Militärgeschichte für Weltenbastler

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    • Militärgeschichte für Weltenbastler

      Im Chat bin ich ein paar Mal auf militärische Fragen angesprochen worden und habe auch von selbst Hinweise gegeben. Nun können wir stolz darauf sein, in einer Gesellschaft zu leben, wo solches Wissen weit in den Hintergrund getreten ist, auch wenn es eine gewisse Beunruhigung durch die Ignoranz nicht nur des Souveräns, sondern mittlerweile oft schon von Gerichten und Legislative hervorruft, die die Bundeswehr in Krisensituationen schicken oder militärische Vorfälle beurteilen müssen. Für den Weltenbauer ist hier die Frage nach Realismus in seiner Welt interessant.

      Und es gibt da mehr Möglichkeiten als wir es in der Regel kennen. Von Regimentern, Kompanien, Bataillonen hat jeder schon einmal irgendwo gehört und findet sie bei Wikipedia. Ebenso dürfte es mit römischen Legionen und Kohorten sein. Doch sind diese Organisationsformen auf bestimmte Kampfesweisen oder Versorgungsarten angelegt. Und die Römer konnten ihre Truppen nach Legionen und Kohorten aufmarschieren lassen oder nach der von den griechischen Militärtheoretikern beschriebenen Weise, was dann schon wieder unbekannter ist.

      Nun werden viele das Thema nicht so interessant finden, sich da tiefer einzulesen. Aber da mittlerweile einiges im Internet zu finden ist, stelle ich hier mal einige Bücher vor. Ich enthalte mich dabei ethischer oder moralischer Beurteilungen, weise zur Vermeidung von Missverständnissen nur kurz darauf hin, dass ich Pazifist bin, wie wohl die meisten hierzulande und das Militär als Übel sehe, das uns und andere vor Aggressionen schützt. Ich verstehe dabei den Pazifismus so, dass es durchaus Situationen gibt, in denen ein militärisches Eingreifen zur Verhinderung von Schlimmeren geboten sein kann. In dem Sinne wie Papst Franciscus es formuliert hat.

      Da ich Militärgeschichte in der Überschrift geschrieben habe, brauche ich nicht lange darüber nachdenken, womit ich beginnen soll.

      Hans Delbrück, Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte

      Die Bände werden immer wieder aufgelegt, sind auch im Netz zu finden und werden immer noch in West Point gelesen.

      Delbrück erfand damit im Alleingang die moderne Militärgeschichte, die nicht nur den Militärs dienen soll und auch andere Aspekte neben Strategie und Taktik berücksichtigt. Dabei erfand er sozusagen nebenher die experimentelle Archäologie und führte die Sachkritik ein. Als Klassiker ist natürlich vieles überholt, aber die Zeit Delbrücks steht uns noch so nahe, dass man hier einmal einen Ausgangspunkt zur Kenntnis nehmen kann. Seine Interpretation von Cäsars vorgehen gegen die Helvetier und Ariovist wird bis heute von Lateinschülern im Unterricht behandelt, wenn auch diskutiert und nicht durchgenommen wie früher. Seine Übersetzung einer Manöverbesprechung Hadrians, die sich im Sand der Sahara erhalten hat, ist bis heute in Deutschbüchern zu finden, da er es in dem Tonfall des Wilhelminischen Militärs übersetzt, der auch heute noch in der Bundeswehr üblich ist und jeden Lügen straft, der behauptet, dass es dort keine Tradition zur Zeit vor '45 gibt. Dem heutigen Leser wird seine Diskussion der Argumente seiner Gegner in den ergänzten Auflagen sehr putzig und teils vormodern erscheinen. Und dennoch war der Delbrück derjenige, der die Dolchstoßlegende als solche entlarvte und Zeit seines Wirkens in der Auseinandersetzung mit professionellen Militärs stand. So präzisierte er den Unterschied zwischen Ermattungs- und Niederwerfungsstrategie und erfuhr den Zorn der Militärs durch seine Einordnung Friedrich des Großen als Ermattungsstrategen. Seine Schlachtbeschreibungen kranken in der Regel daran, dass die Schlachtfelder in der Regel erst später und von seinen Gegnern untersucht und kartiert wurden. Ja, die Untersuchung von Schlachtfeldern hat man nicht erst in Kalkriese erfunden. Vieles basiert auch auf zeitgenössischen Theorien, die schon lange aus der Geschichtswissenschaft verschwunden sind, dem Weltenbauer aber immer noch als Anregung dienen können.

      Dem heutigen Leser wird oft seine Ignoranz der Wirtschaftsgeschichte erstaunen. Auch dies lag in der Zeit. So überträgt er die durch die Gemeinheitsteilung entstandenen prekären Verhältnisse der kleineren Landwirte seiner Zeit auf das Frühmittelalter, obwohl er doch diese Umwälzungen kannte. Gedruckten Ausgaben sind in der Regel einordnende Vor- und Nachworte beigegeben, die erkennen lassen, welch bedeutende Verdienste geblieben sind. Auf das simple Nachrechnen, ob die in den Quellen erwähnten riesigen Truppen tatsächlich versorgt oder auf den angegebenen Wegen bewegt werden konnten, war vor ihm keiner gekommen. Denn zuvor schrieb das Militär die Militärgeschichte und interessierte sich nicht für die natürlich von der damaligen Logistik abweichende Logistik früherer Zeiten, sondern für zu ihren Zwecken verwendbaren Taktiken und Strategien. Noch im ersten Weltkrieg lasen Offiziere im Nahen Osten die Bibel und verarbeiteten Angaben daraus zur Planung von Aktionen. So musste sich Delbrück auch immer wieder rechtfertigen, dass er Militärgeschichte schrieb, obwohl er "nur Reserveoffizier mit wenig Erfahrungen 1870/71" war.

      Für Erkenntnisse zur Militärgeschichte ist das Werk eher etwas für Historiker, die den Umgang mit solchen Texten gewohnt sind, doch für den Weltenbastler kann es eine wahre Fundgrube sein, zumal Geschichten und Anekdoten erwähnt werden, die heute längst aus dem Geschichtsunterricht verschwunden sind.

      Bei seinem Wikipedia-Artikel sind Digitalisate verlinkt.

      Was als Nächstes ist jetzt die Frage? In unserer Kultur werden drei militärische Werke immer wieder genannt, die einfach zu erwähnen sind. So bringe ich das gleich am Anfang hinter mich:

      Sun Tzu, Die Kunst des Krieges

      Das Büchlein wird ebenfalls immer wieder aufgelegt, sollte ebenfalls online zu finden sein und auch hier ist bei seinem Wikipedia-Artikel das Digitalisat einer Übersetzung verlinkt.

      Seit den 80ern soll es Managern dienen, Unternehmen besser zu führen. Vordergründig einfach, bedarf es des wiederholten Reflektierens um Lehren daraus zu ziehen. Vielen Managern dient es als Rechtfertigung sich nicht mit Clausewitz zu beschäftigen, was entsprechende Folgen zeitigt, die regelmäßig in den Medien zu erfahren sind. Dass das Militär des alten Chinas natürlich kein Wirtschaftsunternehmen war ist dabei weniger von Belang. Es stehen hier aber sehr grundlegende Fragen im Vordergrund, die teils nicht tiefgehend genug ausgeführt sind. Man muss schon mit den Chinesischen Klassikern und den Chinesischen Philosophen etwas vertraut sein, um dies Buch wirklich erfassen zu können.

      Dann ist Yamamoto Tsunetomo, Hagakure

      zu nennen, dass sich eher auf den einzelnen Krieger bezieht und eine Zusammenstellung von Erzählungen und Anekdoten ist, die eher nostalgisch gemeint ist. Doch wird es von Anderen anders beurteilt. Es wird als eine Art "Ehrenkodex der Samurai" herangezogen und mitunter regelrecht verherrlicht. Wie auch immer man es sieht, enthält es interessantes für den Weltenbastler. Es ist wohl ebenso verbreitet wie Sun Tzu und wieder findet man bei Wikipedia einen Link zu einer englischen Übersetzung. Es sollte aber auch ab und an -zumindest in Auszügen- auf dem Grabbeltisch für 1 oder 2 Euro in nicht so toller deutscher Übersetzung zu finden sein. Ich halte mich in der Beschreibung zurück, weil andere es um so mehr loben. Eine erbauliche Interpretation wird dabei meiner Ansicht nach für das Interpretierte selbst gehalten.

      Das dritte ist Carl von Clausewitz, Vom Kriege.

      Wieder in unzähligen Auflagen erschienen und wieder online auch über Wikipedia verfügbar.

      Dies ist nun ein dickes Werk und in Deutschland umstritten. Ich empfehle sich selbst ein Bild zu machen. Allerdings ist die Sprache schwierig, so dass eine gewisse Lesekompetenz Voraussetzung ist. Im Gegensatz zu manchen Behauptungen deckt er gleich im Ersten Teil die Brutalität des Krieges auf, der für ihn ein Versagen von Diplomaten und Politikern ist. Ausdrücklich sagt er, dass der Krieg nicht total geführt zum Selbstzweck werden darf. Er sagt dies sehr analytisch und schonungslos. Die Kritik an seiner Definition, dass Krieg "die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" sei ist denn auch keine Rechtfertigung, wie heute oft gesagt, sondern Beobachtung. Nach den philosophischeren Betrachtungen zu Anfang nimmt er dann die Kriegführung der napoleonischen Kriege, die er ja als aktiver Offizier erlebte, sowie die Armeen seiner Zeit im Details auseinander. Wer etwa wissen will, von welchen Bedingungen die Möglichkeiten zur Bewegung einer Armee abhängen oder wieviele Soldaten ein Landstrich wie lange versorgen kann, kann hier nachlesen.

      Dies ist dann der Grund, warum das Werk früher von Managern gelesen wurde: Es zeigt einen großen Teil dessen, was bei der Führung eines Großkonzerns beachtet werden muss. Auch in der Sowjetunion tat der Karrierebewusste Kommunist gut daran, es gelesen zu haben, da dies in der Planwirtschaft als noch wichtiger galt. Das ist auch der Grund, warum es Quatsch ist, zu sagen, dass es veraltet sei. Natürlich gibt es heute andere Voraussetzungen, aber es geht im Grunde nicht um die Einzelheiten, sondern darum, wie man ein so komplexes System wie eine Armee steuert.

      Zu weiteren Aspekten dann in weiteren Posts.
    • Bevor es etwas systematischer wird, muss ich noch auf ein anderes Problem eingehen. Wie wird jemandem, der solche Situationen nicht kennt, der Krieg vermittelt? In der Vergangenheit wollte man die auf den Gymnasien heranwachsenden Offiziere und Reserveoffiziere informieren und im übrigen den Krieg als Abenteuer darstellen. Das wir da heute andere Ziele haben, muss ich nicht betonen. Doch stecken eben Informationen zu vergangenen Konflikten in solchen Werken, wenn es um die Kampfhandlungen und den Alltag geht. Die Schilderungen des Leids müssen meist aus Berichten der jüngeren Zeit übernommen werden, da dies so wie heute nicht thematisiert wurde, aber für die vormoderne Kriegsführung stehen eben keine anderen Werke zur Verfügung.

      Teilweise war sogar der Lehrplan dem untergeordnet. Obwohl Cäsar keinesfalls die ideale Einsteigerlektüre ist, sollte er vor der "Mittleren Reife" gelesen werden, da diese, also das bestehen der 10. Klasse im Gymnasium zur Ausbildung zum Reserveoffizier berechtigte. Bis heute krankt der Lateinunterricht vielerorts daran, dass Cäsar als Einsteigerlektüre gelesen wird. Dies hat allerdings auch damit zu tun, dass Cäsar und Cicero die klassische lateinische Sprache geprägt haben, was bedingt, das Cäsar weiter gelesen wird. Oft bleibt aber einfach für eine andere Einsteigerlektüre keine Zeit und da er mittlerweile als Einsteigerlektüre gilt, sieht man wohl oft auch nicht die Notwendigkeit zu einer Änderung.

      Gajus Julius Caesar, das meint zwei Berichte:
      - Erinnerungen an den Gallischen Krieg und
      - Erinnerungen an den Bürgerkrieg

      Ein römischer Feldherr musste dem Senat berichten und Caesar hat seine Berichte später ausgebaut. Das Werk ist berüchtigt für seine Verdrehungen des Geschehenen, wenn Caesar etwa Gesandte verhaften lässt oder umbringt, was in der Antike in etwa so angesehen war wie heute Völkermord. Wo er von Taten spricht, die wir heute Völkermord nennen, rühmt er sich eher, das Notwendige getan zu haben. Denn das war nicht per se problematisch, sondern gehörte bis ins Mittelalter und teils in die Neuzeit zu den üblichen Strategien. Die Schilderungen der ersten Bücher vom Krieg gegen die Helvetier und gegen Ariovist, die Beschreibung der Belagerung Alesias zeigen einfach wie nüchtern und kalt Krieg geschildert werden kann. Dazwischen schildert er auch Wege Soldaten zu Leistungen anzuspornen. Bei der Belagerung von Alesia berichtet er von der Konkurrenz zweier Zenturionen um die Würde des Primus Pilus, des höchsten Zenturio einer Legion. Die beiden begehen eine dumme Heldentat nach der anderen. Dennoch hat die Rom-Serie die Beiden, über die nur hier bei Cäsar zu lesen ist, zu ihre Helden gemacht. Caesar sagt nicht, wie der Wettbewerb ausging und irgendwie nehme ich an, dass ein anderer befördert wurde. Aber, da die Amtszeit eines Primus Pilus nur ein halbes Jahr betrug, ist das, wie mir durchaus bewusst ist, zu modern gedacht. Vom Bürgerkrieg stammt nur der erste Teil von Caesar, der Rest wurde von anderen vollendet. Über die Identität der Autoren streitet die Geschichtswissenschaft bis heute, auch wenn einmal längere Zeit Konsens über einen von ihnen bestehen mag. Die geschilderten Ereignisse, von der Übernahme Italiens über die Kämpf in fast allen Teilen des römischen Herrschaftsbereichs bis hin zu der Szene, in der sich Caesar retten muss, indem er das Hafenbecken von Alexandria durchschwimmt, sind dann mitunter nicht mehr der ganz nüchterne Bericht des Feldherrn.

      Was für die Lateinschüler Caesar sein sollte, war für die Altgriechisch-Schüler

      Xenophon, Anabasis oder Zug der Zehntausend

      Griechische Söldner stehen in einem persischen Bürgerkrieg auf der falschen Seite und müssen sich nach Hause durchschlagen. Deutsche Offiziere, die im ersten Weltkrieg im Iran und Irak dienten, hatten das Werk im Gepäck. Die Ereignisse sind weniger berühmt, zeigen aber das hellenische Kriegswesen um 400 v.Christus.

      Als drittes kam

      Flavius Josephus (vor seiner Adoption durch den Kaiser: Joseph ben Mathitjahu ha Kohen), Der jüdische Krieg hinzu.

      Nicht mit seinen Jüdischen Altertümern verwechseln, das eine Nacherzählung der Bibel ist. Josephus war jüdischer General, wurde von den Römern gefangen genommen, sagte Vespasian die Kaiserwürde voraus, der ihn adoptierte, als die Prophezeiung wahr wurde. Es wurde auch vorgeschrieben, dass Der jüdische Krieg in jeder öffentlichen Bibliothek des Reiches vorzuhalten war. Der Autor hat den seltenen Einblick in beide Seiten und kannte die Kriegführung der Zeit so gut wie jeder römische General. Weil er Training und Disziplin statt Gebete empfahl, wurde er von Jerusalem fortgeschickt, um die Verteidigung Galiläas zu organisieren. Für ihn ist Vespasian der Messias und an ein paar Stellen stellt er seine Handlungen besser dar als er tatsächlich handelte. Wer die Belagerung einer starken Festung darstellen will -Jerusalem galt als mächtigste Festung des Osten, ist hier richtig.

      Zum Thema Krieg müssen in diesem Zusammenhang noch zwei weitere Autoren genannt werden:

      Zum einen Thukydides, mit seiner Geschichte des Peloponnesischen Kriegs, der uns heute wesentlich näher steht als die anderen Autoren. Zumindest die Grabrede des Perikles auf die Gefallenen des ersten Kriegsjahres und den Melierdialog sollte man gelesen haben, wenn man sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt. Diese sind der Grund, ihn hier aufzuführen.

      Bei Tacitus liegt der Grund darin, dass er Kunstprosa schaffen will und sich die historischen Ereignisse schon einmal der Kunst und der politischen Aussage unterordnen müssen. Dadurch hat er Szenen geschaffen, die sicher jeder schon einmal in einer Dokumentation gesehen hat, weshalb ich ihn nicht unterschlagen will. Er schrieb u.a. den Agricola, eine Biographie seines Schwiegervaters, in der er die Eroberung Britanniens schilderte, die Annalen mit den Beschreibungen der Germanicus-Feldzüge und des Schlachtfeldes der Varusschlacht und die Historien über das Vierkaiserjahr und den Bataveraufstand.

      Im 19. Jahrhundert gab es eine Unmenge Anekdoten und Schriften zu den Napoleonischen Kriegen. Heranwachsenden Knaben empfahl man die Lektüre von Antoine F. de Brack: Avant-postes de cavalerie légere (Deutsch: Vorposten der leichten Kavallerie. Erinnerungen. Flemming Verlag, Glogau 1859. Aktuell gibt es nur französische und englische Ausgaben.) Darin beschreibt der Herr General seine Erfahrungen als junger Kavallerieoffizier und gibt Tipps, was man macht, wenn schwere Kavallerie angreift, wieso eine Pfeife nützlich ist und was ihm sonst noch hilfreich zu sein scheint. Der Krieg ist hier eher Abenteuer. Nach dem 1. Weltkrieg übernahm Rommels Infanterie greift an teilweise diese Rolle, obwohl es sich eher an Militärs richtet.

      Aus der Unzahl an Erinnerungen ist natürlich T.E. Lawrence Sieben Säulen der Weisheit hervorzuheben, dass allerdings lange nur in einer abgepeckten Version, die den üblichen Abenteuergeschichten angeglichen war, zu haben war. Die bekanntesten Deutschen Beispiele dürften Lettow-Vorbecks Buch über Ostafrika und Graf Luckners Beschreibung der Fahrt mit der Seeadler sein. Hier hatte ich doch glatt erst 'In Stahlgewittern' und die anderen Bücher von Ernst Jünger vergessen.

      Wesentlich interessanter dürfte in diesem Zusammenhang sein, dass William Siborne nicht nur das Schlachtfeld von Waterloo untersuchte, sondern Berichte aller noch lebender Offiziere zu sammeln suchte. Diese geben oft ein reales und entsprechend verstörendes Bild der Schlacht. In den besseren Büchern zur Schlacht werden diese Berichte ausführlich zitiert.

      Wenn man sich die Eigenarten der jeweiligen Quellen immer vor Augen hält, gibt es also doch Möglichkeiten, einen gewissen Eindruck von vormodernen Schlachten und Kriegen zu gewinnen.

      Dabei muss auch bedacht werden, dass immer nur ein grober Überblick gegeben oder Details geschildert werden können, wie sie typisch für viele Schlachten sind. Bei den Geschichtsschreibern führt letzteres mitunter zu wilden Spekulationen, obwohl der Autor keine substantiellen Informationen mitzuteilen hatte und daher Typisches erwähnt

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    • Kommen wir zu einem für Weltenbauer in dieser Hinsicht kaum zu vermeidenden Thema: Organisation, Logistik, Ausrüstung, Taktik und aktuelle Strategie. All dies zusammen kann als Heerwesen bezeichnet werden. Hier kann natürlich nicht alles und jedes berücksichtigt werden, dafür kann man nach den historischen Epochen ordnen.

      Altertum
      Um es nicht zu weit zu treiben, konzentriere ich mich auf die klassische Einteilung Alter Orient/Ägypten/Israel/Klassische Antike.

      Für den Alten Orient gibt es als Übersicht und Einstieg Otto Schertler, Sascha Lunyakov, Die Heere im Alten Orient - Von den Stadtstaaten der Sumerer bis zum Weltreich der Assyrer, Berlin 2010.

      Für Ägypten fand ich für Weltenbastler gut geeignet:
      John Coleman Darnell, Colleen Manassa, Tutankhamun's Armies - Battle and Conquest During Ancient Egypt's Late Eighteenth Dynasty, Hoboken 2007, das sich mit der Armana-Zeit beschäftigt aber auch die ältere Entwicklung anspricht. Wer weitere Literatur sucht findet darin entsprechende Angaben.
      Anthony J. Spalinger, War in Ancient Egypt, Oxford 2005, dass sich mit dem ganzen Neuen Reich beschäftigt, zielt auf die gesellschaftliche und kulturelle Verortung des Militärs ab.

      Chaim Herzog, Mordechai Gichon, Die Biblischen Kriege bietet die Sicht des konservativen Israelis und vermittelt, auch, wie die heutige Lage den Blickwinkel beeinflussen kann. Zudem ist es günstig erhältlich.

      Zum klassischen Altertum gibt es die Werke von Peter Connolly. Da dieser sich sein Wissen als Illustrator erarbeitete geht es kaum anschaulicher. Insbesondere sind auch seine Bücher für junge Leser dem Erwachsenen zu empfehlen. Sein Greece and Rome at War. Greenhill Books, London 1998, wird aus unerfindlichen Gründen nicht in dem Wikipedia-Artikel aufgezählt.

      Da Rom und die Germanenkriege hierzulande natürlich immer wieder thematisiert werden, seien dazu noch einige weitere Bücher genannt:
      Thomas Fischer, Die Armee der Caesaren - Archäologie und Geschichte, Regensburg 2014 ersetzt viele andere Bände in der Bibliothek. Es ist nicht ganz billig, aber jeden Cent wert. An ein oder zwei Stellen wünscht man sich, er wäre etwas weiter auf andere Meinungen eingegangen, aber im Gegensatz zu anderen unterschlägt er sie nicht und geht auch auf die Forschungsgeschichte ein. Der Schwerpunkt liegt auf Bildzeugnissen und der materiellen Hinterlassenschaft.
      Günstiger und zu meiner Zeit auch an der Uni empfohlen ist Philipp Barker, The Armies and Enemies of Imperial Roms, [IMG:http://www.geschichtsforum.de/styles/default/xenforo/clear.png]o. O. 1981, Nachdruck 2015 von der Wargames Research Group, einem Verlag für Tabletop. Wie der Name sagt, beinhaltet es auch Beschreibungen der Armeen, bzw. Aufgebote der Gegner.
      Das wissenschaftliche Werk zur Bewaffnung der Germanen ist
      Wolfgang Adler, Studien zur germanischen Bewaffnung - Waffenmitgabe und Kampfesweise im Niederelbegebiet und im übrigen Freien Germanien um Christi Geburt, Diss. Saarbrücken 1989.
      Allgemeinverständlicher ist Andreas Strassmeier, Andreas Gagelmann, Das Heer des Arminius - Germanische Krieger zu Beginn des 1. nachchristlichen Jahrhunderts. Die historischen Informationen sind zu vergessen, teils einfach grottig, aber die Ausrüstung scheint zuverlässig beschrieben -ich habe das stichprobenartig überprüft- und es ist anschaulich. (Das ist aus einer Reihe zu deren Zielpublikum Reenactor, Wargemer und Figurenmaler gehören.)
      Und wer etwas halbwegs Neutrales zur Varusschlacht sucht, kommt an Folgendem nicht vorbei:
      Rheinhard Wolters, Die Schlacht im Teutoburger Wald - Arminius, Varus und das römische Germanien, München 2008. (Mittlerweile in neuer Auflage.)

      Mittelalter
      Anschaulich ist Liliane und Fred Funcken, Historische Waffen und Rüstungen - Ritter und Landsknechte vom 8. bis 16. Jahrhundert, München 2014. (Darin sind die Bände zu Mittelalter und Landsknechtsheeren vereint.)
      Das Frühmittelalter ist darin etwas stiefmütterlich behandelt. Daher sei noch Ian Heath, Armies of the Dark Ages 600-1066, o. O. 1988, Nachdruck 2015 angegeben.
      Die Bücher von Ewart Oakeshotte sind hier auch zu empfehlen. Wiederum auch die für junge Leser, wenn ich bei ihm doch die anderen vorziehen würde. Die Klassifikation der europäischen Schwerttypen ist nach ihm benannt. (Die Werke sind im Wikipedia-Artikel aufgezählt.)
      Georges Duby, Der Sonntag von Bouvines 27. Juli 1214, Berlin 1988. Es wird von der Schlacht ausgehend der Standpunkt, die Verortung des Krieges in der Kultur des Hochmittelalters vorgenommen. (Hier zeigt sich auch, warum man nicht alle Anekdoten einfach unter den Tisch fallen lassen darf.)

      Neuzeit
      Hier ist es besonders einfach einen Überblick zu bekommen:
      Georg Ortenburg (Hg), Heerwesens der Neuzeit. Es gibt jeweils einen Band "Waffen der ..." und "Taktik und Strategie der...", die Pünktchen lesen sich wie folgt:
      Landsknechte 1500-1650
      Kabinettskriege 1650-1792
      Revolutionskriege 1792-1848
      Einigungskriege 1848-1871
      Millionenheere 1871-1914.
      Vor Einzelkauf wird gewarnt, die Reihe sollte für um die 40€ zu finden sein. Wie es Handbücher meist sind, ist es etwas konservativ beim Forschungsstand, beleuchtet aber alle Aspekte abgesehen von der Uniformenkunde. Es ist auf Europa konzentriert.
      (Wenn sich ein Weltenbauer für Uniformen interessiert, wird ihm wohl Richard Knötel, Herbert Knötel, Herbert Sieg, Farbiges Handbuch der Uniformkunde mehr als genug sein. Es sollte im Netz sehr günstig zu finden sein. Die Farbgebung der Nachdrucke ist von unterschiedlicher Qualität. Band I beschäftigt sich mit Deutschland, Österreich und der Schweiz, Band 2 mit dem Rest der Welt. Ansonsten kann nach den Uniformtafeln von Richard Knötel, von denen sich schon viel bei Wiki Commons findet, und nach Liliane und Fred Funcken gegoogelt werden. Der bekannteste heutige Historienmaler ist Don Troiani, der sich hauptsächlich mit dem amerikanischen Bürgerkrieg beschäftigt.)

      Geoffrey Parker, Die militärische Revolution - Die Kriegskunst und der Aufstieg des Westens 1500-1800, Frankfurt 1990 geht der Frage nach der Überlegenheit Europas nach und beleuchtet daher auch einiges außerhalb Europas, bzw. Wechselwirkungen von Europa mit dem Rest der Welt.
      Da eine Frage nach dem Generalstab Anlass für diesen Thread war, sei genannt:
      Walter Görlitz, Kleine Geschichte des deutschen Generalstabs, Berlin 1977.
      Viele mag in der Neuzeit das friderizianische Preußen interessieren, von dem ja gesagt wurde, dass es eine Armee mit einem Staat sei. Dazu sind die Bücher von Martin Guddat einschlägig und gut verständlich, ergänzt mit einem Werk über die Schlachten:
      Martin Guddat, Kürassiere, Dragoner, Husaren - Die Kavallerie Friedrichs des Großen, Herford, Bonn 1989.
      Martin Guddat, Grenadiere, Musketiere, Füsiliere - Die Infanterie Friedrich des Großen, ? ?
      Martin Guddat, Kanoniere, Bombardiere, Pontoniere - Die Artillerie Friedrich des Großen, Herford, Hamburg 1992.Günter Dorn, Joachim Engelmann, Die Schlachten Friedrich des Großen - Führung. Verlauf. Gefechts-Szenen. Gliederungen. Karten., Augsburg 1997.(Das berühmte Uniformwerk Menzels, das komplett nur in einigen Dutzend Exemplaren gedruckt wurde, ist neuerdings als Digitalisat bei der Anna-Amalia-Bibliothek zu finden.) Als Gegensatz die Beschreibung des Militärs eines deutschen Kleinstaates, der sich im Frieden nur 2 Kompanien leistete, wo die Preußen 2 Regimenter aufgestellt hätten und bei dem die Feldkapelle am Besten ausgestattet war -sowohl die geistliche als auch die musikalische:
      Franz Mürmann: Das Militärwesen des ehemaligen Hochstiftes Paderborn seit dem Ausgange des Dreißigjährigen Krieges. Münster 1938 (Dissertation Universität Münster). Hier als Digitalisat des Abdrucks in der Westfälischen Zeitschrift.
      Der Bericht des Kommandeurs über das Reichskontingent von Paderborn im 7jährigen Krieg findet sich, kurz kommentiert von Rosenkranz hier.

      Da ich im Vorpost Waterloo erwähnte:Klaus-Jürgen Bremm, Die Schlacht - Waterloo 1815, Darmstadt 2015.
      Kriegführung der 'Eingeborenen':
      Neben Berichten von oder über Forscher und Erforschungen gibt es natürlich die einschlägige ethnographische Literatur. Der Weltenbauer wird sich hier zweifellos schon einiges an Literatur erschlossen haben. Hier will ich aber nur auf zwei Phänomene hinweisen, die wahrscheinlich auch miteinander in Verbindung stehen. Zu den Topoi über die verschiedenen 'Ureinwohner' gehörte und gehört unweigerlich die militärische Rückständigkeit. Doch wird, wenn man genau hinsieht, oft gerade ihre militärische Effizienz betont. So z.B. im Bericht des Prinzen Maximilian zu Wied über seine Reisen in Nordamerika. Er hatte in den napoleonischen Kriegen als Kavallerieoffizier gedient und stellt anlässlich einer 'Indianerschlacht' der Kavallerie der Ureinwohner ein sehr gutes Zeugnis aus. So etwas lässt dann Berichte über spätere Auseinandersetzungen, geschrieben vom Sieger mit der Behauptung struktureller Unterlegenheit der Ureinwohner, fragwürdig erscheinen, während es das zweite Phänomen erklärt: Die seltenen, oft als unerklärlich titulierten Siege der Ureinwohner, die eben nicht nur auf Leichtsinn beruhen, sondern meist darauf, dass die Behauptungen der Propaganda für bare Münze gehalten wurden. Als Custer, immerhin ein erfahrener Offizier, die Seitengewehre seiner Truppe zurückließ, ignorierte er z.B. die Gefahr von Reiterei im Nahkampf attackiert zu werden, obwohl er darum wissen musste.
      Anekdoten
      Früher wurde die Kenntnis Militärischer Anekdoten gefördert. Heute sind meist nur einzelne Beispiele zu finden. Zur Österreichischen Kavallerie sind einige noch in Des Kaisers Reiterei von Georg Schreiber zu finden. Zu den Preußen des Alten Fritz finden sich viele Anekdoten in Franz Kugler, Geschichte Friedrichs des Großen. Gezeichnet von Adolph Menzel. J.J. Webersche Buchhandlung, Berlin 1842, dass schon allein wegen der berühmten Zeichnungen Menzels immer noch lesenswert ist, auch wenn es natürlich ein Propagandawerk ist. Ein Digitalisat ist im Wikipedia-Artikel zu Menzel verlinkt.
      Allgemeines
      Da es viele Ansätze und Interessen gibt, sei auch auf die Literatur im Wikipedia-Artikel zur Militärgeschichte hingewiesen.Und zur Strategie seien noch genannt:Beatrice Heuser, The evolution of strategy. Thinking war from antiquity to the present. Cambridge, UK, New York, 2010.
      Antoine Henri Jomini, Horace E. Cocroft, The art of war. Rockville 2007.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Riothamus () aus folgendem Grund: Alter Orient und Ägypten ergänzt.

    • Ich hoffe, dass die Aufzählung, die natürlich auch individuell ist und vieles bei Seite lassen muss, einigen Weltenbastlern hilfreich sein kann. Da ich an Schlaflosigkeit leide, haben sich eine ganze Menge Rechtschreibfehler eingeschlichen, die ich hoffentlich nicht zu korrigieren vergesse, wenn ich wieder wacher bin.

      Natürlich eignet sich der Thread auch für die Empfehlungen von Anderen oder für Fragen zum Thema.
    • Ich wollte bei den Angaben nicht zu modern werden, aber ein Titel muss bei dem Thema aufgeführt werden, weil es eben um die heutige Bundeswehr geht und auch von Außen Einblicke in die Inhalte der Ausbildung und das offiziöse Selbstverständnis unseres Militärs ermöglicht:

      Der Reibert, Handbuch für den deutschen Soldaten. Seit 1924 immer wieder aufgelegt, muss ich es hier nicht weiter beschreiben, sondern kann auf den Wikipedia-Artikel verweisen. Und da es seit 1924 herausgegeben wird, schaffe ich hier in gewisser Weise doch den Anschluss zur Gegenwart.

      Und für die Antike kann ich es nun doch nicht unterlassen, auf die Strategemata des Frontinus hinzuweisen. Nicht ganz richtig wird der Titel meist mit Kriegslisten übersetzt. Der Text ist für jeden Autor eine Quelle der Inspiration für eigene Schilderungen. Im Wikipedia-Artikel findet sich ein Link zu einer englischen Übersetzung. Auch der Abschnitt über sein Werk über die römische Wasserversorgung wird den Weltenbauer interessieren, zumal das Problem der politischen Kontrolle gerade im Zusammenhang mit dem BER und Stuttgart 21 sehr aktuell ist.

      Auch bei anderen Werken habe ich hin- und herüberlegt, ob ich sie nachreiche. Doch will ich ja keine Anleitung zum Studium, sondern zu Literatur für einen fundierten Überblick als Hilfe beim Weltenbau geben. Statt weiterer Literaturhinweise werde ich, wenn der momentane Stress vorbei ist, die Bemerkungen zu der Literatur zur Heereskunde korrigieren und etwas mehr ausführen. Vielleicht führe ich auch noch ein paar einschlägige Webseiten an.

      Ich habe quasi als Exkurs etwas mehr zu den römischen Germanienkriegen und zur Zeit Friedrich des Großen angegeben. Ob der zahlreichen allgemeinverständlichen Literatur zu einigen Themen wollte ich nicht alles ignorieren, was näher auf so ein Thema eingeht. Mein Blick fiel auf Rom und die Germanienkriege, weil es meist auf Interesse stößt und auf die friderizianische Zeit, weil es dazu gute Literatur gibt und uns die Zeit eben noch wesentlich ferner steht als z.B. die Zeit Napoleons oder des amerikanischen Bürgerkriegs.

      Die Übersetzungen antiker Quellen sind meist gewöhnungsbedürftig geschrieben. Das hat damit zu tun, dass heute oft im Vordergrund steht, das Gemeinte der Ausgangssprache korrekt wiederzugeben und nicht einen eleganten Text in der Zielsprache zu schaffen. Bei Latein und Altgriechisch eigentlich vergebene Liebesmüh, da die alten Sprachen der unseren so fern stehen, dass sie oft einfach nicht korrekt widergegeben werden können. Nicht nur wegen grammatikalischer Unterschiede wie bei modernen Sprachen, sondern wegen vollkommen unterschiedlicher Wortbedeutungen und Denkweisen. Daher lohnt es sich durchaus, sich in diesen Stil einzulesen und nicht sofort zu kapitulieren.