WB-Adventskalender 2017

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    Vom 28.9.-1.10. findet das Weltenbastlertreffen im Feriendorf am Burgensteig in Nentershausen statt. Zur verbindlichen Anmeldung geht es hier lang.

    Neulinge sind wie immer höchst erwünscht und wir freuen uns euch kennenzulernen!


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      Das einundzwanzigste Türchen hat Meerblick. Der Himmel ist klar, böiger Wind schiebt bunte Blätter über die Wege und Straßen. Eine Gruppe von Männern und Frauen im Blaumann eilt durch das Türchen und steigt auf die beiden stadtbeherrschenden Gerüste.



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      Winteranfang


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      Es war Baustelle in Findlingen am Nimmermeer. Zwei riesige Gerüste umspannten die beiden Wolkenfabriken, und es war ein großes Pech, dass diese wundervollen Maschinerien jetzt gerade defekt sein mussten. Natürlich, die meisten Leute konnten dem resultierenden wolkenlosen Herbsttag durchaus einiges abgewinnen, aber eigentlich stand der Jahreszeitenwechsel an und es war zu hoffen, dass er nicht verschoben werden musste.
      Schon der Herbst hatte einen Tag verspätet angefangen, damals war der Thermostat kaputt gewesen. Manche munkelten entsprechend, die Jahreszeitenwechsel wären von nun an im Sektor acht immer einen Tag später als bisher. Aber das Uhrvolk bemühte sich nach Kräften, die Wolkenfabriken zu reparieren, sie hatten es immerhin schon vor ein paar Tagen bemerkt und waren entsprechend mit den Reparaturen früher dran als zu Herbstbeginn mit den Reparaturen des Thermostats.
      Wanda schlängelte über die Uferpromenade und löffelte aus einem Pappbecher heiße Kürbissuppe. Es war Föhnwetter, auch wenn das nur eine Notlösung war, denn eigentlich sollte Nieselregen und später sogar Schneeregen sein, aber ohne Wolken ging das nicht. Eigentlich wollte Wanda sich auch mit ihren Freundinnen in der Altstadt auf ein paar gebackene Mäuse treffen, aber das ging auch nicht. Dominique nutzte daheim das Föhnwetter, um den schon wieder eingefrorenen Mauszeiger aufzutauen, und Annabelle war natürlich auf dem Gerüst beschäftigt. Also schlängelte Wanda an der alten Hauptstraße vorbei und begab sich in den Lesesaal der Universitätsbibliothek. Wenn sie schon alleine war, dann konnte sie auch Moderne Botanomantik lernen.
      Am Eingang musste sie normalerweise ihren Studentenausweis zeigen, diesmal allerdings war ihr Studienkollege Fred der Türsteher und er kannte sie natürlich. Sein halbelfisch spitzes rechtes Ohr stellte sich auch erfreut auf, als er sie sah, das runde linke verständlicherweise nicht, und er winkte sie einfach vorbei. Aus dem Botanomantikregal ragte bereits ein langer Tentakel des Bibliothekswesens und reichte Wanda genau das Buch, das sie heute durchackern wollte. Das Bibliothekswesen wusste immer genau, wer welches Buch brauchte, und wenn ein Student einmal beim Lernen zu sehr übertrieb, dann nahm es das Buch auch einfach kurzerhand wieder weg und legte stattdessen ein Witzebuch auf den Tisch. Gar so intensiv gedachte Wanda allerdings nicht zu lernen, sie lag mit ihrem Prüfungsstoff wirklich sehr gut in der Zeit.
      Sie legte das Buch vor sich auf dem Lesetisch ab, links davon den schon fast leeren Pappbecher inzwischen lauwarme Suppe.
      Es stand zu hoffen, dass in der Prüfung nicht ausgerechnet die unübersichtlichen Diagramme zur Zucht und Kreuzung der Nutzpflanzensorten abgefragt würden, sondern die theoretische Basis darunter. Lieber beschäftigte Wanda sich mit Vererbung, als dass sie tatsächlich Stammbäume auswendig lernte, zumal welche mit überaus ungewöhnlichen Querverbindungen und seltsamen Schleifen. Die Moderne Botanomantik eröffnete ja reichlich Möglichkeiten, die die alten Bauern nicht gehabt hatten.
      Aber wenigstens ein Beispieldiagramm sollte Wanda sich gut einprägen. Die Formulierung "Erläutern Sie beispielhaft ..." war bei Professoren immerhin sehr beliebt. Vielleicht die Entwicklung des Winterapfels, dieses Diagramm enthielt die verschiedensten botanomantischen Techniken und zudem auch klassische Zuchttechniken, es war somit ohne Zweifel gut als Beispiel für fast alles geeignet.
      "Es regnet!", schrie plötzlich Fred durch den bisher geschäftig stillen Lesesaal.
      Wanda schnellte hoch und eilte zum Ausgang, wo sie sich prompt mit hundert anderen Studenten verkeilte. Es dauerte etwas, bis sich das Durcheinander auflöste und es Wanda ins Freie schaffte.
      Es regnete tatsächlich, bester Nieselregen fiel aus grauverhangenem Himmel. Definitiv war also mindestens eine der Wolkenfabriken repariert, vermutlich sogar beide, denn die Wolkendecke war schon erstaunlich dicht. Es fehlten aber noch die niedrigeren Wintertemperaturen - und die änderten sich gerade spürbar.
      Leichtes Frösteln ging in echtes Frieren über, bald konnte Wanda schnell schmelzende Flocken sehen. Und dann langsam schmelzende Flocken. Und dann blieben die ersten Flocken liegen.
      Die Studenten reckten ihre Hände hoch und brachen in lautstarken Jubel aus.

      Es war Winter!


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      Das zweiundzwanzigste Türchen ist in eine hohe Mauer gefügt und sieht überaus dick und stabil aus. Glücklicherweise öffnet es sich von alleine.



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      Die Prüfung Teil 1
      Der Mürrische, der Bärtige und der Gefährliche


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      Gislans Aufregung wuchs, falls das überhaupt möglich war, noch einmal sprunghaft an, als er das Quartier am Ende der Straße, ganz am Rand der Vorstadt, erblickte. Er hatte schon ein paar Mal – immer, wenn er in Gilvalac gewesen war - davor gestanden. Er hatte sich vorgestellt, wie es wohl sei, dort hineinzugehen, dazu zu gehören. Obwohl er jeden Stein, jedes Fenster, jeden Ziegel zu kennen glaubte, wirkte es nun größer und irgendwie besonders. Vermutlich hing es mit seiner Nervosität zusammen, dachte Gislan, als er darauf zuging.
      Denn das Hauptquartier der Drachenjägergruppe in der Hauptstadt Searlacs hatte sich seit seinem letzten Besuch offenkundig nicht verändert. Es bestand weiterhin aus einer Ansammlung von einfachen Häusern, Ställen und Werkstätten, die sich locker um einen großen ummauerten Hof versammelt hatten wie eine Schar Drachenjunge um den Mutterdrachen. Hof und Häuser waren von einer hohen Mauer umgeben, der ein Graben vorgelagert war. Eine Holzbrücke führte über den Graben zu einem schweren Tor, das zu durchbrechen eines Belagerungsarsenals – oder eines Drachens – bedurft hätte. Vor drei Tagen waren die Drachenjäger zurückgekehrt, es war das Thema in der Stadt gewesen. Gislan war seit zwei Wochen in der Stadt und hatte täglich mit der Rückkehr der Gruppe gerechnet. Gerüchte über Kämpfe machten die Runde und die verspätete Ankunft befeuerte sie noch weiter. Gislan überquerte die Brücke, hielt vor dem Tor inne, holte tief Luft und betätigte den schweren Türklopfer. Er wartete.
      Ihm war heiß und kalt zugleich und je länger er wartete, desto weicher wurden seine Knie. Endlich war der Tag gekommen, der Tag, an dem er sich bei den Drachenjägern bewerben wollte. Er konnte sich nicht erinnern, jemals von etwas anderem geträumt zu haben. Er wartete, fragte sich, ob er erneut klopfen sollte oder nicht. Würde es zu ungeduldig, zu quengelig wirken? Oder selbstbewusst das Kommen eines jungen Mannes ankündigen, der wusste, was er wollte und keine Zeit mit unnötigem Herumstehen verschwenden wollte? Er wartete.
      Unzählige Male hatte er sich diesen Moment ausgemalt, überlegt, was er sagen würde, was er fragen sollte, wie er die Ernsthaftigkeit seines Anliegens beweisen könne. Kein einziges Mal war ihm der Gedanke gekommen, dass er schon daran scheitern könnte, überhaupt vorstellig zu werden. Freilich, Drachenjäger waren ein sehr eigenwilliger und eigenmächtiger Haufen. Dessen war er sich vollauf bewusst, denn er hatte es im Buch seines Vaters gelesen. Zu sagen, er habe das Buch gelesen, war so, als würde man sagen, von Lava übergossen zu werden, sei warm. Sein Vater hatte das berühmteste – und derzeit einzige aktuelle – Buch über die Drachenjäger geschrieben, das es gab. Gislan hatte damit Lesen gelernt und das Buch seither so oft verschlungen, dass er es im Grunde auswendig konnte. Er gedachte, die Drachenjäger mit seinem profunden Wissen zu beeindrucken und so von ihnen aufgenommen zu werden. Er klopfte erneut und wartete. Es schien eine weitere Ewigkeit zu vergehen, bis er Schritte auf der anderen Seite des Tores vernahm. Eine Stimme in seinem Kopf, die er als die Stimme der Vernunft erkannte, widersprach und meinte, er habe wohl höchstens fünf Minuten gewartet.
      Das Guckfenster im Tor wurde geöffnet und gab den Blick frei auf einen quadratischen Ausschnitt eines mürrischen Gesichts.
      „Wer bist du und was willst du?“, fragte das Gesicht und versuchte anscheinend, Gislan durch ausgiebiges Starren zu verscheuchen. Gislan spürte, wie er rot anlief.
      „Ich heiße Gislan a Erkhénvald und möchte mich als Drachenjäger bewerben“, sagte er. Er freute sich, stotterfrei einen ganzen und vernünftigen Satz herausbekommen zu haben. Das mürrische Gesicht starrte weiter und erwiderte: „Und ich bin Sisi und möchte Kaiserin von Nazcenor werden.“ Dann war das Gesicht verschwunden und das Guckfenster schlug laut zu. Einen Moment lang starrte Gislan auf das sonnengebleichte Holz des Tores und versuchte zu verstehen, was gerade passiert war. Ein Gefühl kroch langsam in ihm hoch, vom Magen in die Brust, in den Hals. Es war nicht nur Enttäuschung und Verwirrung, nein es war hauptsächlich Wut. Wie konnte dieser Kerl es wagen, ihn so einfach abzuwimmeln, als sei er ein dummer kleiner Junge? Er hatte ein Recht darauf, angehört und geprüft zu werden. Würde er an der Prüfung scheitern, wäre das zwar bitter, aber dann könnte er akzeptieren, dass sie ihn rauswarfen. Aber das? Einfach so?!
      „He!“ rief er und spürte, wie sein Zorn sich Luft machte. „He, Glotzkopf! Komm zurück! Ich bin noch nicht fertig!“ Er hämmerte wild an das Tor. Ehe er reagieren konnte, wurde das Tor aufgerissen und Gislan wurde mitgezogen, seine Hand noch fest um den Türklopfer geschlossen. Eine Hand packte ihn grob am Hals und schleuderte ihn zu Boden. Sein Kopf schlug leicht auf dem Boden auf. Als Gislan wieder geradeaus gucken konnte, sah er auf die Spitze eines Schwertes, das auf seine Brust gerichtet war. Am Schwert hing ein Arm und der Besitzer des Armes war auch Eigentümer des mürrischen Gesichtes. Die dunklen Augen starrten wieder, brannten sich in Gislans Gesicht. War ihr Blick vorher unangenehm stechend gewesen, fühlte er sich nun an, als würden sich Dolche in seinen Kopf bohren.
      „Wenn der Herr jetzt geruht fertig zu sein, wäre ihm ein einfacher Mann sehr dankbar, denn der einfache Mann ist bereits fertig mit ihm. Mit ihm und diesem ganzen Scheißladen hier!“ Die Schwertspitze vibrierte vor unterdrücktem Zorn. Gislan war so perplex, dass ihm die Sprache wegblieb. Er versuchte, langsam rückwärtskriechend von dem Schwert wegzukommen.
      „Lass den Jungen in Ruhe“, sagte eine tiefe Stimme. Der mürrische Mann sah auf zu jemandem, der irgendwo hinter Gislan stand. „Der Kerl hat mich genervt“, sagte er und deutete mit der Schwertspitze auf Gislan. „Alles nervt dich. Der Junge hat damit nichts zu tun. Lass ihn“, erwiderte die Stimme, unnachgiebig wie Stahl. Der Mürrische warf Gislan einen Blick zu, als hätte er ihm gerne eine Tracht Prügel verpasst, zuckte mit den Schultern und steckte sein Schwert weg. „Wie du meinst“, sagte er betont gleichgültig. „Dann kannst du dich ja mit ihm rumärgern.“ Er wandte sich ab und stapfte über den Hof davon. Gislan mühte sich auf die Beine und sah nach dem Besitzer der tiefen Stimme.
      Der Mann sah aus, als könne er über eine solche Stimme gebieten. Groß, breit, bärtig. Er stand ein Stück von Gislan entfernt, als sei er gerade aus dem Haupthaus gekommen. Ein Lächeln teilte seinen Vollbart. „Alles klar, Junge?“
      „Äh, ja.“ Gislan hatte sich nicht verletzt. Er sah dem Mürrischen nach, der in einem Nebengebäude verschwand. „Was sollte das?“, fragte er.
      „Wir wurden angegriffen, als wir auf dem Weg hierher waren. Seinen Bruder hat’s erwischt.“ Der Bärtige zuckte mit den Schultern. „Jetzt hat er kalte Füße. Er wird abhauen.“ „Oh“, sagte Gislan. Der Bärtige streckte ihm eine Hand wie eine Bärenpranke entgegen. „Caduac“. Gislan ging zu dem Mann und schlug ein, der Händedruck war fest, aber nicht unangenehm, wie er erwartet hatte. „Gislan a Erkhénvald.“ Caduac nickte. „Was willst du?“, fragte er ohne Vorrede. Gislan wusste aus dem Buch seines Vaters, dass Drachenjäger direkte Menschen waren, keine Zeit für Floskeln. Ihr Leben bot keinen Spielraum für das schnörkelige Hin und Her der feinen Gesellschaft.
      „Ich will Drachenjäger werden“, sagte er und sah Caduac direkt ins Gesicht. Der Bärtige ließ ein Schnauben vernehmen, von dem sich nicht sagen ließ, ob es belustigt war oder ein unterdrücktes Husten. Gislan wartete. Er wusste, wenn ihm auch nicht klar war, woher, dass Caduac wichtig war.
      „Wieso?“, fragte Caduac schließlich. Auf diese Frage hatte sich Gislan lange vorbereitet. „Also erstens weil ich Drachen faszinierend finde“, sagte er. „Zweitens will ich nicht in einen der Orden eintreten. Ich hab’s nicht so mit strengen Regeln und Beten und so.“ Er grinste. „Und drittens wollte ich das schon immer werden.“ Er ließ seinen Vater und das Buch unerwähnt. Er wollte nicht als verträumtes Söhnchen wirken. Caduac machte eine wegwischende Handbewegung. „Klar. Das hör ich jedes Mal. Ich frag dich nochmal: Wieso? Wieso glaubst du, dass wir dich brauchen könnten?“ Gislan stieg die Hitze ins Gesicht. Die Frage brachte ihn etwas aus dem Konzept. Er sah kurz zur Seite, seine Gedanken rasten, suchten, fanden, verwarfen, suchten, fanden. „Ich weiß viel über Drachen und über euch“, sagte er schließlich und konnte eine Spur Trotz in seiner Stimme nicht verhindern. „Woher?“, fragte Caduac. Seine Augen bohrten sich in Gislan. Hatten alle Drachenjäger dieses Starren gelernt? Er straffte sich und sagte: „Mein Vater hat ein Buch über eure Gruppe geschrieben. Über eure Arbeit, über Drachen. Ich kann es praktisch auswendig.“ Stolz schwang in der Behauptung mit. „Dein Vater?“, hakte Caduac nach. „Archibald a Erkhénvald, er lebt bei Bilunto“, sagte Gislan. „Kenn ich nicht“, meinte Caduac grübelnd und kratzte sich am Bart. „Wann war das?“ „Er war vor etwa zwanzig Jahren hier“, sagte Gislan, unangenehm von dem Gedanken berührt, dass dies ziemlich exakt seiner eigenen Lebensspanne entsprach. Caduac brummte. „Das war vor meiner Zeit. Ich bin seit vierzehn Jahren dabei.“ Er machte eine Pause.
      „Wir haben Leute verloren, wohl wahr“, sagte er. „Jemand mit Sachverständ wäre uns gelegen. Aber du bist ein Grünspan. Du hast noch nie gekämpft, du lebst das weiche Leben der Städter. Und was auch immer dein Vater geschrieben hat, das wahre Wissen muss man erleben. Komm wieder, wenn du ein Mann bist.“ Caduac wandte sich in Richtung Eingangstor. Gislan war wie vor den Kopf gestoßen. „Aber das geht nicht!“, protestierte er und hasste den kindlichen Klang seiner Stimme. Caduac sah ihn unerwartet mitfühlend an. „Doch, Junge, das geht. Wir brauchen erfahrene Männer, die wissen, worauf sie sich einlassen. Tu dir selbst und uns den Gefallen. Du würdest dich nur umbringen lassen und uns gleich mit.“ Er schob ihn auf das Tor zu. Gislan überlegte, was er erwidern konnte. Es musste etwas geben, irgendetwas. Warum fiel ihm nur nichts sein? Er musste etwas sagen, aber was nur? Caduac schob ihn immer weiter zum Tor, wie ein Ochse, der einen Pflug zog.
      Im Tor stand ein Mann, als sei er soeben dort aus dem Boden gewachsen. „Seit wann lasst ihr das Tor offen stehen?“, bellte er. Seine Stimme war unangenehm. Caduac hielt inne. „Da hört man übelste Gerüchte von Angriffen und will nach seinen alten Kameraden sehen und was findet man? Ein offenes Tor, keine Wachen und einen griesgrämigen Kerl, der nen Knaben im Hof betatscht!“, fuhr der Mann schneidend fort. Caduac nahm langsam die Hand von Gislans Schulter. Seine Körperhaltung verriet Anspannung. „Noridas“, sagte er. Es klang, als würde ein Steinquader auf dem Boden aufschlagen.
      „Stets derselbe“, erwiderte der Mann im Tor mit einem raubtierhaften Grinsen und trat ein. Als er aus dem Schatten des Torbogens trat, konnte Gislan seine Züge genauer erkennen. Er war älter als Caduac, sicherlich Ende vierzig. Er war sehnig, zäh, irgendwie wie Leder. Sein Haar war dunkelgrau, strähnig und ungewaschen. Sein linkes Ohr fehlte, Haar war über die Stelle gekämmt. Seine Augen blitzten schnell hin und her, schienen alles zu erfassen, jede Person, jeden Gegenstand, jede Ecke, jeden Schatten. Gislan schauderte unwillkürlich. Der Mann namens Noridas strahlte Gefährlichkeit aus, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte.
      Der Gefährliche stand nun auf dem Hof, als sei es seiner und musterte Caduac von Kopf bis Fuß, als sei der der Grünspan und nicht Gislan. Caduac schwieg. Plötzlich lachte Noridas laut auf. Anerkennend schlug er Caduac auf die Schulter. „Du hast dich gut gehalten, Junge. Kein Wanst, kein Fett, alle Körperteile, wo sie hingehören.“ Caduac grinste. „Wollte dich ja nicht in allem nachahmen“, sagte er. Gislans Blick huschte zum fehlenden Ohr. Doch Noridas lachte nur noch lauter und legte einen Arm auf Caduacs Schultern. „Nein, das wolltest du nie“, stimmte er zu. Auf einmal wurde er ernst. „Sonst wärst du damals mit mir gegangen.“ Caduacs Miene verschloss sich bei dem abrupten Themenwechsel. Gislan hatte das Gefühl, als müsste er wissen, worum es ging, aber er kam einfach nicht darauf. Sein ganzer Körper kribbelte, als der Gefährliche seinen huschenden Blick auf Gislan richtete. „Und der da?“, fragte er an Caduac gerichtet. „Dein Neuer?“ Caduacs Miene wurde noch grimmiger und Noridas lachte laut und kurz auf. Es war kein fröhlicher Ton. „Der will Drachenjäger werden. Ich wollte ihn gerade wegschicken“, grummelte Caduac und löste sich aus Noridas‘ Griff. „Wieso?“, fragte Noridas lauernd. Gislan verband mit dem Mann etwas Wölfisches, während Caduac einem Bär glich. Und ich, dachte er resigniert, bin ein Hundewelpe. Ein Schoßhund-Welpe.
      Caduac sah erstaunt auf. „Er ist noch ganz grün hinter den Ohren! Was sollen wir mit einem Jungen? Er bringt nur alle in Gefahr oder sich ins Grab. Oder beides.“ Noridas schwieg einen Augenblick und beobachtete, wie der Mürrische über den Hof schritt. Der Mann trug ein Bündel auf dem Rücken, Langschwert und Dolch baumelten im Takt seiner Schritte am Gürtel. Der Mürrische beachtete die drei anderen Männer nicht. Wortlos trat er durchs Tor und war weg. Noridas sah Caduac an und hob eine Augenbraue. „Wir wurden im Basislager angegriffen“, räumte Caduac ein. „Seinen Bruder hat es erwischt. Wir haben ihn gestern beigesetzt und er wollte gehen.“ Noridas nickte. „Das war ein erfahrener Mann“, sagte er nur. Caduac grummelte unverständlich in seinen Bart.
      Noridas packte Caduac plötzlich an den Schultern und sah ihm direkt in die Augen. „Jemand, den ich kenne?“, fragte er. „Sian hat einen Finger verloren“, rückte Caduac heraus und mied den Blick des Anderen. Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen, den älteren Mann abzuschütteln, doch war es für ihn undenkbar, es zu tun. „Und?“, fragte Noridas. „Mela hat’s schwer erwischt, aber sie wird wieder. Die Narbe wird allerdings recht…unangenehm“, gab Caduac zögernd preis. „Und?“, bohrte der Gefährliche. „Sonst niemand, den du kennst“, sagte der Bärtige. Noridas ließ ihn los und beide entspannten sich. Gislan wollte gerade aufatmen, als Noridas ihn ins Visier nahm. „Kannst du was?“, blaffte er. „Ich, äh, ich weiß viel über Drachen“, sagte Gislan und sein Herz klopfte sehr schnell. Er fragte sich, woher der Mann eine solche Ausstrahlung hatte. „Woher?“, hakte Noridas nach. „Sein Vater hat angeblich ein Buch über uns geschrieben“, sagte Caduac. „Aber ich weiß n…“. „Du bist der Sohn von Archibald?“, fiel Noridas ihm ins Wort. Der Gefährliche kannte seinen Vater! Jetzt machte es endlich Klick und Gislan wusste, woher er den Mann kannte. Noridas war einer der Drachenjäger gewesen, die sein Vater befragt hatte. „Ja, ist er. Ich bin Gislan“, sagte er und lächelte zaghaft. Noridas grinste wölfisch. „Sieh an, der Federmeister hat einen Sohn“, sagte er mehr zu sich selbst. „Wie geht es dem alten Tintenkleckser?“, fragte er, ohne Schärfe in der Stimme. „Ganz gut“, erwiderte Gislan. „Er lebt bei Bilunto.“ Noridas nickte. Er wandte sich wieder Caduac zu und zog ihn auf Seite. Gislan blieb allein im Hof stehen und sah den beiden Männern nach, die sich unter dem Vordach des Haupthauses leise unterhielten. Es war eindeutig, wer das Sagen hatte. Zum ersten Mal warf Gislan einen ausführlichen Blick über den Hof. Das Haupthaus war Wohn- und Versammlungsgebäude der Drachenjäger. Es lag mit der Längsseite zum Hof. Daneben gab es ein Wirtschaftsgebäude mit Küche, Bad und Waschsaal. Aus dem Kamin stieg schmieriger Rauch und davor spannten sich Wäscheleinen auf dem Hof. An der anderen Schmalseite des Haupthauses lehnte ein Lagerschuppen an. Auf der Hofseite gegenüber konnte er Werkstätten, Ställe für Pferde und Kleindrachen, eine Schmiede und einen großen Übungsplatz ausmachen. Jetzt erst bemerkte er, dass aus den Gebäuden und Fenstern des Haupthauses Gesichter in den Hof blickten, teils neugierig, teils argwöhnisch. Er war nicht sicher, ob die Gefühle ihm oder Noridas galten. Im hinteren Teil des Hofes stand ein zweiachsiger Planwagen, der offensichtlich repariert wurde. Einige Teile fehlten, andere sahen ramponiert aus. In die Stille des Hofes stach das Kreischen eines Kleindrachen wie ein Dolch in die Flanke eines Pferdes. Gislan hätte sich gerne die Drachen angesehen, die von den Drachenjägern für ihre Arbeit genutzt wurden.
      Die beiden Männer kamen auf ihn zu. Caduac ergriff das Wort. „Du behauptest, dass du von deinem Vater etwas gelernt hast“, stellte er fest. „Dann wirst du das beweisen. Komm morgen zur dritten Stunde und sei bereit.“ Gislans Herz machte einen Sprung und es verschlug ihm für einen Moment die Sprache. Es war Caduac, der gesprochen hatte, doch allen war klar, dass Noridas sich dafür eingesetzt hatte. Caduac sah drein wie ein gescholtener Schuljunge, zu stolz, seinen Fehler wiederzugeben. „Wer wird mich prüfen?“, wagte Gislan zu fragen, noch ganz übermütig von dem Glücksgefühl, das ihn erfüllte. Caduac blickte betreten zur Seite. Dann strafte er sich. „Ich werde dich prüfen. Ich bin der Ausbilder der Gruppe.“ Noridas nickte. „Und du tust besser daran, wirklich bereit zu sein, Junge. Ich will mir nicht die Blöße geben, mich für einen unwürdigen Wurm mit diesem Bär angelegt zu haben.“ Er grinste auf seine zähnefletschende Weise. Gislan nickte ernst. „Gut, und jetzt geh, wir müssen etwas bereden“, sagte Noridas und machte eine wegscheuchende Handbewegung. „Und bring dein Empfehlungsschreiben mit“, sagte Caduac noch, dann wandten sich die Männer ab und gingen zum Haupthaus. „Erzähl mir von dem Angriff“, hörte Gislan Noridas verlangen. „Wir waren gerade mit den Eiern ins Basislager zurückgekehrt“, hob Caduac an, „als im frühen Morgen…“ und dann waren sie im Haus. Gislan stand noch einen Moment im Hof und ließ das Geschehen auf sich wirken. Dann kehrte er zurück in die Stadt. Unterwegs ging er die Kapitel des Buches durch.


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      Das dreiundzwanzigste Türchen führt in ein einfaches Zimmer mit Bett, Tisch und Stuhl. Irgendwo plätschert Wasser in einer Wanne, doch sehen können wir davon nichts. Ohnehin ist es noch ganz dunkel und zudem wolkenbedeckt. Aber die Sonne wird aufgehen, das ist sicher.



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      Die Prüfung Teil 2
      Eine letzte Frage


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      Kleine Nebelwölkchen bildeten sich, als Gislan den graukalten Morgen angähnte. Er hatte schlecht geschlafen, dafür aber nur kurz.
      Zuerst war er zu aufgeregt gewesen, dann hatte er überlegt, seinem Vater einen Eilbrief zu schicken. Schließlich hatte er sich noch einmal die wichtigsten Infos aus dem Buch herausgeschrieben. Darüber war er dann eingeschlafen. In seinen Träumen waren große Drachen herumgeflogen, die ihn jagten, ihn fressen wollten. Er rannte vor ihnen davon, aber fand keine Deckung. Plötzlich stieß ein Drache auf ihn herab, doch ehe er ihn mit seinen klauenbewehrten Pfoten zerfetzen konnte, stürzte Gislan einen Abgrund hinab. Er fiel und fiel und krachte polternd auf den Boden vor seinem Schreibtisch. Mühsam hatte er sich zurück auf den Stuhl gequält und festgestellt, dass er viel zu früh aufgewacht war. Die Dämmerung zeichnete sich gerade als kräftige blaue Schliere am Horizont ab. Er hatte sich ein Bad gegönnt und beim Blick in den Spiegel musste er feststellen, dass er mit der Stirn auf seinem Exzerpt eingeschlafen war. Schwarze Tintenflecken zierten sein Antlitz. Über der rechten Braue konnte er noch „Bru“ lesen und auf seiner Wange prangte ein „Dr“.
      Frisch gebadet und mit dem einfachen Frühstück des Hotels im Bauch hatte er sich sodann auf den Weg gemacht. Er wollte lieber zu früh ankommen als zu spät. Die überschüssige Zeit vertrieb er sich mit einem Bummel durch die Stadt. In der Morgenkälte des Herbsttages waren nur wenige Menschen unterwegs und auch nur, weil sie mussten. Dienstmädchen, Tagelöhner, Zeitungsausträger, Bäcker, Kinder, Brennholzträger. Die feine Gesellschaft würde sich frühestens am späten Vormittag blicken lassen. Dann, wenn Gislan längst in seiner Prüfung war.
      Eine halbe Stunde zu früh stand er erneut vor dem schweren Tor des Quartiers. Die Sonne war inzwischen aufgegangen, auch wenn man das nur von dem hellen Wolkenfleck inmitten der dunklen Wolkendecke herleiten konnte. Wenigstens war es nicht mehr ganz so kalt und Gislan musste nicht mehr so oft gähnen. Er gähnte immer, wenn er müde war und gleichzeitig fror.
      Er klopfte und diesmal wurde er nach kurzem Warten hereingelassen. Der Wachmann sah deutlich weniger mürrisch aus als der am Vortag. Er ließ Gislan kommentarlos ein und schloss das Tor hinter ihm wieder ab.
      Auf dem Hof war emsiges Treiben. An dem kaputten Planwagen wurde gewerkelt, in der Schmiede hingen zwei junge Burschen am Blasebalg, während der Schmied Eisenteile in die Flammen hielt. Eine Frau mittleren Alters und ein dürrer Mann ohne Haar eilten diskutierend über den Hof und verschwanden im Haupthaus. Wortlos führte der Wachmann Gislan zum Haupthaus und wortlos folgte der Junge ihm. Sie betraten einen breiten Flur und bogen in einen kleinen Raum ab, der recht kühl und kahl war. Ein großer Tisch und einige Stühle nahmen den meisten Platz ein, an der Wand hingen eine Karte und ein Porträt des Königs. Eine Kommode mit Schreibutensilien und ein paar Büchern stand an der rückwärtigen Wand. Davor saß Caduac am Tisch und erwartete Gislan. Er deutete auf einen freien Stuhl ihm gegenüber und Gislan setzte sich. Caduac holte tief Luft und lautes Stimmgewirr drang vom Flur her durch die offene Tür. Caduac schloss den Mund wieder und sah in Richtung des Lärms. Fußgetrappel näherte sich und die Stimmen ließen sich voneinander unterscheiden.
      „Ach hau doch ab!“, rief eine aufgebrachte Frauenstimme.
      „Lass ihn“, meinte eine alte Stimme daraufhin. „Sag mir nicht, was ich soll“, keifte sie zurück. Dann stand Noridas in der Tür und der Raum wirkte plötzlich düster. Gislan bemerkte, dass er sehr ungünstig saß, wenn er sich gegen einen Angriff hätte verteidigen müssen. Noridas‘ Gesichtsausdruck war undeutbar.
      Caduac hatte sich erhoben und war auf halbem Weg zur Tür, als Noridas ihn mit einer Geste aufhielt. „Lass gut sein“, meinte er mit einem spöttischen Grinsen. „Es ist besser, wenn ich gehe.“ Caduac nickte förmlich. „Scheint so“, sagte er trocken.
      „Du weißt, wo du uns findest“, sagte er.
      „Und wo ihr mich“, erwiderte Noridas, tippte sich zum Gruße an die Stirn und verschwand durch den Flur.
      „Ja, geh einfach, so wie du immer abgehauen bist!“, rief ihm die Frau hinterher.
      Dann war es wieder so ruhig, wie es einem graukalten Herbstmorgen gebührte.
      Caduac seufzte, und er kam Gislan viel älter vor als am gestrigen Tag. „Dein Empfehlungsschreiben“, sagte Caduac, noch immer stehend. Gislan brauchte einen Moment, bis er die Aufforderung als solche erkannte, kramte das Schreiben hervor und gab es Caduac mit einem verlegenen Lächeln. Der Bärtige zerbrach das Siegel, überflog den Text, brummte ab und zu, faltete es zusammen und steckte es ein.
      Dann nahm er wieder Gislan gegenüber Platz und sah auf ein vor ihm liegendes Blatt.
      „Ich werde dir jetzt die Prüfungsfragen stellen. Bewertet werden die Richtigkeit, die Geschwindigkeit, Präzision und Umsetzbarkeit deiner Antworten, ebenso wie ihre Risiken. Antworte zügig, aber denk nach, bevor du etwas sagst. Klar soweit?“ Er blickte auf und sah Gislan ausdruckslos an.
      „Kann ich Verständnisfragen stellen?“, fragte Gislan. Caduac überlegte kurz und nickte. „Wenn ich dir aber alles eklären muss, wirkt sich das auch auf das Ergebnis aus“, sagte er. Gislan nickte. Ihm war klar, dass dies keine Prüfung wie in der Schule war. Das hier war real und wirklich wichtig. Es kam nicht mehr auf schöne Handschrift oder perfekt formulierte Sätze an, sondern auf funktionierende Ideen und überlebensnotwendiges Wissen.
      Caduac hob das Blatt leicht an und runzelte die Stirn, als er die ersten Fragen vorlas.
      Es waren zunächst sehr einfache Fragen, vermutlich zum Aufwärmen. Caduac wollte zunächst wissen, wie das Geschäftsmodell der Drachenjäger aussah, mit wem sie arbeiteten und was ihre Beute war. Die Antworten darauf kannte Gislan auswendig und spulte sie herunter: Dracheneier finden und an die Drachenorden verkaufen, in diesem Fall an den searlacischen Orden der Ritter vom Necisnabram. In Frage kamen primär die Eier der wildlebenden Großdrachen. Für Kleindrachen bestand allerdings auch Bedarf.
      Dann wurde es langsam anspruchsvoller.
      „Fünfte Frage“, sagte der Bärtige, „wo finden wir die Dracheneier?“
      „Die Großdrachen leben in den Gebirgen, die Lajrén umgeben“, antwortete Gislan nach kurzem Überlegen. „Das sind also vor allem der Darrag und die Tebraci. Eure Gruppe ist vor allem in den nördlichen und mittleren Gelonab unterwegs.“
      Caduac machte sich eine Notiz. Gislan vermochte nicht zu sagen, ob er zufrieden mit der Antwort war. „Wo genau finden wir die Eier?“, bohrte der Bärtige weiter.
      Mist! Er hatte die Frage auf einem allgemeinen geographischen Niveau beantwortet, nicht auf einem konkreten. Reiß dich zusammen!, ermahnte Gislan sich selbst.
      „Die Drachenweibchen haben ihre Gelege in Höhlen, gerne an Klippen. Der Zugang zu den Höhlen ist meist sehr schwierig, wodurch die Eier vor Fressfeinden besonders geschützt sind.“
      Caduac kritzelte auf das Blatt. „Sechste Frage“, schnarrte er.
      „Nenne drei Dinge, die man beachten muss, wenn man die Eier aus dem Gelege holt.“
      Gislan kratzte sich nervös am Kinn. Die Frage war schon schwieriger, doch während er auf die Tischplatte starrte, kamen ihm die Worte in den Sinn, die sein Vater einst in seinem Buch verewigt hatte.
      „Man darf nie alle Eier nehmen“, sagte er, „sonst verfolgt einen die Drachenmutter bis ins Grab. Man muss immer die größere Hälfte dort lassen, dann kehrt sie irgendwann zu ihrem Gelege zurück.“ Er hielt inne, überlegte weiter. „Außerdem darf man weder zu früh noch zu spät einsteigen, nachdem die Männchen auf die Jagd gehen. Ist man zu früh dran, sind sie noch in der Nähe und könnten einem in den Rücken fallen. Ist man zu spät dran, könnten sie jederzeit zurückkommen und einem wieder in den Rücken fallen.“ Caduac brummte. Gislan glaubte Anerkennung herauszuhören. Ermutigt fuhr er fort.
      „Überlebenswichtig ist auch, dass man die Eier auf mehrere Leute verteilt, um das verfolgende Weibchen zu verwirren. Ein Ablenkungsmanöver, etwa ein Scheinangriff auf das Gelege, ist auch hilfreich, wenn es in der Situation zu bewerkstelligen ist.“
      Caduac notierte, sah wieder auf und sagte: „Siebtens: Was ist zu beachten, um die Eier lebendig bis zum Orden zu bringen?“
      „Sie müssen warm, trocken und mit ausreichender Luftzufuhr gelagert werden. Außerdem dürfen sie nicht beschädigt werden und nicht in die Nähe der Kleindrachen geraten, die man dabei hat. Sonst enden sie als Zwischenmahlzeit.“
      So ging es in einem fort, Caduac fragte nach Ausrüstungen, Strategien, Gefahren, Besonderheiten und Verhaltensweisen der Drachen. Gislan konnte fast alle Fragen beantworten, mal besser, mal schlechter, mal schneller, mal langsamer. Er wusste, dass die Weibchen deutlich größer als die Männchen waren, von denen sich mehrere um ein Weibchen und ihr Gelege kümmerten. Er wusste, dass die Kleindrachen der Gruppe als Ablenkungsmanöver und zum Auffinden der Höhlen genutzt wurden. Er wusste, dass man auf den weiten Wegen zwischen Orden und Gebirge Geleitschutz brauchte, um die Beute nicht an Wegelagerer zu verlieren.
      Die Zeit verging, ohne dass er es merkte. Schließlich sah Caduac auf und sagte:
      „Eine letzte Frage. Du und deine Kameraden habt gerade Eier aus dem Gelege geholt, du hast eines davon und ihr habt euch aufgeteilt. Du eilst mit dem Ei in der Tasche einen steilen Abhang hinunter, auf dem nur Gras wächst und keine Deckung vorhanden ist. Plötzlich taucht hinter dir der Mutterdrache auf, in der Luft schwebend, und verfolgt dich. Was tust du, um zu überleben?“ Caduac kniff die Augen zusammen und sein Blick bohrte sich in Gislan.
      Das war mit Abstand die schwierigste Frage.
      „Es gibt gar keine Möglichkeit, sich zu verstecken?“, hakte Gislan nach, in der Hoffnung auf eine simple Lösung. Der Bärtige schüttelte den Kopf.
      „Habe ich eine Waffe?“, fragte Gislan weiter. Der Bärtige schüttelte den Kopf. „Keine, die dir hilft“, sagte er. Sein Mundwinkel verzog sich.
      „Hab ich eine Rauchbombe oder einen kleinen Drachen?“, ließ Gislan nicht locker. Der Bärtige schüttelte erneut den Kopf.
      „Ich könnte versuchen, mich fallen zu lassen, wenn der Drache angreift und den Hang hinunter schlittern, um mich weiter unten zwischen Bäumen zu verstecken“, brachte er zögernd hervor. Das Grinsen des Bärtigen wurde breiter. „Unwahrscheinlich, dass du dem Angriff entgehst“ sagte er. „Und falls doch, zerstörst du wahrscheinlich das Ei bei der Rutschpartie und ob du unten schnell Deckung findest, ist ein Münzwurf mit dem Tod.“
      „Kann ich meine Kameraden verständigen, die den Drachen ablenken?“, fragte Gislan mit wenig Hoffnung. Der Bärtige schüttelte wieder den Kopf. „Zu weit weg, keine Zeit“, brummte er.
      Gislan seufzte, er war mit seiner Weisheit am Ende. „Dann weiß ich es nicht“, gestand er schweren Herzens ein. Er hatte plötzlich Angst, die entscheidende Frage nicht beantwortet zu haben und deshalb zu versagen.
      Caduac nickte kurz und sein Grinsen ging in ein leises Lachen über. Verwirrt sah der Junge zum Bärtigen.
      „Ich hatte schon befürchtet, dass du alles weißt“, sagte Caduac lachend. „Aber wenigstens das kann ich dir beibringen.“
      „Heißt das, ich habe bestanden?“, platzte es aus Gislan heraus. Der Bärtige machte „Hmm“ und blickte auf seine Notizen. Er schwieg eine Weile und Gislan fühlte sich wie in einer Streckbank eingespannt.
      „Du weißt mehr als ich damals“, sagte Caduac und schüttelte leicht ungläubig den Kopf. Die Erleichterung durchlief Gislans Körper schnalzend wie eine Bogensehne, die plötzlich losgelassen wurde. Er lachte laut auf und erhob sich. Auch Caduac war aufgestanden und hielt ihm seine Bärenpranke von Hand entgegen. Gislan schlug ein und Caduac schlug ihm anerkennend auf die Schulter. Den Schmerz spürte der Junge kaum, aber am nächsten Tag würde er einen blauen Fleck haben.
      Der Bärtige begleitete den Jungen hinaus in den Hof. Vor dem Tor blieben sie stehen.
      „In zwei Tagen hol ich dich an deinem Hotel ab und wir fahren auf die Insel. Ich will sehen, was passiert, wenn du echten Drachen gegenüberstehst.“ Gislans Herz machte einen Sprung. Echte Drachen! Echte, große Drachen! Ein wildes Grinsen stahl sich über sein Gesicht. Caduac nickte lächelnd. „Sei bereit und zieh dir was Stabiles an. Arbeiterkleidung, Leder, Metall, sowas.“ Er deutete zu den Männern, die im Hof mit den kleinen Flugdrachen trainierten. Ihre Kleidung sah fast wie Rüstung aus, gut gepolstert, glatt, einige Taschen für verschiedene Gegenstände, Handschuhe, Helme mit Visier.
      „Werde ich“, sagte Gislan. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. „Was wäre denn die Antwort auf die letzte Frage gewesen?“ Er sah erwartungsvoll zu Caduac auf. Der schwieg einen Moment.
      „Vor ein paar Jahren war ich genau in einer solchen Lage“, sagte er und sein Blick ging ins Leere, zurück zu jenem Tag. „Die Drachenmutter war riesig, ihre Schuppen schiefergrau. Sie kam direkt hinter mir über den Felsvorsprung geschossen, breitete ihre Flügel aus, glitt durch die kalte Luft, drehte und kam auf mich zu.“ Der Bärtige machte eine Kunstpause. „Und dann?“, fragte Gislan pflichtbewusst.
      „Ich nahm das Ei aus meiner Tasche, ließ es nach links den Hügel hinabrollen und rannte nach rechts den Hang hinauf zu einem Pfad, an dessen Ende ich mich in einer schmalen Felsnische verstecken konnte. Der Drache drehte ab und stürzte dem Ei hinterher“, sagte Caduac. Er lachte, als er sah, wie Gislan ihn mit offenem Mund anstarrte. „Du hast das Ei weggeworfen?“, fragte der Junge. „Sicher“, sagte der Bärtige. „Lieber kehren wir mit vier statt fünf Eiern zurück, als Leute zu verlieren. Gutes Personal ist schwer zu finden, weißt du“, sagte er und zwinkerte Gislan zu.


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.


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      Don't diagnose and drive.

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      Das vierundzwanzigste Türchen steht halb im Wasser und ist von Algen bewachsen. Dahinter sind Schiffe im Hafen festgemacht und langsam geht die müde Nacht in geschäftiges Treiben über.



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      Die Prüfung Teil 3
      Gefährliche, schöne Wesen


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      Der See lag ruhig vor ihnen. Zugedeckt mit einer weichen Nebeldecke wirkte es, als schliefe er noch. Die Sonne würde erst in einer Stunde ihr Antlitz über den westlichen Horizont schieben und den Schlafenden aus seinem Schlummer holen. Mit dem Morgengesang der Vögel würde sie ihn wecken, mit ihren Strahlen kitzeln und mit ihrem liebevollen Blick wärmen.
      In Gilvalacs Hafen am Südufer des Sees war die nächtliche Stille schon fast verflogen. Die emsigen Hafenarbeiter, Seeleute, Kapitäne und Reeder, Händler und Träger hatten die andächtige Langsamkeit ihrer Bewegungen noch nicht abgelegt. Auch ihnen steckte die Nacht noch in den Leibern.
      Von der Kaimauer aus überblickte Gislan den ganzen Morgen und wünschte sich zurück unter die warme Decke seines Bettes. Stattdessen steckte er in der ungemütlichen Lederkluft, die er am Vortag erworben hatte und sah zu, wie das kleine Schiff beladen wurde, mit dem sie zur Insel übersetzen würden. Er gähnte ausgiebig und Caduac warf ihm einen belustigten Blick zu.
      „Der junge Herr kann sich auf der Überfahrt ausruhen“, sagte der Bärtige und grinste. „Wir fahren je nach Wetter ein oder anderthalb Tage.“ Gislan nickte knapp. Dann gähnte er. Schließlich war das Schiff bereit und alle gingen an Bord. Außer Caduac und Gislan waren noch einige andere der Gruppe dabei, darunter ihr Anführer. Orvar von Nastracas war eine seltsame Erscheinung, fand Gislan. Er war kleiner und schmaler als Caduac, wirkte ungefährlicher als Noridas und doch spürte man in seiner Anwesenheit sofort die Autorität und Befehlsgewalt, die von ihm ausging. Caduac hatte auf dem Weg zum Hafen erklärt, dass Orvar und die anderen die Dracheneier zum Orden bringen würden, während er und Gislan sich mit den Drachenpflegern trafen. Als Gislan am Hafen auf Orvar traf, hatte der ihn kurz gemustert und ihm dann die Hand geschüttelt. Gesagt hatte er kein Wort, was Gislan sehr verwirrte. Während der Überfahrt verbrachte Gislan die meiste Zeit damit, nicht seekrank zu werden, an der Reling zu stehen und der Insel entgegen zu blicken, die sich am Horizont abzeichnete. Sie wurde kaum merklich größer, fast, als traue sie sich nicht in sein Blickfeld und strecke sich immer nur dann etwas weiter dem Horizont entgegen, wenn er gerade nicht hinsah. Die Insel war ein einsamer, hoher Berg, der aus der Mitte des Sees ragte und in den Himmel stach. Die Insel lag etwas näher am westlichen Ufer als am östlichen und streckte sich gen Norden. Dorthin fiel der Berg schräg ab und ging in flacheres Gelände über. Aber auf der Südseite ragte er steil empor.
      Gekrönt wurde der Berg von der Ordensfestung, einem trutzigen Ring aus Mauern und Türmen, deren Schießscharten das ankommende Boot kritisch beäugten. Gislan stellte sich vor, dass Wachen auf den Türmen längst ihre Ankunft gemeldet hatten. Er fragte sich, mit welchen Mitteln man das Schiff aufhalten würde, wäre es ein feindliches. Gislan war überrascht, keine Drachen am Himmel zu sehen. Sie näherten sich der Südspitze der Insel und fuhren gen Westen um sie herum. Eine Bucht öffnete sich vor ihnen, sie schnitt in die Flanke des Berges, der hier weniger steil war als auf der Südseite. Am Ufer der Bucht ragten die Anlegestellen eines kleinen Hafens ins Wasser und die wenigen Gebäude drängten sich am schmalen Uferstreifen aneinander. Ein steiler Weg führte in Serpentinen den Hang hinauf zur Burg. Mancherorts war er so steil, dass man Stufen in den Fels geschlagen hatte. Jede der Kehren war mit einem niedrigen turmartigen Gebäude gesichert. Angreifer mochten den Hafen besetzen können, der Aufstieg zur Burg aber war uneinnehmbar. „Auf der Nordseite ist der Hauptzugang zur Burg“, erklärte Caduac, der neben Gislan an die Reling trat. „Auf der Nordseite gibt es eine kleine Siedlung, in der die Ordensbrüder Landwirtschaft und Fischfang betreiben. Dort gibt es auch einen größeren Hafen.“ Gislan nickte, er wusste bereits manches über den Orden von seinem Vater. Er war aber noch nie hier gewesen und die Festung imponierte ihm. Anhand des kleinen Schiffes, das im Hafen lag, versuchte er zu schätzen, wie hoch der Berg war. Er war sich nicht sicher, aber er vermutete, dass er über dreihundert Meter über die Fläche des Sees aufragte.
      Als das Schiff im Hafen anlegte, ging alles schnell und hektisch zu. Die Drachenjäger gingen von Bord, die Kisten mit den Dracheneiern im Gepäck. Hafenarbeiter kümmerten sich darum, die Ladung zu löschen. Orvar meldete sich beim Hafenmeister an, der genehmigte ihren Zutritt und ein mühsamer Aufstieg begann. Es hieß, der Aufstieg habe tausend Stufen. Gislan zweifelte daran.
      Auf halber Höhe legten sie eine kurze Verschnaufpause ein und Gislan genoss den Blick über das umliegende Land. Von hier oben konnte er sogar Gilvalac im Süden als dunklen Fleck am Ausgang des Sees ausmachen. Die Sonne ließ die Dächer der Oberstadt und des Palastes funkeln.
      Ein lautes Brüllen riss ihn aus der Betrachtung. Es brach sich an der Flanke des Berges und hallte in zahllosen Echos wider. Erschrocken sah sich Gislan um. Caduac und die anderen Drachenjäger grinsten. Dann zog ein mächtiger Schatten über den Himmel. Gislan sah auf und erblickte seinen ersten großen Drachen. Es war ein dunkles Männchen, das einsam um den Berg kreiste. Der Mann, der im Rückensattel des Drachen saß, war nicht mehr als ein farbiger Punkt, so hoch flog der Drache. Er brüllte erneut und von weiter her kam eine Antwort. Die Echse schlug mit ihren gefiederten Flügeln und Gislan meinte, das Rauschen zu hören. Dann drehte das majestätische Wesen ab und verschwand nach Norden aus seinem Blickfeld.
      „Wenn sie einem nicht ans Leder wollen, sind sie wirklich schön“, sagte eine Frauenstimme direkt neben ihm. Gislan fuhr zusammen, denn er hatte sie nicht herantreten hören. Die Frau hieß Rita, fiel ihm ein. Sie hatte sich auf der Überfahrt kurz mit ihm unterhalten. Sie war die einzige Frau, die sie begleitete, aber nicht die einzige in der Drachenjägertruppe. Gislan nickte verlegen, sich schmerzhaft bewusst, wie unerfahren er auf die anderen wirkte. Rita lächelte ihn an. „Komm, wir haben heute noch genug zu tun“, sagte sie und die Gruppe setzte ihren Weg fort. Während des restlichen Aufstiegs war Gislan bemüht, Rita nicht anzustarren, die ein Stück vor ihm ging und sich mit einem schlanken dunklen Typ unterhielt, der für die Ausrüstung der Gruppe zuständig war. Sie betraten die Burg durch ein schmales Tor oberhalb der letzten Serpentine. Im kühlen Torhaus ruhten sie einen Moment aus, dann trennten sie sich.
      Ihr Anführer Orvar und einige andere gingen zum Hauptgebäude; Caduac, Gislan, Rita und ein Ordensmann machten sich auf den Weg in die Drachenhöhle. Ritas Nähe beunruhigte Gislan auf seltsame Art. Er hatte damit gerechnet, in Anwesenheit anderer seine Prüfung abzulegen und kein Problem damit. Er konnte aber nicht sagen, warum Rita da eine Ausnahme darstellte. Caduac und der Ordensmann unterhielten sich leise und Rita ging neben Gislan. Sie überquerten den weitläufigen unteren Burghof, auf dem viele Ordensmitglieder ihren Aufgaben nachgingen und stiegen auf der Nordostseite eine lange Wendeltreppe hinab. Gislan hing seinen Gedanken über die bevorstehende Prüfung nach und so schwiegen sie. Über Gänge und Treppen kamen sie schließlich in ein riesiges, weit verzweigtes Höhlensystem, das so sehr nach Drache roch, dass Gislan sich fast die Nase zugehalten hätte. Er hatte zuvor noch nie Drachen gerochen, aber dieser Geruch war so speziell, das konnte nichts anderes sein. Der Geruch war leicht säuerlich und scharf, aber auch irgendwie trocken und holzig. Wäre Gislan in einer Küche oder Backstube gewesen, er hätte auf Anis, Zimt und Ingwer getippt.
      Der Ordensmann führte die drei in einen kleinen Raum, der komplett aus dem Felsen gehauen war und von etlichen Kerzen und Lampen dezent beleuchtet wurde. Es handelte sich offensichtlich um ein Büro und der kantige Kerl, der sie begrüßte, stellte sich vor als Oberster Aufseher über die Pflege, Aufzucht und Dressur der Ordensdrachen. „Micam von Erdanis“, sagte er und gab ihnen reihum einen Händedruck, der trotz der zwei fehlenden Finger sehr kräftig war. Caduac stellte ihm Gislan vor und erklärte sein Anliegen, ihn prüfen zu wollen. Micam nickte und ließ Caduac ein Formular ausfüllen. Während der Ordensmann, der sie geführt hatte, und Micam sich unterhielten und Caduac auf dem Blatt herum kritzelte, stand Gislan leicht beklommen vor dem überladenen Schreibtisch. Rita stand sehr dicht neben ihm und durch den penetranten Drachengeruch hindurch nahm er eine Duftnote wahr, die ihn an Kardamom denken ließ. Gislan versuchte, nicht in ihre Richtung zu sehen und musterte einen an die Wand gehängten Plan des Höhlensystems, ohne wirklich wahrzunehmen, was darauf abgebildet war. „Bist du aufgeregt?“, fragte Rita ihn leise. Er sah kurz zu ihr und bemerkte, dass sie ihn musterte. Gislan zuckte mit den Schultern, nickte, lächelte verlegen. Er starb fast vor Anspannung. „Ich hab hier auch meine Prüfung gemacht“, sagte sie. Gislan sah sie fragend an. „Ich kann mich noch gut erinnern“, fuhr sie fort und lächelte. „Es ist erst zwei Jahre her.“ „Das sieht man dir gar nicht an“, sagte Gislan. Dann bemerkte er, was er gesagt hatte und lief rot an. „Ich, äh, ich mein, äh,...“ Er verstummte. Rita sah ihn abwartend an, den Kopf leicht schief gelegt. „Jaa? Was meinst du?“, fragte sie und Gislan fühlte sich wie ein Fisch am Haken. Er machte eine beschwichtigende Geste. „Naja, du wirkst so, als wärst du schon viel länger dabei.“ Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln. „Echt? Findest du?“
      Er nickte.
      „Wie nett von dir. Caduac lässt mich immer in dem Glauben, ich sei noch ganz grün hinter den Ohren.“ Das konnte sich Gislan bei dem Bärtigen gut vorstellen. Er brummte zustimmend. Rita kam noch näher, ihre Körper berührten sich fast. Kardamom überall. Und ein wenig Zimt und Nelke. „Willst du mal gucken?“, fragte sie mit einem herausfordernden Grinsen. „Ääh, was?“, fragte Gislan, sowieso schon unsicher, wohin er noch gucken durfte. Er hätte gerne auf seine Füße gestarrt, aber sie stand zu dicht vor ihm und sein Blick wäre an ihrer Figur haften geblieben. „Na, ob ich noch grün hinter den Ohren bin“, meinte Rita, strich sich ihre dunklen, rotbraunen Haare beiseite und drehte ihren Kopf ein wenig. Gislan schaute kurz. „Nö, alles normal“, sagte er. Wie schön, dachte er. In gespielter Empörung zog sich Rita ein Stück zurück. „Normal?!“, entrüstete sie sich. Gislan lief noch roter an. „Äh, ja, kein grünes Ohr“, stammelte er. „Nein?“, hakte Rita nach. „Du sieht so unsicher aus. Willst du nochmal gucken?“, fragte sie und grinste herausfordernd.
      „Sooo“, mischte sich der Bärtige ein, bevor Gislan in die Verlegenheit einer Antwort kam, „wir können dann.“ Er erhob sich und zog die beiden förmlich mit sich aus dem Raum. Micam folgte ihnen. In der Tür zögerte Rita einen kurzen Moment und warf Gislan einen Blick zu, den er nicht zu deuten wusste.
      Sie gingen durch einen breiten, hohen Tunnel, den offensichtlich auch Drachen nutzten zu einer der hinteren Höhlen. „In den Höhlen leben meist zwei bis drei Drachen“, erklärte Micam. „Dabei handelt es sich um Geschwister, die ihr oder eure Vorgänger zusammen aus einem Gelege geholt habt“, fuhr er fort. Das wusste Gislan bereits, er hielt es aber für unklug, sich jetzt als Besserwisser aufzuspielen. Schließlich blieben sie vor einer Höhle stehen. Der Eingangsbereich mutete wie eine Mischung aus Warenlager und Gefängnis an. Der Zugang zur Höhle war durch ein massives Fallgatter gesichert, das von zwei Männern bewacht wurde. Die Höhle dahinter lag im Dunkel. Daneben gab es einiges an Material, das Gislan als Pflegemittel, Sattelzeug und weitere Ausrüstung identifizierte.
      Die beiden Männer salutierten vor Micam, der kurz nickte und dann in seiner Ansprache fortfuhr. „Der Drache hier ist fast ausgewachsen und wird einmal pro Woche gefüttert, nämlich heute. Die Fütterung wird von zwei meiner Pfleger durchgeführt. Du“, sagte er mit Blick zu Gislan, „wirst der dritte Mann sein. Caduac wird dein Verhalten beobachten. Alles weitere erklärt euch der leitende Wärter dieser Höhle.“ Er nickte Caduac zu, winkte einen der beiden Wärter heran und ging dann zackigen Schrittes davon.
      „Hast du schon mal einen richtigen großen Drachen gesehen?“, fragte der Wärter, dessen Gesicht von einer langen Narbe zweigeteilt wurde. Gislan dachte an die majestätische Erscheinung während des Aufstiegs und an die vielen kleinen Drachen, die es überall gab. Die nicht viel mit den Wesen hier gemein hatten. Er schüttelte den Kopf. Der Wärter brummte. „Kennst du die Regeln bei der Fütterung?“, fragte er kurz angebunden. Gislan überlegte.
      „Ich sollte möglichst weit vom Drachen weg sein“, sagte er schließlich. Der Wärter nickte. „Also dann nochmal in Kurzfassung“, seufzte er.
      „Erstens: Zwischen dir und dem Drachen ist sein Fressen. Komm nie zwischen den Drachen und seine Beute.
      Zweitens: Du kennst den Drachen nicht und er dich nicht, sei also höflich, wende ihm nie den Rücken zu, mach keinen Lärm und keine hastigen Bewegungen.
      Drittens: öffne deinen Geist und denke daran, wie friedlich und freundlich du sein willst und dass du lebend hier rauskommen willst. Konzentrier dich darauf.
      Viertens: Das Futter wird mit diesen Stangen aus dem Karren in den Trog gehievt. Wenn der Drache dich angreifen sollte, wirst du dich damit verteidigen. Aber komm nicht auf die Idee, den Drachen damit zu stechen. Der Drache ist wertvoll, du nicht.“ Der Wärter sah ihn gleichgültig an und Gislan schluckte. Ihm war klar, dass dem Orden nichts über seine Drachen ging, waren sie doch die Basis seiner Existenz und Macht. Vermutlich hatte der Wärter schon sein ganzes Leben damit zugebracht, diesen Drachen aufzuziehen und zu trainieren. Was war dagegen schon ein dahergelaufener Möchtegern-Drachenjäger?
      „Der Drache heißt Arto“, sagte der Wärter, „er ist der Letzte aus seinem Gelege, siebenundsechzig Jahre alt und relativ umgänglich.“
      „Da kommen sie“, meinte Caduac und alle sahen den Tunnel hinunter, wo zwei Männer einen großen Schubkarren zu ihnen schoben. Auf dem Karren lag ein in Stücke gehacktes Rind.
      Als die Männer eintrafen, rüsteten die Wärter und Gislan sich mit Stangen und Schutzkleidung aus. Während Gislan sich die Handschuhe anzog, trat Rita zu ihm. „Pass auf dich auf“, sagte sie, „wäre schade um dich“. Eine Sorgenfalte zog sich durch ihre Stirn. „Ist denn schon mal was schiefgegangen?“, fragte Gislan. Rita sah ihm kurz in die Augen, dann zur Seite. „Drachen sind keine Schoßtiere“, meinte sie nur. Dann umarmte sie ihn kurz und trat wieder zurück. Caduac schlug Gislan aufmunternd auf die Schulter. „Wird schon, Junge. Lass dich nicht ablenken“, sagte er. „Vor allem nicht von ihr.“ Er grinste schief. Gislan nickte kurz.
      Das Fallgatter wurde ratternd geöffnet und Lampen entzündet, die das Dunkel aus der Höhle vertrieben. Arto stand in der Mitte der Höhle, er hatte das Futter gewittert und erwartete sie. Gislan erschrak, denn Arto war nicht, wie er gedacht hatte, angekettet. Die beiden Wärter schoben den Karren herein und Gislan folgte ihnen. Er hoffte, dass man ihm seine Unsicherheit nicht allzu sehr anmerkte.
      Der Wärter, der vorhin mit ihm gesprochen hatte, wandte sich dem Drachen zu und schien ihn zu begrüßen.
      Arto war noch lange nicht ausgewachsen, aber schon sehr imposant, vor allem aus so großer Nähe betrachtet. Sein dunkelblau geschuppter Körper war über zehn Meter lang und etwas höher als ein Pferd. Sein langer Schwanz spielte unruhig um seine Füße. Die riesigen Schwingen waren zusammengefaltet und er stützte sich wie eine Fledermaus auf die langen Krallen seiner kurzen Vorderbeine. Seine nach vorn gerichteten Augen leuchteten orange und rot, sein Blick war unergründlich. Gekrönt wurde sein Haupt von drei Hörnern. Eines saß auf der Spitze seiner Nase, die anderen wuchsen schräg nach vorn aus seiner Stirn und waren so lang wie Gislans Arm. Er wollte sich nicht vorstellen, was Arto damit anzustellen vermochte. Schön war das erste Wort, das Gislan in den Sinn kam, als er Arto im Widerschein der Lampen erblickte. Gefährlich, war das zweite Wort.
      Arto grummelte tief und anhaltend, ein Laut, der aus den Tiefen seines Leibes emporkam. Hörbar sog der Drache Luft ein und schnaubte.
      „Er nimmt Witterung auf“, sagte der Wärter. „Denk jetzt an deine Absichten und öffne deinen Geist“, wies er Gislan an.
      Gislan versuchte sich darin. Zunächst tat sich nichts und er dachte einfach nur daran, dass er gerne unversehrt hier heraus kommen wollte. Der Geruch von Ingwer, Anis und Zimt nahm zu, wurde geradezu aufdringlich. Dann konnte er die Präsenz des Drachen spüren, so wie man die Wärme eines Menschen spüren konnte, der einem sehr nahe war. Doch es war keine körperliche Wahrnehmung, sondern eine geistige. Er spürte die Anwesenheit des Drachen, seine geistige Präsenz, seine Kraft, seinen Willen. Der Geist des Drachen glitt durchs Halbdunkel der Höhle, umkreiste Gislan, streifte ihn bald hier, bald da, dann näherte er sich mit voller Kraft, trat vor ihm auf in ganzer Größe und Majestät. Gislan machte einen Schritt zurück und Panik brodelte in seinen Eingeweiden. Er spürte das Gewicht der Eisenstange in seinen Händen und hob sie quer vor seine Brust. Arto richtete sich auf, blähte die Nüstern und schnaubte laut und vernehmlich. Sein Kopf ruckte vor und war plötzlich sehr nah an Gislan. Die großen Echsenaugen musterten ihn, so wie man mit einem Hobel dünne Scheiben von einem Käsestück raspelte, sie schnitten Gislan in Scheiben, betrachteten sie und Arto schnaubte.
      „Ganz ruhig, Junge“, sagte der Wärter und es war unklar, ob er den Drachen oder Gislan meinte. Am liebsten wäre Gislan rückwärts aus der Höhle gerannt, überwältigt von der Macht dieses Geschöpfes. Weit, weit weg gäbe es bestimmt einen Ort, wo man sich vor dieser Urgewalt verstecken konnte. Dann dachte er an Rita, sah das Funkeln in ihren Augen und das Lächeln in ihrem Mundwinkel. Er sah, wie sie ihr Haar beiseite strich. Roch diesen zarten Duft. Er atmete tief durch und konzentrierte sich auf seine Aufgabe. Ich tu dir nichts, Arto, dachte er. Ich bin hier, um dir Futter zu bringen und dann werde ich wieder gehen. Siehst du, ich habe hier Rinderkeulen, fuhr er gedanklich fort und begann langsam mit der Eisenstange Stücke des Rinds aufzuspießen und aus dem Karren zu hieven. Arto zog sich ein Stück zurück, wartend. „Gut so“, sagte der Wärter und half ihm. „Wir legen sie ihm einfach vor die Füße“, erklärte er und platzierte ein großes, speckiges Stück direkt vor Arto. Gislan mühte sich am Gewicht des toten Fleisches ab, darauf bedacht, weiterhin seine friedlichen Absichten zu denken und sie den Drachen spüren zu lassen.
      Arto begann bereits zu fressen, während die drei Männer noch weiter den Karren abräumten. Sein Grummeln und Schnauben war in ein Schmatzen und Reißen übergegangen und er schien die Männer kaum weiter zu beachten.
      Als er das letzte Stück aus dem Karren hievte, sagte der Wärter beiläufig: „Und jetzt misten wir die Höhle aus. Komm, geh in großem Bogen um Arto herum, mir hinterher.“ Gislan erstarrte. Er sollte noch weiter in die Höhle hinein? Der Drache würde zwischen ihm und dem Ausgang stehen. Er sah kurz zu Caduac und Rita zurück. Der Bärtige verzog keine Miene, nur Rita zwinkerte ihm auffordernd zu. Gislan straffte die Schultern und folgte dem Wärter. Der zweite Mann zog den Karren hinter sich her. In einer Ecke der Höhle hatte der Drache offenkundig seine Latrine eingerichtet, es stank erbärmlich. Der Wärter stellte sich mit dem Rücken zu ihnen und behielt Arto im Blick, während Gislan und der zweite Mann sich die an der Wand lehnenden Mistgabeln nahmen und den Dreck auf den Schubkarren schaufelten. Es war eine schweißtreibende Arbeit und Gislan konnte kaum den Drachenmist vom Höhlenboden unterscheiden, so dunkel war es. Bei jedem Schnauben des Drachen durchlief ihn ein leichtes Zittern und als Arto einen großen Knochen in zwei Teile zerbrach, jagte eine Gänsehaut über Gislans Rücken. Die spielerische Leichtigkeit, mit der der Drache diesen massiven Knochen zertrümmerte, war nervenaufreibend. Gislan mochte gar nicht daran denken, welche Zerstörung und welchen Terror diese Tiere in einer Schlacht verbreiteten. „Wenn er fertig ist, solltet ihr fertig sein“, meinte der Wärter über die Schulter und der andere Mann schnaubte. Gislan sah zu ihm hinüber. „Was wäre, wenn wir nicht fertig wären?“, fragte er. Der Mann sah ihn nicht an. „Es ist Artos Höhle und er entscheidet, wie lange er Besuch haben will“, sagte er. Gislan schluckte und schaufelte schneller.
      Schließlich war es geschafft und langsam und in größtmöglichem Abstand zu Arto verließen sie die Höhle wieder. Gislan spürte, wie die Präsenz des Drachen, die wie eine schwere, warme Decke auf ihm gelegen hatte, sich plötzlich zurückzog und ihn schweißgebadet, frierend und federleicht zurückließ. Ein Grinsen, das er nicht unterdrücken konnte, stahl sich auf sein Gesicht. Ratternd schloss sich das Fallgatter hinter ihnen. Gislan ging zu Caduac und Rita, während die Männer den Karren fortbrachten und der Wärter das Tor sicherte.
      Rita schenkte ihm ein erleichtertes Lächeln und Caduac nickte. „Du bist noch ganz“, sagte er und tippte ihm mit einem kräftigen Zeigefinger vor die Brust. Gislan taumelte etwas zurück, seine Knie waren weicher als gedacht. „Hey!“, sagte er, empört, vor Rita bloßgestellt zu werden. „Wollt mal sehn, ob du noch stehen kannst“, meinte der Bärtige. „Ich hab mich nach meiner Prüfung erstmal hinsetzen müssen“, meinte Rita und griff nach Gislans Arm. Er lächelte verlegen. „Schlimm wär, wenn du in Ohnmacht gefallen wärst, wie Linus damals“, sagte sie schmunzelnd. „Oder gar keine Angst hättest“, fügte Caduac hinzu. „Dann wärst du nämlich echt blöde und das können wir uns nicht leisten.“
      Damit war für ihn die Sache erledigt, er verabschiedete sich vom Wärter und sie drehten noch eine kleine Runde durch das Höhlensystem, bevor sie sich an den Aufstieg zur Burg machten. „Damit du mal siehst, worum es hier geht“, sagte Caduac. Gislan war froh, nicht sofort die vielen Stufen aufsteigen zu müssen. Erst sollten sich seine Beine wieder stabilisieren. Seit er aus der Höhle getreten war, fühlte er sich wunderbar leicht, fast schwerelos. Es dauerte mehrere Minuten, bis er bemerkte, dass Rita seinen Arm noch immer festhielt. Er wusste nicht recht, was er tun sollte. Seinen Arm fortzuziehen kam ihm zu abweisend vor, darauf zu reagieren traute er sich nicht, also tat er so, als sei gar nichts.
      „Warum bist du eigentlich mitgekommen?“, fragte er schließlich, um die Stille zu unterbrechen, die sich breitgemacht hatte.
      Sie sah ihn von der Seite an. Gislan fiel auf, dass sie fast so groß war wie er und deutlich kräftiger. „Ich wollte sehen, wie sich der Neuling so macht, von dem Caduac geschwärmt hat“, sagte sie vorsichtig. „Caduac und schwärmen?“, meinte Gislan verblüfft und ignorierte ihren gefährlich vieldeutigen Tonfall. „Er würde es natürlich nie offen zugeben“, erwiderte sie und sah zum Bärtigen, der einige Schritte vor ihnen ging und sich mit dem Ordensmann unterhielt, der sie wieder zurückbegleitete. „Aber er hält große Stücke auf dich.“ „Wieso das denn?“, fragte Gislan. Er war doch noch so unerfahren, das hatte Caduac selbst gesagt. „Nun ja“, meinte Rita ausweichend und warf ihm einen kurzen Blick zu. „Nicht jeder weiß so viel über Drachen, bevor er bei uns anfängt“, sagte sie. Gislan nickte langsam. Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Er war unerfahren, ja, aber er hatte bereits viel theoretisches Wissen. „Nicht jeder hat meinen Vater“, meinte er und lächelte unsicher. Sie lächelte zurück und da war wieder dieser feine Geruch nach Kardamom und Zimt und frischer Nelke. Sie liefen eine Zeit schweigend nebeneinander her, kamen dem Aufstieg zur Burg näher und Gislan fand es gar nicht mehr seltsam, dass Rita ihn weiterhin am Arm führte.
      Am Fuß der Treppe gab es einen kleinen Stau, da mehrere Ordensleute hinauf oder hinunter wollten. Am Ende der Warteschlange stehend flüsterte Gislan Rita zu: „In der Höhle war ich kurz davor, wegzulaufen.“ Sie sah ihn an, ihre Augen leuchtend und braun mit grünen Tupfern. „Und dann?“, fragte sie. Vielleicht lag es an der bestandenen Probe, durch die Gislan sich unbesiegbar fühlte, vielleicht auch nur daran, dass sein von Eindrücken gefluteter Geist nicht mehr denken konnte. Vielleicht lag es an der Art, wie sie ihn ansah, vielleicht lag es auch am Duft von Kardamom, Zimt und Nelke. Sicher ist nur, dass er sich an einem anderen Tag und einem anderen Ort nicht getraut hätte. So aber sagte er nur: „Dann hab ich an dich gedacht und an deine Ohren.“ „Meine Ohren?“, fragte sie und runzelte die Stirn. „Ja“, sagte er. „Die sind nicht grün, sondern sehr hübsch. Da bin ich mir jetzt sicher.“


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