonisierung stark behindern bis unmöglich machen könnte, falls die vorhandene Flora und Fauna sich als widerstandsfähiger u./o. aggressiver als die Irdische erweist. Die Gefahren einer Schattenbiosphäre sind nicht zu unterschätzen. Doch diesen letzten Aspekt könnte man zu Gunsten der Dramaturgie unter den Tisch fallen lassen, da vermutlich nur wenige durchschnittliche Leser von dem Thema gehört haben dürften.
      Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht doch hinter dir her sind! (Frei nach Terry Pratchett)

      Damokles-Sternenring - meine kleine Galaxie
      Rollenspiel-Anekdoten
    • Danke fürs Lesen und fürs Schildern der Eindrücke :)
      Einen Teil deiner Vorschläge werd ich mit Sicherheit einarbeiten.
      Das mit dem Begriff "Heimat" am Ende ist so eine Sache. Ganz glücklich bin ich damit auch nicht, aber Hoffnung ist mir schon ein Stückchen zu vage und unsicher... Der perfekte Begriff ist mir noch nicht eingefallen... Vielleicht sollte ich es als Frage formulieren...?
      "Die Leichen der Euren werden genügen diese Ebene in Calislad, die Knochenebene, zu verwandeln. Ich sage euch noch einmal: geht!, hier und zwischen diesen Bäumen wartet nur der Tod auf euch.“
    • So in der Art:
      "Der Widerstreit zwischen aufkeimender Hoffnung und Angst schnürte ihm die Kehle zu. Könnte sie es wirklich sein? Ihre neue ... Heimat?"

      Ja, die Idee mit der Heimat als Frage stellt eine gute Alternative dar. Da er Anfangs noch so lebendig von der tatsächlichen Heimat träumt, brächte eine einfache Frage all die Hoffnungen, aber auch die Ängste vor einer erneuten negativen Befundung, das Ganze mit wenigen Worten auf den Punkt.
      Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht doch hinter dir her sind! (Frei nach Terry Pratchett)

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    • Den Film dazu würde ich gerne sehen. ;D

      Obwohl ich weiß, dass es wohl dramaturgisch "so sein muss", habe ich allerdings ein kleines Problem mit der Art und Weise wie der Rückblick auf das Geschehene präsentiert wird. Warum erzählt er das erst jetzt, wo es doch alles schon eine Weile her ist? Oder hat ihn die Einsamkeit so verrückt gemacht, dass er die selbe Geschichte immer wieder und wieder in sein Tagebuch reinspricht, weil er sonst kein Thema mehr kennt, dass er ansprechen kann?
    • Richtig, es ist eine sehr lange Weile her. Ich verstand das so, dass er diese Zeit zum größten Teil im künstlichen Winterschlaf (ohne Träume) verbringe. Wie oft seine Schicht anbricht, darüber erhalten wir keine Information. 1x in X Jahren? Ad hoc fand ich leider keine Angaben zur Besatzungsstärke bzw. Anzahl der Überlebenden.

      Yelaja schrieb:

      Es war der fünfzehnte Tag seiner Schicht. Noch fünf weitere musste er überstehen, dann konnte er zurück in den Kryoschlaf und eine andere arme Ratte musste sich durch die verfluchte Leere der Antaris kämpfen. ...
      Das war jetzt 67 Jahre her. ... Lizzy würde jetzt fast 100 Jahre alt sein, eine Greisin.
      Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht doch hinter dir her sind! (Frei nach Terry Pratchett)

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    • Nemedon hat Recht. Die meiste Zeit hat Drothers im traumlosen Kryoschlaf verbracht. Daher ist er auch nicht bzw. kaum gealtert. Insgesamt hat er vielleicht 5 bis 6 Schichten hinter sich, d.h. 100 bis 120 Tage in fast vollständiger Isolation. Das private Log-/Tagebuch hat er aber nicht gleich am Anfang begonnen, sondern erst als der mentale Verfall immer stärker wurde und er gegensteuern wollte. Deshalb (und natürlich aus dramaturgischen Gründen) schildert er "erst jetzt" die Vergangenheit. Vermutlich hat er neben dem Führen des Tagebuchs auch noch andere Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben (vielleicht das Nachspielen berühmter Schachpartien gegen sich selbst ;)* ).

      *wer die Anspielung versteht kriegt einen virtuellen Keks
      "Die Leichen der Euren werden genügen diese Ebene in Calislad, die Knochenebene, zu verwandeln. Ich sage euch noch einmal: geht!, hier und zwischen diesen Bäumen wartet nur der Tod auf euch.“
    • RedScorpion schrieb:

      Mir gefällt der Text auch sehr gut , ich hätte gerne noch weiter gelesen :) Weißt du denn was mit der Erde passiert ist? Und was ist mit Lizzy geschehen?

      Freut mich, dass dir der Text gefällt :)
      Der Fokus des Geschehens liegt leider nicht wirklich auf der Erde. Es wird auch keine Rückkehr und keine Verbindung zur Erde mehr geben. Deshalb weiß ich darüber so gut wie gar nichts. Aber ich nehme mal an, dass Lizzy nach einer Phase der Trauer tatsächlich wieder eine neue Beziehung eingegangen ist und ein glückliches und erfülltes Leben gelebt hat. :)
      "Die Leichen der Euren werden genügen diese Ebene in Calislad, die Knochenebene, zu verwandeln. Ich sage euch noch einmal: geht!, hier und zwischen diesen Bäumen wartet nur der Tod auf euch.“
    • Nein, der hat damit nichts zu tun. Ist nur zufällig ein Element, das in beiden settings vorkommt. Bioplotter spielen auch im weiteren Verlauf der Geschichte keine große Rolle mehr.
      "Die Leichen der Euren werden genügen diese Ebene in Calislad, die Knochenebene, zu verwandeln. Ich sage euch noch einmal: geht!, hier und zwischen diesen Bäumen wartet nur der Tod auf euch.“
    • Yelaja schrieb:

      Vermutlich hat er neben dem Führen des Tagebuchs auch noch andere Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben (vielleicht das Nachspielen berühmter Schachpartien gegen sich selbst * ).
      Meinst du etwa die Schachnovelle von S. Zweig?
      :eyebrow: Keks?
      Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht doch hinter dir her sind! (Frei nach Terry Pratchett)

      Damokles-Sternenring - meine kleine Galaxie
      Rollenspiel-Anekdoten
    • Unglaublich, aber wahr... ich... habe... gebastelt... :o :booaaa:
      Es wurde wieder ein Flavor-Text geworden, diesmal aber zu einem viel späteren Punkt in der Gaianischen Zeitlinie, genauer gesagt, kurz vor dem Ausbruch des ersten Cha'Iru-Krieges.
      Zwei Paar winziger, violett schillernder Flügel bewegten sich rasend schnell auf und ab und hielten einen schwarzen, haarigen Insektenkörper in der Luft. Sie erzeugten dabei ein schrilles, surrendes Geräusch.
      Für einen kurzen Moment verschwamm alles andere vor ihren Augen und sie sah nur noch das kleine Tier, wie es zitternd, nach ihrem Blut dürstend in der Luft schwebte und nach einer Lücke in ihrer Kleidung suchte. Eine Perle salzigen Schweißes löste sich, rann langsam über ihre Stirn und verfing sich schließlich in den feinen Haaren ihrer rechten Augenbraue.
      Ein scharfes Knacken in ihrem Headset löste den Bann.
      „Vorhut hier Teamleader. Wie ist Ihr Status? Kommen.“
      Sie griff mechanisch an ihr Funkmodul und hielt den Sendeknopf für ihre Antwort gedrückt.
      „Teamleader hier Vorhut. Halte Position bei Checkpoint Bravo3. Kein Sichtkontakt zu den Aves. Kommen.“
      „Vorhut hier Teamleader. Haben Sie Anzeigen auf den Bioscannern? Kommen.“
      „Teamleader hier Vorhut. Negativ. Die Bioscanner sind überlastet. Es sind keine differenzierten Anzeigen verfügbar. Kommen.“

      Das kurze Schweigen ihres Vorgesetzten schien sich in der schwülen Hitze des Dschungels ins Unendliche zu dehnen. Ein schmerzhaftes Stechen an ihrem Hals verriet ihr, dass der kleine Blutsauger doch noch einen geeigneten Landeplatz gefunden hatte, und sie schlug beiläufig nach dem Tier.

      „Vorhut hier Teamleader. Rücken Sie zum Treffpunkt vor und sichern Sie das Gelände. Bleiben Sie wachsam. Ende.“

      Sie richtete den Blick wieder nach vorne und erhob sich langsam aus ihrer hockenden Position. Dann hob sie das Sturmgewehr in den Anschlag und setzte sich langsam in Richtung Treffpunkt in Bewegung. Unter ihren schweren Kampfstiefeln knackten die morschen Zweige des Waldbodens und kleine echsenartige Tiere flohen zur Seite.
      Vorrücken… Wenn das hier eine Falle war, dann würden Sie alle blindlings hineintappen. Wie hatte sich die Präsidentin nur auf ein Treffen in diesem verdammten Wald einlassen können? Ausgerechnet hier, wo die Bioscanner vollkommen nutzlos waren, weil es im gesamten Scannerbereich nichts gab, was nicht lebte. Sie waren praktisch blind.
      Sie fühlte sich wie ein verdammter Steinzeitmensch, der nur mit einem Knüppel bewaffnet durchs Unterholz stapfte.
      Plötzlich huschte etwas am Rande ihres Blickfeldes entlang. Sie wirbelte herum und starrte in das grüne Dickicht. Das Rauschen ihres Blutes übertönte die Geräusche des Waldes und ihr Herzschlag war zu einem donnernden Dröhnen geworden.
      Bumbum… Bumbum…
      Da war es wieder. Ein huschender Schatten zwischen den Bäumen.
      „Teamleader hier Vorhut. Möglicher Sichtkontakt. Kommen.“
      „Vorhut hier Teamleader. Nehmen Sie die Verfolgung auf und verifizieren Sie den Kontakt. Sie haben keine Schussfreigabe. Bestätigung. Kommen.“
      „Teamleader hier Vorhut. Ich nehme die Verfolgung auf, um den Kontakt zu verifizieren. Keine Schussfreigabe. Ende.“
      Wieder setzte sie sich in Bewegung, schob sich langsam durch das dichte Blattwerk der Dschungelvegetation. Noch immer hämmerte ihr Herz wild in ihrer Brust und ihr Atem ging stoßweise, als hätte Sie gerade ein Wettrennen hinter sich.

      Was würde passieren, wenn hinter dem nächsten Farnwedel, den sie zur Seite bog, wirklich ein Aves stand? Keine Schussfreigabe… was für ein Witz… Vielleicht sollte sie ihm stattdessen einfach mit ihrem Kampfmesser den Wanst aufschlitzen…
      Sie bog einen weiteren Ast zur Seite und erreichte eine kleine Lichtung, die ein mächtiger Baum in die Vegetation gerissen hatte, als sein morscher Stamm unter ihm zusammenbrach.

      Sie blickte über die Lichtung und blinzelte kurz gegen das helle Licht von Selun an, das sie nach dem Halbdunkel des Waldes blendete. Suchend streifte ihr Blick über die Lichtung.

      Wo bist du, kleines Vögelchen? Angestrengt musterte sie die Schatten am anderen Ende der Lichtung. Hatte sich da gerade etwas bewegt?
      Sie warf einen flüchtigen auf den Bioscanner, doch nach wie vor, waren so viele Biosignale vorhanden, dass das gesamte Display wie ein Silvesterfeuerwerk aufleuchtete. Nutzlos.
      Als sie den Blick wieder hob und langsam auf die Lichtung hinaustrat, sah sie ihn plötzlich. Der Aves. Seine hochgewachsene, unnatürlich schlanke Gestalt ragte zwischen den Zweigen eines Drachenfarns auf. Er war in einen eng anliegenden Anzug gehüllt, dessen schuppenartige Oberfläche in allen möglichen Grüntönen schillernde und ihn fast unsichtbar werden ließ. Seine Kopffedern waren hellblau und zu einem kunstvollen Zopf geflochten. Hinter seiner linken Schulter ragte der Griff eines schlanken Schwertes hervor und in seinen Händen ruhte ein Plasmagewehr. Aus meergrünen, kalten Augen starrte er sie an. Sie erstarrte, war einen Moment lang von dem intensiven Blick ihres Gegenübers wie gefangen. Dann, ohne den Blick abzuwenden, drückte sie den Sendeknopf ihres Funkmoduls.

      „Teamleader hier Vorhut. Bestätige Sichtkontakt. Stand by für weitere Instruktionen. Kommen.“
      Der Aves hatte sich nicht einen Millimeter bewegt, nicht einmal geblinzelt. Wie eine Statue stand er da und starrte sie weiter an.
      „Vorhut hier Teamleader. Geben Sie Ihre Position durch. Kommen.“
      Ein kurzer Blick auf das GPS-System. „Teamleader hier Vorhut. Ich befinde mich bei…“ Doch noch bevor sie den Satz beenden konnte, setzte sich der Aves blitzartig in Bewegung.
      „Stehen bleiben!! Sh’i’ta!!!“ Doch der Aves reagierte nicht und so blieb ihr nichts anderes übrig als ihm nachzujagen. „Teamleader hier Vorhut. Der Aves flieht Richtung Nord-Nord-Ost. Ich habe die Verfolgung aufgenommen.“
      Äste peitschten ihr ins Gesicht, als sie rücksichtslos durch den Urwald rannte. Sie durfte sich nicht abschütteln lassen und so stürzte sie weiter, die huschende Gestalt immer noch gerade so im Blick.

      Ihr Atem ging stoßweise und ihr Herz raste. Die Muskeln ihrer Beine begannen zu brennen, aber sie zwang sich weiter zu rennen und immer blieb der Aves uneinholbar, doch gerade noch in Sichtweite.

      Schweiß rann ihr in Strömen von der Stirn in die Augen und ihr Blick verschwamm kurz. Da verfing sich ihr Fuß in einer Ranke und bevor sie reagieren konnte, verlor sie, vom eigenen Schwung unbarmherzig vorwärts getragen, das Gleichgewicht und landete bäuchlings im Unterholz. Fluchend zerrte sie ihren Fuß aus der Umklammerung der Schlingpflanze und richtete sich in die Hocke auf. Ein kurzer Kontrollblick genügte, um zu sehen, dass ihr Sturmgewehr keinen Schaden genommen hatte. Sie wollte gerade aufstehen, als sie die kalte Berührung einer rasiermesserscharfen Ehonitklinge im Nacken fühlte. Ihr Atem stockte. Ganz langsam, immer der Berührung der tödlichen Klinge gewahr, drehte sie den Kopf nach hinten und wieder traf ihr Blick den unergründlichen, meergrünen Blick des Aves.
      Ihr Mund war trocken und sie spürte, dass ihre Hände zitterten. Noch immer pochte ihr Herz hämmernd in ihrer Brust, doch ihr Atem war nur noch ein flaches Schnaufen, so als wüsste ihr Körper instinktiv, dass selbst diese winzige Bewegung die Provokation sein könnte, die ihren Kopf kostete.

      „Mein Name ist Sergant Mirinna Lopez. Ich bin Mitglied der diplomatischen Delegation der Präsidentin der Vereinigten Terraninschen Föderation.“ Die Nerven bis zum Zerreißen gespannt, wartete sie auf eine Reaktion.
      „Thy’al shi t’hey a tu.“ Die melodische Sprache der Aves klang wie das fröhliche Zwitschern eines Vogels, aber auch ohne den Aves zu verstehen, wusste Mirinna aus Erfahrung, dass die Aves selten etwas Fröhliches zu sagen hatten.
      Als sie nicht reagierte, wechselte der Aves unter sichtbarem Unbehagen ins Terranische und was er zu sagen hatte, ließ Mirinna das Blut in den Adern gefrieren.
      „Ich erkenne deinen diplomatischen Status nicht an, Mensch.“ Der Druck der Klinge auf Miriannas Nacken verstärkte sich. Hecktisch überlegte sie. Ihre nächsten Worte könnten ihr das Leben retten… oder ihre letzten sein.

      „Wir sind auf Einladung von General L’ith Aa‘uya hier, um Verhandlungen über die Einstellung der Feindseligkeiten zu führen. Ich habe von meinem Kommandanten den Befehl, sie nicht anzugreifen und ich bin mir sicher, dass deine Befehle ähnlich lauten…“

      Ein Lachen wie der Triller einer Piccoloflöte stieg zwischen der saftig grünen, von Sonnenstrahlen durchbrochenen Urwaldvegetation auf.
      „Was weißt du schon von meinen Befehlen, Mensch? Vielleicht habe ich Befehl euch alle zu töten?“
      Mirianna zögerte kurz. Noch immer war sie in der Hocke, keine ihrer Waffen greifbar, zumindest nicht schnell genug, und das verfluchte Schwert drückte immer noch auf die Haut in ihrem Genick.
      „Und? Dann tötest du mich jetzt also und danach den Rest meiner Leute?“ fragte sie verbittert.

      Er kam etwas näher, beugte sich zu ihr herunter und schob dabei die Ehonitklinge weiter in Richtung von Miriannas Halsschlagader.

      „Ith’ai yu’te. - Ihr seid doch schon alle tot.“
      "Die Leichen der Euren werden genügen diese Ebene in Calislad, die Knochenebene, zu verwandeln. Ich sage euch noch einmal: geht!, hier und zwischen diesen Bäumen wartet nur der Tod auf euch.“
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