Die gefaltete Welt

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    • Die gefaltete Welt

      Wer unsere Träume stiehlt, gibt uns den Tod. (Konfuzius)

      Struktur der
      psychosomatischen Manifestation

      AEMUN RHÕ


      Aemun Rhö beschreibt ein psychosomatisch manifestiertes Weltenszenario, das sich aus fünf verschiedenen Versionen von ein und derselben „inneren Welt“ zusammensetzt. Die verschiedenen Versionen unterscheiden sich voneinander und verkörpern in ihrer Manifestation unterschiedliche psychologische Aspekte. Sie sind integrativ zu verstehen; einzelne Aspekte spiegeln sich daher in allen fünf Versionen wider und bilden intersektionäre Verbindungen untereinander. Sämtliche Versionen der Innenwelt entstehen aus einem Faltungs- und Wechselwirkungsprozess zwischen Innen und Außen sowie durch Spiegelung und Projektion desselben. Wir sprechen daher nicht nur von einer psychosomatisch manifestierten, sondern ebenso von einer „gefalteten“ Welt.



      Version 1: Die Ufer von Pollon – Klanglose Welt – Impuls & Aufbruch
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      „Es war völlig gleich, wie weit wir an der stürmischen und im Grau weilenden Küste entlang liefen, immer wieder kehrten wir zu dem Kreis aus kleinen, weißen Kieseln zurück, der von anderen, die vermutlich vor uns hier waren, in den Sand gelegt wurde. Mit den Dünen und verlassenen Holzhütten im Rücken, blickten wir auf die raue Oberfläche der See. Zeichen schrieben wir in den Sand, aber das Meer trug sie alsbald fort. Pollons Ufer bereicherten und verunsicherten uns mit ihrer unheimlichen Stille, sodass gewiss war, dass dies keine andere als die klanglose Welt sein konnte. Unsicher darüber, was kommen würde, entschieden wir uns dazu, von hier aufzubrechen.“



      Version 2: Die Gärten aus Glas – Glühende Welt – Dynamik & Bewegung
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      „Es war nicht nur die Hitze, die uns zunehmend zu schaffen machte, sondern ebenso der Mangel an Wasser. Der hart gebackene Felsgrund umschloss das Erdreich und ließ kein Leben fruchten. Der Himmel glühte und zu keinem Zeitpunkt war ersichtlich, wo wir uns tatsächlich befanden. Glasartige Splitterformationen dominierten diesen feurigen Ort; sie spiegelten das Licht der Sonne und erzeugten kleine Schwelbrände. Wie uns geschehen würde, war uns noch unklar, als die glühende Welt begann, auch uns allmählich verbrennen zu lassen: Mit seinen staubigen, rotierenden Windsäulen aus radioaktiver Substanz begann dieser Ort uns im innersten Kern zu vernichten.“



      Version 3: Die Wege in das Untere – Pulsierende Welt – Wandel & Metamorphose
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      „Wir registrierten ganz allmählich, dass die Flure und Gänge, in denen wir irrten, nicht vertrauenswürdig waren. Wege und Durchgänge, denen wir soeben den Rücken gekehrt hatten, verschwanden oder veränderten sich in jenem Moment, da wir nicht hinsahen. Wir verharrten beide in Erstaunen und Entsetzen, als wir den Wirkmechanismus einige Male heraufbeschwörten, um unsere Vermutung zu bestätigen: Was statisch und unverändert sein sollte, veränderte sich ohne Ausnahme, ohne jedoch einem nachvollziehbarem Muster zu folgen. Unser Hinsehen allein, machte es für diesen kurzen Moment manifest. Nicht direkt von uns wahr-genommen, veränderte das zuvor Gesehene seine Gestalt oder verschwand völlig in den unsichtbaren Hohlräumen dieser pulsierenden Welt, die uns zu verspeisen drohte.“



      Version 4: Der Grund der Alten – Keimende Welt – Kontraktion & Reifung
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      „Wir konnten nicht verstehen, wie Leben hier unten möglich war. Ein fauliger Geruch wurde von den dunklen, dickflüssigen Wassern nach oben getrieben, aber wir waren im Begriff, tiefer zu sinken. Der Grund offenbarte Leere und im schwachen Schein lumineszierender Kreaturen, gebaren die Strukturen dieser unterseeischen und allmählich keimenden Welt merkwürdige, blasshäutige und uteral anmutende Gebilde. Wir erlagen einem Quell ehrfürchtigen Schreckens, als wir den gigantischen, weißlichen, metallisch schimmernden und aalhaft sich windenden Körper aus der Ferne herangleiten sahen.“



      Version 5: Der Schwarm der Namenlosen – Zeitlose Welt – Gewahrsein & Ruhe
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      „Dieser Ort glich keinem der anderen. Diese Welt, die ohne Zeit war, offenbarte uns ihre ganze, gottgleiche Anmut. In kosmischer Schwärze glitt der gigantische Schwarm dahin – wir waren Teil von ihm. Zu diesem Zeitpunkt wurde uns klar, dass das hier mehr ist als wir wahrnehmen. Ob Traum oder Tatsache, das eindringliche Wissen, das dieser Ort uns zu verabreichen schien, war echt. Ob Wahn oder Wahrheit, das hier war Energie in ihrer ursprünglichsten Form. Wir finden keine anderen oder treffenderen Worte für das, was wir erlebt haben. Nur solche unter euch, die es selbst gesehen haben, werden es verstehen können.“



      _ Das sagt sicherlich nicht viel aus.
      _ Manchmal sind Fragen bedeutsamer als Antworten.

      Also, nur zu.
      s c h w a r z k ä f e r


      Auch bleibt dieser Schacht
      nicht immer gleich
      tief
    • Ich mag die Idee, alles aus Wir-Perspektive zu schreiben. :)

      Der Begriff psychosomatisch wirft die Frage auf, um wessen Psyche es geht. Um die der Leser*innen, oder sogar noch allgemeiner? Oder begrenzter?

      Alberne Frage: In welcher der 5 Subwelten würdest du am ehesten Zeit verbringen wollen?^^
      Nights are deep when days are long. / / / Any sufficiently complex explanation is indistinguishable from ISSO. / / / Art should comfort the disturbed and disturb the comfortable.
    • Ho,

      ich mag die stille Küste, den glühenden Garten, den speisenden Puls, auch die Ehrfurcht vor dem metallischen Aal und kosmischem Schwarm! :)

      Ich fürchte viel fragen kann ich grad nicht, aber vielleicht einige Eindrücke teilen. Einmal impliziert die Wortwahl von Radioaktivität und Metall moderne Protagonisten, unklar ob es zwangsläufig der moderne Mensch sein muss, aber doch von neuzeitlichem Hintergrund.
      Dann ist 'speisen' auch spannend hinsichtlich des pulsierenden. Entweder sind wiederum die Protagonisten derart gesittet oder haben eine entsprechende Erwartungshaltung, dass sie nicht vom schlingenden Nichts ausgehen, oder aber verheimlichen uns etwas über das Wesen des Unteren. Die Personifikation mit "speisend" zu beschreiben macht aus dieser Urgewalt jedenfalls keine wilde, rohe, sondern suggeriert eine Art von Kultivierung. :) Ich kam bei der Vorstellung ein bisschen auf einen mit Leere gefüllten Anzug am Restaurant-Tisch mit Gabel in der Hand. Zusammen mit den Kieselkreisen der vorangegangenen sind das für mich die spannendsten Eindrücke, wenn auch die anderen schön sind.

      Vom psychologischen her fürcht ich das nicht so gut beurteilen zu können, die Folge Aufbruch-Wandel-Ruhe aber erinnert entfernt an die Heldenreise, oder vielleicht auch allgemein an einen Prozess ins Erwachsenwerden oder ähnliches. Die fünfte Welt hat hier aber ein bisschen ein Heilsversprechen, das mir nicht ganz geheuer ist.
      > Möchte in Fantasy-Ausrichtung an den Erfolg von Scientology anknüpfen.
    • Ich vermute, man muss diese Erfahrungen wirklich selbst gemacht haben, aber mir haben sich in jedem Szenario mehr oder minder starke negative Gefühle oder Assoziationen aufgedrängt.
      Ich weiß nicht inwiefern diese beabsichtigt waren, aber sie spiegeln sich für mich nicht oder kaum in den Erzählungen wider...

      Pollon: Hier steht für mich das Im-Kreis-gehen im Widerspruch zum Aufbruch. Die ganze Umgebung wirkt beklemmend, nasskalt, grau und stürmisch, aber klanglos, dazu ein wenig klaustrophobisch. :zitter:

      Gärten: Für mich wieder ein Widerspruch zwischen dem Gefühl des Nicht-Vorankommens und Resignierens in der endlosen Wüste und dem Aspekt der Bewegung.

      Wege ins Untere: Das klassische Labyrinth-Gefühl, entweder zu bleiben und nichts zu erreichen, aber seine unmittelbare Umgebung zu kennen, oder ins Ungewisse vorzudringen, ohne eine Gewissheit, irgendwo anzukommen. Dazu überkommt mich das Gefühl vom Verdaut-werden. :aah:

      Grund: Die für mich an wenigsten surreal-bedrohlich wirkende Umgebung, aber trotzdem irgendwie :schreck: . Die (Wieder)Geburt aus dem fauligen, toten Material erzeugt das Gefühl in Magen und Brutkammer gleichzeitig zu sein und ich stelle mir die Welt sehr gespenstisch vor.

      Schwarm: Hier habe ich Assoziationen mit Szenen aus Büchern und Filmen, in denen ebenfalls etwas "Allumfassendes" oder "Göttliches" dargestellt werden soll, und die in mir das Gefühl eines Jenseits mit unbegrenztem, aber leerem, eben zeitlosem Wissen ohne Bedeutung erwecken. :freak:

      Soweit meine einzelnen Assoziationen. Im ganzen habe ich überall das Gefühl nicht voranzukommen, aber nicht im ruhigen, mit der Welt zufriedenem Sinne, sondern eben beklemmend.
      Nichtsdestotrotz finde ich die Texte genial geschrieben, dass sie in mir so starke Gefühle ausgelöst haben! Respekt! :thumbup:
    • Jundurg schrieb:

      Ich mag die Idee, alles aus Wir-Perspektive zu schreiben. :)

      Der Begriff psychosomatisch wirft die Frage auf, um wessen Psyche es geht. Um die der Leser*innen, oder sogar noch allgemeiner? Oder begrenzter?

      Alberne Frage: In welcher der 5 Subwelten würdest du am ehesten Zeit verbringen wollen?^^
      Wir sind ich. Aber ich bin viele.
      Psychosomatisch manifestiert ist all jenes, das wahr-genommen wird. Ich nehme wahr, du nimmst, wahr, wir nehmen wahr.

      Die letzte Frage muss ich aus der Metaperspektive beantworten. Hierzu ist es wichtig, zu verstehen, dass ich es vorerst aufgegeben habe, eine Welt zu erschaffen, in welcher all das einen Platz findet, was in meinem Geist schwirrt. Ich habe es andersherum gemacht: Aus all dem, was in meinem Geist schwirrt, habe ich eine "Welt" rekonstruiert. Da ich die Versionen dieser Welt aus Meditationen, Träumen und Gedanken bereits sehr gut kenne, müsste ich also sagen, dass ich in allen Subwelten Zeit verbracht habe und Zeit verbringe. Aber es geht ja darum, wo ich am ehesten Zeit verbringen wollen würde. Grundsätzlich an Pollons Ufern - dieses Szenario entspannt mich ungemein - der Blick geht raus in die Ferne, es ist still, nur ein seichtes Rauschen der Wellen ist zu vernehmen. Alles ist ohne "Klang" (will heißen, ohne Bewertung. Vielleicht.)... alles ruht und hat einen Hauch von Zeitlosigkeit. Das Szenario der ersten Version ist während einer Meditation entstanden, in welcher ich meinem "wahren Selbst" begegnet bin. Ich kehre gerne dorthin zurück. Letztendlich gibt es für mich in allen Szenarien viel zu entdecken und zu lernen.

      Eru schrieb:

      Ho,

      ich mag die stille Küste, den glühenden Garten, den speisenden Puls, auch die Ehrfurcht vor dem metallischen Aal und kosmischem Schwarm! :)

      Ich fürchte viel fragen kann ich grad nicht, aber vielleicht einige Eindrücke teilen. Einmal impliziert die Wortwahl von Radioaktivität und Metall moderne Protagonisten, unklar ob es zwangsläufig der moderne Mensch sein muss, aber doch von neuzeitlichem Hintergrund.
      Dann ist 'speisen' auch spannend hinsichtlich des pulsierenden. Entweder sind wiederum die Protagonisten derart gesittet oder haben eine entsprechende Erwartungshaltung, dass sie nicht vom schlingenden Nichts ausgehen, oder aber verheimlichen uns etwas über das Wesen des Unteren. Die Personifikation mit "speisend" zu beschreiben macht aus dieser Urgewalt jedenfalls keine wilde, rohe, sondern suggeriert eine Art von Kultivierung. :) Ich kam bei der Vorstellung ein bisschen auf einen mit Leere gefüllten Anzug am Restaurant-Tisch mit Gabel in der Hand. Zusammen mit den Kieselkreisen der vorangegangenen sind das für mich die spannendsten Eindrücke, wenn auch die anderen schön sind.

      Vom psychologischen her fürcht ich das nicht so gut beurteilen zu können, die Folge Aufbruch-Wandel-Ruhe aber erinnert entfernt an die Heldenreise, oder vielleicht auch allgemein an einen Prozess ins Erwachsenwerden oder ähnliches. Die fünfte Welt hat hier aber ein bisschen ein Heilsversprechen, das mir nicht ganz geheuer ist.
      Deine Eindrücke sind faszinierend, vor allem die Beobachtung der kultivierten Verspeisung. Und ja, es ist bestialisch, aber dabei trotzdem schematisch, einem Muster (vielleicht sogar einer Sitte, einem Brauch) folgend.

      Der eine nimmt eine Heldenreise wahr, der andere einen anderen Prozess der (Ver-)Wandlung. Vielleicht erhoffen wir alle Heilung, aber letztendlich muss wohl offenbart werden, dass es bei einer Hoffnung bleiben muss. Vielleicht auch nicht. Wer dem Schwarm folgt, muss alles zurücklassen. Ob das heilsam ist oder ob es sich heilsam anfühlt... ich weiß es nicht.


      Nikedah schrieb:

      Ich vermute, man muss diese Erfahrungen wirklich selbst gemacht haben, aber mir haben sich in jedem Szenario mehr oder minder starke negative Gefühle oder Assoziationen aufgedrängt.
      Ich weiß nicht inwiefern diese beabsichtigt waren, aber sie spiegeln sich für mich nicht oder kaum in den Erzählungen wider...

      Pollon: Hier steht für mich das Im-Kreis-gehen im Widerspruch zum Aufbruch. Die ganze Umgebung wirkt beklemmend, nasskalt, grau und stürmisch, aber klanglos, dazu ein wenig klaustrophobisch. :zitter:

      Gärten: Für mich wieder ein Widerspruch zwischen dem Gefühl des Nicht-Vorankommens und Resignierens in der endlosen Wüste und dem Aspekt der Bewegung.

      Wege ins Untere: Das klassische Labyrinth-Gefühl, entweder zu bleiben und nichts zu erreichen, aber seine unmittelbare Umgebung zu kennen, oder ins Ungewisse vorzudringen, ohne eine Gewissheit, irgendwo anzukommen. Dazu überkommt mich das Gefühl vom Verdaut-werden. :aah:

      Grund: Die für mich an wenigsten surreal-bedrohlich wirkende Umgebung, aber trotzdem irgendwie :schreck: . Die (Wieder)Geburt aus dem fauligen, toten Material erzeugt das Gefühl in Magen und Brutkammer gleichzeitig zu sein und ich stelle mir die Welt sehr gespenstisch vor.

      Schwarm: Hier habe ich Assoziationen mit Szenen aus Büchern und Filmen, in denen ebenfalls etwas "Allumfassendes" oder "Göttliches" dargestellt werden soll, und die in mir das Gefühl eines Jenseits mit unbegrenztem, aber leerem, eben zeitlosem Wissen ohne Bedeutung erwecken. :freak:

      Soweit meine einzelnen Assoziationen. Im ganzen habe ich überall das Gefühl nicht voranzukommen, aber nicht im ruhigen, mit der Welt zufriedenem Sinne, sondern eben beklemmend.
      Nichtsdestotrotz finde ich die Texte genial geschrieben, dass sie in mir so starke Gefühle ausgelöst haben! Respekt! :thumbup:

      Was widergespiegelt wird, ist nicht gleichzusetzen mit dem Gespiegelten. Sehr interessante Beobachtung... das habe ich selbst so noch nicht wahr-nehmen können in meinen Texten, mir gefällt aber der Widerspruch. Er spiegelt ganz instinktiv das innere Dilemma, das in jedem von uns wohnen mag. Du erfasst genau das, was ich zu beschreiben versuche. Es ist schwierig auszudrücken... wir suchen Wege, manchmal nur Auswege, aber woher wissen wir, ob wir die ganze Zeit nur geirrt sind. Alle Wege, die gegangen werden, offenbaren sich möglicherweise als Irrwege. Aber vielleicht sind es auch Auswege. Das ist nicht bekannt, nicht bewusst, nicht antizipierbar. Es verbleibt im unbewussten Hohlraum, im Klangraum, im Resonanzkörper, den wir selbst darstellen...


      Vielen Dank für eure Eindrücke, sie haben mir wieder neue Erkenntnisse gegeben. Es ist faszinierend zu sehen, was andere wahr-nehmen, wenn sie das hier lesen... :)
      s c h w a r z k ä f e r


      Auch bleibt dieser Schacht
      nicht immer gleich
      tief
    • Schilderungen einer geträumten Welt
      Fragmentarisches Element über die Beschaffenheit der gefalteten Welt Aemun Rhö


      Kaleidoskop

      Ich weiß nicht mehr, wie ich hierher kam, also nehme ich wohl an, dass dies nicht weiter wichtig für mich ist.

      Durch die Tür gelange ich in einen Raum, dessen Boden ein sorgfältig gefliestes Schachbrettmuster vorweist. Lauter Treppen erscheinen im Feld meiner Wahrnehmung und sie bewegen sich fließend, schmiegen sich an den endlos hinaufsteigenden Wänden entlang und vollziehen dabei dreidimensionale Drehungen und Verwirrungen – wie riesige Helixe, die aus den kleinsten Zellen des Lebens entsprungen sind. Steinerne, filigran geschwungene Torbögen und Säulen sprießen derweil aus der Luft und sie verbinden sich ungewöhnlich mit diesen Treppen, die immer tanzender und rhythmischer sich umeinander schließen und allesamt unmögliche und paradoxe Erscheinungen bilden.

      Ich betrete nun eine dieser Treppen und das Schachbrett unter mir beginnt sich wellenartig zu verzerren als sähe ich auf die Oberfläche eines tiefen Wassers. Die Treppe trägt mich höher, doch ihre Stufen klappern, zucken und rucken mit kurzen, schnellen Hieben wie die Zahnreihen einer riesenhaften Kreatur. Dabei bildet alles, was ich nun ersehen kann ein fantastisches Kaleidoskop, eine Vermischung von allerlei Sinnesbildern, die einen seltsamen Rhythmus durch mich hindurch pulsieren lässt. Ich lasse mich fortan tragen von diesem eigenartigen Puls und ersehe eine gewaltige Steinsäule, die nun bedrohlich vor mir aufzuragen sich drängt. Turmartig und schlingernd schiebt sie sich in die Höhe und sie gleicht dabei grotesk dem sich windenden Körper eines Raupentieres, das zur Verpuppung sich bereit macht.

      Ich will versuchen, diesem steinernen Ungetüm noch auszuweichen und das gelingt mir. Im Takt der rhythmischen, wogenden Bewegungen der Treppe, auf der ich noch immer festen Stand habe, halte ich die Säule mittels Kraft meiner Gedanken dazu an, sich selbst zum Einsturz zu bringen und ich erkenne, dass nicht der Turm nun stürzt, sondern ich selbst. Und ich falle sehr tief und ich sehe das Schachbrett etliche Meter unter mir und ich stürze darauf zu, immer eiliger, doch je schneller ich werde, desto weiter entfernt sich dieser Boden, der irgendwann ganz verschwindet. Da ich nun zwischen sich windenden und wendelnden Treppen mich befinde, die verkeilt und verschmolzen mit den Säulen, Torbögen und Brücken absonderlicher Art umherschlingern, entscheide ich mich wohl dazu, die Augen zu schließen, um dem Chaos ein abruptes Ende zu bereiten und damit endet auch der Tanz dieser kaleidoskopischen Anordnung und ich finde mich in einer neuen Umgebung wieder.


      Insekten

      Die neue Umgebung gleicht einem alten, mit dunklen und schwer aussehenden Möbelstücken errichteten Arbeitszimmers. Holzige und mit verstaubten Büchern beseelte Regale lehnen sich eng an die hohen Wände und ein Raunen und Flüstern entging diesen Schriften, die sich wohl schon lange Zeit hier langweilten. Ich beginne, durch diesen prachtvollen Raum zu schreiten, der größer zu werden scheint, je mehr ich mich selbst ihn ihm ausdehne. Manche Wände werden nicht von Regalen besiedelt, also betrachte ich sie näher und sehe, dass gerahmte Insekten sie verzieren. Sehr dicht und zahlreich belagern diese toten Kreaturen die Wände und auch hier vernehme ich ein Raunen und Knistern, sodass ich näher hinsehen will.

      Einen majestätischen Atlasfalter habe ich auserkoren und schenke ihm meine ganze, gebündelte Aufmerksamkeit. Seine geschwungene Form und visuelle Darbietung nimmt mein Sichtfeld ganz ein und ich spüre, dass sich jenseits seines Abbildes etwas bewegt. Klappernd und dumpf grollend beginnen jetzt nämlich die Rahmenstrukturen zu vibrieren. Der Atlasfalter scheint seine Präsenz zu vergrößern und schlussendlich bricht die Fassung seiner Aufhängung und auch die anderen Rahmungen splittern und reißen berstend auseinander. Es ist ein fürchterlicher Krach, der schneidend und donnernd sich durch meinen Körper fortpflanzt. Aber der Atlas beginnt ja nun zu fliegen und auch hunderte andere kleine Krabbler verlassen ihre Fassungen und bilden eine gigantische Laufstraße, die mich nun auch mitreißt.


      Hinab

      Ich bin ja schon diesem Schwarm verfallen und folge ihm daher in die tiefer gelegenen Gefilde dieses Hauses. Dunkel und kalt wird es zunehmend und steile Flure führen tief hinab und ich nehme an, dass dies eine Art Keller sein muss. Die Decken sind hier sehr niedrig, sodass ich meistens gebückt mithalten muss, denn ich folge ja noch immer dem Schwarm der Krabbler und weil ich befürchte, mich ausweglos zu verirren, führe ich meine Hand an der erdigen Wand entlang. Und irgendwann erreichen wir tatsächlich eine Treppe, die sich geradewegs nach unten schraubt und natürlich beschreiten wir sie, denn einen anderen Weg gibt es ja gar nicht. Aber wirklich seltsam ist, dass die Treppe gar nie zu enden scheint, im Gegenteil erfühle ich ein tiefes Grollen, aus dem ich folgere, dass sich die Treppe noch immer im Wachstum befindet und länger wird, je tiefer wir durch sie gelingen.

      Nun, entweder verlangsamen wir uns selbst in Raum und Zeit, werden kleiner und träger ohne es recht zu merken oder diese steinerne Schraube expandiert unaufhaltsam. Und dadurch bleibt der ganze Schacht nicht gleich tief, sondern wird tiefer, je tiefer man sich insgesamt befindet. Auch die selbstähnliche Aufmachung dieses Treppenschachts wirkt mir höchst absonderlich, denn was wäre davon zu halten, wenn wir den gleichen Abschnitt der Treppe immer und immer wieder beschritten, als ahnungslose Gefangene einer unmöglichen und paradox konstruierten Treppe ohne Anfang und ohne Ende? Meine Überlegungen scheinen mir sehr plausibel, weshalb ich jetzt auch endlich ersehe, dass nicht die Treppe ohne Anfang und Ende ist, sondern ich selbst. Dieser Gedanke muss einen Spalt in Raum und Zeit erzeugt haben, weshalb nun alles Sinnbildliche zerfällt und zerbröckelt und mich in einer schwarzen, dickflüssigen Leere zurücklässt.


      Bildgebungen

      Merkwürdigerweise komme ich auf die Idee, die schwarze Flüssigkeit einfach zu trinken und das tue ich fortan, bis nichts mehr übrig bleibt von dieser Leere und bis ich mich an einer stillen Uferküste wiederfinde, die seltsam stumm und klanglos nun in meinem Sichtfeld ruht. Allerlei Treibgut und ein auffälliger Steinkreis bevölkern die sandigen Ufer, die das Wasser schon lange nicht mehr erreicht. In der Ferne ersehe ich etwas Glänzendes und deshalb laufe ich nun darauf zu und verstehe dann, dass es sich um einen ungewöhnlich großen und goldenen Koikarpfen handeln muss, der schwerelos in der Luft und ganz in der Nähe des Ufers verweilt.

      Die fantastische Kreatur blickt aus großen, schwarzen Augen, in denen nichts als Stille wohnt und vielleicht noch etwas anderes. Ein stimmloser Singsang entweicht der Präsenz des Fisches und weil ich verstehen will, sitze ich auf, sodass mich das Tier nun weit über das offene Meer hinaus trägt. Allmählich kommt es dazu, dass wir die klanglosen Ufer verlassen und in graue Wolken aufsteigen und auch hier verändert sich alles. Hunderte und vielleicht auch tausende von gerahmten Bildern entstehen nun um uns herum und sie vervielfachen sich.

      Surreal mutet meine Beobachtung an und allmählich kristallisieren sich formhafte Bildgebungen in den schwebenden Rahmen und ich versuche, sie alle genau zu ersehen, was mir nicht gelingt. Und da sich nun ein sonderbar großes Bild vor uns zusammensetzt, sehe ich genauer hin und ich sehe nur mich selbst, denn all die Bilder sind bloß Spiegel, in denen ich mich selbst unwiderruflich widerspiegele. Und der große Spiegel voraus hebt nun an, durch mich hindurch zu fahren, aber eigentlich ist es genau umgekehrt, weil ich durch den Spiegel nun schreite. Aber was dahinter liegt ist mir nicht bekannt.

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      Auch bleibt dieser Schacht
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    • Irrungen - Wirrungen - Faltungen
      Bruchstück über die Beschaffenheit der gefalteten Welt


      Edit: Was ich noch loswerden muss... durch eine Dokumentation bin ich auf das Wort "Phyllon" gestoßen, was mich sehr an "Pollon" erinnert. Ich habe herausgefunden, dass "Phyllon" Blatt bedeutet, also das Pflanzenblatt... sehr passend, zumal ich Blattäderchen schon als Abstraktion der Irrwege verwendet habe.
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