Worldbuilding zwischen cultural appropriation und white-washing

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    • Ich hol jetzt mal ein bisschen aus und erzähle, wie ich in Laharia mit solchen Themen umgehe und welche Schlüsse ich aus meiner Laharia-Bastel-Erfahrung diesbezüglich ziehe.

      Meine Welten haben alle einen gesamt-optimistischen Ton. In den meisten Gegenden geht es den meisten Leuten ziemlich gut. Auch wenn in einer Gegend grad Ambosse fallen, ist es nicht das Ende der Welt, denn es gibt immer noch Schönes dort und zudem ziehen die Ambosse auch irgendwann vorbei.
      Es gibt aktuelle Ambosse und historische Ambosse. (Ich behandle jetzt mal nur Laharia und ignoriere die anderen Welten.)
      Der grösste historische Amboss ist die Magierdiktatur der Lavque im Sicauischen Inselreich. Da gab es alles von Zuschreibung der Wertlosigkeit, Massenverhaftungen, Massenhinrichtungen, Lagern, "Gehirnwäsche" (Seelenzauber) bis hin zu einer totalitären Ersatzreligion mit den Lavque als den Erlösern. Eines Tages ging das Regime mit einem sehr grossen Platsch unter und darf seitdem mit der Historikerbrille betrachtet werden. Mit der missbilligenden Historikerbrille.
      -> Punkt eins: Historikerbrille inworld ist ein Vorteil, wenn man klarstellen will, dass man solchen Scheiss nicht verherrlicht.
      Ein aktueller Amboss (so aktuell, dass er nicht auf der Homepage steht) ist ein Bürgerkrieg in Kalarien. Es kämpfen Parlamentstreue gegen die Anhänger eines Militärführers, die Zivilisten verlassen in Scharen das Land und werden von den Nachbarn bereitwillig (wirklich bereitwillig!) aufgenommen. Wie das ausgeht, weiss ich tatsächlich noch nicht - zwei bevorzugte Visionen habe ich (1. die Parlamentstreuen gewinnen, 2. die Enklave Dilnaya wächst und die Diktatur schrumpft sich über die nächsten ~10 Jahre tot), aber ich weiss nicht, ob die sich dran halten. Meine Welten haben ein Eigenleben.
      -> Punkt zwei: Es ist ein Vorteil, wenn man den Scheiss auch inworld von aussen (d.h. helfenden Nachbarn) betrachten kann.
      Ein aktuelles Klavier (tut auch weh, wenn es drauffällt, klingt aber schöner), ist die graduelle Sklavenbefreiung im Reich der Marcoova. Die derzeitige Situation ist teilweise schon noch mies, aber es geht merkbar aufwärts. Im Besonderen war die Situation vor ~20 Jahren unzweifelhaft VIEL mieser.
      -> Punkt drei: Es ist ein Vorteil, wenn man den Scheiss inworld abschaffen kann.

      *schnipp*

      Wie sieht es nun mit Hautfarben und sexuellen Orientierungen aus? Beide sind inworld kein Thema, man hat sie halt. Teilweise gibt es rechtliche Details, die manchem sauer aufstossen mögen (Valeka schränkt z.B. die Ehe auf Paare ein, die Kinder haben können und wollen), aber die sind typischerweise keine grossen Probleme (die Ehe hat in Valeka auch einen anderen Stellenwert / eine andere Bedeutung als bei uns).
      Haben X-farbige Populationen klischeehafte X-Kulturen? Vor 15 Jahren hätte ich sagen müssen: Ja, das kommt vor. Inzwischen sind die groben Blöcke Kultur zu feinen Mosaiken weiterverarbeitet worden. Wenn man die Augen zusammenkneift, sieht man das alte Klischee noch, wenn man weiss, dass es mal da war.
      Beispiel: Von Tuibe wusste ich ursprünglich gerademal, dass da Steppe ist, in der hauptsächlich Dunkelhäutige wohnen, und ein Priesterkönig ist das Staatsoberhaupt.
      Was ich damals nicht wusste: Der Priesterkönig war mal eine Frau und Teil einer in diesem Land normalen lesbischen Polyamorie-Gruppe (die Gruppe gibt's noch und er gehört auch als Mann noch dazu) und hat ausserdem einen Universitätsabschluss in Astronomie (und da reden wir nicht von "wo ist welcher Stern" sondern von Radioteleskopen und Messungen der Lichtgeschwindigkeit).
      -> Punkt vier: Klischees verschwinden, wenn man lange genug ernsthaft und offen dran arbeitet.
      Wer das liest, ist auch nicht schlauer als vorher.
    • Ich mag den Ansatz, blöde Elemente, die man mal gebastelt hat und die man nicht mehr mag, nicht einfach "nie dagewesen zu machen" per Retcon, sondern entsprechend aufzuarbeiten. Hab ich glaube ich noch nie ausprobiert, ich habe Sachen einfach neu geschrieben und direkt geändert, wenn mir ein Fauxpas aufgefallen ist. Aber diese Möglichkeit muss ich mir echt mal im Hinterkopf behalten.
      nobody.
    • Meiner Meinung nach kommt es total drauf an mit welcher Motivation man Welteninhalt bastelt/ beschreibt etc. Wenn jemand in seiner Welt Homosexuelle umbringen lässt finde ich es vollkommen legitim, solange mit der Motivation gebastelt wird: "Ich interessiere mich für das Thema und möchte Konflikte in meiner Welt (v)erarbeiten, beschreiben, weiterentwickeln, lösen, die aus meiner eigenen irdischen Erfahrungswelt stammen". Nicht in Ordnung wäre eine Motivation wie: "Ich mach das so, weil es ist doch lustig (o.Ä.)".

      Ich finde es ganz natürlich, dass man Konfliktthemen die einen selbst im echten Leben beschäftigen auch in seinen Welten und Geschichten verbaut. Gibt es überhaupt Geschichten, Filme, Welten etc., die das nicht tun?! Ich glaube nicht. Der Grad der Reflexion und der Umgang ist entscheidend. Nicht zuletzt will jeder gebastelte Inhalt etwas vermitteln, ein Prinzip verdichten, das deutbar ist, übertragbar ist, hinterfragbar ist (und vielleicht hinterfragt werden will!).
    • Ich habe mir mal angeschaut, wie ich mit so Themen auf meinen Welten bisher umgegangen bin und versuche es mal retrospektivisch zu interpretieren. Insgesamt bin ich vor dem Thema halb bewusst, halb unbewusst, regelrecht davongelaufen und habe mir immer eine Bastelecke gesucht, wo ich mich damit nicht wirklich auseinander setzen muss.

      • Zr'ton, der Low-Tech-Alienplanet ist rein optisch so verfremdet, dass es oberflächlich überhaupt keine Assoziationen zu bestehenden Kulturen geben kann. Die verstecken sich im Subtext und ich versuche, durch meine Sprache nicht klar werden zu lassen, an welches irdische Volk ich bei Beschreibungen vielleicht denke. Die Welt befindet sich auch in einer weit präkonolialistischen Ära, sodass ich die dadurch entstehenden Machtstrukturen auch nicht wirklich berücksichtigen muss. Optische Unterschiede zwischen verschiedenen geographischen Gruppen von Trch'zon habe ich durchaus bewusst nicht gebastelt, weil ich es nicht muss und weil ich mich noch nicht bereit fühle, daraus was für mich bastlerisch Wertvolles zu machen
      • Rhingon ist so klein, dass es gar keine verschiedenen Völker gibt. Außerdem ist das Realitätsgeflecht so unirdisch, dass so etwas wie menschlische Gesellschaft sich nicht wirklich bilden kann. Die Menschen auf Rhingon habe ich deutsch besetzt, einfach um beim Sprachen und Namen bastel Zugriff auf die deutsche Ästhetik zu haben. Ich habe mir die Rhingoner Menschen immer eher mit dunklerem Teint vorgestellt, das ist aber mehr der Farbkomposition der Welt an sich geschuldet. Einzelne Menschen haben kein festes Aussehen auf Rhingon und Einzelpersonen (zumindest Menschen) bastele ich auf dieser Welt eigentlich kaum.
      • Die Schlaufe und das daran anhängende Metageflecht ist für dieses Thema noch am Interessantesten. Hier bastele ich tatsächlich auch menschliche Individuen, die im Einzelnen durchaus z.B. PoC-gecodet sein können. Ich schreibe das meistens nicht explizit in den Text, stelle es mir aber so vor und würde es auch erwähnen, wenn es irgendwie Sinn ergeben würde. Aber die individuellen Charaktereigenschaften sind trotzdem wichtiger. Das Problem der Kulturen umgehe ich weiterhin, weil ich eben doch wieder auf Einzelperson-Ebene bastle.
      • Auf andere Sicht spannend ist noch ein Setting, zu dem ich hier im Forum glaube ich noch gar nichts geschrieben habe, nur im TS mal erwähnt: Als Schreibübung arbeite ich an einer Geschichte, die in einer bayrischen Post-Apokalypse-Welt spielt. Hier verarbeite ich meine eigene Kultur. Ich habe durchaus Hemmungen, dazu zu viel zu veröffentlichen, weil ich Angst habe, etwas nicht richtig oder stereotyp wieder zu geben. Mir sieht eines den Bayern nicht unbedingt auf den ersten Blick an - etwas, das ich durchaus manchmal bedaure, weil mir die dahinter stehende Kultur und Sprache einiges bedeutet. Ich weiß nicht, wie ich es finden würde, wenn jemand wie z.B. Tö, die aus Norddeutschland kommt und keinen direkten Bezug zu Bayern hat, ein solches Setting schreiben würde. Das wäre nach meinem Verständnis keine Aneignung, weil zwischen Bayern und Norddeutschland historisch kein einsietiges Machtverhältnis bestand, was mit den kolonialistischen Gegebenheiten in irgendeiner Form vergleichbar wäre. Trotzdem ist es vermutlich das, wo ich persönlich das Gefühl, das bei Minderheiten dahinter steht am besten nachvollziehen kann.
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