WB-Adventskalender 2019

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    Vom 7.-8. März 2020 findet der WELTENWerker Konvent in Gießen statt. Wenn wir bei der Veranstaltung Workshops, Vorträge etc. anbieten wollen, müssten wir diese bis spätestens zum 15. Januar anmelden. Wer mitplanen möchte und konkrete Vorschläge hat, ist eingeladen, sich im Planungsthread zu melden.

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      Das zwanzigste Türchen ist aus klarem Eis gemacht. Oberhalb des Durchganges ragt ein Schnabel hervor und ein kalter Blick aus zwei kleinen Augen durchdringt ein jeden. Die Seiten des Türchens umfassen den Durchgang fast schützend, wie Schwingen aus eisigen Federn.





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      Eisvogel


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      Ein Ton aus flüssigem Kristall
      klingt durch die leere Nacht
      und kündigt an mit kaltem Schall
      die Melodie, aus Eis gemacht.

      Kann er sein Lied ungestört singen,
      bringt er Frieden für dies Land
      auf seinen eiskristallnen Schwingen,
      glänzend wie ein Diamant.

      Mit seiner Stimme klar und rein
      singt er den ersten Frost herbei
      und lädt den stillen Winter ein,
      die Zeit der Ernte ist vorbei.

      Drum sammelt euch ums Feuer,
      teilt seine Wärme und sein Licht,
      helft denen, die euch lieb und teuer
      und vergesst auch die ander'n nicht.


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.


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      Wer das liest, ist auch nicht schlauer als vorher.
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      Das einundzwanzigste Türchen hat einen Metallrahmen und eine Glasscheibe, oberhalb des rot lackierten Türgriffes kleben, teilweise abgeblättert und nur mehr als schmutzige Konturen sichtbar, die Buchstaben "ZIEHEN". Oberhalb des Türchens hängt ein auf alt aufgemachtes Holzschild, und auf diesem steht: "Lenkdrachenverleih Unternüggbuchinger"





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      Weinachten II, Teil 1


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      Es war Herbst im Sektor zwei. Man merkte es allerdings nicht, denn die Windmaschinen waren seit fünf Stunden ausgefallen. Fridibald hatte alle Hände voll zu tun, denn Heerscharen an Kindern wollten die geliehenen Lenkdrachen zurückgeben und am besten auch ihr Geld zurück haben, denn der Wind ging ja nicht. Der junge Halbkatzenleut hatte schon seit mindestens vier unzufriedenen Kindern sein linkes Ohr eng angelegt, aber es half natürlich nicht. Die Regel lautete: Wir verleihen Lenkdrachen, keinen Wind. So war es von der Geschäftsleitung vorgegeben, also konnte Fridibald auch kein Geld zurückgeben, so leid ihm die Kinder und ihre Taschengeldkonten auch taten.
      Gut, vermutlich würde der Verein des mildtätigen Uhrvolkes Salzauen an der Guch die Kinder entschädigen. Und das Geld dann von den Windmaschinenbetreibern einfordern.
      Wann immer etwas mit den Windmaschinen oder den Wolkenmaschinen oder dem Thermostat schief ging, der Verein entschädigte und forderte das Geld dann von den Betreibern. Ober es bekam, wusste keiner. Die Forderung wurde den Zeitungen kundgetan, aber mehr erfuhren die auch nicht ... vermutete Fridibald jedenfalls. Zumindest war mehr in den Zeitungen nie zu lesen.
      "Es war heut gar kein Wind", sagte das nächste Kind, während es den Lenkdrachen fein säuberlich gefaltet auf den Tresen legte, "Kann ich die Leihgebühr vielleicht zurückhaben, bitte?"
      "Das tut mir leid, aber das kann ich nicht. Danke, dass du den Lenkdrachen so toll wieder eingepackt hast."
      Das Kind seufzte leise und schlängelte aus dem Laden, Fridibald machte einen Haken in seiner Liste, dass Heinz Unterbachgunzer seinen Lenkdrachen zurückgebracht hatte.
      "Hör mal, Fridl, so geht das nicht", pflaumte das nächste Kind Fridibald an, "Lenkdrachen ohne Wind sind wertlos, also Geld zurück oder ich sag's meinem Vater." Es klatschte ein Gewirr aus Stoff, Holzstangen und Schnüren auf den Tresen.
      Fridibald lächelte freundlich. "Ja, tu das. Zusammenlegepauschale ist 14 Gurdeln. So ein Durcheinander wie deines kann ich nicht zurücknehmen."
      "Ich sag's meinem Vater", wiederholte das unfreundliche Kind, raffte das genannte Durcheinander zusammen und rauschte aus dem Laden.
      Fridibald zuckte mit den Schultern. Sowohl Wolbert Königsfackel mit seinem, so munkelte man, immensen Taschengeld, als auch sein Vater, der unerhört reiche elfische Weinhändler Leuhart Königsfackel, konnten sich einen zweiten Tag Leihgebühr leisten, denn die würde der Lenkdrachenverleih natürlich verlangen.
      Die meisten Kinder waren halbwegs freundlich, Wolbert Königsfackel blieb mit seiner formvollendeten Unhöflichkeit eine Ausnahme, aber so gut wie allen Kindern hörte man die Enttäuschung an. Und es tat Fridibald ja leid ...
      Als die Kinder alle wieder weg waren, kamen eine Erwachsene vom Uhrvolk und ein jugendlicher Uhrvolk-Dämon-Mischling.
      "Fridl, darf ich mal auf die Liste schauen?", bat Anneliese Föhlbrunn.
      "Ja, für die Entschä..."
      "Pssst!", machte Anneliese und hielt ihrem Sohn Ferdinand den Mund zu.
      Fridibald hob das Klemmbrett aus der Vertiefung im Tresen und legte es umgedreht vor Anneliese ab, die die darauf festgeklemmte Liste kurz überflog und dann nickte. Fridibald legte das Klemmbrett wieder zurück in die Vertiefung. "Bist du zum Üben gekommen, Ferdl?", fragte er dann.
      "Zuwenig", gab Ferdinand zu, "Du?"
      "Ich hoffe, es reicht ... "
      "Ich dachte mir so, ich lade dich noch schnell zum Üben bei mir daheim ein. Was meinst du?"
      Fridibalds linkes Ohr stellte sich auf und die Schnurrhaare links zuckten aufgeregt. "Ja klar doch! Ich falte die paar Lenkdrachen noch und mache schnell zu."


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      Feedback zu den Adventskalendertexten könnt ihr HIER geben. Die Texte sind wie jedes Jahr zunächst anonym, damit ihr - wenn ihr wollt - Autoren raten könnt. Wenige Tage nach Weihnachten wird aufgelöst, welcher Text von wem stammt, dann können die Autoren dort im Thread gesammelt auf das Feedback antworten.


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      Das zweiundzwanzigste Türchen hat einen Metallrahmen und eine Glasscheibe, oberhalb des rot lackierten Türgriffes kleben, fein säuberlich offenbar vor kurzem erst angebracht, die Buchstaben "DRÜCKEN". Oberhalb des Türchens hängt schief ein beleuchtetes Notausgangsschild.





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      Weinachten II, Teil 2


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      Ferdinand und seine Mutter warteten geduldig (oder sie speicherten die Zeit für später - sie bewegten sich nämlich kein bisschen) während Fridibald die ungefaltet zurückgebrachten Lenkdrachen in Ordnung brachte und den Lenkdrachenschrank und die Vitrine mit den sauren Gummifrüchten verschloss, dann verließen sie gemeinsam den Laden und Fridibald sperrte auch die Eingangstür zu.
      Das Föhlbrunn-Zuhause war nicht weit weg, und es hatte einen passabel schalldichten Keller, in dem Fridibald und Ferdinand in ihre Posaunen pusten konnten, ohne jemanden damit zu stören.
      Kurzerhand übernachtete Fridibald dann auch noch bei seinem Freund, da die Straßenbahn so spät leider nicht mehr in sein Heimatdörfchen Hintermärzelgunzingen fuhr.
      Ohnehin musste Ferdinand die erste Bahn am Morgen dorthin nehmen, da begleitete Fridibald ihn eben. Auf dem Dorfplatz sammelten sich die Musiker, die meisten aus dem Dorf, aber auch einige, wie Ferdinand, aus der Stadt.
      Sie stellten sich auf, jeweils vier nebeneinander, vorne die Fahnenschwinger, in der Mitte die Bläser, hinten die Trommler. Der Vereinspräsident ganz vorne, aufgeputzt wie der Dämonenkönig, schwang seinen Stab im Takt und der Marschzug setzte sich in Bewegung.
      Fridibald setzte die Posaune an den Mund und konzentrierte sich, trotz der Melodie, die seine Finger spielen mussten, im Gleichschritt mit den anderen immer brav einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ferdinand neben ihm hatte wenigstens die gleiche Aufgabe.
      Die Junge Marschbläserei Hintermärzelgunzingen marschierte die Landstraße entlang, von Hintermärzelgunzingen zur nächsten Stadt, Salzauen an der Guch. Nach etwa einer Stunde pausenlosem Musizieren kamen die ersten Gebäude der Stadt in Sicht, wenig später kamen die Bläser an der Weltwirtschaft vorbei. Ein Halbelf-Halbdämon, der Lieferbursche, fegte den Vorplatz und beobachtete den Marsch.
      Fridibald erinnerte sich gut daran, dass er hier in den letzten beiden Jahren an einen leicht hervorstehenden Pflasterstein gestoßen war und den Takt verloren hatte. Diesmal nicht! Er achtete genauestens auf den gepflasterten Boden und ... da war der Stolperstein! Er hob seine Füße konzentriert darüber hinweg und grinste so breit, wie es am Mundstück einer Posaune nur ging.
      Der Lieferbursche grinste auch. Wie schön, er hatte es bemerkt! Fridibald posaunte fröhlich seiner Vorderfrau hinterher und beschloss, am Nachmittag beim Bottichwaten am Marktplatz das Gespräch mit dem Lieferburschen zu suchen. Schien ein netter Kerl zu sein.


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      Das dreiundzwanzigste Türchen ist aus Metall gemacht, allerdings keineswegs glatt oder gar glänzend, sondern uneben und mit Schweißnähten kreuz und quer übersät. Hinter dem Türchen erklingt erst ein Rattern, dann eine Stimme.





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      Zeitmessung, Teil 1


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      „Wie hast du das gemacht?“, klirrt es aus dem Gitter der metallenen Maske, die an ein unbeholfen geschmiedetes Gesicht erinnert. Das Lemroi rollt neugierig quietschend um das Dünnlederwesen herum, das auf dem Boden zusammengesunken ist, und betrachtet es dabei von allen Seiten.

      „Was …“

      Die Apparatur, die auf den Namen Ilrix hört (wenn sie will), gibt ein tickendes Geräusch von sich, wie eine Spieluhr, die aufgezogen wird. „Dieser Umbau. Du warst so klein wie ich, als wir dich gefunden haben. Dann warst du doppelt so groß. Aber du hast keine Teile ausgetauscht, das wäre uns aufgefallen. Wir haben dich beobachtet. Und jetzt bist du ganz krumm, labberig und grau.“ Ilrix piekt dem Geschöpf mit seinem Bohr-Ärmchen prüfend in eine seiner Extremitäten. „Autsch! Lass das! Das macht das Leben ganz von allein.“ Das Dünnlederwesen gibt ein abgehacktes, trockenes, fauchendes Geräusch von sich. Ilrix würde ihm einen Schluck Öl anbieten, weiß es aber mittlerweile besser. Die wissbegierigen Lemroi haben nämlich herausgefunden, dass diesem Geschöpf, das sich selbst „Mensch“ nennt, Wasser und Pilze besser bekommen. Ilrix fährt zu einem der Vorratsbehälter und kehrt mit einem Kanister zurück, um das Dünnlederwesen vorsichtig zu bewässern. Die Lemroi haben einiges über Mensch gelernt, aber längst nicht alles verstanden. Sie haben ihm das Schmieden beigebracht, das Reparieren und Ölen, und es so zu einem Mitglied ihrer Gemeinschaft gemacht. „Wirst du jetzt wieder klein?“

      Mensch verbreitert die Gesichtsöffnung und gibt wieder dieses abgehackte Geräusch von sich.
      „Du wirst es sehen. Meine Zeit ist abgelaufen.“

      Abgelaufen. Meint es „ausgelaufen“? Ilrix sucht auf dem Boden vergeblich nach nassen Flecken oder einem Rinnsal. Auch wenn Lemroi an Uhren erinnern, mit ihren Zahnrädern und ihrem Klicken, ist Zeit ihnen kein Begriff. Sie messen sie nicht, weder in Sekunden noch in Jahren.
      „Was ist Zeit?“


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      Auch das vierundzwanzigste Türchen ist aus Metall gemacht, ebenfalls uneben und mit Schweißnähten kreuz und quer übersät. Hinter dem Türchen ist es diesmal aber zunächst ganz still.




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      Zeitmessung, Teil 2


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      Mensch antwortet nicht gleich. Vielleicht ist es ein Geheimnis, das es nicht verraten will. Oder es muss bloß komplizierte Worte berechnen. Das Dünnlederwesen tut so etwas sehr leise. Wenn Lemroi vorhaben, etwas Komplexes zu erklären oder eine Schimpftirade in Gang setzen, verraten sie sich durch ein leises oder lauteres Rattern, weil sie erst ihre Sprachspulen in Gang setzen und spannen müssen. Ilrix versucht, ganz leise zu sein und horcht in die Stille. Vielleicht ist doch ein ganz leises Rattern oder Piepsen zu hören? Nein, nichts.

      „Zeit ist die Leinwand, auf der das Leben Erinnerungen malt.“ – „Wer?“ – „Das Sein. Das, was ist. Manchmal entsteht ein Bild aus trüben Farben, aus einsamem Grau, aus verratenem Violett, aus mörderischem Grün. An anderen Stellen fängt die Leinwand Feuer oder wird aufgerissen von Schmerz.“ Ilrix wackelt aufgeregt mit dem Oberteil. Bilder, Gemälde! Dünnlederwesen wie Mensch malen Kopien von sich selbst an Wände, hat es erzählt. Das würde Ilrix gern einmal mit eigenen Objektiven sehen. „Moment. Wenn Zeit die Leinwand ist, wie kann sie auslaufen?“

      „Jedes Geschöpf hat seinen Platz auf dieser Leinwand. Mein Teil ist gemalt, nach mir folgt ein anderer.“ Mensch spricht leiser und langsamer, als sei die Kraft seiner Sprachspule bald am Ende. Vielleicht ist es das. Ilrix beginnt langsam, zu verstehen.
      „Welche Farben hat dein Bild?“

      „Am Anfang ist es grün und gelb, wie die Blätter von Bäumen. Ich weiß, du kennst keine Bäume. Stell sie dir vor wie hohe Pilze mit vielen flachen Schirmchen und einem kräftigen Stamm. In der Krone piepsen und zirpen kleine Fluglemroi. Ein Wind streicht durch die Baumwipfel. Das Bild wird rot und schwarz, die Farbe ist dicht aufgestrichen, und nichts ist darin zu erkennen. Dann ist es grau, kalt und dunkel wie die verlorenen Höhlen, in die noch kein Lemroi je Licht gebracht hat. Und jetzt … es ist golden, orange, messingfarben wie Vertrauen, blassgrüner Friede, rostrote Wärme. Gesichter sind darin zu erkennen, geschmiedete Masken … Freunde.“

      Mehr sagt Mensch nicht. Es zerfällt bereits zu Staub, als Ilrix endlich antwortet:“Deine Laufzeit in Nimru wird nicht vergessen werden, Mensch. *tick*“


      So geschah es, dass die Lemroi dank Mensch ein erstes Zeitmaß erlernten – gemessen in Dünnlederwesenleben.


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