[Weltennetz] U8 Tiefe Linie _rot

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    • [Weltennetz] U8 Tiefe Linie _rot



      Willkommen auf Ihrer Reise durch die Gefilde der inneren Welt.
      Es geht tief hinunter, hinein, hinauf und wieder hinaus.

      Lehnen Sie sich zurück.
      Blicken Sie aus dem Fenster,
      insofern es nicht selbst in Sie hinein blickt.

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    • Einstiegsbereich U8 - Tiefe Linie, Richtung Eta/ Zur Goldenen Katze

      Wie die geöffneten Fangblätter einer Venusfliegenfalle ruhen die Eingangsbereiche der U8 im betonierten Erdboden. Schmutzige Treppen führen hinab zur Station in den Bereich der tiefen Linie, der bereits unterhalb der Oberfläche liegt. Über dem Zugangsbereich flackert nervös das Hinweisschild, das wohl einmal Linien- und Richtungshinweise angezeigt hatte. Jetzt sind die Buchstaben überwuchert mit einer dunklen, schmierig anmutenden, organischen Substanz. Vielleicht nur Schmutz, der schon ewig nicht mehr abgetragen wurde. Oder aber etwas anderes, dass sich schon seinen Weg in Richtung der lichten Oberfläche gebahnt hatte.

      Als wir den Einstiegsbereich betreten, vernehmen wir schon ein grollendes und herannahendes Chaos. Die Schienen scheinen hellrot zu glühen und sie vibrieren ja auch inmitten des Getöses, das uns mehr und mehr einnimmt. Dem aufmerksamen Beobachter wird klar geworden sein, dass nicht sicher ist, welchen Verlauf die Schienen der Tiefen Linie nehmen, da die Bereiche zwischen den Stationen lediglich schwarz markiert sind. Schon beim Anblick der Netzkarte haben wir den Eindruck, dass es sich um zeitlose Bereiche handeln könnte, mehrdimensionale Zeiträume, deren Ausbreitung eher flächen- oder teichähnlich zu betrachten ist.

      Wir steigen widerwillig ein, als die U8 völlig geräuschlos in die Station einfährt und uns selbst genauso ton- und klanglos in sich aufnimmt, so, als absorbiere sie uns schlichtweg. Alles Getöse ist jetzt ja fort und wir finden uns in einer völlig geräuschlosen Kulisse wieder. In der Bahn selbst begegnen wir vielen anderen, aber sie sind ja alle ohne Gesicht. Dem scharfsinnigen Beobachter wird aufgefallen sein, dass hier wirklich jedes Gesicht zu einer nebelartigen, beinahe transparenten Substanz verschwimmt. Schwärzlich mutet diese Substanz an, jetzt schon tief schwarz, gar absorbierend. Und auch die ebenso schwarzen Fenster der U8 ziehen jetzt unsere Aufmerksamkeit auf sich, da durch sie hindurch nichts zu sehen ist und sich ebenso nichts in ihnen wiederspiegelt. Dieses Phänomen ließe sich nur dadurch erklären, dass eben nun nichts mehr da ist, das hätte gespiegelt werden können. Lautlos und äußerst klanglos beginnen wir ja jetzt unsere Reise durch die Winkel, Venen und feinsten Kapillaren der inneren Welt.


      Nächster Halt: Schlangengrund

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    • Während die tiefe Linie sich in Bewegung setzt und alles – samt uns Gesichtslosen – in der Dunkelheit dahintreibt, sinnieren wir schon darüber, was diesen Ort hier besonders macht. Dem aufmerksamen Beobachter wird entgehen, dass die Zeit innerhalb des Zuges schon längst zum Stillstand gekommen war – alles und jeder bewegte sich jetzt durch einen zeitlosen Raum. Wie ein riesiger Teich weitet sich das Schwarz und umhüllt den Zug, der die tiefe Linie abfährt, wie eine undurchdringliche Aura.

      Da ja jetzt schon alles Licht, das das Innere des Zuges noch erhellt, verschwindet, gleicht sich schon bald alles an das undurchdringliche Schwarz der Fenster an. Alles wird weit und weitet sich noch mehr – es bleibt der unermessliche Raum der kosmischen Ursphäre, die wir „das Weltenmeer“ nennen. Es ist so, als würden wir ja selbst durch die Tiefen dieses Meeres gleiten, völlig frei und körperlos. Das Auge des scharfsinnigen Beobachters wird das metallische Aufflackern in der Ferne entdeckt haben, das sich kontinuierlich unserer eigenen Präsenz nähert.

      Jetzt offenbart sich auch, womit wir es zu tun haben, da ja die gigantischen Weltenschlangen auf ihrem Weg durch den unendlichen Raum fortan Welten träumen, die jetzt schillernd und bizarr in unserem Geist aufkeimen. Und auch die gefletschten Zähne und prächtigen Federn fremdartiger Kreaturen ereilen bildhaft unser inneres Auge. So wie sie träumen und dahingleiten – ohne Anfang und ohne Ende – uralt und so anmutig, so lassen auch wir uns von der sonderbaren Bildgebung in einen angenehmen Zustand der Dämmerung hineintragen.


      Nächster Halt: Echokammer
    • Ein dumpfes Vibrieren beginnt jetzt, jede Art von Bildgebung zu ergreifen und sie in eine neue, merkwürdige Darbietung zu verwandeln. Momente erscheinen vor unserem inneren Auge, wechselnd und ineinanderfließend. Und inmitten all dessen scheinhafte Doppelgänger, Kreaturen, die ja mein eigenes Gesicht tragen und in verschiedenen Versionen meiner selbst das Spiel des Lebens spielen. Und manche verlieren es auch. Zum ersten Mal könnte sich der aufmerksame Beobachter wirklich die Frage stellen, was uns hier gezeigt wird und wohin diese Reise überhaupt führt.

      Und den Bildern folgen jetzt auch Stimmen, die im Nachhall hin und her klingen, so, als wären sie in dieser bizarren Anordnung gefangen. Und auch wir fragen uns erneut, was wir hier beobachten: Zieht unser Leben an uns vorbei oder sehen wir womöglich zukünftige Versionen, mögliche Versionen unserer selbst, die hier in den Sternen stehen? Vielleicht sämtliche Versionen im Teich der Raumzeit, die von uns manifestiert werden könnten? Oder manifestiert sind? Möglicherweise fließt hier alles in einem Punkt zusammen, reflektiert sich, spiegelt sich, stößt sich an und vervielfältigt sich umgehend in einem einzigen großartigen Fraktal. Ist das der Baum des Lebens? Seine unermessliche, selbstähnliche Expansion in den kosmischen Raum? Oder seine Verderbnis? Wir wissen es nicht und nehmen erneut Fahrt auf, bald ankommend in einem noch merkwürdigeren Gefüge.


      Nächster Halt: Stufen von Penrose
    • Von ewiger Wiederholung durchzogen mutet es ja schon so an, als würden wir uns selbst bis ins Unermessliche vervielfältigen. All die Versionen von uns selbst, denen wir just begegneten, verwandeln sich nun in eine albtraumhafte Szenerie, die uns schmerzhaft die Selbstähnlichkeit ihrer selbst vor Augen führt. Am Ende jeder Linie wuchern neue Abzweigungen, Abziehbilder dessen, was schon ist, grauer werdend, sich selbst undeutlicher darbietend.

      Was gewesen ist, insistiert fortan, da es ja so aussieht, als gäbe es keine Erneuerung mehr. Und die Fahrt, die sich ebenfalls zu wiederholen scheint, führt vielleicht nirgendwo mehr hin, da sich die Wagons des Zuges weiter nach unten schrauben – oder nach oben – das ist uns nicht offenbar. Und der Zug selbst – in welchem wir ja noch immer Passagiere sind – schraubt sich metallisch ins Schwarz der sternenlosen Weite. Die immer gleichen Abschnitte, einer Komposition aus Vertrautem und Fremdem gleichend, setzen sich hinfort. Gewahr wird uns aber, dass die gesamte Anordnung immer stärker einem Tunnel gleicht, der schmaler, länger und undurchdringlicher erscheint.

      Ist das die Schwelle zu einer anderen Dimension? Ein Wurmloch, das uns noch weiter von hier fortbringt? Oder der Geburtskanal, der uns in das ewige Leben überführt? Seine Selbstähnlichkeit ist ja verblüffend. Und beängstigend. Wird dieses Fraktal des Lebens bald schon implodieren? Oder unaufhörlich expandieren? Vielleicht wird es sich umkehren, insistierend transformieren, uns in sich aufnehmend. Resorbierend und unumkehrbar verschlingend.


      Nächster Halt: Pollonisches Ufer