CSS Butterfish

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    • CSS Butterfish

      15. Februar 2021 (Terra), 14:15 Ortszeit / 37 4A 31 , 98 PGTC
      Ich habe ja kürzlich andernorts verkündet, mit einem Projekt für '21 begonnen zu haben, mit dem festen Ziel, es in diesem Jahr auch zu beenden. Wie es scheint darf ich da vorsichtig optimistisch sein, denn in letzter Zeit arbeite ich mit für mich untypischer Kontinuität und mit einiger Begeisterung daran.
      Es ist eine Geschichte eher, als eine Weltenbastelei. Natürlich ist letztere auch enthalten, sie steht jedoch hinter der Geschichte selbst hintenan. Es gibt ein wenig Grundlagenarbeit, die ich hier schon vor Jahren geleistet habe, aber ich kopiere dies nur bei Bedarf ins Projekt ein. Ansonsten konzentriere ich mich auf die Handlung und lasse vorerst alles, was nicht unmittelbar damit zusammenhängt, im Dunkeln. Es wird ohnehin nicht schwer fallen, die jeweiligen Vorbilder und/oder Anregungen zu identifizieren.
      Auch habe ich gesagt, daß ich hier Teile verbaue, die mich schon sehr lange begleiten. Eine der Hauptfiguren ist zB 30 Jahre alt und mit mir, seit ich SciFi-RPGs hoste oder spiele - mit Ausnahme von Star Wars (und damit auch Endless Empire).

      Ich werde einfach Mal anfangen, fertige Teile hier zu posten und mir anhören, was dazu so aufkommt. Weltenbastlerische Fragen sind natürlich auch willkommen, sind ja hier die Weltenbastler, nicht wahr? ;D

      Also, los geht's! Erster Teil:


      CSS Danube, Logbuch Eintrag #471
      Gateway-Station, Sol-System
      3. Februar, 2267 (Terra) 17 Uhr 42 Bordzeit / 38 A8 E3, BD PGTC
      Manifest: 2253,03m³, 94'377 TU
      - 1300 m³ Titanoxid
      - 442 m³ Magnesit
      - 306,17 m³ Roterze
      - 181,46 m³ Lantanerde
      - 12,89 m³ Roh-Unium
      - 8,74 m³ Infiniumerz
      =1,77 m³ Infinium(raff)
      +3,23 m³ Infinium(raff)
      (Kapitän Lockhardt) Wir legen heute auf Gateway-Station an. Die Logistik bereitet schon die Übergabe der Fracht vor und die vorläufigen Zahlen der Warenprojektion sehen sehr gut aus. Wenn es keine Überraschungen gibt sollte sogar ein kleiner Bonus für die Crew drin sein. Aber vordringlich muß ich mich um einen Ersatz für Junior-Officer Korten umsehen. Der Mann mag ein Säufer und ein ungehobelter Grobian im Umgang mit Leuten gewesen sein, aber er war auch ein Ass an der Steuerung. Jetzt muß ich mich wohl mit einem Grünschnabel von der Akademie abgeben, einen erfahrenen Steuermann werden wir wohl so schnell nicht auftreiben, erst recht nicht so spät in der Season. Hoffentlich haben die Schleifer noch ein Talent übrig gelassen.
      (Kapitän Lockhardt, Nachtrag) Es ist kaum zu glauben, aber die Akademie hat tatsächlich noch einen echten Kandidaten übrig, sein Dossier springt einen regelrecht an. Ich habe keine Ahnung, warum der Mann noch nicht unter Vertrag steht, aber im Log stehen 17 Anfragen. Eine ist von Kapitän Gerson von der CSS Kapstadt. Habe nachgefragt, laut ihm hat dieser Wicker­sham ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Scheint ein komischer Vogel zu sein. Aber das Dossier sieht zu verlockend aus, ich werd' ihm mal auf den Zahn fühlen.

      Vier Personen saßen um einen Tisch in der Lounge: eine zierliche Asiatin, die in Widersinnigkeit zu ihrer Gestalt allgemein XL gerufen wurde, ein vierschrötiger, rothaariger Ire mit einem breiten Bulldoggengesicht, ein hagerer, hakennasiger Brite mit dünnem, schwarzen Haar und eine athletische aber ansonsten unscheinbare Russin mit halblangem, dunkelblonden Haar. Sie alle saßen mehr oder weniger über ihre Drinks gebeugt und brüteten düster vor sich hin. Jeder hatte ein Pad vor sich liegen mit dutzenden Absagen.
      Einen Abschluß zu haben von der prominenten Academy of Economic Star Flight war zwar durchaus beeindruckend, bedeutete aber nicht automatisch, daß man damit auch auf einem der Schiffe der stetig wachsenden terranischen Flotte eine Heuer fand. Sie waren wohl die letzten, die noch keine Stelle gefunden hatten. Jeder von ihnen hatte seine speziellen Gründe, warum sein Dossier für die meisten Kapitäne keinen zweiten Blick wert waren.
      Bei dem fünften in der Runde war das ganz anders. Die aschblonden Haare modisch kurz geschnitten trug er die schmucklose Uniform der Akademie mit einer lässigen Eleganz. Sein Dossier glänzte schier und hatte bereits sogar einzelne aktive Anfragen produziert. Das 'Wunderkind' des Jahrganges konnte es sich leisten mit einer Zusage zu warten.
      "Laßt mich raten, kein Glück?", fragte er in die Runde und erntete dafür einige finstere Blicke. Sogar XL schnaubte mißmutig, doch daß schien Vincent nur noch mehr zu amüsieren.
      "Zu irisch, zu kriminell, zu still und zu bescheiden, kein Wunder, daß niemand auch nur einen halbherzigen Blick auf eure Bewerbungen wirft."
      Olga Wolkow schaute Vincent über den Rand ihres Glases an, ihre Augen blitzten ärgerlich – aber natürlich sagte sie nichts. Sie sagte nie etwas.
      Clark Brown, der Ire, fluchte laut und knallte sein Bierglas auf den Tisch, daß es schwappte. Er war der talentierteste Techniker des ganzes Jahrganges, wie Vincent fand. Leider war er aber auch unbeherscht, jähzornig und überaus streitbar. Sein Dossier mochte wohl Aufmerksamkeit erregen, aber in einem Gespräch ging es mit ihm durch, egal wie fest er sich vornahm, ruhig zu bleiben. Da half es auch nicht, daß er die Leitungen und Verkabelungen eines Triebwerks mit verbunden Augen verlegen oder zerlegen konnte.
      Der hagere, dunkle Kerl mit der Hakennase verzog mit typisch britischem Understatement leicht das Gesicht, setzte zu einer Entgegnung an, schwieg dann aber. Er war der intelligenteste hier am Tisch – wahrscheinlich sogar an der ganzen Akademie, wenn nicht an Bord der Gateway-Station. Aber er war auch unerträglich arrogant, egozentrisch und spöttisch. Einzig in dieser Runde hielt er seine spitze Zunge ein wenig im Zaum. Seine Achillesferse jedoch war seine kriminelle Energie: er liebte Geld und war sehr findig darin, Methoden zu ersinnen, sich welches anzueignen. Das war leider aber auch schnell aufgefallen. Böse Zungen behaupteten gar, er habe sich mit der Verpflichtung zur Akademie einer Verurteilung auf der Erde entzogen.
      Xian Liao dagegen war eine glänzende Theoretikerin in vielen Disziplinen, eine Wissenschaftlerin durch und durch, die sicher sofort angeheuert worden wäre – würde sie sich ihrer Leistungen nicht so sehr schämen. Sie haßte Aufmerksamkeit, verkroch sich praktisch unter ihrem Tisch, sobald sie angesprochen wurde. Ihre Dozenten wurden nicht schlau, ihre schriftlichen Arbeiten waren grandios, aber sie brachte kaum einen Satz heraus, wenn sie angesprochen wurde.
      Vincent klatschte in die Hände.
      "Tja, wie gut, daß ihr mich habt."
      "Was?", konnte sich Avon nun nicht mehr zurückhalten, "Damit du uns demonstrierst, daß du selbst jetzt nur mit den Finger zu schnippen brauchst, damit sich die Jobangebote für dich stapeln?"
      "Nein", er grinste breit, blickte auf seine Uhr und schürzte die Lippen.
      Trotz aller Unterschiede und augenscheinlichen Spannungen in dieser Gruppe hatte die Fünf einen tiefen Zusammenhalt entwickelt.
      "Für UNS", korrigierte er Avon.
      Jemand hinter ihm räusperte sich.
      "Ah", machte Vincent zufrieden, "Ungemein pünktlich. Sie müssen Kapitän Lockhardt sein, von der Danube."
      Das zottige, schwarze Lockenhaar rahmte ein rotes Gesicht vollständig ein. Der untersetzte Mann in einer Schiffsuniform mit verblassten Rangabzeichen stemmte die Hände in die Seiten und sah sich in der Runde um.
      "Fünf?! Fünf Kadetten? Ich brauche gerade Mal einen: Sie, Mister Wickersham! Ihre Wissenschaftlerfreundin, darüber können wir vielleicht reden, aber gleich fünf?"
      "Saint Wickersham, bitte. Das Angebot steht, alle oder keinen."
      Der Kapitän grummelte unverständlich und zog seine Kappe vom Kopf. Eine Weile rang er mit sich und Vincent ließ ihn mit seinem Dilemma wortlos allein. Keiner der anderen wagte es, sich einzumischen. Schließlich gab er sich einen Ruck. Die Kappe wieder über seinen leicht angegrauten Haarschopf ziehend seufzte er.
      "Das werde ich bereuen."
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      CSS Danube, Logbuch Eintrag #506
      Deep Space, 17,3 Lichtjahre bis Gamma Gruis
      11. September, 2267 (Terra), 11 Uhr 27 Bordzeit / 38 A9 BF , 7A PGTC
      (Kapitän Lockhardt) Wir sind den Sensordaten nachgegangen, die wir von einem Okuli-Konvoi erhalten haben. Ich habe keine Ahnung, wie unser 3-Ct und der 2-Com den Geheimniskrämern die Information abgeschwatzt haben, aber es hat sich offenbar gelohnt. Möglicherweise sind wir sogar auf eine echte Goldgrube gestoßen. Unsere eigene Nahaufklärung deutet auf reichliche Mineralvorkommen hin. Soeben berichtet die Wissenschaftsabteilung, sie hätten ein mögliches Reservoir an Roh-Unium oder gar Roh-Infinium entdeckt. Die Resourcen liegen in einer Trümmerwolke dicht am Zentralgestirn, das macht uns Sorgen. Mein 1-Eng hat zusammen mit der Logistik und dem Brückenteam eine mögliche Strategie entwickelt. Statt wie üblich mit einem Shuttle abzusteigen und langsam zu bohren schlagen sie vor, die Danube selbst unter Schilden in das Trümmerfeld zu navigieren und mit der zweiten Strahlenbatterie und Bussardkollektoren die Bruchstücke direkt zu zerlegen und an Bord zu holen. Diese Methode ist schon mehrmals erfolgreich angewandt worden. Allerdings ist es nicht ungefährlich in so dichten Materialwolken einzudringen. Nimmt man dazu, daß wir mit Giga-Joule Lasern auf Felsbrocken schießen wollen, deren genaue Zusammensetzung wir wegen der Strahlung und der Schilde nicht feststellen können ist das Manöver riskant. Alle Logistiker und Ingenieure sind überzeugt, es hinzubekommen, lediglich der dritte Logistik-Offizier Minster hält den Plan für "signifikant suizidal" und "insgesamt infantil". Erstaunlicherweise rät unser Steuermann auch von dem Plan ab, obwohl er mitgeholfen hat, ihn zu formulieren. Er stimmt meinem 1-XO zu, lieber die äußeren Bereiche nach kleineren Vorkommen abzusuchen. Ich kann mich nicht erinnern, daß die beiden in den zurückliegenden Monaten je einer Meinung waren. Ich habe mich mit allen Leitenden beraten und abstimmen lassen. Logistik und Engineering sind dafür, ebenso die Wissenschaftsabteilung, Medizin und Sicherheit halten sich heraus. Mit dem 1-XO, 3-Ct und 2-Com ist die Brückenmannschaft unentschieden.1-Wis Dr.Lennard weigert sich zwar, dem Vorhaben zuzustimmen, schätzt die Chancen aber als grundsätzlich positiv ein. Ich lasse alles vorbereiten und Notfallszenarien erstellen, dann gehen wir es an.
      (1-XO Maya Arden, 38 A9 C1 , 2C PGTC, Nachtrag) Kapitän Lockhardt erholt sich noch von seinen Verbrennungen, die Steuerung ist wieder hergestellt. Ohne Hauptreaktor treiben wir allerdings immernoch manövrierunfähig in gefährlicher Nähe des Zentralgestirns. Mit dem optischen Teleskop versucht die WIS unseren Kurs abzuschätzen. Der Schildgenerator ist nur noch ein Trümmerhaufen, ebenso der Maschinenraum. Die Hälfte des Ingenieurteams ist bereits bei der ersten Plasmaexplosion verletzt worden, der Rest hält mit Notreparaturen und – ich weiß nicht, Klebeband? - das Schiff zusammen. Wir mußten den Reaktor auswerfen und sind daher bis auf weiteres ohne Hauptversorgung. 3-Ct St.Wickersham und 3-Log Minster arbeiten an einem Versuch, eine Art Notstromaggregat aus den Energiewandlern der Hilfstriebwerke zu bauen. Im Moment haben wir nur noch die Restenergie im Schiffsnetz und die restlichen Batterien, die nicht beim Reaktorbruch durchgebrannt sind. Die Lebenserhaltung ist stabil, aber auf Unterdeck und nahe der Maschinensektion völlig überfordert. Zwei Techniker isolieren diese Abteilungen mechanisch von der Versorgung, damit wir ein paar Stunden mehr Luft haben. Ich habe überlegt, die Frachtcontainer abzuwerfen, mit weniger Masse können wir uns eventuell länger in einem Orbit halten. Allerdings ist der Hauptteil der Ladung diesmal Unium und Infinium im Rohzustand und viel zu masse-arm, um einen echten Unterschied zu machen. Wenn wir verglühen, dann wenigstens reich wie Krösus.
      (3-Ct St.Wickersham, Nachtrag) Habe mit Avon die Wandler in Generatoren umgebaut, wenn wir die Hilfstriebwerke irgendwie in Gang bekommen, liefern die eine Weile genug Strom. Dr. Lennard vermutet uns in einem langsam verfallenden Orbit um die Sonne und schätzt, daß uns die Hülle noch für ein paar Tage schützt. Mit den Notaggregaten könnten wir wahrscheinlich einen Klasse I Schild aufbauen, wenn wir einen der Deflektoren in Gang bekommen. Magnetische Abschirmung, ganz alt-modisch, aber wirksam. Die Haupttriebwerke sind theoretisch noch in Ordnung, aber ohne Reaktor nicht zu starten. Alles hängt von unserem Notstrombastelwerk und dem Zustand der Hilfstriebwerke ab. Wir brauchen einen Plasmastoß, um die Generatoren zum Laufen zu bringen. Avon verlegt gerade die Leitungen und Clark macht sich fertig für einen Einsatz im Maschinenraum. Wenn der Notstrom läuft, müssen wir die Navigation hochfahren, zielen und dann mit dem letzten Rest Plasma im Hilftriebwerk den Hauptantrieb anschieben. Wenn die Linearation erstmal im Gang ist, können wir mit Glück und Geschick bis zur nächsten Station gleiten, auch wenn's länger dauert. Oh, 1-XO Arden ist derzeit nicht ansprechbar, hab sie von Mike aus der Security in ihr Quartier tragen lassen.
      (Kapitän Lockhardt, Nachtrag) Ich habe mein Schiff beinahe zerstört, im letzten Moment sind wir der Katastrophe noch entkommen. Es sieht aber so aus, als könne sie uns immer noch jederzeit einholen. Laut WIS sind wir bereits zu nahe am Zentralgestirn. Die äußere Hülle brennt, der Maschinenraum auch. Mein 1-XO ist vor Erschöpfung zusammengebrochen und der Rest der Crew, die sich noch auf den Beinen halten kann, versucht einen letzten, verzweifelten Rettungsversuch. Ein notdürftiger Generator und die Hilfstriebwerke sollen uns aus der Nähe des Sterns katapultieren und genug Initialschubliefern, den Linearationseffekt auszulösen. Im Schneckentempo plant mein Steuermann dann den nächsten Sternenhafen anzulaufen oderwenigstens in Kommunikationsreichweite zu kommen. Wenn sie scheitern, habe ich mit meiner Entscheidung uns alle dem Untergang geweiht. Wenigstens sind wir jetzt reich.
      (Kapitän Lockhardt, 38 A9 C3 , 98 PGTC, Nachtrag) Wir haben es tatsächlich aus der Korona geschafft. Wir waren zu nahe für ein konventionellesLinearmanöver, aber wir haben eine alte Technik verwendet, man nennt es 'Slingshot'. Das provisorische Aggregat hat funktioniert und liefert jetzt Strom, solange noch Plasma durch dieWandler fließt. Die Hilfstriebwerke sind allerdings jetzt hin. Dank des Einsatzes des restliche Ingenieurteams sind wir jetzt im Linearflug in Richtung Aldhanab. Einer der Techniker ist in einem schweren Schutzanzug in den Maschinenraum vorgedrungen und hat die Plasmaleitung des zweiten Hilfstriebwerks direkt in den Hauptantrieb verlegt. Der Plasmaschub, der jetzt den Notstrom speist, hat uns im Schwerefeld der Sonne den nötigen Schub gegeben, dann wurde das Plasma in den Hauptantrieb gepumpt. Als der Schub einsetzte habe ich geglaubt, die Danube bricht jeden Moment auseinander. Als ich auf dem Schirm der Navigation sah, wie dicht wir der Sonne schon waren, fragte ich mich, warum wir immer noch nicht verglüht sind. Aber wir haben es geschafft und sind sicher auf dem Weg nach Gamma Gruis, nach Port Freeway.

      CSS Danube, Logbuch Eintrag #507
      Port Freeway, Aldhanab-System
      17.September, 2267 (Terra) 14 Uhr 13 Bordzeit /38 A9 C5 , 28 PGTC
      Manifest: 2253,03m³, 137'882TU
      -372,4 m³ Titanoxid
      -131,7 m³ Wolfram
      -553,2 m³ Eisen
      -166,2 m³ Gold
      -447,9 m³ Roh-Unium
      -532,89 m³ Infiniumerz
      =2,83 m³ Infinium(raff)
      +2,17 m³ Infinium(raff)
      (Kapitän Lockhardt) Wir schaffen es noch bis Port Freeway. Der Notstrom aus den umgebauten Wandlern der Hilfstriebwerke liefert noch für maximal zwei Tage Strom und die Resthitze im Hauptantrieb erzeugt genügend Schub, den Port noch zu erreichen. Ohne Hilfstriebwerke, Sensoren oder Automatik und schwer beschädigter Steuerung anzulegenist etwas, daß ich keinem Steuermann zutrauen würde, den ich je kennengelernt habe, aber Junior-Officer St.Wickersham beharrt darauf, es zu schaffen. Vielleicht hat er Recht, ich würde uns die Schande gern ersparen, wie ein Stück Treibgut von Schleppern in die Werft gezogen zu werden. Alles inallem muß ich wohl noch zufrieden sein, kein Crew-Mitglied ist tot, auch wenn die medizinische Abteilung Kopf steht. Es hätte schlimmer kommen können, weit schlimmer. Der Kernbruch und die Plasma-Explosionen haben den größten Teil derTechniksektion verwüstet. Den Maschinenraum kann man auch jetzt noch nur mit schweren Schutzanzügen betreten, zuviel Hitze, zuviel Strahlung. Außerdem, was will man da? Nur Schlacke und glühendes Metall. Ich schätze, ein guter Teil des zu erwartenden Profits wird für die Reparaturen draufgehen. Dennoch, der Rest dürfte mehr sein, als wir je in einer Tour zurückgebracht haben.

      Mit einem befriedigenden Gong schlossen sich die stählernen Klammern um die Andockklammern der Danube. Zufrieden lächelnd lehnte sich Vincent A.R. St.Wickersham in seinem Sessel zurück.
      "Klammern geschlossen, Versorgungsleitungen aktiv, Dockingkontrolle gibt grün. Wir haben angelegt, Sir."
      Kapitän Lockhardt stieß erleichtert die Luft aus und entspannte seinen krampfhaften Griff um die Armlehnen.
      "Gut gemacht, 3-Ct. XO, geben sie der Technik Bescheid, mit der Reparatur zu beginnen. Ich möchte noch heute eine Projektion der Kosten von der Werft haben. Was ist mit der Fracht?"
      Der XO Maya Arden warf einen Blick auf ein Pad.
      "Jemand hat bereits eine Vorabfassung des Frachtmanifests hochgeladen. Wir haben im Prinzip schon alles verkauft, für...", sie hob eine Augenbraue und spitzte die Lippen, "420k. Darf ich annehmen, daß wir dies Mr. Minster zu verdanken haben?"
      Die letzte Frage richtete sich mehr oder minder offen an Vincent, der breit grinsen mußte. Wenn es um Geld ging verschwendete Avon keine Zeit mit Nebensächlichkeiten wie einer Befehlskette. Lockhardt nahm das zwar widerwillig in Kauf. Immerhin glaubte niemand, er könne einen besseren Handel erreichen.
      "XO, verzeichnen sie einen Tadel an den 2-LC Minster für voreiliges Handeln", nach einem Seitenblick auf Vincent fügte der Kapitän seufzend hinzu: "aber nur als Nachtrag. Kein Vermerk in der Akte."
      Der XO nickte unbewegt und verließ die Brücke, um die Reparaturen zu beaufsichtigen. Vincent drehte seinen Sessel zum Kapitän um und hob an zu sprechen, doch Lockhardt winkte ab.
      "Den Rest schafft McDugal schon allein, gehen sie ruhig und schauen nach ihren Freunden."
      Er fand XL im Schiffslazarett. Ihre Hände und Ärmel der Bordkombi waren schmutzig und blutbefleckt. Ein häßlicher Riß auf ihrer Stirn war notdürftig verschlossen und Ruß schwärzte ihre Wangen, doch ansonsten schien sie wohlauf. Unermüdlich huschte sie von Liege zu Liege und kümmerte sich um die dort fixierten Verletzten. Der Skelen Doktor Blue führte gerade eine anscheinend komplizierte Operation aus und schaute nicht vom medizinischen Steuergerät der Chirurgieliege auf, während er seinem Team Anweisungen zurief, die XL wie selbstverständlich ergänzte und ihrerseits die Sanitäter und das Hilfspersonal herumscheuchte.
      "XL?", Vincent stellte sich neben den Eingang, um niemanden im Weg zu stehen und rief nach ihr.
      Die schmale Asiatin sah kurz zu ihm herüber, winkte dann aber ab und deutete auf eine Liege in der Ecke. Dort fand Vincent Clark.
      Das breite Gesicht war blutig, mit Ruß beschmiert und die ohnehin spärliche Haarpracht war angesengt und verkohlt. Eine Hand steckte in einem Gelverband und am Oberarm trug er eine Infusionsbinde. Unter der reflektierenden Decke, die den Großteil des Oberkörpers und die Beine verhüllte, waren weitere Verletzungen durch den Plasmabruch verborgen.
      Die kleinen, blassen Augen schauten fiebrig zum ihm auf, er stand unter schweren Schmerzmitteln. Clark wollte etwas sagen, brachte aber nur ein schwaches Stöhnen heraus. Vincent legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter.
      "Wir haben angelegt, Kumpel. In spätestens einer halben Stunde liegst du im bequemsten Krankenbett und hast ein halbes Dutzend hübscher Schwestern um dich, während wir hier schuften dürfen."
      Clarks Augen schlossen sich und er begann zu lächeln.
      "Lügner", brachte er leise hervor und beide mußten Grinsen.
      "Na, zumindest brauchst du nicht Avons 'Ich hab's doch gesagt'-Gesicht ertragen."
      "Gesicht hin oder her", ertönte das ätzende Organ hinter Vincent, "Ich hab's euch gesagt!"
      Avon trug einen Arm in einer Schlinge, schien aber ansonsten unverletzt. Obwohl seineÜberheblichkeit und Eitelkeit oft schwer zu ertragen war, fiel Vincent ein weiterer Stein vom Herzen.
      "Ist im Logbuch vermerkt, Avon. Mit Brief und Siegel, inklusive dem Tonfall. Der alte Mann ist ziemlich zerknirscht darüber, daß unser Kahn beinahe auseinandergebrochen ist. Hab gesehen, du hast bereits dafür gesorgt, daß sich das alles wenigstens gelohnt hat."
      "Wir sind hier beinahe draufgegangen, eigentlich hätte ich das ganze Zeug für mich behalten sollen!"
      "Aber ich weiß", unterbrach ihn Vincent, "du bist einfach zu ehrlich."
      "Verarsch mich nich'!", schnarrte der kleinere Mann ärgerlich.
      XL schob sich in diesem Moment energisch an ihnen vorbei und Avon verzog schmerzhaft das Gesicht. Er hatte wohl den verletzten Arm unwillkürlich zu schnell bewegt. Die zierliche Frau drängte Vincent beiseite und beugte sich über die nächste Krankenliege. Dort hantierte sie ein wenig herum, ohne daß die beiden so recht sehen konnten – oder wollten – was genau sie da tat.
      Vincent klopfte Avon zum Abschied beiläufig auf die gesunde Schulter und verließ das geschäftige Lazarett. Auf seinem Weg zu den unteren Decks mußte er einigen Hindernissen aus herabhängendem, funkensprühenden Innenleben der Danube oder zusammengebrochener Wandelemente ausweichen. Einmal mußte er sogar einen längeren Umweg einschlagen, weil ein Schott bei der Beinahehavarie zum Schutz gegen Hüllenbrüche verschweißt und noch nicht wieder geöffnet worden war. Schließlich aber fand er, was er suchte.
      Auch ihre Kombi war verrußt und stellenweise sogar zerrissen und zerschunden. Mit blutigen Händen packte sie zu und zog Trümmerstücke beiseite, damit ein anderer das Crewmitglied befreien konnte, der unglücklich eingeklemmt war. Als sie Vincent kommen sah, lehnte sie das Stück Metall einfach gegen die verkohlte Wand und wischte sich mit dem Ärmel Schweiß und Schmutz vom Gesicht. Er hielt sich nicht lange mit Begrüßungen auf und legte ihr einfach einen Arm um die Schulter. Sie lehnte schwer gegen ihn und für einen winzigen, kurzen Augenblick legte sie den Kopf an seine Brust. Sie mußte zu Tode erschöpft sein.
      "Wir haben angelegt", verkündete er, "In ein paar Minuten kommen die Spezialisten von der Werft und übernehmen. Sind sie verletzt, Crewman?"
      Der Eingeklemmte schüttelte den Kopf.
      "Nein, hab nur einen Moment nicht aufgepaßt, als wir den Korridor stabilisieren wollten. Ist über mir einfach zusammengebrochen."
      "Wir sind alle müde, Crewman. Laßt den Rest die Werft machen und geht euch ausruhen."
      Leiser, damit nur Olga in verstand, fügte er noch hinzu: "Geh duschen, du siehst furchtbar aus!"
      Ein leises Lächeln huschte über das Gesicht und sie kniff ihm als Entgegnung schmerzhaft in die Seite.
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    • CSS Danube, Logbuch Eintrag #508
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      18. September 2267 (Terra), 17 Uhr 30 Bordzeit / 38 A9 C6 , BB PGTC
      (Kapitän Lockhardt) Die Danube bekommt eine erzwungenen Landurlaub von mindestens achtzehn Tagen. Die Schäden an den Haupt- und Hilfstriebwerken sind nicht so gravierend wie angenommen, aber wir brauchen einen komplett neuen Reaktor. Wenn wir schon soweit sind, habe ich die Werft angewiesen, ein leistungsfähigeres Modell einzubauen. Das Upgrade der Hilfstriebwerke, mit dem mir die beiden Steuerleute JO3 St.Wickersham und JO4 Nbhasi in den Ohren liegen können wir bei der Gelegenheit auch gleich in Auftrag geben. Ich könnte außerdem noch die Bewaffnung aufstocken, scheue mich aber davor. Nach allem, was sie für diese Tour durchgemacht haben, hat sich die Crew einen ordentlichen Bonus verdient. Ich habe mir die Zahlen des Frachtverkaufs angesehen und muß zugeben, der 2-LC hervorragende Arbeit geleistet hat. Nach der Reparatur, den Upgrades und dem Crew-Bonus verzeichnet das Schiffsbudget noch ein deutliches Plus von 170k auf. Ich lasse den 1-Eng, sobald er voll genesen ist, damit einen Teil des Frachtraums mit zusätzlichen Ersatzteilen und Materialien füllen und extra verstärken, ein eisernes Reparaturmagazin, wenn man so will. Die WIS hat eine ausführliche Analyse unserer Schürfaktion in Angriff genommen und bereitet eine Projektion vor, mit der sich die Danube noch einen Namen machen dürtfte. Dr. Lennard ist der Meinung, wir hätten sehr aufschlußreiche Informationen über diese Methode des Bussardabbaus sammeln können. Bis dahin habe ich aber noch die Pflicht, ein paar Noten in die Crewakten zu schreiben. Ich befördere den 4-Med Xian Liao mit sofortiger Wirkung zum 2-Med der Danube. Der bisherige 2-Med Dr. Kruse selbst hat dies vorgeschlagen und auch 1-Med Bluharamang befürwortet das. Desweiteren haben sich zwei Crewmen, der 5-Eng Clark Brown, 7-SecOlga Wolkow über das Maß verdient gemacht und erhalten eine Belobigung. Steuermann 3-Ct St.Wickersham und Kommunikator 3-Com Lifiss Lai, sowie 2-LC Minster und 4-Tec Warren werden ebenfalls für ihre Leistungen im Nachspiel des schweren Zwischenfalls belobigt, auch wenn das im Falle des zweiten Logistik-Offiziers durch seine wiederholt eigenmächtige Handlungsweise etwas eingeschränkt wird. JO4 Minster wäre ein herausragender Schiffsoffizier, sollte er seine Hubris in den Griff bekommen.
      Crew-Mainfest
      7-Sec Olga Wolkow (SCM3) zu +6-Sec (+SCM1)
      5-Eng Clark Brown (SCM1) zu +4-Eng (+SCM1JO)
      4-Med Xian Liao (JO5) zu +2-Med (+JO4)
      * 4-Tec Elise M. Warren (SCM3)
      * 6-Sec Olga Wolkow (SCM1)
      * 4-Eng Clark Brown (SCM1JO)
      *2-Med Xian Liao (JO4)
      * 2-LC Avon Minster (JO4)
      * 3-Com Lifiss Lai (JO3)
      * 3-Ct Vincent A.R. St.Wickersham III. (JO3)
      (Kapitän Lockhardt, Nachtrag) Mir ist soeben aufgefallen, das alle fünf der letzten Neuzugänge heute eine Belobigung, Beförderung oder beides erhalten haben. Ich erinnere mich daran, mindestens drei davon nur unter Vorbehalt und widerwillig angeheuert zu haben. Ich gebe zu, alle vier wurden ursprünglich nur angenommen, um den fünften in die Crew zu bekommen.
      Schiffskonfiguration
      +Reaktor (Cl VI → Cl VIII)
      +Thruster (Cl V → Cl VI)
      -Cargo (2500 m³ → 2200 m³)
      +Enforced Cargo ( → 200 m³)
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    • @Joshuah nicht beruflich, also ich verdiene kein Geld damit.

      Ein paar Erläuterungen zwischendurch.
      Obwohl die Masse für die Beschleunigung eine Rolle spielt, ist in der Raumfahrt bei Fracht das Volumen maßgeblich. Die Danube, zB verfügt über 2500m³ Frachtraum. Wie schwer das ist, merkt man dann beim Gasgeben^^
      TU steht, natürlich, für Trade Units, eine abstrahierte Währung. Ne genaue Definition habe ich nicht, aber wenn, dann wird's sicher was ungemein schlaues mit Energie, Entropie und Sahnesoße. Es sei nur gesagt, daß 100 TU für Privatpersonen eine schwer erschwingliche Summe darstellt.
      Aber jetzt was zum Verständnis wichtiges:
      Es gibt zwei Aspekte, die zu einem Besatzungsmitglied gehören, seine Funktion und sein Rang. Der Rang ist ziemlich straight-forward. Statt traditionellen Namen für die Range gibt Gruppen und Stufen. Die Stufen werden von der unbedeutensten (hohe Ziffer) zur bedeutendsten(1) heruntergezählt. Es gibt Manschaften (Crew Man oder Deck Hands bzw. Service Man), ihre Ränge gehen von 6 bis 1. Soldaten am Boden sind Service Men, Marines idR Crew Men. Darüber stehen dann die Senior Crew Men (SDH bzw SSM respektive) von 4 bis 1. Danach kommen die Offiziere, hier gibt's, wie bei uns üblich, eine Art Grauzone, den SCM1JO oder Senior Crew Man Prime Junior Officer - entspricht in etwa dem Offiziers Anwärter oder Fähnrich.
      Die erste Offiziersgruppe sind die Junior Officer (hier wird nicht mehr unterschieden zwischen fliegend, schwimmend oder kriechend) wieder von 6 bis 1 - allerdings ist der SCM1JO schon JO6, der wird dann direkt zum JO5. JO6 wird man nur, wenn man direkt als Offizier anfängt, oder der Übergang vom Crew Man zum Officer übersprungen wird.
      Höhere Offiziere sind dann Senior Officer von 4 bis 1.
      Jetzt wird's kompliziert: es gibt den Commanding Officer 3 bis 1, der entspricht aber nicht zwangsläufig einem anderen oder höheren Rang, als der Senior Officer. Ein CO2 ist im Prinzip einem SO2 gleichgestellt, übt aber eine Kommandofunktion aus, was nicht unbedingt für den SO2 gälte. Das ist wichtig, weil zB der XO einer Einheit den selben, technischen Rang innehaben kann, wie dessen Kommandant. Letzterer ist aber der CO, während ein XO immer noch ein SO wäre.
      Im aktiven Dienst ist hier übrigens eigentlich Schluß. Egal, ob man eine Nuckelpinne oder einen Kreuzer befehligt, der Alte ist ein CO1 oder CO2.
      Parallel und darüber gibt es dann noch Administrative Dienstränge, das sind dann keine Officer, sondern Manager und Director. Die findet man stationär, also am Boden, in Fabriken, Konzernen oder Stationen und immer an eine Funktion bzw. Einsatzort gebunden. Während ein Officer bei einem Wechsel von einer Einheit zu einer anderen seinen Rang in jedem Fall behält (CO wird dabei aber wieder zum SO), gilt dies nicht für Ms. Man kann dabei (und tut dies auch meist) seine ordinale Ziffer verlieren - und Manager gibt es von 10 bis 1. Darunter sind die Clerks (C) oder wiederum Service Men. Über den Managern steht, wie angedeutet, der Director (von 4 bis 1).
      Ganz on top gibt es noch Supervisor und Administrator.
      Alles ganz einfach.
      Kommen wir zur Funktion, das ist etwas bunter.
      An Bord von Schiffen oder auf Stationen ist der Dienstrang weniger entscheidend, als der Funktionsrang. Dieser setzt sich aus einer Ordinale, dem Bereicht und evtl. noch ein Meta-Tag. Die Ordinale ist schlicht die laufende Nummer in der Reihenfolge der Mitglieder der Gruppe mit 1 als dem führenden und alle folgenden entsprechend untergeordnet. Die Ordinale kann also auch mal größer sein, liegt aber üblicherweise nicht über 10-20. Bereiche sind natürlich der Einsatzbereich, in der man tätig ist. Für Schiffe ist das zB üblicherweise Command (Co), Communication (Com), Control (Ct), Engineering (Eng), Logistic (LC), Security (Sec) usw. In stationen und Basen gibt's noch Labor(L), Surveiliance(Sur) und Maintenance(Man). Achja, Technical (Tec) gibts natürlich auch, genauso wie Med und Wis. Spricht man die Bereiche direkt an, werden diese Kürzel idR auch verwendet. Meint man die wissenschaftliche Abteilung, spricht man schlicht von der WIS.
      Ja, ich weiß, eigentlich müßte es Log für Logistik heißen, tut's aber nicht. Isso.
      Eine Besonderheit ist der XO auf Schiffen. Das ist eine militärische Eigenart, da der XO sowohl administrative, als auch Kommando- und militärische Funktionen erfüllt. Es gibt meist nur einen XO, den 1-XO, je nach Größe und Komplexität einer Einheit können es aber mehrere sein, bis zu 4.
      Jetzt zu den Ausnahmen.
      Es gibt Admiräle bzw, Generäle. Mit Admiral bezeichnet man den höchsten kommandierenden Offizier eines Verbandes von Einheiten (mobil oder Stationär) im Weltraum, der General ist das Gegenstück auf planetarer Ebene (gemeinerweise egal, obs Land-, Luft- oder See-Einheiten sind).
      Mit Leutnant nennt man den logisch leitenden Offizier über mehrere Abteilung, wenn dies logisch möglich ist. Angegeben wird das mit einem angehängten L am Funktionsrang und (WICHTIG) auch am Dienstrang. Ein Commanding Officer vergibt diesen Status für seine Einheit und erkennt diese auch ab. Leutnants sind verantwortliche Unterführer mit eingeschränkten Kommandoprivilegien. Führende Offiziere eines Funktionsbereichs, dem irgendwo ein Leutnant zugeordnet ist, sind dem gegenüber Rechenschaft pflichtig und müssen ggf mit ihm bei Entscheidungen auch Rücksprache halten.
      Dies ist eine typische Methodik für Menschen und wird außer bei Terranern nur noch unter Trex verwendet.
      Apropos Ausnahmen: bei Crustacaeen gilt das ganze System nur eingeschränkt und wird sehr flexibel angewandt, da Crustacaeen zur Klümpchenbildung neigen, also auch persönlich und so.
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    • Noch ein paar Infos und wahrscheinlich alles, was ich weltenbastlerisch bis jetzt darüber weiß:
      PGTA
      ist wohl der Name des Weltenbauaspektes. Das steht für Pan-Galactic-Trade-Agreement. In diesem Projekt stellt das die einzig verläßliche, allgemeine Schnittstelle zwischen fremden Nation/Zivilisation dar, eine Regelung, wie Güter und/oder Dienstleistungen ausgetauscht werden können. Das PGTA ist eine Art Grundregelwerk dafür, wie sich Angehörige unterschiedlicher (oder gleicher) Zugehörigkeit begenen und verhalten sollen. Es regelt Dinge wie Informationsaustausch (und weitergehend Kommunikation allgemein), gemeinsame Normen für Frachtgut, Maßeinheiten und Datenformate, sowie Prozeduren für Begegnung, Begrüßung, Annäherung und Kontakt (= Docking).
      Auf dieser Basis aufbauend kooperieren die großen Völker innerhalb des PGTA. Sie schaffen zwar keinen gemeinsamen Konsens, es ist also kein Bündnis oder eine Föderation, aber es gibt gemeinsame Nenner und Interessen. Die großen Völker könnten auch nicht unterschiedlicher sein. Trotzdem funktioniert das Ganze schon seit über 10'000 Jahren. Die Menschheit als solche ist zum Zeitpunkt der Erzählung erst seit etwa 150 Jahren ein Teil des PGTA

      PGTC
      ist ein Zeit-Format, der Pan-Galactic-Time-Code. Er basiert auf einem wichtigen Ereignis in der Vergangenheit und zählt die 'Tage' seitdem. Ein Galaktischer Tag ist dabei etwa ein Drittel länger, als ein irdischer. Mit der Zahl hinter dem Komma hat es eine besondere Bewandnis, das ist die relative Tageszeit - und zwar unabhängig von der jeweiligen Dauer der zugrundeliegenden Größe. Er wird angegeben in 1/256 eines lokalen Tages. Bei Menschen ist dies für Gewöhnlich eine 24-Stunden Tag, Crustacaeen neigen dazu, es in Wachzyklen auszudrücken, die zwischen 20 und 36 Stunden sein können. Trex haben es hier etwas schwer, weil ihre biologische Uhr auf sehr kurze Tage eingerichtet ist, üblicherweise etwa 10 bis 12 Stunden.

      Das CSS beim Schiffnamen steht für "Comissioned Star Ship"
      (sry, der MUSS halt sein^^)
      Unabhängig vom Wortspiel steht dahinter ein Modell der Raumflotte der Terraner. Es ist nämlich so: auch, wenn Terra Mitglied des PGTA ist und es eine Terranische Flotte gibt, im Grunde hat sich gar nichts geändert, schon gar nicht auf der Erde. Am Tag X, dem Flug der UNSS Butterfish, kommandiert von Col. Paul Rickenbacker, herrschten Zustände ähnlich wie heute: es gibt die UN und man bemüht sich in einigen Aspekten um gemeinsame Haltung, im Grunde aber bleibt die Menschheit auf Terra kleinlich, zänkisch und auf die eigene Lobby bedacht. Das bleibt so, sind halt Menschen. Das beschränkt sich aber auf den Planeten. Jenseits des Orbits hört der politische Einfluß auf und es übernimmt die Administration. Ich bin hier noch etwas unschlüssig, im Grunde läuft es auf eine Art "Konzern" heraus, dem 'Gateway'. Dieser rüstet Raumschiffe, Stationen und Kolonien aus, die dann in eigener Regie tätig werden - außerhalb der Erde. Gateway kümmert sich um den Verkehr untereinander, die Normungen und interstellare Beziehungen, und vermittelt die Grundsätze des PGTA an alle Beteiligten. Im Grunde hat eine 'menschliche' Siedlung auf einem anderen Planeten mit der Erde oder Gateway nicht mehr zu tun, als eine der Skelen, Trex oder Ythoner. Praktisch bildet sich aber schon eine gewisse Zugehörigkeit aus, die ist aber nicht politisch verbindlich. Es gibt keine gemeinsame Verfassung oder Regierung. Gateway erläßt keine Gesetze. Deshalb nennt man ihren Einfluß auch eher die 'Administration' - sprich Verwaltung, denn eine Regierung. Wer in der Lage ist, sich ein interstellares Raumschiff zusammenzuzimmern, darf das tun und in völliger Eigenverantwortung zwischen den Sternen tun und lassen, was er will. Hat er aus irgendeinen Grund mit Gateway oder einem anderen Subjekt der PGTA zu tun, muß er sich natürlich deren Standards beugen - nicht, weil er dazu gezwungen wird, sondern weil sonst ggf keine Verständigung zustande kommt. Will man Dienste von Gateway in Anspruch nehmen - wie Anlegen und Tanken an einer Gateway-Station, tut man das natürlich zu deren Bedingungen.
      Zurück zu Raumschiffen. Wie gesagt, Gateway hat da kein Monopol unter den Menschen, wer ein Schiff bauen möchte, bitte sehr. Es gibt natürlich auch nationale Raumschiffe, zB aus den Statten, die dann USSS heißen, oder HMSS bei den Briten. Private Schiffe heißen dagegen oft CSV - für Commercial Stellar Vessel, ganz nach Belieben.
      Gateway dagegen baut ausschließlich CSS. Ein solches Schiff wird von einer Gateway-Werft gebaut und bemannt idR mit Absolventen von Gateway-sanktionierten Ausbildungsstätten. Der Kapitän ist der komissarische Eigner und steht bei Gateway unter Vertrag - durch sein Kapitäns-Patent. Er hat die PGTA-Richtlinien und die der Gateway einzuhalten und sich danach zu richten. Gateway übernimmt die Finanzierung des Baus und der Erstausstattung, sowie die Hälfte der Heuer der Besatzung (damit auch diese den Gateway/PGTA-Statuten unterworfen sind). Die laufenden Kosten muß der Kapitän ansonsten selber tragen und ist dafür in seinem Handeln weitestgehend frei. Es gibt für Gateway, sowie die PGTA an sich die Möglichkeit, Primary Directives auszusprechen, also Befehle, auf die man Antworten muss. Das kommt selten vor, da die jeweilige ausprechende Stelle für die Kosten und Schäden im Verlaufe dieser Anweisungen aufzukommen hat.
      CSS sind immer zu gleichen Teilen komerzielle, wissenschaftliche und militärische Schiffe. Sie forschen, handeln und üben polizeigewalt aus. In seltenen Fällen können sie auch mal Diplomaten sein, aber im PGTA ist eigentlich alles notwendige Geregelt und alles, was darüber hinausgeht unterliegt der persönlichen Diskretion.

      Bekannte Völker, die ich habe:
      Trex (von T-Rex) sind sauroide Hominiden, zweigeschlechtlich, lebendgebährend und teil-warmblütig. Sozial sind sie eher Clan-Orientiert und organisiert in Großfamilien, die bis in die Millionen gehen können. Kinder werden nicht von den Eltern erzogen, sondern in den ersten Jahren vom Gebährenden, später von der Gemeinschaft. Sie sind kommunikativ, äußerst neugierig und vom ziemlich ausgeprägten Interesse für Geschäfte. Das Naturell ist eher kooperativ als aggressiv oder kompetiv.

      Crustacaea sind - öhm, keine Insektoide, auch wenn es so aussieht. Sie besitzen idR vier Gliedmaßen und haben ein extrem komplexes Nervensystem. Die Persönlichkeit eines Individuums ändert sich, sobald er mit anderen Crustacaeen zusammenarbeitet. Sie leben in einer extremen Form des Sozialismus, kennen intern keine Korruption, sind äußerst motiviert, egal, was sie tun und haben kein Verständnis für Kompromisse. Es sind gefühlsarme Logiker mit wachem, wissenschaftlichen Verstand, können zeitweise unter Raumbedingungen leben und haben keine Musikgeschmack.

      Skelen sehen aus, wie wandelnde, hautüberzogene Skelette. Tatsächlich besitzt ihr Körper sehr wenig Flüssigkeit. Die 'Knochen' sind dicker, als die eines Menschen und hohl. Über Geschlechtsverhalten oder auch nur die Anzahl der Geschlechter ist wenig bekannt. Üblicherweise sind Skelen deutlich größer als Menschen, jedoch leichter und empfindlicher. Sie sind zudem Vegetarier, stammen von Pflanzenfressern ab und sehr wenig aggressiv, aber von einer unnachgiebigen Beharrlichkeit. Skelen sind der älteste Kontakt der Menschheit.

      Ythoner: dreieinhalb Meter groß, kegelförmig, zweiarmig mit Kugelkopf - muß ich noch mehr sagen?

      Spider - das ist genau das, wonach es klingt: Aracnoide. Abgesehen vom in ersten Augenblick gruseligen Äußeren, sind sie der zweitälteste Kontakt der Menschheit, eher vegetarisch als fleichessend, stark kompetiv orientiert und ansonsten fähige Ingenieure. Sie haben zwar keine Spinndrüsen und damit keine Seide, bauen jedoch unglaublich komplexe Wohngebilde für große Familien (im Schnitt um die Hundert) aus pflanzlichen und mineralischen Stoffwechselprodukten. Abgesehen vom ausgeprägten Familiensinn ähneln Spider dem Menschen psychologisch sehr.

      Ghuls - sind eher eklig und gehören auch nicht wirklich dem PGTA an, obwohl sie es kennen und bisweilen auch akzeptieren. Sie heißen Ghuls wegen ihrer Ernährung: sie fressen empfindungsfähige Wesen. Mit Begeisterung. Handle with care.

      Besatzungsgrößen
      Die CSS Danube ist ein Kreuzer, zum Zeitpunkt der Erzählung zählt die Mannschaft 42 Personen, darunter 1 Trex und 1 Skelen. Diese Mannschaftsstärke ist unter Menschen typisch für Schiffe dieser Größe. Wie groß das ist? Ich schätze, die Danube hat etwa die Größe von eineinhalb bis zwei Fußballfeldern, die Butterfish fast das doppelte. Dennoch wächst die Mannschaftsstärke nicht proportional mit der reinen Größe, eher mit der Bauform.

      Leistungsdaten
      Terranische Schiffe erreichen Beschleunigungswerte von 10 bis 15 G, die Butterfish und einige Crustacaeen-Schiffe kommen auf 17 G.
      Der Linearationsfaktor ist sowas wie der Warp-Faktor, auch wenn es physikalisch anders läuft. Lineare Beschleunigung umgeht die Lichtgeschwindigkeit durch Reduzierung der Entropie und Verringerung des Higgs'schen Radius (der Faktor, inwiefern Masse mit der Raumzeit 'kommuniziert'). Er wird in Mag angegeben - für Magnitude - und ist logarrhythmisch. Die Danube kommt auf Mag 4.5 (etwa 5000fache Beschleunigung), die Butterfish auf 7.2 (etwa 2 Millionen)
      Angetrieben werden Schiffe durch unterschiedliche Arten von Energiequellen, Materie/Antimaterie-Annihilationsreaktoren (Crustacaeen) oder Schwerkraft-Dynamos (Ythoner) oder Fusionsreaktoren der Bauform Stellerator oder Tokamak.

      Wichtige Rohstoffe für die interstellare Raumfahrt sind die 'Elemente' Infinium und Unium, wobei das erste ein flüchtiges ist, welches sich verbraucht bzw. auflöst und letzteres ein permanentes, jedoch schwer zu verarbeitendes. Es gibt im Universum nur ein einziges Unium-'Atom' nicht definierbarer Form und Größe. Es ist zeitgleich (oder besser von Raumzeit unabhängig) im gesamten Kontinuum präsent und kann verwendet werden, lokal in der Raumzeit vorrübergehende Veränderungen auszulösen.
      Infinium ist eine nicht-bayonische, nicht-bosonisch/leptonische Materie ohne Kern oder Hülle, in sich ohne Masse oder elektrodynamik, jedoch mit starker affinität zum diskreten Gitter der Higgs-Bosonik. Kräfte, die durch Infinium katalysiert werden, können bestimmte quantenphysikalische Regeln beugen und so zB eine entropische Beschleunigung (Hitze) in eine geordnete, nur in eine 'Richtung' stattfindende (lineare) zu filtern. Dabei 'destabilisiert' jedoch das Infinium und löst sich auf. Neben normalem Treibstoff benötigen Schiffe beim Linearflug daher stets auch eine gewisse Menge Infinium. Es wird in eine Art Plasma umgewandelt und quasi-gasförmig verwendet, damit man nicht ständig verbrauchte Infinium-Bauteile ersetzen muß.
      Einen interessanten Effekt erhält man, wenn man Infiniumplasma durch eine Unium-Spule ... aber lassen wir das.
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    • CSS Danube, Logbuch Eintrag #509
      Port Freeway, Aldhanab-System
      8. Oktober 2267 (Terra) 7 Uhr 10 Bordzeit / 38 A9 DA , 4C PGTC
      Manifest 1805 m³ (2200 m³) / 194,4 m³ (200 m³), 308‘775 TU
      + 1800 m³ Frachtgut
      = 5,0 m³ Infinium(raff)
      + 120 m³ Tech(ass) → (enfC)
      + 10 m³ Eng(ass) → (enfC)
      +61,4 m³ Material(ass) → (enfC)
      + 3,0 m³ Unium → (enfC)
      (1-XO Maya Arden) Auf Veranlassung von 1-LC Krugmann und 2-LC Minster wurden 1800 Kubikmeter Frachtgut ohne Kennzeichnung aufgenommen, die nach Port Nasrink im Alphiuchi-System transportiert werden soll. Nasrink ist ein kombinierterRaumhafen von Skelen und Crusties. Aus diesem Grund wurde die SEC angewiesen, regelmäßige zusätzliche Übungen zu absolvieren. NAV und CTRL unternehmen außerordentliche, virtuelle Manöver. Skelen sind allgemein vertrauenswürdig, aber den Crusties traut hier niemand über den Weg – ausgenommen vielleicht 3-Ct Wickersham, aber der JO3 vertraut grundsätzlich jedem, den er zum ersten Mal sieht. 1-Wis Dr.Lennard ist die einzige weitere Person, die sich auf ein Treffen mit den Crustcaeen freut – aus wissenschaftlicher Sicht jedenfalls. Wir haben nur wenig freien Frachtraum übrig, deshalb sind auf dem Hinweg keinerlei Zwischenstops für Bergbau vorgesehen, lediglich einen Halt hat die WIS erbeten, um ein paar intensive Messungen der baryonischen Dichte des Mediums außerhalb der Loop-0 vorzunehmen. Die Distanz Aldhanab-Port Nasrink beträgt 87,2 Lichtjahre, da Hauptantrieb und Reaktor neu sind, legen wir diese in möglichst kurzen Etappen zurück. 2-LC Minster hört nicht auf, über den uns entgehenden Bonus für schnelle Lieferung zu jammern. Es sind 12 Etappen mit einer durchschnittlichen Länge von 9,23 Lichtjahren. Alle Systeme sind doppelt überprüft und einwandfrei. Die TEC hat das Menü-Angebot der Auto-Küche erneuert und gottlob erweitert. Ich kann keine Tatoes mehr sehen.

      "2-Ct Nbhasi, bringen sie uns auf Standardannäherung. Linearation beenden und Systemeintritt in zehn Minuten. Machen sie einen taktischen Standardscan und übergeben sie die Sensoren der WIS. 3-Com Liffiss, was sagt die Datenbank?"
      Der sauroide Kommunikationsoffizier ließ die schlanken Finger über die Kontrollen huschen. Als er antwortete klang seine Stimme trocken und rauh, als streiche jemand mit den Fingernägeln über Sandpapier.
      "Das System ist kartographiert, der Eintrag datiert von PGTC 37 36 9C. Zentralgestirn wird angegeben mit C4-s3, sechs Planeten, davon sind zwei Gesteinsplaneten und zwei jovianische Gasriesen, der Rest sind uranide Eisplaneten. Metallizität durchschnittlich 14 bis 17 in Sonnennähe."
      Die1-XO warf Liffiss einen vorwurfsvollen Blick zu.
      "Übersetzung, bittte."
      Seufzend lehnte sich der Trex gerade soweit zurück, daß es ihm nicht als Respektlosigkeit angesehen wurde.
      "Kartographiert vor etwa 260 terranischen Jahren. Die Sonne ist gelb bis gelb-orange und hat etwa 7 Sol-Massen. Sie weist eine leicht erhöhte Rotationsgeschwindigkeit auf und normale Konzentration schwerer Elemente. Sollten wir landen wollen, empfehle ich den äußeren Gesteinsplaneten oder einen größeren Satelliten des Gasriesen – falls wir welche finden."
      "Ziemlich magere Daten", Maya verschränkte die Arme vor der Brust, "Dann wollen wir die Lücken mal füllen. Nbhasi", sie wandte sich an den diensthabenden Steuermann, "erweitern sie den Standardscan und bitten sie die WIS um eine astronomische Analyse. Bereiten sie ein Swing-by Manöver um den Gasriesen und die Gesteinsplaneten vor."
      Mit ein paar Handbewegungen schaltete sie eine Kom-Verbindung.
      "LOG? Machen sie eins der beiden Shuttles klar für eine eventuelle Außenmission. Lassen sie ein Team ausrüsten und in Bereitschaft halten."
      Zufrieden schaute sie sich in der kleinen Brücke um.
      "Ein neues System, ein neues Spiel, Gentlemen."

      "Rhodiumerz?", fragte Avon zweifelnd. XL auf dem Schirm der Kom-Verbindung nickte eifrig.
      "Wieviel?"
      "Etwa 20bis 60 kg pro Kubikmeter.", war ihre erregte Antwort. Avon pfiff durch die Zähne.
      "Was macht seine Lordschaft?"
      Damit war nicht etwa der Kapitän gemeint, sondern Vincent. Noch immer war er der unangefochtene Rädelsführer der kleinen Gruppe, die vor Monaten von der Akademie auf die Danube gewechselt hatte.
      "Er hat dienstfrei. Bei mir ist er nicht und Clark hat noch Dienst auf dem Maschinendeck, also wird er wohl entweder bei Olga sein, oder schlafen."
      Avon kratzte sich einen Moment am Kinn, dann brach er wortlos die Verbindung in die WIS ab und wählte eine neue.
      "2-LC Minster für Brücke", rief er ins Kom. Nach einem Augenblick wurde die Verbindung angenommen und Maya Ardens Bild erschienim Display.
      "Mr. Minster, was verschafft mir die Ehre?"
      Er kam wie gewohnt direkt zur Sache.
      "Wir haben etwa 300 Kubikmeter unbelegten Frachtraum, bei der ungefähren, vorherrschenden Dichte des Erzes könnten wir mit etwa 70 Tausend TU rechnen. Sind die Shuttles schon mit Erzbohrern ausgerüstet worden?"
      Sein Gegenüber atmete tief ein und rieb sich mit der Rechten über die Stirn.
      "Es sind keine planetaren Landungen geplant."
      "Das kann nicht ihr Ernst sein, 1-XO. Da liegt Geld auf der Straße und wir sollen uns nicht bücken? Was denken sie, geht uns da durch die Lappen?"
      "Vielleicht Rückenschmerzen?", versuchte es die 1-XO schwach, wußte aber, daß Avon das Thema nicht abgleiten lassen würde. Sie seufzte.
      "Ich treffe die Entscheidung nicht, aber ich unterrichte den Kapitän von der Lage und ihrer Einschätzung. Wenn er zustimmt können sie ihre Schürfaktion haben. Und Avon!", er wollte schon die Verbindung unterbrechen, hielt aber inne, "Unterstehen sie sich, die Shuttles jetzt schon umrüsten zu lassen!"
      Er schnaubte verächtlich, als der Schirm endlich dunkel wurde. Kein Umrüsten, aber von weiteren Vorbereitungen hat niemand etwas gesagt. Anfänger.
      Fünf Minuten später wurden die Einzelteile der Schürfaufsätze in die Shuttlerampe gebracht und zur Montage vorbereitet, Hitzeschilde bereitgelegt und die Generatoren voll aufgeladen.

      Kapitän Lockhardt ließ den Blick von seiner 1-XO zum 2-LC und zurückwandern. Die Spannung zwischen beiden war so spürbar, daß man damit Feldspulen hätte aufladen können. Der 2-LC war versessen darauf, den restlichen Frachtraum mit Rhodiumerz zu füllen, die 1-XO war strikt dagegen, die Shuttles einem Risiko auszusetzen, dennder Ort des Erzlagers lag unter schwerem Wetter. Lockhardt selbst war nicht wohl dabei, schon wieder die Besatzung bei einer gewagten Schürfaktion einer Gefahr auszusetzen. Die Erinnerung an die Beinahehavarie war noch zu frisch. Er gab sich einen Ruck.
      "In Ordnung, Mr. Minster. Bringen sie ihren Kumpel St.Wickersham dazu, den Pilotensitz zu übernehmen und sie können das Shuttle für zwei Flüge haben."
      "DAS Shuttle?", Avon beugte sich ungläubig vor, "Kapitän! 80 Kubik Frachtraum, wir haben hier ein Loch von über 300..."
      Der Kapitän unterbrach seinen Junior-Offizier mit einer Handbewegung.
      "Zwei Flüge, Minster! Die Suppe am Boden ist ziemlich ungemütlich. Wenn die beiden Touren gut verlaufen und wir gut in der Zeit liegen, überlegen wir uns vielleicht eine dritte, aber das war's."
      Die Diskussion war beendet, der Kapitän drehte sich um und ließ die beiden stehen. Avon blies die Wangen unwillig auf, dann fiel sein Blick auf seine Vorgesetzte.
      "Was stehen sie hier noch rum, 2-LC", versetzte sie, ohne sich umzudrehen, "Holen sie ihren Freund aus den Federn. Ich wette, der braucht keinen großen Ansporn sein Können unter Beweis zu stellen."
      Im Laufen versuchte Avon bereits, eine Kom-Verbindung zu Vincent herzustellen.

      (Kapitän Lockhardt, Nachtrag) Wir sind auf ein sehr vielversprechendes Rhodiumvorkommen auf dem inneren Planeten gestoßen. Die Bedingungen vor Ort sind alles andere als ideal und nach bereits einer katastrophal mißlungener Erzschürfmissionen bin ich eigentlich nicht scharf auf weitere Risiken dieser Art. Ich habe trotzdem grünes Licht für eine kurze Etappe gegeben. Wir holen zwei, maximal drei Shuttle-Ladungen hoch, das muß reichen. 2-LC Minster ist, wie zu erwarten, wenig begeistert, aber fest entschlossen, das Beste aus der Lage zu machen.

      "Der Wetterbreicht für ihre Landezone: es weht eine leichte Brise von 18 Metern pro Stunde und leicht bewölkt."
      "Danke, Liffiss. Bei dem Luftdruck da unten sind 10 Meter schon ein Orkan."
      Der 3-Com grinste breit über das ganze Sauriergesicht.
      "Luftdruck 70 bis 80 Atmosphären, Temperatur 721 Kelvin. Zusammensetzung Hauptsächlich Stickstoff, Schwefeldioxid und Wasserstoff. Windgeschwindigkeit, wie gesagt, zwischen 14 und 18 Metern pro Stunde, Spitzenwerte können über 25 Meter betragen. Bist du sicher, daß du diesen Ritt nicht auslassen möchtest?"
      "Hast du etwa gegen mich gesetzt, Lif?"
      "Natürlich, da sind die Quoten besser. Wenn dir also unsere Freundschaft etwas bedeutet..."
      Das Bild von Vincent auf dem Schirm der Brücke wurde ein wenig undeutlicher und schien zu ruckeln.
      "Atmosphäreneintritt eingeleitet. Eintrittswinkel 42°. Belastung des Hitzeschildes steigt rasch an."
      Avon trat hinter Liffiss und beugte sich etwas vor, damit ihn die Aufnahme-Optik besser einfing.
      "Der Vektor weicht ab Vincent. Du liegst 11° Steuerbord."
      "Ich weiß, Avon. Vor mir sind Sturmsysteme, ich lasse mich von den Luftmassen mitziehen, das ist leichter, als sich da durchzuschieben. Zeitverzögerung sollte minimal sein."
      Das Bild ruckte abrupt nach oben, wurde dunkler und verlor für einen Moment an vertikaler Stabilisierung.
      "Heftige Fallwinde. Hitzeschilde sind auf Maximum. Ich bin in dichte Atmosphäre geraten. Ich schalte euch für eine Weile ab, muß mich auf's Fliegen konzentrieren."
      Der Schirm wurde dunkel.
      "JO3!", rief die 1-XO einen Moment zu spät, "Verdammt, was soll das? Er soll die Verbindung halten!"
      "Er fliegt", knurrte Avon angespannt, "Wahrscheinlich hat er keine Lust, den Kommentator zu spielen."
      Er schob Liffiss grob beiseite und hantierte eine Weile an der Konsole herum. Als der 3-Com schon protestieren wollte, erschien auf dem Schirm eine schematische Darstellung des Shuttles mit rasend schnell wechselnden Statusangaben an verschiedenen Stellen. Der Lifefeed des Shuttle-Transponders war mit allen wichtigen Meßinstrumenten verbunden und zeigte der Brückenbesatzung nun in Echtzeit den Zustand des Shuttles, außen wie innen. Liffiss pfiff bei den Werten durch die Zähne.
      "Dein Kumpel ist ein echt verrückter Hund", konstatierte er.
      "Sieht nicht so aus, als wäre das ein unkontrollierter Abstieg", die 1-XO runzelte die Stirn, "Stehen die Horizontalschubdüsen wirklich auf 115%?"
      "Er hat die Schildgeneratoren zum Bug ausgerichtet. Was machen denn da die Deflektoren?", Avon kniff die Augen zusammen, "Ist das ein Bussard-Feld?"
      Einen Moment blinzelte die 1-XO, dann nickte sie anerkennend.
      "Das ist clever. Er benutzt die Defeltoren, um vor den Bug ein Bussardfeld zu erzeugen, das die Atmosphäre kurzzeitig ionisiert. Die Schilde können die geladenen Partikel dann effektiv ableiten. Die Luftist so dicht, daß durch den Horizontalschub und die Tragflächen mehr Kontrolle möglich ist, als mit den Vertikaldüsen. Dem Anstellwinkeln und den Vektoren zu folgenschraubt er sich in konzentrischen Bahnen hinabzur Oberfläche.", sie atmete tief und vernehmlich durch, "Er kann es einfach nicht lassen, eine Show zu liefern."
      Nach einer Weile normalisierten sich die meisten Anzeigen langsam wieder und der Druck im Reaktorbehälter sank wieder auf unbedenkliche Werte.
      Avon richtete sich auf und blickte mit verschränkten Armen die 1-XO etwas vorwurfsvoll an.
      "Für eine Show bricht man nicht die Verbindung ab, oder?"
      Sie lehnte sich mit einerMischung aus Amüsiertheit und Geringschätzung auf dem Gesicht zurück.
      "Glauben sie ernsthaft, er hätte nicht mit ihrem kleinen Trick mit dem Transponder gerechnet?"
      Sie richtete sich auf und wandte sich ab.
      "Sagen sie dem Cowboy, er soll wenigstens das Schürfen nach Vorschrift machen. Benachrichtigen sie mich, wenn er sich auf den Rückweg macht oder sich irgendwas ungewöhnliches ereignet."
      Damit setzte sie sich auf den Kommandosessel und widmete sich eine Terminal um irgendwelche 'wichtigen' administrativen Arbeiten zu erledigen.
      Am Boden dirigierte Avon das Shuttle bis zum Standort der Rohstoffmessung. Die kleine Crew benötigte nicht lange, um mit ihren Geräten die größte Konzentration zu finden und begann den Prozeß.Die beiden TECs an Bordwickelten die Erzförderung zügig und ohne Schwierigkeiten ab. Das noch glühende, pulverisierte Material wurde eingesaugt und während die Filter die unerwünschten Elemente aussonderten, landete das Rhodiumerz im kleinen Frachtraum. Sie hatten unverschämtes Glück, denn das Erzlager lag fast gänzlich an der Oberfläche. Es mußte nichts abgeräumt und auch keine Tunnel gebohrt werden. Erzarbeiter nannten so etwas eine 'dime-on-the-street'-Aktion.
      Nach demEntladen derFracht kehrte das Shuttle diesmal zügiger und problemloser zurück an die Oberfläche. Der alte Fundort war bereits wieder vom Wetter mit Staub und losem Material angefüllt worden, sodaß Vincent entschied, ein neues Lager zu suchen. Er ließ sich auf keine Diskussion mit Avon ein.
      "Hier liegt genug herum, um dreimal den Frachtraum der Danube zu füllen.Ich denke, wir können es uns leisten, uns die Rosinen herauszupicken. Weiß jemand, warum die ursprüngliche Entdeckercrew diese Lager weder ausgebeutet, noch gekennzeichnet hat?"
      "Wahrscheinlich planten sie, später zurückzukehren und das Erz abzubeuten. Vermutlich waren sie nicht scharf auf Konkurrenz.", Avons Ungeduld war deutlich herauszuhören.
      "Oder sie waren nicht gierig genug, an einem so ungemütlichen Ort nach Schätzen zu graben", kommentierte Maya halblaut zu sich selbst.
      Während dessen hatten Vincent und Avon ihre Debatte fortgeführt, sodaßniemand sie gehört hatte.
      "Du verschwendest Zeit, such' lieber eine Ader!"
      "Weißt du, Avon, es gibt Leute, die können zwei Dinge gleichzeitig. Ich kann, zum Beispiel, gleichzeitig fliegen und einen Besserwisser ärgern."
      Die Worte kamen jedoch ohne die notwendige Schärfe, die daraus eine Beleidigung gemacht hätten. Vincents Gesicht wurde von einem blinkenden Licht seiner Konsole rhythmisch erhellt.
      "Das Wetter wird schlechter. Ich habe eine vielversprechende Stelle, liegt aber ein bis zwei Meter unter Schutt begraben."
      Aus dem Hintergrund des Shuttles ertönte eine rauhe Stimme.
      "Schwefelsaures Regolith, sollte nicht allzulange dauern, es wegzubrennen. Laser wärmt schon auf."
      "Mach doch einfach die Klappe auf, draußen ist's warm genug!", mischte sich eine dritte Stimme ein.
      Avon wollte schon Einwände erheben, aber Vincent kam ihm zuvor.
      "Hier wird nicht gepfuscht, Luke! Wärmen sie den Laser, der Rest hält sich fest, ich versuch' mal was, bevor unser 2-LC einen Herzriß wegen der Verzögerung bekommt."
      Die Brückenbesatzung beobachtete durch dieTransponderdaten, was Vincent unten tat.
      "Warum wendet er?", Liffiss kratzte sich den Schädel und Maya zuckte die Achseln.
      "Straßenfeger", kommentierte Avon düster, der diese Art von Manöver seines Freundes schon kannte.
      "Vince, bist du sicher, daß das Regolith locker genug ist?"
      "Nein, aber bis der Laser heiß ist haben wir nichts verloren. Eventuell gewinnen wir damit aber Zeit."
      Avon wandte sich zu der restlichen Brückencrew um.
      "Er will die Schubdüsen verwenden, um das lockere Gestein wegzublasen. Er positioniert das Shuttle mit dem Heck voran und dreht dann Horizontalschub und -Verzögerung bis zum Anschlag auf. Eine Weile kann er das Shuttle dabei kontrolliert auf Position halten. Auf diese Weise hat er gelegentlich Landeplattformen freigepustet um die Markierungen zu sehen, wenn die Bodenmannschaft nicht vor Ort oder zu langsam war."
      Die1-XO runzelte zweifelnd die Stirn.
      "Landeplattformen von Staub und Sand zu befreien ist was anderes, als Geröll aus einem Loch zu pusten – und da unten herrscht gerade Sturm."
      Schweigen legte sich auf die Zuschauerschar auf der Brücke, während sie die Transponderdaten beobachteten. Wie angekündigt schnellten die Werte der hinteren und vorderen Horizontaldüsen in die Höhe und der Reaktordruck stieg rapide an. Vincents Kampf mit der Steuerung zeigte sich durch immer heftiger werdende Aktivitäten der seitlichen Flutedüsen und Schubaggregate. Die Positionsdaten zitterten um einen Bereich und auch hier wurden die Abweichungen rasch größer. Schließlich erstarben die Horizontaldüsen wieder und die Anzeigen beruhigten sich.
      "Das war's. Luke, brennen sie den Rest mit dem Laser weg. Du kannst den Rüssel klar machen, Elroy."
      Maya drängte sich an den Kom.
      "3-Ct, wir messen hier immer noch steigende atmosphärische Turbulenzen um das Shuttle. Was ist da unten los?"
      Vincent ließ zunächst den Blick über seine Konsole gleiten, dann schaute er auf die verschiedenen Außenoptiken.
      "Das Wetter wird nicht besser und wir sind hier eine nicht unerhebliche Wärmequelle. Die Atmosphäre ist einfach zu dicht, als daß sich das schnell beruhigen könnte. Schätze, wir haben hier eine kleine Sturmzelle erzeugt. Wir beeilen uns besser mit dem Schürfen."
      "Hm", machte Liffiss nachdenklich, während er auf seine Anzeigen starrte, "Die Temperatur da unten steigt noch immer an. Wir sind schon bei 770 Kelvin."
      Maya musterte das Gesicht des 3-Ct auf dem Schirm. Er wirkte eindeutig besorgt und nervös. Ein Seitenblick auf den 2-LC zeigte eine ähnliche Besorgnis. Avon bemerkte ihren Blick und starrte finster zurück.
      "Wir brechen ab", entschied der 1-XO, "3-Ct, heben sie..."
      In diesem Moment rief jemand im Inneren des Shuttles "Laser an" und es passierten mehrere Dinge gleichzeitig.
      "Hitze-Spitze!", rief Liffiss, untermalt vom schrillen Pfeifen seiner Konsole.
      Die Bildübertragung zum Shuttle verzerrte sich und fror komplett ein. Aus dem Audiokanal dröhnte eine Mischung aus Rufen und kreischen überanspruchter Maschinen und Metalls, begleitet von einem betäubenden Donnerschlag – danach drang nur noch statisches Rauschen aus dem Feed. Die Lage- und Positionsdaten des Transponders vollführten einen wilden Tanz und mehrere Schubdüsen wurden abwechselnd gezündet mit Werten weit oberhalbder Toleranzen, dann wurden die Anzeigen dunkel.
      Avon stützte sich auf den Rahmen der Konsole, vor der sie sich versammelt hatten.
      "Was ist da gerade passiert?", verlangte Maya zu wissen, "Haben wir gerade unser Shuttle verloren?"
      Avon Minster schaute mit unstetem Blick auf, dann begann er mit heiserer Stimme zu erklären.
      "Eine Sauerstoffexplosion. Wir haben das Gestein über den Grenzwert hinaus erhitzt, sodaß das Regolith große Mengen Sauerstoff abgab. Sauerstoff, Wasserstoff, Schwefeldioxid und ein Laserblitz, muß ich noch deutlicher werden?"
      "Dann hat es das Shuttle zerrissen?"
      "Nein!", widersprach Liffiss der 1-XO, "Der Transponder hat eindeutig gezeigt, daß in den Sekunden nach der Explosion das Shuttle kontrollierte Schubstöße erzeugt hat. Jemand hat versucht, es unter Kontrolle zu bringen, bevor der Transponder ausfiel. Das Shuttle kann also durchaus noch intakt sein."
      "Wenn der Transponder ausfällt...", begann Avon, doch Maya unterbrach ihn.
      "Ist der Schaden kritisch. Liffiss, Sonde starten, maximale Sensorabtastung der potentiellen Absturzstelle. 2-Ct, bringen sie die Danube tiefer und halten sie Position unmittelbar am Rand der dichteren Atmosphäre. LOG?", sie mußte ein paar Sekunden warten, bis sich die Ingenieursabteilung meldete.
      "1-Eng...", Maya ließ den Mann gar nicht erst weiter zu Worte kommen.
      "Shuttle Nummer Zwei für Notstart vorbereiten, keine Bohrausrüstung, nur Abschirmung. Ihr habt zehn Minuten! Kapitän?"
      "Ich habe alles verfolgt, ich bin schon auf dem Weg zum Shuttledeck. Nehmen sie den 2-LC mit und kommen sie runter."
      "Aye, Kapitän"
      Ohne ein weiteres Wort stürmte sie von der Brücke und versicherte sich nichteinmal, ob Minster ihr folgte. Unterwegs unterrichtete sie Liffiss, er habe den Rumpf des Shuttles ausgemacht, rund 300 Meter vom letzten Standort entfernt, allem Anschein nach strukturell intakt. Er konnte jedoch keine Energiewerte messen, der Reaktor war demnach aus.
      "Aber das ganze Heck und eine Flanke sind verdammt heiß."
      "Und die gute Nachricht?"
      "Kein Anzeichen erhöhten Sauerstoffs in der Umgebung des Shuttles."
      Maya überlegte einen Moment, bis ihr klar war, was Liffiss damit meinte.
      "Also ist das Shuttle noch dicht, keine Atmosphäre ausgetreten?"
      "Korrekt. Selbst wenn alle Energie ausgefallen ist und keine Frischluftsubstitution mehr erfolgt, reicht der Sauerstoff noch etwa eine halbe Stunde – vorrausgesetzt es sind keine Giftgase entwichen."
      Auf der Shuttlerampe wartete schon der Kapitän und diskutierte mit 1-LC Krugmann. Sie sah die kleine Gestalt der zweiten medizinischen Offizierin Xian Liao, wie sie etwas verloren dabeistand. Sie erinnerte sich daran, daß sie von den übrigen Akademieabgängern 'XL' genannt wurde. Unwillkürlich sah sie sich um, ob sie sonst noch jemanden der kleinen Gruppe erspähen konnte, die sich um den 3-Ct und den 2-LC gebildet hatten, fand jedoch niemanden.
      "...nicht bei diesen Bedingungen!", erklärte Krugmann gerade, als Maya zu der Gruppe aufschloß. Hinter sich hörte sie die raschen Schritte Avon Minsters.
      "Dann brauchen wir Schleppkabel!", war die Antwort des Kapitäns und das genügte, um der 1-XO das Thema der Diskussion klar zu machen. Sie sah sich zum 2-LC um.
      "Sagen sie mir bitte nicht, das Shuttle hatte nur Standard-EVA-Ausrüstung an Bord."
      "Das ist bei Bergbau-Missionen nicht üblich.", wandte der 1-LC ein.
      Maya verschränkte die Arme vor der Brust und legte alle Verachtung, die sie im Moment aufbringen konnte in ihre Stimme.
      "Und reduziert das Ladevolumen um wieviel? Vier Kubikmeter?"
      "Sechs", antwortete Minster vollkommen ungerührt.
      "Genug", der Kapitän erstickte jeden Streit im Keim, "Wir haben zwei Optionen: wir bringen Klasse-2-EVAs im Shuttle nach unten, holen unsere Leute heraus und geben das Shuttle auf, oder wir bergen das Shuttle komplett mit Besatzung."
      "Wir bergen das Shuttle. Haben wir Schleppkabel an Bord?"
      "Unser Ersatzteillager hat keine Kabel der Stärke, aber die Materialdrucker können das herstellen. Ich lasse gerade die Matrix dafür berechnen."
      "Wie lange?"
      "Zwanzig bis dreißig Minuten für die Berechnung, zehn für die Herstellung."
      Lockhardt fluchte.
      "Das ist zu lange, die Luft im Shuttle reicht für höchstens vierzig Minuten."
      "Nun", machte der 1-LC gedehnt, "Wir hätten da noch..."
      "Unterstehen sie sich, Krugmann!", zischte Avon.
      "Was?!", schoß Maya.
      Der 1-LC kaute eine Weile auf der Unterlippe, bevor er antowertete.
      "Die versiegelte Fracht enthält unter anderem zweieinhalb Kilometer Tetherkabel."
      "Das Kabel würde ausreichen, um das Shuttle zu bergen?"
      Krugmann nickte, "Wir könnten vier Stücke abtrennen und mit Schleppgreifern verbinden. Würde maximal zehn Minuten dauern."
      "Wir müssen die Fracht versiegelt abliefern, das steht nicht zur Debatte!", widersprach Avon.
      Eine kleine Gestalt stand aus dem Nichts heraus vor Minster und stieß ihm beide Fäuste vor die Brust.
      "Das ist dein Mist, Avon! DU wolltest diesen Einsatz und DUhast den Kapitän davon überzeugt. DU hast Vincent überredet, die Mission zu fliegen und DU hast alle gedrängt, möglichst schnell zu machen, damit DU noch deinen dritten Flug bekommst! Wegen DIR sitzen unsere Leute jetzt da unten! Und das ist nicht irgendwer in dem Shuttle, das ist Vincent! Muß ich dich wirklich daran erinnern, wie oft er DICH aus der Scheiße gezogen hat? Du machst jetzt diese verdammte Fracht auf und schneidest persönlich das Kabel in Stücke!"
      Avon wich vor der völlig uncharakteristischen Wut der Asiatin zurück, bis er gegen eine zweite Gestalt stieß. Hinter ihm stand die Russin und blickte unheilverkündend drein, als sie den Logistikoffizier wortlos bei den Schultern packte, in Richtung des Frachtraumes drehte und voranschob. Avon protestierte noch weiter, doch Olga ließ ihm keine Chance. Unerbittlich drängte sie ihn vorwärts.
      "Mit ihrer Erlaubnis, Miß Xian", Kapitän Lockhardt verbarg ein Grinsen damit, daß er sich höflich an den Schirm seiner Mütze griff, "1-LC, bereiten sie das Shuttle mit den Schleppkabeln vor. Maya, sie fliegen das Shuttle. Die MEDmöchte bitte das Lazarett vorbereiten, wir haben drei potentielle Verletzte zu versorgen. Wer begleitet den Abstieg?"
      "Das mach ich", riefen gleichzeitig der 1-LC und die 2-Med. Nach einem flüchtigen Blick auf das düstere Gesicht der kleinen Frau trat Krugmann zurück und wandte sich um. Wahrscheinlich war es im Moment ohnehin besser, wenn man den 2-LC von gewissen Besatzungsmitgliedern fern hielt.

      Es stellte sich heraus, daß das Shuttle nicht so schwer beschädigt war, wie befürchtet. Den größten Schaden hatte der kleine Reaktor davongetragen, ließ sich jedoch aus dem Material der Notreserven ersetzen. Die Instandsetzung der Hülle und Schubdüsen kostete weniger Ersatzteile, als vielmehr erhebliche Mühen. Ein Umstand, den insbesondere Avon Minster zu spüren bekam, denn er wurde zu allen Arbeiten eingeteilt.
      Die drei Besatzungsmitglieder waren glücklicherweise nicht schwer verletzt. Sie trugen Schürfwunden, Prellungen und leichte Verbrennungen davon. Einer der Techniker hatte sich die Schulter gebrochen und Vincent eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen. Als man ihn auf einer Trage aus dem Shuttle transportierte, grinste er Liffiss schwach zu.
      "Tut mir leid, daß du deine Wette verloren hast."
      "Wer sagt das denn?", der 3-Kom grinste breit zurück, "Ich habe gewettet, daß du die Mission verbockst und das hast du. Gründlich, wenn ich mir das Shuttle so ansehe."
      Vincents Lachen endete in einem Hustenanfall.
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    • CSS Danube, Logbuch Eintrag #511
      Port Nasrink, Alphiuchi-System
      21. November 2267 (Terra), 19 Uhr 17 Bordzeit / 38 AA 06 , CE PGTC
      Manifest 5 m³ (2200 m³) / 194,4 m³ (200 m³), 398‘742 TU
      + 1,11 m³ Infinium(raff)
      - 1800 m³ Frachtgut
      - 79,6 m³ Rhodiumerz (davon 40 m³ unentgeltlich an das Crustacaeen Handelskonsortium)
      + 4 m³ Tech(ass) → (enfc)
      + 3 m³ Eng(ass) → (enfc)
      + 9 m³ Material(ass) → (enfc)
      (Kapitän Lockhardt) Das Anlegemanöver in Port Nasrink verlief reibungslos, die Frachtübergabe nicht so sehr. Zunächst schien die Abordnung Crustacaeen den Umstand, ihre Fracht unversiegelt und nicht unangetastet vorzufinden, sehr zu verärgern. Nach einem ausführlicheren Bericht über die genaueren Umstände zeigten sie sich jedoch erstaunlich versöhnlich und erkundigten sich sogar, ob die Danube weitergehende Unterstützung benötigen würde. Da ich vermutete, sie würden sich so auch gerne von der Richtigkeit unserer Darstellung überzeugen, übergaben wir ihnen unser Shuttle für weitere Reparaturen. Alles in allem wurden wir von diesen Krebswesen überaus zuvorkommend behandelt, etwas, was ich vordringlich der Vermittlung meines 3-Ct St.Wickersham zuschreiben möchte. Und natürlich seiner großzügigen Geste, die Hälfte des gewonnenen Erzes dem Handelskonsortium zu überlassen.

      "Bist du wahnsinnig? Das wären fast 10 Tausend TU! Wofür? Die gesamte Reparatur des Shuttles kostet nicht mal ein Viertel davon!"
      Vincent hörte sich geduldig Avons Vorwürfe an.
      "Ohne die Fracht der Crusties hätten wir das Zeug nicht bekommen. So gesehen steht ihnen der Anteil ohnehin zu."
      "Genau genommen steht ihnen ein Anteil DER Fracht zu, die im Shuttle war, als wir es mit ihrem Kabel hochgezogen haben. Und das war", er tat, als überlegte er angestrengt, "Ach ja, Null!"
      "Du kannst gerne das Kabel und die Teile für das Shuttle aus deiner eigenen Tasche bezahlen. Entschuldige mich."
      Avon hob einen Finger und wollte Vincent nachsetzen, doch eine Gestalt in Sicherheitsuniform vertrat ihm den Weg. Als er aufblickte, schaute er ihn Olgas Gesicht, die fast unmerklich den Kopf schüttelte und sich mit verschränkten Armen vor ihm aufbaute.
      "Glaub ja nicht, daß ich das vergesse!", rief er Vincent hinterher, doch der winkte lässig ab.
      In der medizinischen Abteilung steuerte er zielstrebig auf XL zu und begrüßte den anwesenden Skelenmediziner mit einem freundlichen Kopfnicken.
      "Doc Blue", der Skelen hatte die Verkürzung seines für Menschen komplizierten Namen widerspruchslos hingenommen und schien sogar Gefallen daran zu finden.
      "Hi, XL. Fertig zur letzten Nachuntersuchung."
      XL bedeutete ihm, sich zu setzen und rasselte eine Reihe medizinischer Fragen herunter, während sie ihm abwechselnd mit einem kleinen Lämpchen in das rechte und linke Auge leuchtete. Dann nahm sie ihm das Stirnband mit dem kleinen Magnetresonanzsensor ab, der seine Hirntätigkeit überwacht hatte. Die Meßwerte schienen sie zu befriedigen. Lächelnd wandte sie sich ihm zu.
      "Und? Wie war's unter den Krebsen?"
      "Faszinierend – und ein wenig verwirrend. Die Namen sind unaussprechlich, ich konnte mir nur einen einzigen wirklich merken, es klang wie Smirrend. Da hing zwar noch einiges an Lauten dran, aber das kann ich weder wiedergeben, noch mir merken. Wenn sie sprechen ist das perfekt moduliert, da ist nur so ein Summen im Hintergrund. Ich denke, das gehört zu ihren Sprechorganen. Aber wußtest du, daß sie keine Übersetzungcomputer benötigen? Jeder einzelne kann Englisch oder Deutsch. Ich habe einen der Skelen-Dockarbeiter gefragt, der hat mir lachend erklärt, jeder Crustacaea spricht alle Sprachen, die sie kennen. Ich weiß nicht, was daran so lustig sein soll. Aber weißt du, was wirklich komisch war?"
      XL schüttelte den Kopf und mußte noch breiter grinsen. Vincent sich in beinahe kindliche Begeisterungen hineinsteigern, wenn er etwas Neues lernte.
      "Nein, was?"
      "Wie gesagt, einen Crustie konnte ich mir merken. Aber als ich ihn später noch einmal getroffen habe, brauchte er eine Weile, um den Namen zuzuordnen. Und er sprach auch ganz anders, als wäre es eine völlig andere Person! Aber es war definitiv derselbe, das kann ich beschwören."
      "So seltsam ist das wahrscheinlich nicht.", Doc Blue war unbemerkt näher getreten. Der starre Schädel war unfähig, Emotionen widerzuspiegeln, doch in seiner Stimme lag eindeutig Belustigung.
      "Wieviele Crustacaeen waren anwesend, als sie dieses Individuum das erste Mal trafen?"
      Vincent überlegte.
      "Ich glaube, sie waren zu dritt."
      "Und das andere Mal?"
      "Auch, denke ich. Das heißt, es waren wohl vier."
      "Haben alle vier ihr Gespräch verfolgt oder sich daran beteiligt?"
      "Nein, das waren nur er und sein Kumpel."
      "Aha. Und sein 'Kumpel', war das einer jener, die auch beim ersten Mal dabei waren?"
      Vincent legte die Stirn in Falten und dachte angestrengt nach.
      "Nein, ich glaube nicht, aber ich habe die beiden dazwischen mehrmals zusammen gesehen."
      "Nun, der Crustacaea, den sie für Smirrend hielten, hieß wahrscheinlich nicht so. Sein individueller Name war wohl einer jener Laute, die sie sich nicht haben merken können. Smirrend wird der Name des dominanten Individuums gewesen sein, mit deren Gruppe sie sprachen. Zudem war die zweite Gruppe deutlich kleiner. Hätten sie an dem Zeitpunkt nach einem Namen gefragt, wäre der deutlich kürzer gewesen. Es ist ihnen bekannt, daß man sagt, Crustacaeen würden intelligenter, wenn ihre Gruppe wächst?"
      "Ja, sicher", bestätigte Vincent, "Das hängt mit einer unterschwelligen Synergie ihrer Kommunikation zusammen, hieß es an der Akademie."
      "Recht treffend, wenn auch unzureichend. Diese Synergie ist weder unterschwellig, noch auf die Kommunikation begrenzt. Es ist ein integraler Bestandteil ihrer Persönlichkeitsstruktur."
      Vincent machte ein verwirrtes Gesicht.
      "Sie meinen, Crustacaeen in einer Gruppe drücken sich nicht nur besser aus, sie werden tatsächlich schlauer?"
      "Wenn sie sich mit einer Gruppe Crustacaeen unterhalten, reden sie mit einem Individuum, das aus der Summer der Persönlichkeiten derer zusammengesetzt ist, die sich daran beteiligen. Ein einzelner Crustacaea ist weitestgehend hilflos und verloren. Erst in Gruppen gewinnen sie Intelligenz und Wissen."
      "Moment, Wissen? Wie das?"
      "Es ist unerheblich, in wessen Gedächtnis ein Faktum abgelegt ist, wenn sie mit einem Gruppenkonsens reden. Es reicht, wenn ein beteiligtes Individuum eine Sache weiß. Diese Information wird vom gemeinsam gebildeten 'Verstand' benutzt. Außerdem tauschen Crustacaeen untereinander Informationen und Wissen sehr schnell aus. Insbesondere, da jedes Individuum die Informationen seinerseits weitergibt. Eine gelernte Sache, wie beispielsweise die englische Sprache, macht in der gesamten Population eines Planete innerhalb weniger Tage die Runde. Interplanetare Kontakte trage diese Dinge dann weiter."
      "Und jeder Crustacaea weiß alles, was die anderen auch Wissen?", fragte XL zweifelnd, "Sind dann alle Crustacaeen sowohl Ärzte, als auch Ingenieure?"
      "Nein, jeder Crustacaeen hat Schwerpunkte. Er mag grundsätzlich über dieses Wissen verfügen, es jedoch nicht aktiv verwenden. Allerdings könnte jedes beliebige Individuum mit der nötigen Zeit jede Aufgabe fast so gut bewältigen, wie der beste unter ihnen. In der Praxis kommt so was nur selten vor und auch nur unter extremen Bedingungen. Es führt außerdem nicht selten zu gravierenden Veränderungen der individuellen Persönlichkeit und kann zu Instabilitäten führen."
      "Aber das bedeutet doch, daß jeder Crustacaea im Prinzip jeder Zeit über das gesammelte Wissen seiner Spezies verfügt."
      "Das Nervensystem eines Crustacaeen ist in der Tat äußerst bemerkenswert. Es gibt im Skelen Kolleg übrigens eine populäre Theorie, die besagt, daß, im Gegensatz zu anderen Spezies, der Entwicklung der Crustacaeen ultimativ eine Grenze gesetzt ist, wenn die maximale Kapazität des einzelnen Hirns erreicht ist. Ich für meinen Teil glaube, daß ab diesem Zeitpunkt die Tendenz zur Spezialisierung steigen wird und nur noch Basiswissen auf diese Weise geteilt wird."
      Vincent starrte das skeletthafte Gesicht einige Momente an, bevor er blinzelte.
      "Kein Wunder, daß man nie Crustacaeen als Besatzung fremder Schiffe sieht. Die müssen sich ja vorkommen, wie in der Steinzeit."
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      "Mehr pseudo als Mary geht nicht."
    • CSS Danube, Logbuch Eintrag #513
      Deep Space, nahe Falcon
      28. November 2267 (Terra), 14 Uhr 23 Bordzeit / 38 AA 0D , 99 PGTC
      (Kapitän Lockhardt) Wir haben ein Rendezvous mit der CSS Fluyt Fisk unter Kapitän Hara Lenssen. Es ist schon eine Weile her, daß wir uns das letzte Mal gesehen haben und ich frage mich, ob sie immer noch sauer auf mich ist. Vorsichtshalber schicke ich Maya als Empfangskomitee vor, man kann ja nie wissen.
      Außer Höflichkeiten tauschen wir vor allem Daten aus, Hara ist auf dem mehr oder minder direkten Rückweg nach Gateway-1. Die WIS bereitet ein Datenpaket unserer gesamten bisherigen Reiseroute zusammen und die LOG erstellt ein ausführliches Manifest. Ich stelle fest, ich freue mich doch ziemlich auf ein Wiedersehen.


      "Da kommt die Girly-Parade", raunte der 2-Ct George Sinclair und Vincent stieß seinen Kollegen heftig in die Rippen still zu sein.
      In der Tat traten in diesem Moment drei Frauen auf die Brücke. Voraus der 1-XO Maya Arden, gefolgt von einer platin-blonden Frau Mitte vierzig. Sie war deutlich kleiner als Maya, doch ließ die befehlsgewohnte, aufrechte Haltung sie größer erscheinen. Das mußte Kapitänin Lenssen sein. Den Abschluß bildete Olga, kleiner als Maya, aber kräftiger und durch den eckigen Schnitt der Sicherheitsuniform generell eindrucksvoller.
      "SO4 Sinclair?"
      Der 2-Ct stand von seinem Platz auf, drehte sich vorschriftsmäßig um und erstatte Meldung – oder auch nicht, denn es gab nichts zu melden. Währenddessen sah sich die Kapitänin aufmerksam auf der Brücke um. Am Rücken des 3-Ct blick ihr Blick haften und sie schlenderte ein wenig näher. Nachdem Sinclair seine Meldung beendet hatte, sprach sie St.Wickersham direkt an.
      "Sie müssen das Wunderkind sein, Wickersham."
      Der Angesprochene arretierte seine Konsole und drehte sich mit seinem Sessel um.
      "Saint Wickersham, Ma'am."
      "Wissen sie, daß ich ihnen vor fast einem Jahr auch eine Anfrage geschickt habe?"
      "Natürlich, sie und noch sechzehn weitere Kapitäne."
      "Was hat sie damals veranlaßt, ausgerechnet hier anzuheuern?"
      Er grinste hintergründig.
      "Diese Frage haben mir schon einige gestellt."
      "Und? Bekamen sie eine Antwort?"
      "Bisher hat noch niemand die richtige Frage gestellt."
      Die Kapitänin dachte einen Moment nach.
      "JO3, der Kapitän hat ihnen eine Frage gestellt", zischte die 1-XO scharf.
      Die Kapitänin drohte ihm nur spielerisch mit dem Finger.
      "Gute Antwort, mein Junge. Ihnen macht man so schnell nichts vor, wie?", damit drehte sie sich zu Maya um, "Also, wo versteckt sich der alte Halunke?"
      "Hier", ertönte die Stimme des Kapitäns von der Tür her. Er schob sich an Olga vorbei und reichte Kapitänin Lenssen die Hand. Sie schlug herzlich ein.
      "Nun, was macht mein Shuttle?", fragte sie mit einer hochgezogenen Augenbraue. Lockhardt räusperte sich geräuschvoll.
      "Wollen wir uns in die Offiziersmesse zurückziehen? Dort wartet schon eine kleine Erfrischung."
      Hara Lenssen schürzte die Lippen und wandte sich an die Brücke.
      "Meine Damen und Herren, es war mir ein Vergnügen. Bitte entschuldigen sie uns."
      Gemeinsam verließen die Kapitäne die Brücke. Sinclair atmete schwer aus. Es klang wie eine defekte Pneumatik. Der 1-XO starrte Vincent noch immer düster an.
      "Was sollte das, Wickersham?", sie ließ bewußt die Vorsilbe des Namens weg und registrierte befriedigt, daß Vincent darauf nicht wie üblich reagierte, sondern die Auslassung geflissentlich überging.
      "Private Dinge unterliegen nicht der Befehlskette. Genausogut könnten sie mich fragen, ob ich eher auf Titten oder Ärsche stehe und ich kann ihnen sagen, daß sie das nichts angehe", er hob einen Finger, "Solange ich das höflich und respektvoll mache."
      "Aha", machte Maya gedehnt, "Und?"
      "Und was?", Vincent drehte sich wieder um. Maya reckte herausfordernd das Kinn.
      "Titten oder Ärsche?"
      Verdutzt starrte Vincent die 1-XO an, dann drehte er sich zu seiner Konsole um und schwieg verbissen. Maya verließ grinsend die Brücke und überließ das Kommando wieder dem 2-Ct. Auf dem Korridor piepte ihr Kom – eine Textnachricht vom 3-Ct:
      "beides"
      Ein TEC schaute verwundert der 1-XO hinterher, die lauthals lachend den Korridor entlang ging.

      (Kapitän Lockhardt, Nachtrag) Das Treffen mit Hara verlief harmonisch. Sie hatte natürlich sofort durchschaut, daß ich mich erst hinter meiner 1-XO versteckt habe und mußte herzlich darüber lachen. Hara war schon immer eine sehr humorvolle Person gewesen. Nach einem längeren, wechselseitigen Bericht was alles passiert war, kamen wir auf aktuellere Ereignisse zu sprechen. Es tat recht gut, einer gleichgestellten Person gegenüber meine Sorgen zu schildern, insbesondere betreffend der letzten beiden Bergbaumissionen, die beide in einem Fiasko endeten. Ich werde wohl ihrem Rat folgen und mich in nächster Zeit verstärkt auf wissenschaftliche Missionen konzentrieren. Mein 2-LC Minster nennt sowas abfällig „Wasserstoffatome zählen“. Hara verschluckte sich fast vor Lachen, als sie das hörte.

      "Fluyt Fisk ist außerhalb der Nahbereichsaufklärung und beschleunigt jetzt mit 11 G", meldete Liffiss von seinem Posten.
      "2-Ct, starten sie die Triebwerke. Neuer Kurs 21° Azimutal, 5° Vertikal", befahl Lockhardt mit fester Stimme.
      "Sir?", der 2-Ct blickte verwirrt auf, aber der Kapitän ging nicht darauf ein, sondern schaltete den Interkom ein. Seine Stimme erklang jetzt auf allen Decks.
      "Hier ist der Kapitän. Kleine Planänderung, wir nehmen nicht die Route über Claireville zurück nach Port Freeway, sondern machen einen kleinen Umweg. Und Mister Minster?", er machte eine effektvolle Pause und grinste breit, "Wir gehen Wasserstoffatome zählen."
      Er deutete auf den Hauptschirm.
      "Worauf warten sie, 2-Ct. Geben sie Schub."
      "Aye, aye, Sir", bestätigte Sinclair und fuhr die Triebwerke hoch.
      Liffiss grinste ein Raubtiergrinsen.
      "Ein Wasserstoffatom, zwei Wasserstoffatome, drei Wasserstoff..."
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      - "To make an apple pie from scratch you must first invent the universe." Carl Sagan

      "Mehr pseudo als Mary geht nicht."
    • CSS Danube, Logbuch Eintrag #515
      Deep Space, zwischen Rogur’s Star und Bennett 323
      19. Dezember 2267 (Terra), 21 Uhr 52 Bordzeit / 38 AA 22 , E9 PGTC
      (Kapitän Lockhardt) wir haben jetzt drei Systeme gründlich vermessen und nebenbei einiges an astronomischen Daten gesammelt. 1-Wis Dr. Lennard ist sehr zufrieden über die Möglichkeit, einen irregulären Binärstern erforschen zu können. Wir haben das Doppelsystem vom letzten Zwischenstopp ausmachen können und nehmen Kurs darauf, sobald wir eine kleine Schwerkraftanomalie im tiefen Raum untersucht haben. Im Radiospektrum zeigt sich eine Strahlenquelle, aber sowie optische als auch infrarot Sensoren bleiben dunkel. Die Strahlung scheint irgendwie gedämpft. Dr. Lennard vermutet Wolken absorbierenden Materials um eine Radioquelle. Nur kann es scheinbar keine Sternenleiche sein. Für eine alte Supernova fehlen alle Anzeichen und ein Protostern würde einerseits im ganzen Spektrum strahlen und benötigt andererseits wesentlich mehr Masse in der Umgebung.


      Kalter, radioaktiver Nebel, durchsetzt mit metallischen Gasen, ungewöhnlich aber nicht aufsehenerregend. Liffiss überlegte lange.
      „Vince, wir sollten näher rangehen.“
      Dieser nickte zustimmend.
      „1-XO?“, holte er sich die Zustimmung des kommandierenden Offiziers.
      „Gehen sie ran bis 10 Tausend, danach langsame, radiale Annäherung. Liffiss, maximale Scannerdichte. Werfen wir einen Blick hinein.“
      Das Scannerbild blieb undeutlich und verzerrt, auch aus größerer Nähe. Der Nebel streute die Abtastung.
      „Infrarot?“
      Liffiss schaltete die Spektren und Tastmodi durch, nirgends zeigte sich ein klares Bild.
      „Wie groß ist das Objekt?“
      „25 Astronomische Einheiten, annähernd sphärisch“, kam die Antwort, „Keine Expansion, keine Kontraktion - lediglich innere Verwirbelungen“
      „Was ist das?“, Maya deutete auf einen verwaschenen Fleck. Liffiss hatte den Punkt schon eine Weile zuvor als Orientierungspunkt markiert.
      „Ein massives Objekt? Optische Abtastung!“
      Ein Bild stabilisierte sich auf dem Hauptschirm, blieb jedoch insgesamt unklar. Schatten und Schlieren verzerrten das Abbild. Man sah nur Schwarz, dunkelgrau und sehr dunkel grau. Mit einem zarten Flimmern wechselte die Ansicht, als Liffiss ungefragt wieder auf Infrarot umschaltete. Die Umrisse wurden eine Spur deutlicher, blieben jedoch irgendwie unvollständig.
      „Der Nebel scheint im ganzen Spektrum aktiv zu sein. Was auch immer darin liegt, es bleibt so gut wie unsichtbar, aber das dort“, Maya deutete auf den Fleck, „Scheint das einzige massive Objekt im Umkreis von einem dutzend AE zu sein. Schicken sie eine Sonde.“
      „Aye, aye, 1-XO“, Liffiss betätigte ein paar Kontrollen.
      „Sonde los“
      Eine taktische Übersichtskarte erschien auf dem Hauptschirm und verfolgte den Weg der Sonde. In einem freien Bereich unten Links wurde das zurückgefunkte Bild eingeblendet. Die Sonde übertrug beständig alle Spektren, das Bild zeigte jedoch nur das optische Spektrum. Der Balken, der die Verbindungsstärke zeigte, begann rapide zu schrumpfen. Kurz bevor die Verbindung abriß, schien es, als würde ein Schleier beiseitegeschoben. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte es metallisch auf.
      Maya sog scharf die Luft ein.
      „Ein Schiff“, murmelte Vincent nachdenklich, „Hier draußen!“


      „Eine Havarie?“, faßte Kapitän Lockhardt zusammen, was ihm die Offiziere berichteten.
      „Ja, Sir. Der Rumpft war nicht vollständig sichtbar und auch nur für zwei, drei Frames. Die Bildqualität läßt auch zu wünschen übrig, aber alles, was wir haben deutet auf ein terranisches Schiff hin.“
      „Hinweise in der Datenbank?“
      „Wir sind seit mindestens vierzig Jahren das einzige bekannte Schiff, das diesen Sektor durchquert.“, diesmal war es Vincent, der antwortete.
      „Hm“, der Kapitän brummte, „besteht die Möglichkeit, daß die Wolke durch die Havarie entstand? Oder ist das Schiff daran gescheitert?“
      Maya sah zweifelnd zu den anderen Offizieren, bevor sie antwortete.
      „Die Wolke entstand sicher vor der Havarie, bestimmt einige Tausend Jahre. Aber es ist unwahrscheinlich, daß das Schiff daran gescheitert ist.“
      Der Kapitän sah fragend auf.
      „Nun, der Nebel strahlt stark, ist aber kalt. Er ist zwar optisch dicht, aber nicht dicht genug, um ein Schiff ernsthaft in Schwierigkeiten zu bringen.“
      „Es sei denn“, mischte sich Vincent ein, „Man versucht ihn mit hoher Linearation zu durchqueren. In dem Falle wäre die Havarie jedoch mehrere Lichttage außerhalb aufgetreten und hätte erhebliche Mengen Gas mitgerissen und den Rest in deutliche Unruhe versetzt. Es sieht im Gegenteil so aus, als“, er runzelte die Stirn und schüttelte abwesend den Kopf, „aber das macht keinen Sinn.“
      „Können wir das bergen?“, fragte der Kapitän.
      „Nicht mit der Danube“, schüttelte die 1-XO den Kopf, „Wir stehen vor einer ähnlichen Situation, wie bei dem Asteroiden. Ich rate dringend davon ab“
      Lockhardt nickte langsam.
      „Für eine Shuttlebergung ist das aber ein ziemlicher Brocken, das lohnt sich kaum“, er zuckte die Achseln, „Loggen sie das und setzen dann den Flug fort.“
      „Sir, darf ich einen Vorschlag machen?“, Vincent trat entschlossen einen Schritt vor. Lockhardt hob eine Augenbraue und bedeutete ihm, zu sprechen.
      „Eine Prisencrew.“
      Lockhardt schnaubte.
      „Was?! Warum glauben sie, wir bekämen den Pott da hinten wieder flott? Wir wissen nicht einmal, ob es ein ganzes Schiff ist oder nur ein Rumpfteil. Ich sitze hier nicht drei Wochen rum und ziehe dann unverrichteter Dinge weiter.“
      „Sir“, sagte Vincent eindringlich und trat noch einen Schritt vor, „Die Nautmann-Klausel. Ich WILL dieses Schiff!“
      Lockhardt starrte den jungen Offizier lange an, dann winkte er die anderen Offiziere aus dem Raum. Als sie alleine waren, faltete er die Hände und beugte sich über den Tisch zu Vincent.
      „Setz dich, Junge“, forderte er ihn auf. Vincent nahm wortlos Platz und musterte seinen Kapitän erwartungsvoll.
      „Ich bewundere deinen Ehrgeiz, wirklich. Die Nautmann-Klausel würde sie zum Kapitän machen, wenn sie es aus eigener Kraft zur nächsten terranischen Werft schaffen, das stimmt. Die Administration übernimmt in dem Fall die üblichen Kosten, aber die Reparatur haben sie zum Teil mitzufinanzieren, andernfalls verfällt ihr Anspruch. Und alles, was sie brauchen, um den Kahn flott zu bekommen, wird ihnen nicht erstattet. Wie also, sieht dein Plan aus?“
      Vincent zögerte lange mit der Antwort, dann beugte er sich vor und ahmte die Haltung des Kapitäns nach.
      „Rüberfliegen mit einer Shuttleladung voll Reparaturmaterial und ein paar guten Leuten und kräftig in die Hände spucken.“
      „Mein Shuttle, meine Leute und mein Material?“
      Vincent nickte und verzog die Lippen zu einem wölfischen Grinsen.
      „Ich nehme so viele Leute mit herüber, wie sie mir zugestehen, packe den Laderaum bis zum Anschlag voll und beginne mit der Arbeit. Sie fliegen weiter zum Binärsystem und lassen Lennard nach Herzenslust messen, je länger, je besser. Auf dem Rückweg kommen sie wieder hier vorbei und schauen nach uns. Entweder erwartet sie ein Schiff im Nautmann-Modus, oder ein Shuttle mit Bergegut und ein paar niedergeschlagenen Besatzungsmitgliedern. Im Grunde verlieren sie nichts.“
      „Außer, es geht etwas schief und ich finde nur eure Leichen.“
      „Ich nehme Avon mit“, warf Vincent ein.
      Lockhardt tat einen Moment, als dachte er ernstlich über den Einwurf nach.
      „Vincent, ich schätze sie als Offizier...“
      „Und sie wollen sich nicht schon wieder einen Grünschnabel von der Akademie holen, ich weiß. Aber ich will dieses Schiff haben!“
      Lockhardt dachte lange nach, dann langte er seufzend unter seinen Tisch und förderte zwei Gläser und eine bauchige Flasche mit bernsteinfarbenen Inhalt zu Tage. Er goß in jedes Glas einen Fingerbreit ein und schob Vincent ein Glas herüber.
      „Wissen sie noch, was ich gesagt habe, als ich sie Fünf damals in der Lounge aufgegabelt habe?“
      „Sie meinen, als sie meiner Antwort gefolgt sind?“, Lockhardt verzog das Gesicht.
      „Sie sagten, sie würden das bereuen“, sagte Vincent schließlich gedehnt und nahm einen Schluck.
      Der Kapitän leerte sein Glas in einem Zug und lehnte sich zurück.
      „Naja, war nicht ganz so schlimm, aber sie und ihre Freunde zählen zu den größten Nervensägen, die dieses Schiff je gesehen hat. Besonders sie und ihr Kumpel Avon.“
      Er aktivierte sein Kom.
      „1-XO, kommen sie bitte wieder rein.“
      Eine Sekunde später öffnete sich die Tür und Maya erschien.
      „Unser 3-Ct möchte ein CO werden. Geben sie ihm ein Shuttle und alles, was er mitnehmen möchte. Er wird vier Besatzungsmitglieder mitnehmen, denke ich“, Vincent nickte.
      „Sir“, die 1-XO zögerte. Lockhardt hob verwundert eine Augenbraue.
      „Ja?“
      „In einem Shuttle ist Platz für sechs Personen.“
      „Maya!“, rief der Kapitän, aber die SO blieb im Habacht und blickte stur geradeaus. Lockhardt füllte sein Glas und leerte es erneut.
      „Jetzt bereue ich es wirklich“, grummelte er.


      „Was für 'ne Klause?“, fragte Clark ungläubig, als Vincent ihn zur Rampe schob.
      „Nautmann“, antwortete Avon für ihn, „Ein Überbleibsel aus der Frühzeit der Flotte, als Havarien häufiger und Schiffe seltener waren. Sollte damals einen Anreiz schaffen, gestrandete Schiffe flugfähig zu den Werften zu bekommen“, er wandte sich zu Vincent um, „Um unbedarften Träumern die Mühe aufzubürden, der Flotte ihr verlorenes Spielzeug zurückzubringen, repariert zurückzubringen“
      „Erzähl mir nicht, du wärst nicht scharf darauf, leitender Offizier auf einem Schiff zu werden, das ein guter Freund von dir kommandiert.“
      „Hey“, leuchtete Clarks Gesicht auf, „Werde ich auch leitender Offizier?“
      „Nein“, entgegnete Avon gereizt, „Du machst auch so mit.“
      „Mann“, machte Clark enttäuscht.
      „Es würde dir eh nicht gefallen“, Vincent klopfte ihm auf die Schulter, „Verantwortung, Schichtpläne, Entscheidungen, Rechtfertigungen und jede Menge Schreibkram.“
      „Stimmt“, brummte Clark versöhnlich, „Wär‘ wohl nicht mein Ding, ich krieche lieber durch Wartungsschächte. Aber der Gedanke ist trotzdem toll.“
      Vor der Luke blieb Avon abrupt stehen und starrte hinauf zum Eingang des Beiboots, wo Maya schon auf sie wartete.
      „Was?“, rief er ungläubig, „Die kommt auch mit?“
      Er stolperte, als Olga ihn von hinten einfach durch das Schott schob. Im Vorbeigehen grinsten sich die beiden Frauen kurz zu. Drinnen reichte Maya Vincent ein Pad.
      „Alles verladen?“
      „Ladeliste ist vollständig verstaut“, nach einer kleinen Pause fügte sie schmunzelnd hinzu: „Sir.“
      Vincent grinste, dann fiel sein Blick auf die Stapel Kisten, die im Passagierraum zwischen den Sitzen standen.
      „Was ist das?“
      Avon lehnte sich mit überkreuzten Armen über einen der Kistenstapel.
      „Das ist das, was du in deiner Liste vergessen hast, Sir!“, er betonte das letzte Wort überdeutlich und schoß einen Seitenblick auf Maya ab.
      XL klopfte mit dem Knöchel gegen die Kiste neben ihrem Sitz.
      „Verpflegung, medizinische Vorräte, zusätzliche Schutzkleidung, medizinischer Drucker“
      „Spezialwerkzeug“, setzte Avon fort, „Heiz- und Kühlelemente“
      Olga pochte auf eine weitere Kiste mit einem deutlichen Waffensymbol.
      „Waffen?“, fragte Vincent ungläubig, „Du nimmst Waffen mit auf eine Bergungsmission? Was erwartest du? Eierlegende Aliens?“, Olga zuckte nur mit den Achseln und schnallte sich an.
      „Die Kutsche wartet, Sire!“, Avon deutete einladend zum Cockpit.
      Mühsam kletterte Vincent an den Kisten vorbei auf den Pilotensitz und begann den Pre-Flight Check. Sein Kom piepte und zeigte eine Textnachricht von Olga:
      „8192, nur du und ich. Falls es Ärger gibt.“
      Er sah sich um und fing einen Blick der Russin auf. Sie nickte ihm ernst zu.
      Russen, sagte er sich, alle paranoid. Doch dann fiel ihm der Spruch ein, Paranoia zu haben bedeute nicht, daß man nicht doch verfolgt würde. Lieber haben und nicht brauchen, als brauchen und nicht haben.
      „Pre-Flight ist grün“, verkündete er Augenblicke später sowohl der Brücke, als auch den anderen Insassen.
      „Telemetrie ist übertragen. Landeklammern frei. Gute Fahrt, Shuttle Danzig“, erklang Liffiss belegte Stimme im Kom. Es kam Vincent so vor, als läge Bedauern darin. Tatsächlich hatte Liffiss ihm Angeboten, auch mitzukommen. Vincent hatte es ihm freigestellt, wenn er der Meinung war, bei der Bergung notwendiger zu sein, als auf der Danube.
      „Du weißt, ich würde sofort mitkommen, wenn du mich bätest“, hatte Liffiss darauf gesagt und Vincent hatte ihm beim Arm ergriffen.
      „Ich weiß, wir sind Freunde. Ich habe die Leute dabei, die für den Job am besten sind.“
      „Welche Eignung hat Olga für eine Schiffsbergung?“
      „Du kennst sie nicht so gut, wie ich. Glaub mir, Olga ist gold wert, besonders in unvorhersehbaren Situationen.“
      Liffiss war auf der Danube geblieben und hoffte inbrünstig, die sechs in dem Shuttle bald wiederzusehen.
      „Viel Glück, Danzig! Das meine ich ernst!“, der Kapitän verabschiedete sich persönlich von der Prisencrew.
      Vincent zündete den Antrieb und ließ das Shuttle zum Rand des Nebels schießen.
      „Magnetschirm wird aufgebaut“, meldete neben ihm Maya ungefragt.
      Er verzichtete darauf, ihr zu sagen, welche Feldstärke er für angemessen hielt und konzentrierte sich auf die Steuerung.
      „Feldradius sieht gut aus, Strahlungsniveau bleibt stabil“, berichtete sie nach ein paar Minuten Flugzeit.
      „Wie hoch ist das Niveau eigentlich? Ich meine, gemessen am Gesundheitsrisiko?“
      Hinter ihm schnaubte XL.
      „Tödlich innerhalb einer Stunde. Hauptsächlich Gammastrahlen.“
      „Hm-hm“, machte Avon ihr gegenüber, „Auf Dauer nicht gerade gesund für die Elektronik. Es kann sein, daß die Strahlung einzelne freiliegende Schaltungen gebraten hat. Aber die Schiffshülle dürfte so konstruiert sein, daß die Strahlung nicht weit ins Innere gedrungen ist.“
      „Von der Außenhülle würde ich trotzdem möglichst etwas Abstand halten“, kommentierte Clark.
      „Strahlungsniveau ist leicht angestiegen“, Maya runzelte die Stirn und regulierte das Feld neu.
      „Konvektion“, sagte Avon, als erkläre dieses eine Wort alles.
      „Strahlung erzeugt mechanischen Druck“, erklärte XL nach einen Moment den fragenden Gesichtern, „ähnlich wie Wärme. Unterschiedliche Sättigung erzeugen unterschiedliche Niveaus, was wiederum zu sich verschiebenden Druckzuständen führt. So entstehen zusammenhängende Strömungen ohne äußeren Einfluß.“
      Maya nickte und behielt die Feldstärken im Auge. Das Shuttle begann leicht zu vibrieren und ein leises Rauschen erfüllte den Innenraum.
      „Das ist nur Gas, das die Hülle streift.“, beruhigte Vincent.
      „Aber wir haben doch einen Schild“, XL schaute sich nervös um, „oder nicht?“
      „Ja“, bestätigte Maya, „Einen Magnetschild, ganz alte Schule. Der hält alle geladenen oder ionisierte Teilchen fern, also alles, was strahlt. Der ungeladene Rest dringt durch und erzeugt Reibung.“
      „Warum nutzen wir nicht die Schilde? Es sind immerhin Klasse III Schilde eingebaut.“
      „I-o-ni-sier-te Ga-se“, kommentierte Avon genervt.
      „Avon hat Recht“, bestätigte Vincent, „Das Gas überlädt in kürzester Zeit den Schild. Wir würden ständig Gefahr laufen, die gesamte Abschirmung zu verlieren, wenn der Schild zusammenbricht, auch die gegen die Strahlung. Deshalb beschränke ich mich lieber nur auf magnetische Abschirmung und redutzierte Geschwindigkeit. Unsere Hülle hält noch eine Menge mehr aus, kein Grund zur Beunruhigung.“
      Avon blickte auf und warf ihm einen mißmutigen Blick zu.
      „Wer ist hier denn beunruhigt?“
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    • CSS Danube – Shuttle Danzig, Logbuch Eintrag #001
      Unbekannter Derelikt in Deep Space, 4.1 LY von Rogur’s Star, 7.42 LY von Bennett 323
      21. Dezember 2267 (Terra), 9 Uhr 30 Bordzeit / 38 AA 24 , 65 PGTC
      (Prisencrew, JO3 St.Wickersham) der Derelikt besitzt mindestens drei Shuttlebuchten, in einer liegt jetzt die Danzig. Nach erster, oberflächlicher Sichtung gibt es keine äußeren Schäden. Im Innern herrscht natürlich Vakuum und Weltraumkälte. Wir beginnen mit einer ersten Erkundung und Bestandsaufnahme, später legen wir dann die Reihenfolge der Arbeiten fest.
      Einen durchschnittlichen terranischen Kreuzer könnte man ohne Hauptcomputer mit Hilfsgeräten oder dem Computer des Shuttles steuern, also brauchen wir unbedingt nur die Triebwerke und den Hauptreaktor. Alle beschädigten oder leck geschlagenen Bereiche müssen wir verschließen. Alles Weitere später.


      Sofort nachdem sich der Helm um ihren Kopf geschlossen hatte, begann die Panik in XL aufzusteigen. Ihr Verstand spulte in Windeseile all die Möglichkeiten durch, die im Helm zum Tode führen konnten. Allen voran stand natürlich der Gedanke, zu ersticken oder sich übergeben zu müssen.
      Mir darf nicht schlecht werden, mir darf nicht schlecht werden, hämmerte es durch ihren Geist. Unwillkürlich atmete sie immer schneller und ihr wurde schwindelig. Sofort stellte sich Übelkeit ein, als sie an Sauerstoffmangel denken mußte. Hektisch ruderte sie mit den Armen und versuchte, sich den Helm vom Kopf zu ziehen.
      Kräftige Hände ergriffen ihre Unterarme und hielten sie fest. Sie spürte, wie jemand sich an ihrem Helm zu schaffen machte. Im Helmvisier ihr gegenüber sah sie Olgas ernstes Gesicht, sie hielt ihre Hände fest. Von der Seite schob sich ein anderes Gesicht in einem Helm in ihr Gesichtsfeld. Es war Vincent. Sie hörte durch ihre Panik seine ruhige Stimme im Helmfunk. Langsam formten sich die Worte in ihrem Verstand.
      „... Luft holen. Ich drehe dann den Sauerstoff wieder auf, hörst du, XL? Du hyperventilierst. Gib mir ein Zeichen, wenn du wieder atmen kannst. Verstehst du mich, XL?“
      Der Schwindel schwand und die Übelkeit nahm wieder ab. XL kniff fest ihre Augen zusammen und versuchte zu nicken.
      „Okay, XL. Du machst dich prima.“
      „Ja, wie ein Fisch auf dem Trocken“, kommentierte Avons Stimme, gefolgt von einem unterdrückten Stöhnen.
      „Danke, Maya.“
      Vincent redete weiter beruhigend auf XL ein, dabei spürte sie wieder Hände an ihrem Helm.
      „So, Sauerstoff ist jetzt wieder normal. Entspann dich, du hast schon früher im Raumanzug gearbeitet. Erinnere dich an die Akademie, die Woche im Marsorbit, die Pellas, okay?“
      „Ja, Pellas“, stöhnte Avon und hob abwehrend die Hände, als Maya näher rückte.
      „Da bist du auch fast durchgedreht und hast’s doch noch geschafft. Mußt das jetzt nur nochmal hinkriegen.“
      XL zwang sich dazu, langsam und flach zu atmen und zählte jeden Atemzug. Bei Zehn hatte sie den Rhythmus im Griff, ein Atemzug, vier Herzschläge. Sie konzentrierte sich darauf und schlug die Augen auf. Schwach streckte sie einen Daumen hoch und versuchte zu lächeln. Olgas Griff löste sich und sie blieb schwankend stehen.
      „Prima, XL. Bleib bei Clark, er passt auf dich auf. Und melde sich sofort, wenn du in Schwierigkeiten kommst“, Vincent klopfte ihr aufmunternd auf den Oberarm.
      Er wandte sich um und winkte den anderen.
      „Okay, wir schwärmen jetzt aus. Bleibt zu zweit und verliert euch nicht aus den Augen. Koms offen, Pads auf Datensammeln. Clark und XL suchen den Antrieb im Heck, Avon und Olga aufs Mitteldeck, irgendwo zwischen Heck und Mitte sollte der Reaktor und die Lebenserhaltung liegen, Maya und ich gehen nach vorne und suchen die Brücke oder den Computerkern. Markiert alle Sektionen, die ihr unterwegs findet, ebenso alle Schäden. Meldet euch von Zeit zu Zeit, ich mag den Klang eurer Stimmen.“
      „Das überlaß ich Olga“, grummelte Avon und entging nur knapp einem weiteren Stoß.
      XL zählte beim Gehen weiter ihre Atemzüge und Herzschläge und heftete ihren Blick auf Clarks Rückentornister. Etwas abwesend folgte sie seinem Gerede im Kom.
      „Shuttlerampe #2, die Antriebssektion sollte ein kleines Stück achtern liegen“, Clark sah sich etwas unschlüssig um und deutete schließlich auf einen Korridor.
      XL nickte, dann aber fiel ihr ein, daß Clark ihr den Rücken zugewandt hatte und das sicher nicht sehen konnte.
      „Gut“, sagte sie gepresst.
      Als sie sah, daß Clark die behandschuhte Hand hochhielt und zweimal schnell drehte, erinnerte sie sich auch daran, daß er ihr Nicken auch nicht gesehen hätte, wären sie einander gegenübergestanden. Deshalb hatte man ihnen ja auch die allgemeine Gestensprache eingebläut. XL kam sich unglaublich dumm vor und wünschte sich an einen ruhigen Schreibtisch mit Riemannschen Feld-Gleichungen und Feynman-Diagrammen. Die Gedanken an Quantenfeldtheorien lenkten sie ab und beruhigten sie. Sie vergaß darüber sogar das Zählen von Herzschlag und Atmung. Im Kopf überschlug sie, wieviel Output sie vom Reaktor benötigten, um im Infinium-Plasma einen ausreichenden Linearationseffekt auszulösen. Die Masse des Schiffes konnte sie natürlich nicht einbeziehen, da sie noch unbekannt war, also brach sie die Rechnung auf kubische Tonnen herab. Natürlich verfiel die räumliche Komponente der Rechnung mit zunehmender Linearation.
      An diesem Punkt hatte sie vergessen, sich in einer dünnen Kunststoff-Polymerhülle im absoluten Raumvakuum zu befinden und sich durch ein Wrack mit unwägbaren Hindernissen und unzählbaren scharfen Kanten zu bewegen.
      „Meinst du, die Brennkammer des Reaktors ist noch intakt?“
      „Kommt drauf an“, Clark mühte sich gerade ab, ein geschlossenes Schott mit der Handsteuerung zu öffnen, „Wenn sie das Plasma vor’m Abschalten abgelassen haben, kann sein. Bei ‚ner Notabschaltung dürfte einiges an Abschirmungen und Magnetspulen draufgegangen sein.“
      „Es macht nicht den Eindruck, als sei dieses Schiff fluchtartig verlassen worden“, die kleine Frau ließ dem Techniker etwas mehr Raum zum Arbeiten und schwenkte ihren Scheinwerfer den Korridor hinab.
      „Was meinst du?“, stieß er zwischen zwei Stößen hervor, dann gab die Tür nach.
      „Naja, die Türen im Korridor waren alle verschlossen, ebenso die Zwischenschotts. Wenn du in aller Eile die Brummsel machen mußt, würdest du dir die Zeit nehmen, die Tür hinter dir zuzuziehen?“
      Clark überlegte und starrte dabei den nun freien Korridor hinunter.
      „Gibt gute Gründe, ein Schiff aufzugeben, ohne um dein Leben rennen zu müssen“, gab er zu bedenken, „Aber nicht allzuviele.“
      „Kein Infinumplasma mehr?“
      „Dann kann man um Hilfe rufen, so weit draußen sind wir auch nicht.“
      „Kein Brennstoff mehr für den Reaktor?“
      „XL, ich bitte dich! Hast du vergessen, was Avon und und Vince mit den Hilfstriebwerken angestellt haben? Wenn du auf einem Raumschiff nicht mehr irgendwie Energie erzeugen kannst, ist was fürchterlich schief gelaufen. Außerdem bringt uns das jetzt auch nicht weiter. Wenn wir den Reaktor oder das Triebwerk finden, wissen wir mehr.“


      „Ist dir was aufgefallen?“, Mayas Stimme klang gedämpft aus dem Empfänger, als flüstere sie. Auch Vincent konnte sich der bedrückenden Atmosphäre nicht entziehen, die diese dunklen, reifbedeckten Korridore ausstrahlten.
      „Als ginge man durch eine Gruft“, stimmte er zu, doch sie widersprach.
      „Das meine ich nicht.“
      Vincent blieb stehen und drehte sich zu seiner Begleiterin um. Diese deutete unbestimmt den stählernen Tunnel entlang.
      „Nichts, alle Türen geschlossen, Notschotts gesichert, keine Leichen, keine Trümmer, keine verlorenen Gegenstände, nicht einmal Müll! Abgesehen vom Staub und Atmosphäreneis sind die Wände und Böden wie gefegt.“
      Er mußte ihr Recht geben. Es war ihm wohl unbewußt aufgefallen, doch hatte er sich den Zustand so erklärt, daß wohl aller loser Schrott mit der Atmosphäre nach draußen oder zumindest in wenige Ecken gesaugt worden sei. Doch die Atmosphäre war nicht entwichen. Sie lag als schmutzig-grauer Rauhreif auf jedem Zentimeter Wand, Boden und Decke.
      Er fluchte.
      „Dann brauchen wir die Lebenserhaltung und die Heizung. Wir müssen den Eisschrank auftauen, bevor alle Subsysteme starten. Das Eis würde Kurzschlüsse verursachen – und Mikrobrüche, wenn Mechaniken festgefroren sind.“
      „Avon? Clark?“, Maya rief nach den anderen beiden Teams. Nach einigen Augenblicken antworteten sie.
      „Hier ist alles gefroren, wir können nicht einfach die Schiffsleitungen benutzen. Die Kiste muß vorher auf hundert oder mehr Kelvin geheizt werden.“
      „Ohne Reaktor ein bißchen viel“, brummte Avon.
      „Habt ihr den schon gefunden?“
      „Klar, aber wir wollten dich damit zu Weihnachten überraschen“, Avon war hörbar gereizt.
      „XL, wie geht’s dir?“
      „Was meinst du?“
      „Schon gut, vergiß es. Wenn ihr das Triebwerk findet, haltet euch nicht lange auf. Verschafft euch einen groben Überblick, der Rest kann warten. Schließt zu Avon und Olga auf, der Reaktor hat Priorität.“
      „Langsam, Cowboy. Ohne Tauwetter wird das nichts mit Reaktorenergie. Unterhalb von zwölf Kelvin haben wir hier ein System von normalen bis supraleitenden Schaltungen und Aggregaten. Zwanzig Kelvin ist Minimum, bevor das System unter Dampf legen können.“
      „Kriechstrom“, erklang Olgas Stimme im Funk.
      Einen Moment schwiegen alle. Es war weniger ihr Einwand, als die Tatsache, daß sie überhaupt gesprochen hatte.
      „Avon, können wir die Leitungen mit Niedervolt aufwärmen?“
      „Nicht direkt und nicht alle, aber mit Kriechstrom finden wir sowohl die kritischen Stellen, als auch die Hauptverbraucher schneller. Wir brauchen Strom, aber nicht viel. Clark soll den Generator der Danzig ans Netz hängen. Wir müssen außerdem eine bidirektionale Überlastsicherung davor schalten, damit...“
      „Erklär mir nicht meinen Job, Pfennigfuchser“, unterbrach Clark ihn unwirsch, „Boss, wir sind am ersten Haupttriebwerk. So ein großes Monstrum hast du noch nicht gesehen! Das ist kein terranischer Entwurf!“
      Vincent wurde sehr still, bevor er nachhakte.
      „Ist das zufällig Technik eines der anderen großen Parteien des Agreements?“
      „Sieht aus, wie einiges von dem, was wir auf Nasrink zu sehen bekommen haben, also würde ich auf Skelen oder Crusties tippen.“
      Vincent nickte mit der Faust, als hätte er das erwartet.
      „Check die Matrix und die Infinium-Plasmare, dann kümmerst du dich um einen Dynamo für unseren Derelikt. Olga übernimmt die provisorische Verkabelung. Wir füttern die Dose hier vorerst mit Saft aus der Danzig. Sucht die Sekundäre Umweltkontrolle und nehmt die als erstes unter Feuer. Wenn die Leistung der Danzig reicht, können wir damit einen Teil des Schiffes auf kuschelige hundert Kelvin bekommen. Wir haben dann Atmosphäre und sehen dann auch, wo eventuelle Lecks liegen“, in Vincents Kopf formulierte sich schon ein konkreter Plan, „Avon, wenn Clark fertig ist, bringt ihr den Reaktor zum laufen, egal wie. Koppelt alles ab, freier Leerlauf auf Eigenversorgung. Olga verkabelt die Umweltkontrolle mit provisorischen Leitungen, notfalls über die Korridore. XL, du trennst alles vom Netz, was nicht in Maschinenraum, Brücke oder Versorgung führt.“
      „Vincent“, unterbrach ihn Avon.
      „Gleich, Avon. Wir müssen den Computerkern finden. Dann starten wir...“
      „Vincent!“, rief Avon jetzt.
      „Was?!“
      „Das mußt du dir ansehen.“
      Vincent verdrehte genervt die Augen.
      „Hast du ein Portal in die Unterwelt entdeckt? Hobbits mit einem Ring auf dem Weg zum heiligen Berg?“
      „Den Frachtraum!“


      Die Lichtkegel der Lampen verloren sich in der Finsternis der Klüfte zwischen den Frachtcontainern. Reihe auf Reihe ragte vor ihnen auf. Der Frachtraum war riesig.
      „Das“, begann Vincent stockend, „Das müssen über tausend Kubikmeter sein.“
      „Und das ist nur ein Frachtraum. Der Kahn hat mindestens zwei, eher drei davon“, bestätigte Avon.
      „Sind die Container gefüllt?“
      Avon wollte die Achseln zucken, dachte aber noch rechtzeitig an den Raumanzug und so hob er beide Hände.
      „Macht keinen Sinn, leere Container zusammengebaut zu transportieren.“
      „Haben wir eine Möglichkeit, schnell herauszufinden, was drin ist?“
      „Nicht, ohne jeden einzeln zu öffnen. Mit dem Hauptcomputer online, ja.“
      Vincent drehte sich zu dem Logistikoffizier um.
      „Denk dir was aus, während ihr den Reaktor startet. Habt ihr den auch gefunden?“
      „Ja“, war alles, was Olga dazu beizutragen hatte.
      „Olga“, meldete sich Maya Arden, die eigentliche 1-XO der Mission, „Weißt du, daß ich dich heute hier mehr habe sagen hören, als in den vergangenen zehn Monaten an Bord?“
      „Möglich“, konstatierte die Russin und verdreifachte damit diesen Faktor.
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      "Mehr pseudo als Mary geht nicht."
    • Ist gerade aufgekommen.
      Es gibt Verwirrung betreffs Gateway, Gateway Station und Gateway-1.
      Mit 'Gateway' allein ist die Organisation Gateway Inc gemeint, also die Vertretung der Interessen der Menschheit im Weltraum und ggegenüber anderer Zivilisationen (die 'Administration'). Das verwende ich im Allgemeinen als Name, also ohne einen Artikel. Es soll also heißen "... das ist Sache von Gateway" oder "das geht an Gateway direkt". Es gibt aber auch einige Gateway Stations, Weltraumstädte, die von Gateway Inc gebaut, betrieben und unterhalten werden. Das sind Gateway Stations. Bei sowas muß eigentlich ein Artikel dabei - anders, als bei Gateway-1. Das ist die zentrale Einrichtung von Gateway Inc, liegt im Sol-System, im Orbit um Jupiter. Das ist ein Eigenname, ohne Artikel.
      Wenn das aber zusehr verwirrt, ändere ich das vielleicht lieber?

      Was die Rechtschreibung angeht, ich halte mich an die alte Rechtschreibung, denn ich bin lieber in einer richtig (mehr oder weniger ;) ), als in zweien falsch. Solange ich noch daran schreibe, bleibe ich dabei. Wenn ich fertig bin, werde ich das ohnehin wohl ändern müssen, bis dahin gönn ich mir die Illusion...
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    • CSS Danube, Logbuch Eintrag #516
      Deep Space, en route zum Binärsystem Cat. #55327
      20. Dezember 2267 (Terra) 20 Uhr 47 Bordzeit / 38 AA 23 , DE PGTC

      (Kapitän Lockhardt) die kalte Strahlenwolke verblaßt auf den Scannern und ich lasse meine 1-XO, meinen Steuermann und die 2-Med mit drei weiteren Besatzungsmitgliedern zurück. Der 3-Ct beruft sich auf die Nautmann-Klausel und hofft, einen Derelikt flugtauglich machen zu können, den wir im Inneren der Wolke ausgemacht haben. 1-XO Maya Arden scheint ihm zuzustimmen und begleitet ihn dabei. Strenggenommen könnte sie als Senior-Officer das Kommando über die Prisencrew jederzeit übernehmen, ich kenne sie jedoch gut genug um zu wissen, daß sie ihre angenommene Position nicht leichtfertig verlassen würde. Wenn alles nach dem Willen des 3-Ct läuft, erwarten uns hier in drei Wochen ein waidwunder Kahn und ein frischgebackener Kapitän.
      Die Chancen stehen eigentlich denkbar schlecht, aber ich will verdammt sein, ich traue es diesem Saint Wickersham zu. Die Quoten seines Vorhabens stehen 70 zu 1 gegen ihn. 3-Com Liffiss hat seine Wette dennoch auf ihn abgeschlossen.
      Ich wünsche der sechsköpfigen Prisencrew alles Glück, daß sie brauchen.

      CSS Danube - Shuttle Danzig, Logbuch Eintrag #002
      Unbekannter Derelikt zwischen Rogur’s Star und Bennett 323
      22. Dezember 2267 (Terra) 10 Uhr 07 Bordzeit / 38 AA 25 , 6C PGTC

      (Prisencrew, JO3 St. Wickersham) Wir haben die neuralgischen Punkte der Bergungsaktion ausgemacht und die eigentliche Arbeit beginnt. Ich habe noch niemanden von meinem Verdacht dieses Schiff betreffend erzählt und werde es vorerst auch nicht tun. Auch, wenn es mich sehr überrascht, daß sich 1-XO Maya Arden unserer Crew angeschlossen hat, ich bin sehr froh darüber. Wir haben damit nicht nur ein zusätzliches Paar Hände, sie übernimmt ganz nebenbei jede Detailplanung unserer To-do-Liste. Abweichend von meinem Plan läßt sie Avon am Computerkern, Clark am Reaktor und XL an den Umweltkontrollen arbeiten. Olga übernimmt allein das Verlegen der provisorischen Leitungen und eventuelle Flickarbeiten. Es tut mir ein wenig leid, ihr diese unspektakuläre Arbeit allein zu überlassen, aber sie nimmt das mit dem üblichen Gleichmut hin. Es war ihr nicht einmal ein vollständiges Achselzucken wert.
      Es gibt weitere Hinweise, die meinen Verdacht erhärten. Laut 4-Eng Clark Brown ist das Haupttriebwerk wahrscheinlich von Skelen- oder Crustacaeenbauart. Und 2-LC Minster „zur Wohlfahrt gehen“, wenn der Computerkern terranisch ist. Der Reaktor – oder besser, die Reaktoren, es gibt zwei baugleiche auf dem Schiff, sind Hochleistungstokamaks älterer Bauweise. Brown schätzt aber, daß die Reaktoren mit jedem anderen Schritt halten können. Einige Bauteile und Elemente der Plasmaführung sind eindeutig nicht terranisch, außerdem verfügen die Reaktoren über keine normale Laser-Heizung. Clark verliert sich bei dem Thema in unverständliches Fach-Kauderwelsch, dem wohl nur noch Avon zu folgen vermag, aber „Neutronenzerfall“ und „Thermale Induktion“ sind Worte, die häufig fallen. Scheint, als würde das Plasma in den Reaktoren über eine fortschrittlichere Methode gezündet, als die Flotte heute verwendet.
      Das Arbeitspensum für heute ist hoch, Maya und ich werden die Brücke kontrollieren und neu verkabeln, damit sie über den Generator der Danzig läuft. Ich habe noch keine Rückmeldung von Avon über die Frage, was sich im Frachtraum befindet.

      Maya schloß das letzte Kabel an den tragbaren Verteiler an. Das Kontrollämpchen des Konverters leuchtete im beruhigenden Grün. Sie wollte sich über die Stirn wischen, ihr Handrücken stieß aber nur gegen die Sichtscheibe des Helms. Der Anzug interpretierte die Geste und ein kühler Luftstrom strich ihr um die Nase.
      „Fertig“, verkündete sie, nachdem sie dem Impuls zu niesen Herr geworden war.
      Der 3-Ct der Danube stellte sich zu ihr und sah auf sie und das Gerät herab. Er hob die rechte Hand und hielt einen Moment inne. Schließlich drehte er die Hand schnell zweimal hintereinander. Maya legte den Hauptschalter des Verteilers um.
      Das Licht am Gehäuse wechselte auf Rot, flackerte kurz und wurde dann hell-orange. Maya holte tief Luft, als Vincent in einer feierlich anmutenden Bewegung eine Hand auf die Konsole neben sich legte. Sein Handschuh hinterließ eine staub- und eisfreie Spur auf der spiegelnden Oberfläche als er über das Display strich.
      Ein Licht erschien. Zunächst schwach und undeutlich, nach Sekunden jedoch bereits kräftig und klar. Das Display der Konsole erwachte zum Leben.
      Und zeigte nichts als Fehlermeldungen.
      Dennoch mußte Maya vor Erleichterung lachen. Vorsichtig erhob sie sich in der Schwerelosigkeit und legte dem 3-Ct in einem plötzlichen Impuls einen Arm um die Schulter.
      „Ja!“, rief sie ins Kom.
      „Ja, in der Tat“, antwortete Vincent nicht minder erleichtert.
      Maya stieß sich ab und segelte zurück zur Wand, wo sie einen weiteren Bildschirm zum Leben erweckte.
      „Avon, die Brücke hat Licht. Wie sieht’s bei dir im Keller aus?“
      Vincent erntete einen langen Schwall Verwünschungen, der abrupt abbrach. Sein Kom meldete sich mit einer Textnachricht von Olga.
      „Keller hat Licht.“
      Aus den Verwünschungen wurde ein ärgerliches Gemurmel, in dem keine sinnvollen Worte auszumachen waren.
      „Danke, Olga“, rief Vincent schmunzelnd ins Mikro.
      „Bis Avon den Computerkern online hat, versuchen Maya und ich hier die lokalen Instrumente nach Hinweisen zu durchsuchen. Vielleicht ist ja noch was in den Puffern hier.“
      „Moment!“, Avons Stimme überschlug sich fast, „Gleich wieder da!“
      Die beiden Offiziere auf der Brücke wechselten ratlose Blicke. Maya vollführte eine fragende Geste mit der Linken und Vincent hob als Antwort beide Handflächen, um anzudeuten, daß er genauso wenig wußte, wie sie. Nach einigen, langen Minuten ertönte wieder Avons Stimme.
      „Vincent, Frachtraum!“
      In solcher Stimmung war mit Avon nicht zu diskutieren, also bedeutete er Maya, weiterzumachen und verließ die Zentrale. Er hatte einen langen Weg bis zum Frachtraum, schaffte es aber noch kurz bevor Avon die Geduld ausging. Er fand ihm am Eingang über ein offenes Panel gebeugt und einen Verteiler neben sich.
      „Ein Frachtraum“, begrüßte er Vincent, „muß immer auf dem letzten Stand sein – auch bei einem kompletten Stromausfall oder Zusammenbruch aller Systeme.“
      „Jaja, ich weiß, wie die Brücke und der Maschinenleitstand auch.“
      „Eben!“, Avon hob triumphierend einen Finger. Theatralisch hob er den Verteiler auf und legte den Hauptschalter um.
      Kleine blaue Lichter flammten in der Dunkelheit auf. Nach und nach wurden die Reihen der Container mit ebensovielen Lichtpunkten gesäumt. Wie ein Kordon wohlgeordneter Sterne zeichneten sie ihr Muster in die Finsternis der Halle.
      „Deshalb haben diese Abteilungen ja auch Festspeicher als Puffer!“
      Avon hob ein Pad, das mit einem dünnen Kabel verbunden war, welches hinter dem Panel verschwand. Nach ein paar Minuten drehte er es so, daß Vincent es lesen konnte.
      „Der Alte wird außer sich sein!“
      „Wenn die Logistiker hier auch nur ein bißchen von ihrem Job verstehen, sind alle Frachträume gleich gefüllt, bis auf’s letzte Kubigramm!“, führte Avon aus.
      Vincent grinste.
      „Na, dann hast du jetzt deine Motivation gefunden, den Kahn hier flottzubekommen. Abgesehen davon, daß die Danube gar nicht genug Frachtraum hätte, Kapitän Lockhardt würde dich hier maximal zwei oder drei Shuttleladungen rausholen lassen.“
      Der Logistikoffizier erstarrte in der Bewegung. Halb über den Verteiler gebeugt, das Pad noch in der Faust. Er schien sekundenlang zur Statue geworden zu sein. Im Helm wandte sich sein Gesicht dem Vincents zu, einen eigenartigen Schimmer in den Augen. Als er sich dann doch wieder aufrichtete, vibrierte seine Stimme vor mühsam unterdrückten Ungeduld.
      „Entschuldige mich, ich habe zu tun“, und verschwand, Verteiler und Pad achtlos zurücklassend.
      Seufzend sammelte der 3-Ct der Danube alles ein und schaltete den Verteiler ab. Nach kurzer Überlegung trennte er die Verbindung nicht ab, sondern kopierte nur die Daten auf seinen Speicher, bevor er auch das Pad abschaltete und sorgfältig am Verteiler festklemmte.
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      "Mehr pseudo als Mary geht nicht."
    • CSS Danube, Shuttle Danzig, Logbuch Eintrag #003
      Unbekannter Derelikt zwischen Rogur’s Star und Bennett 323
      23. Dezember 2267 (Terra), 20 Uhr 21 Bordzeit / 38 AA 26 , D9 PGTC
      (Prisencrew, SO3 Maya Arden) das aufgegebene Schiff gibt nach wie vor Rätsel auf. Nachdem die Systeme der Brücke und des Maschinenraums provisorisch über das Shuttle mit Energie versorgt werden, hatten wir erwartet, ein paar Antworten zu bekommen. Aber weder die Identität des Schiffes oder der Besatzung sind feststellbar, noch erhalten wir Hinweise über deren Verbleib oder den Grund der Havarie. Alle Schäden, die wir bisher fanden, resultieren wahrscheinlich von dem langen Aufenthalt in der Strahlenwolke. Doch selbst das ist etwas rätselhaft, das Schiff scheint verwirrend modern und altertümlich zugleich und die Strahlenbelastung sowie der Zustand einiger Systeme deuten auf einen sehr langen Verbleib am jetzigen Standort. Wir gehen derzeit von mindestens zwanzig Jahren aus, da das Schiff fast vollständig bis auf Hintergrundniveau ausgekühlt ist.
      Wir hatten noch keine Zeit, die Mannschaftsquartiere gründlich zu durchsuchen und finden auch sonst nur wenig Hinweise auf die Umstände, die zur Aufgabe geführt haben könnten. Nur eines scheint klar: es lag kein konkreter, zwingender Grund vor, das Schiff muß sich damals noch in bewohnbarem Zustand befunden haben. Sogar der Vorrat an Brennstoff für die Reaktoren – es gibt zwei, ist ausreichend für mehrere Jahre. JO4 Minster ist überdies natürlich überzeugt, daß niemand einen fast vollständig gefüllten Frachtraum zurücklassen würde. Insbesondere, da wir herausgefunden haben, daß der Frachtraum auch einiges an Unium und Infinium enthält. Allein dafür hätte sich unsere Aktion gelohnt.
      Mir kommt allmählich ein Verdacht die Identität dieses Schiffes betreffend, doch ich wage noch nicht, diesen zu formulieren. Es ist schlicht zu fantastisch.

      CSS Danube - Shuttle Danzig Eintrag #004
      Unbekannter Derelikt zwischen Rogur’s Star und Bennett 323
      24. Dezember 2267 (Terra) 22 Uhr 10 Bordzeit / 38 AA 27 , EC PGTC – Heiligabend
      (Prisencrew, JO3 St. Wickersham) zur Feier des Tages gönnen wir uns eine ausgiebige Pause und ein etwas luxuriöseres Abendessen. XL hatte vor dem Aufbruch daran gedacht, für heute etwas Kuchen mit einzupacken. Selbst Avon hat ausnahmsweise mal keinen zynischen Kommentar über Platzverschwendung oder Ähnliches abzugeben. Stattdessen hockt er schweigend mit dem Rest von uns im Passagierraum der Danzig, schlürft seinen Tee und brütet ansonsten vor sich hin. Wir sind alle erschöpft, die letzten vier Tage haben wir praktisch nur zum Schlafen und Essen Pausen gemacht.
      Wir haben ein Riesenproblem, der Computerkern ist komplett verschlüsselt. Ohne den passenden Code kann Avon nicht einmal die Low-level-Funktionen starten. Die Verschlüsselung reicht bis hinunter zum Runtime-Level 2. Wir bekommen noch nicht einmal die Uhrzeit. Es ist kein Standardsystem, weshalb Avon nur äußerst vorsichtig darin herumstochern kann. Eine Reinitialisierung kommt auch nicht in Betracht, da das die Verschlüsselung eventuell nicht aufheben würde. Wir könnten den Kern neu formatieren, aber dann wären sämtliche Daten weg – und Avon geht davon aus, daß sämtliche Anpassungen an die Hardware des Schiffes dann auch futsch wäre. Wenn es überhaupt funktioniert und Avon maschinellen Zugang erhält.
      Der Rest der Reparaturen sieht dagegen recht gut aus. Wir lassen seit gestern die sekundäre Umweltanlage über den Generator des Shuttles laufen und bekommen langsam Temperatur in die Gänge. Beim aktuellen Verbrauch bleiben uns noch zehn bis zwölf Tage, um den Reaktor in Gang zu bekommen, danach reicht die Restladung nicht mehr für den Zündimpuls, den Clark errechnet hat.

      Der Tee rann ihm heiß die Kehle hinunter und fügte sich in die wohlige Wärme seines Magens. Vincent stieß einen Seufzer aus und lehnt seinen Kopf an die Wand der Kabine. Da sie den kleinen Raum auch gemeinsam zum Schlafen und Essen nutzten, war die Luft hier lange nicht mehr so frisch, wie noch vor vier Tagen. Die meiste Zeit verbrachten sie in Raumanzügen und das war der Laune nicht gerade förderlich.
      Die Recycler wurden zwar leicht mit den Ausscheidungen und Ausdünstungen der Besatzung fertig, der Mangel an Raum und Privatsphäre nagte jedoch langsam an ihren Nerven. Ein Pensum, wie in den vergangenen vier Tage würden sie nicht lange durchhalten. Es drängte ihn zwar, ihre Lage zu erörtern, hielt sich jedoch zurück. Dieser Abend gehörte den anderen. Es war nur eine knappe Stunde, eine jämmerlich kurze Verschnaufpause von ihrem hektischen Wettlauf mit der Uhr. Doch sie brauchten diesen Moment, selbst Avon.
      Erschöpfung lastete über ihren Gemütern. Er mußte die Gedanken irgendwie auf andere Bahnen lenken, sonst war der Abend umsonst. Aber Maya kam ihm zuvor.
      „Wißt ihr, ihr seid schon komischer Haufen.“
      Clark hob den Blick und starrte sie sekundenlang verständnislos an.
      „Wer?“
      „Na, ihr fünf! Seit Lockhardt euch von Gateway mitgebracht hat, bildet ihr quasi eine kleine Mannschaft in der Mannschaft. Wir haben schon früher Akademieabgänger als Grüppchen bekommen, aber noch keine, die so aufeinandergesessen hätte.“
      „Wir passen halt zusammen“, kam die Antwort etwas schleppend.
      „Was? Ein irischer Schmiermaxe, eine Streberin, Miß Mouth-Shut und ein Con-Man? Und dazu noch das Wunderkind? Ihr paßt zusammen wie Ziegel und Kieselsteine.“
      XL lächelte zurückhaltend und stellte ihren Becher beiseite.
      „Das liegt alles an Vincent. Er ist – wie nennt man das? A peoples‘ Person?“
      „Das kauf ich dir nicht ab, XL“, Maya war dazu übergegangen, sie wie ihre vier Freunde beim Spitznamen zu rufen, „Vincent ist gut in dem, was er tut. Und er hat Talent im Umgang mit Leuten, okay. So jemand zieht Aufmerksamkeit auf sich und alle möglichen Leute an. Aber ihr vier seid Außenseiter, wenn ich je welche gesehen habe.“
      „Normale Leute interessieren mich nicht“, er zuckte mit den Achseln, „Ich habe genau die Leute bei mir, die ich brauche.“
      „Clark repariert die Maschinen, Avon hat 'n Händchen für die Computer, XL flickt uns zusammen, wenn was schief geht“, sie deutete mit dem Kinn auf Olga, die mit halb geschlossenen Liedern der Unterhaltung folgte, „Wofür hast du Olga dabei? Rechnest du mit Piraten?“
      Olgas Mundwinkel zuckten unmerklich.
      „Olga ist verläßlich, unbedingt. Und wenn das ganze Ding hier in Flammen aufgeht, Olga zieht uns ins Shuttle. Man merkt’s vielleicht nicht, aber sie versteht von der Technik nicht weniger, als jeder von uns. Ich hab‘ sie beim Infanterietraining erlebt: sie ist zäher als wir alle zusammen.“
      Seine Gedanken schweiften ab zu den frühen Tagen auf der Akademie. Jeder, auch Offizierskandidaten, absolvierten das grundlegende militärische Ausbildungsprogramm, die Schlammkriechertour. Damals kannte er Clark und Avon noch nicht. Ihm war die schweigsame Verbissenheit der Russin von Anfang an aufgefallen. Und, er mußte zugeben, zu der Zeit hegte er ein nicht unerhebliches Interesse an blonden Frauen.
      Leider war das nicht unentdeckt geblieben und die Grunts machten sich ohnehin einen Spaß daraus, die Besucher aus den Offiziersklassen mit allerhand Unfug zu triezen. So dauerte es nicht lang, bis Vincent eines Tages völlig unvorbereitet in der gemischten Dusche der Marines landete. Die fehlende Trennung der Geschlechter in dieser Ausbildung hatte ihn schon immer irritiert und ganz plötzlich fand er sich in der Umkleide mit Olga in paradiesischer Garderobe, vier lachende Grunts hinter der Tür zum Gang.
      Natürlich hatte Olga weder etwas gesagt, noch eine Miene verzogen. Sie stand nur mit in die Hüften gestemmten Händen vor ihm, während er sich etwas zurechtstammelte. Dabei hielt er eisern den Blick auf ihre Augen gerichtet, zum Schluß verließ ihn jedoch die Konzentration und sein Blick rutschte doch hinab. Im selben Moment hatte ihn Olgas Stoß am Kopf getroffen, hart. Als er wieder klar sehen konnte, verschwand ihre ansehnliche Rückseite gerade in der Dusche. Bevor sie seinem Blick jedoch ganz entschwand, blickte sie noch einmal zurück und grinste ihn vergnügt an.
      Seit diesem Tag halfen sie sich gegenseitig immer wieder aus. Okay, es war eher so, daß Olga stets zur Stelle war, wenn Vincent im folgenden Schwierigkeiten bekam. Er erinnerte sich noch sehr gut an den Tag, als sie alle einen Zeitmarsch mit schwerem Gepäck durch unwegsames Gelände machen mußten, mit Kletterpartien und allerhand Schikanen. Nach der Hälfte der Strecke ging XL die Puste aus und Vincent selbst hatte kaum die Kraft, sie zu stützen. Wortlos war Olga hinter ihnen aufgetaucht und hatte XL praktisch am Gurtgeschirr über die Hügel geschleift und ihn am Arm hinter sich hergezogen.
      Und wenn die Welt schließlich einstürzte, da war Vincent sich sicher, würde Olga genauso auftauchen und sie mit sich ziehen.
      Vincents Gedanken kehrten in das Shuttle zurück und er fing einen Blick der Russin auf. Sie wußte genau, woran er gerade gedacht hatte und zwinkerte ihm über den Becherrand zu.
      „Ich hab‘ halt ein Herz für Außenseiter. Wer bei vielen beliebt ist, der hat meiner Erfahrung nach, selbst wenig Bemerkenswertes an sich. Die wirklich interessanten Leute sind diejenigen, die anecken.“
      „Du magst das Abseitige?“, plötzlich verengten sich Mayas Augen zu schlitzen und sie starrte ihn an, als sähe sie ihm zum ersten Mal.
      „Deswegen! Darum die Danube!“
      Vincent lächelte anerkennend.
      „Die Danube besitzt, anders als die anderen Schiffe der Flotte, mindestens zwei nicht-menschliche Besatzungsmitglieder. Die Chance war hoch, daß der Rest der Crew auch ins Bild paßte.“
      „Und?“, Maya lehnte sich zurück und strich sich durch die kurzen schwarzen Haare, „Passen sie?“
      Vincent zuckte mit den Achseln, „Ich muß nehmen, was ich kriegen kann.“
      Maya warf ihren fast leeren Becher nach ihm und er revanchierte sich mit einem letzten Rest Kuchen. Minuten war die Kabine von gelöstem Gelächter erfüllt.
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      - "To make an apple pie from scratch you must first invent the universe." Carl Sagan

      "Mehr pseudo als Mary geht nicht."
    • CSS Danube – Shuttle Danzig, Logbuch Eintrag #005
      Unbekannter Derelikt zwischen Rogur’s Star und Bennett 323
      31. Dezember 2267 (Terra), 23 Uhr 59 Bordzeit / 38 AA 2E , FF PGTC
      (Prisencrew, SO3 Maya Arden) Happy New YearCSS Danube – Shuttle Danzig, Logbuch Eintrag #007

      Derelikt der Butterfish, zwischen Rogur’s Star und Bennett 323
      7. Januar 2268 (Terra), 11 Uhr 27 Bordzeit / 38 AA 35 , 98 PGTC
      (Prisencrew, JO3 St. Wickersham) jetzt steht es fest, mein Verdacht, meine Hoffnung hat sich bestätigt, es IST die Butterfish. Reaktor und Computerkern sind seit drei Tagen online, aber die Verschlüsselung macht noch immer jeden Versuch zunichte, die Systeme des Schiffes zu kontrollieren. Wir haben die Umweltkontrollen auf niedrigster Stufe laufen und alles abgetrennt, was wir nicht brauchen. Folienschleusen verschließen die ungenutzten Korridore und sparen Luft. Die Temperatur ist inzwischen auf angenehme 292 Kelvin gestiegen. SO3 Arden und ich vermuten schon länger offen voreinander, daß wir auf dem Schiff des Gründervaters sitzen, heute erhielten wir den Beweis in Form eines gelungenen Zugriffs via Leitziffer. Es ist tatsächlich das Schiff, mit dem Admiral A.D. Paul Rickenbacker nach seinem Amtsaustritt 2117 seine letzte Reise antrat, auf der er aus der Geschichtsschreibung verschwand. Das Schiff war ein Abschiedsgeschenk der großen Mitglieder des PGTA einem verdientem Ratsmitgliedes gegenüber. Rickenbacker taufte es nach dem Schiff, welches ihn, Francois Bernard und Zachary Snyder zum Erstkontakt führten, das erste Linearschiff der Menschheit, die UNSS Butterfish.
      Ich stehe an Deck des Derelikts und spüre Geschichte zu meinen Füßen.Vincent schob sich an Maya vorbei in den Sitz des zweiten Steuermanns, die OPS-Konsole.

      „Mittagessen“, verkündete er.
      Ohne vom Display aufzublicken, auf dem Codezeilen und Zahlenkolonnen ihren endlosen Marsch vollzogen, antwortete sie.
      „Was gibt’s?“
      „Avon hat Küchendienst“, erklärte Vincent entschuldigend.
      Maya stöhnte und verzog das Gesicht.
      „Dieser Mann hat einen kriminellen Mangel an Sinn für Grundbedürfnisse.“
      „Außer der eigenen“, schränkte er ein und gab ihr damit recht.
      Sie schnappte sich eine der silbernen Folienpackungen der Zero-G-Verpflegung. Mit einem Knacken öffnete sie den ersten Verschluß, der das sterile Wasser in den trockenen Inhalt entließ. Mit einem mißmutigen Gesicht schüttelte und knetete sie den Beutel und wartete, bis die exotherme Reaktion der beigefügten Chemikalien ihre Ration ausreichend erwärmt hatten. Nach dem ersten Schluck aus dem Plastikstutzen hielt sie ihr Essen auf Armeslänge von sich und seufzte schwer.
      „Weißt du, worauf ich mich am meisten freue?“
      „Sex?“
      Sie lachte laut.
      „Ich bin mittlerweile bescheiden, frische Unterwäsche würde mir reichen.“, sie schloß die Augen und schwelgte in angenehmen Gedanken.
      „Heißer Reis, mit scharfer Soße“
      „Soja-Chili?“
      „Erdnuß-Satay und Peperoni. Und dazu Teriyakigemüse aus der Pfanne.“
      „Für mich ein schönes Rib-Eye, medium, mit grünen Bohnen und Kartoffelspalten.“
      „Oh, hör auf“, sie schlug halbherzig mit ihrem Eßbeutel nach ihm. Schweigend beschäftigten sie sich mit ihrem Kalorienvorrat (Essen war ein viel zu großes Wort hierfür) und hingen ihren Gedanken nach. Seine kreisten unablässig um Admiral Paul Rickenbacker und seine letzte Reise. Er war sich ziemlich sicher, jetzt auf eben diesem Schiff zu sitzen, wenn sie doch nur Zugriff auf den Computer bekämen. Selbst die eines der Shuttle würden reichen, doch alle Buchten waren, bis auf die Danzig, leer. Ein Shuttle, so überlegte Vincent, besitzt eigene Kommando-Codes und hat begrenzten Zugriff auf das System. Eine ganze Weile dachte er über Shuttles, Kommando-Codes und das Problem externer Zugriffe nach, dann schoß ihm eine Idee durch den Kopf.
      „Ja!“, rief er, „Das machen wir!“
      Mayas Kopf ruckte herum, die Augen vor Überraschung weit offen und sagte „Oh?“
      Vincent sah sie irritiert an, wurde sie tatsächlich rot?
      „Was?“, fragte sie verunsichert und irgendwie schuldbewußt.
      „Das Shuttle, die Kommando-Codes!“
      Mayas Augenbrauen zogen sich zusammen, als sie zu verstehen begann.
      „Systemzugriff über ein Shuttle würde nicht funktionieren, dafür bräuchten wir ...“
      „Die Leitziffer. Den Identifizierungscode des Schiffes.“
      „Avon?“, rief Maya, ohne den Blick von Vincent zu nehmen. Augenblicke später meldete sich der 2-LC.
      „Wenn ihr was anderes zu Essen wollt, macht es euch selbst!“, knurrte er. Offenbar hatten sich schon Clark oder XL über seine Küchenkünste beschwert.
      „Kannst du mittels Fernzugriff, beispielsweise via eines Shuttle-Computers, auf kritische Teile des Schiffsnetzes zugreifen?“
      „Sicher, begrenzt schon. Kommunikation, Archive, Navigation, Dockingkontrollen ...“
      „Energieversorgung?“
      „Ein Shuttle muß ja wieder aufgeladen werden, also ja. Worauf wollt ihr hinaus?“
      „Könnte man“, mischte sich Vincent ein, „Irgendwie einen begrenzten Neustart erzwingen?“
      „Mit Fernzugriff ist fast alles möglich.“
      „Ist die Ziffer im Shuttle-Computer?“, fragte Vincent Maya.
      „Machst du Witze? Natürlich!“
      „Avon?, Wie löse ich einen Neustart aus?“
      „Gar nicht! Nicht ohne Zugang und der ist, ich muß es wohl sagen, ver-schlüs-selt!“
      „Wie!?“, forderte Vincent.
      Seufzend erklärte ihm Avon den Vorgang und machte sich nicht die Mühe, auf die offensichtliche Fruchtlosigkeit hinzuweisen. Sein Tonfall tat dies zu Genüge. Maya hielt ein Pad in den Händen und tippte darauf herum. Auf sein Nicken hin las sie ihm die lange Ziffernkette vor.
      „Okay“, machte Vincent, als er damit fertig war. Maya legte ihm eine Hand auf den Arm.
      „Noch vor den 2160ern! Der Zugriff läuft noch über System.Core, mit Link und Open!“
      Vincent nickte und tippte eine lange Codereihe ein. Sein Finger schwebte unschlüssig über dem Bestätigungsfeld.
      „Tu es!“, flüsterte Maya.
      Sein Finger berührte das Display.


      Es ist ein eigentümliches Geräusch, wenn ein Schiff nach langer Zeit wieder zum Leben erwacht. Zuerst herrscht vollkommene Stille. Eine Stille, weit tiefer und umfassender, als man sich vorzustellen vermag. Auf Planeten schweigt die Natur niemals völlig und selbst auf Station bleibt der leise Hauch steter Luftzüge. Ein Schiff ist vor dem Erwachen vollkommen still. Wenn selbst das ferne Brummen des Reaktors verebbt ist, bleibt ein Augenblick, wie ein tiefes, fast endloses Innehalten. Als bereite sich dieser Organismus aus Stahl, Keramik und Kunststoff auf den ersten Atemzug vor. Und dann beginnt er – mit einem unterschwelligen Vibrieren in der Luft, dem Boden und den Wänden, das man eher fühlt, als hört. Dann erhebt sich ein unendlich feines, fernes Wispern, wie Stimmen, gerade so außerhalb der Hörschwelle. Nach und nach gesellt sich ein Herzschlag dazu, aus tausend winzigen kaum hörbaren Klickgeräuschen. Schließlich atmet das Schiff zum ersten Mal ein und verstummt von da an nicht wieder.
      Dieses Geräusch ist unvergleichlich und man vergißt diesen Moment nicht wieder. Vincent wollte weinen vor Freude. Als etwas Nasses seine Wange herablief, stellte er fest, daß er es nicht nur wollte.

      =================================================================

      Dies ist der vorerst letzte Beitrag über die Butterfish im Forum. Ich bin mit dem Text mehr oder weniger zur Hälfte durch, aber das ist auch erst der Erste von mehreren - im Prinzip sowas wie die Vorgeschichte, welche die Butterfish erstmal etablieren. Die Geschichte geht weiter und wenn ich den nächsten Teil anfange, melde ich mich spätestens wieder mit der CSS Butterfish.
      Wen es interessiert, ich halte ein PDF bei Google up-2-date, einfach fragen ich schicke gern den Link.

      Ich schreibe jetzt 16 Tage an dem Projekt und habe im Schnitt 2000 bis 3000 Worte am Tag aufs Papier gebrannt (obwohl, es gab so drei, vier Tage, in denen ich praktisch gar nichts geschrieben habe...).
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      "Mehr pseudo als Mary geht nicht."
    • Ich habe ja schon via Discord über die besonders Schwierige Stelle geächzt, die ich jetzt weggetippt hab. Es gab da einige Verständnisprobleme, weshalb ich jetzt nicht mehr sicher bin, ob der 'Dialog' verständlich geraten ist. Ich würde ihn daher gerne hier einmal abstellen und schauen, ob jemand was dazu zu sagen hat. Aber eine Warnung sei gegeben, es enthält massive Spoiler - jedoch glücklicherweise nicht so sehr für den geplanten Plot (den ich jetzt mal so langsam angehen kann :D )
      Eines vielleicht noch, ich hab es runtergetippt, aber noch nicht gegengelesen, kann also noch verschiedene Fehlerchen enthalten ...

      Spoiler anzeigen

      Das Krankenbett war umringt von Personen, als der Kapitän die MED betrat. Auf der einen Seite schüttelte Dr. Winter den Kopf über die Vermutungen, die XL neben ihm soeben geäußert hatte. Auf der anderen studierte Dr. Muños ein Schema der Biowerte und gab leise ein paar Anweisungen an Helferin Imbwe-Takemuro. In der Mitte, dem Eingang zugewandt, saß Lillith aufrecht und hellwach im Bett und blickte Vincent entgegen.
      Muños entdeckte ihn und trat auf ihn zu.
      „Sie ist wach“, stellte er überflüssigerweise fest.
      „Eine umwerfende Diagnose, Doktor. Sind sie von ganz alleine darauf gekommen?“, bevor der Mediziner Winters ätzenden Kommentar erwidern konnte, ging der Kapitän dazwischen.
      „Ich bitte sie, Gehässigkeiten können sie später austauschen. Wann genau ist sie aufgewacht und wie geht es ihr?“
      Dr. Winter sog zögernd Luft ein.
      „Nun, wir haben es um 11 Uhr 8 bemerkt, daß Miss Rhy bei Bewußtsein ist. Ihr Zustand ist vollkommen normal.“
      Vincent trat an die Bettkante am Fußende und legte eine Hand auf das Polster.
      „Wie fühlen sie sich, Lillith?“
      Sie zuckte die Achseln und lächelte schwach.
      „Gut, denke ich. Warum auch nicht?“
      „Sie erinnert sich an nichts.“, wandte XL ein.
      „Wie auch“, kommentierte Dr. Muños, „Sie muß kurz vor oder direkt während des Zwischenfalls in ihren Zustand verfallen sein.“
      Lillith schloß die Augen und zog eine verärgerte Miene.
      „Sie reden alle von einem ‘Zwischenfall’ oder meinem ‘Zustand’. Was soll das denn bitte sein?“
      Der Kapitän blickte einmal in die Runde und als niemand Anstalten machte, zu antworten, schob er die Doktoren und Helferin beiseite. Er trat neben Lillith.
      „Wir hatten beim Eintritt in das System einen kleinen Unfall mit einem Überlagerungsfeld, wie es Fred nennt. Dabei ging einiges zu Bruch, aber wir haben es geschafft. Lego hat sie leblos vorgefunden und Dr. Winter stellte fest, sie befänden sich in einem widersprüchlichen Zustand. Wie war das? Kein Puls oder Atmung, keine Zellaktivität, aber konstante Temperatur und Druck und dazu noch ungewöhnliche Hirnaktivität?“, er schaute ihr in die Augen und sie erwiderte den Blick ungerührt, „Klingelt da was?“
      Sie schüttelte den Kopf.
      „Doktor, ihre Abneigung gegen Quantenphysik einmal außen vorgelassen, könnte die zeitlich exakte Übereinstimmung ihres Zustandes mit dem Passieren der Zone auf einen Zusammenhang hindeuten?“
      „Kapitän, Biologie bleibt Biologie! Quantenphysik mögen sie in Computer oder Antriebe packen, aber nicht in Zellen! Ein Zusammenhang ist ...“
      „Offensichtlich!“, unterbrach XL, „Sie können sich dagegen wehren, wie sie wollen, aber das kann kein Zufall gewesen sein. Wir haben die Zone praktisch auf die Sekunde genau synchron durchquert!“
      „Ein Zusammenhang ist ... meines Wissens ... ausgeschlossen!“, bekräftigte der ältere Mediziner.
      „Und unser Patient?“, lenkte Vincent die Aufmerksamkeit auf Lillith, „Wie erklären sie das?“
      Sein Ton machte deutlich, daß er Antworten erwartete, doch sie schürzte nur die Lippen und schüttelte den Kopf.
      „Gar nicht. Hab’, wie es scheint, ein Nickerchen gemacht.“
      Die beiden maßen sich lange mit Blicken, bis der Kapitän schließlich nachgab.
      „Na schön, ist sie stabil?“
      „War sie das je?“, gab Teja ungefragt zurück und erntete ein paar empörte Blicke.
      „Alle Werte sind jetzt vollkommen normal. Man könnte sagen, sie ist das gesündeste Besatzungsmitglied.“
      „Dann kann sie die MED verlassen.“
      Lillith schlug erleichtert die Decke zur Seite, um aufzustehen, aber die Doktoren und die 1-Wis wollten alle zugleich Einwände erheben.
      „Nein!“, Vincents Entscheidung stand fest, „Solange es keine medizinische Notwendigkeit gibt, kann sie die MED verlassen.“
      „Kapitän“, so leicht gab Dr. Winter allerdings nicht auf, „Ich würde gerne sicherstellen, daß es keine Spätfolgen oder irgendwelche Rückstände ...“
      „Dr. Winter, sie hören sich selbst nicht zu. Sie haben mir selbst erklärt, daß es für Miss Rhys Zustand keinerlei inneren Auslöser geben kann. Keine Zellaktivität, sie erinnern sich? Sie haben die Aufzeichnungen und Scans der medizinischen Überwachung und ich wette, daß sie dem Standard noch eine Reihe zusätzlicher Verfahren zugefügt haben. Geben sie sich damit zufrieden.“
      Er klatschte in die Hände.
      „Die Show ist vorbei, zurück an die Arbeit.“
      Zu Lillith gewandt fügt er leise hinzu: „Wenn sie wieder vorzeigbar sind, will ich sie in meinem Büro sehen.“
      Sie musterte ihn ernst, dann nickte sie.


      Sie betrat den Raum mit einem Tablett mit Kaffee. Der Kapitän nahm dies verwundert zur Kenntnis, ein kleiner Bestechungsversuch? Oder eine Erinnerung an vergangene Freundlichkeiten? Ein schlechtes Gewissen? Aber sie stellte das Tablett, sobald sich die Tür schloß achtlos beiseite und setzte sich auf die Couch.
      „Ich mag kein unnötiges Gerede“, erklärte sie ungefragt.
      Vincent drehte seinen Sessel der Couch zu und ließ ein paar Augenblicke verstreichen.
      „Und ich mag es nicht, etwas an Bord zu haben, von dem ich nicht weiß, was es ist oder will.“
      Er lehnte sich vor und stützte die Ellenbogen auf die Knie.
      „Miss Lillith Rhy, oder wie auch immer, was sind sie?“
      „Hm“, machte sie, „Weit weg von zu Hause?“
      „Bitte keine Spielchen!“
      Sie warf den Kopf zurück und lachte hell. Es klang aufrichtig und war ein wenig ansteckend, aber Vincent hielt sich eisern im Zaum.
      „Kein Spielchen, Vincent. Das ist buchstäblich wahr, in mehr, als einer Hinsicht – und wahrscheinlich die treffendste Beschreibung.“
      „Damit kann ich nichts anfangen. Das erklärt gar nichts!“
      „Das ist womöglich wahr“, gab sie zu und wirkte sogar ein wenig bekümmert, „Aber was kümmert es sie, ich tue doch nichts Böses! Im Gegenteil, es gibt etliche, die sagen würden, ich übte einen positiven Einfluß aus.“
      Jetzt mußte Vincent doch lachen.
      „Jedenfalls nicht auf alle, die Single sind.“
      Sie lachte ebenfalls und schlug die Beine übereinander. Ihm fiel erst jetzt auf, daß sie nicht ihr übliches, schwarzes Outfit mit der Weste trug. Zu einer enganliegenden, samtbraunen Hose trug sie ein blutrotes, tiefausgeschnittenes Hemd. Um ihren Hals lag eine Kette mit einem silbernen Medaillon.
      „Warum können sie es denn nicht einfach dabei belassen?“
      „Weil ich die Verantwortung trage für die Besatzung – und das schließt sie nun mal mit ein. Ich weiß weder, ob sie Freund oder Feind sind ...“
      „Kein Feind!“, fiel sie ihm sofort ins Wort.
      „... noch, wie ich ihnen im Notfall helfen kann.“
      „Sie wollen mir helfen?“, amüsierte sie sich.
      Er erhob sich und setzte sich zu ihr auf die Couch.
      „Natürlich will ich das. Als sie ... bewußtlos waren, waren wir krank vor Sorge um sie! Ich muß wissen, was an Bord meines Schiffes vorgeht. Ich trage die Verantwortung!“
      Lillith musterte den Kapitän eine lange Zeit. In ihrem Gesicht bewegte sich dabei kein Muskel, aber es war ihm, als spiegelten sich unterschiedliche Regungen wider. Schließlich schien sie zu einem Entschluß gekommen zu sein. Sie richtete sich auf und streckte eine Hand nach seinem Gesicht aus.
      „Schließ die Augen, Vincent.“
      Erschreckt und verunsichert griff er nach ihrem Arm.
      „Was soll das werden?“
      Lillith funkelte ihn unwillig an.
      „Das ist nicht ganz trivial, was ich hier mache. Ich würde deinen Verstand gern in einem Stück mitnehmen! Menschliche Gehirne sind so ...“
      „Jetzt sag bloß nicht primitiv!“
      „Ist dir übersichtlich lieber? Also: Augen zu!“
      Resigniert ließ er ihre Hand fahren, schloß die Augen und versuchte, sich zu entspannen. Er spürte ihre kühlen Finger an seiner Stirn. Dann stürzte er. Das Gefühl, endlos zu fallen überwältigte ihn und löste Panik aus. Eine Stimme dröhnte um ihn herum. Er wußte, daß es Lillith war, erkannte aber keinen Tonfall.
      „Was du erlebst, ist nicht real. Es ist eine Art gemeinsamer Traum oder Phantasie. Wir betreten mein Gedächtnis, meine Gedanken. Ich hoffe, deine Schuhe sind sauber.“
      Selbst jetzt konnte sie sich ihren Humor nicht verkneifen.
      Ob sie meine Gedanken lesen kann? Fragte er sich.
      Es blieb still, hätte sie den Gedanken gehört, da war er sich sicher, hätte sie reagiert.
      „Kann ich reden?“
      „Ja, du kannst sogar singen – wenn auch nicht besonders gut. Das ist keine Telepathie, falls du das glauben solltest. Meines Wissens gibt es sowas nicht. Unsere Verbindung ist weit stofflicher, aber kompliziert.“
      „Du bist kein Mensch“, stellte er lakonisch fest.
      „Ach, tatsächlich?“, kam die amüsierte Antwort.
      „Aber was bist du?“
      „Vor allem bin ich alt, wenn man in rein zeitlichen Dimensionen denkt. Ich sehe mich lieber als groß, aber das sind wohl Haarspaltereien.“
      Unvermittelt hatte er wieder das Gefühl von festem Boden unter den Füßen. Als er sich umblickte, befand er sich auf einer sanft gewellten Hügellandschaft aus blassen Grüntönen. Der Horizont wirkte irgendwie falsch. Schwaden aus Rot und Blau, von blendend weißen, gezackten Linien durchzogen. Vor diesem Hintergrund hoben sich dunkle Umrisse von Himmelskörpern ab. Er runzelte die Stirn.
      „Sind das Planeten?“
      Lillith stand neben ihn und hob den Blick zum Himmel.
      „Eher Verwandtschaft“, stellte sie fest, einen Anflug von Bedauern in der Stimme.
      „Du willst mir jetzt nicht weismachen, du wärest ein Planet, oder?“
      Lillith Gesicht nahm einen frustrierten Ausdruck an.
      „Das hier wird bedeutend einfacher, wenn du aufhörst, Vermutungen anzustellen. Laß mich erklären, Irrtümer kannst du nachher immer noch formulieren. Also, mal sehen, wo fangen wir an?“
      „Wie wäre es damit, woher du kommst?“
      Sie überlegte, winkte dann aber frustriert ab.
      „Das ist schwieriger, als ich dachte. Ich komme nirgendwoher. Nach der begrenzten Auffassung eurer Wissenschaft – und der, der anderen Völker, übrigens – kann man uns nicht einmal lebendig nennen.“
      Sie blickte wieder empor und der Himmel veränderte sich. Die Muster und Linien zogen sich zusammen und gewannen an Helligkeit. Die ‘Planeten’ schrumpften und teilten sich. Gleichzeitig aber wurde das Bild undeutlicher. Sie kniff die Augen zusammen, als sie die Entwicklung betrachtete.
      „Du mußt schon entschuldigen, ich unterliege einer gewissen Entwicklung und das hier bezieht sich auf meine frühesten Gedanken und Erinnerungen. Hast du dich schon einmal mit Entropie beschäftigt?“
      „Thermodynamik ist ein Pflichtthema.“
      „Das Universum – und ich verwende Mal die, eurer Wissenschaft geläufigen Begrifflichkeiten – wird von zwei gegensätzlichen Kräften angetrieben.“
      „Schwerkraft und Masse“, zitierte Vincent seinen Physikprofessor.
      „Mitnichten. Vom Entropiesatz und Evolution.“
      Sie mußte über sein ungläubiges Gesicht lachen.
      „Was glaubst du denn, wo die Schwerkraft und Masse herkommt? Es gibt zwei Urzustände, die einander unvereinbar gegenüberstehen: die Unbestimmtheit und Bestimmtheit. Man kann auch Chaos und Ordnung sagen, aber, abgesehen, daß es eine Wertung beinhaltet, ist es nicht ganz korrekt. Genauer könnte man es so ausdrücken: am Anfang stehen die Tendenz von allem, den Zustand der niedrigsten Energie anzunehmen, zu zerfallen, sich in völliger Unordnung zu verteilen. Man nennt das ‘maximale Entropie’, also die höchste Zahl möglicher Zustände.“
      „Jetzt gibt es im Universum eine zweite Kraft. Ich kann dir das nicht so erklären, wie es tatsächlich ist. Zum Teil weiß ich die Gründe selbst nicht, zum Teil fehlt deinem Verstand das nötige Material, diese Gedanken zu erfassen.“
      „Danke sehr.“
      „Keine Ursache, bleiben wir aber beim Thema. Diese andere Kraft ist, einfach gesagt, die Evolution, die Tendenz von Dingen, sich zu Strukturen zu verdichten. Nein, nicht die Schwerkraft, aber die hängt damit zusammen. Also, auf der einen Seite haben wir die maximale Entropie, auf der anderen geordnete Strukturen. Energetisch betrachtet tendiert ein System zum niedrigsten Energieniveau, aber Ordnung und Struktur bindet diese Energie und verhindert das senken des Niveaus. Ein geordnetes System hat weniger mögliche Zustände, als ein ungeordnetes. Klar soweit?“
      „Bis jetzt hast du nur die Grundsätze der Thermodynamik erklärt.“
      „Singularität ordnet sich zu Dimensionen, die zu Energie werden, die zu Bosonen werden, zu Gluonen, zu sub-atomaren Teilchen, zu Atomen, zu Molekülen. Jeder Schritt enthält mehr Ordnung, bindet mehr Energie.“
      Sie sah ihn durchdringend an.
      „Aber das alles ist ja mehr, als nur Energie, oder?“
      Er überlegte einen Moment. Nach ihren Ausführungen lagen selbst der Energie tiefere Prozesse zugrunde, das Ringen um die Entropie.
      „Entropie“, murmelte er leise. Sie nickte.
      „Gewissermaßen. Aus physikalischer Sicht, die dieses Level noch nicht ganz durchdrungen hat, kennt als Grundlage nur Energie. Alles ist für euch Energie und das ist auch der Grundsatz für alles. Will ich Arbeit verrichten, benötige ich Energie. Jeder Prozeß setzt Energie in irgendeiner Form um. Struktur benötigt Energie, um gebildet und aufrechterhalten zu werden. Zerfällt die Struktur, wird diese Energie wieder frei – abzüglich einer kleinen Bearbeitungsgebühr für die Gluonen. Aber dieser Prozeß setzte erst spät in der Entwicklung des Universums ein. Ihr könnt dies nicht sehen, denn euer Verständnis setzt erst ein, wenn Energie da ist.“
      „Jedes Lebewesen, um mal ein wenig vorzugreifen, setzt Energie um. Es verbraucht Energie für seine inneren Prozesse. Das ist eine der Grundeigenschaften des Lebens für euch.“
      „Ja, ich weiß, was hat das mit mir zu tun? Ganz einfach: es trifft auf mich nicht zu. Also, du kennst Organismen, die vom Zerfall geordneter Systeme leben. Das kann Wärme sein, oder chemische Energie. Oder sie leben davon, geordnete Strukturen zu reduzieren, also Verdauung. Es ist aber nicht nur die Energie, die sich dabei verändert. Auch die Änderung der Entropie ist gewissermaßen ein Potential, das man nutzen könnte. Es ist unendlich geringer, zugegeben, aber viel präsenter. Es gibt eine Art ‘Leben’, die dies tut. Seit Anbeginn der Zeit ‘leben’ wir davon, das komplexe Systeme zu einfachen degenerieren. Das fing wohl damals mit der Energie selbst an. Möglich, daß es davor auch schon etwas in der Richtung gab, aber daran erinnere ich mich nicht.“
      „Also, einfach ausgedrückt, wenn neben dir jemand etwas ißt und es verdaut, gewinnt er Energie und du ... was? Entropie?“
      „Richtig erkannt, schlecht ausgedrückt, aber das muß reichen.“
      Er runzelte nachdenklich die Stirn. Ihm kam ein düsterer Gedanke, der ihn ziemlich beunruhigte.
      „Wäre es dann nicht für euch logisch, Dinge zu zerstören, um an eure Entropie zu kommen?“
      „Und da kommt der Urknall ins Spiel“, bestätigte sie.
      Über ihnen spiegelte der Himmel ihre Ausführungen wider. Er sah, wie sich die ‘Planeten’ gegenseitig schluckten und währenddessen veränderten sich die Muster immer schneller.
      „Unser Bewußtsein bildet sich aus Komplexität und am Anfang gab es nichts wirklich Kompliziertes, von dem wir leben konnten. Unser Verstand war dementsprechend einfach. Tatsächlich haben wir zu Anfang absorbiert, was wir konnten. Die Fähigkeit, Dekonstruktion zu beschleunigen, ließ nicht lange auf sich warten. Das ging so weit, bis unsere Absorption die Entstehungsrate von Komplexität übertraf. Die Entwicklung stagnierte, bis wir die Fähigkeit entdeckten, uns selbst zu dekonstruieren. Wir waren das mit Abstand Komplexeste im Universum. Eure Physik kennt dieses Ereignis übrigens als GUT-Ära oder Inflation. Wir waren miteinander beschäftigt und überließen den Rest sich selbst, bis es dann eine neue Stufe der Komplexität erreichen konnte.“
      „Soll das heißen, weil ihr – wer immer ‘ihr’ ist – euch lieber gegenseitig gefressen habt, expandiert das Universum?“
      „Gewissermaßen, aber nicht ganz. Es expandiert auch so, aber es entstand erst, als wir es nicht länger hinderten, komplexer zu werden. Wahrscheinlich. Wie gesagt, meine Vorstellung von dieser Phase ist etwas undeutlich.“
      Über ihnen lief eine Zeitrafferwiedergabe des frühen Universums ab, wie man sie in jeder zweiten Wissenschaftsdoku sehen konnte, allerdings entdeckte Vincent hier neue Details. Entweder zeigten sich die Strukturen in neuer Qualität, oder Lillith hatte seine Wahrnehmung verschärft. Jedenfalls war der Leerraum zwischen Sonnen und Galaxien kein dunkles Nichts mehr. Er enthielt Dinge. Er konnte nicht genau sagen, ob es Gasströme, Lichtreflexe oder etwas ganz anderes war. Im gleichen Rhythmus der Entwicklung pulsierte der dunkle Raum, veränderte sich und bildete neue Verflechtungen. Das Schwarz des Weltraumes füllte sich mit Schattierungen, Nuancen im Nichts, für die er keine Erklärung fand.
      Gleichzeitig blieb aber auch das vorherige Bild bestehen. Er sah immer noch den grünlich verschleierten ‘Himmel’ über dem, was Lillith ihre ‘Erinnerungen’ genannt hatte. Sein Verstand rebellierte gegen die gleichzeitige Wahrnehmung von Fern und nah, von konkreten Gegenständen und unendlicher Leere. Er sah den Boden zu seinen Füßen und gleichzeitig diesen Ort aus unendlicher Entfernung als Teil der schwärmenden, Entropie fressender Wesenheiten, die sich mit dem Universum veränderte. Er preßte seine Hände an die Schläfen und krümmte sich.
      „Hör auf damit!“
      Irgendwie spürte er, daß die rasende Frühgeschichte von Raum und Materie um ihn herum zum Stillstand kam. Als er die Augen wieder zu öffnen wagte, sah er vor sich die Gestalt Lilliths, die ihre Hand nach ihm ausstreckte. Es wirkte, als stünde sie nur einen halben Meter neben ihm. Aber sie war größer als eine Zwerggalaxie. Ihre Finger berührten seine Schulter und es war die ihm schon vertraute Berührung. Das stürzte ihn erneut in einen Strudel von Schwindel und Übelkeit. Mit fest geschlossenen Augen versuchte er, dem Herr zu werden, indem er sich ganz auf die Berührung ihrer kühlen Finger konzentrierte. Nach einer Weile bekam er die Vorstellung unter Kontrolle, die Panik verebbte.
      „Sieh an“, Lilliths Stimme drückte ehrliche Bewunderung aus, „Doch nicht so klein, wie ich dachte.“
      „War das ...“
      „Meine Kinderstube, sozusagen. In dieser Phase ist unser Verständnis von Kontinuität noch ziemlich konform zu dem eurer Wissenschaft. Das meiste entwickelt sich hier noch parallel. Obwohl, eigentlich eher ‘wieder’ als ‘noch’ – und auch nur vorübergehend.“
      Sie blickte wieder empor. Vincent fühlte sich, als stünde er auf einem hohen Turm und wagte kaum, den Blick vom festen, Sicherheit verheißenden Boden zu heben, tat es aber dennoch. Über ihnen leuchtete die Milchstraße in ihrer ganzen Pracht. Er wußte, um welche Galaxie es sich handelte, erkannte sie auf einem Weg, der seinen Verstand wieder schwindeln ließ.
      „Ist das Jetzt?“, fragte er unwillkürlich.
      „Jetzt? Du meinst, zu der Zeit, in der wir gemeinsam auf deiner Couch hocken? Was würde wohl Maya sagen, wenn sie uns so innig vereint sehen könnte?“
      Er sah in ihr spöttisch grinsendes Gesicht.
      „Für eine ‘kosmische Entität’ benimmst du dich ziemlich feminin.“
      Ihr Ausdruck erstarrte für einen Moment, als habe seine Bemerkung in ihr etwas ausgelöst. Der Moment ging schnell vorbei und sie war wieder sie selbst, als sie fortfuhr.
      „Zum Thema: Nein. Als ‘Jetzt’ im Sinne von einem Zeitpunkt, kann man hier nicht sprechen. Zeit eignet sich eigentlich nicht dafür, etwas wie dies hier zu betrachten. Bis man das eine Ende sehen kann, hat sich das andere schon so weit verändert, daß es wieder etwas Neues ist. Warte mal.“
      Das Bild veränderte sich wieder, diesmal fast unmerklich. Er kniff die Augen zusammen und betrachtete die Galaxie und versuchte, einzelne Sterne auszumachen. Er konnte sie fast sehen.
      „Laß das!“, forderte sie unwirsch, „Du brichst die Kontinuität der Illusion. Es ist schon schwierig genug, dir die Bilder so reduziert zu präsentieren, ohne daß zuviel verlorengeht.“
      „Oh, bitte um Verzeihung, Gnädigste.“
      Sie sog hörbar den Atem ein.
      „Du bist ‘ne Nervensäge, Kapitän!“
      „Wann hat man schon mal die Gelegenheit, ein kosmisches Wesen zu ärgern?“
      „Mach damit weiter und du erfährst vielleicht, mit welchen Risiken das verbunden sein kann. Ich denke, jetzt hab ich es. Sieh hin!“
      Die Milchstraße wirkte irgendwie verändert. Sie hatte an Volumen verloren. Er sah immer noch die räumlichen Bezüge, aber es war weniger visuell. Er versuchte, seinen Blickwinkel zu ändern, scheiterte im ersten Augenblick jedoch an dem Gedanken, wie weit er dafür würde laufen müssen. Im Nächsten ging ihm auf, wie unsinnig diese Schlußfolgerung war. Zum Einen war es eine Illusion, zum anderen waren theoretische Entfernung bei theoretischen Betrachtungen nebensächlich. Tatsächlich änderte sich der Blickwinkel fast augenblicklich.
      Er sah, wie sich die Positionen der Sterne und Nebel ineinander verschob, wie es zu erwarten war, gleichzeitig aber blieb das Bild seltsam flach.
      „Du wolltest das ‘Jetzt’ sehen, bitte. Auch, wenn es so recht langweilig ist. So eingeschränkt. Natürlich entspricht dies in keiner Weise der physikalischen Realität, selbst nach eurem Verständnis. Zeit ist eine Qualität des Raumes, also kann man bei großen Räumen nicht mehr von singulären Zeitpunkten sprechen. Ausnahmsweise ist eure Sprache hier recht hilfreich“, sie neigte den Kopf eine Kleinigkeit zur Seite und grinste schwach, „Ein Punkt eignet sich nicht für die Betrachtung einer Fläche.“
      „Wirkt es deswegen so flach?“
      „Es wirkt nicht flach, es ist flach – zeitlich gesehen. Es fällt eurem Verstand schon schwer genug, Dinge räumlich zu betrachten. Die meisten sind es gewohnt, ein- oder zweidimensional zu denken. An der dritten Dimension scheitern die meisten schon – und die Realität besitzt deutlich mehr Dimensionen. Schau her, ich gebe dir eine Quantenebene.“
      Eine schimmernde Fläche erschien neben ihm. Das Bild der Galaxie spiegelte sich auf der perfekten Oberfläche.
      „Würde man Unium in eine perfekt glatte Oberfläche gießen können, sähe es so aus. Unium ist strukturlos, das einfachste und universellste Objekt, das es geben kann, kein Kern, keine Hülle, keine leeren Räume dazwischen. Diese Fläche ist so vollkommen und ununterbrochen, daß sie von Naturgesetzen nicht durchdrungen werden kann. Raumzeit ist nicht in der Lage, von einer Seite zur anderen zu gelangen, weil es keinen Zwischenraum gibt, weder in raumzeitlicher Betrachtung, noch unter Aspekten der Quantenmechanik. Austausch von Quantenteilchen durch Unium hindurch ist nicht möglich. Das ist die Natur von Unium, wie ihr sie kennt.“
      Sie trat dicht hinter ihn und legte eine Hand in seinen Nacken. Mit der anderen griff sie sein Handgelenk und führte seine Finger zu der Fläche. Seine Hand lag auf der Spiegelfläche, die keinerlei Temperaturempfinden auslöste. Sie war glatt.
      „Fühlst du es?“, hauchte sie ihm ins Ohr.
      Er fühlte es. Die Fläche war nicht nur glatt, sie war unendlich glatt. Er ließ die Fingerspitzen darüber hinweggleiten und spürte nichts, keinen Widerstand, keine Reibung – nur die glatte Fläche. Die Reflexionen darin waren perfekt. Es spiegelten sich darin selbst Dinge, die kleiner als ein Photon waren, selbst die kleinsten und schwächsten sub-atomaren Teilchen wurden reflektiert.
      „So fühlt sich ‘Raum’ an“, Lilliths Stimme war direkt in seinem Ohr, flüsterte fast zärtlich.
      Er konzentrierte sich auf das Gefühl und die Vorstellung. Schließlich glaubte er, Unregelmäßigkeiten zu fühlen. Es begann, ganz leicht zu kribbeln und zu kitzeln. Er tat es als Zeichen von Erschöpfung oder Anspannung ab, aber dann kam es ihm zu rhythmisch vor, zu systematisch. Er runzelte die Stirn. Die Oberfläche fühlte sich nicht mehr so perfekt glatt an. Er spürte winzige Rillen und Spitzen, zu klein, um sie wirklich wahrzunehmen, aber wenn er mit der Hand darüberstrich, konnte er sie spüren. Sie bewegten sich ebenfalls.
      Er spürte, wie Lilliths Mund sich zu einem Lächeln verzog.
      „Spürst du das, was hinter Raum und Zeit liegt? Und daran zerrt und rückt? Spürst du die Wellen, die es durch die Struktur sendet, die ihr als ‘Realität’ anseht? Sieh nach oben!“
      Gehorsam richtete er seinen Blick zurück auf die seltsam flache Milchstraße. Er sah unregelmäßige Wolken, faserige Strukturen aus unbekannter Materie und Sterne. Während er sie betrachtete, wurden aus Kugeln Kreisflächen. Und aus Kreisen lange Stränge, die sich umeinander und sich selbst wanden. Im stockte der Atem, als ihm klar wurde, daß er hier ‘Zeit’ sah.
      Die langen, verschlungenen Fasern bildeten eine komplexe Struktur und sie waren auch nicht glatt oder gleichmäßig. Manche verließen ihren bisherigen Kurs, brachen aus und wanden sich in anderen Richtungen. Andere krümmten sich sogar in sich selbst zurück. Er sah Knoten, Ballungen, feinste Gespinste und komplizierte Muster in Myriaden von Farben. Ihre Bewegungen und Verästelungen erzeugten Zusammenhänge, die seinen Verstand zu sprengen drohten.
      In einem kurzen, wahnsinnigen Augenblick sah er sogar noch weitere Überlagerungen, unendlich viele Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Eine winzige Facette blitzte auf und er wußte, daß dies Lilliths ganz spezielle Art war, die Dinge wahrzunehmen, sie schloß die Kulturen und Zivilisationen mit ein. Gebilde einer Komplexität, wie sie die Physik niemals alleine würde erreichen können. Manche leuchteten sanft und in schwachen Farben, andere schillernd und grell. Einige wenige überstrahlten alle Sterne – die galaktischen Zivilisationen. Er konnte den Anfang der Menschheit sehen und bestaunte die Farben und Formen, die vor ihr lagen.
      Zum Schluß erlosch das Licht um ihn herum. Er war mit Lillith allein im Universum.
      „Bist du wirklich so alt wie das Universum?“
      „Was? Nein! Nicht einmal so alt, wie eure Realität, wenn man es genau nimmt.“
      „Aber du warst am Anfang schon dabei, oder?“
      „Was hat das damit zu tun, wie alt ich bin?“
      „Ist das wieder so ein Spiel mit Bedeutungen?“
      Sie sah ihn ein wenig missmutig an.
      „Du denkst immer noch in linearen Begriffen. Ich stehe sozusagen jenseits der Zeit. Alter ist für mich nicht relevant.“
      „Heißt das, du kennst die Zukunft?“
      „Die für mich die Zukunft ist, sondern nur eine weitere Eigenschaft von Intropie und Entropie.“
      „Dann wußtest du, was heute passieren würde“, stellte er fest und kam sich ein wenig betrogen vor.
      „Wie kommst du darauf? Daß ich mich frei auch in der Zeit bewegen kann, heißt nicht, daß ich weiß, was passieren wird. Du denkst zu linear.“
      Sie winkte theatralisch mit der Hand, um eine neue Illusion zu erzeugen. Vincent mußte insgeheim grinsen, wenn er über ihren Hang zur Dramatik dachte. Das neue Bild, in dem sie sich bewegten, wurde von einem dichten Strang aus unzähligen, schillernden Fasern. Sie deutete auf das sich sanft windende Geflecht.
      „Das sind ‘wir’ – also ich und die so sind wie ich. Siehst du daß dort?“
      Sie deutete auf einen Ring aus dunklen, kurzen Fasern. Sie alle krümmten sich in eine Richtung und lagen auf einer Seite des gebildeten Rings, der die Fasern fest umschloß.
      „Hier setzt Raum und Zeit ein, euer ‘Urknall’.“
      Er sah, wie unzählige der Fasern einander umschlangen und schließlich ineinander übergingen. Wenn er ganz genau hinsah, entdeckte er etwas faseriges, farbloses inmitten des Stranges. In diesen schwachen Fasern fand er Sterne und Galaxien. Die einzelnen Fasern waren nicht miteinander verbunden, obwohl sie das im Inneren sehr wohl waren. Manchmal wand sich eines dieser Knäuel ineinander, bevor ein paar wenige Fasern dem Gewirr entgingen. Je weiter er sich von ‘Urknall entfernte, desto breiter und stärker wurden die Fasern des Universums und drückte die Linien von Lillith Art auseinander.
      „Das ist, sozusagen, mein Standpunkt zu Raum und Zeit. Auch, wenn ich die Gesamtheit der Zeit überblicken könnte – was ich nicht kann – wäre es mir nicht möglich, auch nur eine Minute vorherzusagen. Jede Faser hängt an anderen, an uns, an noch weitere und auch sich selbst. Drückst du an einem Ende, ändern sich alle anderen.“
      Er seufzte.
      „Zum Glück scheint ihr davon die Finger zu lassen, sonst wäre die Vergangenheit ja nicht mehr fest und ...“, Lillith Gesichtsausdruck ließ ihn verstummen. Sie schüttelte langsam den Kopf.
      „Nicht linear denken, Vincent!“, ermahnte sie ihn.
      Er verstand – zumindest ungefähr. Wenn Zeit keine feste Größe war, gab es aus seiner Warte keine Möglichkeit zu sagen, ob die Vergangenheit tatsächlich konstant war. Und warum sollte sich diese eine, spezielle Faser im gleichen Maße ändern, wie eine andere? Er bekam Kopfschmerzen.
      Er betrachtete den Strang, der Lilliths Volk darstellte.
      „Ihr habt nicht wirklich einen Anfang, oder?“
      „Nicht, daß ich wüßte – oder irgendjemand sonst. Wir reden aber auch nicht besonders oft.“
      „Nicht viel zu sagen, oder?“
      „Wir sind Kannibalen, schon vergessen?“
      „Ich dachte, ihr hättet diese Phase hinter euch gelassen, linear oder nicht.“
      „Glücklicherweise war das nicht nötig. Es gab mit einem Mal so viel Interessanteres, mit dem man sich beschäftigen kann. Außerdem sind uns Grenzen gesetzt. Allein könnte ich zum Beispiel nicht schneller als das Licht reisen. In gewisser Weise sind wir viel eingeschränkter als ihr. Unsere größte Schwäche ist wohl, daß wir niemals auf neue Ideen kommen. Die Idee, mit vorhandenen Mitteln die Struktur der Realität zu überwinden, wäre uns nie gekommen. Sagen wir einfach, ich halte es für relativ ausgeschlossen, daß ihr es erleben werdet, daß sich zwei meiner Art in eurem Einflußgebiet treffen. Und das ist wohl auch gut so.“
      „Aber warum kennt euch niemand? Wenn ihr schon seit Anbeginn da seid und so großen Einfluß ausüben könnt, hättet nicht mit jemanden in Verbindung treten können? So wie du jetzt?“
      „Kultureller Austausch?“, sie lachte, „Wenn du über den Korridor läufst, machst du dir Gedanken darüber, mit den Mikroben auf den Staubteilchen zu reden? Außerdem sind wir ausgesprochen introvertierte Egozentriker. Wir wissen, es gibt andere wie uns, hätten es aber gerne anders.“
      „Ihr müßt doch irgendwelche Spuren hinterlassen haben, Ruinen, irgendwas!“
      Sie standen wieder in der grünen Hügellandschaft vom Beginn der Zwiesprache. Lillith hatte ihre Hände in die Gesäßtaschen ihrer Hose gesteckt und machte ein säuerliches Gesicht, als sie lustlos umherschlenderte.
      „Sieht das hier so aus, als hätten wir irgendwelchen Bedarf an ‘Kultur’. Wir gehen einander aus dem Weg, wenn wir können. Ich glaube, nur die Allerwenigsten von uns haben überhaupt bemerkt, daß ihre Quellen an Entropiepotential etwas anderes sein können, als Batterien. Selbst, wenn wir eine Kultur vollständig auflösen würden, niemand könnte etwas anderes Vermuten, als offensichtliche Gründe für den Niedergang. Kunst? Das Konzept ‘Kunst’ ist für meine Art praktisch ebenso nutzlos wie unplausibel. Kunst entsteht doch erst in der Betrachtung durch jemand anderes. Was sollten wir damit anfangen, wenn doch unser ganzes Streben danach trachtet, eine Begegnung zu vermeiden – oder wenn es unvermeidlich ist, den anderen zu zerstören.“
      Sie schlenderte wieder zu ihm zurück und sah ihn mit einem traurigen Ausdruck an.
      „Du hast eine falsche Vorstellung von uns. Wir sind keine Kultur, kein Volk. Wir sind lediglich Parasiten. Es ist Zeit, das zu beenden.“
      Sie streckte ihre Hand nach Vincent aus und im ersten Moment sträubte er sich. So verstörend dieses Erlebnis war, er wußte, daß er es, sobald es erst vorbei war, den Rest seines Lebens vermissen würde.
      Es war ein sehr unangenehmes Gefühl, nach dieser Freiheit zurück in seinen Körper gequetscht zu werden. Er brauchte eine Weile, um sich wieder daran zu gewöhnen. Er sah Lillith an, die sich still in der Couch zurückgelehnt hatte.
      „Ich bin sozusagen aus der Art geschlagen, Vincent. Kein anderer hat je oder wird je denselben Weg einschlagen, wie ich es tue. Solche Dinge überhaupt wahrzunehmen, liegt nicht in der Natur der anderen. Wir sind ewig, aber nicht unsterblich. Es gibt nichts, das wir mehr fürchten, als das Ende unserer Existenz. Vielleicht hat mich das auf euch aufmerksam gemacht. Das Leben kennt das Problem seit Anfang an und jedes lebende Wesen muß in der Gewißheit leben, daß es sterben wird.“
      „Ist es das, was du suchst? Bist du deshalb hier?“
      Sie sah ihn lange an, bevor sie antwortete.
      „Ich wünschte, ich wüßte es.“


      Ist das verständlich geraten? Wirkt es langatmig oder hölzern?
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      - "To make an apple pie from scratch you must first invent the universe." Carl Sagan

      "Mehr pseudo als Mary geht nicht."
    • Da ich mit Science Fiction leider generell nicht soviel anfangen kann, möchte ich das gar nicht beurteilen. Sorry. :) Aber eine Frage zur Einleitung:
      "Das Krankenbett war umringt von Personen, als der Kapitän die MED betrat."
      Hier bin ich beim Lesen etwas gestolpert. Warum "Personen"? Also erwartet hätte ich sowas wie "von Menschen umringt". Aber da sind vielleicht auch Nichtmenschen dabei? Vielleicht auch eine Eigenart des Erzählers, dass er diese Personen sehr neutral-distanziert als Personen statt als Menschen sieht?
      Graswurzel
    • Ja das ist wohl etwas Gewohnheit geworden. Da ich nicht immer mit Menschen zu tun hab, benutze ich viel zu oft 'Personen'. Hier hätte 'Leute' mindestens genausogut gepasst.
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