Neunzigstes Speedbasteln am Gründonnerstag 2019

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    • Ostertanz mit Dudelsack

      Irenäus ließ die Hintertür der Weltwirtschaft hinter sich zufallen und wandte sich zur Küche, in der geschäftiges Treiben herrschte, aber keine Lieferschachteln standen. Es schien also, als hätte der Halbdämon gerade nichts weiter zu tun.
      Und Hunger hatte er auch, also klebte er kurzerhand einen Zettel mit seinem Lieblingsgericht darauf auf das Bestellgestell und setzte sich an einen Tisch, sogar nahe der Bühne. Fred Wurzelbaum spielte gerade Dudelsack und seine Tochter Luzia sang dazu, klang recht anständig, wenn man bedachte, welche Folter derselbe Dudelsack (mit demselben Dudelsackbläser) vor nur einem Jahr gewesen war. Luzia hatte ja schon damals sehr schön gesungen.
      Waltraud kam an den Tisch und stellte einen großen Teller ab. "Irgendwann nimmt der Chef dir übel, dass du deinen Zettel nach vorne reihst", sagte sie, "aber jetzt lass dir den Butterschmarrn schmecken."
      "Danke."
      Sie zwinkerte und schlängelte davon.
      Irenäus grinste ihr nach, bis über beide Ohren, dann machte er sich über den Butterschmarrn her. Wie immer köstlich.
      Der Dudelsack und Luzias Stimme verstummten. "Meine Damen und Herren", übertönte Fred die Gespräche an den Tischen, "Zur Feier des Tages werde ich eine Tanzvorstellung begleiten! Bitte Applaus für die Bürgernahe Tanzgruppe!"
      Irenäus legte sein Besteck ab und schlug eifrig seine Handflächen aneinander, und natürlich nicht als einziger. Fünf maskierte Frauen in kurzen roten Kleidchen und roten Lacksteppschuhen kamen auf die Bühne. Fred holte tief Luft und blies den Dudelsack auf, und kurz später erklangen die Töne.
      Irenäus klappte den Mund auf, ohne die Absicht, etwas vom Butterschmarrn zu essen. Er hatte gar nicht gewusst, dass es in Salzauen an der Guch so gute (und gutgebaute) Stepptänzerinnen gab. Ihre Schuhe klackten auf der Bühne, ihre Beine wirkten federleicht, es war wahrlich erstaunlich. Es musste einige Zeit vergangen sein, als sie sich verbeugten, aber es kam Irenäus nicht so vor.
      Die Tänzerinnen richteten sich wieder auf und nahmen nun ihre Masken ab, als nächstes streiften sie die Schuhe von den Füßen ... und dann kamen sie von der Bühne zu den Tischen. Diana Filzschneider setzte sich zu ihrem Mann und ihren Kindern, Laura Weißberg nahm bei ihren Geschwistern Platz, Luise und Terese Funzlhuber hatten einen eigenen Tisch, und Greta Bergwalchner kam zu Irenäus und fragte freundlich, ob da denn noch frei wäre.
      Irenäus machte den Mund zu und schluckte. "Äh ... ja, äh, sicher, da sitzt ja keiner."
      Greta lächelte strahlend und setzte sich kurzerhand hin.
      "Bürgernahe Tanzgruppe, hm?", fragte Irenäus, "Wird im Rathaus auch gelegentlich getanzt?"
      "Wenn wir schon alle dort sind, kann man dort auch üben", sagte sie, "Abends. Tagsüber wird gearbeitet."
      "Jawohl, Frau Bürgermeisterin." Er grinste.
      Sie hatte sich zu ihm gesetzt. Das war neu. Sonst setzte immer er sich zu ihr und langsam hatte er den Eindruck gehabt, dass es wenig Wirkung hatte.
      Aber sie hatte sich zu ihm gesetzt! Ein Wunder!
      Ein Wirtschaftswunder!
      Wer das liest, ist auch nicht schlauer als vorher.
    • Etwas verspätet:

      Die Überregionale Dampfgesellschaft (ÜRDG) wurde damals genehmigt und erbaut als die Wirtschaft boomte und das Geld floss nur so in die Infrastruktur. Selbst kleinste Orte weit im Hinterland wurden mit Bahnhöfen versehen und die Wagons hinter den prächtigen Loks waren sehr bequem und geräumig, ja geradezu dekadent gestaltet. Heute kann man ihren altmodischen Charme noch auf der Linie U78 bestaunen.
      Zwar setzte die Rezession der ÜRDG übel zu, doch der Optimismus sollte noch eine Weile andauern. Die damalige Linie 7 transportierte täglich gute Mengen an Passagieren und sollte bald an den Vektor des Weltennetzes angeschlossen werden, wovon man sich eine große Zunahme der Fahrgastzahlen erhoffte. Die Fahrgäste blieben aus und die Strecken verfielen langsam. Nacheinander mussten Bahnhöfe aufgegeben werden und die meisten Linien wurden geschlossen. Die ÜRDG wurde zwar schließlich vom Weltennetz übernommen, doch Geld wurde nicht für die alten Gleise, Loks und Bahnhöfe lockergemacht; zu unwirtschaftlich.
      Heute transportiert nur noch die Linie 23 eine zweistellige Zahl an Fahrgästen, doch der enorme Aufwand die Züge instand zu halten, frisst jegliche Einnahme mehr als auf. Im Durchschnitt kommen auf einen Passagier 1,68 Mechaniker, die den Zug reparieren.
      Dass die U78 und die 23 überhaupt noch fahren, scheint heute ein Wunder, doch deren Angestellten sind davon ziemlich unbeeindruckt: „Ich sogen ihnen, wir fohren uck noch morgän. Moment bidde… NÄÄÄCKSTE STATION, UTTRUPPER FELD!“
    • Veria, das ist ja eine süße Geschichte, richtig toll! :klatsch:
      Du hast ja in deiner Bastelphilosophie geschrieben, dass du gerne etwas bastelst wo du selbst gerne leben würdest, und wer würde nicht in so einem heimeligen Ort wie Salzauen an der Guch leben wollen? Das leckere Essen, alle kennen sich, die Namen sind schön ulkig und die Ratsfrauen präsentieren sich und zeigen was sie können und werden danach wieder Teil der Gesellschaft. Das wirkt alles sooo gemütlich. <3