Sprachbastelworkshop Teil 3 - Bedeutung und Grundentscheidungen

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    • Sprachbastelworkshop Teil 3 - Bedeutung und Grundentscheidungen

      Morpheme

      Was sind Morpheme?

      Wie schon gesagt, setzen sich Wörter auch aus Morphemen zusammen. Morpheme sind die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten der Sprache. Sie sind nicht mit den Silben identisch. Allerdings kann eine Silbe ein Morphem bilden, im Wort "unvergleichbar" etwa. Darin sind 4 Morpheme enthalten, die jeweils aus einer Silbe bestehen. "un" bedeutet eine Verneinung, "gleich" eine Übereinstimmung, mit "ver" wird ein Verb gebildet, mit "bar" ein Adjektiv.

      Was gibt es für Morpheme?

      Es gibt Morpheme, die eine inhaltliche Bedeutung transportieren. Das sind lexikalische Morpheme.
      Es gibt Morpheme, die der Wortbildung dienen. Das sind Wortbildungsmorpheme.
      Es gibt Morpheme mit grammatischer Funktion. Das sind grammatische Morpheme.

      Im Wort "Bildungen" ist "Bild" ein lexikalisches Morhem, "ung" ein Wortbildungsmorphem und "en" ein grammatisches Morphem.
      In der deutschen Sprache soll es ca. 3000 lexikalische Morpheme, 100 Wortbildungsmorpheme und 16 grammatische Morpheme geben. Es gibt auch viel größere und kleinere Angaben für die lexikalischen Morpheme.

      Wie hängen Morpheme und Silben zusammen?

      Dummerweise stimmen Silben und Morpheme nicht überein:

      • Morpheme können zwar aus einer Silbe bestehen ("Bach"), aber
      • sie können auch aus mehreren Silben bestehen ("Auto") oder
      • aus ganzen Silben und Teil einer Silbe (Silben: zer-le-gen; Morpheme: zer-leg-en) oder
      • aus einem Teil einer Silbe. (Silben: zer-le-gen; Morpheme: zer-leg-en)
      • Morpheme können sogar leer sein, wenn z.B. ein Nominativ Singular keine Endung hat, oder auch anderer Fälle mit dem Nominativ zusammenfallen. Bei einem leeren Morphem wird von 'Nullmorphem' gesprochen. Das ist für uns einfach eine Erleichterung, um besser darüber schreiben zu können, wenn ein Morphem fehlt, wo eigentlich eines sein müsste.
      Wie kommen wir nun an Morpheme?

      Dazu haben wir eine Liste mit Silben. Das ist natürlich offensichtlich bei Morphemen die mit Silben übereinstimmen. Ein guter Teil der Morpheme, die nicht mit Silben übereinstimmen, kommen schon durch Regeln der Einteilung von Wörtern in Silben zustande. Bei der Aufforderung "Leg!" stimmen Morphem und Silbe noch überein, während sie bei "le-gen" schon unterschiedlich sind. Das mit der Einteilung in Silben haben wir alle im Kindergarten gelernt. Daher sollte das bis zu diesem Punkt kein Problem verursachen.

      Und, weil wir es ja leicht haben wollen, ignorieren wir den Rest erst einmal.

      Auch bei Morphemen gibt es Homonyme oder Teekesselchen, also Morpheme, die bei sonstiger Gleichheit unterschiedliche Bedeutung haben. Denken wir an das Schloss auf dem Berg und das Schloss in der Tür. Ebenso gibt es Morpheme, die verschieden klingen, aber dasselbe bedeuten, also Synonyme sind. Sowohl '-en' als auch '-s' können im Deutschen den Plural bedeuten.

      Wie geht es nun vom Morphem zum Wort?

      Ein Wort besteht mindestens aus 1 Morphem und es gibt Sprachen, die nur aus Wörtern mit nur einem Morphem bestehen.

      Wichtig ist auch, dass es Morpheme gibt, die allein stehen können und Morpheme, die nur verbunden mit anderen Morphem auftreten können (vgl. "Ver-gleich"). Und es gibt auch Morpheme, die nur an einer Stelle vorkommen, mit einem ganz bestimmten anderen Morphem verbunden ('Him' in 'Himbeere'), oder nur in einer Redewendung. Andere sind nur in einem bestimmten Umfeld vertreten ('Schwieger' wie in 'Schwiegermutter' und 'frank' in '...frank und frei...', den Namen Frank und Franken und den zugehörigen Adjektiven und Namenserweiterungen).

      Wie aus Morphemen Wörter gebildet werden ist Thema der Wortbildungslehre, die allgemein beschreibt, wie dies geht und was dabei in den einzelnen Sprachen als Regel festzuhalten ist. Im Prinzip bildet dabei ein Morphem die 'Wurzel' eines Wortes, die dann nach den genannten Regeln erweitert wird.

      Und welche Regeln es dazu in der gebastelten Sprache gibt, dass gehört zu den Grundentscheidungen, die wir treffen müssen, bevor wir anfangen können, Wörter zu bilden und eine Wortliste zu erstellen.

      Welche Grundentscheidungen sind das?

      • Sprachen können nach ihrem Umgang mit Morphemen in verschiedene Typen eingeteilt werden.
      • Je nach Sprache kann es unterschiedliche Worttypen geben.
      • Schließlich ist da die Frage, welche Möglichkeiten der Wortbildung eine Sprache nutzt.
      Warum präsentiere ich diese Möglichkeiten hier nicht gleich genauer?
      • Ich habe mir die Grippe eingefangen. Mir geht es zwar langsam wieder besser, aber dadurch und durch meinen Umzug habe ich das Zeitpolster, dass ich mir im November erarbeitet hatte, aufgebraucht.
      • Es ist nicht jeder gewohnt so theoretisch zu denken und manche mögen es erst sacken lassen wollen, weshalb ich schon hier einen Arbeitsschritt vorschlagen muss, um auf eine praktischere Ebene zu kommen. Da bietet sich eine kleine Zäsur an.
      • Eine Aufteilung des dritten Teils macht es leichter. Ursprünglich wollte ich diese Themen, bei denen es in erster Linie um das Verstehen von Informationen geht, schnell abhaken, damit ihr Wörter bilden könnt. Doch scheint es mir mittlerweile besser, durch eine Aufteilung des Arbeitsschritts zu diesen Grundentscheidungen, dafür zu sorgen, dass diese Entscheidungen nicht zu leichtfertig getroffen werden. Bei den 'Sprachentypen' gibt es irdisch eigentlich keine 'reinen' Beispiele, die sich nur an einem Typ orientieren. Es braucht zwar keine tiefere Einsicht, um zu erkennen, dass sich da Kleinigkeiten beim weiteren Basteln ändern können. Aber es hilft eben doch, sich in dieser Hinsicht ein paar Sprachen in einem Sprachatlas oder bei Wikipedia oder Ähnlichem anzuschauen und nicht schnell nach Gefühl zu entscheiden.


      Welche Arbeitsschritte bieten sich zu Morphemen an?

      • Wer es sich praktisch verdeutlichen will, der oder die kann sich einige Wörter der eigenen Muttersprache und einer evt. gelernten Fremdsprache mal in dieser Hinsicht ansehen. Übertreibt es nicht und geht ganze Wortlisten durch. Schaut einfach nur mal ins Lexikon oder irgendeinen Text, was ihr selbst in der Hinsicht entdeckt. Je nachdem reichen da 10 Minuten und -es sei denn, es unterhält euch prächtig- würde ich nicht mehr als 20 oder 30 Minuten darauf verschwenden.
      • Ihr wollt eine eigene Sprache auch leicht lernen können. Daher ist es gut, die Silbenliste einmal danach durchzugehen, ob ihr mit einer Silbe schon etwas verbindet. Es kann hinterher eine andere Bedeutung herauskommen, aber ihr wisst dann um eure Falschen Freunde. Und ihr bekommt so eine Liste mit Assoziationen, die ihr sowohl dazu nutzen könnt, etwas leicht zu lernendes zu kreieren, als auch dazu, dass es einer euch bekannten Sprache nicht zu ähnlich wird. Je nach Anzahl eurer Silben ist dies für alle Silben nicht sehr praktikabel. Dann wählt zufällig welche aus, um zumindest ein Gefühl zu bekommen.

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    • Mal so als kleines Feedback/Status-Update meinerseits:

      Ich finde es wirklich klasse und interessant, wie du diesen Workshop aufgebaut hast bisher.

      Leider bin ich derzeit aufgrund zuviel Arbeit ruhig und muss meine Bemühungen zur Sprachentwicklung ein paar Tage auf Eis legen (wenn nicht sogar bis Ende des Jahres). Also bitte nicht als Desinteresse missverstehen - ich hoffe, ich kann danach wieder einsteigen und das alles nachholen.
      nobody.
    • Grundentscheidungen 1: "Sprachentyp"

      Nach ihrem Umgang mit Morphemen kann man Sprachen einteilen. Dabei gehört aber keine Sprache nur einem Typ an; sie bestehen vielmehr aus einer Mischung, können aber sehr nah an einen 'reinen' Typ heranreichen. Da die deutsche Sprache Elemente aller dieser Sprachtypen aufweist, sollte diese Einteilung für uns nicht schwer nachzuvollziehen sein. (Dieses Thema habe ich besonders stark mit dem WB-Sprachtutorial abgeglichen.)

      A- Isolierende Sprachen
      Isolierende Sprachen besitzen keine Affixe. Affixe sind Morpheme, die angehängt, vorgestellt oder eingefügt sind, wie 'ge-' und '-en' in 'gefallen'. Das bedingt dann eine feste Satzstellung, die eingehalten werden muss, damit das gemeinte klar wird, da die Beziehungen nur durch die Stellung im Satz ausgedrückt werden. Mandarin und Thai sind stark isolierende Sprachen. Und auch die feste Satzstellung im Englischen kommt daher, dass darin die meisten Endungen fehlen. Für das Deutsche bringt das WB-Sprachtutorial das Beispiel 'der/dem/den Berg'. Weil der Fall (Kasus) nicht durch die Endung ausgedrückt wird, geschieht dies hier durch den Artikel.

      B- Agglutinierende Sprachen
      Hier werden Affixe an die Morpheme gehängt. Und zwar so intensiv, dass dadurch alle grammatischen Funktionen geklärt sind. Dabei wird für jede Funktion oder Beziehung ein Affix eingebaut. Finnisch und Türkisch sind stark agglutinierende Sprachen. Wir kennen so etwas aber auch aus dem Deutschen: mach-t-e-n (Wurzel - Zeit (Tempus) - Person - Zahl (Numerus))

      C- Flektierende Sprachen
      Hier wird die Wurzel verändert, um eine grammatische Bedeutung wiederzugeben. Sanskrit und Russisch sind hier zu nennen. Im Deutschen wären Mutter / Mütter und brechen / brach / gebrochen Beispiele. Ebenso natürlich Dach / Dächer aus dem Post zu den Lauten. Zu den flektierenden Sprachen werden meist auch die 'Fusionalen Sprachen' gezählt. Bei fusionalen Sprachen werden mehrere grammatische Funktionen in einem Affix zusammengefasst, statt wie bei agglutinierenden Sprachen für jede Funktion ein besonderes Affix zu nutzen. Latein und Deutsch werden hierzu gezählt.

      D- Polysynthetische Sprachen
      Hier werden möglichst viele Informationen in ein Wort gefasst und das Idealbild ist ein Satz, der nur aus einem Wort besteht. Die athabaskischen Sprachen und die Eskimosprachen in Nordamerika sind stark polysynthetisch. Aber auch das Deutsche neigt ein wenig zum Verbinden von Morphemen zu langen Wörtern: Dudelsackpfeifenmachergeselle (z.B. bei Karl May zu finden, wo er zudem noch konstantinopolitanisch ist), radfahren und Baumarktfilialleiterehefrauenwagenkennzeichenhalterungsschraubendübelverpackungsspezialistenausbildungsvorchriftenbuchumschlagsaufschrift.

      Arbeitsschritt
      Jetzt ist zu entscheiden, wo die zu bastelnde Sprache in diesem Spannungsfeld steht. Dem etwas bequemeren Weltenbastler sei gesagt, dass flektierende Sprachen schwerer zu lernen sind als isolierende oder agglutinierende Sprachen. Für die erste Sprache kann sich auch für eine Reinform oder, um es zu vereinfachen, für eine weitgehende Reinform entschieden werden. Das Heranziehen des Beispiels einer bekannten Sprache ist natürlich auch möglich.

      Ordnungssystem

      Das ist jetzt nicht so wild, es muss nur die Entscheidung festgehalten werden:

      Wir notieren in unserer Grammatik, wo die gebastelte Sprache einzuordnen ist. Im Prinzip geht es um die Antworten auf folgende Fragen:

      - Welchem Sprachtyp steht sie nahe?
      - Wo gibt es Abweichungen?

      Viele werden hier sicher beim weiteren Basteln noch Änderungen anbringen.
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