Limyaael's Fantasy Rants übersetzt

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    Die diesjährige Olympiade beginnt am 19 .7.
    Das WBO-Orgatool ist hiermit initialisiert. Es mögen sich vor allem für die ersten Kategorien schnell findige Jury-Mitglieder finden.
    Wir wünschen allen viel kreativen Spaß!

    • Limyaael's Fantasy Rants übersetzt

      Hallo zusammen,


      Hier ist eine inoffizielle deutschsprachige Übersetzung von Schreib-Tipps für Fantasy-Literatur. Die Autorin der Originalaufsätze ist Limyaael oder auch Arin i Asolde.

      Die mehr als 400 Essays geben Ratschläge und äussern Warnungen zu zahllosen Aspekten des literarischen Schaffens: von Charakteren über Weltenbasteln bis hin zu konkreten Vorschlägen zum Umgang mit den typischen Genre-Elementen der Fantasy.

      Die ursprünglichen Rants verteilen sich über die LiveJournal, InsaneJournal und JournalFen - Blogs der Autorin. Das Team der Website Curiosity Quills stellt eine inoffizielle Sammlung dieser Texte bereit. Bedauerlicherweise gibt es seit 2010 keine neuen Essays von Limyaael und sie scheint vom Erdboden verschluckt.

      Vor Jahren hat mich Gomeck im Weltenbastler-Forum auf die Essays angesprochen und sein Bedauern ausgedrückt, dass es keine deutsche Fassung der Aufsätze gibt. Dem soll nun Abhilfe geleistet werden. Obwohl Limyaael sich für englische Literatur und Poesie interessiert (und z.B. Exzerpte aus dem Schaffen von Algernon Swinburne in ihren Aufsätzen wichtig sind), gibt es Lücken in ihrem Verständnis von Dramatisierung und Narrativen. Wo es notwendig ist, habe ich also auf einzelne Essays einen kritischen Kommentar folgen lassen.

      Ich hoffe, ihr könnt mit beidem etwas anfangen.

      Viel Spaß,

      Gwen

      P.S.
      Ich war jahrelang abwesend und wer mich von damals noch kennt weiss, dass sich User-Name, Avatar und anderes geändert haben. Es kann sein, dass dieser Thread fehlplatziert ist. Ich bitte daher die Mods, ggf. dieses Thema zu :schieben: oder löschen. :)

      Derzeit ist für mich nicht der richtige Moment, um im Forum wieder gross aktiv zu werden. Das heisst nicht, dass ich nicht irgendwann wieder andere Dinge poste, aber ich will mich auf den Thread hier beschränken. Ich hoffe das ist ok?



      Die Essays von Limyaael werden nicht jeden Tag hochgeladen, ausser es geschieht ein Wunder. Ich werde ständig an ihnen arbeiten (weil mir das Spass macht!). Ursprünglich wollte ich einfach alle Essays im Hintergrund übersetzen und in einem Schwung hochladen, aber ich denke, so peu a peu ist das Projekt auf verdaulichere Häppchen verteilt!
    • Klischee-Fantasy


      Ich dachte, dass ich mich vielleicht zu sehr über die „Klischee-Fantasy“-Sache auf fictionpress.net aufrege. Womöglich ist die meiste Fantasy tatsächlich so geschrieben und richtet sich an Leute, die Gefallen an Plots finden wie „Amanda Rose, eine scheinbar normale 15-Jährige, erwacht eines morgens und erfährt, dass sie in Wahrheit die Prinzessin der Welt Nedelia ist, ihr wahrer Name Mytharillia lautet und sie gegen die dunkle Zauberin Heldigga bestehen muss.“ Eventuell folgt aus diesem Umstand, dass ich seit Jahren kein Buch mehr angefasst habe, in dem Erdenkinder andere Welten betreten. Ich gebe zu, dass ich Fantasy in diesem Punkt einfach nicht verstehe.

      Doch dann las ich heute morgen “On Fairy-Stories“ [ein Essay von Tolkien, Anm.d.Übs.] und merkte auf einmal, dass das so, denke ich, gar nicht stimmen kann. Denn selbst wenn Fantasy das ist, muss oder sollte sogar Fantasy das gar nicht sein.

      "Durch das Schmieden von Gram trat kaltes Eisen zum Vorschein; durch die Schöpfung des Pegasus wurden Pferde geadelt; in den Bäumen von Sonne und Mond manifestieren Wurzel, Stock, Blüte und Frucht sich in Pracht und Glorie"

      Fantasy kann Dinge über die Primäre Welt (wie Tolkien sie nennt) sagen, ohne zu predigen; was wir getrost den Pamphleten und Fabeln überlassen dürfen. Sie kann wunderschöne Dinge schaffen und sie als Selbstzweck präsentieren ohne sie als müde Geschichtsschablone auszunutzen. Sie kann, wie Tolkien sagt „uraltes menschliches Begehren erfreuen” ohne dadurch der seichten Zufriedenheit zu verfallen, eine einzige Person zum totalen Mittelpunkt einer ganzen Welt zu erheben.

      Bei solcher Schönheit, Bandbreite, Tiefe und Höhe kann ich nicht verstehen, warum jemand ihre Zeit verschwenden wollte, um solch eine „Geschichte“ zu schreiben und sie als Fantasy auszugeben. Solche Geschichten sind als spaßige Wunsch-Erfüllungen geeignet. Aber als Fantasy?


      “Doch die Welt, die einen Fáfnir selbst als Phantasma enthielt, war um Wunder und Schönheit bereichert, trotz aller Gefahr.”

      Manchmal sehe ich die Zähmung und Dämpfung und Klischeeisierung (wenn es noch kein Wort ist, dann ist es das jetzt) der Fantasy als einen Versuch, diese Eigentümlichkeit, Gefahr und zu domestizieren. Da meine ich noch gar nicht die elterlichen Ängste von Fantasy als etwas, dass die Kinder satanisch und schizophren macht, das ist ein anderes Thema. Aber manche frischgebackenen Fantasy-Schreiberlinge folgen dem ausgetretenen Pfad, denke ich, nicht nur weil andere es bereits tun und dies als die Art erscheint „wie es gemacht wird“, sondern weil sie erkennen, was Fantasy leisten kann – in Tolkien, in Dunsany, in Martin, in Hobb und in anderen – und sie sich davor fürchten, dass jemand das von ihnen fordern könnte.

      Robin Hobb, in Meditations on Middle-Earth, sagt, dass Tolkien für sie die Messlatte gesetzt hat, als er Der Herr der Ringe schrieb. Sie glaubt nicht, dass sie die Messlatte je überwinden wird, aber sie wird es stets versuchen.

      Vielleicht wollten diese Fantasy-Schreiber es nicht versuchen. Dem Prinzessinnen-Pfad zu folgen ist weniger gefährlich. Wenn sie ihn verliessen, müssten sie womöglich springen und stürzen und darauf haben sie sich nocht nicht vorbereitet.


      “Uns ist es schwer Schönheit und Bosheit zusammen zu denken. Die Furcht vor den schönen Fae, die in alten Zeiten lebendig war entzieht sich fasst unserem Begreifen.”

      Vielleicht nicht mein Hauptpunkt, aber ich wollte es trotzdem in diesem Essay ansprechen. Dinge sind in manchen Fantasy-Werken auf so plumpe Art dargestellt (das schliesst die veröffentlichten Werke ebenso ein wie die auf Fp.net) Das da ist Schwarz und das Weiss; das da ist Dunkel und dies Hell. Das BÖSE ist hässlich, Ork, moralisch verkommen, unkompliziert. GUT ist hingegen schön, Elf, rechtschaffen – und auch unkompliziert. Da ist kein schönes Böse, keine gefährlichen Sidhe, kein Held der nicht auch triumphiert am Ende.

      Aber es gibt manche älteren Geschichten, es gibt auch manch eine moderne Fantasy, die sich davon unterscheidet. Der Herr der Ringe erlaubt keinen ungebremsten Triumph; am Ende schliesst das Buch mit Kummer und grosser Freude, sowohl als auch, verflochten und vermischt miteinander. Selbst der kleine Hobbit endete teils so; nicht alle Charaktere überleben dort, so wie es die Leser vielleicht erwarten würden. Und manche Schreiber, wie Kay und Martin, erreichen diesen Effekt, sodass die Charaktere, denen wir zürnen vollkommen verständliche Motive für ihre Taten haben und am Ende in finsterer Pracht und Glorie fallen.

      Ich höre von Leuten das Argument, dass Fantasy den Platz hat, eine moralisch klarere und schärfere Version unserer eigenen Welt zu sein. Das halte ich für eine Falschheit. Unsere eigene Welt, obwohl wir in mancher Hinsicht ihre Komplexität begreifen, wird in “wir oder sie”, in Schwarz und Weiss eingeteilt, Richtig und Falsch. Ich denke, dass Fantasy’s Platz genau sein könnte, die komplexen Nuancen von Charakter und Moral zu erforschen und dabei solch wunderschöne Form abzugeben, dass der Leser keine Wahl hat, als darüber nachzudenken.


      “Das motorbetriebene Autos "lebendiger" sein sollten als etwa Drachen oder Zentauren ist kurios; das sie noch "echter" sein sollten als etwa Pferde ist eine erbärmliche Absurdität.”

      Wenn etwas in der Fantasy zum Gemeinplatz geworden ist oder wenn der Schreiber den Eindruck hat, dass sie sich sehr stark am echten Leben orientieren muss – sagen wir in Form des Teenager-Mädchens von der Erde mit all ihrer Lebensangst – dann denke ich, dass es legitime Gründe gibt, das zurückzulassen. Bäume und Bäche, Zentauren und Drachen den Lesern echt erscheinen zu lassen ist eine Sache. Das Argument, dass Fantasy alles aus der echten Welt übernehmen sollte, um irgendwas zu taugen oder zwangsläufig einen Teil der Geschichte in der echten Welt anzusiedeln, ist schlicht blöd. Tut was Tolkien tat; versetze dich vollgeformt in eine andere Welt, ohne dich dafür zu entschuldigen, ohne Religionen und Sitten unserer Welt nehmen und auf diese Welt ausschütten zu müssen, ohne Menschen der Erde zwangsweise auftauchen zu lassen und ihnen Malen-nach-Zahlen-mässig mechanisch durch die Geschichte zu bewegen.

      Ich schätze, es lässt sich auf fünf Wörter bringen:

      Geht hinaus und macht Sachen.

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    • Kommentar hier


      Aus diesem ersten Essay können wir einiges lernen:

      • Dass Fantasy nicht zu Klischee und Tradition verdammt ist.
      • Dass Fantasy-Schreiber sich selbst Ansprüche stellen dürfen.
      • Dass Fantasy nicht predigen muss, um etwas zu sagen.
      • Dass der Hauptkonflikt nicht Gut versus Böse sein muss
      • Dass Böses schön und begründet sein kann und Gutes ambig sein und Fehler machen darf
      • Dass Gut nicht siegen muss und Siege nicht perfekt sein müssen.
      Weiterhin ist der Essay voller Lese-Vorschläge (George R.R. Martin, Guy Gavriel Kay, Robin Hobb, J.R.R. Tolkien usw.) und Lebenserfahrung (Limyaael bemerkt, dass die Menschen zwar wissen, dass die Welt komplex ist...aber genau dieselben Menschen wollen es oft einfach haben und die Welt in schwarz und weiss, richtig oder falsch einteilen, obwohl sie es besser wissen).

      Aber ich finde dennoch, dass dieser Essay sich in seiner Hauptthese irrt: dass übermächtige Figuren nie Mittelpunkt unserer Geschichten sein sollten und Klischees entfernt werden sollten. Nehmen wir das Lob, das Limyaael für Tolkien‘s nuancierten Abschluss des Herrn der Ringe äussert. Sie sagt, dass das Ende sowohl Kummer als auch grosse Freude enthält und somit nicht eindimensional ist wie manche der Geschichten, wo das Gute schlicht triumphiert.

      Aber Tolkien hat nicht einfach eine normale Geschichte mit einem kummer-freudigen Ende geschrieben. Der Kummer war von Anfang an: bei den Elben, die Mittelerde kummervoll verlassen, bei den aussterbenden melancholischen Ents und selbst im Auenland sind Hobbits, die auf Abenteuer gehen nicht einfach Helden, sondern die Hobbit-Gesellschaft mag solche Abenteuerlustigen nicht besonders. Und um nochmal beim Kummer zu bleiben: durch den gesamten Herrn der Ringe zieht sich ein Kummer über den Verlust aus alten Zeiten, etwa wenn Elrond über die vielen Kriege erzählt, in denen nie etwas gewonnen wurde, sondern nur Verluste geerntet wurden. Gollum ist eine kummervolle Erscheinung... wie passend, dass er ein kummervolles Ende findet.

      In einer anderen Geschichte wäre Kummer am Ende völlig fehl am Platze und ein reines, klischeehaftes Happy End vielleicht perfekt! Der letzte Eindruck ist oft der Wichtigste in einer Geschichte: dort kommt es darauf an, noch ein letztes Mal zu verdeutlichen, was die ganze Zeit über eigentlich los war, worauf alles Bisherige letztlich (haha, letzt-lich) hinausläuft, für uns, die wir die Geschichte lesen. Das Ende zieht immer ein Fazit!

      Und somit wäre es völlig falsch zu sagen, dass das Fazit einer Geschichte nicht einseitig positiv sein kann. Die Helden dürfen ohne Kummer triumphieren, sogar ohne Sorgen und künftige Probleme. Der Triumph darf eindeutig und unsubtil sein. Es ist halt dann eine andere Geschichte. Aber ich denke, dass Limyaael trotzdem aus gutem Grund unzufrieden mit vielen solcher Geschichten ist. Wenn das Ende in keinster Weise zum Rest passt, ist irgendwas schief gelaufen. Wir wollen doch, dass Tolkien, nach all diesen kummervollen Abschieden aus den Reichen der Elben, nach kummervollen Rückblicken Sam’s auf das Auenland usw. ...diesem Kummer treu bleibt. Es wäre doch absurd, wenn das ganze Buch hindurch die Charaktere dieses Gefühl des Verlusts ausgedrückt hätten und am Schluss hat Tolkien das vergessen und nicht die kleinste dunkle Wolke schwebt am Himmel.

      Das dieser erste Limyaael-Rant sich mit Klischees befasst ist sehr passend, weil das ihr Lieblingsthema ist. Auf die übermächtigen Charaktere und Klischees werden wir also nochmals zu sprechen kommen.
    • Diese Limyaael-Rants habe ich damals als gerade die letzten neu dazugekommen sind, auch mit Begeisterung verschlungen. Ich stimme nicht immer in allen Punkten mit der Autorin überein, deswegen finde ich die Idee mit den Kommentaren auch gut, um sehen zu können, wo wir bei ähnlichen Punkten nicht übereinstimmen und wo dir noch ganz andere Punkte auffallen.
      Ein großer Punkt der Unstimmigkeit zwischen Limyaael und mir ist deren Begeisterung für George RR Martin, dessen Setting mich nicht nur inhaltlich nicht anspricht, sondern meiner Meinung nach auch weltenbastlerisch einige Schwachpunkte hat und das ich im Gegensatz zu ihr nicht als Beispiel für außerordentlich gelungenen Weltenbau sehe.

      Zu den Klischees an sich: Ehrlich gesagt ist mir die Handlung mit dem Mädchen von der Erde, das irgendwo eine Prinzessin wird, überhaupt noch nie begegnet, es sei denn man zählt Narnia, was aber auch nicht so simpel gestrickt ist.
      Das, was ich als Klischeefantasy sehe, besteht meistens doch eher aus Elfen und Orks, oder aber aus blutrünstigen, sexistischen pseudorealistischen Settings, wobei Limyaael mit letzteren ja eher kein Problem zu haben scheint.

      Jedenfalls vielen Dank für die doch große Mühe, das alles zu übersetzen und ich bin gespannt, auf die weiteren Beiträge und deine Kommentare dazu.
    • Ui, es gibt Likes im Weltenbastler-Forum! Jetzt will ich eure ganzen Likes liken.... O.o

      Es ist interessant, Limyaael's Begeisterung für George RR Martin zu sehen, weil das vor der Fernseh-Verfilmung war! Als ich Limyaael zuerst gelesen habe, wusste ich nicht, was Das Lied aus Eis und Feuer war.
      Da die Essays aber viel auf diese Serie zu sprechen kommen, will ich nicht zu viel vorwegnehmen. Und was Limyaael's Einstellung zu Klischees angeht, dazu haben wir noch vieeel Gelegenheit.

      Danke, dass Du dir für einen Kommentar Zeit gelassen hast. Hoffe, du bastelst immer noch fleissig an Silaris und...oha, ich sehe es gibt jetzt auch noch Projekte wie Adamanea, Keriaja und Nachtblumenland. Cool!
    • Keinen Mist Schreiben

      Hochpersönlich.[Anm. d. Übs.: Bemerkungen wie „Hochpersönlich“ geben Auskunft über entweder die momentane Laune der Autorin beim Schreiben oder signalisieren, wie in diesem Fall, irgendwelche Information darüber, wie der Essay verstanden werden sollte. Dies ist also ein hochpersönlicher Essay.]

      1. Prüfe mindestens drei Mal die Rechtschreibung – einmal gleich nach dem Schreiben, einmal bei der ersten Revision und ein drittes Mal, wenn du bereit für die Veröffentlichung bist. Es ist einfach besser so.
      2. Grammatik. Prüfe sie. Wenn du deinem Grammatik-Checker nicht vertraust (Wie ich), hol dir Hilfe von jemandem.
      3. Trainiere dich darauf tatsächlich das zu sehen, was auf dem Papier steht. Die meisten Studien beweisen, dass beim lauten Lesen viel öfter das berücksichtigt wird, was es tatsächlich aufs Blatt Papier geschafft hat und nicht nur, was dort stehen sollte. Ich glaube, die Statistik besagt, dass zwei von zehn Fehlern tatsächlich berücksichtigt werden. Lies auch im Stillen. Wenn du dazu neigst, statt „dann“ „da“ zu schreiben, dann suche das Wort in deinem Text, um sicher zu gehen, dass dort wirklich „dann“ steht.
      4. Schreibe nicht für Andere. Fics als Freundschaftgeste sind natürlich ok, aber sich an Rezensionen, Popularität, BNF Status usw. zu orientieren oder zu schreiben, was du nicht magst, nur weil du glaubst, dass es Aufmerksamkeit erhält ist ein Fehler. Ja, Rezensionen sind schön—wunderbare Sache. Aber ist es letzten Endes so wichtig, ob du eine Rezension oder 100 bekommst? Mit Zugang zu hit count Statistiken weisst du, wie viele Leute deine Geschichten im Stillen lesen, ohne zu rezensieren, was dir ein Trost sein sollte. Falls du das nicht hast, kannst du dein Werk ja promoten. Aber wenn du, sagen wir, nur deshalb einen sarkastischen Draco in ein Stück Harry Potter fanfiction schreibst weil du glaubst, dass es Rezensenten nach sarkastischem Draco-Content dürstet, dann schreibst du mit grosser Wahrscheinlichkeit Bockmist.
      5. Entscheide bitte nicht, dass du Ein Sensibler Künstler bist und Dass Die Welt Dich Nicht Versteht. Fast nichts tötet Fiktion schneller (ausser vielleicht grottige Grammatik und Rechtschreibung). Alles was du schreibst ist nicht Weltklasse. Alles was du schreibst ist nicht veröffentlichbar. Du musst revidieren. Wenn du dich darauf trainiert hast, richtig gute erste Entwürfe zu schreiben, musst du trotzdem mindestens nach Tippfehlern und faktischen Fehlern suchen, wenn nicht mehr. Wenn Lebensängste für dich ein persönliches Problem sind, ob das nun jugendliche Lebensängste sind oder sonstwas und du die Fiktion nicht von deinem eigenen Leben trennen kannst, dann poste bitte nichts für Andere, bist du das gefixt hast. „Die Kunst zu offenbaren und den Künstler zu verbergen ist Ziel der Kunst.“ -Oscar Wilde
      6. Teste deine Charaktere bis zur Zerstörung. Schliess dich nicht dem erstbesten Plot und Charakter an, die dir einfallen: lass sie im Kopf ein bisschen köcheln. Und sobald dein Charakter nicht passt wie er oder sie sollte, opfere ihn oder sie ohne Zögern. Gemeint ist jetzt nicht, dass der Plot stets dominieren sollte; ich meine nur, wenn du findest, dass deine verwöhnte kleine Prinzessin einfach nicht stark genug ist, um den Anforderungen zur Rettung der Welt gerecht zu werden, dann mach sie nicht zu einer verwöhnten kleinen Prinzessin. Ich habe eine Reihe von Geschichten gesehen, die besser gewesen wären, wenn der Charakter ein anderes Geschlecht/eine andere Rasse/Religion/sexuelle Orientierung/Persönlichkeit/Überzeugung gehabt hätte. Aber der Autor bestand darauf den Charakter so zu behalten, dass entweder zugegebenermassen grosse Ähnlichkeiten zwischen Autor und Charakter existierten oder das es der erste Charakter war, den der Autor erfunden hatte. Wenn dein Charakter eine Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen hat, aber nichts davon essenziell für die Geschichte ist und dem Charakter keine Tiefe verleiht, warum wirfst du sie nicht einfach weg? Muss der Eine, der die Welt rettet denn männlich sein? Oder umgekehrt, muss sie denn weiblich sein? Musst du deinem Charakter das mächtigste verzauberte Schwert der Welt geben oder tust du das bloss, damit sie cool klingt? Teste deine Charaktere und wenn sie nicht funktionieren, dann komm auf andere Gedanken und teste die aus. Das hört nie auf.
      7. Mach deine Geschichte nicht auf nur einer Ebene. Geniesse die Sprache und die Art deine Geschichte zu erzählen genauso wie deine cleveren Plot-Twists. Achte auf die Perspektiven, die du beim Schreiben wählst genauso wie auf die Frage, wie deine supercoole Heldin den Typen kriegt. Wenn du HdR Fanfiktion schreibst und die Szene am Besten aus Merry’s Perspektive klappt, warum dann nicht aus seiner Sicht die Ereignisse erzählen, statt bei deiner Mary Sue zu bleiben, bloss weil du Angst hast, einen männlichen Blickwinkel zu benutzen? Wenn du ein eigenes Fantasy-Setting benutzt, warum zu den Bösen wechseln, wenn deine Helden sowieso später etwas über deren Konflikte lernen? Wild zwischen Charakteren Hin-und-herspringen, manchmal sogar in derselben Szene oder als schwebender Blickwinkel, der keinen Zugang zum Kopf des Charakters hat über den er erzählt, scheinen Amateur-Schreibern ernste Probleme zu bereiten. Verankere deine Geschichte und erfreue dich in der Sprache.
      8. Fürchte dich nicht davor, Neuland zu betreten. Das heisst nicht unbedingt Genrewechsel, wobei das geht. Wenn du meinst, dass du im Beschreiben von Dingen schlecht bist, warum übst du dann nicht, bis du besser wirst? Wenn du Angst vor Männer-Blickwinkeln hast, weil du denkst, dass du dich nur in Frauen einfühlen kannst, warum probierst du es nicht und schaust, was passiert? Die Hälfte der Angst, die Leute haben, kommt von der Furcht am Versuch zu scheitern, denke ich.
      9. Sei dir bewusst, welche Klischees es gibt und sei dir der Konsequenzen bewusst, wenn du eine überbenutzte Idee wählst. Das heisst nicht, dass dein Plot komplett originell sein muss, aber es heisst mit Sicherheit und Nachdruck, dass, wenn dein Fandom voll von Lesern ist, die sich von Geschichten mit amerikanischen Austauschstudenten heimgesucht fühlen, du von vornherein ahnen kannst, was passiert, wenn du dir einen entsprechenden Charakter einfallen lässt. Wimmere nicht „Leser gebt mir eine Chance! Diese Fic ist anders!“ Wenn es so riecht und aussieht wie Hundeschiss, dann werden die meisten Leser nicht rumhängen und den Hundeschiss aufheben, um herauszufinden, ob es sich auch wie Hundeschiss anfühlt und schmeckt. Du hast die Verantwortung den überbenutzten Plot clever und interessant zu machen oder andernfalls die Finger davon zu lassen.
      10. Häng nicht zu sehr an deiner Schreibe. Wenn du Kritik nicht erträgst, dann zeig niemandem was du schreibst oder behalte die Texte wenigstens im engeren Freundeskreis und der Familie. Eine Geschichte ist vielleicht „dein Baby“ aber im Gegensatz zu Babies sind die Leser nicht verpflichtet, zu girren und gurren und die Niedlichkeit des Babies zu betonen. Du bekommst womöglich hitzige Erwiderungen, wenn du Glück hast ist auch konstruktive Kritik dabei. Da hilft kein Klagen oder Greinen und falls du Rumheulen nötig hast, tu es privat, vielleicht in einem Tagebuch offline. Steh auf und geh weiter. Du kannst dich immer verbessern. Die Mühelosigkeit der Poesie geht Leuten angeblich Anfang 20 langsam abhanden, nimmt immer weiter ab, aber die meisten Romanautoren werden besser, je älter sie werden. Du wirst nie eine Geschichte schreiben, die deinen Kreativprozess verschlingt und nie mehr hergibt. Versuch dich einfach an etwas Neuem.
      11. Schreibblockaden sind keine Ausrede. In Wirklichkeit haben viele Leute, die sich auf Schreibblockaden herausreden, nur Versagensängste oder Faulheit, die sie zurückhält. Ich weiss, dass mich Faulheit zurückgehalten hat, als ich eine Zeit lang keine Bücher geschrieben habe. Versuche etwas neues oder zwinge dich dazu, die peinlichste Prosa, die du niemandem zeigen würdest, aufzubessern. Aber sitz nicht Monate lang auf deinem Arsch.
      12. Schreibe täglich. Leute lachen über diesen Rat, aber im Erst, es ist der beste Schreib-Rat, den ich je gehört habe. So hast du konstante Übung. Wenn zwei Leute beide im Alter von 24 am selben Tag zu schreiben anfangen und einer schreibt jeden Tag während der andere nur drei Monate lang schreibt, wer, glaubst du, ist am Ende des Jahres besser? Frag dich, wenn du dich bei Ausreden ertappst, ob die Ausreden wirklich Grund genug sind, nicht zu schreiben oder ob du wieder faul wirst.
      13. Warte nicht den ganzen Tag auf Inspiration. Von der Art wie viele Schreiber online sprechen, könnte man glauben, Musen wären echte Wesen und das die Autoren völlig willenlose Subjekte ihrer Launen wären. Wenn deine Muse eine echte Person ist, jag und und schlepp sie gefesselt und in Handschellen zu deiner Tastatur. Bücher, wie es ein Ratgeber für Schrifsteller, den ich las formulierte, werden mit Stunden konstanter Arbeit verfasst, nicht an drei vier Tagen im Jahr wo man sich „inspiriert“ fühlt.
      So. Nun sind die Unschuldigen geschützt.

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    • Kommentar
      Viele Punkte in diesem Essay sind völlig ok. Täglich Schreiben ist das A und O der Literatur. Rechtschreib- und Grammatikfehler beseitigen erhöht die Lesbarkeit enorm. Fehler im Text erkennen und wirklich lesen, war auf dem Papier steht (und nicht im Kopf) ist auch superwichtig. Auf Inspiration warten führt nicht von allein zu Inspiration. Kritik vertragen können ist SEHR wichtig. Und Punkte 11 und 12 muss ich selber Ernst nehmen.
      Ansprechen möchte ich die Punkte 7 und 9.


      Punkt 7 offenbart eine gewisse Ahnungslosigkeit darüber, wie Geschichten wirklich funktionieren. „Warum eine Szene im Lager der Bösen zeigen, wenn deine Helden sowieso später etwas über deren Konflikte lernen?“ ist als Frage schlecht gestellt, weil eine Geschichte immer dann einen Konflikt zeigen sollte, wenn dadurch Schwung in die Handlung kommt.


      Beim Mannschafts-Sport gibt es oft ein „goal“ (im Fußball viele Tore schiessen zum Beispiel), aber der wahre „aim“ des Spiels ist die Aufregung und Spannung des Spiels selbst. Ohne das (vermeintliche) Hindernis der Gegner-Mannschaft würde Fußball darin bestehen, dass eine Mannschaft sich ohne Opposition vor ein Tor stellt und viele Tore schiesst und dann „gewinnt“.

      Der Umstand, dass Mannschafts-Sport dadurch Spass macht, dass die „Gegner“ uns vereiteln, ist unserer Psyche geschuldet. Diese Logik des Geniessens liegt auch Geschichten zugrunde. „Konflikt“ in Geschichten entsteht einfach dadurch, dass eine Motivation der Helden (ein Ziel) vereitelt wird. Die Gefährten wollen den Ring in den Vulkan schmeissen aber diverse Parteien (sog. Antagonisten) wollen das nicht und arbeiten darauf hin, dass der Fußball Ring lieber ihnen in die Hände fällt.
      Geschichten mit Bösewichten brauchen deshalb nach Möglichkeit aktive Bösewichte. Eine Szene mit einem Schurken sollte den Helden hoffentlich (wachsende) Probleme bereiten. Der Oberschurke ist beispielsweise dann interessant, wenn er unsere Helden gefangen nimmt und sie verhört, wenn er einen weiteren Meilenstein in seinem Plan erreicht, wenn er seine Macht tatsächlich auslebt auf irgend eine Art.

      Passive Bösewichte sitzen einfach in einer Höhle und „planen“ Dinge. Vielleicht wächst ihre Magie oder sie verbrennen kleine Hunde-Babys in ihrer Höhle, um ihre Bösartigkeit zu demonstrieren. Weil sie aber nie aktiv die Pläne der Helden durchkreuzen, spielen sie nicht wirklich auf dem Fußballfeld in der Geschichte mit. Sie warten bis zur allerletzten Minute, um zur Gefahr zu werden und bis dahin ist z.B. ein passiver Oberschurke nur deshalb ein Oberschurke, weil der Erzähler es behauptet oder weil es der Figur nachgesagt wurde.

      Ein aktiver Schurke ist also das, was eine Geschichte braucht. Aktive Schurken müssen ihre Höhle nie verlassen! Sie müssen auch nicht viel in Erscheinung treten, ihr Auftritt kann auf eine Szene beschränkt sein. Entscheidungen von aktiven Schurken eskalieren die Handlung und bringen unsere Helden immer weiter in Bedrängnis, vielleicht ohne und die Entscheider je zu zeigen.

      Limyaael ist genervt, weil sie Geschichten gelesen hat, in denen wir sinnlos die Perspektive zu den Schurken wechseln und dabei nichts lernen, was wir nicht auch später erfahren könnten. Aber daraus lese ich ab, dass diese Szenen, die Limyaael so sehr nerven, eben Szenen sind, in denen die Schurken tatsächlich nichts aktives tun, höchstens über Pläne reden, aber keine umsetzen. Aber aus meiner Sicht ist es in sehr vielen Fantasy-Geschichten sinnvoll, gleich von Anfang an die bösen Mächte handeln zu lassen. Wenn wir im Herrn der Ringe beispielsweise nie von Gandalf von Sauron erzählt bekämen und Sauron nicht gleich die Ringgeister schicken würde und die Hobbits mit anderen Worten einfach nach Bree reisen, ohne das es mehr wäre als eine seitenlange Beschreibung von Wiesen und Wäldern (obwohl am Ende Sauron das Problem sein soll und es nicht um die Abenteuerlust von Hobbits geht, sondern darum, Sauron zu vereiteln), wenn Aragorn die Hobbits nicht beschützen müsste und sie bei Elrond schöne Ferien verbringen und nur deshalb nach Moria geraten, weil sie mal in die Berge wollten (was in sich voll ok ist, aber wenn Sauron der Widersacher sein soll...) dann sind wir doch wahrscheinlich nur dann an dieser Geschichte interessiert, weil wir die Charaktere gern haben oder die Beschreibungen der auenländischen Pflanzenwelt so anregend ist – aber so lange uns der Schurke warten lässt, so lange lastet keine Verantwortung auf den Helden. Eine botanische Reise durch das Auenland ist kein spannendes Epos und wir wären glaube ich recht verblüfft von Tolkien, wenn der Herr der Ringe erst am Ende von „die zwei Türme“ angefangen hätte, irgendwas von Sauron und Mordor zu erzählen und wir bis dahin den Eindruck gehabt hätten, es gehe hier um interpersonelle Konflikte zwischen Frodo und Sam oder um den Anbau von Lembas in den Feldern von Lothlorien. Ich meine, es ist absolut möglich so einen krassen tonalen Wechsel hinzubekommen, aber ich fürchte, dass Limyaael hier Amateur-Schreibern den Rat gibt, den Perspektivwechsel zu Schurken zu meiden und die Schurken erst handeln lassen, sobald unsere Recken quasi in Mordor angekommen sind. Aber auf diese Art fragen wir uns, warum Mordor eigentlich so eine grosse Bedrohung sein soll, wo es doch scheinbar nur eine Gefahr für das nahegelegene Gondor darstellt. Wir fragen uns also, warum die Schurken uns etwas angehen sollten, wo unsere Helden doch zu ihnen kommen mussten, um sich in Gefahr zu begeben – und wo vonjeglicher anderer Gefahr, die von den Bösen angeblich ausgehen sollte, in einem Grossteil der Geschichte eigentlich nur gesprochen wurde, aber nie etwas zu spüren war.

      Natürlich hat Limyaael recht, dass wildes hin-und-her zwischen Perspektiven nicht gut ist. Perspektivwechsel innerhalb einer Szene erst recht nicht. Das ist ein konfuser Alptraum, da kommt niemand beim Lesen mit, wenn von Absatz zu Absatz die Perspektive sich ändert. Zumindest bei Amateur-Schreibern, die nicht gut darin sind, dem Leser den Kontrast zwischen ihren Perspektiven klar zu machen.


      Punkt 9 steht nicht im Widerspruch zu meinem Kommentar über den letzten Essay. Wir müssen mit den Erwartungshaltungen des Publikums leben. Wenn in der Rezension steht „ich habe die Geschichte weggelegt, als von US-Austauschstudenten die rede war“ dann ist das eine Reaktion, an der wir auch durch verbessertes Schreiben nichts rütteln können. Du kannst US-Austauschschüler sicherlich zu interessanten Charakteren machen und vielleicht führst du sie geschickt so ein, dass niemand sich daran stört. In Star Wars wurde Yoda nicht zuerst als der weise Mentor und Jedi-Meister eingeführt, den das Publikum erwartet, sondern als winzige und runzlige Sumpfkreatur mit seltsamen Gewohnheiten und bissigen Bemerkungen. Manchmal ist es lohnenswert, sich einfach ein bisschen mit Klischees zu beschäftigen. Wenn dein Held, der Bauernjunge Garion, seine Eltern in einem Orkangriff auf sein Dorf verlor... warum dann dieses saftige Klischee nicht auf den Grill legen und in Rotweinsoße marinieren und dabei genau beobachten, welche Möglichkeiten es gibt, um diesem Klischee-Steak eine neue Geschmacksrichtung abzugewinnen. Was wenn wir das Steak auf die andere Seite legen und erstmal aus Sicht der Orks beschreiben, wie dieser Tag verlief? Wer gab den Befehl und was hielten die einfachen Orks davon? Wie ist es so, in einer Horde zu morden und brandschatzen? Waren die Orks am Ende des Tages zufrieden mit ihrer Beute? Gab es da eine besonders hübsche Zahnkette, die der eine Ork aus dem Kiefer von Garions Onkel gefertigt hat? Oder denke darüber nach, dass der Grill nachher noch gereinigt werden muss: Wie erging es den Menschen, als sie ihr Dorf wieder aufgebaut haben? Wer hatte die Pflicht, dem kleinen Garion zu erzählen, dass nicht der Ork-Anführer Voldemort seine Eltern erstach, sondern dass sie bei einem Auto-Unfall umkamen? Kurz gesagt, wir können doch die Ereignisse, die in einer Klischee-Geschichte passieren nehmen und sie aus ungewöhnlichen (aber passenden) Blickwinkeln beleuchten. Die Leser müssen doch nicht gleich wissen, dass Jessie Price eine amerikanische Austauschschülerin ist. Vielleicht war der Held krank als sie der Klasse vorgestellt wurde oder vielleicht geht sie in die Nebenklasse und spricht nicht viel...und wir lernen sie durch Zettel, die sie schreibt, kennen. Und erst später wird klar, dass sie Austauschschülerin ist. Viel wichtiger ist doch, dass Jessica auf dem Fußballfeld den Ball tritt die Geschichte vorantreibt.
    • Vielen Dank für all die Arbeit, die du dir hiermit machst, um die Texte zugänglicher zu machen! :thumbup: (Und überhaupt schön, mal wieder von dir zu lesen, auch wenn du dich vorerst auf diesen Thread beschränken möchtest.) Planst du, sie alle der Reihe nach zu übersetzen / kommentieren (ist die Reihenfolge die aus dem Archiv?), oder nimmst du zunächst eine Auswahl vor?

      Mir waren diese Rants zuvor gar kein Begriff und ich habe eben das Archiv angeklickt. Wow, das sind ja echt viele! Und dazu einige zu Fragen, die mich auch schon beschäftigt haben, z. B. "Avoiding Medieval Fantasy", da gehe ich gleich mal schmökern.
    • Oh, sehr gerne. Und dein Avatar hat sich in 3 Jahren auch nicht geändert. :thumbup:

      Die Reihenfolge ist die aus dem Archiv und ich übersetze sie in dieser Reihenfolge. Nicht jeder Essay wird kommentiert, das ist gar nicht notwendig. Ich denke, ich werde alle übersetzen und ihr könnt, wenn es fertig ist, entscheiden, ob ihr eine Auswahl besonders interessanter Essays hervorheben wollt. Denn wer wird sich bitte >400 Essays in einem Zug durchlesen, die sich oft wiederholen?


      Die Rants kenne ich durch meine Zeit auf tvtropes. Viele Leute dort wissen es halt nicht besser und sehen Limyaael sehr unkritisch. Ich wusste es damals auch nicht besser. Und viele ihrer Ideen sind gut...ich schreibe die Kommentare dazu ja deshalb, um Leute "mündig" zu machen, nicht um Limyaael zu dissen. :)
    • Gwen schrieb:

      Hoffe, du bastelst immer noch fleissig an Silaris
      Aber klar doch. Die anderen sind zugebenermaßen auch keine ganz unabhängigen Welten sondern von Silaris ausgehend, wenn man sich vorstellt, wie dort Fantasy bzw. SciFi aussehen würde.

      Aber zurück zu Limyaael. Ich könnte mir vorstellen, dass die Begeisterung für Martin damals auch noch besser verständlich war, schließlich war noch nicht klar, dass er in zehn Jahren immer noch nicht fertig sein würde, es dann aber eine TV-Serie mit mehr oder weniger überzeugendem Ende geben würde. ;)
      Ich habe mir damals wirklich ihretwegen den ersten Band zugelegt, aber bis heute nur teilweise überflogen, weil's einfach nicht meins ist und das lässt mich ihre sonstigen Ausführungen auch kritischer sehen, nämlich weil ich davon ausgehe, dass sich das, was sie toll findet und das, was ich toll finde, doch deutlich unterscheiden.
      Mit Dissen hat das für mich aber nichts zu tun, es ist ja völlig normal, dass sich Geschmäcker teilweise auch unterscheiden und ich finde grundsätzlich, dass man mit solchen Tipps kritisch umgehen sollte. Auf der anderen Seite lehnt sie ja auch Robert Jordan, Mercedes Lackey und Terry Goodkind ab. Letzterer hat wohl wirklich ein paar sehr krude politische Einstellungen, aber die anderen sind ja anderswo auch sehr beliebt.

      Unabhängig davon finde ich, dass das, was du gestern übersetzt hast, wirklich nicht ihr Meisterwerk ist.
      Es scheint sich wohl hauptsächlich an Fanfiction-Schreibende zu wenden, denn Leuten, die ernsthaft auf eine Veröffentlichung ihrer Bücher hinarbeiten, braucht man vermutlich nicht zu sagen, dass sie auf Rechtschreibung und Grammatik achten sollen. Die Anspielungen auf Draco Malfoy deuten ja auch daraufhin.
      Ich bin grundsätzlich kein Fan von so einer eher derben Ansprache wie in diesem Text und gegenüber jungen Mädchen, die sich in ihr Lieblingssetting träumen wollen, finde ich es erstrecht unangemessen. Bei Fanfiction geht es ja sowieso eher darum, mit anderen, die das Werk ähnlich interpretieren Spaß zu haben und weniger darum, die anspruchsvollsten Plots und tiefgründigsten Charakterdarstellungen zu erschaffen, Charakterisierung und Handlungsrahmen hat ja sowieso schon der Originalautor erledigt und dessen Informationen sind allgemein bekannt. Natürlich gibt es auch Fanfictions, wo das gelingt, aber ich finde absolut nichts Verwerfliches daran, das etwas weniger ernst zu sehen udn finde diese Überheblichkeit, die im ganzen Text durchklingt eher unsympathisch als hilfreich.

      Was die Teile aus Sicht des Antagonisten betrifft, finde ich das gut, wenn es eine differenzierte Geschichte ist. Wenn es um ein militärisches Missverständnis im Kalten Krieg geht, kann es der Geschichte sehr helfen, wenn es auch Teile aus russischer Perspektive gibt.
      Kapitel aus der Sicht von Sauron oder Voldemort finde ich aber verzichtbar.
    • Gwen schrieb:


      Denn wer wird sich bitte >400 Essays in einem Zug durchlesen, die sich oft wiederholen?
      Ich habe gerade errechnet, dass ich, wenn ich ab heute jeden Tag 4 Fantasy Rants lese, kurz vor Beginn des NaNoWriMo damit durch sein sollte. Das klingt machbar. ;D

      Dass man diese Tipps kritisch betrachten sollte, steht außer Frage. Bei den Rants, die ich bisher gelesen habe, gab es Dinge, die ich in die Kategorie "gesunder Menschenverstand" einsortieren würde (z. B. [sinngemäß] "antagonistische Gruppen sollten einen Grund zur Existenz haben, der über 'Kanonenfutter für die Protas' hinausgeht"), Dinge, die ich so nicht unterschreiben würde, und Dinge, die ich zuvor noch nicht bedacht hatte und die mir wertvolle Denkanstöße geliefert haben.
    • Dieses System mit den "Benachrichtigungen" ist wild. Die Leute "liken" einfach irgendeinen Post und...hach, das ist irgendwie nett. Kann ich gleich "Hallo Vinni, Hallo WeepingElf, Hallo Teria" rufen weil die mir Likes zuwerfen. :D

      Ehana: Dein Plan, 4 Rants am Tag zu lesen, klingt ambitioniert. Viel Erfolg!

      Amanita: Silaris als Fantasy und SciFi klingt prima. Wenn ich Zeit finde, schaue ich mal im "Du und Deine Welt" (es gibt jetzt ZWEI von Weltenvorstellungs-Boards???!). Was Limyaael's Einstellung zu jungen Mädchen, die sich in ihr Lieblingssetting träumen wollen, darauf komme ich zwangsläufig noch zu sprechen. Aber ich will die Rants nicht verfälschen, also steht da das, was die Autorin da hingeschrieben hat.
    • Weibliche Protagonisten die nicht Schund sind

      Mal wieder hochpersönlich.

      1. Übertreibe es nicht mit den Beschreibungen ihres Aussehens. Das heisst: benutz nicht mehr als zwei Adjektive, am besten bloss eins. „Langes dunkles seidiges Haar“ stinkt mehr als Blood Simple. „Langes dunkles Haar“ ist da besser und “langes Haar” noch besser. Ändere Adjektive nicht. Wenn ihre Augen blau sind, gut, nenn sie blau. Fang nicht plötzlich damit an, sie auf der nächsten Seite azurfarben zu nennen und dann himmelblau. Wenn sie grün sind, nenn sie nicht smaragdgrün. Wenn sie purpur sind (musst du?) dann wechsle nicht zwischen lavendelfarben, purpur und violett. Nur wenn du eine Parodie schreibst oder hochgestochen und poetisch klingen willst, sonst nicht. Einen hochpoetischen Stil nur für die Schönheit der Heldin ist eine todsichere Garantie, dass die Heldin Schund wird.
      2. Beschreibe nicht ihre Gesamterscheinung auf einmal, etwa so: „Feeareena Isilandria seufzte als sie in den Spiegel schaute. Sie wünschte sich manchmal, nicht mit blauen Augen geboren worden zu sein, die wie der Himmel nach einem Sturm aussahen oder mit langen seidenen goldenen Haar, dass glomm, als es in sanften Wellen auf ihre Schultern fiel. Sie nahm an, dass ihr saphirfarbenes Kleid, dass ihre Figur an den richtigen Stellen betonte, ihre Schönheit komplementierte, aber es führte dazu, dass all die Männer ihr hinterherliefen und das deprimierte sie.“ Ich kann nicht glauben, dass ich das gerade geschrieben habe. *geht Hände waschen*
      3. Beschreibe nicht die Schönheit deiner Heldin, indem sie in Spiegel oder Wasserbecken blickt. Das ist ein alter Hut. Die beste Art ist, denke ich, die Fremdperspektive auf deine Heldin: z.B. ein anderer Charakter, der Gründe hat, poetische Höhenflüge zu unternehmen, falls deine Beschreibung in diese Richtung neigt.
      4. Gib deiner Heldin negative Charakterzüge. Ja, der älteste Rat aller Zeiten. Aber ich meine ihn wahrscheinlich anders als die meisten Leute. Ich meine nicht „wird schnell wütend“ oder „sie hat zuviel Mitleid“-- Schwächen, die auch Stärken sein können oder schlimmer noch – würg – ihr dabei helfen könnten, DEN Helden ihrer Träume zu erobern. Versuche ihr Nachteile zu verpassen, die ihr gar nicht helfen werden. Ärgert sie sich ständig über ihre Klamotten? Beleidigt sie andere, die es nicht verdienen? Popelt sie in der Nase und isst dann den Popel? Sie müssen nicht alle obsessiv erwähnt werden, aber du solltest einige Einfälle haben, die sie menschlich machen.
      5. Gib ihr echte Probleme. Gib ihr mehr als frustrierte Liebe oder Eltern, die sie nicht verstehen. Das sind gängige Probleme – für eine sehr, sehr kleine Gruppe Menschen, unter ihnen Teenagerinnen. Wenn du ihr ein romantisches Problem geben willst, dann wähle nicht das unglaublich spezifische „Ich mag ihn sehr doch meine Eltern hassen ihn“ und wenn sie Familienprobleme hat, dann gibt es mehr als nur die drei Optionen Missbrauch, Missbrauch und Missbrauch sowie die vierte Variante „Meine Eltern verstehen mich nicht , WAAH.“ Niemand hat die perfekte Familie, aber nicht alle sind Opfer von Missbrauch oder Gewinner des „Teenager mit Lebensängsten“-Preises. Ziehe Probleme in Betracht, die viele Menschen haben, aber seltener in der Fanfiktion auftauchen: Streit und Rivalität unter Geschwistern (wo deine Heldin auch Schuld trägt und nicht bloss das unschuldige Opfer ist), alte Familiengeheimnisse die nicht weggehen wollen, im Zorn gesprochene Worte, die immer noch in der Luft hängen und im Allgemeinen Dinge, die deine Heldin in den Wahnsinn treiben können.
      6. Du kannst ihr auch KEINE dunkle und geheimnisvolle Vergangenheit zu verpassen, genau wie jugendliches Angsten. Kann es nicht sein, dass sie eine einfache Dörflerin ist, die wirklich ihre Eltern kennt und sich von ihnen auch verstanden fühlt? Dorfbewohner, die plötzlich von ihrem königlichen Blut erfahren ist mein persönliches Hassbeispiel von diesem Klischee, aber es gibt viele Varianten. Geheimnisse sind spassig, aber sie können die Geschichte auf sehr ausgetretene Pfade führen. Wenn du denkst, dass du damit zurecht kommst, dann denk dir ein ungewöhnliches Geheimnis aus oder behandele es ungewöhnlich. Deine Heldin glaubt zum Beispiel, dass ihre Magie daher rührt, dass ihr Vater nicht ihr echter Vater ist, aber tatsächlich ist es ihre Schwester, die das Produkt einer Liebschaft ist.
      7. Zieh in Betracht, dass deine Heldin auch keine starken Reaktionen bei jeder Begegnung auslöst. Heldinnen, die mich nerven, lösen sofort Liebe und Loyalitat aus oder eben bohrenden Hass, ohne klaren Grund. Wo sind die Leute, die desinteressiert, amüsiert oder verächtlich sind? Oft gibt es keinen Hinweis, dass sie existieren. Zeige Charaktere, die nicht viel mit deiner Heldin zu tun haben oder zu viel beschäftigt sind, um sich in deren Abenteuer und Probleme und ihr Leben zu involvieren. Bau die Welt nicht für deine Heldin, sondern mach die Heldin zum Teil der Welt.
      8. Überdenke, sie scharfzüngig zu machen, immer mit einem fetten Spruch auf den Lippen, sodass sie immer verbal zurückschleudert. Feurige Heldinnen machen nur Spass, wenn sie genau richtig funktionieren und auch menschlich sind. Teste den Dialog mit Freuden und Lesern. Lachen die laut auf? Wenn du eine witzige, clevere Geschichte schreibst, dann schlage diese Richtung ein. Wenn deine Heldin nur wie ein Besserwisser klingt, schreib es um.
      9. Gib deiner Heldin manchmal Unsicherheiten. Sie sollte nicht jede Entscheidung sofort treffen und dann auch noch immer richtig liegen. Lass sie auf Charaktere treffen, die mächtiger, schöner und intelligenter sind als sie und schau was passiert.
      10. Gib ihr Verluste. Sagen wir in deiner HP Fanfic muss deine selbsterfundene Heldin ein Quidditch-Spiel für ihr Haus gewinnen. Ich persönlich würde das wohl nicht lesen, weil ich den Ausgang kenne – ihr Team gewinnt, wohl wegen MS (hey, das kann Miss Schund und Mary Sue heissen!) und dann wächst die Zufriedenheit für den Autor im selben Verhältnis zu meinen Ekelgefühlen für den Text. Lass sie verlieren! Zieh in Betracht, die Geschichte nicht mit einer Binsenweisheit abzuschliessen, dass ihr Haus der wahre Gewinner ist. Wie wäre es mit echter Niederlage, Enttäuschung und Kompromiss. Wenn du Literatur aus dem 18. Jhd. magst oder lange Romane (diese zwei Dinge sind fast dasselbe), lies einmal Cecilia von Fanny Burney als exzellentes Beispiel einer Heldin die, obwohl sie in mancher Hinsicht einem perfekten Stereotyp nahekommt, nicht alles bekommt, was sie will und ernste Probleme konfrontieren und bewältigen muss.
      11. Lass deine Heldin wirklich interagieren. Ich benutze meine Zurück-Taste sofort (ausser ich bin auf Sue-Jagd) wenn die Heldin anfängt unter Tränen ihre ungerechte Vergangenheit erklärt, während alle rumstehen und an der angemessenen Stelle „Och, du Ärmste!“ sagen. Andere blöde Heldinnen behalten das für sich, haben dafür aber angstige innere Monologe über ihre machtvolle Magie, ihre tote Mutter und toten Haustiere. Viele Heldinnen scheinen in sich geschlossen: alles bezieht sich auf sie, meistens weil der Autor es so will. Das geht Hand in Hand mit der Idee, dass es keine Charaktere gibt, denen MS egal ist oder die ihr eigenes Leben leben. Sie werden alle bleiche Schatten der Heldin. Gib der Heldin Gespräche, mit Geben und Nehmen, wo nicht alle zu wirbelnden Tornados werden, die sich um die Heldin drehen und wo sie tatsächlich Dinge über die anderen Charaktere lernt und dringende Informationen mitteilt.
      12. Du solltest dich nie zu sehr mit der Heldin identifizieren. Kritik an deinem Charakter ist nicht Kritik an dir. Deine Kritiker wissen vermutlich nicht wie tief du dich mit Miss Schund identifizierst, es sei denn du schreibst ellenlange, wortreiche A/N’s [Anm. d. Übs. "A/N" bedeutet "Author's Note und bezieht sich auf kleine Kommentare unterhalb einer Fanfiktion, die nichts mit der Geschichte zu tun haben] wo du ständig sagst, wie viel der Charakter dir bedeutet. Wenn du den Einwand beantworten kannst, antworte, aber wimmer und heul nicht darüber, dass die Heldin wirklich dein Baby ist. (Klingt langsam vertraut, nicht wahr?)
      13. Zieh in Betracht, dass die Heldin romantisch versagt oder keine Romanze hat. Zu den grössten Klischees aller Zeiten (auch ausser halb von Romanz-Romanen) zählen Liebesdreiecke, Heldinnen mit toten Liebhabern die fürchten noch einmal zu lieben und Liebe auf den ersten Blick. Schreibe realistische Beziehungen wo der Mann (oder die Frau) nicht sofort zum Schatten von Miss Schund wird. Mach aus ihnen echte, menschliche Charaktere und lass sie interagieren.
      Füge die Beschreibungen an verschiedenen Stellen ein, wenn du das wirklich musst. Erwähne ihr Haar auf Seite X und ihre Augen zwanzig Seiten später im vorübergehen. Und bedenke bitte: Macht es den Unterschied in deiner Geschichte, wenn die Leser wissen, wie deine Heldin aussieht? Wenn die Geschichte irgendeine Tiefe besitzt, dann werden die Leser ihren Charakter lieben, nicht ihr Aussehen. Wenn die Leser wissen sollten, dass sie blond ist (ich versuche an eine Situation zu denken, wo das wichtig wäre und mir fallen nur Fälle ein, wo sie ihre Haare färbt um zum Beispiel ihre Bastardschaft zu verbergen, aber es könnte andere Gründe geben), dann sag es den Lesern auf jeden Fall. Aber müssen sie wirklich wissen, wie sie insgesamt aussieht? Muss ihnen das Aussehen immer wieder ins Gesicht getreten werden? Schickst du deinen Lesern auch Monate, nachdem sie deinen Text gelesen haben, Mahnschreiben, damit ja klar ist, dass die Heldin grüne Augen und blaue Haare hatte? Wenn ein Leser fragt, ob die Heldin blaue Augen hat, kannst du ihr das in einer A/N sagen, damit du deine Geschichte nicht verseuchst.

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    • Kommentar


      Adjektive in Texten zu meiden beschleunigt das Lesen. Agatha Christie hat am Anfang ihrer Romane viele Adjektive und gegen Ende nehmen die Adjektive ab. Dadurch sind die Sätze weniger unbeholfen, es fühlt sich schneller an. Wenn ein Text unangenehm zu lesen ist, stören sich die Leser an den Adjektiven, weil sie sich durch den Satz quälen und verlangsamt werden. Quasi Folter am Leser.
      Absurderweise ist der Rant, den ich hier kommentiere, zumindest für mich ein Beispiel davon, weil ihre 13 Stichpunkte für mich keine erkennbare Logik haben. Punkte 1-3 betreffen die Beschreibung der äusseren Erscheinung, Punkte 4 und 5 beschreiben Konflikte und die anderen 8 Punkte wirken wild durcheinander geworfen. Anstrengend zu lesen.

      Ok, zurück zum Thema. :)
      Wenn ein Text gut lesbar ist, wird sich niemand über langes dunkles seidiges Haar aufregen. Was Limyaael mehrfach im Rant versucht anzusprechen, aber nie in Worte fassen kann ist, dass ein Text NIE die Realität wiedergibt. Ganz am Ende dieses Essays (nach Punkt 13) spricht Limyaael noch einmal darüber, dass die Haarfarbe der Hauptfigur nicht wirklich wichtig ist. Und sie hat recht damit. Wenn wir in einem Buch von einem Baum lesen, wird niemand sich beim Lesen über eine detailreiche Beschreibung eines Baums freuen, der nichts mit der Geschichte zu tun hat, dessen Äste und Blätter in endlosem Detail beschrieben werden, dessen komplexe Borken-Maserung zu poetischen Orgien verleitet... in einem Buch sollten Dinge dann erwähnt und beschrieben werden, wenn es dazu einen guten Grund gibt. Wenn die Heldin Autistin ist und sich gern in Details verliert, dann sind Details nicht unbedingt lästig. Wenn der Baum unglaublich wichtig für die Geschichte ist, ist seine Rinde vielleicht trotzdem vollkommen egal. Limyaael hat recht, dass die Leser nicht wissen müssen, wie die Heldin aussieht. Aber wenn es wichtig ist, dass die Heldin dunkles Haar hat, dann ist „langes dunkles Haar“ eindeutig besser als „langes Haar“.
      Limyaael hat auch recht, dass der Wechsel zwischen Adjektiven ärgerlich ist...nennt aber keinen Grund. Der Grund ist, dass Leser sich auf die Geschichte konzentrieren wollen. Beim poetischen Zickzack zwischen verschiedenen Adjektiven entsteht beim Leser der Eindruck, dass zwar Aufwand betrieben wurde, aber dass der Aufwand in den Gebrauch neuer interessanter Wörter gegangen ist (die triviale Charaktermerkmale beschreiben und manchmal sehr schlecht darin sind) und nicht in die Qualität der Geschichte.

      Es ist vollkommen egal, ob die Heldin Spiegel oder Wasserbecken benutzt. Sol Stein lobt in seinem Buch Über das Schreiben EXAKT diese Methode der Beschreibung. Ich würde Herrn Stein nicht 100% zustimmen, aber Limyaael auch nicht. Wasserbecken und Spiegel sind eine Methode, um die Figur aus deren eigener Perspektive äusserlich zu beschreiben. Limyaaels Kritik ist, als würde sich jemand darüber aufregen, dass in der Fantasy so oft das Reich der Bösen unbehaglich ist (ich wette, zu dem Essay kommen wir noch ;) ). Der Punkt ist, dass die Beschreibung des Aussehens meistens den Text unnötig in die Länge zieht, ausser, es gibt da wirklich ein wichtiges Detail. Vielleicht hilft eine Anekdote aus der Welt der Rollenspiele: ein Charakter in DSA hat Vorteile und Nachteile. Das DSA-Regelwerk hat vielleicht 180 Vor- und Nachteile. Die Nachteile sind meistens viel interessanter: eine Held mit Holzbein! Eine Heldin mit Narben oder Augenklappe! Ein Thorwaler mit riesiger abergläubischer Furcht, gepaart mit einer unersättlichen Goldgier! Es ist doch viel interessanter, von einer Sekte gejagt zu werden (das ist ein Abenteuer!) als irgendwelche Vorteile zu haben, die meistens zur banalen Normalität werden...im echten Leben abseits des Spieltischs ist eine Fahrt mit dem Auto doch auch "nur" ein Vorteil: niemand ist bei jeder Autofahrt unglaublich begeistert von diesem Vorteil etc. pp. Dieses Prinzip gilt auch den Nachteilen. Zum Beispiel ist es viel spassiger, in DSA von einer Sekte verfolgt zu werden als nicht besonders gut singen zu können...es sei denn, im Verlauf der Geschichte kommt es irgendwann auf die musikalischen Künste der unfähigen Heldin an! Limyaael hat hier also bereits längst den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn sie meint, dass Augen- und Haarfarben und Gesamterscheinung einer Figur oft völlig trivial sind. In China Mieville’s Roman Perdido Street Station ist das wirklich Interessante am Hauptcharakter, dass er nicht sehr fit ist (dick sein ist ihm von Nachteil, denn er begibt sich in physische Gefahr), dass das Wissenschafts-Establishment seine Forschung nicht ernst nimmt, dass er als Mensch eine skarabäusköpfige nichtmenschliche Freundin hat (sozial geächtete Beziehung), dass er für die Wissenschaft krumme Geschäfte macht, dass er sich durch Unvorsicht in Gefahr begibt ohne es zu bemerken (und auch andere gefährdet) und dass er gerne mit offenem Hemd durch sein Labor läuft, wodurch er seine Arbeit nicht besonders ernst zu nehmen scheint. Ausserdem ist er ein schwarzer Kerl und ich bin mir nicht sicher, ob seine Hautfarbe in der Geschichte zum Nachteil wird, aber da die meisten Aspekte des Charakters den Verlauf der Geschichte beeinflussen werden ein paar unwichtigere Details erlaubt sein. Immer wenn Mieville jedoch ausführlich seine Charaktere (oder irgendeinen Stadtteil) beschreibt, wird mir sterbenslangweilig...Herr Mieville irrt sich, wenn er glaubt, dass wir wirklich jedes Detail zu Allem wissen wollen, war in der Stadt rumsteht, wenn Charaktere daran vorbeilaufen. Wir wollen (denke ich) die Geschichte zu erfahren, mit den Helden mitzufiebern (und um mitzufiebern muss die Autorin beschreiben, wie die Dinge schief gehen und wie oder ob sie gerade gebogen werden). Wir wollen nicht wissen, wo die Helden die Jeans eingekauft haben, es sei denn, das wird später nochmal wichtig.

      Dann kommt Limyaael zu negativen Charakterzügen...und schliesst mit der Bemerkung, dass diese Charakterzüge die Charaktere menschlich machen. Ich denke sie hat den Satz "Irren ist menschlich" gelesen und kommt deshalb darauf, dass es da einen Zusammenhang gibt zwischen Fehlern / Nachteilen / Irrtümern etc. und einem Gefühl von Wirklichkeit und Glaubhaftigkeit. Mein Eindruck ist, dass Limyaael Texte als qualitativ hochwertig beurteilt, wenn sie "der Wirklichkeit nahekommen".

      Aber hier ist Limyaaels Meinung total im Widerspruch mit sich selbst. Denn einerseits ist es ihr nicht wichtig zu sagen, dass eine Blondine blond ist (wenn es für die Geschichte egal ist) und andererseits soll die Geschichte wirklichkeitsgetreu sein und die Welt akkurat abbilden. Limyaael macht diesen Fehler, weil sie zwei sich widersprechenden Denkschulen gleichzeitig zuhört. Die eine Denkschule wird z.B. im Royal Shakespeare Theatre unterrichtet und hat Anhänger wie Roger Ebert, Steven Spielberg und Quentin Tarantino. Sie besagt, dass Geschichten kommunikativ sind und eine Geschichte eher wie ein soziales Spiel ist. Die andere Denkrichtung wird z.B. vom YouTube Channel CinemaSins unterrichtet und hat Anhänger wie Nostalgia Critic und den Grossteil jener Nerds, die sich mit Geschichten "ernsthaft" befassen. Diese Denkrichtung hat einige uralte geistige Vorläufer und wird auch bisweilen in Schreibseminaren unterrichtet. Auch Tolkien war zumindest in Teilen Anhänger dieser zweiten Schule (wenn er von der Zweiten Welt spricht). Sie besagt, dass Geschichten abbildend sind. Wenn Limyaael über Blondinen redet, redet sie im Sinne des Royal Shakespeare Theatre: unwichtige Details sind nicht der Grund, aus dem Leute deine Geschichte lesen, also hindern sie nach einer Weile den Spass und nerven. Wenn Limyaael über negative Charakterzüge redet, dann ist ihre Rhetorik (vielleicht nicht das was sie eigentlich sagen will, sondern nur so wie sie es sagt) die Art wie Nerds oft reden: Ach wenn doch nur mehr Dinge aus dem wirklichen Leben in meiner Geschichte drin wären, dann wäre die Geschichte nicht so steif und hölzern.


      Der Sinn davon, deiner Heldin eine Schwäche zu verpassen ist nicht, dass sie dadurch "weniger fiktiv" wird. Wie im letzten Kommentar bereits angesprochen, ist eine Geschichte wirklich mehr wie ein Spiel. Die Leser sind darauf gespannt, dass der Ring Mordor erreicht und die Hobbits als Charaktere haben dieses Ziel...also brauchen Frodo, Sam und Gollum Momente, in denen der Ring über sie Macht hat und in denen sie vom Weg abkommen. Dabei ist es egal, ob wir das als „Schwäche“ bezeichnen würden, dass der Ring sie beeinflussen kann. Es ist denke ich nicht sinnvoll, Charakterbögen mit Stärken und Schwächen auszufüllen sondern zu dem Zeitpunkt, wo sich die Helden auf Reisen / im Abenteuer / etc befinden, sollte ihnen alles Mögliche zum Hindernis werden, idealerweise auch sie selbst. Und dazu sind Schwächen sinnvoll. Hier eignet sich wieder die Analogie zum Fussball: beim Fussball ist das offizielle Ziel, Tore zu schiessen. Aber wie jedes Kind weiss, ist das Tor eigentlich nur ein Vorwand. Das wirkliche Spiel besteht nicht darin, ohne Hindernis und Widerstand Tore zu schiessen. Das wirkliche Spiel entsteht aus dem Versuch, die andere Mannschaft zu besiegen. Wenn der Fernseh-Reporter bei einem Fussball-Spiel nur beschreibt, wie die Spieler aussehen, wie sehr die Fans jubeln und dann aufzählt wie viel Tore notwendig waren um „zu gewinnen“, dann ist das Bild, wo Stürmer Frodo und Sam einen Pass von Gandalf entgegennehmen und dann Seite an Seite dem Tor entgegenrennen und nur knapp die gegnerische Mannschaft schlagen wahrscheinlich interessanter als die Tonspur, selbst wenn in der Tonspur stets eine Begeisterung vom Publikum und vom Reporter zu bemerken ist. Dadurch das wir sehen, dass Team Borussia-Mordor einiges auf dem Kasten hat und ein schweres Spiel bevorsteht, haben wir viel mehr relevanten Kontext als durch lange oft lobende Beschreibungen.
      Das gilt auch für Geschichten, die weniger mit Action zu tun haben und wo das Ziel nicht ist, Spannung aufzubauen. Jede Geschichte produziert im Idealfall irgendeine Art von Interesse und dieses Interese muss durch irgendeinen negativen Reiz (durch Negativität) ausgelöst werden. Das ganze Prinzip der Eselsbrücke besteht darin, sich Wissen anzueignen / sich etwas zu merken / zu lernen, indem Dinge, die eigentlich nicht zusammengehören, zusammengedacht werden. Unser Gehirn braucht diesen Widerspruch, weil dadurch, dass irgendetwas "falsch an diesem Bild" ist, der Anstoss geliefert wird, um nachzudenken. Einer Roman-Heldin eine Schwäche zu verpassen ist also cool ...aber nicht, weil sie dadurch echter wird, sondern weil es dadurch anders erstens kommt zweitens man als denkt.



      Hindernisse im Schreiben dienen also einerseits dem Geniessen und andererseits dem Lernen. Die Heldin wird überleben, hier sind doch noch 300 Seiten Buch, denken wir freudig, während wir lesen, dass sie dem Tode nah ist oder andere ernste Probleme hat. Vorfreude im Advent basiert auf dem selben Prinzip. Wenn Kinder ein Weihnachtsgeschenk auspacken haben sie oft mehr Freude am Packpapier als am Inhalt und das gilt auch in einem Alter wo das Kind sein Geschenk durchaus versteht. Der Weg (die Vorfreude im Advent, die Vorfreude beim Lesen, die Vorfreude beim Geschenk-Auspacken) ist das Ziel. Darum sind wir, wenn wir mit einem guten Buch fertig sind, manchmal in Sucht-Stimmung und wollen mehr von dem Buch OBWOHL das Ende eigentlich total zufriendenstellend war. "Perfektes Ende" sagen wir und wollen jetzt gerne bitte das nächste Buch lesen. ;D

      Wir brauchen Konflikte, Hindernisse, Probleme, Mist, Fehler und Schwächen, damit die Leserin sich nicht langweilt, damit sie nicht aufnahmefähig bleibt und so weiter.


      Ok, noch ein paar Dinge, die mich an diesem Rant genervt haben:

      Zum Beispiel die Dorfbewohner mit königlichem Blut oder mit Geheimnissen. Klar, im Märchen wird dauernd ein Dorfbewohner plötzlich Prinzessin. In der Fantasy, die Limyaael liest, passiert das wohl auch oft. An Buchklappentexten mit Klischees kann ich nie erkennen, ob die Gefahr, die im Buchklappentext beschrieben, tatsächlich auf aktive Bösewichte schliessen liesse und ich kann meistens nicht erahnen, was zum Beispiel die vage versprochenen „mitreissenden Intrigen bei Hofe“ konkret sind und wie sich dieses Buch von anderen 1000s of other Buchs mit Intrigs unterscheidet.
      Eine „Plötzlich Prinzessin“ Story, wo die Heldin von meuternden Soldaten der Fürstin durch schlammige Strassen gejagt wird sieht von aussen oft genauso aus wie die Intrige, wo die Heldin der Fürstin sofort auf die Schliche kommt und ihre Mitwirker einsperren lässt, bevor die Intrige wirklich interessant werden konnte. Ergo es ist nicht zu unterscheiden, ob die Intrigen tatsächlich spannend werden oder nur Seiten füllen, weil ja der Klappentext jedes Mal "Spannung" verspricht. Das Problem ist also eindeutig nicht, dass der Bauer ein unerkanntes königliches Erbe hat...und ganz ehrlich, von Tolkien bis GRR Martin hat die Fantasy viel mehr Leute mit königlichem Blut (Aragorn, Daenerys), die unter den richtigen Umständen den Thron ergreifen als Leute, die auf irgendwelchen Feldern arbeiten. Trotzdem stört sich niemand am Klischee „die Adligen sind adlig“ – Nerds würden das tun, aber sie haben noch keinen Weg gefunden. Bauern mit adligem Blut nerven deshalb, weil die Geschichte selbst nervt. Wenn der Autor sich nicht traut, einige interessante Steine ins Rollen zu bringen, dann nervt uns jedes Klischee. Das liegt nicht am Klischee.

      Auch der nächste Punkt ist Quatsch: „Feurige Heldinnen machen nur Spass wenn sie genau richtig funktionieren und auch menschlich sind“. Wieder lehrt uns Limyaael nichts darüber, wie eine feurige Heldin richtig funktioniert. Ich vermute, dass dort gute literarische Vorbilder helfen würden: Lizzie Bennett aus Stolz und Vorurteil vielleicht oder Elisabeth Swann aus Fluch der Karibik? Auch Männer mit flotten Sprüchen wie Han Solo oder Nathan Drake oder Guybrush der Pirat oder oder oder. Vorbilder zur Inspiration gibt es viele und Suchmaschinen sei Dank können wir ziemlich effizient literarische Inspiration sammeln.

      Und zuletzt: Leute schreiben nicht deshalb glückliche Romanzen, weil sie in Klischees denken und noch nie mit der Wirklichkeit von gescheiterten Beziehungen oder Dauer-Singles in Kontakt gekommen sind. Autoren, die keine Romanze wollen, werden auch keine schreiben. So einfach ist das. Es ist absurd, dass diese Fantasy-Rants beim Versuch, die typischen Impulse von Autoren zu hinterfragen, letzten Endes versuchen, Schreiber zu überreden, zwecks „Innovation“ vom Leben eines Dauer-Singles zu schreiben! Wenn jemand keine Romanze hat...und damit auch zufrieden ist, dann ist das doch ok. Und romantisches Versagen bietet supercooles Potenzial für Geschichten (da kannst du den eigenen Charakteren seeeehr übel mitspielen, sehr gewinnbringend) aber ich verstehe nicht, weshalb gescheiterte Beziehungen „besser“ sein sollen als glückliche. Denn eine gute Beziehung ist Arbeit (bringt also Probleme mit sich...Konflikte...Spannung :pfeif: ). Und genau darum sind Liebesdreiecke beliebt...weil dort Streit auftaucht (Team Edward und Team Jacob und so). Liebe auf den ersten Blick kann tatsächlich leicht schief gehen wenn es „Liebe ohne Aufwand“ bedeutet, aber das bedeutet es nicht immer. Auch der Aufruf zu „realistischen Beziehungen“ ist zwar gut gemeint, aber eigentlich ist das Autorensache... absolut können die Liebschaften im Schatten der Hauptfigur stehen. Gemeint hat Limyaael wohl, dass es nervig ist, wenn nicht einmal die Liebesbeziehung ein geben und nehmen ist, wenn die Heldin einfach nur ihren Lover anhimmelt und er sie-- und die scheinbare Perfektion erinnert uns vielleicht an das Fussballspiel ohne Gegenwehr. Das erklärte Ziel der Toreschiessens wird erfüllt, aber sinnvoll fühlt sich die Übung nicht an.
    • Bei diesem Rant war meine Reaktion meistens: Also, nein, warum denn?
      Manchmal auch: Thanks, Captain Obvious!

      1. Beschreibungen sind Gewürze. Das Aussehen von Personen hat zudem oft Einfluss auf andere Personen. Abgesehen davon ist es ein Holzhammer, wenn nur von einer einzigen Person die Haarfarbe erwähnt wird, und das ist reiiiin zufällig genau die des verschollenen Thronerben.

      2. Beschreibungen sind Gewürze. Man kann eine Suppe auch versalzen. Also bitte gut abschmecken.

      3. Gut abgeschmeckt keine Einwände. Ansonsten siehe oben.

      4. Typischerweise empfehlenswert, Ausnahmen möglich.

      5. Eine Figur muss nicht schon Probleme mitbringen. Man kann sie auch erst in Kapitel zwei damit abwatschen. Vorhandene Probleme sind aber auch nicht ausgeschlossen.

      6. Siehe oben. Man kann, oder auch nicht.

      7. Unterschrieben. Absolut. Wie ich diese aus jeder Richtung ausschliesslich angehimmelten Mistviecher hasse!

      8. Eine Figur muss stets nach ihrer eigenen Kenntnis, ihren eigenen Erfahrungen und ihrer Persönlichkeit handeln. Da kommt mit Sicherheit nicht in jedem Umfeld eine scharfe Zunge raus.

      9. Unterschrieben.

      10. Die Wortwahl "Verluste" ist ungünstig. Im Wesentlichen meint Limyaael doch, dass nicht alles nach Plan verlaufen soll, und das stimmt.

      11. Unterschrieben.

      12. Unterschrieben.

      13. Die Heldin liebt, wen sie will. Da hat der Autor nicht mitzureden, basta, und eine Limyaael auch nicht.

      Nachsatz: Wenn die Beschreibungen zu spät kommen, dann kriegt der Leser sein Kopfkino nicht mehr zurechtgebogen. Wenn die Beschreibungen fehlen, laufen Schaufensterpuppen durchs Kopfkino. Man muss es dem Leser nicht ständig unter die Nase reiben, aber gelegentlich ein dezenter Hinweis ist nicht verkehrt.
      Kann sein, dass es Leser ohne Kopfkinobedürfnis gibt. Ich zähle jedenfalls nicht dazu.
      Wer das liest, ist auch nicht schlauer als vorher.
    • Interessant. Ich habe die Sache mit den Adjektiven völlig anders verstanden, nämlich ausgehend vom Thema: eine weibliche Hauptfigur schreiben. Und da schien mir die Aussage eher zu sein: "Eine Hauptfigur funktioniert besser, wenn man sich nicht zu sehr auf ihr Äußeres konzentriert, das wird aber gerade bei weiblichen Hauptfiguren oft gemacht."
    • Ich sehe es auch nicht so, dass so wenig Beschreibung wie möglich ideal ist, auch wenn ich durchaus auch schon Texte gelesen habe, wo es mit den Beschreibungen übertrieben wird.
      Grundsätzlich weiß ich aber unabhängig vom Geschlecht bei wichtigen Figuren zumindest gerne, welche Haut- und Haarfarbe sie haben und welche Figur, das sind ja auch Dinge, die man wahrnimmt, wenn man jemanden zum ersten Mal sieht. Einen logischen Grund, warum man darauf komplett verzichten sollte sehe ich nicht. Ich bin auch eine Person, die sich zu Büchern ein filmähnliches inneres Bild macht und hätte das dann schon gerne ungefähr so, wie es sich der Autor vorstellt. Sonst fange ich dann an, die Haarfarbe dem zuzuordnen, ob ich die Buchstaben des Namens eher als hell oder dunkel sehe etc. und tu mir dann irgendwann auch schwer, wenn ich erfahre, dass die Person doch ganz anders aussehen soll.
      Was man aber meiner Meinung nach wirklich lassen sollte, sind "wertende" Beschreibungen durch den Autor. Andere Figuren können sie attraktiv oder unattraktiv finden, aber der Autor sollte dieses Urteil dem Leser überlassen.
    • Veria schrieb:

      Die Wortwahl "Verluste" ist ungünstig.
      Ist "Niederlagen" besser? Ideen?

      Veria schrieb:

      Wenn die Beschreibungen zu spät kommen, dann kriegt der Leser sein Kopfkino nicht mehr zurechtgebogen.
      Hier kann ich nicht für Andere sprechen, aber ich bekomme mein Kopfkino im Nachhinein durchaus zurechtgebogen...wenn die Beschreibungen passend sind.
      Ansonsten volle Zustimmung.

      Skelch I. schrieb:

      Interessant. Ich habe die Sache mit den Adjektiven völlig anders verstanden, nämlich ausgehend vom Thema: eine weibliche Hauptfigur schreiben.
      Falls das so gemeint ist, stimme ich zu.
    • Atmende Charaktere erschaffen

      Muss ich weiterhin hinschreiben, dass diese “persönlich” sind? Ich würde hoffen Nein. Sie stehen in einem persönlichen LiveJournal und tragen meinen Namen, also hoffe ich es ist offensichtlich.

      Kurze Begriffsbestimmung: “Atmend” ist für mich sowohl “real” als auch “komplex.” Ich benutze es lieber, weil ich glaube, dass es möglich ist, Stereotype von Leuten zu schaffen, die scheinbar leben und umgekehrt komplizierte Vergangenheiten und Persönlichkeiten zu erfinden, die kaum mehr am Leben sind als der ursprüngliche Charaktersketch des Schreibers. Ich würde das gern vermeiden, sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben, also „atmend“ als Kombination der beiden Begriffe.

      Ich ziehe es auch vor, den Begriff „sympathisch“ zu meiden. Wenn dein Charakter atmet, ist er oder sie vielleicht ein verwöhntes Balg oder ein sehr gut geschriebener Schurke. Mir geht es hier nicht nur um Helden. Wie ich im Eintrag über weibliche Protagonisten anmerkte, ist einer der grössten Fehler von Amateurschreibern (und gelegentlich professionellen Schriftstellern), dass nur ihr Hauptcharakter wirklich von vorn bis hinten gut durchdacht ist, wodurch ein Vakuumcharakter riskiert wird, der die Persönlichkeit aus den anderen Menschen saugt und die Geschichte der Welt zu etwas macht, in dem sich alles um ihn dreht. Nicht ratsam.
      1. Wähle einen Blickwinkel. Das erscheint offensichtlich, aber viele neue Schreiber bleiben nur in der ersten Person bei ihrem Blickwinkel und so springt der Erzähler von Kopf zu Kopf, schwebt ausserhalb der Charaktere und ist mal allwissend, mal ahnungslos. Bitte, du siehst mich betteln, überdenke das. Allwissende Stimmen sind gut wenn du mit ihnen umzugehen weisst, aber selbst dann nerven sie mitunder; es gibt Teile im Herrn der Ringe wo ich mir wünschen würde, dass Tolkien durch einen Charakter spräche statt auf Details einzugehen, die kein bestimmter Charakter wissen kann. Behalte im Kopf wer redet und erinner dich, was sie oder er weiss und was nicht. Wenn du HP aus Hermine’s POV (Perspektive) schreibst, dann kann nicht im nächsten Satz „Harry gab ihr ein feuchtes Lächeln. Sie hätte unmöglich verstehen können, was ihm letzten Sommer widerfahren war“ stehen. Im ersten Satz schreiben wir über etwas, dass Hermine beobachten konnte aber dessen Ursache sie nicht kennen kann – und sogar völlig falsch liegen könnte. Und wenn Harry ihr nicht verraten hat, das letzten Sommer etwas vorgefallen ist, aus wessen POV ist dann der zweite Satz geschrieben?
      2. Was interessiert die Charaktere, was nicht? Wenn du einen Charakter als permanente Widersacherin der Heldin aufbaust, dann ist es vielleicht sinnvoll, dass ihre Gedanken ständig um die Heldin kreisen. Aber wenn eine Nebenfigur eher an ihrem magischen Training interessiert ist als an diesem Konflikt der Heldin, warum würde sie dann ständig über die Heldin plaudern und an sie denken? Hier ist wieder Miss Schund am Werk, wenn selbst unwichtige Nebencharaktere die du schreibst oder Charaktere, die Wichtigeres in ihrem Leben haben, nichts tun als den ganzen Tag über die Helden und ihr Schicksal nachzudenken.
      3. Verpass deinem Charakter viele Gefühle. Scheint vielleicht auf den ersten Blick simpel, aber es ist erstaunlich wieviele Charaktere zu lebensleeren Puppen werden, deren einzige Emotion Existenzangst ist (ihnen ist dauernd Angst und Bange um sich selbst). Oder zu Jubel-Maschinen. Oder was-auch-immer die Autoren in dem Moment von ihnen wollen. Sagen wir, du schreibst über einen Linguisten. Sie hat gerade ihre schwierige und delikate Übersetzung einer Dokuments aus dem Elbischen ins Lathiel, die menschliche Zunge ihres Königreiches vorgenommen. Sie wird als kaum aus der Ruhe zu bringender, ernster Charakter dargestellt, den dieses Dokument sehr stark interessiert. Aber bedeutet das, dass, wenn jemand ihr Tee auf die Notizen schüttet, sie trocken nickt und weitermacht? Es ist völlig angemessen, dass sie wütend wird und flucht (oder was auch immer du für die angemessene Reaktion hälst), dass sie sich verzweifelt müht, den Tee aufzuwischen, um Hilfe fleht oder vielleicht zu weinen anfängt. Lass die Charaktere wie Menschen reagieren und nicht wie Maschinen.
      4. Mach deine Charaktere nicht zu Sklaven des Plots. Wenn sie die Pläne der Bösewichter erfahren sollen, dann gib ihnen die Hirnmasse, um die Pläne zu erfahren oder erfinde einen Verräter und gib ihm eine Persönlichkeit. Gib niemandem plötzlich Inspirationsflashs oder Einsichten oder prophetische Träume, es sei denn, du hast diesen Charakterzug bereits unter weniger ernsten Umständen etabliert. Eine Priesterin, die ihr Leben lang prophetische Träume gehabt hat, könnte ohne Weiteres solche Offenbarung erleben. Ein Charakter ohne magisches Talent wäre ein unwahrscheinlicher Kandidat. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, einen Charakter zu schreiben, der improvisiert und in Zwangslagen versucht sich mit plötzlichen Einfällen zu retten – im wahrsten Sinne; ich habe die Szenen geschrieben bevor ich wusste, was er als nächstes tun würde – und erhielt eine sehr, sehr enthusiastische Raktion von den Lesern, die glücklich waren, dass er die Angreifer nicht einfach mit einem Feuersturm auseinanderwirbelte. Gib deinen Charaktere Dinge, die sie tun würden, nicht nur Dinge, die der Plot von ihnen braucht.

      5. Gib deinen Charakteren Tiefe und Reichtum. Wenn es geht erwähne dabei beiläufige Kleinigkeiten, die nicht Teil des Plots werden, ohne damit die Geschichte zu überfrachten. Eventuell strengt sich ein Charakter an, will malen und ist einfach sauschlecht darin. Vielleicht wird daraus kein Schlüsselmoment für den Plot 60 Seiten später. Wenn du nicht gerade eine Mystery-Geschichte schreibst, würde ich davon abraten, den Plot so eng zu packen, dass jede kleine Erkenntnis über einen Charakter später bedeutend ist. Diese Art Kreuzwort-Rätsel Spass ist unter den richtigen Umständen sehr unterhaltsam, aber wenn deine Leser nicht vorgewarnt sind, irritiert es sie, das ihnen aufgebürdet wird, dass nur weil Harald Katzen liebt, er ein meisterhafter Schachspieler sein muss. Umgekehrt betrachtet: wenn du mit dieser Art Ding nicht subtil umgehst, sieht dein Publikum die „cleveren Plot Twists“ schon Meilen vorher. „Oh, sie kann also Bilder malen, die zum Leben erwachen aber ihre Bilder bleiben trotzdem meist leblos? Natürlich werden die genau dann erwachen, wenn die Figur in Lebensgefahr schwebt!“

      6. Schreib keine Charakterprofile. Ganz recht. Tus nicht hab ich gesagt. Es sind mechanische Dinge und wie ich bereits sagte, dies sind atmende Charaktere, die deine Seiten bevölkern werden, keine Maschinenabläufe. Du willst also mit ein paar Grundfakten über den Charakter anfangen „Jaeni ist ein Sturkopf, hat blaue Augen und will wirklich nicht das Schwert aus dem Stein ziehen“ aber du versuchst nicht jegliche Details schon am Anfang zu wissen. Manche davon sind Details die nie auftauchen werden. Wenn du einen Eintrag in jedem Charakterprofil für „Lieblingsgetränk“ hast und für Rieni „Tee“ schreibst, aber wir nie sehen, wie sie Tee trinkt, was ist dann bitte der Punkt? Indes fühlen ach so viele Autoren sich verpflichtet diese Liebe zum Tee zu erwähnen, auch wenn dieses Detail nirgendwo in Rieni’s Geschichte einen Platz hat. Diese Art Zwanghaftigkeit wird auch der Geschichte ein mechanisches Gefühl verleihen und macht aus deinem Charakter ein geschaffenes Ding.

      7. Verbring wenigstens ein bisschen Zeit, um dich in jeden Charakter einzufühlen. Das heisst nicht, dass Kapitel geschrieben werden müssten um jeden Blickwinkel zu berücksichtigen, aber versuche zu verstehen, was sie ticken macht. Vielleicht hat die Feindin des Helden, die ständig seine Klamotten reisst und ihn verspottet das nicht grundlos getan, sondern weil der Held ihr mal ein Bein gestellt und sie vor der ganzen Schule ausgelacht hat und das ist etwas, was sie ihm nie verzeihen wird. Jeder Charakter wird Motive, Gründe, Ideen und Glaubensvorstellungen haben, die ihm richtig erscheinen. Ich schlage aus Autorensicht Neutralität vor. Erschaff keine Charaktere, nur um sie zu quälen, es sei denn du schreibst eine Parodie oder ein Stück, dass du nie jemandem zeigen wirst. Dich zu sehr auf die Seite deines Helden zu stellen und den Schultyrannen nicht nur aus Sicht des Helden auslachen sondern offensichtlich aus deiner Sicht ist ein weiteres Erfolgsrezept, um Miss Schund in eine Welt voller Roboter zu verpflanzen und oft ein Überbleibsel aus den Schultagen, als der Autor sich nicht vorstellen konnte, dass die anderen Schüler, die ihn gequält haben auch vergleichbar komplexe Leben führten und vergleichbar komplexe Gedanken hatten wie er.
      8. Erschaffe keine Charaktere, deren raison d’etre darin besteht, vom Hauptcharakter schikaniert zu werden, bis er / sie über diese Charaktere triumphiert. Vielleicht denkst du, dass deine Geschichte das braucht. Glaub mir, das stimmt nicht. Miss Schund und Geschichten, die ihr überallhin folgen (beispielsweise die üblichen generischen Romanzen-Plots) erfordern das. Dort ist DIE ANDERE eine Frau von schlichter und seichter Persönlichkeit oder eine Schlampe oder irgendein anderes abwertendes Stereotyp, welches dem Autor vorschwebt. Aber daraus wird kein atmender Charakter. Und genausowenig wird aus Miss Schund ein atmender Charakter. Jeder Charakter sollte ein Eigenleben haben, dass nicht von der Heldin abhängt, selbst wenn die Philosophie der Heldin in der Geschichte den Vorrang hat. Wenn du aus Sicht eines Charakters schreibst, der wohl nicht in der Lage wäre, diese Art von Einsicht zu zeigen, dann arbeite um sicherzugehen, dass der Leser bescheid weiss, dass du, der Autor, nicht ebenso blind bist. Kleine Widersprüche in die Geschichte einzubinden zwischen der blinden Erwartungshaltung deiner Heldin und dem, was tatsächlich eintritt ist ein Weg, um dies Ziel zu erreichen. Deine Heldin kann diese Widersprüche achselzuckend hinnehmen und weitermachen. Deine Leser werden die Wahrheit kennen: dass es eine weitere Welt da draussen gibt, die deiner Heldin schlicht entgeht.

      9. Mache aus deinen Charakteren keine Oberdramatiker. Einerseits geht deine Geschichte so Miss Schund aus dem Weg, aber andererseits heisst es auch sie nicht in diejenigen zu verwandeln, die in allem perfekt sind: die Schönsten, die Klügsten, auch die Stärksten und Begabtesten. Gib ihnen Schwächen, sicher, sicher, aber gib ihnen auch totale Schwachpunkte. Denk über die Konsequenzen nach, dass sie nur eine grandiose Fähigkeit besitzen. Wenn ein Charakter ihr ganzes Leben damit zugebracht hat, das Harfenspiel zu meistern, sollte sie dann auch das schönste Geschöpf der Welt sein? Sie würde wohl mehr Zeit mit der Harfe verbringen und nicht einer Obsession mit Pflegeprodukten nachgehen. Und das Talent kann für sich genommen einem Charakter Probleme bereiten. Sagen wir, du hast einen grandiosen Schwertkämpfer, berühmt für seine Künste. Dann nimmt der Herrscher, der ihn entführt hat, sein Schwert. Ist er ohne Weiteres auch ein guter Faustkämpfer? Oder friert er aus Zweifel und Panik?

      10. Gib deinen Charakteren Zeit. Einer der Begriffe, den ich zunehmend zu hassen lerne, je öfter ich ihn im Internet lese, ist „plot bunny“. Mir scheint, es handelt sich dabei um einen spontanen Anflug von Inspiration, der sofort niedergeschrieben wird. Das kann funktionieren. Aber öfter noch sind solche Plothäschen anderen überbenutzten Geschichtsideen ähnlich (Mary Sues neigen dazu, so zu sein) oder sie haben nicht genügend treibende Kraft, um dem Autor viel zu bieten und die Geschichte bricht auf halber Strecke in sich zusammen. Behalte im Kopf, dass manches von deiner Arbeit tatsächlich Arbeit sein wird. Du solltest dich nicht auf Inspiration verlassen, um alles abzuschliessen. Und du solltest nicht, sobald du eine Idee für eine Figur hast, sie sofort so schnell wie möglich schreiben. Denk über sie nach, gib ihr Zeit. Ich schreibe derzeit ein Buch, dessen Charaktere ich mir vor zehn Jahren zum ersten Mal ausgedacht habe. Ich dachte oft, ich würde die Geschichte viel früher angehen, aber ich bin froh, gewartet zu haben. Einer meiner Hauptcharaktere, Somal, sollte von anfang an halb wahnsinnig sein aber es war erst ein paar Wochen, bevor ich die Geschichte anfing zu schreiben, dass mir sein inzestuöses Verhältnis zu seiner Schwester klar wurde, welches nun integraler Bestandteil seines Charakters ist, sodass ich mich frage, wie mir das entgehen konnte.

      11. Hör deinen Charakteren zu. Wenn du plötzlich beim Schreiben feststellst, dass die Frau, die du beschreibst graue Augen hast, dann bleib nicht Sklave deiner bisherigen Vorstellung, dass sie grüne Augen haben müsse. Im Idealfall ist das Schreiben wie eine fortgesetzte Unterhaltung mit dem Charakter oder sogar ein zum-Charakter-werden. Keine Angst vor Veränderung mitten im Prozess. Du kannst immer zurückkehren und revidieren, wenn es nicht klappt. Die meiste Zeit jedoch denke ich klappt es schon und die Charaktere, die mir am leblosesten erscheinen sind die, deren Autoren behaupten alles im Vorhinein ausgeplant zu haben und nie geändert zu haben.

      12. Nimm nicht den leichten Ausweg. Wenn du das beste Ende für deine Geschichte im Tod deines Helden erkennst, dann schrecke nicht davor zurück, nur weil du den Charakter liebst. Generell ist das Sichverlieben in deine Charaktere nicht empfehlenswert. Sie zu lieben ist eine Sache; sich zu verknallen und emotional mit ihnen verstrickt zu sein eine ganz andere. Es führt wahrscheinlich nicht nur zu Klischee-Enden sondern auch zu anderen, oben erwähnten Problemen: Charaktere werden erschaffen, deren Wahrnehmung mit der Realität identisch sein soll, Charaktere werden geschaffen die nur da sind, damit der Hauptcharakter einen Auftritt hat und so weiter.

      13. Und am allerwichtigsten, bleib dem Charakter treu. Wenn du einen Dichter hast, dann ist es vielleicht gestattet, plötzlich von Augen zu sprechen, als seien sie ein Sonnenuntergang. Ein Seemann darf im Dialekt sprechen. Füge keinen Dialog ein, den dein Charakter nicht sagen würde. Das ist, denke ich, wohl sogar die leichtere Übung. Beschreibungen, Exposition und Action – die Dinge die vermeintlich in der Stimme der Geschichte erzählt werden – können allzu leicht einem Stil anheimfallen, der nicht zum Charakter passt. Lass den Barden überschwänglich vom Gebirge schwärmen, wenn du aus seiner Perspektive erzählst. Erwarte nicht, dass die Figur, die ihr ganzes Leben nichts anderes als diese Berge kennt, unvermittelt anfängt von deren Schönheit zu sprechen, nur weil der Leser deine beschreibende Gabe schätzen lernen soll. Wenn du eine plotgetriebene Geschichte hast, in der absolut bestimmte Dinge zu bestimmten Zeitpunkten passieren müssen, wähle dazu den angemessenen Charakter aus. Wenn du eine Charakter-getriebene Geschichte erzählst (immer die beste Art, denke ich) musst du akzeptieren, dass der Leser nichts von der absoluten Schönheit der Berge erfährt und informiere sie später. Oder gar nicht.


      Mit Sicherheit atmen nicht all meine Charaktere, aber ich bilde mir gern ein, dass es die meisten tun – und wenn ich einen Roboter entdecke oder erkenne, dass ein Charakter seziert werden muss, dann fahre ich sie sofort in den Operationssaal, binde sie fest und gebe ihnen Lebenssaft in Form eines Stromstosses.

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    • Kommentar

      Zuerst einmal ist es fantastisch, dass Limyaael einen eigenen Begriff einführt (und ihn definiert!), um über ein schwieriges Thema beim Schreiben nachzudenken. Wie sie richtig bemerkt, sind Persönlichkeiten mit über-komplizierter Backstory oft viel langweiliger als es deren Autoren erwarten und wenn die Nebenfiguren „kaum am Leben“ sind, dann ist es erst recht schrecklich. Und wie Limyaael ebenfalls treffend bemerkt, sind „sympathische“ Charaktere auch kein Muss.

      Womit Limyaael auch Recht hat ist, dass Antagonisten im Normalfall nicht den ganzen Tag über die Hauptfigur oder die Helden nachdenken sollten.

      „Verpass deinem Charakter viele Gefühle“ ist wohl ein Ratschlag, um flachen Charakteren mehr Gefühle zu verpassen, weil echte Menschen mehr Gefühle zeigen und echte Menschen und das echte Leben und die Realität aus Limyaaels Sicht das sind, was Geschichten nachmachen müssen, damit Leute es lesen wollen. Kürzer gesagt: durch Realismus „Tiefe“ verleihen. Finde ich fragwürdig. Klar, flache Charaktere sind beliebig und austauschbar und toooodlangweilig und ich will lieber Charaktere, die irgendwas interessantes zu erzählen haben, die sich mit Interessantem herumschlagen müssen, die irgendwas interessantes wollen und vielleicht eine interessante Lebensphilosophie oder eine typische Gemütsverfassung haben. Und klar, solche Charaktere sind komplexer, sind ausgearbeiteter als flache Charaktere. Aber ich denke, wenn wir zum Beispiel bloss dafür sorgen, dass unsere Figur 5 zusätzliche Emotionen (oder 6 oder so viele wie möglich) hat, dann kommt mir das nicht so vor, als ob es uns zum Ziel führt. Wir wollten nicht Charaktere in allen erdenklichen Gefühlslagen sehen, wir wollten sehen, wie Charaktere mit Situationen umgehen und einander Input geben und vielleicht ein Stein des Anstosses für irgendwas sind. Wir wollten Charaktere auch einfach mögen oder die, die wir nicht mögen...da wollen wir Interesse (im Fall von Schurken vielleicht mit Schaudern?) verfolgen, was sie gerade so tun. Reine Komplexität ist nicht Lebensnähe und Lebensnähe ist nicht immer interessant oder begehrenswert.

      „Gib Charakteren Dinge, die sie tun würden, nicht nur Dinge, die der Plot von ihnen braucht“ ist auch ein ulkiger Rat. Wenn Charaktere nur aus Plot-Zwang Dinge tut, dann ist das zwar totaler Mist...aber deshalb, weil das liegt an Folgendem: Plot ist schlecht. Plot ist nicht unterhaltsam. Ein Plot ist nur eine Aneinanderreihung von Ereignissen

      Plotpunkt 1: der grosse Turm fiel zu Boden.

      Plotpunkt 2: Der König feierte eine Party.

      Plotpunkt 3: Der Schurke sprach zu seinen Dienern.

      Plotpunkt 4: Der Prinz kehrte nach Hause zurück.

      Plotpunkt 5: Der Zauberer kam zum Bauernjungen und gab ihm ein mystisches Artefakt.

      Plotpunkt 6: Der König liess eine grosse Jagd ausrufen.

      Plotpunkt 7: Die Diener griffen während der grossen Jagd an.

      Plotpunkt 8: Der Bauernjunge brachte dem Prinzen das mystische Artefakt.

      Plotpunkt 9: Der Prinz wollte das Artefakt nicht

      Plotpunkt 10: Der Prinz bestand darauf, kein Held zu sein.

      Plotpunkt 11: Der Magier trainierte den Prinzen im Gebrauch des magischen Artefakts.

      Plotpunkt 12: Die Liebe des Prinzen überzeugt ihn ohne Weiteres, den bösen Herrscher zu stürzen.

      Plotpunkt 13: Mit dem mystischen Artefakt gelingt dem Helden der Sieg.

      Ein Plot liest sich so „der Turm fiel UND DANN feierte der König UND DANN sprach der Schurke UND DANN kam der Prinz UND DANN der Zauberer mit dem Ring DANN die Jagd DANN der Angriff der Bösen UND DANN redet der Prinz mit dem Bauernbub DANN kommt die Training Montage UND DANN traut der Prinz sich endlich UND DANACH das epische Finale!“

      Das ist ein Plot. Eine blosse Abfolge von Ereignissen. Sie passieren in zeitlicher Reihenfolge, aber ohne emotionales Rückgrat. Selbst wenn wir bei dieser trockenen Liste davon ausgehen, dass der Prinz, der sich zu Heldentaten überreden lässt, derselbe ist, der das mystische Artefakt ablehnt, ist es nur eine Reihe an Dingen, die in der Geschichte passieren. Wir brauchen an dieser Stelle nicht Erklärungen, denn wir wollen zwar wissen wie die Dinge in der Geschichte zusammenhängen, um die Geschichte zu verstehen, aber wir (als Publikum) wollen nicht wissen warum. Denn warum der Prinz das Artefakt nicht will, liesse sich mit noch mehr sinnlosen Plot-Punkten beantworten...zum Beispiel mit sinnlosen Flashbacks. Wir brauchen Kontext.

      Ganz anders dagegen eine Geschichte, ein Narrativ. Während ein Plot bloss irgendeine Anzahl Plotpunkte (wie die 13 in der Liste oben) abklappert und der „Kontext“ dieser Plotpunkte bloss ist, dass alle 13 Dinge passieren müssen und zwischendrin müssen Figuren reisen oder sich ein Artefakt beschaffen etc etc ist es die Aufgabe eines Narrativs, das vorhin erwähnte emotionale Rückgrat zu bilden und uns somit „bei der Stange“ zu halten, während wir die Geschichte lesen.

      Ein Narrativ liest sich nicht als UND DANN-Liste (die wir auch als UND AUCH-Liste bezeichnen können oder UND DANACH usw.), sondern als WENN und ABER beziehungsweise als WEIL und ABER. „Der Turm fiel, ABER der König wollte eine Party feiern“ ist deutlich interessanter als „Der Turm fiel und ausserdem feiert der König irgendwo eine Party“. Obwohl unser Held etwas will, fällt es ihm schwer, dass ist die Grundlage für Konflikt in Geschichten. Weil unser Held etwas will, wird er nicht aufgeben. Weil die Bösen etwas wollen, intervenieren sie. „Der Turm fiel und somit feierte der König ein Fest, doch der Zauberer unterbrach die Festlichkeiten und warnte vor dem Schurken, dessen Zwiesprache mit seinen Dienern der Magier überhört hatte. Besorgt von diesen Entwicklungen kehrte der Prinz nach Hause zurück und der Zauberer zog aus, um...“ und so weiter. Die Charaktere sind hier stets in der Situation, mitten im Geschehen. Vielleicht beneidet der Prinz den Bauernjungen, nachdem dieser das magische Artefakt erhält. Anstatt Autoren zu raten, ihren Prinzen „viele Gefühle“ zu geben, sollten sie lieber mit konkreten Ereignissen in der Geschichte etwas über die Figuren sagen / illustrieren / demonstrieren. Und solange dieses Grundgerüst, dieses Skelett einer Geschichte vorhanden ist, muss auch niemand kleine Dinge, die keine Plotlinien werden“ erwähnen oder Angst haben „die Geschichte zu überfrachten“.

      Bei Punkt 5 meint Limyaael ja, dass die kleinen Details die Geschichte nicht überfrachten sollten. Aber woran erkenne ich, ob ich eine Geschichte mit Details überfrachtet habe? Wie sieht eine überfrachtete Geschichte aus? Wie viel Fracht ist zu viel Fracht? Welche Anzahl an Details ist zu viel. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, auf diese Art Geschichten schreiben zu wollen. „Oh Gott, ich brauche ein Mischverhältnis von 33 zu 9, bin aber bei 28 zu 7, oh nein!“.

      Es ist, denke ich, möglich, einen Text von vorne bis hinten zu lesen und dabei zu merken, ob die Ereignisse oder die Handlungen der Figuren „nachhallen“, ob sie eine Wirkung auf die späteren Ereignisse und Handlungen haben, sodass wir uns nicht fragen, ob der Autor gerade seine eigene Geschichte vergessen hat oder ob die Geschehnisse irgendwie miteinander verknüpft sind. Wir können uns ja einfach fragen, ob die Ereignisse in unserer Geschichte einfach nacheinander passieren oder ob sie WEGEN und TROTZ der vorhergehenden Dinge passieren.

      Ähnlich geht es mir bei Lim’s Bemerkung zu den Charakterprofilen. Ich rate, wie Limyaael auch, von Charakterprofilen ab. Genau wie sie finde ich diese Profile zu mechanisch. Die Leute verlieren sich in Charakter-Details, versuchen, die Charaktere „perfekt“ zu machen. Und denken, dass es um „Realismus“ oder „Verissimilitude“ bzw. Plausibilität geht.

      Charakterprofile sind also ein wenig absurd. Dein Charakter wird mit 20.000 Details nicht „realer sein“ als mit 140 Details. Für das Publikum zählen Dinge wie die Motivation deiner Figur viel mehr, weil die Motivation deinen Charakter dazu bringt, nicht bloss Plotpunkte abzuklappern, sondern aktiv zu handeln, an der Geschichte und ihren Ereignissen teilzunehmen. Und dann ist „etwas los“, wodurch wir der Handlung Aufmerksamkeit schenken. Wir sind daran interessiert, wenn Leute handeln und somit in Beziehung zu ihrer Umwelt und anderen Leuten stehen. Ein Charakterprofil kann mir sagen, dass der Held gern in der Badewanne sitzt...ist ja ganz nett. Mehr auch nicht.

      Was mir an Limyaaels Herangehensweise mit den Rants nicht gefällt, ist, dass selbst die richtigen Tipps zu lauter quasi abergläubischen Einschränkungen beim Schreiben führen. Eine Harfenspielerin darf nicht schön sein? Warum? Eine schlichte Frau von seichtem Charakter oder eine „Schlampe“ (ihre Wortwahl, siehe Essay) kann kein atmender Charakter sein? Wieso? Sicherlich ist es cool, wenn der Schwertkämpfer auf einmal kein Schwert mehr hat... aber das hat nicht damit zu tun, dass wir das menschliche und imperfekte so sehr lieben und das ein Schwertkämpfer nicht auch gut im Faustkampf sein darf. Sondern auf „Der Recke siegte im Schwertkampf“ folgt „ABER DANN nahm ihm der König sein Schwert“ und wir lesen gebannt weiter, weil die Gefahr nun grösser geworden ist. Da hätte auch stehen können „ABER DANN übersah der Recke den gewaltigen Löwen, der sich von hinten an ihn gepirscht hatte“ da hätte jeder X-beliebige Satz stehen können, bei dem wir als Publikum tatsächlich eine grössere Gefahr gespürt hätten. Und weil wir die Gefahr spüren müssen, muss der Held Fehler machen, sonst meistert er alles und wir fühlen uns nie bedroht. Aber das hat nichts mit unserer Liebe zu imperfekten Helden zu tun, sondern nur mit unserer kognitiven Unfähigkeit, uns von etwas bedroht zu fühlen, wenn nichts darauf hindeutet, dass die Situation ausser Kontrolle ist. Wenn nie etwas schief geht und immer alles klappt, sendet unser Gehirn (glücklicherweise) keine Furchtsignale. Bedeutet aber, dass der perfekte Held, dem immer alles gelingt natürlich sterbenslangweilig ist...nicht direkt wegen seiner perfekten Qualitäten (deren er sehr viele besitzen darf) sondern, weil sich die Situation sonst unmöglich zuspitzt und wir somit nicht mitfiebern können, weil es nichts zu fiebern gibt.

      Auch die Kritik am „plot bunny“ halte ich für verfehlt. Spontane Inspiration ist doch prima! Nur weil viele Leute nicht schreiben können...und Mist von niedriger Qualität schreiben...heisst das längst nicht, dass spontane Einfälle schlecht sind.

      Neutralität gegenüber Charakteren scheint auch unsinnig. Ist doch okay, die einen zu mögen und die anderen nicht! Dass Autoren Charaktere schaffen, nur um sie zu quälen ist doof, aber das liegt nicht an Neutralitätsmangel, sondern daran, dass die Leute nicht ihre Geschichte schreiben, sondern an ihrer Gewaltphantasie hängen bleiben. Neutralität ist nicht dasselbe wie emotionale Distanz...und ganz ehrlich, manche von Limyaael’s Kritiken sind einfach Teenagerprobleme. Teenager wollen sich in ihren Prosa-Versuchen abreagieren, ist doch vollkommen normal. Wer in der Schule gemobbt wird, will auf dem Blatt Papier Rache üben. Warum nicht? Ist natürlich schrecklich, sowas im Internet zu veröffentlichen, aber so ist die Fanfiction-Szene nun einmal... (siehe Amanitas Kommentar weiter oben). Jugendliche haben viel mehr Freizeit, um Fanfiction zu schreiben, als Leute mit mehr Lebenserfahrung (und weniger Hormonen), die bei ihren Charakteren mehr Acht geben, am Thema ihrer Geschichte zu bleiben und keine Ausflüge in die Welt des momentanen Gefühlsrauschs zu unternehmen.