WB-Adventskalender 2018

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    • WB-Adventskalender 2018

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      Das erste Türchen steht an einer staubigen Straße, man kann noch gut die unzähligen Stiefelspuren erahnen, es muss ein ganzes Heer hier vorbeigekommen sein. Da erklingen Schritte in der Ferne rechts. Eine Frau läuft am Türchen vorbei, als wäre ein Rudel wilder Tiere hinter ihr her, den Rock mit den Händen gerafft. Und schon ist sie fort und die Schritte verklingen in der Ferne links.




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      Die Geschichte von der eilenden Vyge

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      Es wird erzählt, und die Alten im Dorf mögen sich immer noch daran erinnern, dass die Vyge, dem Mostmacher Burynas seine Jüngste, einmal, als ein Zug des Heeres unseres Fürsten durch das Dorf zog, sich so arg in einen von den strammen Heerburschen verguckte, dass sie ihm unverweilt nachlaufen musste.

      Erst als sie Tapimotea schon hinter sich gelassen hatte – das Heer war auf dem Weg, die Sevier bei Ropis-Sidra zu schlagen, weil die damals gegen unseren König aufgestanden waren – ritt sie ein Botenreiter beinahe um und fragte, als er ihr erschrocken aus dem Straßengraben aufhalft, warum sie mit so rascher Eile dem Heer nachlaufe. „Ich weiß es selbst nicht so genau, ich muss ihm halt nachlaufen“, sagte sie dem Reiter. Da beguckte der Reiter sie, denn er hatte lange Zeit dem Orden vom weißen Greifen als Bote gedient und einiges aufgeschnappt und hegte so einen Verdacht, was hier vor sich ginge. „Den Gürtel da, aus Demarast, den hat dir dein Liebchen geschenkt oder? Nimm‘ ihn ab!“

      Da aber Vyge dachte, der Bote wolle sie hier im Straßengraben schänden und wollte ohnehin den Heerburschen nicht verlieren, so rannte sie von dem Boten fort und weiter dem Heere nach. Der Bote aber gab sein Vorhaben nicht leichtfertig auf, schwang sich auf sein Pferd und ritt der eilenden Vyge nach. Noch im Ritt ergriff er ihren Gürtel und riss ihn ab – und siehe da: Vyge blieb auf dem Fleck stehen und wunderte sich gar sehr, warum sie so weit von zu Hause auf der Straße stand.

      Der Bote nahm sie auf seinem Pferd mit bis hin zurück zum Dorf, wo alle Leute sie schon vermisst und in der Umgegend gesucht hatten. Und wie der Krieg im Norden vorbei war, da kam der Bote zurück ins Dorf und heiratete die Vyge.

      Weil sich aber die Gerüchte hielten, dass es der Bote selbst war, der die Vyge verzaubert und entführt hatte, um sich vor ihr als Schönheit aufzuspielen, hielt er es nicht lange aus und ging bald wieder in den Krieg – aus dem er nicht mehr zurückkehrte. Die Vyge war darüber so betrübt, dass sie sich bei den Weiden am Mühlbach das Leben nahm. In manch einer Dunkelnacht kann man ihr Schluchzen noch hören, wenn man bei den Weiden sitzt; und manchmal sieht man sie da noch stehen und meint sie wartet auf ihren Mann, dass er aus dem Krieg zu ihr zurück kommt.


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      Beim zweiten Türchen muss man sehr gut aufpassen, denn es steht direkt am Hang. Gemächlich zeigt sich die erste Farbe des Sonnenaufgangs in der schwindenden Finsternis und erlaubt einen wunderschönen morgendlichen Blick bis zur Küste.


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      Der Blick zurück

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      Caduk erwachte noch vor Sonnenaufgang. Vorsichtig, um seine Familie nicht zu stören, die um ihn herum weiter auf den Wollmatten schliefen, krabbelte er zum Fenster und blickte hinaus.
      Ihr Haus war eines der wenigen, die direkt am Hang standen. Da allicanische Häuser sowieso auf Stelzen gebaut waren, ergab sich daraus eine großartige Aussicht bis hinaus zur Küste, wo das Lioreum lag, eine Mischung aus Schule und Museum. Hinter ihm verfärbte sich allmählich der Himmel zu einem goldenen Rosa.
      Geistesabwesend kleidete Caduk sich an, seine beste Kleidung, denn heute war ein besonderer Tag. Wie einst all seine Vorfahren begann er mit Unterkleidung aus gefetteter Wolle, darüber stabile Hosen und ein Hemd aus feinen Pflanzenfasern. Zur Feier des Tages war letzteres tiefblau wie Merais endloser Ozean. Sein Zeremonienmantel und die Stiefel waren unten, also hielt er inne, um den Sonnenaufgang weiter zu beobachten, während hinter ihm die anderen aufwachten.
      Tiza gesellte sich zu ihm und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Nach den alten Gebräuchen waren Caduk und sein Bruder an dieselben drei Frauen verheiratet worden, Schwestern die sich die Mutter teilten, doch er und Tiza hatten sich immer besonders gut verstanden. Sie war eine Gelehrte wie er, auch wenn ihre Spezialität die Alchemie war und seine die Historie.
      Er küsste ihr zweifarbiges Haar und gemeinsam beobachteten sie die Veränderung der Sonne, bis sich Mika zwischen sie warf.
      „Essen!“, forderte das jüngste Familienmitglied und Caduk lachte.
      „Du hast es ja eilig!“, grinste auch Tiza.
      „Sie schlägt nach dir“, sprach Caduk, stand auf und nahm das Kind auf den Arm, um in den unteren Teil des Hauses hinabzuklettern. Am Abend zuvor hatten sie ein paar aufwendigere Speisen vorbereitet und eingepackt. Wegen des Feiertages hatte auch eines ihrer Schafe dran glauben müssen und so waren ihre Körbe voll mit Fleisch und Wurst, aber auch mit kräuterreichem Teig und Feldfrüchten.
      Caduk übergab Mika an seinen Bruder Lukjak und zog seinen lilafarbenen, edel verzierten Zeremonienmantel und die hohen Lederstiefel an, dann zog die gesamte Familie mit Kindern und Körben durch die Stadt zum Speisehaus.
      Auf den Wegen waren auch bereits andere Gruppen unterwegs, frohen Mutes und ebenso mit Nahrung beladen wie Caduks Familie.
      Ein leises Rascheln ertönte neben Caduk und Molai´i landete neben ihm, die Federn gegen die morgendliche Kälte aufgeplustert.
      „Sei gegrüßt“, zwitscherte sein Freund in der merkwürdigen melodischen Art mit der Vakurrae allgemein redeten. Molai´i´Saikeh´Taiiken´Saikeh war Caduks bester Freund seit Kindertagen. Er war um einen Kopf kleiner als der Mensch mit einer schmalen, spitz zulaufenden Schädelform wie ein Vogel und großen, beweglichen Ohren wie die einer Fledermaus. Außerdem trug er auf dem gesamten Körper bunte Federn und lange Schwungfedern unter den Armen. Ein solches Wesen hätte fremdartig wirken müssen, doch er war Caduk so vertraut wie Tiza oder Lukjak.
      „Sei gegrüßt“, antwortete Caduk und umarmte seinen Freund behutsam.
      Zur Feier des Tages hatte auch der Vakurra sich fein gemacht und trug Reihen an Ketten, Amuletten und Piercings, die seinen hohen Rang innerhalb der allicanischen Vakurrae ausdrückten. Einige seiner Federn glänzten noch mit frischer Farbe – ebenfalls lila, doch aufgrund der wässrigen Natur der Farbe schimmerten die natürlichen Grün-, Gelb- und Blautöne hindurch.
      Vakurrae trugen selten Kleidung, denn diese konnte die Schäfte der Federn brechen und schlimmstenfalls zur Flugunfähigkeit führen, deswegen trug Molai´i lediglich seinen Schmuck. An einem Gurt um seine Hüften hingen zwei gut gefüllte Taschen, die vermutlich Obst enthielten.
      „Passt R´iiak auf die Kinder auf?“, Caduk war aufgefallen, dass keine flauschigen Sprösslinge seinem Freund gefolgt waren. Dieser nickte.
      „Er und die Kleinen sind bereits vorgegangen. Ich habe etwas länger in der Färbewanne gebraucht.“, der Vakurra grinste schief. Caduk lachte „Ich würde mir Sorgen machen, wenn dem nicht so wäre.“
      Locker unterhielten sich die Freunde auf dem Weg zum Speisehaus. Die meisten Bewohner Saikehs waren schon eingetroffen, das Feuer in den Öfen loderte und vereinzelt wurden schon Speisen gegart.
      Das Speisehaus stand wie jedes allicanische Gebäude außer dem Lioreum auf Stelzen, doch zwischen diesen begann ein breiter, hoher Steinaufbau in dem die Kochflammen loderten. Im eigentlichen Haus setzte sich die Struktur fort und spie ein Stück über dem Dach den Rauch aus.
      Der Speiseraum selbst war riesig und einfach gehalten. In ausreichendem Abstand zum heißen Stein lagen Wollmatten, auf denen Platz genommen wurde und Halter nahe den Öfen stellten verschiedene Spieße zur Verfügung. Mit diesen wurden Speisen durch seitliche Öffnungen in die aufsteigende Wärme gehalten und so gegart.
      Die Kinder stürmten auf die Öfen zu, kaum dass die Gruppe den Speiseraum betreten hatte und die Erwachsenen folgten ihnen zügig. Molai´i gesellte sich indes zu seinem Gefährten und den Sprösslingen.

      Saikeh war keine große Stadt, sie enthielt vielleicht 1000 Einwohner, doch alle mit Ausnahme der Gebrechlichsten und Kränkesten waren an diesem Tag versammelt. Für gewöhnlich aß man, wann immer man Zeit hatte, die Rhythmen des modernen Lebens machten es unmöglich wie die Vorfahren jeden Tag gemeinsam zu Essen, doch heute war ein Feiertag.
      Liupek´sea oder Iiiieru´sii, je nachdem ob man der nackten oder der gefiederten Art von Allica angehörte. Beides bedeutete: „Blick zurück“, denn das taten sie.

      Allmählich kam jeder mit zubereiteten Speisen auf den Matten zur Ruhe. Wie es Sitte war, wurde mit anderen geteilt. An einem normalen Tag hätten sich Sitznachbarn auch durchgehend laut unterhalten, doch heute wurde stattdessen den Waer Gehör geschenkt. Diese versammelten sich an einer Seite des Raumes, ausnahmsweise getrennt nach Vakurrae und Mensch und durch ihre lilafarbene Kleidung erkennbar. Auch Molai´i und Caduk waren unter ihnen.

      Dann schlug Hoiwaer Aio die Trommel. Ein dumpfes, kräftiges Geräusch im langsamen Takt. Andere Waer stimmten mit Regenmachern oder ihren Stimmen ein. Fast sahen die Zuhörer die dunkelgrauen Wellen vor ihren Augen, hörten das Sausen des Windes und das Rauschen des Wassers, als der Gesang begann.

      Auf der Flucht aus fernen Landen
      Vertrieben von der Feinde Macht
      Schwangen Schiffe sich beisammen
      Durch sturmumtoste Wellennacht.

      Verschollen warn sie, einsam wandernd
      Wirbelnd angstvoll durch die Wehen
      Maste brachen, Leck geschlagen
      Wohl nie wieder Ufer sehn

      Doch Merai, sie hatte Gnaden
      Denn der Tod, er fing sie nicht
      Eine Küste, sie kam näher
      Im bleichen fahlen Blitzeslicht

      Auf Land liefen die Schiffe
      Doch die Menschen, sie warn froh
      Bald schafften sie sich neue Heimat
      Hier im fernen Nirgendwo

      Doch der Geist des Lands war anders
      Die Feldfrüchte, sie wuchsen nicht
      Und so zeigte Merais Mann
      Den Sai erneut sein Angesicht

      Die Musik veränderte sich. Die Seefahrermusik ging über in die komplizierten trillernden Töne der Vakurrae und die menschlichen Waer verstummten schließlich. Das Vogelvolk spielte überhaupt keine Instrumente, sondern pfiff und trällerte die Melodie. Schließlich setzte erneuter Gesang ein.

      Sesshaft die Reiche
      Nomadisch die Schwärme
      Seit wann? Seit wann?
      Schon immer
      Bestellen das Land
      Ernten die Früchte
      Wer? Wer?
      Vakkurrae
      Zerstoße die Knolle
      Dünge die Erde
      Wozu? Wozu?
      Zum Säen
      Schwarm an der Küste
      Fand die Menschen
      Warum? Warum?
      Aus Neugier

      Menschen verhungernd
      Vakurrae helfend
      Warum? Warum?
      Aus Mitleid
      Zeigten ihnen
      Die Knollen zu Nutzen
      Wozu? Wozu?
      Zum Düngen
      Halfen den Menschen
      Neue Heimat zu bauen
      Wer? Wer?
      Die Ahnen
      Nun alle ein Volk sind,
      Menschen-Vakurrae
      Seit wann? Seit wann?
      Seit damals

      Nun stiegen auch die Menschen wieder ein und vereint sang das Volk von Allica den letzten Teil zu Musik, die wie sie eine Mischung aus vakurrisch und menschlich war:

      Ein neues Volk, ein neues Reich
      Gebaut aus den Trümmern des Alten
      Und erst in dieser Einigkeit
      Konnte Allica sich entfalten
      So blicken wir nun zurück
      gedenken, was einst geschah
      Warum? Warum sind wir eines?
      Weil es so besser war


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      Das dritte Türchen erlaubt einen Blick auf einen Fluss und eine Straße, die sich gemeinsam durch eine idyllische Landschaft aus grünen Wäldern und Wiesen und goldenen Feldern winden. Auch für Zerstreuung ist gesorgt, das sieht man an den Booten, die gemächlich umherschippern. Auch gegen den Hunger kann man hier etwas unternehmen - wie wäre es mit diesem heimeligen Gasthaus auf der Blumenwiese?



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      Das Mordhaus

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      In den Auen der Umer führt eine vielbenutzte Reisestraße nahe am Fluss entlang. Diese Straße folgt den Biegungen des Flusses und schlängelt sich so durch Wiesen, lichte Wälder und sorgsam bestellte Weizenfelder. Ausflugsboote segeln träge den Fluss herunter und legen gelegentlich an den vielen Stegen an, die sich am Flussufer finden, um eines der vielen Gasthäuser zu besuchen, die zwischen Fluss und Straße liegen.
      Eines dieser Gasthäuser war das Drei Linden, das auf einer Blumenwiese direkt am Flussufer stand. Das Haus selbst war aus Fachwerk erbaut und eine Malerei von den besagten drei Linden zierte die Frontseite. Auf der rechten Seite des Hauses befand sich eine Laube, die von Weinranken überwuchert war. Feingedrechselte Möbel standen in der Laube und luden zum niedersetzten und entspannen ein.
      Askalin Mersa fand, dass es der absolut langweiligste Ort der Welt war. Aber natürlich fragte niemand nach ihrer Meinung. Sie war dreizehn Jahre, groß für ihr Alter, und bekam ständig zu hören, dass sie sich auf ihre Studien konzentrieren sollte. Gleichzeitig durfte sie niemals irgendetwas von dem Wissen anwenden, dass sie ständig auswendig lernen musste. Es war einfach nicht fair.
      „Askalin!“ rief ihre Mutter vom Gasthaus aus. „Komm endlich!“ Askalin rollte mit den Augen und griff nach ihrem Bündel. Dann rannte sie zu ihrer Mutter am Eingang des Gasthauses.
      ***
      Sie mieteten sich im Gasthaus ein.
      „Wie lange müssen wir hierbleiben?“ jammerte Askalin.
      „Bis dein Vater aus Garsalon kommt, das weißt du doch.“
      Das konnte ja noch ewig dauern! Wie sollte Askalin das nur überstehen. „Du kannst doch so lange deinen Aufsatz vorbereiten. Ich habe dafür gesorgt, dass alle deine Bücher eingepackt werden,“ schlug ihr die Mutter vor. Ach herrje, dachte Askalin, dieser verdammte Aufsatz!
      So kam es, dass Askalin mit einem schweren Wälzer draußen in der Laube saß und lustlos auf den Fluss hinausstarrte, als sich ein junger Bursche neben ihr auf den Sessel fallen ließ.
      „Hallo!“ begrüßte er sie fröhlich. Er konnte nicht älter sein als sie. „Wie heißt du?“
      „Ich heiße Askalin,“ antwortete sie.
      „Ich bin Kaslan Ersa. Meinem Vater gehört das alles hier.“ Er gestikulierte Richtung Haus. „Was liest du da.“
      „Geschichte des Südens,“ antwortete Askalin.
      „Scheint ja sehr spannend zu sein.“ Er sah die Katzenohren an, die Askalin dem Gouverneur von Gadha verpasst hatte. Sie klappte das Buch zu.
      „Was willst du?“ fragte sie.
      Er grinste. „Wenn du dich für Geschichte interessierst, könnte ich dir vielleicht eine Geschichte erzählen.“ Er streckte sich auf dem Sessel aus. „Oder… du könntest dich weiter hier langweilen.“
      Sie brauchte nicht lange nachzudenken. Alles war besser als Schulbücher.
      „Du denkst bestimmt, dass es hier total langweilig ist. Es ist nichts los und nur alte Leute kommen hierher.“ Er schaute sie erwartungsvoll an. „Aber im Drei Linden passieren die unglaublichsten Sachen!“ Er beugte sich vor und wurde verschwörerisch. „Mein Vater musste allein ein halbes Dutzend Tote begraben. Die wurden ermordet! Hier bei uns im Haus!“
      Askalin musste lachen und schüttelte den Kopf.
      „Wirklich!“ rief Kaslan. „Die kommen hierher und Plopp! Fallen sie tot um. Ich kann dir die Stelle zeigen, wo Papa die Leichen verschwinden lässt. Natürlich musst du versprechen, nichts zu erzählen.“ Er grinste.
      „Du willst mich doch nur an irgendeinen komischen Ort locken.“ Askalin kannte das Spiel, die Burschen in Garsalon waren kein Stück besser.
      „Wirklich!“ rief Kaslan schon wieder. „Ich versprech dir, ich mach keinen Unsinn! Ich schwör mit meinem kleinen Finger!“ Er hielt ihr den Finger hin, damit sie einschlagen konnte. Sie schaute in sein rosiges ehrliches Gesicht und dann auf den ausgestreckten Finger.
      „Na schön, aber wenn du etwas Dummes anstellst, finde ich dich und dann verhau ich dich, dass du drei Tage nicht mehr sitzen kannst!“ Sie griff mit ihrem eigenen kleinen Finger nach seinem und sie besiegelten ihr Versprechen.
      Kaslan führte sie auf einen schmalen Pfad, der sich direkt am Fluss entlang schlängelte. Ein paar vereinzelte Bäume warfen Schatten auf den Pfad aus festgetretener Erde. Kaslan hüpfte die ganze Zeit um Askalin herum und erzählte ihr Anekdoten aus dem Gasthaus.
      „Und einmal, da waren zwei Zauberinnen hier bei uns und Papa hat ihnen extra seinen besten Wein serviert, weil naja, er dachte halt, dass sie dann vielleicht gut über das Gasthaus reden oder so, jedenfalls ist die einer von ihnen dann bei uns in der Laube tot umgefallen! Papa hat schon gedacht, es stimmt was nicht mit dem Wein, aber später haben wir dann Nachrichten gehört, dass die andere auf der Straße krank geworden ist und ganz viel Blut gespuckt hat. Da war die hier schon besser, das war nicht so eine Sauerei.“
      „Igitt! Kann man die Mädchen auf dem Land mit sowas beeindrucken?“
      Er hüpfte hoch und drehte sich im Kreis.
      „Ach Quatsch! Oh guck mal, wir sind da.“ Er deutete auf den Fluss.
      Askalin sah an seinem Finger entlang. „Da ist gar nichts.“
      „Du musst näher ran.“ Er packte sie am Ärmel und zog sie zum Ufer. Bei einem großen Stein kniete er nieder. „Hier ist das Ufer unterspült. Guck, da ist eine Höhle drunter. Da unten hat mein Vater die Leichen versteckt.“
      Askalin hockte sich vorsichtig hin, um ihre Robe nicht schmutzig zu machen und lugte in die Höhlung. Da war etwas Weißes unter Wasser.
      „Ein Totenschädel!“ rief sie überrascht aus.
      Kaslan hatte von irgendwoher einen Stock organisiert und stocherte jetzt damit unter der Ausspülung herum. Noch mehr Knochen erschienen unter Wasser, als er seinen Stock in den Schlamm bohrte und versanken dann wieder.
      Er grinste sie an. „Glaubst du mir jetzt?“ Askalin war sprachlos. Sie hatte noch nie Knochen gesehen, die nicht in einem Mausoleum lagen.
      „Sag mal, weißt du, wer die alle waren?“ fragte sie. Der Bursche nickte stolz.
      „Ja klar weiß ich das. Papa hat alles aufgeschrieben und mir immer aus seinem Tagebuch vorgelesen.“
      „Lass uns zurückgehen und du erzählst mir alles, ja?“
      Und Kaslan redete und redete und redete und als sie wieder in der Laube angekommen waren, schob Askalin ihre langweiligen Schulbücher beiseite und schrieb auf, was der Bursche ihr erzählte. Später schrieb sie „Das Mordhaus“ auf die erste Seite.
      Als sie wieder in ihre Schule in Garsalon zurückgekehrt war, reichte sie den Aufsatz ein. Der Lehrer las ihn und zog dabei immer weiter die Augenbrauen nach oben, bis sie ihm fast aus der Stirn krochen.
      „Askalin, das ist der beste Aufsatz, den ich seit Jahren gelesen habe! Darauf bekommst du die Bestnote!“


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      Durch das vierte Türchen erklingt das stete Tock Tock eines Beils, das gegen Holz schlägt. Wenn man sich umsieht, erblickt man einen Holzfäller am Waldrand, ein Dorf ist auch nicht weit entfernt.



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      Lohn oder Gold Teil 1

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      Tilla war die Tochter eines Holzfällers. Vater und Tochter lebten zusammen in einem Hüttchen am Dorfrand, der Wald war nicht weit. Sie hatten ein gutes Auskommen, doch war es ein trübes Leben zu zweit. Tillas Mutter war gestorben, als sie noch ein Kind war. Wohl hatte der Vater treulich die Tochter großgezogen, doch schien sein Herz und seine Fröhlichkeit mit der Gattin gestorben zu sein. Tilla aber war jung und lebenslustig. Sie träumte von einem anderen Leben, von Geld und bunten Festen, von schönen Kleidern und köstlichen Speisen. Wie einzig schön musste es sein, in einem Palast zu leben, umgeben von Höflingen und Prinzen, die stets zu Tanz und Spiel aufgelegt waren! Ein Leben in Reichtum und Freude! So träumte Tilla, wenn der Vater des Morgens mit der Axt in den Wald zog. Dann aber seufzte sie und machte sich an die Arbeit im Haus.
      Eines Tages, als Tilla Wasser holen ging am Brunnen, da trug der Wind ferne Flötentöne herbei. Das Mädchen lauschte, und siehe, über den Hügel kam ein junger Bursche gelaufen. Seine Kleidung war einfach, seine Füße waren bloß, doch an seinem Hut flatterten lustig bunte Bänder. Er spielte die Flöte so schön, dass es Tilla ganz leicht ums Herz wurde. Dann aber hielt sie den Atem an. Es gab Geschichten von einem Flötenspieler, der im Lande umherging, die Fleißigen belohnte und die Faulen strafte. Geschichten voll Zauberei, die Tilla nie hatte glauben mögen. Doch wenn das der Flötenspieler war, dann mochten ihre Träume von Gold und Glückseligkeit wahr werden! Sie war fleißig und gastfreundlich und sie würde sehr nett zu ihm sein.
      Der Flötenspieler kam heran.
      „Sei gegrüßt“, rief ihn Tilla freundlich an. „Wie schön du spielst, es ist eine Freude, deine Musik zu hören.“
      Der Bursche hob das Hütchen zum Gruß, so dass der Wind durch seine blonden Locken zauste. „Sei gegrüßt, schönes Mädchen, es ist ein schöner Tag für Musik und frohes Wandern.“
      „Willst du nicht rasten hier?“ Tilla bot ihm von dem Wasser, das sie geschöpft hatte. „Du kannst auch bleiben über Nacht, wir wollen gern unser Mahl mit dir teilen und dich willkommen heißen.“ Laut klopfte ihr Herz vor Sorge, er könnte weiterziehen. Er musste bleiben wollen, damit er ihr die Gastfreundschaft lohnen konnte.
      Der Flötenspieler musterte sie wie prüfend, der Blick aus den blauen Augen schien sie zu durchdringen wie Glas. Dann lachte er, trillerte einige Töne auf der Flöte. „Gern will ich bleiben, wenn du so freundlich bittest.“ Es zuckte wie verhaltenes Schmunzeln um seinen Mund, als würde er an etwas Lustiges denken. „Es soll dein Schaden nicht sein.“
      „Ach“, sagte Tilla erleichtert, „du sollst uns willkommen sein. Für einen müden Wanderer steht unser Häuschen immer offen, so ist es doch auch das Gebot der Höflichkeit.“
      „So ist es recht“, sagte der Flötenspieler wohlgefällig.
      Und so gingen sie in das Haus. Tilla machte es dem Gast behaglich, reichte Erfrischungen. Sie zeigte sich fleißig und gesellig und als der Vater aus dem Wald kam, begrüßte der arglos den Gast und hieß ihn gleichfalls willkommen. Der Bursche dankte. Er aß und trank und er spielte Flöte zur Unterhaltung. Tilla richtete ihm schließlich ein Lager in der Küche. Und als dann Nacht war und alles ruhig, da schlüpfte sie zu ihm, um ihm das Bett zu wärmen. So viel Freundlichkeit musste er doch lohnen.
      Am Morgen war Tilla früh auf den Beinen, um Feuer zu machen und Frühstück zu bereiten. Auch der Vater war früh auf, er verabschiedete sich von dem Gast und ging hinaus zur Arbeit in den Wald. Der Bursche richtete pfeifend sein Bündel, auch er wollte zurück auf seinen Weg.
      Tilla wartete in banger Ungeduld auf den Abschied.
      „Hab Dank für die Gastfreundschaft, schönes Mädchen.“
      „Das ist doch gern geschehen.“
      „Ich werde gern an dich zurückdenken.“
      Tilla fasste Mut und fragte: „Willst du mich nicht belohnen dafür?“
      Der Bursche lachte. „Gastfreundschaft ist doch ein Gebot der Höflichkeit.“
      „Aber du belohnst doch Freundlichkeit und Fleiß und gute Menschen. Du hast gesagt, es soll mein Schaden nicht sein. Ich hab mir doch Mühe gegeben, und ich träume schon so lange von Gold und gutem Leben in der Stadt.“
      Der Bursche lachte wieder. „Deinen Lohn hast du heut Nacht schon bekommen und wirst lange Freude daran haben.“
      Tilla wurde flau. „Du meinst…“
      „Ich meine, nicht Gold macht das Leben glücklich.“ Er lüftete wieder das Hütchen zum Gruß und wandte sich zum Gehen.
      „Das kann doch nicht sein“, weinte Tilla. „Du kannst doch so nicht gehen. Mich so nicht zurücklassen als Gespött der Leute. Ich wollte doch Gold als Lohn, Gold und Geld und ein schönes Leben. Und jetzt ist alles ruiniert. Ich will das nicht.“
      Der Flötenspieler drehte sich noch einmal zu Tilla um. Er sah sie böse an, so dass sie keine Widerworte mehr wagte. „Wenn du das nicht willst“, sagte er streng, „dann komme ich wieder. In 5 Jahren von heute. Wie ich dich finde, wird zeigen, ob ich den Lohn doch noch in Gold tausche.“ Damit ging er davon und ließ Tilla weinend zurück.


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      Durch das fünfte Türchen erklingt Kinderlachen, ein gerade fünfjähriger Junge rennt vorbei. Er eilt zu einem Hüttchen am Dorfrand ganz in der Nähe. Wenn man sich umsieht, erblickt man in einiger Ferne ein verwittertes altes Kalendertürchen, das vierte, dahinter beginnt bald der Wald.



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      Lohn oder Gold Teil 2

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      Wie gesagt, so geschah es auch. Nach neun Monaten gebar Tilla ein Kind, einen Sohn mit blauen Augen und blonden Locken. Sie nannte ihn Tore.
      Das Kind war ein Sonnenschein. Von klein auf lachte es viel, es liebte Musik und strahlte, wenn jemand für es sang. Ein jeder schloss den Jungen ins Herz, so dass keiner mehr daran dachte, Tilla zu verspotten. In dem kleinen Häuschen am Waldrand herrschte jetzt Fröhlichkeit. Tillas Vater erwachte aus seiner traurigen Erstarrung, wurde ein fröhlicher Großvater. Auch Tilla konnte sich dem sonnigen Wesen des Kindes nicht verschließen. Sie liebte Tore herzlich und alles war belebt durch seine Gegenwart. Die Tage wurden leicht und fröhlich, alle Arbeit ging leicht von der Hand. Es ging ihnen gut zusammen und die Zeit verging wie im Fluge.
      Der Junge wurde größer, half schon der Mutter im Haus, dem Großvater im Wald, den Leuten im Dorf. Sein sonniges Gemüt blieb ihm erhalten. Wenn er lachte, freuten sich alle mit ihm. Wenn er sang, wurden alle froh. Tilla aber geriet in Sorge. Sie hatte die Worte des Flötenspielers nicht vergessen. Und so fürchtete sie, dass er zurückkommen würde, um ihr den Sohn wieder wegzunehmen.
      Fünf Jahre waren schließlich vergangen. Tilla war seit Wochen in Unruhe. Doch was hätte sie tun sollen? Sie konnte nicht fliehen, sich nicht verstecken. Sie konnte nur warten und hoffen, dass nichts geschah.
      Wieder waren es Flötenklänge, die zuerst über den Hügel wehten. Tilla lief ängstlich vors Haus, und richtig, da kam schon der Bursche über den Hügel. Barfuß und mit bunten Bändern am Hut. Tore jubelte über die Musik und lief dem Fremden entgegen. Tilla konnte den Sohn nicht halten. Wie erstarrt stand sie da, die Hände bang vor der Brust gefaltet. Sie sah, wie ihr Kind mit dem Flötenspieler zusammentraf, wie sie miteinander sprachen und dann herüberkamen, der Knabe fröhlich an der Hand des Mannes hüpfend. Er hatte keine Scheu vor dem Fremden.
      „Sei gegrüßt“, sprach der Mann, als sei es nur ein freundlicher Besuch.
      Tilla sank auf die Knie und zog ihr Kind in ihre Arme. „Bitte, nimm ihn mir nicht“, flehte sie. „Das Kind ist das Kostbarste was ich habe, mein ganzes Herz hängt daran. Nimm mir alles, aber nicht das Kind.“
      Der Bursche lachte. „So brauche ich also nicht fragen, ob der Lohn noch in Gold getauscht werden soll?“
      Tilla senkte beschämt den Kopf. „Kein Gold kann mir dieses Glück ersetzen. Ich habe das lange schon verstanden. Es tut mir leid, wenn ich dich damals durch meinen Unverstand beleidigt habe.“
      „Dann ist es gut. Hab keine Angst, ich will ihn dir nicht nehmen.“ Er trillerte wieder ein paar Töne auf der Flöte, fügte sie zusammen zu einer leichten Melodie.
      Tilla weinte Tränen der Erleichterung.
      „Mutter was ist mit dir?“ Tore strich sacht über ihre Wange, besorgt über die Tränen.
      „Es ist gut“, beruhigte sie, „ich bin nur so froh, dass ich dich habe. Und ich freue mich über die Musik.“ Sie küsste ihn auf die Wange, gab ihn dann aus der Umarmung frei.
      Tore trat furchtlos vor den Flötenspieler. „Wer bist du und was machst du?“
      Der lüftete lachend den Hut, schüttelte die blonden Locken. „Ich mache Musik. Ich bin unterwegs, und ich spiele Flöte.“ Er ließ seine Flöte wie ein Spielzeug durch seine Finger tanzen. Der Junge verfolgte das wie verzaubert.
      „Das will ich auch.“
      „Das wirst du. – Hier, die schenk ich dir.“ Der Flötenspieler gab dem Jungen sein Instrument. „Wir werden uns irgendwann wiedersehen“, versprach er dabei. „Folge einfach der Musik, die wird dir schon den richtigen Weg zeigen.“


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      Das sechste Türchen erlaubt den Blick auf ein Meer aus kleinen Kerzenlichtern, getragen von so vielen Menschen, wie selten zusammenkommen. Es ist wunderschön und doch auch traurig, denn der Grund für die Feier ist nicht besonders schön.



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      Zwei Frauen

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      Die Passanten in Enes Tall ahnten nicht, welch bedeutende sarilische Würdenträgerin sich unter dem langen blauen Gewand der Besucherin verbarg. Dennoch waren die zahlreichen Bettler ihr gegenüber zurückhaltender als bei anderen Fremden und die Männer verzichteten auf Pfiffe und anstößige Kommentare.

      Brajana sira Ramenka war als Ministerin für alle sarilischen Elementarmagier und die komplette chemische Industrie sowie alle angegliederten Bereiche verantwortlich, doch das war nicht der Grund für ihren Besuch in der elavischen Grenzstadt. Auf den Tag genau vor neun Jahren hatte Enes Tall ein verheerendes Chemieunglück erlebt, verursacht durch einen arunischen Konzern. Damals hatte Brajana mit ihren Mitarbeitern geholfen und seitdem besuchte sie jedes Jahr die Gedenkfeiern zum Jahrestag.

      Brajana war es ganz angenehm, dass die Elavier auf Abstand blieben, denn in Sarilien war es nicht üblich sich beispielsweise an das Gewand einer reich aussehenden Person zu klammern, um sie um Geld anzuflehen und wie jede Frau war sie froh darüber, wenn sie nicht von männlichen Passanten belästigt wurde. Sie wusste jedoch, dass es ungewöhnlich war und fragte sich, ob die Elavier ahnten, dass diese Besucherin eine mächtige Phosphormagierin war und ihnen sehr gefährlich werden konnte, wenn sie sich bedroht fühlte.

      In den vergangenen Jahren hatte sie sich viel mit den Werken von Elementarmagiern anderer Länder beschäftigt und dabei auch über die berüchtigte Phosphormagierin Lucasta Clossiana gelesen, der wohl bereits als junges Mädchen die Männer im „Petersiliengässchen“ wie die Arunier damals den Ort genannt hatten, wo sich Frauen für Geld anboten, aus dem Weg gegangen waren. Bildern nach zu urteilen, konnte es nicht an ihrem Aussehen gelegen haben, doch Brajana vermutete, dass tatsächlich alle Menschen ein Gespür für Elementarmagie hatten, insbesondere für Elemente, die eine wichtige Rolle in ihrem Körper spielten. Trotzdem waren Brajanas Elementare nur einen Ruf entfernt, unsichtbar, aber bei Bedarf schnell zur Stelle, denn zu vertrauensselig wollte sie alleine in einer fremden Stadt auch nicht sein.

      Die Bettler irritierten sie jedes Mal. In Sarilien musste niemand betteln, denn die Partei sorgte dafür, dass jeder Sariler alles hatte, was er zum Leben brauchte. Genau so sollte es Brajanas Meinung nach in jedem Land sein. Wozu gab es eine Regierung, wenn diese nicht dafür sorgte, dass niemand Hunger litt und jeder ein Dach über dem Kopf hatte? Sie wusste jedoch, dass dies in anderen Ländern nicht so gesehen wurde. Das Flehen der Bettler tat ihr leid und sie fand es entwürdigend, dass Männer, Frauen und Kinder dazu gezwungen waren so um ihr Überleben zu kämpfen. Sie wusste aber auch, dass sie keine Möglichkeit hatte ihnen wirklich zu helfen und sie ignorieren musste, so schwer ihr das auch fiel.

      Bald erreichte sie die Grenze zu den Hüttenvierteln, wo sich die Ruine der Unglücksfabrik befand. Dort sollte die Gedenkfeier beginnen. Normalerweise wäre es für eine wohlhabend aussehende Fremde nicht ratsam gewesen die Hüttenviertel aufzusuchen, doch an diesem Tag waren dort so viele Überlebende des Unglücks und ihre Angehörigen unterwegs, dass sie nichts Schlimmeres als einen Taschendiebstahl zu befürchten hatte.

      Unter den Überlebenden war sie keine Fremde, denn einige von ihnen waren in jener Nacht von den Sarilern medizinisch betreut worden oder kannten Menschen, bei denen das der Fall gewesen war. Sie grüßten Brajana respektvoll, anders als die Bettler so wie sie das auch aus Sarilien kannte. Eine Frau, deren letztes überlebendes Kind damals von Brajanas Mitarbeiterin gerettet worden war, wechselte ein paar mehr Worte mit ihr. Normalerweise war das Mädchen immer dabei gewesen, zwar etwas kurzatmig, aber ansonsten gut gelungen. Dieses Jahr jedoch nicht.

      „Wo ist denn deine Tochter, Adelin? Ich hoffe, es geht ihr gut“, sagte Brajana und hoffte, dass ihr Elavisch so gut war, dass es halbwegs höflich und mitfühlend klang.

      Die Frau seufzte. „Das hoffe ich auch. Lenima ist nicht mehr in Enes Tall, sie ist.“

      Die Frau senkte die Stimme, sodass nur Brajana hören konnte, was sie sagte: „Sie ist jetzt auch eine von ihnen.“

      „Wie meinst du das?“

      „Sie hat ein Element und ausgerechnet Chlor.“ Brajana musste sich große Mühe geben diesen Satz überhaupt zu verstehen.

      In Sarilien wäre dies ein Grund zur Freude gewesen, jedenfalls für die meisten, doch die Elavier lehnten Elementarmagie ab, wie Brajana wusste. Hierzulande gab es keine Möglichkeit sie auszubilden.

      Dies bestätigten auch Adelins nächste Worte: „Jetzt ist sie in Arunien, um es zu lernen und ich weiß nicht, ob sie noch meine Lenima sein wird, wenn ich sie wiedersehe.“

      „Ganz bestimmt“, sagte Brajana. „Die Geschichten, dass sich Menschen durch die Elemente so sehr verändern, stimmen nicht.“

      „Hoffentlich.“

      Brajana war davon überzeugt, doch sie dachte sich auch, dass Chlor wirklich ein schwieriges Element war, für eine junge Frau aus einer Kultur, die Elementarmagie eigentlich ablehnte.

      Die Gedenkfeier wurde wie in jedem Jahr von Mandana Damur, der Leiterin der Aktivistengruppe geleitet. Mandana selbst und einige Helferinnen verteilten Kerzen an die Besucher und wie jedes Jahr wurden diese an einer der Kerzen der anderen, die schon brannte, angezündet. Bald war der normalerweise verlassene Platz vor der Fabrikruine ein einziges Lichtermeer.

      Viele der Besucher hatten Bilder ihrer verstorbenen Angehörigen dabei und manche von ihnen sagten ein paar Worte zu einem von ihnen. Selbst nach neun Jahren kamen immer noch weitere Namen dazu, Menschen, die an Folgeerkrankungen starben, oder ein junger Mann in diesem Jahr, der durch das Erlebte in den Wahnsinn getrieben worden war, und sich das Leben genommen hatte. Brajana erinnerte sich noch an den jungen Mann, im letzten Jahr hatte er noch beim Anzünden der Kerzen geholfen.

      Sie blickte in die flackernde Flamme der Kerze in ihrer Hand. Manche der Trauergäste sprachen undeutlich oder in Dialekten, die ihre Worte für die Sarilerin schwer verständlich machten, doch die Emotionen dahinter konnte sie verstehen. Als ob sie durch die Kerzenflamme schauen könnte, wanderten ihre Gedanken zurück nach Alijan in Sarilien. Dort war es kein Unglück gewesen, sondern ein gezielter Angriff im Rahmen des Krieges, doch die Folgen waren ähnlich. In Alijan gab es jedoch keine Gedenkfeier, die Überlebenden durften nicht in aller Öffentlichkeit über die Ereignisse jener Nacht sprechen, denn dann wäre ja bekannt geworden, dass es der Partei nicht gelungen war, ihr Volk adäquat zu schützen. Sie bekamen alles, was den Bewohnern von Enes Tall verwehrt blieb, erstklassige medizinische Versorgung, Dekontamination des Geländes und materielle Unterstützungen, keiner von ihnen musste Hunger leiden oder sich mit behandelbaren Krankheiten plagen. Dafür untersagte ihnen die Partei, ihre Trauer, ihren Schmerz und ihre Wut hinauszuschreien, wie es die Elavier tun durften, alles musste unter der Oberfläche bleiben, höchstens Thema in den eigenen vier Wänden.

      Bei all dem Elend, dass Brajana hier sah, dachte sie sich, dass ihre Variante die bessere war, aber sie war trotzdem nicht gut.

      Nachdem alle Redebeiträge beendet waren, setzte sich der Zug in Bewegung, folgte dem Weg, den die Giftwolke damals genommen hatte, erst über die Hüttenviertel und dann die Altstadt von Enes Tall. Sie verstand nicht alles, doch sie bekam mit, dass sich unter Trauer und Besinnlichkeit auch Wut und Hass mischten, Wut und Hass auf die reichen Arunier, die dieses Unglück mutwillig herbeigeführt hatten, weil sie Kosten sparen wollten und die immer noch nicht bereit waren Verantwortung dafür zu übernehmen, denn das lag nicht in der Natur der arunischen Konzerne. Gelegentlich hörte Brajana sogar Rufe, die dem Vorstandsvorsitzenden Lebetinus den Tod wünschten. Die Bewohner von Enes Tall wussten nicht, dass Lebetinus diesen Posten deswegen bekommen hatte, weil sich besonders willfährig gezeigt hatte, als es darum gegangen war, Chemiewaffen für den Einsatz in Sarilien herzustellen. Brajana wünschte ihm nicht den Tod, jedenfalls keinen schnellen, denn das wäre zu gnädig für ihn.

      Am Anfang hatte sie von Rache geträumt, Gift hergestellt und sich ausgemalt es gegen arunische Städte einzusetzen, wie sie es in Alijan getan hatten, doch im Lauf der Jahre war sie davon abgekommen. Es würde niemandem helfen und die meisten Arunier hatten mit dem, was ihre Regierung und ihre Konzerne veranstalteten, sowieso nichts zu tun.

      Auf dem historischen Marktplatz von Enes Tall endete der Gedenkmarsch. Mandana hielt eine Rede, in der sie den Besuchern dankte und ihre Entschlossenheit verkündete, weiterhin gegen Ultiria und Lebetinus vorzugehen, aber auch von ihrer eigenen Regierung eine bessere Versorgung einzufordern.

      Für die Mitglieder ihrer Organisation und deren Familien und Gäste gab es im Anschluss noch ein Beisammensein im Garten der Hevela-Klinik, die dank Mandanas Einsatz gebaut werden konnte und den Stadtbewohnern kostenlose medizinische Hilfe anbot. Brajana war auch zu dieser Veranstaltung eingeladen und folgte Mandana, Adelin und den anderen zum Garten der Klinik. Als sie dort ankam war sie schon müde, an so lange Fußmärsche auf gepflasterten Straßen war sie nicht mehr gewöhnt, dabei war sie im Gegensatz zu vielen anderen hier gesund.

      Die Klinik baute neben Obstbäumen auch ihre eigenen Heilkräuter an, die für die Behandlung der Kranken verwendet wurden. Adelin arbeitete hier und erzählte stolz, was sie alles anbauten, vollkommen ohne künstliche Pestizide und sonstige Chemie. Brajana dachte sich, dass dies nicht der richtige Ort und Zeitpunkt war, um ihre Einstellung zum Thema Chemie zu korrigieren. Von ihrer langjährigen Tätigkeit als Beauftragte für Schädlingsbekämpfung, die schwerpunktmäßig die Handhabung gefährlicher Pestizide beinhaltete, brauchte hier auch niemand etwas zu wissen. In Sarilien wurden solche Mittel nicht einfach unter ahnungslose Menschen verteilt, sondern ausgebildete Elementarmagier verhinderten, dass es zu Unfällen kam, aber diese Details spielten hier keine Rolle.

      Wie bei elavischen Trauerfeiern üblich, gab es als nächstes für jeden ein Glas Wasser mit Salz und bitteren Kräutern zu trinken, Mandana versicherte, dass das Wasser aus einer sauberen Quelle stammte. Brajana fand es immer wieder faszinierend, welche Bedeutung sich das Salz in der elavischen Kultur bewahrt hatte. Sie schaute zu Adelin Carsah hinüber. Wahrscheinlich war Lenimas Elementswahl gar nicht so überraschend.

      Nach dem Trauertrank gab es Essen und Brajana hatte den Eindruck, dass es nun eher darum ging zu feiern, dass man noch am Leben war, statt um die Toten zu trauern. Das elavische Essen enthielt kein Fleisch, dafür aber viel Milch, die Sariler normalerweise nicht vertrugen, aber Brajana war in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Ob Veranlagung oder Gabe wusste sie nicht, aber sie hatte kein Problem mit Milch und ließ sich gerne die würzig marinierten Käsewürfel schmecken, die hier unter anderem gereicht wurden.

      Mandana und ihre Unterstützer hatten hier einen sehr schönen Ort geschaffen, das musste Brajana zugeben, fast ein kleiner Park, eine grüne Oase mitten in der Stadt. Die Erde war voller Leben und frei von Substanzen, die dort nicht hingehörten und alle Pflanzen gediehen. Adelin und ihre Kollegen schienen sich sehr gut auf die Gärtnerei zu verstehen.

      Beim Essen war es in Elavien nicht üblich über ernste Themen zu sprechen, meistens schwiegen sie ganz, doch danach wurden wieder verschiedenste Gespräche geführt.

      „Schön, dass du wieder gekommen bist“, sagte Mandana zu Brajana. „Ohne eure Hilfe wären damals noch mehr Menschen gestorben, dabei wart ihr nicht für uns verantwortlich.“

      „Wir sind für alle verantwortlich, denen wir mit unseren Fähigkeiten helfen können“, sagte Brajana. „Damals hatte ich gerade angefangen meine Mitarbeiter im Umgang mit solchen Situationen zu trainieren und als es dann zum Ernstfall kam, war es für uns klar, dass wir helfen würden.“

      Die beiden waren aufgestanden und Mandana führte Brajana an den Rand des Gartens. Durch Lücken in der Hecke konnte man das nächtliche Enes Tall mit seinen vielen Lichtern sehen.

      Mandana schaute auf die Stadt, für die sie so viel getan hatte, obwohl es nicht leicht für sie gewesen war. Mandana war eine Frau in einem Land, das von Männern beherrscht wurde, eine arme Frau in einer Gesellschaft, in der die Macht normalerweise den Reichen vorbehalten war, sie hatte kein Element an ihrer Seite, als das Unglück geschah, hatte sie nicht einmal lesen können.

      In dieser Hinsicht könnte der Unterschied zwischen ihnen nicht größer sein, dachte sich Brajana. Sie hatte immer alles gehabt, Eltern, die der Partei nahestanden, die beste Schulausbildung, ihre Magie und eine Gesellschaft, in der es völlig normal war, dass Frauen nach Macht strebten.

      Doch Mandana hatte es trotzdem geschafft so viel für diese Stadt zu tun und von so vielen Menschen so respektiert zu werden.

      „Ich finde es wirklich bewundernswert, was du erreicht hast, obwohl du ja so schwierige Startbedingungen hattest“, sagte sie. „Aber du hast dich durch nichts aufhalten lassen.“

      „So kam es mir eigentlich nie vor. Als ich plötzlich Witwe war und mit meiner Tochter in dieser Spielzeugfabrik arbeiten musste, war ich zuerst völlig verzweifelt. Aber dann habe ich gesehen, dass es anderen noch viel schlechter geht, gerade den Kindern und mir ist eingefallen, dass mein Bruder für Zeitungen schreibt und das an die Öffentlichkeit bringen könnte. So hat es alles angefangen“, sagte Mandana. „Wir haben uns zusammengetan und für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft und irgendwann mussten sie uns die gewähren. Endlich konnten die Kinder wieder zur Schule gehen. Da wussten wir, dass wir etwas erreichen können. Es war eigentlich nie nur ich, es waren wir alle zusammen. Aber es gab noch so viel zu tun, also haben wir weitergemacht.“

      „Du bist sehr bescheiden.“

      „Es gibt noch so viel, was wir nicht erreicht haben. Ultiria und die Manager dort wurden nie vor Gericht gestellt und wahrscheinlich wird das auch nie geschehen. Eine angemessene Entschädigung haben wir nie bekommen, sie haben einfach ihren Giftmüll hiergelassen, weil „der Pachtvertrag ja ausgelaufen ist und jetzt wieder die Regierung für das Gelände zuständig ist“. Und die verspricht viel, aber tut nichts. Wenn ich eins gelernt habe, dann dass wir uns selbst helfen müssen, denn auf die anderen können wir uns nicht verlassen. Trotzdem werde ich nie stillsein. Sie werden uns vielleicht nicht helfen, aber sie sollen trotzdem immer wieder daran erinnert werden, dass es uns gibt und dass ihre Handlungen Konsequenzen haben. Vielleicht machen sie es dann wenigstens in Zukunft anders. Ihr geht da einen anderen Weg, oder? Ihr sprecht nie öffentlich über Alijan.“

      Brajana seufzte. „Das ist wahr. Es war damals die Entscheidung der Regierung und inzwischen hat sich das so verselbstständigt, dass es sich auch nicht mehr rückgängig machen lässt.“

      „Aber du bist jetzt eine Ministerin, direkt eurer Staatslenkerin unterstellt. Könntest du da nichts tun?“ Ein für ihre Verhältnisse ungewohnt bösartiges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich würde es Lebetinus wirklich gönnen, dass ganz Silaris von all seinen Untaten erfährt.“

      „Ich auch“, sagte Brajana. „Mal schauen, was sich machen lässt. Solche Entscheidungen sind nicht leicht und ziehen viele Konsequenzen nach sich.“

      „Politik ist ein schwieriges Geschäft“, sagte Mandana. „Manche Leute wollten mich ja schon dazu überreden eine Partei zu gründen, aber ich glaube, das wäre nichts für mich.“

      „Ich wollte auch nie Ministerin werden, aber mich hat niemand gefragt und ich denke schon, dass ich so einiges Nützliches bewirken kann“, sagte Brajana. „Ich denke, deine Partei könnte auch viel für Elavien tun.“

      Eins war ihr jedenfalls klar. Sie stammten aus verschiedenen Ländern und hatten einen völlig unterschiedlichen Hintergrund, aber bei den Dingen, auf die es wirklich ankam, waren sie ganz ähnlich.


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      Hinter dem siebten Türchen steht ein Apfelbaum. Ein Mädchen reckt sich, um die süßen Früchte zu erreichen, es pflückt einige und trägt sie in seiner Schürze von fröhlich summend von dannen.



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      Die drei Äpfel

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      Irgendwann vor Übermorgen ging ein Bursche von Tyre auf dem Waldweg nach Terse, was wie jeder weiß eine gute Tagesreise ist, wenn man zu Fuß geht. Wie er bei dem Köhlerweiler, der ja gut auf halbem Weg liegt, eine Rast einlegt, schenkt ihm ein junges Mädchen drei Äpfel und sagt ihm, dass sie die nur für ihn gepflückt hat und nur er sie selber essen darf und sie bloß niemand anderem hergeben soll.

      Und auf dem weiteren Weg isst der Bursche einen von den Äpfeln als Wegzehrung und denkt, wie er den köstlichen Apfel schmeckt, schon wie köstlich nur die Lippen von dem Mädchen schmecken mögen, und kriegt sie gar nicht mehr aus dem Kopf, selbst als er schon in Terse angekommen ist. Und noch am Abend bricht er wieder auf und besucht das Mädchen und wohnt ihm bei. Und das macht er noch die beiden nächste Abende – selbst als er Heim in Tyre wieder bei seinem Liebling war, schlich er sich fort und eilte zu dem Mädchen. Doch, weil er sich immer so hetzte und in seinem Inneren wohl auch merkte, dass er das Mädchen gar nicht begehrte, versuchte er sich vor den Besuchen zu schützen. Er sagt also seinem Herzenspartner unter einem Vorwand ihn ans Bett zu fesseln, doch auch das nützte nichts, denn der geschickte Bursche entwand sich den Fesseln, als mit den Abendstunden die Gier auf das Mädchen so sehr stieg.

      Bald waren es sechs Nächte geworden, in denen der dem Mädchen bei wohnte, und jeder in Tyre sah ihm die Ermattung an und wunderte sich – man wollte sich schon an die Magier wenden. Da begab es sich, dass des Burschen Liebling den dritten und letzten Apfel fand, den das Mädchen ihm gegeben hatte, und weil er sich nichts dabei dachte, gab er den dem Hausschwein.

      Wie nun die siebte Nacht anbrach, da schmiegte sich der Bursche selig in die Arme seines Lieben, aber das Hausschwein brach aus dem Stall aus und rannte den Waldweg nach Terse, als würd‘ ein Feuerdrachen hinter ihm her sein. Wie es nun bei dem Köhlerweiler ankommt, springt es dem Mädchen durchs Fenster in die Schlafstatt und wohnt ihr bei.

      Von dem Grunzen und Quieken geweckt finden die Weilersleut das Mädchen mit dem Schwein im Bett und verbrannten, noch bevor der Tag dämmerte, beide.


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      Am achten Türchen sind Handwerker zuwege, die sich sichtlich beeilen, denn sie haben nur eine Stunde Zeit. Das ist zwar nicht allzu ungewöhnlich, aber es bringt doch eine gewisse Hektik in die Tage, wenn man in der Verwaltung damit Schritt halten wollte. Diese Speedbastler nahmen ja aber auch überhaupt keine Rücksicht auf arme Büroangestellte ...



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      Letzte Ausfahrt Siphon, Teil 1

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      Es war wieder einmal ein anstrengender Tag gewesen. Vermehrte Bastelaktivität, vermutlich durch das Speedbasteln, hatte die Zentrale in unruhige Fahrt gebracht. Einmal war mir sogar mein Helm vom Kopf gefallen und das linke Horn war abgebrochen. Zum Glück hatte mir Degor mit ihrem Allzweckkleber aus reinem Lymschen Gewebe und einem kleinen Schuss Mana helfen können. Ich tat mich noch immer etwas schwer, Degor bei Problemen um Hilfe zu fragen, sowas war ich von der Kultur meiner Welt damals einfach nicht gewohnt. Ein Ork lässt sich von einer Elfe helfen! Unerhört! Aber mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt und Degor war wirklich sehr nett und ließ sich nie etwas anmerken, wenn ich herumdruckste. Jedenfalls war mein Helm jetzt wieder wie neu und ich war bereit für den Heimweg. Ich verabschiedete mich von Degor und Fähnrich Wurm und überlegte schon, was sich auf dem Heimweg so an essbarem Zeug finden lassen könnte.

      Als ich die Zentrale verließ, stand ich an einer Klippe, vor der ein Boot lag. Ein Trch’zon-Boot aus zusammengesteckten Tierskeletten. Mich überkam das unbändige Bedürfnis, darauf zu klettern und auf das dunkelgrüne Meer hinaus zu fahren. Ein distinktes Kribbeln sagte mir, das das Boot die konkrete Zr’ton-Ebene bereits verlassen hatte und dabei war, hier in der Schlaufe anzukommen. Da stand doch einer Heimfahrt damit nichts im Wege. Ich machte mich etwas leichter, schwang mich auf die Fläche und ergriff die Ruderstange. Mit ein paar kräftigen Schlägen setzte das Boot sich in Bewegung und das Ufer geriet schnell außer Sicht. Ein Gefühl von Freiheit umgab mich, wie ich es schon lange nicht mehr gespürt hatte. Einfach nur weg! Ich bemerkte gar nicht, dass meine Markierungen nicht mehr zu sehen waren. Das Wasser verfärbte sich, von dunkelgrün zu blau, von blau zu violett, von violett zu magenta. Land war keines in Sicht. Ich war so im Rausch, dass mir gar nicht auffiel, wie ungewöhnlich das war, denn die wenigsten Welten haben ausgebastelte Ozeanabschnitte ohne Inseln oder ähnliches. Auch Fische und andere Meeresbewohner fehlten, der Grund des Ozeans war nicht zu sehen. Wie hypnotisiert starrte ich auf die Farben des Wassers, die sich jetzt noch schneller änderten als zuvor. Gelb, Grün, Cyan, Blau. Und irgendwann wurde auch der Regenbogen nicht mehr eingehalten Rot, Blau, Gelb, Magenta, wieder Rot, Rosa, Olivgrün. Schneller Farbwechsel ist normalerweise ein Kennzeichen eines Metasprungs, was mir eigentlich schon längst hätte klar werden müssen. Aber ich war immer noch von der berauschenden Freiheit im Bann. Erst als auch der bis dahin einfarbig blaue Himmel mit dem wechselnden Meer verschmolz,wurde mir klar, dass ich hier auf einer ganz entschieden falschen Strecke war. Ich stach mit der Ruderstange in die Suppe und versuchte eine Richtung einzuschlagen, die nicht auf den bunten Strudel zuführte. Doch anscheinend war es zu spät und ich beschleunigte nur noch weiter hinein. Ich schloss die Augen und wartete.

      Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich erst einmal gar nichts. Die Farben waren weg und erst langsam zeichneten sich Konturen in der Dunkelheit ab. Ich schien mich in einer Art metallischen Röhre zu befinden, auf deren Boden ein wenig Wasser floss. Oder zumindest fühlte es sich so an. Eine direkte Lichtquelle konnte ich nicht ausmachen, nur die Umgebung selbst schien eine wenig matt zu strahlen, gerade so, dass ich mich zurecht finden konnte. Als ich die Flüssigkeit, die meine nackten Füße umfloss, ein wenig genauer begutachtete bemerkte ich, dass sie nicht die gleichmäßige Textur von klarem Wasser hatte, sondern ein feingliedriges Etwas aus mal zäheren, mal glatteren Strömen war, die ineinander verwoben waren. Ich musste an das Zentralmeer auf Ropidts Welt denken, hier kamen jedoch noch ganz feingliedrige Strukturen dazu, fast kristallartig. Ich folgte dem Strom um mehrere Biegungen, die immer enger zu werden schienen. Der Strom wurde ebenfalls heller und als ich glaubte, ich müsste doch schon mehrmals im Kreis gegangen sein, sah ich das Rohr vor einem Gitter enden, durch das die Flüssigkeit hindurchfloss und wieder in die Dunkelheit verschwand. Rechts von dem Gitter gab es allerdings einen kleinen Vorsprung, vielleicht drei mal drei Meter breit und darauf saß ein Igel, ein Rhingoner Igel, wie ich bei genauerem Hinsehen feststellte.

      „Na so was!“, sage der Igel. Rhingoner Igel können normalerweise nicht sprechen, deswegen war ich sehr erstaunt. „Hier ist ja schon lange niemand mehr durchgekommen.“, fuhr der Igel fort „Wie kommst du Großer denn hier her?“

      „Keine Ahnung!“, sagte ich, „und wer bist du und wo sind wir hier?“

      „Das hier“, sagte der Igel, „ist das Siphon. Und mein Name ist Igor.“


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      Das neunte Türchen ist ein Gitter in einem Rohr. Es ist so unauffällig, dass uns der Igel und der Ork, die sich nicht fern von hier unterhalten, noch gar nicht bemerkt haben.



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      Letzte Ausfahrt Siphon, Teil 2

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      Ich sah den Igel mit offenem Mund für einige Sekunden an und war ganz froh, als er weitersprach:

      „Diesen Igelkörper habe ich noch gar nicht so lang. Die meiste Zeit war ich der Geist einer vergessenen Dienerfigur in einem noch mehr vergessenen Horrorroman. Solche Figuren pflegen häufig Igor zu heißen. Doch vor einiger Zeit kam dieser Igel vorbei und irgendwie habe ich seinen Körper übernommen. Liegt vermutlich an der Namensähnlichkeit: Igel, Igor, du verstehst, was ich meine. Hat mir jedenfalls ganz gut gepasst so, das Kerlchen sieht in dieser Düsterkeit nämlich ziemlich gut und der Geruchssinn ist auch besser geworden. Das Sprechen habe ich lang nicht mehr probiert, aber du verstehst mich momentan doch ganz gut, oder?“

      Ich nickte und sagte langsam: „In der Tat, ja. Was ist dann dieser Platz hier, dieses Siphon? Kommst du auch aus der Schlaufe?“

      „Schlaufe, nennt ihr dieses Ding mittlerweile so?“, sagte Igor, der Igel, „Für eine Zeit lang spukte mein Geist auch durch die Windungen eines schlaufenartigen Gebildes, ja. Wo sich die Ideen der verschiedensten Welten treffen, richtig?“

      „Ja, genau“, sagte ich „ich habe dort für die Zentrale gearbeitet. Unter Zentralsortierer Fähnrich Yugurt Wurm. Mein Name ist Thorstein Valdklingsblut. Ursprünglich Schwarzoger aus den Dunklen Landen.“

      „Ja, ich hörte davon, dass es im Gebilde mittlerweile etwas organisierter zugeht. Durch meinen kleinen stacheligen Freund habe ich ein bisschen was mitgekriegt. Aber von einem Fähnrich Wurm weiß ich nichts. Ich habe in den Urzeiten deine Schlaufe bewohnt und bin damals mit Karl Konrad Koriander durch die Welten gereist.“

      „Die Unendliche Geschichte hat in der Schlaufe gespielt?“, fragte ich entgeistert.

      „Eine unendliche Geschichte muss überall ein wenig spielen, findest du nicht? Das Aufkommen des Weltenbastlerforums hat dann einige Umstürze mit sich gebracht und irgendwann bin ich wie du vermutlich in einen Farbstrudel geraten und seit dem bin ich hier. Das Siphon ist ein Abflussknoten, bei dem Essenz verschiedenster Welten zusammenläuft und gefiltert wird. Siehst du den Strom da vor dir?“

      Igor deutete mit der Vorderpfote auf das Rinnsal, dem ich gefolgt war.

      „Das bunte verwirbelte ist zum Beispiel Rhingon, das grünlich leicht leuchtende ist gaianisches Mana und das dunkle, schlierenartige könnte Kaffee von der Erde oder Deep Night sein. Das fließe alles da vorne durch und wird irgendwo hin entlassen. Die größeren Stücke so wie wir sammeln sich hier an.“

      Igor deutete nun auf den Haufen hinter sich, der mir vorher nicht aufgefallen war.

      „Das sind wir jedenfalls. Eine Sackgasse im Weltengeflecht. Einiges kommt rein, nichts kommt raus. Ein bisschen wie Islast, nur ein paar Meta oberhalb. Hast du irgendeine Ahnung, warum du hier gelandet sein könntest, Meister Valdklingsblut?“

      „Naja, ich bin mit einem zr’tonischen Boot auf das Meer hinausgefahren und dann in diesen Strudel gesogen worden“, sagte ich matt.

      „Hat es auf Zr’ton in letzter Zeit irgendwelche geographischen Veränderungen gegeben?“, fragte Igor.

      „Zr’ton ist geographisch eigentlich sehr, sehr stabil“, wandte ich ein, doch dann dämmerte es mir „Höchstens,… bei der Digitalisierung von Karten, kann es da wirklich zu Instabilitäten kommen?“

      Igor lachte kurz auf: „Du Ärmster! Da hast du wirklich Pech gehabt. Du bist wohl genau auf einer Kante gelandet, wo es einen Unterschied bei der Übertragung gegeben hat. Pixel- oder Vektorkarte?“

      „Pixel, glaub ich“, nuschelte ich.

      „Passieren kann es bei beiden“, meinte Igor, „ aber ich habe es mir fast schon gedacht. Mit Vektorkarten lässt sich einfach viel risikoärmer übertragen. Es ist typisch, solche Kartenkorrekturen, so kommt viel bei uns vorbei. Der Rest sind halbe Ideen, die bei der ersten Ausformulierung schon wieder weg sind. Kurze Bilder im Kopf, die es nicht mal ins Hauptbewusstsein des Bastlers geschafft haben. Und eben das bisschen Weltenessenz, das dabei jedes Mal mitkommt. Dass ein direkter Schlaufenbewohner in so einer Strudel gerät, ist wirklich unwahrscheinlich. Aber seis drum, jetzt bist du hier. Gesellschaft hatte ich schon lange nicht mehr, die letzten Neuigkeiten kamen tatsächlich von dem Stachelträger hier und der war damals ganz neu auf Rhingon. Gewöhn dich auf jeden Fall dran, eine Weile hier zu bleiben. Ist schwer am Anfang, aber es geht schon. Ich hab mir hinter dem Schrotthügel eine Ecke eingerichtet, vielleicht findet sich auch ein Plätzchen für dich.“

      „Gibt es denn gar keine Möglichkeit, in den Hauptteil der Schlaufe zurückzukommen“, fragte ich zaghaft.

      „Nicht, dass ich wüsste. Die Wände werden ab einer gewissen Grenze undurchdringlich, Raumkrümmung, das volle Programm, da geht gar nichts. Und das Rohr nach oben wird der Druck irgendwann so stark, dass man auch keine Chance hat.“

      „Ich werde es trotzdem versuchen!“, sagte ich trotzig.

      „Mach nur“, sagte Igor lachend, „Dieser orangenhäutige Witzbold auf der Erde glaubt ja auch, Präsident des Vereinigten Staatenbundes dort werden zu können.“

      Ich wollte den Mund schon zum Widerspruch öffnen, doch dann fiel es mir ein: Die Igel waren auf Rhingon im Frühherbst 2015 eingeführt worden. Seitdem hatte Igor also gar nichts mehr von irgendeiner Welt mitgekriegt. Da würde ich Igor noch so einiges nacherzählen müssen. Ich lächelte süffisant und sagte nur: „Ja, ja, ich werde es versuchen.“


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      Das zehnte Türchen ist ein Meisterwerk aus einem Lavagestein. Eingraviert mit feinen Details und filigranen Linien sind reichlich Fragen und eine Reihe Rätselbilder. Leider erreicht dieses Türchen gerade das Ende seines Lebens, denn die Türblätter fliegen heraus, zerbersten auf dem Boden und wir stehen unvermittelt in einer Staubwolke.



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      Die Befragung

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      Beide Flügel der Tür brachen aus ihren Angeln und krachten in den Raum dahinter. Docester war der Meinung, sie seien aus Erzglas gewesen, Darkstar favorisierte Schmelzstein, aber im Grunde machte es keinen Unterschied. Und dem Geräusch nach waren die beiden Platten auch ein ganzes Stück geflogen, bevor sie krachend auf dem Boden zersplitterten. Der Rauch aus dem Vorraum quoll durch die Öffnung, und erst als der Staub sich gesenkt hatte, war es überhaupt wieder möglich, etwas zu sehen. Der Raum war nicht besonders gut beleuchtet.

      Keiner von ihnen hatte noch Wachen erwartet, und so waren sie in der Wolke aus Rauch und Staub einfach hineinmarschiert. Wie zwei Schatten, der eine dunkler, der andere heller, etwas angeglichen durch den roten Staub der Tür, der sich auch auf ihnen absetzte. Sie machten sich nicht die Mühe, das zu korrigieren. Sie machten sich auch nicht die Mühe, einen Blick zu tauschen. Sie gingen einfach zwischen den beiden Reihen mit rätselhaften Zeichen bemalter Säulen entlang. Docester dachte müßig darüber nach, warum Säulen im ganzen Universum eigentlich so beliebt waren. Sie waren nun wirklich alles andere als praktisch.

      „Was soll das?“ empörte sich die Gestalt auf dem Thron am anderen Ende dieser beiden Säulenreihen. „Ihr könnt nicht einfach hier hereinplatzen!“

      „Irrtum“, antwortete Docester. „Offensichtlich.“

      Darkstar sagte wie erwartet gar nichts.

      „Die Tür war mir wichtig“, empörte sich ihr Gegenüber. „Sie war ein Meisterwerk, vor tausenden Jahren geschaffen von den begabtesten Lavaschnitzern der Glühenden Haine! Sie enthielt dreimal siebenundzwanzig Fragen und ein Bilderrätsel.“

      „Dann solltest du die Fragen ja mittlerweile alle beantwortet haben“, urteilte Docester. „Zeit für eine neue Tür also.“

      „Lava“, ergänzte Darkstar. „Ich hatte Recht.“

      „Wir haben nicht gewettet.“

      „Ich hatte Recht.“

      „Na und?“

      „Aufhören!“ empörte sich der Besitzer der Tür. „Wenn ihr schon gewaltsam in mein Allerheiligstes eindringt, dann beschäftigt euch wenigstens mit mir! Außerdem hättet ihr einfach fragen können, woraus die Tür besteht.“

      „Wahrscheinlich wusstest du, dass die Frage im Raum steht“, vermutete Darkstar kalt. „Und hast sie darum vorbeugend beantwortet.“

      „Und genaugenommen sind wir hier, weil du auf eine Frage nicht geantwortet hast.“ Docester blieb stehen, in einer Entfernung zum Thron, die nach Sicherheitsabstand aussah, aber nicht nach respektsvoller Zurückhaltung. „Aber das weißt du sicher auch schon.“

      „Ich kenne alle Fragen“, antwortete der Gott mit einem Anflug beleidigten Untertones. „Ich bin der Gott der Antworten.“

      „Eben.“ Docester klang zufrieden. „Darum sind wir uns eigentlich auch sicher, dass du geantwortet hast, aber dein Priester leider nicht in der Lage war, die Antwort zu verstehen. Oder dass er bei der Fragestellung einen schweren Fehler gemacht hat und darum keiner Antwort würdig war. Oder sich einfach so unverständlich ausgedrückt hat… Soll ich weiter machen?“

      „Nein“, antwortete der Gott. „Ihr seid ohnehin schon unerträglich.“

      Darkstar hob wie zweifelnd eine Augenbraue, als wollte er damit andeuten, dass er gar nichts gemacht habe. Außer die Tür weggeblasen natürlich, aber das war ja nun wirklich eine Kleinigkeit. Götter hatten meistens eine Menge Möglichkeiten, kaputte Türen schneller zu ersetzen, als man „Oh, da habe ich wohl ein bisschen zu feste geklopft.“ sagen konnte. Nicht, dass Darkstar jemals in Versuchung gekommen wäre, diesen Satz sagen.

      Docester hatte nur die Achseln gezuckt.

      „Gib uns einfach die Antwort“, schlug er vor. „Dann bist du uns sofort wieder los.“

      „Dazu könnt ihr mich nicht zwingen.“

      „Nein“, bestätigte Docester bereitwillig.

      Für einen Moment wirkte der Gott sowas wie überrascht.

      „Ihr wisst das?“ fragte er dann tatsächlich. Und gab auch sofort die Antwort: „Natürlich wisst ihr das. Was es übrigens zu einer noch blöderen Idee macht, hier einzudringen und meine Tür zu ruinieren.“

      „Immerhin sind wir hier reingekommen“, gab Docester zu bedenken. „Wie viele haben das vor uns schon geschafft in all der Zeit?“

      „Sechs“, antwortete der Gott prompt.

      „Wie viele davon haben ihre Antworten bekommen?“

      „Sechs“, kam die Antwort ebenso schnell.

      Docester nickte stattgebend. „Das bedeutet, dass unsere Chancen auf eine Antwort nicht grade schlecht stehen.“

      Der Gott macht ein Gesicht, als habe er plötzlich Zahnschmerzen.

      „Es ist nicht eure Frage“, antwortete er missmutig. „Ihr werdet nur bezahlt dafür, sie zu stellen.“

      „Wie der Großteil deiner Priesterschaft auch“, erinnerte Docester.

      „Wir glauben übrigens nicht an dich“, mischte sich Darkstar unvermittelt ein.

      Der Gott richtete sich auf seinem Thron ruckartig auf. Er klammerte sich fest an die Armlehnen, wie um angesichts dieser ultimativen Beleidigung Halt zu finden.

      „Wir kannst du das wagen!“ empörte er sich. „Du stehst in meinem Allerheiligen, direkt vor meinem Thron, du sprichst mit mir…“

      „Das ist kein Grund, an dich zu glauben“, antwortete Darkstar.

      „Nimm’s nicht persönlich“, bat Docester wie mitfühlend. „Das ist einfach so ein Prinzip von uns. Wir glauben nie an Götter, egal, ob wir mit ihnen gesprochen haben oder nicht. Ist schlecht fürs Geschäft.“

      „Ich sollte euch auf der Stelle in Staub verwandeln! Oder besser noch, in kleine, schalenbewehrte Kriechtiere, damit ich euch mit einem befriedigenden Knacken unter meinem Absatz zertreten kann.“

      Beide Söldner blieben vollkommen unbewegt. Sie sahen den Gott vollkommen ausdruckslos an, Darkstar schaffte das Kunststück, gleichzeitig auch noch überheblich zu wirken. Sofort kroch die Stille aus allen Ecken der Halle. Sie stieg aus den Ritzen der Bodenplatten und senkte sich von den Kapitellen der Säulen, dick und schwer und beinahe körperlich zu spüren. Nicht einmal durch die offene Türöffnung drang noch ein Laut.

      Schließlich seufzte der Gott und lehnte sich auf seinem Thron zurück. Der Laut vertrieb die Stille und die Luft wurde weniger zäh.

      „Na schön“, urteilte er. „Wie wollt ihr eure Antwort? Als Orakel, als Gedicht, als einfache Aussage?“

      „Interessiert uns nicht“, antwortete Docester. „Suchs dir aus.“

      Der Gott verdrehte die Augen und murmelte etwas darüber, dass es einfach keinen Stil mehr im Universum gab. Hier hereinplatzen, die Tür demolieren und dann nicht einmal eine Vorstellung von dem haben, was sie wollten… Schließlich wedelte er mit einem Tentakel, wie um einen lästigen Gedanken zu verscheuchen.

      „Die Antwort ist ‚Er wird ertrinken.‘. Und sagt diesem Lord Baumgold, er soll meinen Priester sofort wieder freilassen, wenn er nicht bis in alle Ewigkeit jedes Mal euch zwei schicken will, um Antworten von mir zu bekommen.“

      „Kriegen wir was dafür?“ fragte Docester.

      Diesmal schien der Gott amüsiert. Er machte ein Geräusch, das nach unterdrücktem Lachen klang.

      „Es ist unter der Kommode im Schlafzimmer von Laburna“, antwortete er fröhlich. Und, an Darkstar gewandt, ergänzte er: „Der korrekte Härtegrad ist 78 in reinem Xenon.“ Er wartete nicht ab, ob sie eine Reaktion auf seine Antworten zeigen würden. „Richtet es also aus für mich“, befahl er. „Und jetzt raus hier!“


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      Das elfte Türchen ist ein Hintertürchen aus schlichtem Holz, im oberen Teil ist ein kleines Sichtfenster aus Glas eingearbeitet. Es gehört zu einem Gasthof, man hört es aus der Küche brodeln und bruzeln, jemand ruft eine Tischnummer und eine Reihe an Speisen, aus einer anderen Richtung allerdings erklingt Gezeter und Geschimpfe.



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      Der Halbelf

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      "Nein, nein, nein, so geht das nicht!" Irenäus fuchtelte mit einer Schachtel belegte Brote vor Karlheinz' Gesicht herum und stampfte mit seinem behuften Fuß energisch auf. "Wenn eure Lieferungen nicht pünktlich und vollständig sind, dann können meine es auch nicht sein. Da schämt man sich ja als Lieferant! Also … man sollte! Ihr Uhrvolkleute schämt euch ja nicht, oder? Die meisten Leute merken ja gar nicht, dass ihr die Zeit erst verspätet liefert, und wie sollten sie? Haben ja keine Zeit dafür ..."
      Karlheinz ließ die Beschwerde an sich abperlen wie Regen an einer Lotoskröte. "Da kann ich als Lieferant aber auch nichts machen. Du musst dich beim Hersteller beschweren."
      "Haha ..." Irenäus hatte das ungute Gefühl, dass die Zeitherstellung etwas war, worüber er nicht mehr wissen wollte als, dass es sie gab. Es gab so viel Durcheinander mit Zeit, über das man besser gar nicht weiter nachdachte.
      Aber dass es seine Mittagslieferungen durcheinanderbrachte, das war ein echter Skandal! Was dachten denn die Leute in den anderen Welten von der Sektorwelt, wenn die Zeit ständig durcheinander war? Auf anderen Welten … nun, auf anderen Welten funktionierte Zeit ohne Uhrvolk, einfach so. Also, nicht auf allen anderen Welten funktionierte sie einfach so, natürlich ... aber den meisten! Und selbst auf den Welten, wo die Zeit nicht einfach so funktionierte, brauchte sie meistens nicht einmal ein Uhrvolk!
      Meistens! Zur Bekräftigung fuchtelte Irenäus noch einmal mit der Schachtel belegte Brote vor Karlheinz' Gesicht, bevor er diesem dessen Mittagessen überreichte und die Bezahlung entgegennahm.

      Eigentlich hätte es Karlheinz auch sagen dürfen, dass er derzeit stets einen Zeitüberfluss brachte. Jedenfalls ging Irenäus, wie jeden Donnerstag und Sonntag, los, mit dem linken Bein zuerst rückwärts durch die Hintertüre - aber in der Schlaufe war noch immer derselbe Tag wie bei seiner letzten Lieferung.
      Sauerei.
      Wäre das von Dauer, müsste Irenäus anfangen, Schuldgefühle wegen diverser schlanker Linien zu verspüren, aber zweifellos hätte Karlheinz früher oder später wieder einen Lieferengpass und die Sorge müsste eher dem Hunger gelten, hätten die Schlaufenbewohner nicht ihre eigenen Möglichkeiten, an Leckereien anderer Welten zu kommen.

      Irenäus ging der Reihe nach alle Schreibtische in den kreisrunden Großraumbüros der Zentrale durch und überreichte jedem anwesenden Mitarbeiter eine Schachtel und nahm die Bezahlung entgegen. Natürlich half ihm das Bezahlwesen dabei hier nicht, er war ja nicht mehr in der Sektorwelt, aber das Prinzip Münze war in den meisten Welten bekannt und in einer Metawelt wie dieser natürlich erst recht.
      Thorsteins gebratene Erdbärschnauze musste Irenäus leider wieder mitnehmen, der Ork war auch diesmal nicht da - Kunststück, war ja noch derselbe Tag hier. Im Gegensatz zu Thorsteins Abwesenheit schien letzteres aber niemanden zu stören. Vermutlich kannten die Mitarbeiter der Zentrale das Konzept "zweites Mittagessen" auch ohne Unregelmäßigkeiten im Zeitverlauf, in manchen Welten gab es das ja.

      Dann zog Irenäus seine Kapuze über den Kopf und überprüfte, ob sein langer Mantel wirklich bis zum Boden ging, bevor er auf eine vorbeiziehende Wiese einer weiteren Welt sprang. Dort, in einem kleinen Bauernhof, fand ein kleines Halbelfentreffen statt, und er hatte sich unvorsichtigerweise einladen lassen.
      Was hatte Irenäus sich dabei nur gedacht? Das waren doch keine Halbelfen wie er! Das waren Elfen mit etwas weniger spitzen Ohren, nichts weiter. Ihre Ohren waren links und rechts spitz, das hieß für Irenäus, dass da keine Hälften involviert waren, es handelte sich also um ...
      Er wusste es nicht.
      Aber keine richtigen Halbelfen, basta. Irenäus war ein richtiger Halbelf. Sein rechtes Ohr war spitz, das linke nicht. Die Hälfte eben.
      Dazu kam noch, dass er sein Horn und seinen Huf verbergen musste, weil diese "Halbelfen" kein gutes Verhältnis zu Dämonen hatten. Seine links graue Hautfarbe hatte er handwedelnd mit einem magischen Unfall - an dem er keinesfalls Schuld war! - erklärt, das gestattete ihm auch, die Kapuze aus "ästhetischen Gründen" anzubehalten.
      Das Treffen war ein Reinfall. Die Halbelfen dieser Welt beklagten sich über Diskriminierung durch die Elfen, im besonderen durch Hochelfen, wer auch immer die waren, und sie beklagten sich über die Belagerung durch liebestolle Menschen, die keine ganzen Elfen rumkriegen konnten und es deshalb bei Halbelfen versuchten. Irenäus hatte zu nichts davon etwas zu sagen - das war eine sehr merkwürdige Welt hier ...
      Aber es gab guten Kartoffeleintopf auf dieser merkwürdigen Welt, das relativierte den Reinfall dann doch ein bisschen.

      Zwischen dieser merkwürdigen Welt und der Schlaufe lief die Zeit offenbar synchron, jedenfalls kam Irenäus spät in der Nacht nach dem Tag seiner letzten Lieferung in der Zentrale an. In einem der Büros war es dennoch hell und er hatte so die Ahnung, dass daran etwas namens "Solitär" schuld war - angeblich sickerten Prokrastinationsmöglichkeiten sehr gerne auch ohne irgendwelche Hilfe zwischen verschiedenen Welten herum.
      Irenäus begab sich zur Zentralentür, peilte nach einem vage dreieckigen Steinchen auf dem Boden, schielte kurz, bis er es doppelt sah, und dann ging er zwischen den beiden hindurch - diese Methode brachte ihn äußerst zuverlässig wieder nach Hause zur Weltwirtschaft in Sektor zwei der Sektorwelt.
      Karlheinz stand da und grinste breit. "Ich hab dir einen Zeitdosierer gebracht. Kannst du sowas brauchen?"
      Irenäus blinzelte verdattert. "Ich kann die Zeit dosieren, obwohl ich gar nicht vom Uhrvolk bin?"
      "Natürlich nicht. So ein Zeitdosierer ist aber recht hübsch, von daher ..." Karlheinz schlenderte von dannen und ließ den Halbelfen-Halbdämon vor einem doppelt mannshohen leicht schräg in der Luft eingefroren schwebenden Bronzependel stehen.

      Irenäus seufzte und machte sich daran, das Ungetüm vor der Weltwirtschafts-Hintertüre aus dem Weg zu schaffen.
      "Der Kerl hasst mich ... er hasst mich ... ganz sicher ..."


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      Das zwölfte Türchen klirrt vor Kälte, der Atem gefriert in der Luft. Dahinter ist, soweit man sieht, nur Schnee und Eis. Aber ... ist das denn Gesang, den man hört?



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      Die Geschichte von Ratte, die Honig stehlen wollte

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      Lange Zeit vor Übermorgen hatte Schneevater all über das Land sein weißes Leichentuch gelegt und die Kälte seines Atems hatte es gehärtet, so dass aller Fels und alle Bäume, jeder Bauch und jeder Weiher im spärlichen Licht, das Schneevaters Bart vom Haus der Feuermutter hernieder scheinen ließ, funkelte als sei alle Welt aus Kristall geschaffen.

      Fast alle Menschen und Tiere waren vor Schneevaters Wüten weit hinab in den Süden gewandert, wohin sein Bart nicht reichte, so dass er dort keinen Schnee aus ihm herausschütteln konnte. Nur der Bär schlief in seiner Höhle, um darauf acht zu geben, dass die Welt auch dann noch Bestand habe wenn, Schneevater sich auf seinen Berg zurückgezogen haben würde. Ein Dienst, der den Menschen wohl bekannt war und für den sie dem Bär so dankbar waren, dass sie, wann immer sich der Schneevater durch sein Zorngeheul angekündigte und die Spitzen seines Bartes am Himmel zu sehen waren, dem Bären Honigwaben vor die Höhle gelegt hatten, damit dieser sich stärken konnte, bevor er seinen Wachschlaf antrat.

      Die Ratte, die sich lange an Feuermutters Ofen gewärmt hatte, bekam nun Essenslust auf etwas Süßes – und sie wusste, dass der Bär niemals alle Honigwaben verspeiste, die die Menschen ihm hinlegten. Also steckt sie sich ein paar Glühspäne ins Fell und ließ sie sich auf die Erde fallen und stapfte durch den Schnee auf die Höhle des Bären zu. Der Bär würde sie schon nicht bemerken, hatte er doch sein Ohr auf den Boden gedrückt um die Bedrohung kommen zu hören. Der Schneevater sandte wortreiche Flüche über das Land und schüttelte seinen Bart, ihm würde die Ratte sicherlich nicht auffallen. Und sonst waren alle Menschen und Tiere geflohen – wer sollte den Diebstahl der Ratte da schon bemerken. Doch als sie vor der Höhle ankam und sich schon über den übriggebliebenen Honig hermachen wollte, da bemerkte sie das Rotkehlchen im Geäst sitzen. Sie kletterte flink hinauf und fragte es: „Warum bist du nicht mit den anderen fort? Warum bist du noch hier, wenn Schneevaters frostiges Fluchen über Feld und Fluren fliegt? Warum gingst du nicht in den Süden, wo sich die Menschen und Tiere an Feuermutters Feuerschein wärmen können und alles Land noch andre Farben hat als weiß?“

      Das Rotkehlchen blickte die Ratte an, in deren Fell die qualmenden Glühspäne noch steckten, an denen die Kälte jedoch beständig nagte. Dann sagte es: „Weil ich nicht wie andere Tiere oder Menschen bin, die in leichtem Sinn wandern, wohin sie Zeit oder Geschick treiben. Wenn ich auch vor Schneevater fliehen würde, wer würde seinen Flüchen dann Widerspruch entgegnen? Wenn mein Singen den Schneevater hier nicht beschäftigte, was würde ihn davon abhalten weiter nach Süden zu gehen und dort seinen Bart zu schütteln?“

      Da staunte die Ratte nicht schlecht, aber dann fragte sie das Rotkehlchen: „Aber wie kannst du hier ausharren? Das Land ist Kristall, die Luft beißt, der Boden greift, das Wasser sticht! Ich habe mir Glut aus Feuermutters Herd ins Fell gesteckt, um nicht zu erfrieren, doch selbst die Glühspäne werden von Kälte gefressen. Du hast nichts der gleichen, wie kannst du hier nur leben?“

      Das Rotkehlchen blickte die Ratte an, in deren Fell die qualmenden Glühspäne nur noch in geringer Zahl steckten, an denen die Kälte schon ziemlich genagt hatte. Dann sagte es: „Du gehörst zu den Ruhelosen, Ratte, reisend, rennend, richtungslos. Solche wie du haben nie das stille Leuchten in der eigenen Brust bemerkt, weil sie immer nur nach Feuermutters Feuer in der Ferne getrachtet haben. In meinem Herz glüht ewiges Licht und so ist es mir einerlei ob es Tag ist oder Nacht, Sommer oder Winter. Selbst unter Eisschauern lässt mich das Licht in mir die Lieder singen, meine Träume verkünden und so mir selbst Trost spenden, gleich welcher Schmerz mich auch plagt.“
      Da staunte die Ratte nicht schlecht, aber dann fragte sie das Rotkehlchen: „Hat denn jeder so ein Licht in seiner Brust? Kann denn jeder den Schwernissen trotzen? Dem Schneevater trotzen?“

      Das Rotkehlchen blickte die Ratte an, in deren Fell die qualmenden Glühspäne kaum noch steckten, denn die Kälte hatte schon fast alle gefressen. Dann sagte es: „In jeder Brust schlummert das Licht, denn die Feuermutter hat es jedem Tier und Menschen mitgegeben, als sie am Anfang aller Zeiten ihr Herdfeuer entzündet hat. Doch unter all dem Fleisch und Denken können nur diejenigen, die Nächten und Stürmen trotzen und nicht vor dem Schneevater fliehen, es wiederfinden.“

      Da staunte die Ratte nicht schlecht und begann zu frösteln, denn in ihrem Fell steckte kaum noch ein einziger Glühspan. Des Rotkehlchens Worte hatten sie beeindruckt, aber sie wollte es nicht darauf ankommen lassen und unter Schneevaters Wüten zu Eis erstarren. Also rannte die Ratte rasch Richtung Süden. Unter dem wärmenden Feuer der Feuermutter begann sie den Tieren und den Menschen davon zu berichten, was das Rotkehlchen ihr erzählt hatte.

      Noch als der Schneevater sich auf seinen Berg zurückgezogen hatte und Menschen und Tiere wieder in die Heimat zurückkehrten, erzählten sie sich untereinander von dem, was das Rotkehlchen gesagt hatte. Und immer wenn einer von ihnen das Rotkehlchen traf, fragte er staunend nach, ob das denn wahr sei, was die Ratte erzählt hatte und das Rotkehlchen bestätigte.

      So kam es, dass als die Zacken von Schneevaters Bart sich abermals am Himmel zeigten und vom Berge her sein Zorngeheul erklang, sich einige noch an das Rotkehlchen erinnerten und was es gesagt hatte und gingen nicht in den Süden. Sie blieben und vertrauten auf den Lichtfunken in ihrer Brust und begannen zu singen, als Schneevater frostige Flüche über das Land hauchte.

      Und als diejenigen, die in den Süden gegangen waren, bei ihrer Rückkehr feststellten, dass jene, die geblieben waren, dem Schneevater getrotzt hatten, blieben beim nächsten Male noch mehr von ihnen. Und weil immer mehr blieben und immer mehr dem Schneevater entgegen sangen, schüttelte er seinen Bart immer kürzer über dem Land aus und weniger Land erstarrte ganz zu Kristall und immer kürzere Zeit, hielt er es aus.
      Und mach einer sagt, wenn irgendwann nach Übermorgen alle Menschen und Tiere in der Heimat bleiben und singen, wird der Schneevater ganz auf seinem Berge bleiben.


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      Das dreizehnte Türchen erlaubt einen Blick auf einen Fluss und eine Straße, die sich gemeinsam durch eine idyllische Landschaft aus grünen Wäldern und Wiesen und goldenen Feldern winden. Auch für Zerstreuung ist gesorgt, das sieht man an den Booten, die gemächlich umherschippern. Auch gegen den Hunger kann man hier etwas unternehmen - wie wäre es mit diesem heimeligen Gasthaus auf der Blumenwiese?


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      Das Treffen

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      In den Auen der Umer führt eine vielbenutzte Reisestraße nahe am Fluss entlang. Diese Straße folgt den Biegungen des Flusses und schlängelt sich so durch Wiesen, lichte Wälder und sorgsam bestellte Weizenfelder. Ausflugsboote segeln träge den Fluss herunter und legen gelegentlich an den vielen Stegen an, die sich am Flussufer finden, um eines der vielen Gasthäuser zu besuchen, die zwischen Fluss und Straße liegen.
      Eines dieser Gasthäuser war das Drei Linden, das auf einer Blumenwiese direkt am Flussufer stand. Das Haus selbst war aus Fachwerk erbaut und eine Malerei von den besagten drei Linden zierte die Frontseite. Auf der rechten Seite des Hauses befand sich eine Laube, die von Weinranken überwuchert war. Freingedrechselte Möbel standen in der Laube und luden zum niedersetzten und entspannen ein.
      Der Wirt der Drei Linden war ein gutaussender und überaus diskreter Mann namens Eman Ersa. Er war gerade dabei, den Weg von der Straße in die Laube zu fegen, als eine Kutsche anhielt und der erste Gast des Tages die Laube betrat. Pflichtbeflissen verbeugte sich Eman und führte die Dame an einen Tisch im hinteren Teil der Laube, von dem aus man direkt auf den Fluss blickte. Die Dame trug das Ornat einer Zauberin und verlangte von seinem besten Wein. Eman machte einen Kratzfuß, bevor er ins Innere des Gasthauses trat, um die Bestellung zu erfüllen. Er stieg höchst selbst in den Weinkeller hinunter und wählte eine Flasche aus. Blauer Sougertaler, Jahrgang 1217. Das Geburtsjahr des Kronprinzen war ein guter Jahrgang, dachte er, als er die Flasche öffnete und etwas von dem rubinroten Wein in eine Karaffe goss, damit er atmen konnte. Der wird der Dame sicher munden.
      Er wählte noch ein passendes Kristallglas dazu, dann stieg er wieder nach oben, um den Wein zu servieren. Als er wieder nach draußen trat, hatte sich der erste Dame eine zweite im gleichen Ornat hinzugesellt. Er verbeugte sich tief und servierte den Wein.
      „Noch ein Glas, Wirt,“ verlangte die Zweite. Eman kratzfusste wieder und beeilte sich, ein Glas Glas für sie zu holen.
      „Wünschen die Damen auch einen Imbiss? Wir haben ganz frische Saiblinge, heute Morgen gefangen.“
      „Nein, danke, lasst uns allein,“ sagte die Erste, als sie den Wein probierte.
      „Sorgt dafür, dass wir nicht gestört werden,“ sagte die Zweite.
      „Sehr wohl,“ sagte Eman und zog sich zurück. Es interessierte ihn nicht, welche wichtigen Dinge die Damen wohl zu besprechen hätten. In seiner Position konnte zu viel Wissen schädlich sein.
      ***
      Die beiden Zauberinnen nippten an ihrem Wein und schauten auf den Fluss hinaus. Ein Boot mit bunten Fähnchen am Mast zog langsam an ihnen vorbei.
      „Ein hübsches Gasthaus,“ sagte die Erste schließlich. „Hast du gut ausgewählt.“
      „Danke, Nerin. Der Wein ist auch nicht schlecht. Sie nippte an ihrem Glas.
      Nerin lächelte. „Wie ist es dir ergangen? Wo warst du doch gleich? Garsalon?“
      „Gadha. Es war gut. Heiß und staubig, aber die Bibliothek ist ausgezeichnet ausgestattet und der Bibliothekar ist süß.“
      „Ich sehe du hast dich kein bisschen verändert. Nicht mal in der Schule waren die Burschen sicher vor dir, Analin.“ Befriedigt stellte sie fest, wie Analin das Lächeln einfror, doch die andere fasste sich schnell wieder.
      „Eifersüchtig?“ fragte sie.
      „Ach was, kein Stück. Qualität über Quantität, sage ich immer.“
      „Nichts hat auch keine Qualität,“ schoß Analin zurück.
      Nerin biss fast in ihr Weinglas. „Wenigstens habe ich mich auf meine Studien konzentriert,“ presste sie heraus.
      „Davon bist du auch nicht besser geworden als ich.“
      „Trotzdem bin ich zur Gildenmeisterin berufen worden, nicht du.“
      „Sei dir da mal nicht so sicher. Die Position wird erst fix vergeben, wenn wir dort vorsprechen und ICH werde sie erhalten, nicht du,“ erklärte Analin.
      „Die Gilde verlangt ein makelloses Betragen von jedem Kandidaten, da werden sie wohl kaum dich einladen.“ Nerin griff nach der Karaffe, um mehr Wein einzuschenken und um das Zittern ihrer Hände zu verbergen. Diese Dreistigkeit!
      Analin hielt ihr das Glas hin und lächelnd schenkte Nerin nach, während sie sich vorstellte, wie sie Analin die Karaffe auf dem Kopf zerschlug. Aber das wäre nicht angebracht für eine Zauberin ihrer Position, ganz und gar nicht angebracht.
      „Lass uns nicht streiten, liebe Freundin,“ wechselte sie das Thema. „Willst du wirklich dieses Gewand tragen, wenn du dich als Kandidatin bei der Gilde vorstellst?“
      „Besser als dein Fetzen ist es allemal.“
      „Natürlich trage ich meine gute Kleidung nicht für ein beliebiges Treffen mitten im Nirgendwo,“ konterte Nerin. Analin kippte den Rest ihres Weins hinunter und fing an zu husten und nach Luft zu schnappen.
      „Achte etwas besser auf das, was du runterschluckst, liebe Freundin. Wenn du etwas Falsches erwischst, kann das sehr ungesund für dich sein.“ Nerin trank gemütlich ihr Glas aus, während Analin immer heftiger nach Luft rang und merklich blasser wurde.
      „Hättest du nur auf mich gehört.“ Inzwischen hustete Analin Blut und griff kraftlos nach Nerin. Die rückte ein Stückchen zur Seite und rettete die Karaffe, bevor Analin sie in ihrem Todeskampf vom Tisch stoßen konnte. Nerin sah unbewegt zu, wie die andere am Boden röchelnd ihre letzten Atemzüge tat. Dann stand sie auf und drückte dem Wirt auf dem Weg nach draußen einen gut gefüllten Beutel in die Hand.
      „Tut mir leid,“ flötete sie. Dann bestieg sie ihre Kutsche, um zu ihrer neuen Position als Gildenmeisterin aufzubrechen.
      Sie war bereits auf halben Weg nach Mitka, als die Schmerzen begannen.


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      Das vierzehnte Türchen ist ein Stadttor. Ein Mädchen läuft eilig hindurch und ruft einem Mann hinterher.



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      Der Bote

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      Er war kaum aus dem Stadttor getreten, als eine Person ihm nachrannte.
      „Warte!“ rief sie. „Kann ich mit dir gehen?“
      „Du hast doch gar keine Ahnung, wo ich hingehe“, sagte er, ohne sich umzudrehen.
      „Doch. Nach Ebdlim. Bitte, nimm mich mit!“
      Er sah sich nach ihr um. Ein Mädchen, kaum vierzehn wohl, und sie reichte ihm gerade bis zum Kinn. Sie hatte zwei lange Zöpfe, die bis auf ihre Hüften fielen, und sie trug etwas, was aussah wie sehr lange Strümpfe und ein sehr kurzes Kleid. Es spottete also jeder Schicklichkeit, und wahrscheinlich trug sie darum einen fast bodenlangen Mantel aus dunklem Stoff darüber. Außerdem hatte sie einen Lutscher im Mund.
      „Ich gehe nach Ebdlim“, bestätigte er. „Über den Bergpass. Das ist sehr weit und es wird die ganze Nacht dauern.“
      „Das macht nichts“, versicherte sie. „Ich bin gut darin, weite Strecken zu gehen.“
      „Es wird sehr anstrengend.“
      „Ich bin das gewöhnt. Ich mache das schon mein ganzes Leben.“
      Er fragte sich, wie wenige Jahre dieses ganze Leben wohl umfassen mochte, aber er wusste auch, dass es nichts ändern würde, wenn er sie das fragte. Etwas an ihr zeigte deutlich, dass sie die Reise wagen würde. Wenn er sie nicht mitnahm, dann würde sie am Ende noch alleine gehen.
      „Ich muss morgen früh in Ebdlim sein“, sagte sie eindringlich. „Lass mich mit dir gehen. Bitte.“
      Er seufzte. Also schön. Es war noch immer besser, wenn sie mit ihm ging, als dass sie es alleine versuchte. Er kannte immerhin den Weg,
      Er machte also eine auffordernde Bewegung mit dem Kopf und sie quietschte vor Begeisterung und fiel neben ihm in Tritt.
      „Danke!“ sagte sie, nachdem sie sich etwas beruhigt hatte. „Wirklich, ich danke dir.“
      „Ja, schon gut“, knurrte er.
      Lange gingen sie schweigend. Solange die Straße noch breit war und einfach zu gehen, und auch, als sie immer schmaler und schließlich zu einem Bergweg wurde. Er ging zügig, doch sie fiel nie auch nur einen Schritt zurück. Sie hatte die Hände in die Taschen ihres Mantels gesteckt und schritt munter und leicht neben ihm aus. Hin und wieder hüpfte sie sogar neben ihm her wie ein kleines Mädchen oder sprang von Stein zu Stein, als sei das ein lustiges Spiel.
      „Du solltest das lassen“, sagte er schließlich. „Der Weg ist noch weit und er ist sehr anstrengend.“
      Sie kicherte und hüpfte wieder ein paar Schritte.
      „Ist es noch weit?“ fragte sie dann. Sie benutzte dafür den quengeligen Tonfall eines sehr kleinen Kindes, so dass es ihn wider seine Absicht zum Lachen brachte.
      „Ja“, bestätigte er dann. „Es ist noch sehr weit.“
      „Okay“, antwortete sie leichthin. Und nach einer Weile fragte sie: „Warum gehst du nach Ebdlim?“
      „Ich bringe Medikamente“, antwortete er. „Sie haben drüben einen Ausbruch von Sumpffieber.“
      Sie nickte. Wahrscheinlich erwartete sie jetzt, dass er sie fragte, was sie in Ebdlim wollte. Auch wenn er keine Lust auf eine Unterhaltung hatte, es war ein Gebot der Höflichkeit.
      „Warum gehst du nach Ebdlim?“ fragte er sie also.
      „Ich werde dort erwartet“, antwortete sie gedankenverloren. „Eins meiner Geschwister holt mich dort ab. Hast du Kinder?“
      „Ja“, bestätigte er überrascht.
      „Eine Frau?“
      „Auch das.“
      „Eltern?“
      „Ja, ich habe auch Eltern.“ Er warf ihr einen amüsierten Seitenblick zu. „Warum?“
      Sie ging auf seine Frage nicht weiter ein.
      „Sie müssen sehr stolz auf dich sein“, vermutete sie stattdessen.
      „Stolz auf mich? Warum sollten sie?“
      „Du gehst mitten in der Nacht den langen Weg über den Bergpass nach Ebdlim“, erinnerte sie. „Um schwer kranken Menschen Medizin zu bringen.“
      Er schnaubte. „Das ist nichts weiter als ein Job. Ein Tagelöhnerjob. Etwas für die Leute, die nichts anderes kriegen können.“
      Sie antwortete nicht. Sie hüpfte schweigend neben ihm her, versunken in ihre eigenen, offenbar fröhlichen Gedanken. Auch er dachte nach. Darüber, was sie gesagt hatte. Er brachte Medikamente über die Berge. Mitten in der Nacht, wenn niemand, der bei Verstand war, oder es sich leisten konnte, einen solchen Auftrag abzulehnen, das wagen würde. Die Berge waren hoch und einsam, der Bergpass war schmal und gefährlich. Aber es galt keine Zeit zu verlieren und so hatten sie sich unter all den armen Schluckern der Stadt jemanden gesucht, der bereit war, den Weg für ein paar Silberlinge zu wagen. Der sich in den Bergen gut genug auskannte, dass die Chancen gut standen, dass er auch ankommen würde. Ein Job für die, die ganz unten angekommen waren – aber wenn sie es sagte, klang es nach einer Heldentat. Nach etwas, was ein selbstloser Held tat, ohne Rücksicht auf das eigene Leben, nur, um Anderen zu helfen. Jenen schwerkranken Menschen auf der anderen Seite des Gebirges, die sterben würden, wenn die Medizin nicht rechtzeitig eintraf. Ihren Angehörigen, die in diesem Moment hoffend und bangend zuhause saßen, vielleicht sogar beteten. Beteten für ihn, dass er durchkommen und Heilung bringen würde. Für das Leben der Menschen, die sie liebten, und für ihn, der in diesem Moment ihre einzige Hoffnung darstellte. Ja, es war der Stoff, aus dem man Legenden weben konnte. Der mühsame Weg des einsamen Wanderers, durch unwegsames Gelände, dem Wetter trotzend, nie strauchelnd, nie von seinem Ziel ablassend… Es klang gut. Und auch wenn die Wirklichkeit ganz anders aussah, es ließ ihn fester ausschreiten. Er tat das hier für Geld. Um seinen Kindern etwas zu essen kaufen zu können. Aber ein wenig tat er es auch für die Anderen. Auch sie hatten schließlich Kinder. Oder Eltern.
      „Erzähl mir von deinen Geschwistern“, bat sie unvermittelt.
      „Wer sagt dir, dass ich Geschwister habe?“ wunderte er sich.
      „Jeder hat Geschwister.“
      Er unterdrückte ein Lachen. „Nicht jeder“, bedauerte er. „Manche Menschen haben keine.“
      „Die Armen.“
      „Ja, die Armen. Aber ich habe Glück, ich habe Geschwister.“
      „Dann erzähl mir von ihnen. Der Weg ist noch lang.“
      Er gehorchte, auch wenn er nicht wusste, warum. Vielleicht, weil der Weg wirklich noch lang war, und weil die Zeit dann vielleicht schneller vergehen würde. Oder weil die Nacht gar zu still war. In jedem Fall begann er, von seinen Geschwistern zu erzählen, von seinen drei Brüdern und drei Schwestern, alle älter als er. Das schien ihr zu gefallen, denn sie war auch die Jüngste, und darum hatten sie etwas gemeinsam. Also erzählte er ihr, dass er all diese Geschwister schon lange nicht mehr gesehen hatte, weil sie weit entfernt in der Fremde wohnten. Oder besser, weil er weit entfernt in der Fremde wohnte, denn er war fortgezogen und sie waren alle noch dort, wo sie geboren und aufgewachsen waren. Zumindest glaubte er das, denn die Nachrichten kamen selten und langsam. Sie fragte nicht, was seine Geschwister jetzt taten oder ob sie alle noch am Leben waren. Stattdessen wollte sie Geschichten aus seiner Kindheit hören. Von dem Haus, in dem sie alle gelebt hatten, von der Werkstatt seines Vaters und von den Spielen, die sie gespielt hatten. Von den Streichen, die sie einander gespielt hatten und von ihren Wettkämpfen und Streits untereinander. Er erzählte ihr all das und er merkte, dass sich in all diesem ständigen Kampf nie auch nur für einen Moment das Wissen verloren hatte, dass sie zusammengehörten. Dass sie eine Familie waren, komme, was wolle. Was auch immer das Leben bereithielt, sie konnten immer aufeinander zählen. Er entschied, dass er viel zu lange keinen Brief mehr geschrieben hatte, und dass er das nachholen würde. Gleich morgen.
      Schließlich blieb er stehen und sah sich prüfend um. Er hatte zu viel geredet und zu wenig auf den Weg geachtet. Ganz schlecht. Wenn sie sich hier in der Nacht verliefen, dann kamen sie niemals nach Ebdlim. Dann würden all diese Menschen sterben und seine Geschwister würden keinen Brief von ihm bekommen. Er kannte den Weg gut, aber bei Nacht musste man doppelt vorsichtig sein.
      Sie war neben ihm stehengeblieben und sah ihn neugierig an.
      „Das kann nicht richtig sein hier“, gestand er schließlich. „Wir hätten längst die alte Hängebrücke überqueren müssen.“
      „Aber das haben wir“, sagte sie verwundert. „Schon vor einer ganzen Weile.“
      „Haben wir?“
      „Aber ja! Erinnerst du dich nicht mehr? Ich habe dir gerade von Angelion erzählt.“
      „Wer ist Angelion?“
      Sie knuffte ihn in die Seite, aber sie schien nicht beleidigt.
      „Du hörst mir nicht zu!“ beklagte sie sich fröhlich. „Nur weil ich nicht so unterhaltsam erzählen kann wie du!“
      Er murmelte eine Entschuldigung und sah sich noch einmal gründlich um. Ja, wenn er davon ausging, dass sie die Brücke schon vor einer Weile überquert hatten… Er begann, wieder Landmarken zu erkennen. Sie waren doch noch richtig. Den Göttern sei Dank.
      „Komm“, bat er. „Lass uns weitergehen. Und dann erinnere mich nochmal, wer Angelion ist.“
      „Eins meiner Geschwister“, sagte sie bereitwillig, während sie wieder neben ihm her ging. In seinem Geist tauchte das Bild eines jungen Mannes auf, mit dunklen Haaren und dunkler Haut, in dessen Augen es schalkhaft glitzerte. Er schien fröhlich zu sein und jederzeit bereit, etwas Dummes zu tun, aber er wirkte nicht verantwortungslos. Ja, offensichtlich hatte sie ihm von ihm erzählt.
      „Was macht er nochmal?“ fragte er.
      „Angelion ist gut darin, Dinge zu finden. Richtig gut.“
      „Dass bedeutet, er verliert ständig was?“
      „Nein!“ empörte sie sich. „Die anderen Leute verlieren ständig etwas.“
      „Und er findet es und gibt es ihnen zurück?“
      Sie zuckte fröhlich die Achseln. „Manchmal.“ Und, nach einem amüsierten Seitenblick auf ihn, korrigierte sie: „Meistens.“
      Ihm war nicht klar, ob es eine echte Korrektur sein sollte, oder ob sie das nur sagte, um ihn zu beruhigen. Oder ob das alles einfach nur ein Scherz war.
      „Manche Leute wollen gar nicht zurück, was sie verloren haben“, sagte sie versonnen. „Manche sind froh, wenn es weg ist.“
      Er entschied, darüber nicht länger nachzudenken. Das klang sehr kompliziert.
      „Angelion…“, sagte er stattdessen nachdenklich. „Wie heißt du?“
      „Dodona.“
      „Das sind sehr seltsame Namen.“
      „Wir sind nicht von hier.“
      Er nickte. Fremde Länder, fremde Namen. Sein Name war hier auch nicht gerade geläufig.
      „Hier“, bot Dodona an. „Nimm ein Honigbonbon.“
      Sie hielt ihm eine Tüte hin, und er bedankte sich und nahm eines der Bonbons. Es schmeckte süß und warm, wie eine Erinnerung an Sonne und helle Sommertage. Dodona steckte die Tüte wieder ein und ihm fiel auf, dass sie noch immer einen Lutscher im Mund hatte. Immer noch denselben? Oder hatte sie noch eine Tüte in den Taschen, eine mit Lutschern?
      „Lass uns etwas singen“, schlug sie in diesem Moment fröhlich vor.
      „Ich kann nicht singen.“
      „Das macht nichts. Niemand ist hier und wird es hören.“
      „Du wirst es hören.“
      „Ich kann auch nicht singen.“ Sie sprang auf einen Baumstamm, der neben dem Weg lag, und balancierte leichtfüßig darauf entlang. „Aber es macht die Nacht heller. Und fröhlicher.“
      „So wie dein Honigbonbon“, scherzte er.
      „Genau“, bestätigte sie vergnügt. „Das ist mein besonderes Talent: ich biete Leuten Honigbonbons an.“
      Er lachte und sie strahlte darüber, als sei das etwas ganz Wunderbares.
      „Komm“, sagte sie und sprang von ihrem Baumstamm herunter. „Sing mit mir.“
      „Nein. Ich kenne keine Lieder.“
      „Ich auch nicht. Aber das macht nichts.“
      Er sah sie zweifelnd an und sie lachte wieder. Auch das klang hell, so wie Kerzenschein in dunkles Zimmer erhellt. Dann begann sie wieder zu hüpfen, in diesem kindlichen Rhythmus voller lebendiger Begeisterung, und schließlich begann sie zu singen. Genau passend dazu, fröhliche Töne, eine strahlende Melodie voller Glück – ohne jeden Text. Sie sang „lalalala“, das war alles, immer und immer wieder. Aber es machte das Lied nicht weniger schön und nicht weniger leuchtend. Er passte seine Schritte ihrem Lied an und als sie ihm schließlich ihre Hand anbot, nahm er sie. Sie schloss ihre Finger fest um seine und schwenkte ihrer beider Arme vor und zurück, alles im Takt des Liedes. Und am Ende merkte er, dass er doch mitsang. Mehr brummte als sang, das stimmte, aber hin und wieder steuerte er ein paar Töne bei. Es passte nicht immer zu ihrem Gesang, aber das störte Dodona kein bisschen. Sie schien sich ehrlich zu freuen, dass er sich doch noch überwunden hatte, und so wanderten sie singend und hüpfend durch die Nacht.
      Sie erreichten Ebdlim zur Dämmerung. Die Tore wurden gerade geöffnet und die Menschen, die bereits davor warteten, wurden eingelassen. Sie ließen sich mit dieser Menge treiben, in Richtung des Marktplatzes. Dodona hatte gesagte, dass ihr Bruder sie dort an der Herberge abholen würde, und er hatte nicht die Absicht, sie alleine herumlaufen zu lassen. Er fühlte sich für sie verantwortlich, nachdem sie die ganze Nacht gemeinsam über Bergpfade gewandert waren. Sie hatte tatsächlich mitgehalten, so wie sie es versprochen hatte, und keinen Moment lang Müdigkeit erkennen lassen.
      „Oh, Mist“, sagte Dodona in diesem Moment. „Das ist Benaja.“
      „Was?“ fragte er.
      „Benaja.“ Sie wies auf einen jungen Mann, der neben dem Eingang zur Herberge an der Wand lehnte. Er war hochgewachsen und schlank, und alles an ihm schien die Farben von Sand und Asche zu haben. So unscheinbar, dass er den jungen Mann vielleicht nicht einmal bemerkt hätte, hätte Dodona ihn nicht auf ihn aufmerksam gemacht. „Ich dachte, Angelion holt mich ab.“
      „Noch ein Bruder?“ fragte er scherzend. Wahrscheinlich der älteste Bruder, dem Aussehen nach. „Was hat er für ein besonderes Talent?“
      „Probleme lösen“, antwortete Dodona. Dann hob sie die Hand und winkte. Der junge Mann schien nur auf dieses Zeichen gewartet zu haben, denn er löste sich augenblicklich von der Wand und kam heran.
      „Dodona“, sagte er lächelnd und sie erwiderte es strahlend. Dann nickte der junge Mann ihm zu. „Guten Morgen.“
      „Guten Morgen“, antwortete er.
      „Er hat mich über den Bergpass begleitet“, erzählte Dodona begeistert. „Er hat mir von seinen Geschwistern erzählt und er hat mit mir gesungen.“
      Benaja wirkte belustigt von dieser Aufzählung, aber es war eine liebevolle Note darin.
      „Ich danke dir“, sagte er.
      „Er bringt Medikamente“, fuhr Dodona fort. „Für die schwerkranken Menschen im Seuchenhaus.“
      „Ich hatte es vermutet. Die ganze Stadt spricht von nichts Anderem.“
      „Wo ist Angelion?“ wollte Dodona wissen. „Warum bist du hier?“
      „Ich hatte etwas zu erledigen“, antwortete Benaja. „Angelion ist beschäftigt.“
      Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, nicht zu wissen, was sie dachte. Ob sie enttäuscht war, erleichtert, besorgt oder gar misstrauisch. Es war zu komplex, um selbst in ihren sprechenden Augen deutlich zu sehen zu sein.
      „Ich sollte mich beeilen“, gab er zu bedenken. „Die Medizin wird gebraucht.“
      „Auf jeden Fall!“ bekräftigte Dodona. „Vielen Dank für alles.“
      „Dir geht es gut?“
      „Mir geht es gut.“ Sie ergriff Benajas Hand und begann den Arm vor und zurück zu schwenken, so wie sie das in der Nacht zuvor mit seinem getan hatte. Ihr Bruder ließ es amüsiert geschehen.
      „Ich danke dir“, sagte er noch einmal zu ihm. „Wir alle danken dir.“
      Er nickte und verabschiedete sich. Ging davon und warf noch einmal einen Blick zurück, nur um zu sehen, wie Dodona und Benaja ihm nachsahen. Dodona winkte mit der freien Hand und er hob seine zum Gruß. Dann bog er in die Straße ab, die zum Seuchenhaus führte. Was für eine Nacht. Was für eine seltsame, aber doch angenehme Begleitung. Was für ein merkwürdiges Mädchen.
      Noch immer Kopf schüttelnd trat er in den Vorraum des Seuchenhauses. Dort standen drei Ärzte und sprachen leise miteinander. Sie wirkten müde und übernächtigt. Mehr noch, ihre Gesichter wirkten grau. Hoffnungslos. Er ertappte sich dabei, dass er sich wünschte, ihnen von Dodonas Honigbonbons anbieten zu können. Was für ein alberner Gedanke!
      „Ivdopold?“ fragte in diesem Moment einer der Ärzte ungläubig.
      „Bei allen Göttern!“ entfuhr es einem zweiten. „Wo kommst du her?“
      „Aus Mokodj, wie angefordert“, antwortete er verdattert. „Ich bringe die Medizin.“
      Alle drei starrten ihn sprachlos an.
      „Den Göttern sei Dank!“ brach es dann aus einem heraus. Der dritte hielt sich erst gar nicht damit auf, etwas zu sagen. Er eilte auf Ivdopold zu und half ihm, die schwere Kiepe abzunehmen, die er die ganze Nacht getragen hatte. Dann rief er nach Helfern.
      „Dich schicken wirklich die Götter“, sagte der erste Arzt, während ringsum alles in hektische Geschäftigkeit ausbrach. „Wie hast du es nur geschafft, über die Berge zu kommen?“
      „Über den Bergpass. Wie immer.“
      „Bei dem Wetter?“
      „Es war alles ruhig. Der Weg ist lang, das stimmt…“
      „Es soll ein furchtbares Unwetter gegeben haben“, erklärte der Arzt verwundert. „Wir haben gehört, dass mehrere Schlammlawinen die Berge vollkommen unpassierbar gemacht haben. Der Rat schickt zu dieser Stunde Arbeiter aus, um den Weg wieder freizuschaufeln.“
      Ivdopold sah ihn verständnislos an. Unwetter? Schlammlawinen?
      „Das muss passiert sein, nachdem ich über den Pass gekommen bin“, vermutete er hilflos.
      „Dann bist du wirklich ein Liebling der Götter.“ Der Arzt legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Danke, dass du gekommen bist.“ Dann drehte er sich um und rief nach jemandem, der Ivdopold ein Bett und ein Frühstück besorgen sollte. Lieblinge der Götter musste man gut behandeln.


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      Das fünfzehnte Türchen gehört zu einem Bauernhof, es knarzt und wackelt. Da kommt ein Bauer und geht hindurch.


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      Die Verwandlungen des Hainbauers

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      Der Hainbauer, der sich den Altvorderen übergeben hatte, war ein großer Zauberer. Eines Tages kam er zu der Witwe vom Dornrain-Bauern (der Hof gehörte zu Heme) und bat sie, sie möge ihm einen Brei kochen. Die Witwe, welche ihn kannte, schickte unterdessen ihre Magd nach dem Bewahrer und ließ sagen, der von ihnen gesuchte Hainbauer sei bei ihr. Er hatte soeben den Brei zu essen begonnen, als er den Bewahrer kommen sah; nun schütte er rasch den Brei in seinen Hut, eilte über die Treppe in die Scheune und verwandelte sich dort in eine Wagendeichsel. Der Bewahrer suchte vergebens den ganzen Hof ab und verließ ihn ärgerlich. Kaum war er fort, erschien der Hainbauer wieder auf der Treppe, stieg hinab und sagte der Witwe: „Bald hätte der Geistersucher mir den Brei ausgeschüttet, so hat er mich hin und her gedreht und geschüttelt.“

      Ein anderes Mal, wie in Hemphore Markttag war, verwandelte sich der Hainbauer in ein Pferd und ließ sich von einem verkaufen; dieser durfte den Zaum nicht aus der Hand geben – sonst hätt‘ der Hainbauer sich nicht mehr zurück verwandelt.

      Noch ein andres Mal, wie er auf dem Weg nach Nerphis war, da ritten ihm auf der Straße Bewahrer entgegen. Der Hainbauer verwandelte sich in eine Ziege und glaubte, den Häschern so zu entgehen. Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass die Bewahrer hungrig waren. Sie schossen die Ziege, brieten das Fleisch über dem Feuer und aßen es. Das war das Ende des Hainbauers, aber die armen Bewahrer starben in den nächsten Tagen auch mit, weil sie sein verdorbenes Fleisch gegessen hatten. Daher ist‘s den Bewahrern auch bis heute verboten, Wild und Haustiere zu erlegen, die ihnen über‘n Weg laufen.


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      Vor dem sechzehnten Türchen sitzen nervöse junge Leute und warten. Dahinter muss etwas sehr Wichtiges passieren, aber noch ist nicht die Zeit dafür. Also warten wir, wie alle anderen auch, bis es soweit ist
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      Die Erwählung

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      Eine Tür öffnete sich, und der Sprecher der Prüfungskommission trat hervor. „Viel Glück, Kaya“, flüsterte ihre Sitznachbarin. „Danke!“ Der Sprecher erhob seine Stimme. „Werte Teilnehmer, wir haben Ihre Testergebnisse nun ausgewertet. Sie werden nun, einer nach dem anderen, in den Prüfungssaal gerufen, wo Sie ihr Ergebnis erfahren. Anschließend verlassen Sie das Gebäude auf einem anderen, von uns vorgegebenen Weg. Wer nicht einverstanden ist, kann sofort gehen. Ich verweise hier noch einmal auf die Teilnahmebedingungen, denen Sie vor der Teilnahme am Test zugestimmt haben. Wir beginnen mit Anim Haratech!
      Einer der Teilnehmer stand auf, und begleitete den Sprecher in den Prüfungssaal. Wenige Minuten später kam der Sprecher wieder heraus und rief den nächsten Kandidaten auf. So leerte sich der Warteraum allmählich, bis zu dem Moment, auf dem Kaya drei Jahre lang gewartet hatte. „Kaya Tareni!“ Nervös stand sie auf. So lange hatte sie darauf gewartet. Nun hatte sie weiche Knie. Sie würde es endlich erfahren!
      Kaya bemühte sich, möglichst ruhig zu bleiben, als sie sich auf die Prüfungskommission zubewegte. Leer sah der Saal viel größer aus. Nachdem sie sich auf die Holzbank gesetzt hatte, ergriff der Vorsitzende das Wort. „Kaya Tareni?“ „Ja.“ „Sind dir die Bedingungen klar, unter denen es dir gestattet ist, heute vor uns zu treten, insbesondere der Geheimhaltung dessen, was du hier siehst und hörst?“ „Ja.“ „Bist du weiterhin bereit, diese einzuhalten, und einen Verstoß umgehend zu melden, sollte er dennoch geschehen?“ „Ja.“ „So beginnen wir mit der Verlesung der Ergebnisse. Im A-Teil hast du erstaunliche Ergebnisse gebracht. Dass du hier die meisten Punkte hast, wird dir bereits klar sein. Im B-Teil hast du jedoch stark nachgelassen. Obwohl du dich als ausdauernd und auch für dein damaliges Alter recht schnell erwiesen hast, waren einige Mitglieder der Kommission der Meinung, du seist nicht stark genug. Daher müssen wir, um dich bestehen zu lassen, einen erneuten Stärketest durchführen.“
      „Wann wird der stattfinden?“ „Morgen, neun Uhr. Kommst du zu spät, hast du versagt. In dem Fall wirst du nicht weiterkommen.“ Die Kommission wollte sich schon verabschieden, doch Kaya hatte noch eine letzte Frage. „Und was ist mit dem C-Teil?“ Der Vorsitzende schaute sie fragend an. „Der C-Teil?“ „Ja, der dritte Abschnitt der Prüfung, der uns nicht erklärt wurde.“ „Achso, der. Ja, da hast du ausgezeichnet abgeschnitten. Das beste Ergebnis der letzten Zehn Jahre.“ „Und was genau wurde abgeprüft?“ „Das erfährst du, sobald du den Stärketest bestanden hast.“ Dabei klang er so, als ob er nicht an ihren Fähigkeiten zweifelte. Vielleicht war es doch nicht so schwer?

      Nach der Prüfungseinsicht hatte Kaya nur noch auf Ciena gewartet, um sich zu verabschieden, da sie nicht über die Ergebnisse reden konnte und am nächsten Tag ausgeruht sein wollte. Der Stärketest fand im selben Raum statt wie vor drei Jahren. Nur hier waren ebenfalls weitere Kandidaten, doch diese kannte sie nicht von damals.
      Um neun Uhr wurde ihr Name aufgerufen und sie meldete sich beim Prüfer. Sie handelte, als ob sie ihre Bewegungen einstudiert hätte, doch erinnerte sie sich bloß an ihren ersten Prüfungsantritt. Die Übungen schienen ihr nicht mehr so schwer, doch hatte sie, wenn auch nicht für diesen Zweck, in den vergangenen Jahren trainiert.
      Schon nach kurzer Zeit nickte der Prüfer und wies sie an, in den nächsten Raum zu gehen. Als sie den betrat, stand sie erneut vor der Prüfungskommission – einer reduzierten Kommission. Lediglich der Vorsitzende und vier weitere Mitglieder saßen nun vor ihr. Ein Diener betrat den Raum, reichte dem Vorsitzenden ein Blatt und verschwand daraufhin. Der Vorsitzende las, nickte kurz, und wandte sich an Kaya.
      „Kaya Tareni! Du hast den Stärketest bestanden! Du bist nun bereit, zur nächsten Stufe aufzusteigen! Melde dich in der Administration und bringe diesen Bescheid mit!“ Er reichte ihr ein weiteres Blatt. „Aber, wollten Sie mir nicht sagen, worum es beim C-Teil ging?“, fragte sie schüchtern. „Das erfährst du in der Administration.“
      Unsicher verließ sie den Raum. Würde sie es überhaupt erfahren? Wie konnte die Kommission ihr eine solche Information vorenthalten? Nachdem sie drei Jahre lang warten musste! Als sie die Stiege zur Administration hinaufstieg, dachte sie darüber nach, was das für ein C-Teil sein konnte.
      Sie klopfte an. Einige Zeit verging, und sie wollte erneut anklopfen, doch da wurde die Tür geöffnet. Ein Diener wies sie an, einzutreten. Kaya erinnerte sich daran, wie sie das letzte Mal hier gewesen war. Damals war sie für die Registrierung gekommen. Heute betrat sie den Raum, um das Aufnahmeverfahren zu beenden.
      Sie ging zum Schreibtisch des Administrators und reichte ihm den Bescheid. „Ah, Sie kommen für die Stelle? Ja, ich werde das gleich bearbeiten. Kaya Tareni, geboren am 16.08.2048, Aufnahmeprüfung bestanden mit 97%. Das, junge Dame, ist eine hervorragende Leistung!“ Er legte den Bescheid beiseite. „Sie können nun gehen. In den nächsten Tagen werden wir ihnen einen Brief mit den weiteren Anweisungen zukommen lassen.“ Kaya konnte sich kaum zusammenreißen, um nicht vor Freude zu schreien. Sie hatte es geschafft! „Ach, eine Sache wäre da noch“, sagte der Administrator, als sie das Büro verlassen wollte. „Ich glaube, der Direktor wollte noch mit Ihnen reden. Einfach links, den Gang entlang, letzte Tür.“

      Kaya meldete sich bei der Sekretärin, die sie sofort weiterleitete. Der Direktor empfing sie freundlich und bot ihr einen Platz an. „Wie ich hörte, sind Sie unsere Kandidatin für den offenen Posten. Sie dürften die … zweite, vielleicht dritte Frau sein, die es soweit brachte. Ihnen ist doch klar, dass dieser Job all Ihre Zeit beanspruchen wird?“ „Natürlich.“ „Gut. Das müssen wir den Teilnehmerinnen immer sagen, weil sie im Falle einer Schwangerschaft den Posten verlieren würden. Wir können es uns nicht leisten, Sie für ein Jahr zu verlieren.“ „Das ist mir klar. Ich habe mich schon bei meiner Bewerbung darauf eingestellt.“
      „Gut. Nun will ich noch einige Worte mit Ihnen wechseln … es geht um die Geheimhaltung. Ein Thema, bei dem schon einige ausgestiegen sind, weil sie es sich nicht zugetraut haben, das Geheimnis zu wahren. Sie sind sich doch bewusst, was Sie alles nicht weitersagen dürfen?“ „Ich glaube schon. Unsere Methoden, die Gründe der Phänomene, die technischen Details der Geräte.“
      „Ja, das hat man Ihnen bei der Registrierung gesagt. Allerdings gibt es für alles eine öffentliche, und eine geheime Wahrheit. Wie wir arbeiten, wissen die Leute nur durch das, was sie sehen. Was wir tatsächlich machen, ist ihnen unbekannt. Wir stellen eine Erklärung für die Phänomene bereit, doch was tatsächlich dahinter steht, wissen nur wir. Unsere Geräte sehen die Menschen auch nur von außen – der Aufbau, die Funktionsweise, die Wissenschaft dahinter gehört einzig und allein uns. Wissen Sie, warum wir das alles geheim halten?“
      „Das wurde mir nie gesagt. Aber ich glaube, es ist zum Schutz der Menschen.“ „Genau. Es gibt Wesen, von denen Sie selbst noch nicht gedacht hätten, es könnte sie geben, doch werden Sie bald mit Ihnen in Kontakt kommen. Und es sind gefährliche Wesen. Die meisten zumindest. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, was aus unserer Welt wird, wenn die Menschen von jenen Wesen erfahren. Wenn wir verhindern, dass sie sie zu Gesicht bekommen. Ihnen ist sicher klar, wie wichtig die Geheimhaltung ist, ich glaube auch, dass sie nichts weitersagen. Sie können nun gehen. Paracek hat Ihnen von der kommenden Korrespondenz erzählt?“ „Er sagte, ich werde in den nächsten Tagen einen Brief erhalten.“ „Dann wäre das geklärt. Wir sehen uns!“

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      Kaya konnte es kaum erwarten, Ased davon zu erzählen. Zu viel konnte sie natürlich nicht sagen, aber dass sie die Stelle hatte, musste er erfahren! Auf dem Weg nach Hause stellte sie fest, dass sie die Welt nun mit anderen Augen sah. Ihre Sinne schienen geschärft, ihre Wahrnehmung erweitert. Vielleicht kam es ihr jetzt nur so vor. Vielleicht hatte ihr neuer Job tatsächlich eine Veränderung in ihr bewirkt. Wer weiß? Auf jeden Fall müsste sie in den nächsten Tagen ihre Post nach dem Brief durchsuchen, den sie sehnlichst erwartete.


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.
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      Das siebzehnte Türchen ist aus schimmerndem, mehrfach spiegelnden Eis gemacht und führt in eine Stadt. Direkt nebenan ist eine Schenke, in der gut Betrieb ist. Man sieht es gut an den vielen Spuren im Schnee, die alles andere als gerade sind.
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      Grelzigs Reise Teil 1

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      Grelzig Iffarsdan nahm einen tiefen Zug aus seinem Krug.
      „Stell dir nur vor, was wir alles erreichen könnten! Wir wären die allerersten, die auf die Zinne aufsteigen. Die ganze Welt würde uns bewundern und sich für immer an uns erinnern! Und stell dir nur die Reichtümer vor, die wir dafür kriegen würden! Und die Frauen!“
      Sein Freund Selkvid schüttelte den Kopf. „Du warst immer schon ein Träumer, Grelzig. Kein vernünftiger Mensch steigt auf einen Berg, nur weil er es kann.“ Selkvid schüttelte den Kopf.
      „Ach komm schon. Früher wolltest du auch immer mal raufsteigen!“ Grelzig erinnerte sich genau, wie sie als Kinder darüber geredet hatten, dass sie die Eiszinne besteigen wollten, um sie aus der Nähe zu sehen. Viele Stunden lang waren sie zusammengesessen und hatten sich ausgemalt, was sie dort oben finden würden. Den Schatz des Eiskönigs vielleicht?
      „Das waren Kinderspiele, Hirngespinste. Das war doch nie ernst gemeint. Trink lieber noch ein Bier.“ Sein Freund winkte die Schankmaid herbei, damit sie ihnen noch einmal vollschenkte.
      Grelzig trank und behielt seine Gedanken für sich. Ach, Selkvid, was ist nur aus dir geworden. Hast du alle deine Träume vergessen?
      ***
      Später am Abend taumelten sie gemeinsam aus der Schenke. „Mach‘s gut, Kumpel! Komm morgen nicht zu spät!“ mahnte ihn Selkvid, als er sich verabschiedete. „Du mach’s genauso!“ antwortete Grelzig wie immer.
      Dann trennten sich ihre Wege. Grelzig wandte sich nach links und ging an der Ratshalle vorbei die Gasse hinunter. Eigentlich war es ein Umweg und er wäre schneller nach Hause gekommen, wenn er vor der Ratshalle abgebogen wäre. Aber so konnte er nochmal einen Blick auf die Liebe seines Lebens werfen.
      Da war sie, schön und erhaben. Selbst in der Dunkelheit leuchtete sie heller als ihre Schwestern, da sich das Mondlicht in ihrem makellosen Antlitz spiegelte. Wie Glas, nein, eher wie Kristall, dachte Grelzig. Er hatte einmal einen Kristallpokal gesehen, bei einer Tagung in Skittlar. Das Licht hatte sich tausendfach in den Facetten gebrochen. So wunderschön war sonst nur die Zinne.
      Er seufzte und ging nach Hause. Rena wartete sicher schon auf ihn.
      ***
      Es dauerte noch viele Jahre, bis Grelzig sich seinen Herzenswunsch erfüllte. Der Winter des Jahres 1218 kostete ihn Rena und die Zwillinge. Als sie begraben waren, versuchte Selkvid noch einmal, ihn von seinem Vorhaben abzuhalten.
      „Du gehst in den Tod,“ sagte er.
      „Was weißt du schon. Du bist doch nur ein Schreiber. Sitzt immer am warmen Feuer. Du hast das Hochland verlassen und bist ein verweichlichter Städter geworden.“
      Selkvid seufzte. „Ich werde dir helfen, so gut ich kann.“ Und das tat er. Er sorgte dafür, dass Grelzig neue Pelze bekam, die wärmsten, die er für Geld auftreiben konnte, er besorgte ihm neue Schneeschuhe und die besten haltbaren Nahrungsmittel. Er sorgte dafür, dass Grelzig wartete, bis die Frühlingsschneeschmelze vorbei war und die Wege ins Gebirge wieder halbwegs sicher waren. Er lud jeden Tag Nachbarn und Freunde ein, um Grelzig zu zeigen, dass er nicht allein war, aber nichts konnte ihn abhalten. Er schlief kaum noch und verbrachte seine Nächte damit, zur Eiszinne hinauf zu blicken.
      Grelzig wollte endlich seiner großen Liebe begegnen.
      ***
      Er begann seine Reise an einem wunderschönen Frühlingstag. Die Sonne schien und wärmte ihn. Er hatte die Pelze zusammengebunden und auf sein Bündel geschnallt. Die würde er jetzt noch nicht brauchen.
      So viele Wochen hatte er auf diesen Augenblick warten müssen. Die ganze Zeit hatte er sich nur Gedanken über seine Reise zugestanden, dass was vor ihm lag, niemals das, was hinter ihm lag. Jetzt, als er sein bisheriges Leben tatsächlich zurückließ, holte ihn die Trauer ein.
      Er setzte sich auf einen sonnenbeschienenen Felsen und weinte bitterlich. Weinte um Rena, die ihm immer eine gute Frau gewesen war. So sanft und zärtlich, hatte sie ihm doch immer seine Schwächen vergeben. Seine Kinder, die sich so gerne in den Arm nehmen ließen. Er sah die Gesichter seiner Freunde vor sich, Nachbarn, Verwandte. Sie alle wünschten sich, dass er zu ihnen zurückkehrte und einer von ihnen blieb.
      Aber Grelzig war nie wirklich einer von ihnen gewesen. Er hatte es niemals jemandem gesagt, denn sie hätten ihn für verrückt erklärt. Nur Selkvid hatte sein Geheimnis gekannt und ihm hatte er es niemals sagen müssen. Sein bester Freund hatte es einfach gewusst, dass er sein Herz schon immer an die Berge verloren hatte. Wenn Selkvid zu Hause geblieben wäre und mit Grelzig zusammen die Felder bestellt hätte, ja, dann wäre er vielleicht geblieben. Aber Selkvid hatte ihn verlassen, um sein Glück in der Fremde zu suchen.
      Für Rena wäre er geblieben, auch für seine Kinder. Doch jetzt gab es niemanden mehr und er hörte die Eiszinne rufen, wie sie ihn noch niemals gerufen hatte.
      „Ich komme zu dir,“ sagte er zu dem glitzernden Berg in der Ferne. „Sorge dich nicht.“
      Damit schulterte er sein Gepäck wieder und stieg weiter den Berg hinauf. Die Bäume wurden allmählich kleiner und bald ließ er sie ganz und gar hinter sich zurück. Er stieg langsam über eine endlose Blumenwiese. Bienen summten um ihn herum und der Duft von Steinblumen und Veilchen stieg ihm in die Nase und er hielt ein weiteres Mal an, dieses Mal, um zurück zu blicken. Er hatte bereits einen weiten Weg hinter sich gebracht. Weit unter ihm lag das Dorf, die Häuser waren gerade so noch zu erkennen. Weißer Rauch kringelte sich aus den Schornsteinen und stieg langsam in den blauen Himmel hinauf, der sich endlos über ihm wölbte und hier oben viel näher zu sein schien, als dort unten.
      Grelzig lachte. Je weiter er hinaufstieg, desto leichter wurde sein Herz. Höher und höher stieg er, bis die Sonne hinter dem Horizont versank und sich ein Lager für die Nacht suchte. Eingerollt in seine Pelze schlief er tief und fest bis zum Morgengrauen.
      ***
      Am Morgen verzehrte er sein Frühstück aus Trockenfleisch und Hartkäse, dann machte er sich unverzüglich auf den Weg. Die Blumen wurden seltener, das Gras wurde karger, und bald schritt er nur noch über graues Geröll. Die Luft wurde kälter und eisige Winde zerrten an ihm. Er legte seine Pelze an und fühlte sich bald wieder warm. Über ihm ragte der Berg auf, endlos, uneinnehmbar, abweisend.
      „Ich komme zu dir, Geliebte,“ sagte er und ging weiter.
      Sein Weg führte ihn über das scheinbar endlose Geröllfeld und genauso, wie die Landschaft düsterer wurde, verdüsterte sich auch der Himmel. Wolken zogen auf und bald schon segelten Schneeflocken im Wind. Grelzig ging unbeeindruckt weiter. Er hatte schon viele Schneestürme erlebt und wenn dieser hier schlimmer werden sollte, konnte er immer noch Schutz suchen.
      Er überquerte das Geröllfeld und bald schon war der ansteigende Boden bedeckt von frischem Schnee. Er legte die Schneeschuhe an und ging weiter. Es wurde anstrengender. Der Weg war jetzt steiler und mit den Schneeschuhen zu laufen war ohnehin schwierig. Er musste bei jedem Schritt den Fuß heben und von oben in den Schnee treten. Schlurfen ging nicht mehr.
      Er konnte die Eiswand bereits sehen. Selbst bei diesem Wetter sah sie grandios aus. Endlos hoch, glatt wie ein Spiegel zeigte sie ihm das Bild der anderen Berge und des Himmels. Er setzte einen Fuß vor den anderen, doch die Wand schien kaum näher zu kommen.
      Der Schneesturm wurde dichter. Kalter Wind zerrte an ihm und drohte, ihn umzuwerfen. Das Schneefeld war endlos und eisige Kälte kroch von seinen Zehen herauf. Er fühlte seine Kräfte schwinden.
      Er musste es bis zur Eiswand schaffen, nur noch bis zur Eiswand. Einen Fuß vor den anderen. Langsam, er musste seine Kräfte schonen. Bald würde er da sein, dann konnte er sich ausruhen. Die Eiswand würde ihm Schutz bieten. Wenn er erst einmal dort war, würde er sich vor dem schneidenden Wind verstecken können.
      Schneeflocken wirbelten ihm ins Gesicht und nahmen ihm die Sicht. Dort vorne war doch die Eiswand? Alles sah gleich aus in diesem Sturm. Einfach weitergehen! Ein Fuß vor den anderen, immer ein Fuß vor den anderen.
      Er ging. Langsam. So weit, es war so weit. Wie weit war es wirklich? Er hatte die rettende Eiswand doch schon gesehen, so nah, da war sie ihm so nah erschienen.
      Kälte. Seine Beine waren steif. Er stapfte fester auf, um sich zu wärmen. Doch es war kalt, ach so kalt und er war müde, so müde wie noch niemals in seinem Leben. Er sah nur noch auf seine Zehen in den dicken Stiefeln. Eiskristalle hingen im Pelz und machten sie schwer, so schwer.
      Grelzig konnte kaum noch die Beine heben, selbst die Augenlider wurden ihm schwer. Wenn er doch nur ausruhen konnte, nur einen winzigen Moment. Doch das wäre sein Tod, das wusste er. Doch die Stimme, die ihn daran erinnerte wurde leiser, mit jedem schweren Schritt wurde sie leiser.
      Schließlich stolperte er und fiel. Zu müde, die Arme zu heben stürzte er mitten aufs Gesicht und eisiger Schnee füllte seinen Mund, gefolgt von etwas Heißem, Salzigem.
      Blut! Er musste sich auf die Zunge gebissen haben, doch er spürte keinen Schmerz.
      Erschöpft blieb er liegen. Nur kurz Luft holen! Dann wieder hoch, hoch und weitergehen, weiter, weiter!
      Ein Fuß vor den anderen. Der Schnee verbarg tückisches, rutschiges Eis. Er mühte sich, die Balance zu halten, doch seine gefrorenen Füße wollten ihm nicht gehorchen. Schon lange hatte er jedes Gefühl verloren.
      Er stürzte wieder. Schmerz schoss ihm durchs Knie und fiel auf die Seite. Er musste aufstehen, schnell! Doch er war so müde, so schrecklich müde. Nur einen kurzen Moment ausruhen…


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