The Brautigan Library

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    Es pfeifen die Spatzen schon von den Dächern: die diesjährige Olympiade beginnt in nunmehr weniger als zwei Wochen!
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    • The Brautigan Library

      Manchmal gibt es so Geschichten, von denen wünscht man sich mit aller Kraft, dass sie wahr wären. Eine solche Geschichte ist -zumindest für mich- die Geschichte einer Bibliothek in dem Buch "the Abortion" von Richard Brautigan. Ich muss dazu sagen, dass ich das Buch selbst nicht gelesen habe. Aber ich habe davon gehört, und diese Geschichte ist definitiv eine Geschichte für Weltenbastler. Wer die deutlich atmosphärischere und besser erzählte Version hören möchte kann das hier tun (englisch, Act two), ansonsten erzähle ich unten worum es geht. Aber Achtung: Spoiler.

      In San Francisco, Californien steht eine kleine Bibliothek. Diese Bibliothek wird von nur einem einzigen Bibliothekar betrieben, der zu jeder Tages- und Nachtzeit verfügbar ist, denn er lebt in der Bibliothek. Er ist ein Herr, nicht schick aber stets korrekt gekleidet, immer höflich und freundlich und ein angenehmer Mensch. Das besondere an seiner Bibliothek ist, dass diese Bibliothek nur unveröffentlichte Werke annimmt. Jeder Mensch kann dort seine Manuskripte abgeben, egal in welcher Form und egal worum es geht, und sie können die Bücher ganz frei in irgendein Regal stellen, das ihnen am besten erscheint. Und da stehen dann also die ganzen unveröffentlichten Bücher über alles mögliche und unmögliche, von ganz verschiedenen Menschen. Es ist egal wo die Bücher stehen, denn in dieser Bibliothek geht es nicht darum, dass jemand die Bücher ausleiht oder liest - es ist nicht "diese Art von Bibliothek". Brautigan beschreibt diese Bücher als "the unwanted, the lyrical and haunted volumes of American writing". Einige Beispiele für Bücher, die in der Geschichte in dieser Bibliothek abgegeben werden: "Bacon Death", oder "Leather Clothes and the History of Man" (ganz aus Leder), oder "The Need for Legalized Abortion".

      Ich kann es nicht so gut beschreiben, aber die Idee einer Bibliothek für unveröffentlichte Werke hat mich sofort gepackt und ich fand das so schön, dass ich mir dachte: Das muss es doch wirklich geben! Und manchmal sind die Menschen eben doch toll - es gibt sie.

      Ein Mann namens Todd Lockwood hat das Buch gelesen und jahrelang darauf gewartet, dass jemand diese Bibliothek baut. Und nach vielen Jahren treibt ihn persönliches Schicksal in den Film "Field of Dreams", der ihn an das Buch und die Bibliothek erinnert, und er beschließt sie selbst zu bauen. Was er auch getan hat. Noch schöner: Wieder später präsentiert er die Bibliothek auf einem Kunstfestival, wo aus heiterem Himmel plötzlich jemand vor ihm steht und sich als Autor des Buches vorstellt, auf dem der Film "Field of Dreams" basiert - und erzählt ihm, dass die Bücher von Richard Brautigan ihn so sehr beeinflusst haben, dass er ohne diese Bücher niemals sein eigenes Buch geschrieben hätte - was dann niemals verfilmt worden wäre, woraufhin Todd Lockwood niemals die Brautigan Bibliothek eröffnet hätte. Dieser Autor starb übrigens vor ein paar Jahren am selben Tag wie Brautigan selbst.

      Irgendwann musste die Bibliothek leider geschlossen werden, aber es hat sich jemand gefunden der sie weiterführt: Ein Professor in Vancouver, Washington, der selbst ein Student von Richard Brautigan war. Und bei ihm existiert die Bibliothek immer noch. Er nimmt keine gedruckten Manuskripte mehr an, aber man kann PDFs einschicken, die dann auch registriert und auf der Webseite gelistet werden. Alle digitalen Manuskripte können heruntergeladen und gelesen werden, und es gibt kurze Beschreibungen der Autoren und manchmal einen Kommentar des Bibliothekars.

      Ein besonders schönes Beispiel dafür, was für Bücher in dieser realen Bibliothek stehen, sind die Manuskripte von Albert Helzner, der mit 19 Büchern die meisten Manuskripte zur Bibliothek beigetragen hat. Er hat insbesondere ein Buch beigetragen mit dem Titel "October 6th, 1990", in dem er beschreibt, wie er jedes Jahr am 6. Oktober ins Kranbkenhaus fährt um sich Neugeborene anzusehen und darüber nachzudenken, wie es zu ihrer Geburt kam, was wohl die Geschichte sein mag die zu diesem Kind führte, und wie dessen Leben weitergehen wird. Dieses Buch richtet sich insbesondere an das Kind, bzw ist über das Kind, dass er am 6. Oktober 1990 gesehen hat. Albert Helzner ist inzwischen tot, was mit dem Kind ist, weiß man nicht... Und ich finde es gerade ganz tiefgreifend herzerwärmend in einer Welt zu leben, in der ein schrulliger alter Mann ein Buch an ein Kind schreibt, das nicht seines ist, und das nie von diesem Mann oder seinem Buch wissen wird, und dass dieses Buch nun verstaubt und vergessen in einem kleinen Hinterzimmer in einer Bibliothek in Vancouver steht und darauf wartet, dass dieses Kind es irgendwann vielleicht entdeckt. Und irgendwo auf der Welt läuft ein Mensch herum, an den dieses Buch gerichtet ist. Das ist toll.

      So. Geschichte erzählt. Was jetzt. Haben wir Bücher, die wir zu diesem wahr gewordenen Märchen einer Bibliothek beisteuern können? Wollen wir was ähnliches in Deutschland aufbauen? Kennt jemand die Bücher von Brautigan? Ist üebrhaupt nachvollziehbar, was mich an dieser Geschichte und dieser Bibliothek so fasziniert?

      Ich will auf jeden Fall etwas in der Richtung in meinen beiden derzeit aktiven Welten einbauen, vermutlich wird es wieder ein crossover aus beiden Welten. Aber die Idee und die geschichte ist zu schön um nicht verbastelt zu werden. Und irgendwie erinnert es mich auch an meine eigentliche Hauptwelt Lym, in deren Konzept von Anfang an eine alles sammelnde Bibliothek eine ganz große Rolle gespielt hat.
      I would have followed you, my brother. My captain. My king.
    • Das ist schön... da hast du recht :aww:
      Grade die Idee, einen versteckten Freiraum zu schaffen, an dem sich nichts dem System anpassen muss, sondern einfach sein darf, was es ist, das ist gut.

      Ich muss an mein Archiv von Chton's'chr denken, das nach Aufgabe der Stadt immer noch von einem einsamen Wächter-Trch'zon instand gehalten wird, um das Wissen bereit zu hatlen, sollte es die Welt irgendwann mal wieder brauchen.
      Zwei gesichtslose Tintenfische tanzen in den Tod

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    • Bibliotheken finde ich als Element in Geschichten immer faszinierend. Wahrscheinlich weil sie immer dieses Potential haben, wie ein Spiegel im Spiegel zu sein, weil sie etliche Welten beinhalten. Und wenn die Bücher in der beschriebenen Bibliothek auch wieder von Bibliotheken erzählen ... :D

      Richtig toll, dass es Menschen gibt, die diese Idee aus dem Buch wahr gemacht haben. Todd Lockwood ist mir auch ein Begriff, wenn es der selbe ist und nicht nur zufällig so heißt (der Fantasy-Illustrator).

      Ob es in Deutschland etwas ähnliches schon gibt oder mal versucht wurde, weiß ich nicht. Mir stellt sich allerdings auch die Frage, ob so etwas in Zeiten des Internets in Form von ebooks "notwendig" ist, da man mittlerweile ja immerhin selbst ebooks veröffentlichen kann. Also müsste man dann ja schon bewusst entscheiden, ein Buch nicht als ebook zu veröffentlichen, sondern direkt in diese Bibliothek geben. Kann man natürlich tun ... aber ich schätze, für mich wäre das wohl auch eher als Element für innerhalb der Welt interessant. Habe in meiner "Hauptstadt" auch eine große Bibliothek, bei der es mich gar nicht wundern würde, wenn sie solche Werke beinhaltet.

      Bei Bibliotheken würde es mich auch nicht wundern, wenn die verschlungenen Gänge einer Bibliothek von verschiedenen Welten aus zugänglich wären. ;)
      nobody.
    • Es ist wohl ein anderer Todd Lockwood, habe gerade mal nachgeschaut. Der aus dieser Geschichte ist meines Wissens Fotograf und Musiker.

      Hmja gewissermaßen hast du natürlich recht, dass das Internet die physische Bibliothek irgendwo ersetzt. Aber der Flair dieses Raumes, den hat das Netz halt nicht, egal wer da wo in welcher Ecke seine Geschichten online stellt. Und da ist es - selbst in digitaler Form- eben zentralisiert gesammelt. Und mit dem expliziten Gedanken einen Raum für die unbekannten Geschichten zu schaffen. Das hat für mich immer noch etwas, was das Internet niemals haben wird, weswegen ich mich über so eine Bibliothek wahnsinnig freuen würde.
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    • Ich bin da völlig bei dir, Rilli! :D
      Diese Geschichte ist wirklich wundervoll. Ich kannte aber keinen der genannten Namen und Bücher.

      Und ich fände eine solche reale Bibliothek in Deutschland auch extrem cool. Ich würde meinen Mega-Satz reinstellen... ;D
      Æýansmottír-Blog - Mysterion-Blog - Deviant - Mysterion - Æýansmottír (provisorisch) - Bloubbuji

      Jedes Tier sollte stolz sein, wie Grillgut auszusehen. Besser als wenn man hinschaut und sagt: "Nette Suppeneinlage." (Mara)
      The limit of the Willing Suspension Of Disbelief for a given element is directly proportional to its degree of coolness.