Sprachenthemen kurz betrachtet

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    • Sprachenthemen kurz betrachtet

      Nachdem ich den Sprachenbastel-Workshop schon angekündigt habe und bis zum Beginn desselben noch ein Monat Zeit ist, muss ich dafür sorgen, dass es nicht aus dem Blickfeld gerät. Doch ist dies eine gute Gelegenheit, ein paar Dinge anzusprechen, die beim Thema Sprache sowieso irgendwann jemand anspricht, ohne dass sie für das Sprachenbasteln notwendig sind. So kann dann das unbefriedigende "auch interessant und wichtig, aber leider haben wir dafür keine Zeit", dass wir sicher alle aus der Schule kennen, vermieden werden.

      Natürlich will ich nicht nur meine Ansichten verbreiten und hoffe, dass es zu dem ein oder anderen Thema Diskussionen gibt. Eher ist es ein Weg, die Sprachbastel-Threads von allzuviel Zusatzdiskussionen freizuhalten, indem diese hierhergelenkt werden, statt sie abzuwürgen.

      Zudem wären solche Diskussionen dort nach einiger Zeit kaum noch zu finden, während ein eigener Thread ein Anlaufpunkt für die Suche danach ist.

      Ich bitte daher darum, zu Beginn eines jeden Beitrags kurz zu kennzeichnen, ob es sich um ein neues Themahandelt (also etwa "Thema") oder um einen Beitrag zu einemschon angesprochenen Thema (also etwa "Beitrag" oder"Antwort"). Die Nennung des Themas ist an dieser Stelle natürlich auch hilfreich.

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    • Die Frage nach der Ursprache

      Da es erst neulich im Forum angesprochen wurde, fange ich mal mit diesem Thema an, zumal ich indem Zusammenhang Thalak und Veria einige unzureichende Antworten gab. Ich hatte zu dem Zeitpunkt nicht die innere Ruhe mein eigentliches Problem mit dem Thema anzusprechen.

      Dies Problem besteht schlicht und einfach darin, dass es keine Ursprache gab und eine Welt mit Ursprache nicht sehr wahrscheinlich ist. Woran liegt das?

      Es liegt an der Vielfalt der menschlichen Laute und der begrenzten Auswahl der Laute einer bestimmten Sprache.

      Aber zunächst muss ich darauf hinweisen, dass die Sprachwissenschaft unter Ur- oder Protosprache eher eine Sprache versteht, die als Ursprung einer oder mehrerer anderer Sprachen betrachtet wird und meist nur noch theoretisch rekonstruiert werden kann. Dazu kann hier nachgelesen werden: de.wikipedia.org/wiki/Ursprache (Wo vorhanden, lohnt es sich immer die entsprechenden englischen Wikipedia-Artikel zu lesen, da die deutsche Wikipedia oft sehr speziell ist.)

      Es gibt bei einigen Wissenschaftlern auch das Konzept einer Kommunikationsform zwischen tierischen Lauten und menschlicher Sprache. Dazu ein kurzer Absatz hier: de.wikipedia.org/wiki/Evolingo#Proto-Sprache

      Umgangssprachlich verstehen wir darunter jedoch eine angenommene erste einheitliche Sprache. Schon in der Bibel wird eine solche bei der Geschichte vom Turmbau zu Babel vorausgesetzt. Und in der Regel wird in der Schule das schaurige Experiment Kaiser Friedrichs II. durchgenommen, der zwei Kinder ohne Sprache aufziehen lassen wollte, die dann an mangelnder Zuwendung starben. Ähnliches berichtet Herodot vom Pharaonenhof. Dort war man 'erfolgreicher' und kürte das Phrygische zur 'natürlichen' Sprache. Dazu hier:

      - de.wikipedia.org/wiki/Proto-Welt-Sprache
      - de.wikipedia.org/wiki/Kaspar-Hauser-Versuch

      und allgemeiner:

      - de.wikipedia.org/wiki/Sprachursprung.

      Da das alles verfügbar und bei den meisten sicher ganz oder teilweise bekannt ist, brauche ich dazu keinen Essay schreiben. Wieso denke ich also, dass es keine einheitliche Ursprache gegeben hat?

      Der Mensch kann eine ganze Menge an Lauten produzieren, doch die Sprachen bestehen nur aus einem Teil davon, meist sogar nur aus einem Bruchteil.

      Hier sind zwei Erscheinungen zu erklären:

      1- Es gibt unendlich viele Laute. Jede Frequenz von Schallwellen ist genau genommen ein eigener Laut. Aber wir nehmen immer ein ganzes Segment als einen Laut wahr. Bis zu den Grenzen dieses Segments 'hören' wir diesen Laut -die Sprachwissenschaft spricht dann von Phon- und außerhalb andere. Siehe dazu: de.wikipedia.org/wiki/Laut und de.wikipedia.org/wiki/Phon_(Linguistik). Bestimmte Phone dienen dann der Bedeutungsunterscheidung in der Sprache. Diese werden Phoneme genannt. Vereinfacht gesagt: Die Sprachen bestehen jeweils aus einer begrenzten Anzahl von Lauten. (de.wikipedia.org/wiki/Phonem)

      2- Jede Sprache nutzt eine individuelle Auswahl von Lauten.

      Also: In jeder Sprache gibt es einige klar zu unterscheidende Laute. Und in jeder Sprache ist die Auswahl verschieden. Und so eine Auswahl von Lauten entsteht automatisch, wie mittlerweile durch Simulationsexperimente gezeigt wurde. (Vgl. z.B. Dieter Wunderlich, Sprachen der Welt - Warum sie so verschieden sind und sich doch alle gleichen, Darmstadt 2015, S.253 um ein allgemein verständliches Buch zu zitieren.) Und unterschiedliche Laute bedingen unterschiedliche Wörter.

      Begreiflicherweise sind dabei Anzahl und genaue Auswahl der Laute zufällig. Und damit haben die Laute einer Sprache auch immer schon eine Geschichte. Eine Sprache ohne Geschichte ist also nicht vorstellbar. Denn das Lautsystem hat sich ja entwickelt.

      Zudem ist die Auswahl vom Zufall abhängig. Die eine Gruppe mag in ihrem Umfeld kreischende Affen und einen tosenden Wasserfall haben, die andere hört oft den Kuckuck rufen und die Drossel singen. Schon bilden sie andere Assoziationen zu den Lauten. Damit ist dann auch eine einheitliche Ursprache vom Tisch, wenn man nicht von einer ersten Menschengruppe um Adam und Eva ausgeht.

      Da das Entstehen der "Distinkivität der Sprachlaute" einer Sprache jedes vergleichbare Gebilde betrifft, muss ein Weltenbastler sich schon etwas ausdenken, warum es in seiner Welt anders ist, um eine einheitliche Ursprache glaubwürdig zu basteln.

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    • Der Ausdruck "Ursprache" bzw. "Protosprache" hat zwei verschiedene Bedeutungen, je nach dem, ob er im Kontext der historischen Linguistik oder in dem der Sprachursprungsforschung verwandt wird. Und das sind zwei verschiedene Disziplinen, die Unterschiedliches untersuchen und ganz verschiedene Methoden anwenden.


      In der historischen Linguistik ist eine "Protosprache" die hypothetische Sprache, von der alle Mitglieder einer Sprachfamilie abstammen, wie z. B. das Urindoeuropäische, die sich mittels der komparativen Methode rekonstruieren lässt. Solche Sprachen sind - jedenfalls was die tatsächlich rekonstruierbaren betrifft - voll entwickelte Sprachen, die je nach Zeittiefe der betrachteten Sprachfamilie vor wenigen tausend Jahren gesprochen wurden. Kein seriöser Linguist hält die Ursprache aller menschlichen Sprachen nach derzeitigem Stand der Wissenschaft für rekonstruierbar!


      In der Sprachursprungsforschung ist eine "Protosprache" ein hypothetisches evolutionäres Zwischenstadium zwischen den animalischen Lauten der Menschenaffen, von denen wir abstammen, und voll entwickelter menschlicher Sprache. Solche "Protosprachen" wären etwa vor 2 Millionen bis 100.000 Jahren gesprochen worden, wann genau, weiß niemand; aber auf jedem Fall viel früher als die oben genannten Protosprachen, die die historische Linguistik untersucht. Solcher Zwischenstadien wird man mit der komparativen Methode unmöglich Herr, also versucht man auf anderen Wegen, zu Hypothesen zu gelangen, etwa mit der "Haeckelschen Regel", wonach die Ontogenese die Phylogenese nachvollzieht, und die Sprachentwicklung im Kind die Evolution der menschlichen Sprache widerspiegeln soll (was höchst umstritten ist!) und ähnlichem.

      Diese beiden Bedeutungen werden in der Publikumspresse immer wieder miteinander verwechselt, was zu nicht immer amüsanten Missverständnissen führt.
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    • Wie ich ja auch dargestellt habe.

      Allerdings sind es keine unterschiedliche Disziplinen. Die Disziplin ist die Sprachwissenschaft. Verschiedene Terminologie innerhalb einer Wissenschaft ist des Teufels, vereinfacht gesagt.
    • Ich wäre ehrlich gesagt nicht auf die Idee gekommen, dass noch jemand ernsthaft nach einer Ursprache sucht.^^

      Was mir dazu spontan einfällt: Es gibt ja das Phänomen, dass Zwillinge manchmal eine eigene Sprache ausbilden, mit der sie miteinander reden, ohne dass Eltern sie verstehen. Klar wird das kein voll entwickeltes Ding samt Grammatik und so sein, aber - die Anzahl der Menschen, die notwendig ist, damit eine neue Sprache entstehen kann, ist zwei? :D
      Nights are deep when days are long. / / / Any sufficiently complex explanation is indistinguishable from ISSO. / / / Art should comfort the disturbed and disturb the comfortable.
    • Riothamus schrieb:

      Wie ich ja auch dargestellt habe.

      Allerdings sind es keine unterschiedliche Disziplinen. Die Disziplin ist die Sprachwissenschaft. Verschiedene Terminologie innerhalb einer Wissenschaft ist des Teufels, vereinfacht gesagt.
      Na gut, es sind Unterdisziplinen einer Disziplin. Oder wie auch immer. Jedenfalls meinen historische Linguisten und Sprachursprungsforscher mit demselben Wort unterschiedliche Dinge, und das führt leicht zu Missverständnissen.
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    • Die Fragen nach Latein



      Ganz so unsexy wie es auf manche wirken mag, kann dies Thema nicht sein. Denn irgendwann kommen, wenn es um Sprache geht, unweigerlich Fragen nach Latein. Und für Weltenbastler gibt es hier noch zusätzliche Aspekte. Ich widme mich dem Thema hier, weil ich die Sprache für Beispiele heranziehen möchte und diesbezügliche Fragen und Vorurteile erfahrungsgemäß unvermeidlich angesprochen werden, wenn öffentlich von Latein geredet wird.

      Ich versuche mal Spoiler zu benutzen, dann kann jeder lesen, was ihn interessiert. Denn es gibt hierzu mehrere Fragen, die immer wieder gestellt werden. Einen guten Teil der Texte habe ich in anderem Zusammenhang geschrieben, weshalb der Focus nicht ausdrücklich auf dem Weltenbasteln liegt. Aber es neu zuschreiben, wäre doch etwas übertrieben gewesen.

      Zunächst muss angemerkt werden, dass es dabei um klassisches Latein geht. Denn das birgt gleich eine Antwort auf die Frage nach Latein als einer toten Sprache.


      Latein als tote Sprache

      Klassisches Latein war nie eine lebende Sprache. Es wurde von Autoren wie Cicero und Cäsar als gehobene Sprache entwickelt und unterschied sich von Anfang an vom gesprochenen Latein. Schon im 1. Jahrhundert v. Chr. wurde Clodius statt Claudius gesagt, wie es im klassischen Latein aber erhalten blieb und auch das anlautende 'H' blieb im klassischen Latein erhalten. Bis in die erste Hälfte des 1. Jahrhundert n. Chr. wurden aber noch einige wenige sprachliche Veränderungen in das klassische Latein übernommen. Jenseits dieser 'Korrekturen' blieben aber die Autoren der sogenannten 'Goldenen Latinität' (Cicero, Caesar, Sallust, Livius,Vergil, Horaz) das Sprachmuster für das Latein, was die Oberschicht in der Schule lernte und was auch heute gelehrt wird. Dies Latein war also nie eine lebende Sprache, sondern eine literarische und rhetorische Ausdrucksform sowie die Sprache der Oberschicht. Von etwa 40 n. Chr. bis entweder zu Tacitus oder 170 n.Chr. spricht man noch von Silberner Latinität. ( etwa Seneca, Lucan, Plinius, Tacitus, Apuleius) Danach ist klar zu erkennen, dass es sich um eine in der Schule gelernte Sprache der Oberschicht handelte, die sich in der Aussprache an die Sprache des Volkes anglich, aus der schließlich die romanischen Sprachen entstanden. Und schließlich wurde -zu unterschiedlichen Zeitpunkten- festgestellt, dass Latein nicht mehr verstanden wurde. Dies führte dann dazu, dass das gelehrte Latein im Frühmittelalter wieder stärker am klassischen Latein ausgerichtet wurde.

      Im sogenannten Mittellatein kam es aber zur Übernahme von Wörtern, anderen Schreibungen und vor allem einer anderen Ausdrucksweise und der Angleichung des Satzbaus an die jeweilige Muttersprache. Darum fällt es Schülern auch recht leicht, Texte dieser Zeit zu übersetzen, da sie unseren Gewohnheiten näherstehen. In der Renaissance strebte man dann wieder zum Latein derAntike. Wegen kirchlicher Traditionen, immer noch gelesener Autoren und natürlich auch aufgrund von Fehlinterpretationen gelang dies natürlich nicht vollkommen. Und in der folgenden Zeit wurde das benutzte Latein stark durch Fachvokabular aus den Bereichen der Religion, der Juristerei und der Diplomatie sowie anderer Bereiche geprägt, wodurch es oft mühsam zu übersetzen ist. Seit dem 19.Jahrhundert konzentrierte sich der Unterricht auf das klassische Latein. Aber während die Grammatik hier einen Halt gefunden hat,wird das Vokabular weiterhin angepasst. Und gar nicht so selten regen sich die Gelehrten über nicht ganz korrekte Wortneubildungen und das Verdrängen eher unbekannter, aber belegter Wörter durch neue auf. Latein ist also lange nicht so tot wie meist behauptet. Es hat nur -jenseits skurriler Ausnahmen vielleicht- keine Muttersprachler. Ob es jemals welche hatte, darüber darf gestritten werden. Die Muttersprache Cäsars und Ciceros war jedenfalls Altlatein, auch wenn damals schon ein Wandel vonstatten ging.


      Woher wissen wir, wie Latein in der Antike ausgesprochen wurde?

      Das ist recht schnell erklärt. Antike Autoren haben es genau erklärt. Es kann ja beschrieben werden, wie ein Laut gebildet wird. Es gibt natürlich einige Zweifelsfälle, aber da es noch andere Korrektive gibt, sind diese nicht entscheidend. Das Altgriechische unterscheidet z.B. klar zwischen 'Z' und 'K'. Danach muss Caesar schon mal Kaesar gesprochen werden. Das 'R' als 'Zungen-R' gerollt und das 'S' scharf, wie wir nachlesen können: Kaeßarrr. Tja, und vom 'AE' wissen wir, dass es erst in der Spätantike wie unser Umlaut gesprochen wurde. Es geht Richtung unseres 'ai' wie in Kaiser. Allerdings wird der zweite Vokal 'nachgesprochen', ist am Ende noch kurz zu erahnen. Und so ein Kaißarr hört sich dann schon etwas anders an, als ein oft kolportierter Käsar oder ein traditionell gesprochener Zäsar. (Ich verzichte hier auf das Internationale Phonetische Alphabet (IPA), um allgemeinverständlich zu bleiben. Und ja, ich habe etwas vereinfacht.)


      Aber warum wird heute noch eine Sprache gelehrt, die vielleicht nicht ganz tot ist, aber doch künstlich am Leben erhalten wird?

      Ich weise gern darauf hin, dass es nicht der Zweck des Lateinunterrichts ist, romanische Sprachen besser zu lernen oder gar die eigene Muttersprache, wie oft behauptet wird. Ersteres ist natürlich ein netter Nebeneffekt, aber für Zweiteres kann es sogar schädlich sein. Weil die Zeiten eben nicht übereinstimmen, ist z.B. die lateinische Begrifflichkeit nur begrenzt zur Beschreibung des Deutschen geeignet. Natürlich gibt es Ausnahmen. Der Zaubertrick zu erkennen, was ungefähr in einem Spanischen oder Italienischen Text steht, ist natürlich manchmal unterhaltsam. Irgendwann wurde ich deshalb mal gefragt, wie viele Sprachen ich könnte. Ein anderer meinte, während ich grinsen musste, "Ganz sicher Latein." Aber das kann dem Ganzen am allerwenigsten einen Sinn geben, da es ja im Grunde ein Notbehelf oder ein Taschenspielertrick ist. (Auch wenn es im Examen Geld sparen kann, nur einen Teil eines Text übersetzen lassen zu müssen, wenn man für eine Sprache niemanden hat, einen Gefallen zu erbitten.)

      Es geht beim Lateinunterricht viel mehr darum, eine Sprache zu analysieren, ohne dass die Anwendung der Sprache störend in die Quere kommt. Dadurch wird das Verständnis für Sprachen allgemein gehoben und es hilft beim Erlernen so ziemlich jeder Sprache. Und heute kann schließlich kein Schüler sagen, welche Sprache er später können muss.

      Der zweite Grund ist, das Verstehen anderer Kulturen einzuüben. Denn neben der Grammatik steht die Übersetzung im Vordergrund. Und Latein ist schwer zu übersetzen. Immer stehen seine Strukturen und der kulturelle Hintergrund im Weg. Heute gibt es den Studiengang der Interkulturellen Wirtschaftskommunikation, bei dem man sich mit Sprache und Kultur eines Landes auseinandersetzt, um Schaden durch Missverständnisse bei der Kommunikation später reduzieren zu können. Jenseits der Wirtschaft sind solche Kenntnisse natürlich auch wichtig. Und da ist der Lateinunterricht eine Blaupause: Man lernt darauf zu achten, ob etwas in einer anderen Sprache das Erwartete bedeutet. Bekanntlich ist das schon länger die Tätigkeit der Sinologen. Aber auch zu England, Frankreich und Italien gibt es Unterschiede. Und mit einem Stock blühende Mohnpflanzen zu Köpfen kann schon in den Niederlanden böse enden. Privat mag man so ein Missverständnis aufklären können. Aber ein Verhandlungsteam kann dadurch sämtliche Vorurteile bestätigen und die Verhandlungen gefährden. Und genau da ist es eben nicht einfacher, direkt eine moderne Kultur zu erlernen. Niemand weiß, wenn er zur Schule geht, mit welchen Ländern er später zu tun hat oder woher ein zugezogener Nachbar kommen wird. Wer Latein hatte, hat gelernt, dass es solche Stolpersteine gibt und wie vorsichtig man sein muss. Da sind schon Strategien zum Umgang damit eingeübt.

      Beides zusammengenommen macht für mich den Lateinunterricht auch heute noch unverzichtbar. Da tritt dann auch zurück, dass man Latein übersetzen kann. Außer für Historiker, Romanisten, Theologen (Viele der grundlegenden Texte sind da einfach nicht übersetzt.) und Kirchenrechtler wäre es jenseits eines festgelegten Bildungsstrebens recht nutzlos.

      Ganz pragmatisch haben Schüler, die nicht so intuitiv und eloquent veranlagt sind, oft Probleme mit lebenden Sprachen. Da kann dann Latein, bei dem man viel durch Lernen erreichen kann, eine kluge Wahl sein. Allerdings ist es grundfalsch für ein Kind, dass gar nicht zum Lernen motiviert werden kann. Dadurch, dass die zusätzliche Stütze des Sprechens wegfällt, ist das Lernen die größte Klippe für den Lateinschüler. Da hilft keine noch so tolle "ideologische" Begründung.

      Das ist ein weiterer Grund für mich, die beiden oben genannten praktischen Erwägungen in den Vordergrund zu stellen. Zudem sehe ich es wieder ganz pragmatisch so: Hier erfüllt ein Unterricht mehrere Zwecke. (Das man bei der üblichen Lektüre gleich noch lernt, nicht auf Propaganda hereinzufallen und man viel zusätzliches über die Antike lernt lasse ich hier zwar auch als Nebeneffekt beiseite, aber irgendwie summiert es sich dadurch ein wenig weiter.) Was ich in den Vordergrund stelle, sind die Dinge, die gegenseitiges Verständnis fördern, was heute wieder bitter nötig ist. Für jeden Pazifisten ist auch das keine Ideologie, sondern ein praktischer Effekt.

      Zu dem Argument, Latein erziehe zu 'richtigem Denken', siehe bei der Frage nach Elitenbildung.

      (Unikurse sind übrigens oft so angelegt, dass man damit das Latinum nicht bestehen kann. Mitunter werden so wenig Vokabeln gelernt, dass das Nachschlagen der unbekannten Vokabeln länger dauert als die Prüfungszeit. Es hat daher schon mancher bereut, das Latinum nicht an der Schule gemacht zu haben. Bei guten Kursen wird das auch erklärt und geraten, erst selbständig weiterzulernen.)


      Aber wird durch Latein nicht die Elitenbildung gefördert?

      In der Tat wurde das als klassisch empfundene Latein in der römischen Antike von der Oberschicht zur Abgrenzung genutzt. Ja, eigentlich mehr noch, galt nur der als richtiger Mensch, der dies Latein sprach. Seine Beherrschung war also unbestreitbar Voraussetzung 'dazu zu gehören'. Auf der anderen Seite fiel es dadurch der Oberschicht schwer unterzutauchen. Als z. B. der hl. Severin in Noricum (Österreich/Bayern/Slowenien) auftauchte, war an der Sprache zu erkennen, dass er aus der Oberschicht stammte. Daher wird bis heute immer wieder spekuliert, ob es sich um eine aus den Quellen bekannte Person handelt. Denn im Alter war es innerhalb der Oberschicht damals durchaus üblich nach der weltlichen noch eine geistliche Karriere zu beginnen. Berühmteste Beispiele sind da wohl Gregor der Große und Benedikt von Nursia.

      Während Latein im Mittelalter schlicht Voraussetzung einer geistlichen Karriere war, galt es dem frühneuzeitlichen Humanismus wieder als Voraussetzung eines wahrhaft menschlichen Daseins. Zu einem guten Teil allerdings auch deshalb, weil die einschlägigen Texte auf Latein sind. Der Humanismus geht schließlich auf Cicero zurück, der ja auch als erster von der Menschenwürde schrieb.

      Kommen wir zum "richtigen Denken", was auf einem falsch verstandenen Argument beruht. Der Klassizismus wollte sich an der Antike bilden. Damals wollte man gleichsam antike Denkweisen wiederbeleben und sah ein Mittel in der Vermittlung des Griechischen. Da der Griechischunterricht als zentrales Fachnicht durchzusetzen war, nahm man Latein. (sic!) Einmal ganz abgesehen davon, dass die Denkungsweise antiker Kulturen ganz sicher nicht das ist, was man Kindern vermitteln sollte, ging es dabei darum, "richtig gebildete Menschen" zu erzeugen. Schon das ist diskriminierend und nicht einfach nur hochnäsig. Nun kommt, wie schon gesagt, hinzu, dass die römische Oberschicht das ähnlich sah: Nur wer das richtige Latein sprach und die richtigen Autoren kannte, galt als richtiger Mensch. Aus diesem Quatsch wurde das "richtige Denken", was sich heute viele mit "logischem" oder"mathematischem" Denken übersetzen. Das geht so weit, dass schon wissenschaftlich untersucht wurde, ob logisches oder mathematisches Verständnis durch Latein gefördert werden. Und das, obwohl man doch gerade beim Latein-Übersetzen lernt, solche Missverständnisse zu vermeiden. Um diesen Punkt wirklich zu erklären, bräuchte man wesentlich mehr als einen kurzen Absatz, aber hier würde es wohl zu weit führen. Jedenfalls -und wie immer dies ganze Thema auch beurteilt wird- werden wir der Kenntnis einer Sprache im heutigen Medienzeitalter eine solch entscheidende Bildungsmacht nicht zusprechen wollen.

      Realistischer wird heute darauf verwiesen, dass Latein eben ein entscheidendes mehr an Bildung bedeute. Doch sieht man genauer hin, ist recht leicht zu erkennen, dass jenes mehr an Bildung auch anders gewonnen werden kann. Im Rahmen des Latein-Unterrichts geht es nur leichter, da es ja angeleitet durch den Lehrer im Rahmen der Schulpflicht stattfindet.

      Nun wird oft behauptet, dass Latein nur der Elitenbildung diene. Was soll ich zu so einem Argument ausvergangenen Zeiten sagen? Am einfachsten ist es wohl, den Denkfehler aufzuzeigen. Latein ist nicht schwer zu lernen. Es bedarf nur etwas Fleiß und Disziplin beim Lernen, da sich die Vokabeln und Formen nicht durch die Anwendung einschleifen, was meist die Hauptschwierigkeit darstellt. Die Sprache stellt also kaum ein Hindernis dar. (In der Vergangenheit war das lange anders.) Und da es nicht verboten werden kann, Latein zu lernen, wird eine Elitenbildung durch die Forderung nach einer Abschaffung des Latein-Unterrichts nur gefördert, während nur eine Förderung des Lateinischen eine Elitenbildung verhindern kann. Jedenfalls, wenn man solch von der Geschichte überholten Argumenten anhängt.


      Ist denn Latein nicht schwer zu lernen?



      Eigentlich Nein. Aber diese Aussage muss kurz erklärt werden. Da es hier nur ein Unterpunkt ist, bediene ich mich einer Aufzählung:

      • Latein wird nicht sprechen gelehrt. Daher schleifen sich Vokabeln und Formen nicht beim Sprechen ein. Daher ist eine größere Disziplin beim Auswendiglernen dieser Dinge erforderlich. Da viele Wörter in andere Sprachen, in das Englische, Französische und Deutsche übernommen wurden und diese Sprachen zudem derselben Sprachfamilie angehören, relativiert sich dies von vornherein ein wenig. Zudem weist Latein eine vergleichsweise sehr regelmäßige Wortbildung auf, die es dem fortgeschrittenen Lerner, bzw. der Lernerin die Aufgabe wesentlich erleichtert, wenn denn der benutzte Grundwortschatz dies berücksichtigt. (Z.B. der Klett Grund-und Aufbauwortschatz, den ich den Weltenbastlern noch aus ganz anderen Gründen als dem Lateinlernen empfehlen werde.) Dennoch ist dies heutzutage der Punkt an dem viele scheitern, sobald die Lücken zu groß werden.
      • Dann wird Latein anders unterrichtet als andere Sprachen. Es soll ja analysiert und übersetzt werden. Es gibt Schüler, die damit nicht klar kommen. Aber es gibt auch Schüler, die damit besser klar kommen, als mit anderem Sprachunterricht. Insbesondere wohl die eher naturwissenschaftlich Interessierten. Es ist eben ein anderes Vorgehen als bei anderen Sprachen.
      • Die klassischen Probleme des Latein-Lernens begannen einst aber, wenn eigene Texte produziert werden sollen. Denn bis ins 20. Jahrhundert wurden zunächst Vokabeln und Formen eingepaukt, die dann an ganz einfachen Sätzen geübt wurden. Dann wurde das Übersetzen gelehrt. Zum Abitur musste schließlich ein lateinischer Aufsatz geliefert werden. Es ist leicht vorzustellen, dass am Übergang zum Schreiben viele scheiterten.
      • Latein wurde in den letzten Jahrzehnten an Schulen und Universitäten -je nach Art des Kurses- oft so zusammengestrichen, dass viele wichtige Erscheinungen nichtmehr richtig erklärt werden und zu wenig Vokabeln gelernt werden, um wirklich selbständig Texte übersetzen zu können. Dies setzt dann selbständige Zusatzarbeit voraus. In NRW diente das "Versagen" vieler Studenten beim Latinum als Argument dasselbe für viele Studiengänge abzuschaffen. Eine größere Bankrotterklärung eines Bildungssystems ist kaum vorstellbar. Insbesondere, da es auf Kosten der Studenten programmiert wurde. Auch hier muss ich wieder relativieren: Es gibt genug Hilfsmittel und Bücher, die genutzt werden können, die Defizite des Unterrichts auszugleichen, wenn sie denn bekannt sind. Und dies liegt natürlich nicht am Latein, sondern an der Kultuspolitik mancher Länder.


      'Weiterführendes'

      Wer nicht gerade Latein lernen will, sondern etwas zur Kultur- und Literaturgeschichte der Sprache wissen will, findet mit Wilfried Stroh, Latein ist tot, es lebe Latein! Kleine Geschichte einer großen Sprache, Berlin 2008 (ISBN978-3-548-60809-9) ein durchaus unterhaltsames Büchlein.

      Wer in die Sprache selbsthineinschnuppern möchte, findet im gut sortierten Buchhandel heute verschiedene Werke für das schnelle und wenig gründliche Selbststudium. Ein Beispiel wäre da -bei Pons erschienen- Maria Anna Söllner, Latein schnell & sicher, Stuttgart 2010 (ISBN978-3-12-561739-1). Lektionen, Übungen, Lösungen und Grammatik finden sich in nur einem Buch. Dass man damit schnell und sicher zum Latinum kommt, wie behauptet, wage ich zu bezweifeln, aber so bewerben alle Verlage ihre vergleichbaren Werke. Und als wirklich schlecht würde ich nur einige heute in der Schule verwendete Lehrwerke bezeichnen, in denen teils schon in den Deklinationstabellen gravierende und unnötige Fehler zu finden sind. Es gibt sogar Lehrwerke für Latein im Alter, die aber eher auf Kurse ausgelegt sind und es sind heute -teils allerdings antiquarisch- Lehrwerke für alle Ansprüche zu bekommen. Wer nicht nur kurz reinschnuppern will, kann mir auch eine PN schreiben.

      Für ein noch leichteres Hineinschnuppern, gibt es einige Sprachführer, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
      • Lateinaktiv Lateinisch sprechen und diskutierenvon Langenscheidt: Trotz des damaligen Aufsehens dröge und vergriffen.
      • Die Kauderwelsch-Reihe hat 2 Lateinbände:
        174 Modernes Latein für unterwegs Wort für Wort:Redewendungen, Vokabeln, Karikaturen
        176 Latein Wort für Wort: Grammatik
      • W.Lettmayer,F.S.Friedrich, Lateinischer Sprachführer Sermones viatorii Latini,Frankfurt 2011: Kommt modern und nicht peinlich daher.
      • Humorvoll und durchaus geeignet, sich Übungsdialoge zusammenzustellen ist Eduard Johnson, Sprechen Sie Lateinisch? Moderne Conversation in Lateinischer Sprache, Leipzig 1890. (Im Wikipedia-Artikel findet sich der Link zu einem Digitalisat.) Es ist seit ein paar Jahren ein Nachdruck erhältlich. Das Original wurde unter dem Pseudonym Georg Capellanus veröffentlicht, den Nachdruck findet man unter Eduard Johnson. Hier muss man natürlich damit umgehen, dass es beim Smalltalk um die Kriegsaussichten gegen Frankreich geht und es nicht so modern ist.
      (Wer Lateinsprechen lernen will, nachdem er es zu übersetzen gelernt hat, muss sich aus diesen Sprachführern Übungsdialoge zusammenstellen oder auf Schülerdialoge der Renaissance (mit etwas Suchen im Netz zu finden) zurückgreifen. Dies ist ja nicht das Ziel heutigen Lateinunterrichts. Zum Verfassen lateinischer Texte gibt es immerhin Richard Ashdowne, James Morwood, Writing Latin - an Introduction to Writing in the Language of Cicero and Caesar, London 2007.)



      Klassiker unter den Lateinbüchern

      Wenn es um Werke zum Lateinischen geht,müssen 4 legendäre Lehrwerke, bzw. Gruppen davon einfach erwähnt werden. 3 davon sind immer noch nützlich und können empfohlen werden. Das andere ist aufgrund seiner Anlage so sehr auf die Lebenswelt seiner Zeit bezogen, dass es heute kaum noch helfen kann. Auch wenn es schwer fiel, habe ich ein paar weitere Sachen weggelassen. Ich will mit der Liste nur anregen, dass auch einmal andere als die üblichen Lehrwerke gebastelt werden können.

      1: Dasjenige Werk, welches uns ob der völlig anderen Lebenswelt heute wenig hilfreich ist, ist Johannes Buno, Neue Lateinische Grammatica. In Fabeln und Bildern. Den eüßerlichen Sinnen vorgestellet / und alsoeingerichtet / daß durch solches Mittel dieselbe benebens etlich tausend darinnen enthaltenen Vocabulis in kurtzer Zeit mit der Schüler Lust und Ergetzung kann erlernet werden &c.,Danzig 1651. Es handelt sich um eine mnemotechnische Umsetzung des Themas. Daher ist es auch so sehr auf die damalige Lebenswelt bezogen, dass es die Technisierung um die Mitte des 20. Jahrhundertses mit sich brachte, dass die benutzten Assoziationen nicht mehr funktionieren. Bis dahin wurden mitunter noch Auszüge im Unterricht genutzt. Zudem überfordert Buno an einigen Stellen die gewählte Methode. Digitalisate sind im Netz zu finden.

      2: Das nächste Werk habe ich in Forum und Chat schon erwähnt. Und es wird auch im Zuge des Sprachbastelprojekts zu Ehren kommen. Es handelt sich um das berühmte 'Orbis sensualium pictus' (dt.: Die Welt durch dieSinne gemalt) des Comenius von 1653. Der Vorläufer aller Bildwörterbücher, der bis ins 19. Jahrhundert das beste verfügbare Latein-Buch war. Da ich vor kurzem dazu gepostet habe, mag hier der Link zu jenem Post und zu dem Wikipedia-Artikel sowie zu einem Digitalisat reichen.

      3: Georg Capellanus, bzw. EduardJohnson, Sprechen Sie Lateinisch? Moderne Conversation in Lateinischer Sprache, Leipzig 1890 wurde oben schon erwähnt. Im Wikipedia-Artikel ist ein Digitalisat verlinkt.

      4: Das schon legendäre Lateinlehrwerk des 20. Jahrhunderts ist Hans H. Ørberg, Lingua Latina per se illustrata(dt.: 'Die Lateinische Sprache durch sich selbsterleuchtet'), das aus zwei Teilen besteht: Pars I: Familia Romana (dt.: 'Teil 1: Die Römische Familie', ISBN 978-1-58510-420-8), ParsII: Roma Aeterna (dt.: 'Teil 2: Das ewige Rom', ISBN derälteren, schwarz-weißen Ausgabe 978-1-58510-314-0). Darin findet sich nur Lateinisches. Lediglich Klappentext, Copyright-Hinweis undähnliches ist auf Englisch gehalten, da das Werk des dänischen Autors mittlerweile in den USA verlegt wird. Es gibt auch Hilfen für Autodidakten.

      'Latein für Weltenbastler und Weltenbastlerinnen'

      Latein oder Pseudolatein wird in Fantasy-Literatur gerne als Sprache der Magie, als eine ältere Sprachstufe oder ähnliches genutzt. J. K. Rowlings und Terry Pratchett sind hier wohl die bekanntesten Beispiele. Und auch im Fantasy-Rollenspiel DSA nimmt die Sprache als Vorbild einer älteren Sprachstufe.

      Latein hat den Vorteil, dass es für viele in der christlich geprägten Welt gleichzeitig fremd und vertraut wirkt. Sein Nachteil ist, dass viele gängige Wörter einen ganzen Rattenschwanz an Bedeutung hinter sich herziehen. Das Problem des Weltenbastlers ist damit, einen Kompromiss zu finden, sich auf der einen Seite nicht mit "dem ganzen alten Europa", wie Napoleon es formulierte, zu belasten und dennoch gute Formulierungen und Wortkombinationen zu finden.

      Für Lateiner mag es eine Gelegenheit sein, dass Schulwissen mal nutzen zu können, der Nicht-Lateiner wird sich, wenn überhaupt, auf einzelne Begriffe aus dem Wörterbuch beschränken. Dennoch ist Latein, wie auch andere alte Sprachen (Altgriechisch, Hebräisch, Althochdeutsch, Altsächsisch und Altfriesisch um nur mal die hierzulande bekannteren zu nennen), ein effektiver Weg, eine Welt mit mehr Tiefe zu versehen. Besonders praktisch ist es natürlich, wo keine Gefahr besteht, es weiter ausbauen zu müssen. Und für den Weltenbastler kann Latein natürlich auch ein guter Platzhalter für eine noch zu bastelnde Sprache sein.

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    • Im Chat ward verlangt, dass ich zunächst zum Sprachenlernen etwas schreibe. Aber das ist zu lang für ein Thema unter der Woche. Ich werde es also erst zum Wochenende posten und gehe heute auf 'logische Sprachen' ein, wie sie mitunter in der Science Fiction erwähnt werden.

      Die Frage nach der Möglichkeit einer logischen Sprache

      Mitunter wird, insbesondere im Rahmen von Science Fiction, von besonders logischen Sprachen, ja von streng logischen Sprachen geredet. Eine natürliche Entwicklung solch einer Sprache halte ich für unwahrscheinlich und dies würde auch das anvisierte Sprachenbastel-Projekt überfordern. Dennoch sollen dazu ein paar Antworten gegeben werden. Mit dem Thema habe ich mich bisher nur sehr oberflächlich beschäftigt, aber irdisch sind tatsächlich ein paar logische Sprachen entwickelt worden, zu denen auch Wikipedia-Artikel existieren:

      - Logische Sprachen allgemein: de.wikipedia.org/wiki/Logische_Sprache
      - die Plansprache Loglan: de.wikipedia.org/wiki/Loglan
      - die nach deren Vorbild entwickelte Plansprache Lojban:de.wikipedia.org/wiki/Lojban
      - Auch die Artikel der englischen Wikipedia zu diesen Sprachen lohnen einen Blick.
      - Dort lohnt ebenso der Artikel zur Plansprache Ithkuil einen Blick: en.wikipedia.org/wiki/Ithkuil

      Da die Sprache logisch sein soll, ist eine Voraussetzung ein gewisses Verständnis der Logik. Da viele Bücher darüber naturgemäß eher technisch daher kommen, gebe ich hier eine Einführung an, die auch eher geisteswissenschaftlich Interessierte mitnimmt:

      - Wilhelm Kamlah, Paul Lorenzen, Logische Propädeutik oder Vorschule des vernünftigen Redens. Bibliographisches Institut, Mannheim; 2., verb. u. erw. Aufl. 1973 u. d. T.: Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens, Nachdruck 1990, 1992; seit 1996 Metzler, Stuttgart.

      Soweit zu dem, was heute unter logischer Sprache verstanden wird. Aber es gibt ja nicht nur unsere moderne Logik. Neben Ansätzen in der klassischen chinesischen Philosophie und bei indischen Gelehrten ist hier vor allem die Logik des Aristoteles zu nennen. Diese wurde späterhin weiterentwickelt. Angesichts der strengen Syllogismen sprach Goethe allerdings von Spanischen Stiefeln.

      Nun ging diese Logik davon aus, die natürliche Sprache logisch anzuwenden. Und die Stoa entwickelte dazu bestimmte Argumentationsschemata, zu denen leider nur noch Andeutungen vorhanden sind. Denn die Stoa wollte aus Naturbeobachtungen mit der Logik ethische Verhaltensregeln ableiten. Daher werden denn auch gerne Seneca und Co. auf die von ihnen benutzte Logik abgeklopft. Wenn bei den Texten tatsächlich Logik im Hintergrund steht, zeigen Autoren wie Seneca, dass sich Logik und Kunst nicht ausschließen - immerhin waren Senecas Dramen Vorbild Shakespeares. (Reclam hat einen Band mit Auszügen typischer Texte der Stoa herausgebracht, falls jemand selbst rätseln möchte: Die Philosophie der Stoa - Ausgewählte Texte, Stuttgart 2001. (ISBN 3-15-018123-2) )

      Schauen wir in eine spätere Zeit. Der Jesuit Friedrich Spee von Langenfeld veröffentlichte 1631 die Cautio Criminalis seu de processibus contra sagas liber (dt.: Rechtliche Bedenken oder Buch über die Hexenprozesse). Darin wandte er sich gegen die Hexenprozesse und gegen Folter. Mit klaren aristotelischen Syllogismen legte er da, dass beides nach der geltenden Rechtsordnung unrecht sei. Mit diesem Vorgehen ist er bis heute Vorbild von Juristen, die ja immer zuerst innerhalb der Rechtsordnung argumentierten. Sein Buch bewegte Königin Christina dazu, die Hexenverfolgung in Schweden zu untersagen und auch in anderen Gebieten wurde damit das Ende der großen Verfolgungswellen eingeleitet. Auch Spee war Dichter und viele seiner Lieder finden sich heute noch in den Gesangbüchern, teils auch in evangelischen. "Oh Heiland, reiß die Himmel auf" und "Zu Bethlehem geboren" sind wohl seine berühmtesten Schöpfungen. Für weitere Informationen siehe den Wikipedia-Artikel zu ihm.

      Hier haben wir also zwei Beispiele, die Prosa, Dichtung und Logik in der natürlichen Sprache verbinden. Ich stelle das hier vor, da so etwas mag ja auch einmal das Konzept für eine zwar logisch geprägte Sprache abgeben mag, die keine genuin logische Sprache sondern eine natürliche Sprache ist.

      Die Logik des Aristoteles kann natürlich auch einfach eine logische Sprache auf anderer Grundlage anregen. Hier ist dann nur das Problem, dass es kein Gesamtwerk gibt, dass seine Logik darstellt. Angesichts des Umfangs seines Werks ist das vielleicht aber auch zu viel verlangt. Vielleicht ist ein guter Anfang, sich bei Wikipedia entlang zu hangeln:

      - Überblick im Artikel zu ihm: de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles#Sprache,_Logik_und_Wissen
      - zum Organon, seinem gesammelten philosophischen Werk: de.wikipedia.org/wiki/Organon_(Aristoteles)
      - Darin finden sich auch die Verweise zu den Artikeln der einzelnen Teilen des Organon. Insbesondere die Kategrienlehre und die Syllogismen sind wichtig.

      Ich bezweifele, dass jemand sich für eine ungewöhnliche logische Sprache da einarbeitet, aber es mag Anregungen geben. Und auch für die chinesischen und indischen Ansätze möchte ich zumindest eine Einstiegsmöglichkeit weisen:

      - Wer sich über die Logik in der klassischen chinesischen Philosophie informiern will, mag von Hubert Schleichert, Klassische chinesische Philosophie - Eine Einführung, Frankfurt a.M. ²1990 ausgehen.
      - Für die indische Logik nehme ich wieder einmal den Wikipedia-Artikel, da ich mich dabei zu wenig auskenne, um Literatur anzugeben: de.wikipedia.org/wiki/Indische_Logik
    • Ich hätte da mal ein kleines Sprachthema zum kurz betrachten:

      Nach meiner Erfahrung in einigen europäischen Sprachen, werden Wörter im Lauf ihrer Entwicklung meist kürzer. Jetzt gibt es Sprachen aber schon so lange und wir sind immer noch nicht bei irreduziblen Wörtern angekommen - wann und wo werden Wörter auch mal länger? Hat wer ein Beispiel auf Lager? Eine Sprache, die meist längere Wörter als die Elternsprache hat?
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    • Zu dem Phänomen kenne ich eine Erklärung von Zogg from Betelgeuse (youtube), da erstmal der Link: youtube.com/watch?v=BPVtAlQot9g&8m36s

      Seine Quelle ist ein Buch "The Unfolding of Language" von Guy Deutscher.

      Länger wirds demnach per Suffix/Präfix indem mehrere Wörter in eines zusammengefasst werden. Da gibt's leider nur englischsprachige Beispiele, also willnot, donot, shallnot, cannot.

      Später gibts noch ein Beispiel wie sich die englische Sprache mutmaßlich weiterentwickelt mit Verlängerungen: youtube.com/watch?v=BPVtAlQot9g&12m48s

      to have

      Quellcode

      1. I have
      2. you have
      3. he has
      4. we have
      5. you have
      6. they Have
      Erodiert zu kürzeren Formen:

      Quellcode

      1. I've
      2. you've
      3. he's
      4. we've
      5. you've
      6. they've

      Plural You've wird zu Y'all've

      Apostrophe werden rauserodiert, Pronomen werden zu Präfixen:

      Quellcode

      1. Ive
      2. youve
      3. hes
      4. weeve
      5. yallve
      6. theyve
      Assimilation macht aus hes heve.
      Und dann erodiert das weiter:

      Quellcode

      1. eve
      2. youve
      3. heve
      4. weve
      5. yave
      6. theyve

      Und irgendwann haben alle englischen Wörter die gleichen Präfixe fürs Präsens anstelle der Pronomen.

      Quellcode

      1. etalk
      2. youtalk
      3. hetalk
      4. wetalk
      5. yatalk
      6. thetalk
      > Möchte in Fantasy-Ausrichtung an den Erfolg von Scientology anknüpfen.
    • Ich meinte jetzt weniger grammatischen Schnickschnack, eher Bedeutungs-Wörter. Das Französische ist ja recht brutal mit den lateinischen Wörtern umgegangen, beispielsweise:
      Asinus -> [An]
      Septimana -> [Smän]
      (Und ganz zu schweigen von all den verschluckten E am Wortende ... im Schriftbild sieht man ja oft noch, dass das Wort mal signifikant länger war.)
      Wichtig: Das sind Wörter, die ihre Bedeutung exakt behalten haben! Ein Esel war im alten Rom ein Esel und ist es im modernen Frankreich immer noch, und die Woche war damals und ist heute sieben Tage lang.

      Andersrum kenne ich nur eine Handvoll aus dem Italienischen, allen voran Sorella und Fratello, die als Soror und Frater im Lateinischen eine Silbe kürzer waren - da hat offensichtlich eine Verkleinerungsform die Hauptbedeutung übernommen. Aber gibt es da eben eine Sprache, die generell hauptsächlich so ist?

      Oder weiss wer, wo das lateinische Wort Asinus herkommt?
      Don't diagnose and drive.

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    • Veria schrieb:

      Oder weiss wer, wo das lateinische Wort Asinus herkommt?

      DWDS schrieb:

      Esel m. zur Gattung der Pferde gehörendes, graues langohriges Haustier, Sinnbild der Torheit und Störrischkeit, ahd. esil (9. Jh.), mhd. esel, asächs. esil, mnd. mnl. ēsel, nl. ezel, aengl. esol, eosol und got. asilus beruhen auf einer sehr frühen Entlehnung (germ. *asiluz) aus lat. asinus ‘Esel’ (kaum aus dem gleichbed. Deminutivum lat. asellus). Dagegen geht aengl. assa, engl. ass über kelt., anord. asni über afrz. Vermittlung auf lat. asinus zurück. Der lat. Name und auch griech. ónos (ὄνος) ‘Esel’ stammen wohl durch thrak.-illyr. Vermittlung aus einer kleinasiat. Sprache im Süden des Schwarzen Meeres.
    • Abgrenzung von Sprachen und Sprachkontinuum

      Da meine Betrachtungen zum Sprachenlernen zu lang geworden sind und ich es anders einteilen muss, muss ich heute ein anderes Thema beschreiben. Ich hoffe, eines gewählt zu haben, dass auch ohne Erläuterungen dazu die Bastelmöglichkeiten erkennen lässt. Die Beispiele, Themen und auch die enthaltene moralische Kritik sind jedenfalls mit Blick auf das Sprachenbasteln und aufgrund eigener Vorliebe ausgewählt, bzw. gewichtet. Vielleicht können andere, z.B. WeepingElf hier andere Gesichtspunkte vortragen.

      Ein bekannter Spruch besagt, dass eine Sprache ein Dialekt mir einer Armee und einer Flotte sei. (Von Max Weinreich auf Jiddisch formuliert lautet es im Original: "A shprakh iz a dialekt mit an armey un flot.") Dies spielt darauf an, dass es keine unproblematische Definition von Sprache gab und die Nationalstaaten diese Frage -in Frankreich und einigen anderen Ländern bis heute- im Sinne des jeweiligen Nationalismus festlegten.

      Schon die einfache Bestimmung der gegenseitigen Verständlichkeit führt nicht zu eindeutigen Ergebnissen. Ein Teil der niederdeutschen Sprecher versteht das Niederländische und nicht alle deutschen 'Dialekte' sind untereinander verständlich. Mitunter gibt es klare Abgrenzungen. So ist das Niederdeutsche von dem Dänischen, den slawischen Sprachen und dem Friesischen klar abzugrenzen. Doch gibt es auch Fälle, in denen es nicht so klar ist. Dort gibt es allmähliche Übergänge oder verschiedene mögliche Abgrenzungen. Die Abgrenzungen vom Niederdeutschen zum Niederfränkischen und zu den Mitteldeutschen Dialekten sind streckenweise solche Fälle. An anderen Strecken sind die Abgrenzungen, z.B. wegen lange nicht oder nur dünn besiedelter Landschaften klarer. Die bekanntesten Strecken, die hier nicht eindeutig abzugrenzen sind, sind der Rheinische Fächer und das Gebiet um Berlin.

      Linien, die unterschiedliche Ausprägungen einer sprachlichen Erscheinung voneinander abgrenzen, bezeichnet man als Isoglossen. Im Rheinischen Fächer und um Berlin fallen nun die Isoglossen, die das Niederdeutsche vom Mitteldeutschen abgrenzen, auseinander. Diese Isoglossen sind nach dem Ort benannt, an dem sie den Rhein überqueren. So erhält man gleich durch die Namen die Nord-Süd-Anordnung im Rheinischen Fächer. Hinzunehmen kann man die Einheitsplurallinie, die das Niedersächsische -in seiner westfälischen Ausprägung- vom Nieder- und Mittelfränkischen scheidet:

      • Einheitsplurallinie: Nordöstlich dieser Linie sind die Pluralformen für alle Personen gleich: wir "mak(e)t", ihr "mak(e)t", sie "mak(e)t". Auf der anderen Seite dieser Linie sind diese Formen verschieden: wir "maken", ihr "makt", sie "maken".
      • Uerdinger Linie: Nördlich heißt es "ik" oder "ek" für ich, südlich "ich" oder "ech".
      • Benrather Linie: Nördlich heißt es "maken" für machen, südlich "machen".
      • Bad Honnefer Linie: Nördlich heißt es "Dorp" für Dorf, südlich "Dorf".
      • Linzer Linie: Nördlich heißt es "teschen" oder "tescht" für zwischen, südlich "zweschen" oder "zwescht".
      • Bad Hönninger Linie: Nördlich heißt es "op" für auf, südlich "of".
      • Bopparder Linie: Nördlich heißt es "Korf" für Korb, südlich "Korb".
      • Sankt Goarer Linie: Nördlich heißt es "dat" für das, südlich "das".
      In einem solchen Gebiet ist die Abgrenzung, was zu der einen oder anderen Sprache gehört, nur willkürlich zu treffen. Um Berlin verlaufen die Benrather und die Uerdinger Linie sogar andersherum: Die Uerdinger Linie verläuft südlich von Berlin, die Benrather nördlich. In Berlin wird daher "ik" und "machen" gesagt. Dass das mitteldeutsche Sprachgebiet in Richtung auf Berlin vorspringt, hängt übrigens weniger mit der Hauptstadtfunktion als mit den bei der deutschen Ostsiedlung in diesem Raum konkurrierenden Fürsten und den Sprachräumen, in denen ihre angeworbenen Untertanen ursprünglich angesiedelt waren, zusammen.

      (Die Grenze zwischen Mitteldeutsch und Oberdeutsch hat es einfacher. Sie wird in der Regel mit der Speyrer Linie beschrieben, nördlich der der Apfel "Appel" und südlich der er "Apfel" heißt.)

      Was also tun? Ein Vorschlag der 70er / 80er Jahre sieht vor, sich an 'Dachsprachen' zu halten. Eine sogenannte 'Dachsprache' soll eine klar abgrenzbare Hoch- oder Schriftsprache sein, die über lokalen Dialekten steht. Beispiele für eine Dachsprache wären das Niederländische, das Neugriechische und das Hochdeutsche, aber auch die mittelniederdeutsche Schriftsprache. Dialekte und Ortsmundarten werden in dem Gebiet, in dem sie Bezug zu der jeweiligen Dachsprache haben, dieser zugeordnet. Dabei wird das dann oft nicht einmal untersucht, sondern an den Nationalstaaten ausgerichtet, was natürlich korrigiert werden könnte. Aber auch sonst ist diese Lehre wissenschaftlich und moralisch nicht zu akzeptieren:

      • Ein und derselbe Dialekt wird auf zwei verschiedene Sprachen aufgeteilt, wie z.B. das Westfälische auf das Niederländische und das Hochdeutsche. Logisch ist das nicht möglich und zudem sogar sinnlos. Denn es ignoriert Wahrheitswerte und Beobachtungen völlig.
      • Willkürlich werden aber auch Dialekte aus dieser Einteilung ausgenommen, wie z.B. das Friesische.
      • Es führt zu recht seltsamen Konsequenzen, wenn z.B. das Altsächsische und das Mittelniederdeutsche wegen der mittelniederdeutschen Schriftsprache als Sprachen anerkannt werden, aber unmittelbar vorhergehende und nachfolgende Sprachstufen, obwohl die Dachsprache noch oder schon existiert und nur marginalisiert wird, keine eigene Sprache mehr sein sollen.
      • Schließlich dient es auch dazu, Literatursprachen wie das Niederdeutsche oder das Katalanische einer anderen Sprache unterzuordnen, obwohl Dachsprachen in diesen Räumen feststellbar sind. Korrekt müssten etwa das Nordniederdeutsche und das Westfälische spätestens ab dem 19. Jahrhundert als eigene Sprache gelten. Dies verweist schon auf den politischen Zweck und den moralischen Hintergrund dieser Praxis.
      • Politisch steht hinter dieser Theorie das Ziel, die Sprachpolitik des Nationalismus unter anderen Vorzeichen fortzuführen. Denn diese Politik erforderte keinen großen Aufwand, war günstig und verhinderte oft auch Autonomiebestrebungen. Wir verdanken es daher zu großen Teilen der EU, wenn deutsche Mundarten heute geschützt und in einigen Bundesländern sogar gefördert werden. Im Grunde fördert die Lehre der Dachsprachen denselben Chauvinismus wie in der Kolonialzeit. Nur soll jetzt nicht die Kultur und Identität ferner Ethnien, sondern von Niederdeutschen und Südfranzosen beiseitegedrängt werden. Daher ist die Rede von Dachsprachen in diesem Sinn moralisch verwerflich.


      Wird Dachsprachen ein anderer Sinn gegeben, z.B. indem sie als Kompromiss in einem Sprachkontinuum oder als praktische Verständigungsmöglichkeit für ein sprachlich sehr divergentes Gebiet angesehen werden und betont, dass es sich dabei immer in Teilen um künstliche Sprachen handelt, dürfte der Begriff weiterhin nützlich sein.

      (Ja, auch das Hochdeutsche ist in großen Teilen künstlich. Wer die Literatur von ca. 1750 bis hin zu Heine betrachtet, kann kaum leugnen, dass unsere Sprache von Dichtern und Wissenschaftlern bewusst zu dem entwickelt wurde, was sie heute ist. Bei anderen Sprachen geschah dies sogar in offiziellem Auftrag, teils sogar in Kommissionen. Beispiele sind das Niederländische, das Neugriechische und das Italienische. Und wer hat noch nicht von der Académie francaise gehört, die die französische Sprache zumindest zeitweise mehr prägte als pflegte?)

      Eine andere Möglichkeit der Einteilung, die ich erwähnen möchte, ist eine statistische. Es wird gezählt, wieviele Wörter übereinstimmen. Dabei sind lauliche Abweichungen möglich, solange das Wort erkennbar bleibt. 80-90% sollten übereinstimmen, um von einer Sprache zu reden. Nimmt man die romanischen Sprache zusammen, sollen noch 75% übereinstimmen. Am anderen Ende finden sich subjektive Einteilungen, bei denen es um Identität und Selbstverständnis der Sprecher geht, die natürlich auch statistisch erfasst werden können.

      Ich will hier aber eine andere Möglichkeit beschreiben. Statt einem zwanghaften Einteilungswahn zu verfallen, kann natürlich auch bei den zu beobachtenden Fakten geblieben werden. Es sind nun einmal Sprach- oder Dialektkontinuen festzustellen. Im heute vorwiegend betrachteten Fall ist es das kontinentalwestgermanische Dialektkontinuum. Es besteht keine Notwendigkeit hier mit der Brechstange weitere Einteilungen zu erfinden, die klare Grenzen aufweisen und so mit dem Beobachteten in Widerspruch stehen. Im Gegenteil kann festgestellt werden, dass es Unterteilungen mit fließendem Übergang gibt, die im Bewusstsein der Sprecher bestehen und historisch auf dem Hintergrund dieses Kontinuums gewachsen sind. So betrachtet fallen auch weitere Schwierigkeiten weg:

      So fehlt in dem dem Westfälischen zugerechneten Lippischen die Westfälische Brechung, was aber sprachgeschichtlich eine innerwestfälische Entwicklung ist. Und die Einteilungen des Ostwestfälischen gehen eher auf Identität und politische Einteilungen zurück, zu denen sich dann Linguisten vor langer Zeit passende Merkmale gesucht haben, die sich in einem Dialektkontinuum in einem Gebiet, worin sich die Sprache von Ort zu Ort schon ändert, natürlich finden lassen. Hier können zwanglos die traditionelle Einteilung, die aus dem Bewusstsein der Bevölkerung stammt und die wissenschaftliche Beschreibung des Dialektkontinuums nebeneinander stehen bleiben. Sie widersprechen sich nicht, weil sie auf Daten verschiedener Kategorien beruhen, die nur zufällig in Übereinstimmung gebracht werden können. Auch der Einfluss von Dachsprachen und von nationalen Grenzen auf ein Sprachkontinuum kann beobachtet werden. So hat die Wissenschaft seit Beginn des 19. Jahrhunderts Gelegenheit, die Entstehung einer neuen Sprachgrenze entlang der niederländisch-deutschen Grenze zu beobachten, deren Bildung noch immer nicht abgeschlossen ist.

      Der Ethnologue ist ein Verzeichnis aller Sprachen der Welt. Darin wurde 2013 der Begriff Makrosprache eingeführt: "Die Makrosprachen werden als [Gruppe] ähnlicher oder nahe verwandter Einzelsprachen bestimmt, welche in einigen Verwendungszusammenhängen [der Norm ISO 639-3] wie eine [gemeinsame] Einzelsprache betrachtet werden können."

      Einige Verweise:

      de.wikipedia.org/wiki/Rheinischer_F%C3%A4cher

      de.wikipedia.org/wiki/Dialektkontinuum

      de.wikipedia.org/wiki/Dachsprache

      de.wikipedia.org/wiki/Makrosprache_(ISO_639)

      ethnologue.com/ (Die Anzahl der kostenlos einsehbaren Seiten ist beschränkt.)

      Zum Niederdeutschen und der Begründung von Dachsprachen: Jan Goossens (Hrsg.), Niederdeutsch - Sprache und Literatur, Band 1: Sprache, Neumünster 1983. (Ein Digitalisat findet sich auf den Seiten der Westfälischen Mundartkommission. Eine Tiefenverlinkung funktioniert irgendwie nicht.)

      Beschreibungen ostwestfälischen Mundarten, ebenfalls bei der Westfälischen Kommission für Mundart und Namensforschung zu finden:
      - William Foerste: Das Ravensbergische., in: Niederdeutsches Wort., 3 1963, S. 74–84.
      - Felix Wortmann: Die Osnabrücker Mundart (mit 15 Karten)., in: Niederdeutsches Wort., 5 1965, S. 21–50.

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    • Die Frage nach dem Sprachenlernen - Teil I

      Eine Bemerkung zuvor: Meine Posts beziehen sich auf die Teile des Sprachenlernens, die mit dem Auswendiglernen zu tun haben. Die Einübung durch Sprechen und Schreiben und ab einem gewissen Zeitpunkt das Lesen von Unterhaltungsliteratur sind wichtiger, um eine Sprache gut zu beherrschen. Auch beschäftige ich mich hier nicht mit der Erstellung von Übungsdialogen oder Schreibübungen. Wenn in diese Richtung Interesse besteht, sollte während des Sprachbastelprojekts nochmal danach gefragt werden. Dann werde ich vieles unter der Schlüsselwortmethode zusammenfassen, was an anderen Orten getrennt behandelt wird. Aber dies ist ein Weltenbastlerforum und ich habe gewaltig kürzen müssen, damit es mir so gerade noch angemessen erscheint. Im ersten Post geht es um allgemeine Betrachtungen zum Thema, um die Lernkartei und ein paar erste Bemerkungen zur Mnemotechnik, die im zweiten Post im Mittelpunkt steht. Im dritten Post soll es dann um ein paar abrundende Tipps und Besonderheiten im Zusammenhang mit selbst gebastelten Sprachen gehen.

      Nach dem dicken Brocken Latein sollten eigentlich nur kürzere Posts von mir kommen. Nun, dieser kommt wenigsten weniger prophetisch daher. Denn über das Sprachenlernen wurde im Chat schon zwei oder dreimal gesprochen. Doch es ist eindeutig länger geworden. Daher muss ich es auf mehrere Posts aufteilen. Dennoch bleiben die einzelnen Posts recht lang. Daher nutze ich wieder Spoiler und kann nur hoffen, dass es niemanden vom Lesen abhält. Ich habe mir überlegt, ob ich es überhaupt posten soll, weil die Vereinfachungen bei selbstgebastelten Sprachen geradezu ins Auge springen, doch wurde darum gebeten und schaden kann es auch nicht.

      Es geht nicht um große Besonderheiten oder schwierige Dinge und Vieles wird den Großteil der Leser nicht überraschen. Zauberei ist auch nicht dabei. Denn komplexere Techniken sind in diesem Rahmen nicht zu erklären und dürften nur für die wenigsten Interessant sein. Effektiv sind solche Techniken auch nur dann, wenn ihre Anwendung nur nachvollzogen werden muss, während ihre selbständige Anwendung auf ein Gebiet schon mit dem Schreiben eines Buchs verglichen werden kann und nur bei speziellem Interesse sinnvoll ist.

      Vom Lernen beim Sprachenlernen:

      Es ist praktisch, dass Thema aufzuteilen. Die Aussprache wird anders gelernt als Vokabeln, die wieder anders gelernt wird als die Grammatik und der Stil.

      Es wird, wie schon gesagt, auffallen, dass ich die Anwendung in Gesprächen und Unterrichtsdialogen, sowie beim Vorlesen nicht erwähne, aber es geht hier speziell um das Auswendiglernen. Denn dies ist im Großen und Ganzen der lästigste Punkt beim Sprachenlernen. Es sei also zunächst angesprochen, was gelernt werden muss, bevor ich auf die Methoden eingehe, auch wenn ich einen Teil der Leser damit langweilen werde.

      Laute und Aussprache

      Diese lernt man am besten von Lehrern und anderen Gesprächspartnern, die einen korrigieren können. Tonkonserven sind hier nur die zweitbeste Möglichkeit. Ist die Aussprache erst einmal bekannt, sind die IPA-Zeichen, die heute von guten Lexika benutzt werden, vollkommen ausreichend, die Aussprache eines Wortes zu klären. Diese ist dann am Besten mit den Vokabeln zu lernen, wobei natürlich bei schwer zu merkender Aussprache die IPA-Zeichen ein guter Hinweis sein können. Die lautliche Verbindung von Wörtern, Lautveränderungen, je nachdem ob ein Vokal folgt, und ähnliche Dinge werden am besten mit ganzen Redewendungen gelernt.

      Zum Auswendiglernen bleiben hier also in den meisten Fällen Vokabeln und Redewendungen. In Ausnahmefällen mit komplexen Lautsystemen können diese natürlich auch auf Karteikarten beschrieben und mit einer Lernkartei gelernt werden. Häufiger wird der Fall sein, dass gleiche Laute mit unterschiedlicher Entstehungsgeschichte verschiedene Aussprache oder Rechtschreibung bedingen. Hier wird das Leben um einiges leichter, wenn dies gleich mit der Vokabel gelernt wird.


      Vokabeln

      Für Vokabeln ist natürlich eine Lernkartei das Mittel der Wahl. Der ein oder andere wird sich wundern, warum ich bisher nicht von der Mnemotechnik rede, aber das wird noch nachgeholt. Je nach Anspruch und Sprache sollte dabei nicht vergessen werden, die Vokabeln in beide Richtungen zu lernen. Hier liegt der Knackpunkt, wegen dem es für viele Lateiner illusorisch ist, von der Muttersprache in das Lateinische zu übersetzen.

      Formenlehre

      Auch die unterschiedlichen Beugungen können natürlich perfekt auf Karteikarten gebannt werden. Hier ist darauf zu achten, dass die Formen sowohl im Zusammenhang, als auch einzeln gelernt werden. Wenn nur eines davon stattfindet, ist es weniger effektiv. Und auch hier muss der Stoff in der Regel von beiden Seiten gekonnt werden.


      Grammatikregeln und Syntax

      Hier sind die Regeln von der Einübung zu unterscheiden. Soweit notwendig oder gewünscht können Regeln natürlich ebenfalls auf Karteikarten gebannt werden. Hier ist es aber auch wichtig, Redewendungen und Satzbeispiele aus dem Lehrbuch zu lernen, um die Anwendung zu verinnerlichen. Grundsätzlich ist dies aber besser in der Anwendung zu lernen.


      Stil

      Ratet mal. Richtig, entsprechende Wendungen passen auf Karteikarten. Einige Gedichte, ein paar Abschnitte Kunstprosa und normale Prosa zu lernen gilt demgegenüber hier als der klassische Weg. ("To be or not to be ...", "Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum ..." sind hier wohl gängige Beispiele.) Und wieder dürfte es in der Anwendung besser zu lernen sein.


      Die Methoden des Lernens

      Bisher also keine großen Überraschungen. Wie lernen wir nun?

      Ich habe oben immer wieder die Lernkartei angeführt. Sie hat nicht nur den Vorteil, sehr flexibel zu sein, sie ist auch auf Dauer effektiv. Es gibt auch Leute, die sich mnemotechnischer Methoden bedienen und dann statt eines Gedächtnispalastes ganze Gedächtnislandschaften für Sprachen anlegen. Doch was für einen Sprachwissenschaftler oder Spezialprobleme -die chinesische Schrift ist das klassische Beispiel, für das Matteo Ricci sogar den Gedächtnispalast erfunden hat- effektiv erscheint, ist für den normalen Lerner oder die normale Lernerin nicht sinnvoll. Dennoch dürfen einige mnemotechnische Methoden nicht übersehen werden, weil mit ihnen auch das Lernen mit der Lernkartei wesentlich effektiver ist. Wir müssen also beides betrachten. Nehmen wir uns zunächst die Lernkartei vor.

      Die Lernkartei

      Hier brauche ich wohl nicht allzuviel erklären. Wenn wider Erwarten Unklarheiten bestehen, bitte ich um Fragen. Dann gehe ich nochmal näher darauf ein.

      Die Grundsätzliche Methode ist schon bei Wikipedia erklärt. Allerdings verkürzt, fehlerhaft und nicht wirklich auf dem heutigen Stand der Wissenschaft und dies gilt auch für die englische Wikipedia. Es empfiehlt sich immer noch das ursprüngliche Werk von Sebastian Leitner zu lesen:

      Sebastian Leitner, So lernt man lernen - Der Weg zum Erfolg, Hamburg 2011.
      (ISBN 978-3-86820-115-4) Ursprünglich erschien es 1972 unter dem Titel 'Lernen lernen'. Ich empfehle eine Ausgabe mit den kleinen Bildchen am Rand zu nehmen. Wer es nicht gelesen hat, sollte das dringend nachholen. Es finden sich darin noch mehr Tipps. Und es gibt mittlerweile auch Kurzanleitungen für Schüler, aber ich empfehle das Original. Es ist definitiv unterhaltsamer. Für die enthaltenen Erkenntnisse wurden Nagetierhirne im Mixer püriert. Nur, dass sich niemand beschwert, dass ich nicht vorgewarnt habe.


      Kurzbeschreibung Lernkartei

      • Wie sieht eine Lernkartei nach Leitner aus? Eine Lernkartei besteht aus fünf Fächern. Das erste Fach ist 1 cm lang, das zweite 2, das dritte 5, das vierte 8, das fünfte 14. Nach neueren Erkenntnissen sollte das jeweils nächste Fach 1,4 bis 1,5 cm größer sein, als das vorhergehende. Eine Ausnahme sind - aufgrund der Art wie die Lernkarten in die Kartei kommen sollen - die ersten beiden Fächer. Die Kartei kann selbstgebastelt sein, von einem Tischler oder einem Goldschmied gearbeitet, solange sie schlicht gestaltet ist und mit einem Deckel gesichert, damit die Lernkarten nicht aus versehen ausgeschüttet werden können. Wo besoffene Mitbewohner, Kinder oder neugierige Eltern unterwegs sind, die das Ganze durcheinander bringen können, rate ich dringend und aus Erfahrung zu einem Schloss. Auch im Umkreis der Lernkartei zu putzen kann schon unser Lernen torpedieren, wenn der Kasten zu leicht gebaut ist. Das alles habe ich selbst oder bei anderen erlebt. Einmal hat eine Großmutter, die es gut meinte, die Kartei, die offensichtlich durcheinander geraten war, alphabetisch sortiert. Im Extremfall muss von vorne begonnen werden. Eine meiner politischen Forderungen lautet, jedem Schüler einen Lernkarteikasten zu schenken. Das was im Handel zu erhalten ist und ich gesehen habe, entspricht ganz und gar nicht den Anforderungen.
      • Wie sehen die Karten aus? Auf der einen Seite die Frage, auf der anderen die Antwort. Ob sie aus etwas stabilerem Papier selbst geschnitten sind, oder Karteikarten gekauft werden, spielt keine Rolle. Sie sollten gut in den Karteikasten passen, aber darin auch nicht 'herumfliegen'. Ein guter Teil der Effektivität besteht darin, die Karten selbst zu beschriften. Vom Kauf schon mit Lerninhalten bedruckter Karten muss abgeraten werden. Auch von zu kleinen Karten ist abzuraten, weil der Platz darauf schon für viele Vokabeln nicht ausreicht. Leitner empfiehlt 10,5 mal 7 cm, also Din A7. Ich bevorzuge Din A6 und rate das auch allen Sprachbastlern, um mehr Informationen festhalten zu können, wenn die Karte nicht mehr im Lernprozess ist und Zwecken des Ordnungssystems dient. Mein größeres Format hat also nur Recycling als Grund. Keinesfalls sollten zu viele Lerninhalte auf eine Karte. Eine Vokabel, eine Karte. Eine Formel, eine Karte. Egal wie klein der Lerninhalt darauf aussieht.
      • Wie wandern die Karten durch die Lernkartei? Wenn ein Fach voll ist, nehmen wir einen kleinen Finger breit an Karten heraus. Die, die schon am längsten im Fach sind. Dann fragen wir uns mit Hilfe der Karten ab. Die Karten, bei denen wir die Antwort wussten, kommen ans Ende des nächsten Faches, damit sie nach und nach nach vorne wandern. Stammen die Karten aus dem letzten Fach und werden gewusst, entnehmen wir sie der Lernkartei, da die Lerninhalte jetzt sitzen sollten. Dazu, was wir mit ihnen machen, komme ich später. Die Karten, deren Antwort wir nicht wussten, wandern zurück ins erste Fach. Auch die Karten, deren Antwort, die wir nicht sicher wussten, kommen wieder ins erste Fach.
      • Was mache ich mit den Karten, die die Lernkartei erfolgreich durchwandert haben? Eine denkbar schlechte Idee ist es, diese Karten wegzuwerfen oder zu verbrennen - wie Leitner es noch vorschlägt - oder - falls es sich um Daten im Rechner handelt - sie zu löschen. Für viele Lerninhalte wäre das fatal. Wir können Dinge aus dem Teil des Gedächtnisses löschen, auf den wir zugriff haben, indem wir sie im Geiste, vor dem inneren Auge zerstören. Zerstören wir also die Karten einer Lernkartei, verlieren wir den Zugriff auf einen Teil des Gelernten und die ganze Mühe, die wir damit hatten war vergebens. Selbst die Einlagerung auf dem Dachboden oder im Keller dürfte besser sein. Aber ich werde noch andere Möglichkeiten benennen.
      • Wie bekommen wir die Vokabeln nun aber in das erste Fach? Wenn wir die Karten beschriftet haben, kommen sie ins erste Fach. Und dann fragen wir uns mit Hilfe der Karten aus diesem Fach ab. Gewusstes kommt in das zweite Fach, nicht Gewusstes an das Ende von Fach eins. So geht es weiter, bis nur noch drei Karten in Fach eins übrig sind. Dabei werden natürlich nicht nur die neuen Karten bearbeitet, sondern auch die, die sich schon im ersten Fach befinden. Das erste Fach wird täglich bearbeitet, auch sonntags, was selbst die katholische Kirch erlaubt. Die anderen Fächer werden, wie gesagt, einen Finger breit bearbeitet, wenn sie voll sind.
      • Warum funktioniert die Lernkartei? Wenn wir lernen, bleibt uns nur 20% davon dauerhaft im Gedächtnis. Damit also alles, was wir möchten, behalten wird, müssen wir wiederholen bis alles irgendwann zu den 20% gehört hat. Der Hauptteil geht schon in den ersten beiden Tagen verloren. Was wiederholt wird, geht weniger schnell verloren. Man muss nicht rechnen, um daraus die Grundlagen der Lernkartei zu erkennen. Eine Karte, die gleich zu den 20% gehört, nehmen wir - nach dem ersten Tag des Lernens - nur 5mal in die Hand. Von den 80% anderen, die wir wiederholen müssen, nehmen wir 20% nur 6mal in die Hand Und so geht es weiter. Es wird also die Anzahl der Wiederholungen minimiert. Und ein Lernen ohne Wiederholungen gibt es nicht. Auch nicht bei der Mnemotechnik. Alle Tricks zielen nur darauf ab, die Anzahl der Wiederholungen zu optimieren, um möglichst wenig Zeit mit dem Auswendiglernen zu verbringen und die Schnelligkeit, mit der wir vergessen zu reduzieren. Die Lernkartei nutzt die Wahrscheinlichkeitsrechnung, die Mnemotechnik den Aufbau von Assoziationen. Das tolle ist, das beides miteinander verbunden werden kann, wie schon Leitner es, wenn auch nicht konsequent, beschreibt.


      Das Wichtigste ist, sich nicht selbst zu betrügen und einen nicht gewussten Lerninhalt einfach in das nächste Fach wandern zu lassen, statt ihn wieder in das erste Fach zu stecken.


      Individuelle Anpassung der Fächergröße und Lernkapazität

      Von heutigem Standpunkt aus muss die Größe der Fächer dem täglichen Lernpensum und den neuen Erkenntnissen zur Vergessensrate angepasst werden. Anhand der Dicke der verwendeten Karteikarten, bzw. des Papiers, kann sich das jeder selbst ausrechnen.
      Wiederholungen gelten als besonders effektiv nach einer halben Stunde, zwei Stunden, einem Tag, einer Woche, einem Monat und einem halben Jahr. Diese Angaben sind als ungefährer Richtwert zu verstehen. Sie variieren etwas je nach Individuum und Umständen. Die Erklärung des Ganzen führte hier zu weit. Nachzulesen und einfach erklärt ist es in dem unten erwähnten Buch von Gunther Karsten auf S. 187 ff.
      Wer genau hinsieht, erkennt, dass das ideal für Studenten ist. Am Ende einer Veranstaltung -meist liegt zwischen zwei Veranstaltungen eine halbe Stunde und sie Dauern 1,5 Stunden- können Studierende einige Vokabeln lernen, sie kurz vor Beginn der nächsten Veranstaltung wiederholen und nach dieser Veranstaltung schon in der nächsten Pause wiederholen und sie dann für den nächsten Tag in das erste Fach der Lernkartei stecken. Aber auch der Aufbruch von der Wohnung, die Ankunft bei der Arbeit und die erste Pause erfüllen oft in etwa die Vorgaben.

      Wer "drin" ist, kann leicht bis zu 70 Karten am Tag, insbesondere, wenn sie auf zwei oder drei Termine verteilt sind, schaffen. Normal ist eher 30-40. Wer aus der Übung ist, kann da auch auf 10-20 fallen. Es ist also für wirklich effektives Lernen notwendig, die Fächergröße anpassen zu können. Oder es wird ein Tageslernziel anvisiert und bis das erreicht wird mit Päckchen auf der Fensterbank und Lineal gearbeitet.
      Wenn also die Karten 0,25 mm dick sind, und ich am Tag 30 Karten lerne, müsste das Fach für eine Woche (sieben Tage) 0,25 x 30 x 7 = 52,5 mm groß sein. Also: Kartendicke mal Karten pro Tag mal Anzahl der Tage.

      Wer zu faul ist, kann auch mit den Werten von Leitner arbeiten. (Klassisch wurde das nächste Fach immer 1,4 oder auch 1,5 mal größer gemacht als das vorherige.) Effektiv ist die Methode auch so; es geht nur um eine zusätzliche Steigerung derselben. Und ja, sonntags gibt es keine Pause.

      Es liegt natürlich nahe, die ersten Termine nach der Zeit zu wiederholen und die Karten dann erst bei dem Termin nach einem Tag in den Kasten einzuordnen.


      Lernprogramme

      Nun gibt es Lernprogramme. Leider haben diese große Nachteile. Nicht zuletzt sind Lerner und Lernerinnen damit von der Technik und einer zuverlässigen und regelmäßigen Speicherung abhängig. Das Problem kennt heute jeder.

      Dann fehlt auch ein sehr wichtiger Punkt des Lernens. Das eigenhändige schriftliche Festhalten des zu lernenden Stoffes, das schon einen wichtigen Teil des Lernprozesses bildet. Und hier ist auf kursive Schrift zu achten. Denn schon die Verwendung unverbundener Blockschrift ist hier lange nicht so wirksam. In den letzten Jahren ist darüber sogar mehrfach in der überregionalen Presse geschrieben worden. Der Zusammenhang mit der feinmotorischen Steuerung beim Schreiben fördert offensichtlich die Bildung korrekter Assoziationen.

      Wer sich einen Lerninhalt nur schwer merken kann und das Zeichnen beherrscht, kann auch eine kleine Zeichnung dazu anfertigen. Natürlich nicht auf der Seite der Karte, auf die bei der Abfrage geschaut wird, sondern auf die Seite der Karte mit der korrekten Antwort. Meist wird das Suchen einer Eselsbrücke allerdings leichter sein.

      Viele verbreitete Lernprogramme sind auch analog einer Lernkartei programmiert und eben nicht wie eine Lernmaschine, wodurch der maximale Effekt dann sowieso nur der einer Lernkartei ist.

      Dazu kommen dann oft handwerkliche Fehler, wenn z.B. nicht nur der nicht gewusste Lerninhalt, sondern das ganze Lerngebiet als nicht gewusst markiert wird. Das ist denkbar ineffektiv und reine Zeitverschwendung, wie schon Leitner erläutert. Es gibt sogar Multiple Choice Übungen in solchen Programmen, obwohl dadurch nachweislich kein gesichertes Wissen erlangt werden kann, sondern nur das leichter zu erlangende Auswahlwissen. Hier gäbe es noch einiges anzumerken, aber ob ein Programm solche Klippen vermeidet, muss erst einmal untersucht werden und überhaupt untersuchbar sein.

      Anders gesagt: Ein mir genehmes Programm ohne gewaltige Abstriche existiert nicht. Also bleibe ich bei der realen Lernkartei, die im Moment noch effektiver ist.


      Beitrag der Mnemotechnik

      Wie oben zu lesen war, läuft es beim Auswendiglernen in den meisten Fällen auf Vokabeln und Beugungsformen hinaus. Daher konzentriere ich mich darauf. Mitunter können auch andere Techniken als die Beschriebenen herangezogen werden, aber das würde zu weit führen. Vokabeln können auch nur mit der Mnemotechnik gelernt werden, aber auch das würde hier zu weit führen und wäre, wie schon gesagt, weniger effektiv.

      Statt dessen ein paar Literaturempfehlungen.


      Für einen Überblick, um in dem Thema nicht verloren zu gehen, empfehle ich den Wikipedia-Artikel zur Mnemotechnik. (de.wikipedia.org/wiki/Mnemotechnik)

      Dann empfehle zur Mnemotechnik in der Regel die Werke von drei Autoren:
      • Ulrich Voigt: Esels Welt. Mnemotechnik zwischen Simonides und Harry Lorayne. Likanas Verlag, Hamburg 2001. ISBN 978-3-935498-00-5.
      • Ulrich Bien: Einfach. Alles. Merken. humboldt, 2. Auflage, Hannover 2012, ISBN 978-3-86910-482-9.
      • Ulrich Bien: Trainiere. Dein. Gedächtnis. humboldt, Hannover 2011, ISBN 978-3-86910-481-2.
      • Gunther Karsten: Erfolgsgedächtnis: Wie Sie sich Zahlen, Namen, Fakten, Vokabeln einfach besser merken. Goldmann, München 2002. ISBN 978-3-442-39035-9.
      Alle drei Autoren haben akademischen Hintergrund. Esels Welt ist sehr theoretisch und Leser sollten wissenschaftliche Texte gewohnt sein. Ulrich Bien ist Uni-Dozent und Gedächtnistrainer. "Einfach. Alles. Merken." ist denn auch ein regelrechter Kurs und "Trainiere. Dein. Gedächtnis." ein Übungsbuch. Sein Nachteil ist, dass er recht marktschreierisch daherkommt und übertreibt. An ein paar Stelle hat er das Thema laut Voigt nicht ganz durchschaut. Dennoch ist es ein tolles und effektives Werk, Mnemotechnik zu erlernen. Gunther Karsten ist Chemiker und Gedächtnissportler. Nachdem er Gedächtnisweltmeister wurde, wird das genannte Buch unter dem Titel "Lernen wie ein Weltmeister" vertrieben. Unter dem alten Titel ist es teils extrem günstig zu finden. Er ist von allen dreien am leichtesten zu verstehen, hat aber den Nachteil, dass es sich in großen Teilen auf den Gedächtnissport konzentriert und daher auch einige Techniken und Themen nicht erwähnt werden.

      An Beispielen für größere mnemotechnische Arbeiten zum merken Individueller Sprachen möchte ich drei Werke nennen, damit mir niemand die Auslassung ankreidet. Seit den Zeiten Bunos hat sich unsere Lebenswelt allerdings so sehr verändert, dass es kaum hilfreich sein wird:

      • Johann Buno, Neue Lateinische Grammatica. In Fabeln und Bildern. Den eüßerlichen Sinnen vorgestellet / und also eingerichtet / daß durch solches Mittel dieselbe benebens etlich tausend darinnen enthaltenen Vocabulis in kurtzer Zeit mit der Schüler Lust und Ergetzung kann erlernet werden &c., Danzig 1651.
      • Friedrich Robert Gilbert: Das ABC der Chinaschrift, Berlin 1926.
      • Hugo Weber-Rumpe: Französische Genusregeln zur Erlernung in wenigen Stunden mnemonisch bearbeitet, Breslau 1891.


      Die im folgenden Post erwähnten Methoden sollten zusammen mit einer Lernkartei genutzt werden, da sie deren Effektivität dadurch erhöhen, dass ein größerer Anteil an Lerninhalten sofort gut gelernt wird und somit schneller durch die Kartei wandert. Wir müssen uns weniger lange damit beschäftigen. Zu der Schlüsselwortmethode gibt es sogar Zahlen, wie zu sehen sein wird.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Riothamus ()

    • Und hier ist auf kursive Schrift zu achten. Denn schon die Verwendung unverbundener Blockschrift ist hier lange nicht so wirksam. In den letzten Jahren ist darüber sogar mehrfach in der überregionalen Presse geschrieben worden. Der Zusammenhang mit der feinmotorischen Steuerung beim Schreiben fördert offensichtlich die Bildung korrekter Assoziationen.
      Wieso das? Braucht man für unverbundene Buchstaben keine Feinmotorik? (Ich schreibe seit ich 14 war ausschliesslich unverbunden.)
      Don't diagnose and drive.

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    • Blockschrift ist nun einmal einfacher zu schreiben. Und einfacher zu lesen. Dass sind ja gerade ihre Vorteile.

      Ich gebe allerdings zu, dass ich beim Schreiben nicht die heutige Unsitte ( :fluecht: ) vor Augen hatte, kursive Schrift unverbunden zu schreiben. In einer Doku, die in der letzten Woche auf Arte lief, war aber mehrfach von ungebundener Schrift die Rede. Und in der Auseinandersetzung in NRW ist es immer wieder ein Thema. Es geht dabei aber um einfache Versionen. Es kommt also darauf an, wie kunstvoll und schwierig die genutzten Buchstaben sind. Hierzulande lernen die Schüler ja nicht mehr schreiben, sondern sollen aus dem Nachmalen von Druckschrift eine eigene Schrift entwickeln. Und das endet eben oft in Blockschriftartigem. "Es ist lustig zu sehen, dass einige junge Leute seltsamerweise die Schriften entwickelt haben, die die Eltern- der Großelterngeneration gelernt hat." Zitat einer Beamten, deren Namen ich nicht nennen möchte.

      Mir kam es hier aber auf die Blockschrift an, weil es ein häufiger Fehler ist, die Karten mit Blockschrift zu beschreiben, um es besonders deutlich und ordentlich zu haben.
    • (Ich hab die österreichische Schulschrift 1969 gelernt und fand sie stets urhässlich, drum bin ich mit 14 auf Blockschrift umgestiegen, was gut 3 Monate, d.h. die Sommerferien, gedauert hat.)
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