WB-Adventskalender 2018

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    Die WBO ist beendet!
    Alle Beiträge wurden eingerecht und nun warten wir auf die Bewertungen der Juries.

    Wir wünschen allen Teilnehmern viel Erfolg!
    Das WBO-Orgatool findet ihr hier.

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      Das einundzwanzigste Türchen ist ein steinerner Bogen, der zu einem kühlen Brunnen unter heißer Sonne führt. Das Wasser plätschert lebhaft dahinter, als fühle es sich dort überaus wohl.

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      Yusun gegen die Sonne

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      Als Yusun nach Gadha kam, war es Sommer und die Sonne schien heiß und gnadenlos aus dem Wüstenhimmel. Yusun ging zu einem Brunnen in Gadha und beugte sich nieder, um Wasser zu schöpfen. Doch das Wasser floh vor seinen Händen und sagte:
      „Nein Meister, es ist mir viel zu heiß dort draußen. Ich bleibe hier in meinem Brunnen, wo es dunkel und kühl ist.“
      Yusun war verärgert, doch er verstand den Wunsch des Wassers. So trat er zu einem Haus, um sich dort im Schatten niederzulassen. Doch der Schatten war zu schmal für ihn und sagte:
      „Entschuldige Meister, doch es ist mir viel zu heiß, als dass ich auf die Straße fallen wollte.“
      Yusun war wiederum verärgert, doch er verstand auch den Schatten. Als letztes blieb ihm noch, einen Ort zu suchen, an dem wenigstens der Wind blies, so dass er sich damit Kühlung verschaffen konnte. Er steig also auf den höchsten Turm von Gadha und breitete seine Arme aus, damit der Wind ihm durch die Kleider fahren mochte. Doch der Wind blies nicht und sagte:
      „Vergib mir Meister, doch es ist viel zu heiß unter der Sonne.“
      Yusun war zornig. Er verstand das Wasser, den Schatten und den Wind, doch er war durstig und es war ihm heiß.
      „Dies kann so nicht weitergehen!“ rief er aus und reckte seine Faust gen Himmel. Wie er so oben auf dem Turm stand und nach dem Himmel blickte, fielen seine Augen auf die Sonne. „Du bist es, die Wasser, Schatten und Wind vertrieben hat!“ rief er.
      Die Sonne lachte nur. „Sieh mich nur an, ich bin mächtiger als Alles am Boden!“
      Yusun aber war damit nicht zufrieden. Er zog sein Schwert und forderte die Sonne zum Duell heraus.
      „Komm her und zeig es mir! Oder bist du etwas zu feige, dort oben im Himmel?“
      Die Sonne ließ sich nicht so beleidigen und stieg herab, um Yusun zu verbrennen, wie sie es mit allen tat, die sich ihr entgegenstellten.
      Doch Yusun schlang sich seinen Umhang um den Schädel und wich so der Hitze der Sonne aus. Er holte mit seinem Schwert aus und verpasste der Sonne einen Hieb, wie sie es noch nie erlebt hatte.
      „Autsch!“ rief sie aus. „Du hast mir ein Leid getan! Lass ab von mir, dann will ich dich nicht mehr verbrennen!“
      „Ich lasse dich gehen!“ sagte Yusun großmütig.
      Die Sonne stieg wieder in den Himmel hoch und verbarg ihre Schmach hinter einer Wolkenbank.
      Der Wind seufzte auf und kühlte Yusun. „Ich danke dir, Meister!“ sagte er. „Jetzt kann ich dich wieder kühlen!“
      Der Schatten kam aus dem Gebäude hervor und spendete Kühle. „Danke, Meister!“ sagte er. „Jetzt kann ich wieder auf die Straße fallen!“
      Das Wasser im Brunnen gluckerte und sprang Yusun in die Hand. „Danke Meister, jetzt kühle ich dich gerne!“ sagte es.
      Yusun trank und war zufrieden.


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.
      Wer das liest, ist auch nicht schlauer als vorher.
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      Das zweiundzwanzigste Türchen gehört zu einem noblen, geradezu herrschaftlichen, eigentlich sogar recht bedrohlich aussehenden Haus. Es stellt sich durchaus die Frage, was für Leute da drin tatsächlich freiwillig wohnen.

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      Orgonis Abschied Teil 1

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      Orgoni stellte ihre Tasche ab und atmete tief durch. In der Abenddämmerung wirkte das Haus weniger bedrohlich. Ein Streifen rötliches Licht fiel genau auf das Fenster ihres Zimmers - oder besser, auf das Zimmer, das sie bald endgültig hinter sich lassen würde. Aber eine Nacht würde sie dort noch verbringen. Wenn alles gut lief, die letzte.
      Sie fragte sich, ob sie das Haus vermissen würde. Ob sie irgendwann beginnen würde, ihre Eltern zu vermissen. Oder den Duft des frisch gebackenen Brots aus der Küche der Bediensteten - ja, Atin zumindest würde sie vermissen. Ihr Erzieher hatte oft zu ihr gehalten, und ohne seine Unterstützung wäre sie wahrscheinlich gar nicht in der Lage gewesen, die Aufnahmsprüfung für Maretenberg zu schaffen. Ironischerweise, denn Orgonis Eltern hatten dem Bäcker immer vorgeworfen, sie vom Lernen abzuhalten. Aber es gab eben kaum etwas motivierenderes, als die Aussicht auf eine süße Bäckerei, als Belohnung für eine gelungene Raumspindel. Oder, um ehrlich zu sein, reichte auch das strahlende Lächeln des Zadankossen aus. Sie brachte es nicht über's Herz, weniger als ihr Bestes zu geben, wenn er ihr zusah.
      Von ihren Eltern hatte sie nie mehr zu erwarten als ein bestätigendes Nicken - wenn überhaupt - und eine abfällige Bemerkung dazu, dass sie wieder nicht Klassenbeste gewesen sei. Ja, sie war sich dessen bewusst, dass sie, wenn sie wirklich gewollt hätte, im Prinzip jeden Bewegungswettbewerb ihrer Altersstufe in der Stadt gewinnen hätte können. Aber kein Kind beschäftigt sich den ganzen Tag mit Raumspindeln, Münzfeldwürfen und Richtzugwellen, wenn es kein bisschen Anerkennung dafür zu erwarten hat.
      Als sie noch ganz klein gewesen war, war das noch etwas anders gelaufen. Die Erwartungen waren noch nicht so hoch. Sicher, ein stolzer Amtsmann wie Haréil Kertoge hatte nie einen Zweifel daran gehegt, dass seine Tochter zu den besten Schülerinnen ihres Jahrganges gehören würde. Aber nachdem sie unerwartet von einem ihrer Grundschullehrer „entdeckt“ wurde als - seine Worte - „bewegungsmagisches Naturtalent des Jahrhunderts“ wurden die Ansprüche ihres Vaters so weit hochgeschraubt, dass selbst eine gute Leistung noch einen Makel darstellte.
      Nun denn, morgen würde das ein Ende haben. Orgoni hatte monatelang mit ihrer besten Freundin Jimo zusammengesessen, und einen Plan ausgetüftelt, wie sie ihre Eltern verlassen konnte, ohne ihren Familiennamen zu verlieren. Die Details hatte sie nicht mehr im Kopf. Eine winzige, bislang unbemerkte Gesetzeslücke im Traditionsrecht ihres Hauses, auf das sie nach langem Stöbern gestoßen waren, würde es ihr - zumindest in der Theorie - erlauben, ihre eigenen Eltern zu enterben.
      Um ehrlich zu sein, war sie sich nicht sicher, ob der Plan funktionieren würde. Ja, Jimo war brilliant darin, Gesetzestexte zu lesen - eine Tätigkeit, bei der Orgoni nach sehr kurzer Zeit die Augenlider schwer wurden - aber ihre Freundin war keine ausgebildete Traditionsrechtsgelehrte, sondern einfach nur eine Sechzehnjährige mit einem seltsamen Hobby. Aber sei's drum - Orgoni war darauf gefasst, ihren Nachnamen und alle Ansprüche auf die Besitztümer des Hauses Kertoge abzulegen, wenn es darauf ankäme. Hauptsache, sie müsste nie mehr zurück unter die Obhut ihres Vaters. Auch wenn das bedeuten sollte, dass sie nie wieder eines von Atins Schokotrapezen bekommen würde.
      Nur noch eine Nacht. Nur noch eine Nacht. Die letzte Nacht. Vorausgesetzt, sie konnte am frühen Morgen das Haus verlassen, bevor ihre Eltern Verdacht schöpften. Eine ganze Menge an persönlichen Gegenständen wollten bis dahin noch in einen Koffer komprimiert werden.
      Ein kreischender Fuchs holte sie in die Gegenwart zurück. Sie realisierte, dass sie seit einer ganzen Weile wie festgefroren vor der Haustür stand. Mechanisch streckte sie die Hand nach der Klingel aus.

      Die Begrüßung fiel wie immer kurz aus. Rourou, der Hauslöwe, ließ sich von ihr die Mähne kraulen, und die Dienstbot*innen ließen von ihrem Vater ausrichten, dass er sie in einer Stunde beim Abendmahl sehen würde. Mutter schien auswärts zu sein - vermutlich bei einem Konzert in der Südstadt. Sie wühlte durch die Schubladen ihres Zimmers, leerte schließlich alles auf den Boden aus und klaubte dann die wenigen Dinge heraus, die mit positiven Erinnerungen behaftet waren: Etwa ein Ring, den sie von ihrer Tante bekommen hatte, und ein Tagebuch, das sie geschenkt bekommen hatte, bevor sie schreiben gelernt hatte - und das dementsprechend nur in Piktogrammen Auskunft über ihre Tagesabläufe als Kleinkind gab. Ein bisschen hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie so viel Unordnung machte - die Dienstbot*innen hatten bestimmt einige Stunden damit zugebracht, alles so feinsäuberlich zu sortieren - nach Größe, nicht nach Inhalt, wohlgemerkt, weswegen sie auch nichts auf Anhieb finden konnte - und würden morgen wohl ebenfalls wieder damit beschäftigt sein.
      Die Glocke rief sie zum Abendessen. Sie hatte sich vorgestellt, ihrem Vater mit erhobenem Kopf und einer gewissen rebellischen Haltung entgegenzustreten. Nun stand sie doch wieder mit gesenktem Blick da und ließ sich von ihm die Hand schütteln.
      „Meine liebe Tochter, willkommen zuhause.“, sagte er salbungsvoll, „Ich hoffe, du hattest eine angenehme Reise?“
      „Ja.“
      „Ja,Vater.“, korrigierte er sie, "Wir wollen doch unseren höfischen Sprachgebrauch nicht vernachlässigen."
      „Ja, Vater.“, sagte sie gehorsam.
      „Setz dich, meine liebe Tochter.“ Er wies auf ihren Platz am Tisch - dieser war nun vermutlich monatelang leer geblieben, aber nun war dort eine ganze Besteckgarnitur aufgebaut. Mit - sie staunte etwas - ihrem Lieblingslöffel. Dieses Detail bedeutete, dass Frau Oussuryot noch hier angestellt war. Wenn sie es nur irgendwie schaffen konnte, wollte sie der alten Frau noch Lebewohl sagen. Aber es war schon spät, und um diese Zeit war sie vermutlich bereits nach Hause gegangen.
      „Ich hoffe, du gehst bald zu Bett, meine liebe Tochter.“, sagte Lord Kertoge, „Morgen früh bekommen wir nämlich hohen Besuch. Der Direktor des yaturienischen Staatsarchivs hat sich angekündigt. Ich freue mich schon darauf, dass wir von dir eine Darbietung von deiner Kunst zu sehen bekommen.“
      Orgoni verschluckte sich beinahe an ihrem Salat. „In der Früh schon?“, brachte sie hervor.
      „Es sollte sich noch vor dem Frühstück ausgehen, meine liebe Tochter. Und ich hoffe, dass du bis dahin etwas weniger müde bist und etwas besser auf deine Sprache achten kannst.“
      Den Rest der Mahlzeit nahmen sie im Schweigen ein. Noch bevor ihr Vater einen Nachtisch bestellen konnte, entschuldigte sie sich, gab vor, sofort schlafen gehen zu wollen, und entfernte sich. Im Prinzip war das auch nicht gelogen. Zwar war sie nicht besonders müde, aber wenn ihr Plan, morgen früh bevor ihre Eltern wach waren, abzuhauen, funktionieren sollte, musste sie jetzt schlafen.
      Sie fokussierte auf das Weckersymbol, das sie zusammen mit einer ganzen Reihe von Piktogrammen auf ihrem Armband trug, und dachte lautWeckzeit Null Uhr. Sie spürte, wie der Gedanke einrastete, und einen festen Platz in ihrem Hinterkopf einnahm. Null Uhr war hoffentlich früh genug - kurz vor Sonnenaufgang, um diese Jahreszeit. So weit sie wusste, stand ihr Vater niemals vor zwei Uhr auf, und Frühstück gab es für gewöhnlich um drei. Dennoch war sie nervös. Wenn er jemanden eingeladen hatte, würde er bestimmt früher als sonst aufstehen.
      Ein lautes Geräusch hinter ihr. Sie schrak zusammen, aber als sie die Stimme erkannte, drehte sie sich gleich um und fiel ihrem Erzieher um den Hals.
      „Groß bist du geworden. Ich sehe noch kleines Mädchen, von letzter Sommer.“ Atin sprach wie gewohnt mit einem starken zadankossischen Akzent. Wenn er wollte, konnte er auch geschliffenes Yaturienisch sprechen, aber meist fühlte er sich in seiner Rolle als südländischer Fremder wohl. Er hatte immer gesagt, es sei besser, wenn die Leute um ihn herum ihn für dümmer hielten, als er war.
      „Pst. Ich weiß, dass du willst gehen.“, flüsterte er, „Also wollte ich dir eine Verabschiedung sagen.“
      „Woher weißt du ... ?“
      „Ich habe gesehen in deiner Zimmer.“, erklärte er, „Allen Sachen in eine Ecke, und nur das wichtigste in der Koffer.“
      „Gehen wir nach oben.“, bestimmte sie.
      „Ich wollte dich vor eine Stunde besuchen, aber du warst unten bei Lord Kertoge. Tut mir leid, dass ich ungefragt...“
      „Schon klar.“ Sie hielt ihm die Tür auf. „Es ist ja nicht so, als ob ich in diesem Zimmer wohnen würde. Die anderen werden morgen wieder alles sortieren müssen - hoffentlich nicht Frau Oussuryot.“
      „Meyann hat morgen ihren freien Tag.“, sagte Atin, „Also wird es an einer der jüngeren hängenbleiben.“ Sein Akzent war in dem Moment verschwunden, als er die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.
      „Vielleicht an dir?“, fragte sie.
      „Ich werde morgen auch gehen.“ Atin reagierte kaum auf Orgonis überraschten Gesichtsausdruck. „Nicht wegen dir. Ich wollte schon lange wegziehen, aber ich habe gewartet, bis du aus dem Internat zurück bist.“
      „Wohin wirst du gehen?“
      „Ich habe mich noch nicht festgelegt.“ Er grinste. „Ich habe gehofft, dass du einen guten Vorschlag weißt. Aber ich werde auf jeden Fall erst eine Weile zu meinen Eltern ziehen. Mein Vater ist schon sehr alt; ich weiß nicht, wieviele Jahre er noch hat. Ich will nicht die ganze Zeit fort sein in seinen letzten Jahren.“
      „Natürlich.“ Orgoni deutete auf ihren Koffer. „Das sind dann die letzten Sachen, die ich noch aus diesem Haus mitnehme. Ich fahre dann für die nächsten drei Monate nach Helfershuff zu Jimos Familie.“
      „Und dein Vater? Wirst du deinen Namen ablegen?“
      „Wir haben zwar eine Idee, wie ich meinen Namen behalten könnte, aber ich glaube nicht, dass das was wird.“, seufzte sie, „Es macht mir aber nichts mehr aus. Selbst wenn ich die Schule in Maretenberg abbrechen müsste, ich würde einfach direkt zu studieren anfangen. Die Qualifikationen dafür erfülle ich schon lange.“
      „Nun gut. Wir bleiben in Kontakt - ich habe immer noch dein Adresssymbol hier irgendwo...“ Der Erzieher kramte in seiner Manteltasche und zog ein zerfleddertes Notizbuch hervor. „Hier. Ist das noch aktuell?“
      „Ja, aber womöglich nicht mehr so lange. Die Adresse linkt über Maretenberg.“ Orgoni zeigte auf eines der Piktogramme auf ihrem Armband. „Das hier ist Jimos Adresssymbol. Wenn mein Symbol nicht mehr funktioniert, dann schick dorthin.“
      „Werde ich machen.“ Atin zog eine Rolle mnemographisches Papier aus seinem Mantel, schnitt ein Stück ab und reichte es ihr.
      Sie wartete, bis der Abdruck des Piktogramms deutlich genug war, und dann noch einen Moment länger, zur Sicherheit. „Jetzt aber. Hier bitte.“
      „Danke. Dann eine gute Nacht.“
      „Dir auch!“
      „Und viel Glück...“

      Eine Weile später kauerte sie in ihrem Pyjama auf dem Bett ihrer Kindertage und kritzelte ein paar Worte auf einen Notizblock. Um eine Nachricht komplett mental zu erstellen, war sie nun doch schon zu müde. Nur ein kurzer Gruß an Jimo. Ich lebe noch und der Plan ist im Gange. So ungefähr.
      Ein paar Minuten später hatte sie die Antwort. Sie schloss die Augen und wartete darauf, dass sich der telepathische Brief vor ihrem inneren Auge aufbaute:
      Du schaffst das! Ich erwarte dich morgen nachmittags am Bahnhof in Helfershuff. Meine Eltern freuen sich schon sehr, dich kennenzulernen. Ich habe ihnen sonst nichts erzählt von unserem Plan, das behalten wir für uns, bis es so weit ist, ja?
      deine Jimo
      PS: Mog wird auch für eine Woche auf Besuch kommen diesen Sommer. :-)
      Sie öffnete die Augen und starrte eine Weile an die Decke. Alles war gepackt - es durfte nur niemand in der Früh ihren Weg kreuzen, der Vater warnen konnte, dass sie fortlief... Frau Oussuryot hatte morgen frei, also war wohl eine andere Hausangestellte morgen eingeteilt - jemand, den sie nicht kannte. Eine unbekannte Variable.
      Sie wälzte eine Weile verschiedene Unglücks-Szenarien, begann dann aber doch allmählich Erschöpfung zu spüren und dämmerte weg.


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      Wer das liest, ist auch nicht schlauer als vorher.
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      Das dreiundzwanzigste Türchen ist deutlich schlichter als das zweiundzwanzigste, steht aber unzweifelhaft ganz in der Nähe. Es hat auch recht ähnliche Verzierungen. Leider ist es auf der anderen Seite ziemlich laut, aber es hilft nichts, geöffnet werden muss es.

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      Orgonis Abschied Teil 2

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      Der Traum um sie herum zeriss. Die Gedanken, die ihr gerade noch logisch erschienen waren, waren nicht mehr zugänglich. Warum war sie aufgewacht? Irgendetwas war draußen vor ihrer Tür. Sie hörte eine Stimme schreien.
      „Meine Tochter! Meine Tochter wird mir Gesellschaft leisten - es ist doch erst früher Abend, nicht wahr? Zeit für einen Kaffee!“
      Es war ihre Mutter, und den Worten nach zu urteilen, war sie ziemlich angetrunken. Orgoni kroch aus ihrem Bett und blieb vor der Zimmertür stehen. Dass ihre Mutter diverses psychoaktives Zeug trank, wusste sie - aber dass es so schlimm war, dass sie mitten in der Nacht meinen konnte, es wäre Nachmittag, war neu. Sollte sie die Tür aufmachen? Um ehrlich zu sein käme sie sich schäbig vor, wenn sie ihre Mutter nicht wenigstens noch einmal gegenüberträte, bevor sie sich davon machte.
      „Eine Zehnuhrnachmittagspause mit meiner Tochter!“ heulte Lady Terensiho Kertoge, „Kaffee ... und ... Kuchen.“
      Orgoni öffnete die Tür und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren, als ihre Mutter auf sie zustürzte.
      „Orgoni, meine Tochter. Meine Tochter! Seht nur, was aus meiner Tochter geworden ist! Der Stolz der Familie. Wir sind alle auf sie stolz.“ Die Lady Kertoge monologisierte - oder vielmehr, sie sprach zu einem ihrer Angestellten, der allerdings nur in ihrer Vorstellung neben ihnen stand.
      Der Zustand ihrer Mutter machte Orgoni Sorgen - gegen ihren Willen empfand sie ein starkes Bedürfnis, ihr langfristig zu helfen, das gegen ihren Entschluss, fortzugehen, ankämpfte. Du bist nicht verantwortlich für sie, sagte sie sich, das ist eine erwachsene Frau, und wenn sie entschieden hat, sich halb zu vergiften, ist das ihre Sache. Aber irgendwie fragte sie sich doch, ob das einfach nur der Einfluss von etwas zu viel psychoaktiven Getränken bei einer Abendgesellschaft war, oder ob etwas anderes dahintersteckte. Wollte ihr Vater sie loswerden? Die Verbindung Orgonis Eltern war eine reine Zweckehe - die Familie Rienoust hatte sich vertraglich verschuldet und Haus Kertoge hatte ihnen angeboten, ihre Verpflichtungen zu übernehmen. Und damit auch einen beträchtlichen Landbesitz in der Umgebung von Usgenkin, derzufälligerweise genau zwischen zwei Gründen lag, die schon seit Jahrzehnten dem Haus Kertoge gehörten. Vermutlich hatte Orgonis Großvater, der alte Lord Kertoge, auch bei dem Niedergang der Familie Rienoust mitgewirkt. Es würde sie nicht wundern - im Gegensatz zur sturen Geradlinigkeit ihres Vaters war ihr Großvater eine intrigante Spinne, die durch die ganze Gesellschaft der Yaturie ihre Fäden gezogen hatte.
      Die Hausangestellten waren vermutlich um diese Zeit nicht mehr erreichbar. Damit blieb nur Vater übrig - einen Moment lang verspürte sie eine sadistische Freude bei dem Gedanken, ihn aus dem Schlaf zu reißen. Aber nein, das würde ihr vermutlich mehr Ärger einbringen als sie brauchen konnte, und ihre morgigen Pläne gefährden. Also nahm sie ihre Mutter bei der Hand und führte sie die Treppe hinunter in den Speisesaal.
      „Ich mache dir einen Kaffee.“, sagte sie gähnend.
      „Lass das doch die Bediensteten machen!“, rief Lady Kertoge, den Blick starr auf ein Portrait an der Wand gerichtet, das sie vielleicht für ihre Tochter hielt.
      „Gut, Mutter.“
      Die Kaffeemaschine war ein altes, barock verziertes Ungetüm, das durch die Wand mit dem Hauptwasserschrank verbunden war. Orgoni holte aus einer Lade das Bedienungsbuch - ein viel zu schweres, viel zu klobiges Ding mit einem hölzernen Umschlag, der ebenfalls mit vergoldeten Mustern überzogen war - blätterte die Seite mit den Piktogrammen auf, die mit einer angepinnten Notiz Lady Terensihos favorisierter Kaffee versehen war, und aktivierte das Symbol. Orgoni hielt einen Moment still, während das Programm in ihrem Kopf die nötigen Anweisungen aufrief, dann zeigte ein lautes Rattern an, dass die Maschine ihre Arbeit aufgenommen hatte, und Orgoni sich wieder anderen Gedanken zuwenden konnte, ohne die Prozedur zu stören.
      Mehr aus Gewohnheit wischte sie mit einem Gedanken den Geschirrschrank auf und ließ eine Reihe von Tassen zum Tisch schweben, eine Runde tanzen und dann alle bis auf eine zurück in den Schrank wandern. Für dieses Kunststück hätte sie an jeder allgemeinen Schule eine Runde Applaus bekommen, aber im Internat Maretenberg war das eine absolut alltägliche Angelegenheit.
      „Der Kuchen!“, rief Lady Kertoge, und stand auf. Sie schaffte es knapp, den Raum zu durchqueren, ohne umzukippen, griff dann schwungvoll nach der Eisschranktür - Orgoni machte sich bereit, eventuell herausfallende Gegenstände magisch aufzufangen - und zog, sehr zur Überraschung ihrer Tochter tatsächlich ein Tablett mit Kuchen heraus. Kein weiteres Risiko eingehend griff Orgoni danach und ließ es behutsam zum Tisch schweben. Unter normalen Umständen wäre es sehr schwierig, einer anderen Person etwas aus der Hand zu reißen, aber ihre Mutter war nicht gerade bei Sinnen, und hatte es vermutlich nicht einmal bemerkt, dass sie das Tablett nicht gerade selbst getragen hatte.
      „Nun erzähl schon!“, sagte ihre Mutter, als sie sich wieder an den Tisch gesetzt hatte, „Du hast doch bestimmt etwas zu erzählen, nicht wahr?“ Sie versuchte zu zwinkern, mit dem Ergebnis dass sie beide Augen eine Sekunde lang fest zukniff.
      Orgoni versuchte es mit „Es ... war ein gutes Schuljahr?“
      „Nicht die Schule, nicht die Schule! Die Männer! Wie heißt er denn, du weißt schon, dein allerliebster, dein ...“ Lady Kertoge verschluckte sich und hustete eine Weile.
      Spielte es eine Rolle, was Orgoni antwortete? Sie zuckte mit den Schultern. „Der Kaffee ist gleich fertig. Wie wäre es mit einem Stück Kuchen?“
      „Sehr gut!“, meinte Lady Kertoge, „Liebe geht durch den Magen!“
      Orgoni schmunzelte wider Willen. Tatsächlich hatte es für eine kurze Zeit so ausgesehen, als ob sie mit ihrem Klassenkollegen Mog zusammenkommen würde. Aber nach ein paar Tagen peinlichem Herumdrucksen hatten sie beide festgestellt, dass ihnen nicht wirklich etwas daran lag. Orgoni war sich auch nicht einmal mehr sicher, ob sie an Männern Interesse dieser Art hatte.
      Beziehungen waren kompliziert. In Maretenberg gab es in den höheren Klassen ein undurchdringliches Gewirr von Liebesdrama, aus dem sie sich bislang erfolgreich herausgehalten hatte. Es lag auch in der Natur einer Eliteschule, dass es dort viele gab, deren Stolz leicht zu verletzen war, wenn irgendetwas nicht so lief, wie sie es gewohnt waren, dass es laufen sollte. Im Gegensatz zu Orgoni, die selbst als Hauslose keine Probleme gehabt hätte, einen Platz im Internat zu bekommen, waren viele ihrer Mitschüler*innen mehr durch ihre guten Beziehungen und angesehenen Elternhäuser dort, wo sie waren.
      „Du musst ihn mir unbedingt vorstellen!“, sagte Orgonis Mutter, die immer noch in ihrem eigenen Narrativ verfangen war.
      Orgoni seufzte, beugte sich kurz zu ihrer Mutter und umarmte sie fest. Dann verließ sie das Speisezimmer und ging wieder zu Bett.


      Sie war auf einer Straße unterwegs, die wie eine Mischung aus der Hauptallee in Maretenberg und einem Schiffskanal aussah. Ihre Schuhe, stellte sie fest, als sie an sich herabsah, waren Boote. Natürlich, das war ja auch viel effizienter, so würde sie viel schneller an ihrem Ziel sein. Sie fuhr durchs Wasser zu einem der Straßenschilder, um nachzusehen, ob sie bei der nächsten Kreuzung rechts abbiegen würde müssen. Diesen Weg war sie zwar schon hundertemale gegangen (geschwommen? gefahren?) aber irgendwie vergaß sie es immer wieder. Ärgerlich.
      Das Schild am Kanalstraßenrand ließ sich schwer entziffern. Orgoni blinzelte mehrmals, dann las sie:

      __ NÄCHSTER HALT __
      __ BAHNHOF ELEND __
      __ KEIN UMSTEIGEN!!! __
      __ WECKZEIT NULL UHR __
      Sie wachte auf.
      Der Koffer stand bereit; sie wusch sich nur kurz das Gesicht und stieg dann möglichst leise die Treppe hinunter. Lieber einen Tag lang etwas zerzaust sein als erwischt werden. Aus der Küche kamen noch keine Geräusche – vermutlich würde sich das bald ändern, wenn die Hausbediensteten sich dort einfanden, um das Frühstück vorzubereiten. Wenn es Gäste gab, tischte Lord Kertoge immer sehr großzügig auf.
      Nun kam der schwierige Teil. Das Arbeitszimmer ihres Vaters befand sich im obersten Geschoß, war aber durch eine steile separate Treppe erreichbar – ein psychologischer Trick eines ihrer Vorfahren: Die weniger wichtigen Gäste sollten sich physisch anstrengen müssen, um Lord Kertoge sprechen zu dürfen, während dieser lediglich ein paar Stufen aus seinen privaten Gemächern zu überwinden brauchte. Dafür war jedoch gerade der Zugang von der Gästeseite nicht magisch verschlossen, sondern mechanisch mit einem schweren Metallriegel; vermutlich weil es mehr Eindruck machte. Orgoni schlich langsam die Treppe hoch, jede einzelne der hölzernen Stufen vorsichtig mit Bewegungsmagie in ihrer Position haltend, so dass es zu keinem auffälligen Knarzen kommen würde – ein Trick, den sie bei einem ihrer nächtlichen Abenteuer im Internat öfter gebraucht hatte – und wandte sich der Tür zu. Mittels Bewegungsmagie geräuschlos ein Metallschloss zu öffnen, ohne zu sehen, wo sich die einzelnen Teile überhaupt befanden, war praktisch unmöglich, unter normalen Umständen. Aber erstens war Orgoni nicht irgendeine dahergelaufene Bewegungsmagierin, und zweitens kannte sie das Zimmer von innen und wusste genau, wo sich die einzelnen Teile des Mechanismus befanden.
      Klick.
      Sie brauchte kaum mehr als eine Minute, um alles zu finden, was sie benötigte: Ein paar Dokumente, von denen sie mnemographische Kopien anfertigte, und, was wichtiger war, den zentralen Nachrichtenanker des Hauses Kertoge. Ohne diesen war automatisierte telepathische Kommunikation zwar immer noch möglich, aber nicht mit dem Siegel des Hauses, das für offizielle Nachrichten notwendig war. Sie nahm den Anker aus seiner Fassung, steckte ihn in ihre Manteltasche, und fügte einen generischen Anker anstelle des offiziellen ein. Mit etwas Glück würde es eine ganze Weile dauern, bis ihr Vater merkte, dass seine Nachrichten ohne offizielles Siegel versendet wurden – und somit für alle rechtlichen Belange ungültig waren.
      Die Tür von außen zu verschließen, war noch kniffliger als sie zu öffnen, aber sie hatte jetzt keine Angst mehr davor, ihren Vater zu wecken – bis er nachsehen kommen könnte, war sie schon weg.
      Sie verließ das Haus wenige Momente bevor die nächtliche Straßenbeleuchtung sich abschaltete und an die nebelige Morgendämmerung übergab. Wie auch immer es jetzt weitergehen würde – die ängstliche Tochter eines reichen Amtsmannes war jetzt Geschichte, und eine neue Orgoni würde an ihre Stelle treten.
      War an ihre Stelle getreten.


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      Wer das liest, ist auch nicht schlauer als vorher.
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      Das vierundzwanzigste Türchen ist ... kalt. Und von Schnee bedeckt. Außerdem sind links und rechts davon Wände aus Eis. Übrigens sieht man auch kaum etwas, weil es so wüst schneit. Ehrlich, wer denkt sich so etwas nur aus? Wasser von oben? Und noch dazu gefroren? Da ist doch wirklich das Türchen die einzige Zuflucht, hoffentlich führt es unter ein halbwegs stabiles Dach.

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      Die Ankunft der Zwerge an der Oberfläche zur Winterzeit

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      Schnee. Und Zwerge, die durch den Schnee stapfen. Und vereiste Wände, die auf zwei Seiten in die Höhe ragen. Bis zu einer Kante, die im Schneeschauer kaum zu sehen ist.

      "Wer hat sich sowas nur ausgedacht? Erst noch sicher unter der Erde und dann so nah an der Oberfläche, dass die Decke fehlt."

      "Ein Beleuchteter vielleicht."

      "Und dann fallen noch diese kalten Flocken auf uns. Da kann man sich ja wer weiß was holen. Wahrscheinlich sind sie auch noch giftig."

      "Nein, dass soll nur gefrorenes Wasser sein. Immer noch besser als Hagel."

      "Beschrei ja nicht die Schrecken der Oberfläche, wir wissen nicht, wie lange das hier so weiter geht. Am liebsten würde ich umkehren."

      "Das geht ja nun leider nicht. Wir müssen weiter!"

      Und schweigend stapften die Zwerge weiter durch den Schnee. Und weiter begleiteten sie die vereisten Wände. Doch wurden die Wände allmählich immer niedriger.

      "Schlimmer wird das. Immer schlimmer! Wenn das so weiter geht, verlieren wir den letzen Schutz und stehen da, wo kein Zwerg je hin sollte."

      "Wir werden es schon überleben."

      "Wenn der Schöpfer gewollt hätte, das wir an der Oberfläche leben, dann hätte er uns mit einem Panzer geschaffen!"

      "Wir müssen aber weiter! Der Gang von der alten Mine zu unserer Binge ist verschüttet und wir haben keine Vorräte."

      "Bis wir am Eingang sind, sind wir eh verdurstet. Da können wir auch in der Mine warten."

      "Ich habe euch doch schon erklärt, dass ihr den Schnee schmelzen könnt. Das soll gefrorenes Wasser sein."

      "Aber sieh es doch endlich ein. Das ist Wasser, dass aus den Wolken von hoch oben kommt. Aus der Höhe kommt nichts Gutes!"

      "Immerhin weiß es, dass es unten besser ist!"

      "Misch du dich nicht auch noch ein! Wir haben keine Wahl, wir müssen weiter."

      Und schweigend stapften sie weiter. Und die vereisten Wände verschwanden allmählich im vereisten Boden. Das Schneegestöber erlaubte keine weiten Blicke. Wenn sie sich konzentrierten, dann konnten sie glauben, in einer großen Höhle zu sein, dann konnten sie fast die Oberfläche vergessen. Doch immer weiter ging es durch den Schnee. Immer weiter ging es ohne Decke, ausgesetzt den fallenden Eiskristallen.

      "Wir haben nicht mal Gewitterhelme. Was, wenn jetzt Blitze kommen?"

      "Es kommen keine Blitze, es ist doch gar kein Unwetter."

      "Eiskristalle, die ganz von oben kommen, behauptest du, sind kein Unwetter! Es ist genau das: Unnatürliches Wetter. Wenn Wasser oben sein sollte, würde es nicht nach unten fließen."

      "Schaut lieber nach vorn! Ist da nicht was?"

      "Mehr Eis. Oder eines der Ungeheuer der Oberfläche. Vielleicht sogar ein Adler, der uns fressen will."

      "Nein, dass sieht eher nach einem Felsen aus."

      Und schweigend stapften sie weiter, bis sie ein Gebäude erkannten. Zuerst sahen sie Marmorsäulen, über denen sie ein Dreieck sahen. Die Spitze verschwand im Schneetreiben. Hinter den Säulen erkannten sie dann eine Wand.

      "Ist das eine dieser künstlichen Höhlen?"

      "Haus, sie nennen das Haus. Sie schichten Steine aufeinander und konstruieren darüber ein Dach aus Holz und Keramik."

      "Holz und Keramik! Wie soll das halten?"

      "Eine richtige Decke besteht aus dickem Stein. Mit Erde drauf, die abfedert, wenn Hagel oder Wolken darauf fallen."

      "Wolken sollen nicht auf die Decke fallen. Ich habe gehört, sie gleiten nur darüber und nehmen einem die Sicht. Ein Zwerg soll ganz einfach hindurch gehen können."

      "Sei nicht albern. Auch wenn sie weich und fluffig wie Kissen aussehen, beschleunigen sie doch beim Fall. Und wie sollten wir durch Kissen gehen können? Wir müssen weiter, damit wir Sicherheit finden. Vielleicht finden wir hier Schutz für eine Pause. Aber wir müssen weiter, wieder in die Tiefe, weg von der Oberfläche. Ich bin doch auch nicht beleuchtet."

      Die Zwerge liefen auf das Gebäude zu und durch die Säulen unter eine Art Vordach. Hier fühlten sie sich ein wenig erleichtert und verschnauften kurz.

      "Seht, da ist ein Tor! Was sage ich? Das ist ein richtiges Portal!"

      Sie blickten auf ein Portal aus Bronze. Es war in einen schlichten, rechteckigen Rahmen aus hellblau marmoriertem Stein eingelassen, was es von den weißen Marmorwänden abhob. Das Portal selbst bestand aus zwei Flügeln. Die Flügel waren mit Metallbändern, auf denen Metallblüten saßen, verziert.

      "Erstaunlich gut gearbeitet für Oberflächliche."

      "Ja, aber lasst uns schauen, ob die Tür offen ist. Besser eine künstliche Höhle als gar keine Decke!"

      Die Flügel des Portals drehten sich erstaunlich leicht in den Angeln.

      "Lasst uns vorsichtig sein. Die Tür wird nicht nur regelmäßig benutzt, sondern auch regelmäßig gewartet."

      Und so schlichen die Zwerge vorsichtig ins Innere und gingen in den Raum hinein. Dann blieben sie stehen und betrachteten den rechteckigen Innenraum. Blickten sie zum Portal zurück, sahen sie daneben zwei hölzerne, buntgefasste Statuen stehen. Blickten sie zu einer der Längswände, befanden sich vor deren Mitte aus Marmor geschlagene Szenen, zu deren Seiten die Wände durch Leuchter und Wandvorsätze in verschiedene Abteilungen gegliedert wurden. Darin standen Reliefs mit Landschaften und Figuren. Blickten sie zum Ende der Halle, stand in einer Nische eine große Statue, die trotz des Halbdunkels goldenes Funkeln erkennen ließ. Davor befand sich ein Altar. Seitlich der leicht erhöhten Plattform, auf der der Altar stand, waren eine Art Altäre auf Rädern zu sehen, hinter denen bunt gefasste Reliefs an der Wand hingen. Wo die Plattform zu beiden Seiten des Altars an die Wand stieß, befanden sich jeweils zwei parallele kurze Mauern, die sich zur Wand hin hinaufschwangen, um in zwei großen Schritt Höhe in einem kleinen Obelisken zu enden. Zwischen diesen Mauern befanden sich Durchgänge, die auf die Zwerge wie zwei heimelige Stolleneingänge wirkten, durch die die vertraute Dunkelheit der sicheren Tiefe zu erkennen war.

      "Das muss einer ihrer Tempel sein."

      "Für Oberflächliche sind die Statuen gute Arbeiten."

      "Einen Teil davon haben sie aus Holz gehauen. Wie kommt man auf so eine Idee? Stein ist haltbarer und nicht so selten."

      "Vergiss nicht, dass an der Oberfläche Bäume wachsen. Und die große Statue glänzt golden."

      "Lasst uns schauen, ob die Statue nicht nur vergoldet ist. Ich glaube nicht, dass es an der Oberfläche viel Gold gibt."

      "Dann lasst uns gleich sehen, ob die Tunnel in die Tiefe führen."

      In dem Raum standen Bänke, die an den Seiten und in der Mitte einen Gang freiließen. Durch diesen näherten sich die Zwerge dem Altar. Als sie sich der Plattform näherten, fiel ihnen etwas auf.

      "Die Räderkästen sind keine einfachen Altäre. Das sind Maschinen."

      "Oberflächliche, die Maschinen nutzen? Selten, wie man so hört."

      "Schauen wir uns das näher an!"

      Die Zwerge näherten sich einem der Kästen. Sie sahen ein Gehäuse aus Metall. Nach vorne hing ein weißes Tuch herab. Die Oberseite war als Oberfläche mit Steinen, Pflanzen und sogar einigen Vögeln gestaltet, was die Zwerge seltsam berührte. Durch verschiedenfarbige eingelegte Metalle gab es eine dezente Farbfassung und im Hintergrund war eine Grotte zu sehen. Darin befanden sich ein paar Tierfiguren. Vorne stand eine Art Teller auf einer Stange.

      "Ah, das muss ein Altar für kleine Opfer sein."

      "Probieren wir es aus."

      Der Zwerg griff in eine Tasche und legte ein Stück Metall in Form einer Schildkröte auf den Teller. Der Teller schien sich herabzubewegen und neigte sich dann nach hinten, bis die Schildkröte herunter rutschte. Ein metallisches Geräusch und ein Klicken, gefolgt von nicht genau identifizierbaren Geräuschen, ertönten aus dem Mechanismus.
      Plötzlich taten sich Löcher in der Oberseite auf und eine Frau und ein Mann der Oberflächlichen erschienen. Sie bewegten sich auf die Grotte zu. Plötzlich erstarrten die Zwerge entsetzt. Denn die Frau trug einen Säugling, den sie in die Futterkrippe der Tiere in der Grotte legte, woraufhin die beiden Tiere, ein Ochse und ein Esel mit dem Kopf nickten. Während dessen erklang die Melodie eines Glockenspiels.

      "Die verfüttern ihre Kinder!"

      "So schlimm habe ich sie mir nicht vorgestellt."

      "Das ist der beleuchtende Einfluss der Oberfläche."

      Sie sahen, wie ein Schäfer, dessen Hervorkommen aus der Maschine sie nicht bemerkt hatten, sich der Grotte mit ein paar Schafen und einem Corgi näherte. Dabei stieg ein Stern mit einem Schweif auf einer kleinen Stange sitzend hinter der Grotte auf.

      "Sie wollen wohl verhindern, dass der Stern auf sie stürzt."

      "Ja, ich glaube, wir sollten hier verschwinden. Wenn sie lieber Kinder opfern, als sich in die sichere Tiefe zurückzuziehen, dann will ich nicht wissen, was sie mit uns machen, wenn sie uns in ihrem Heiligtum finden."

      Die Zwerge wollten sich eben dem Ausgang zuwenden, da hörten sie ein Geräusch von dem näheren Durchgang her. Als sie aufblickten, eilte durch diesen ein Oberflächlicher auf sie zu. Er war seltsam festlich gekleidet und trug ein goldenes Amulett um den Hals. Es musste einer ihrer Priester sein. Offensichtlich erstaunt blieb er stehen. Er schien sich zu konzentrieren. Einige der Zwerge griffen zu ihren Äxten, falls er Wächter rufen wollte. Einige griffen zu ihren Amuletten, falls er einen Zauber wirken wollte.

      "Ich wusste doch, das ich etwas gehört habe. Aber Zwerge waren so lange nicht mehr hier, dass ich damit nicht gerechnet habe. Ich sehe, ihr bewundert die bewegten Bilder, die uns die Zwerge vom Ziegenberg vor langen Jahren geschenkt haben." sagte er stockend und mit einem schrecklichen Akzent in der gemeinen Sprache der Zwerge.

      "Wir bewundern keine Kinderopfer." sagte der Anführer der Zwerge reserviert.

      Der Priester schaute irritiert. Dann lächelte er. "Aber das ist doch kein Opfer. Das zeigt die Geschehnisse bei der Geburt des Herrn. Ich erkläre es euch später. Kommt ihr aus den Bergen oder habt ihr euch doch endlich mal aus der Mine im Wardental hervorgewagt?"


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