Bestandsaufnahmen

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    • Bestandsaufnahmen

      Grollend und berstend kracht es, als sich die Mauern des Hauses aus dem Nichts herauskristallisierten und den Raum schufen. Unter qualvollem Knarzen gebiert der Raum nun auch Durchgänge, Nischen, Türen und Fenster. Und die Fenster - manche groß, manche klein - lassen die Grenze des Inneren zum Äußeren durchschaubarer oder undurchsichtiger werden. Auch die Türen und Durchgänge werden zahlreich, denn sie verbinden ja diverse Raumeinheiten miteinander und schaffen eine innere Struktur, fast eine Psyche, deren Manifestationen in Resonanz wuchern und sich unaufhörlich vervielfältigen. Und erst die Wände, die ja das wahre Innenleben des Hauses bestens verbergen: Röhrenförmige Wasserleitungen, die manchmal einen unaufdringlichen Fluss vernehmen lassen und elektrische Leitungen, deren Knistern und zuckendes Glimmen an defekten Stellen zutage treten. Hier und da tropfende Ventile, feuchte Dichtungen und schwarz sich ausbreitende Flecken und unwohle Gerüche, die ja den Blick unweigerlich auf die fauligen Stellen des Hauses lenken. Dort wo sich schmale Nischen geformt haben, ranken Schatten sich Ecken, Wände und Decken hinauf. Sie verbergen ja das, was unsichtbar bleiben muss, um erkannt zu werden. Schmale Flure fließen wie Venen durch das Zentrum des Hauses und siedeln die einzelnen Räume an, wie Früchte an einem hölzernen Ast. Und auch hier zeigt sich ja das organische Fraktal, dessen Ausgangspunkt eine steinerne Schraube ist, die wie ein Rückgrat die vertikale Achse des Hauses bildet und alle Höhen- und Tiefenebenen miteinander verbindet. Am Unteren Ende dieser Achse ein Schacht, der noch tiefer führt. Am oberen Ende das Firmament, dessen Blick in Richtung All wandert und sich dort verlieren mag in einem Himmel voller Sterne. Inmitten all dessen gleicht das Haus einem pulsierenden Organismus, der jene in sich aufnimmt, die in ihm hausen und sich in ihm ausbreiten bis in die feinsten Kapillaren der Außenmauern. Wie ein schützender Wall formiert sich das Haus um seine Bewohner herum und wird von eben diesen geformt. Die Grenzgänge im Inneren des Hauses enden, wenn die Dunkelheit hereinbricht. Und noch niemand hat jemals angenommen, dass ja die Gefahr im Inneren des Hauses lauert.

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    • Wer dachte schon darüber nach, dass die Dimensionen im Inneren des Hauses die des Äußeren maßgeblich übersteigen? Ist dieses Haus nicht prächtig? Ein Palast, eine Höhle und wahrlich eine Festung, die ich unter beachtlicher Anstrengung erschaffen habe. Ich ruhe hier in Frieden und von irgendwoher naht schon der Eindringling heran, der gewillt ist, alles zu zerstören, was ich mühevoll errichtet habe. Schlimmer sind ja noch jene Feinde, die sich im Inneren meines Hauses versteckt halten. Achtsam halte ich die Türen und Fenster geschlossen und lasse niemanden herein. Und stets wahre ich den Schein, den mein Haus nach außen trägt. All die unsichtbaren Markierungen im Inneren, die nur auf mich schließen lassen können - sie machen diese Festung zu meinem Eigen. In Symbiose lebe ich mit meinem Haus, halte mich bedeckt, versteckt, unsichtbar. Nur die Fassaden meiner Festung blicken hinaus und werden erblickt, nicht aber ich selbst, der ich hier hause. Und in den zahlreichen Räumen, verwinkelten Ausrichtungen und sich überlappenden Ebenen fließe ich umher. Von ferner her vernehme ich ja schon schwere Schritte, die sich über die Treppe herauf zu mir schleichen. Sie werden schwerer, träger, dumpfer und ich verliere mich schon in meinem Haus. Immer tiefer bohren sich die Wurzeln dieser Festung in die kalte Erde unter mir. Und meine Gedanken steigen immer höher, entfernen sich von allem. Das Haus lagert aus, was es nicht absorbieren kann und es absorbiert, was es nicht abstoßen kann. Ich schließe die Fenster, weil es regnet und alles in diesen Räumen beginnt zu schweben. Lange dachte ich darüber nach, lange verlor ich mich weiter zwischen all den Fugen und losen Treppenstufen des Hauses, die mittlerweile nur noch klappernden Zähnen gleichen. Ich verstehe, dass dieses Haus zerfallen muss, dass sein Fundament versinken wird im nasskalten Schlamm der äußeren Welt und dass seine Mauern erschütterbar sind und einbrechen werden, dass die Grenzgänge im Inneren des Hauses enden werden, wenn die Dunkelheit hereinbricht und dass diese Dunkelheit niemand anderes als ich selbst sein werde und mein Haus ja nicht anders kann als mir ein permanenter Spiegel zu sein. Aber nicht ein einziges Mal habe ich darüber nachgedacht, dass es vielleicht umgekehrt gewesen sein könnte.

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    • Die Abläufe in meinem Haus sind fortwährend selbstähnlich und die gleichen. Während ich Wasser zum Sieden bringe, fällt mir aber eine unebene Stelle im Fliesenmuster an der Küchenwand auf. Es ist ja eine kleine, kaum mit dem Auge auszumachende Lücke in der Fuge. Und mit meinem geschärften Blick erahne ich einen Hohlraum, der dahinter liegen muss. Ich nähere mich schon dem Phänomen und muss erkennen, dass sich dieser Hohlraum ja sehr weit in die Wand hinein erstrecken muss. Aber er überschreitet dabei ja die eigentliche Tiefe der Wand, die vielleicht dreißig Zentimeter beträgt. Ich sinniere über diese Welt hinter der Wand, zwischen den Wänden, inmitten der Mauern dieses Hauses. Vielleicht spielt sich dort ein weiteres Leben ab, vielleicht wütet ein Feuer oder es gähnt eine eisige Schwärze, die klirrend sich durch die Lücke in der Fuge fressen will. Hinein in die Innenräume meines Hauses. Wahrscheinlich gibt es noch mehr dieser unebenen Stellen und bröckelnden Furchen. Ich befürchte ja schon Tag um Tag, dass ich mehr davon entdecken werde und dass sich langsam und schleichend die mysteriösen Geschöpfe dieser Zwischenwelten Eintritt in das Innere meines Hauses verschaffen. Ich ahne ja nicht ansatzweise, was sich jenseits meiner Mauern verbirgt. Vielleicht liegen dort prächtige goldene Gärten, die ich zu gegebener Zeit besuchen will.

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