[Gemeinschaftsprojekt] 1. Schreibquilt

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    • [Gemeinschaftsprojekt] 1. Schreibquilt

      1. Schreibquilt (2005)

      Der rote Faden dieses Schreibquilts war ein WÜRFEL - ein heikles Ding, denn die Würfelform ist nun mal in manchen Welten (mit einem niedrigen Techlevel) alles andere als ... Alltag. ;)
      Da es sich beim Schreibquilt um eine unendliche Geschichte handelt - sie also keinen Anfang und kein Ende besitzt - kannst du selbst entscheiden, wo du einsteigen möchtest - eine neue Welt fängt aber ungefähr bei jeder ungeraden Zahl an.
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      Die Autoren der einzelnen Geschichten (eine genaue Zuordnung muss noch reproduziert werden):
      Ehana, mask, Sturmfaenger, Gomeck, Menla, Tabor, Hans, Neyasha, Vinni, KeyKeeper, Telejano, Ly, Shay
      Heute schon gebastelt?
    • 1
      Jasker lief durch den Morgennebel, der wie ein dichter Vorhang am Flußufer lag. Die ersten Häuser, hinter dem Hafen, erreichte er mit pochendem Herzen. Er verlangsamte seinen Schritt und sah sich gehetzt um. Wieso mußte auch gerade diese Nacht der Mond so hell am Himmel stehen. Der Nebel hatte wie immer nicht die Kraft, mehr als nur den Hafen- und Flußbereich zu bedecken. Doch er mußte in die Stadt, da gab es kein Zögern. Er wartete noch einen kurzen Augenblick, bis er seinen Atem unter Kontrolle hatte und er sicher war, daß seine Verfolger nicht ganz dicht hinter ihm waren.
      Das Hafenviertel der große Stadt, dreckig, düster, mit seinen kleinen, schmuddeligen Gassen, mochte einem Fremden Angst einflößen, doch für Jasker war es seine Heimat, seine Sicherheit. Nur wenige Häuser weiter und er tauchte ein in den Schlund, übelriechender Pfade, die sich überall zwischen den kleinen, ein- bis zweistöckigen Häuser entlang schlängelten.
      Je länger Jasker in seiner Heimat war, um so sicherer fühlte er sich. Bald schon drehte er sich nicht mehr immer um. Mit der Zeit verlangsamte er seinen Schritt, bis er letztendlich in einen Schlendergang überging. Grinsend sah er sich um. Ja, er war wieder zu Hause. Hier kannte er sich aus. Selbst die Stadtwachen könnten ihn hier nicht finden, geschweige den seine Verfolger.
      Er bog gerade in die Sebertstrasse ein, die Strasse, wo der einfache Mann alles käuflicher erwerben konnte, was er so zum Leben braucht, als er eine Gestalt am Gossenrand liegen sah. Jasker hatte mittlerweile seine Angst hinter sich gelassen und schlenderte auf den Penner zu, man konnte ja nie wissen, was so ein unvorsichtiger Kerl alles in den Taschen hat.
      Leise ließ er sich neben dem Mann nieder und seine geübten Finger durchsuchten das Opfer schnell. Das der angebliche schlafende Mann, tot war, stellte Jasker nebenbei fest, beachtete er aber nicht näher. Wozu auch, was ging ihn dieser Penner an?
      "Mist, hat der den gar nichts dabei, außer diesem Kasten hier?", grummelte Jasker vor sich hin. Da stand er auch schon auf und ging schnell weiter.
      Um eine Hausecke gebogen, betrachtete er seine Beute, den Kasten, genauer. Im hellen Mondlicht präsentierte sich der Kasten als ein hübsch verzierter Holzwürfel. "Oh, ein Schmuckkästchen. Mal sehen, was drin ist.", sprach Jasker mit sich selber und suchte den Würfel nach einer Klappe ab.
      "Nichts!", zischte er Sekunden später, so laut, daß er selber erstarrte, ob ihn jemand gehört hatte. Doch nicht rührte sich. So beruhigte sich der Dieb wieder etwas und warf, enttäuscht das wertlose Holzstück in den übelriechenden Rinnsaal, welcher gemächlich in der Mitte der Gosse entlang floß.
      Er war schon fast an der nähsten Weggabelung, als er sich noch mal umdrehte. "Und wenn das Ding magisch ist?", sprach er zu sich selber. "Setzakre. Du solltest endlich mit deinen Selbstgesprächen aufhören. Das bringt dich irgendwann noch in den Kerker.", fluchte er und rannte schnell zurück, und barg den Würfel aus dem Matsch.
      Mit der wieder gewonnenen Beute, lief Jasker noch ein paar Ecken weiter, eher er zu überlegen anfing. Natürlich leise vor sich hinsprechend, wie so oft. "Am Besten wäre ja die Magierakademie, aber wenn ich da auftauche, könnt ich auch gleich freiwillig in den Kerker gehen. Also wohl doch zu Straz." Jasker fiel nun in einen Laufschritt. Wenn er schon zu Straz mußte, so wollte er die Sache schnell hinter sich bringen.
      Bald schon hatte er das Hafenviertel hinter sich gelassen. Straz Laden war am anderen Ende der Stadt. Sicher, er konnte außen rum laufen, doch der Gedanke, eventuell etwas magisches in der Jacke zu haben, verlieh ihn den Mut durch die Mitte, dem sogenannten Mutrelviertel, oder wie die Armen sagen Goldviertel, zu laufen.
      Der Eingang zum Mutrelviertel, war aus Richtung Hafen, die Steinbrücke. Bewacht von einem steinernen Abbild eines Ritters. Wie Jasker die Brücke betrat, sprach der Steinritter auch so gleich. "Dem Adel der Weg, dem Volke die Busse, dem Arbeiter die Gnade."
      Heute schon gebastelt?
    • 2
      Da musste Jasker kichern, ihm fiel ein, wie vor einigen Monden ein Ritter aus fernen Landen diese Brücke passieren wollte und den Steinritter ignorierte. Um sich zu wundern, wie schnell so ein Steinritter sein kann, lebte er nicht mehr lange genug.
      "Die Arbeit ich hab, den Herren zu dienen.", sprach Jasper, die Gedanken wegwischend und der Steinritter trat zur Seite.
      Schnell lief der Dieb über die Brücke. Er durchquerte das angrenzende Viertel mit glänzenden Augen. Ja, hier würde er gern mal auf eine kleine Einkaufstour gehen, doch war das Risiko, erwischt zu werden, hier in dem Viertel einfach zu groß und die Folgen zu endgültig.
      Am Ende des Viertels war das 'Tor der kleinen Tali'. Jasker öffnete die kleine Tür in dem wagengroßen Tor und schlüpfte hindurch.
      "Guten Morgen.", sprach ihn ein kleines, hübsches Mädchen, in einem feinen Kleidchen einer Adligen, von vielleicht 5 Götterläufen, an.
      "Morgen, Tali. Heute schon jemanden getötet?", erwiderte der Dieb grinsend und ging, ohne Antwort erhalten zu haben, weiter. Nun, auf dem Rückweg, musste er einen Bogen um das Mutrelviertel machen. An Tali konnte er nur raus vorbei. Rein ins Viertel würde sie ihn nie lassen.
      Jasker ging nun die breite Strasse lang. Sicher, dass kein Verfolger ihn durch das Mutrelviertel hätte folgen können. Vorbei an Ställen, Schmieden, Köchner und anderen Handwerkern gelangte er fast bis an die Stadtmauer ran. Zum Glück führte ihn sein Weg aber kurz vorher in eine Seitengasse, so dass er eine Begegnung mit der Stadtwache umgehen konnte.
      Hier, abseits der Hauptstrasse, fiel der Dieb auch wieder in einen Laufschritt, bis er vor einem kleinen einstöckigen Haus zum stehen kam. Ein Schild an der Wand, erklärte dem Besucher, dass hier ein gewisser Straz wohnt.
      Er klopfte an.
      "So trete herein.", rief es von innen.
      "Gut, er ist schon wach.", sprach Jasker zu sich selber, atmete einmal durch und öffnete die Tür,
      Eine Woge von seltsamen Düften empfing Jasker, kaum dass er eintrat und die Tür hinter sich verschloss. Im Flackern des Feuers im Kamin und der wenigen Kerzen im Raum, sah Jasker, dass sich hier nicht viel verändert hatte.
      Vollgestopft mit allem möglichen und unmöglichen Sachen, bot der kleine Raum nicht viel Platz für seine Besucher. Ein schmaler Pfad, durch das undefinierbare Gerümpel, führte ihn zur hinteren Wand des Raumes. Wo, vor einer verschlossenen Tür, ein Mann hinter einem Tisch stand. Der Mann trug das Gewand eines Magiers, doch ohne den üblichen eingenähten Zeichen und Symbolen. So als ob der Mann seine Herkunft verleugnen wolle. Auf dem Tisch, vor diesem Mann, standen mehrere Gefäße, gefüllt mit für Jasker unbekannten Flüssigkeiten, Pulvern und Kräutern.
      "Was darf ich für dich tun, Jasker.", fragte der Mann, mittleren Alters. Jasker zuckte zusammen. "Ihr wisst noch meinen Namen?"
      "Wie wäre es, wenn wir zur Sache kommen?", erwiderte der Magier und Jasker beeilte sich das Kästchen aus seiner Jacke hervor zu holen.
      "Dies, verehrter Magier Straz, gab mir meine Großmutter. Sie meinte es wäre magisch. Was meint ihr?"
      "Lege es in die Mitte des Heltaus."
      Jasker starrte auf den Tisch. Dort, mitten zwischen den Gefäßen, war ein Heltaus geritzt worden. Er legte den Würfel in die Mitte der 4 Halbkreis, die so eingeritzt wurden, dass ihre mit verschiedenen Symbolen versehenden Bögen aufeinander wiesen. Sofort fingen die 4 Halbkreise an zu leuchten. Erschrocken nahm Jasker seine Hände schnell weg. Da erhob sich der Würfel auf einmal von der Tischplatte und schwebte etwa 5 Fingerbreit über dem Heltaus, der immer heller leuchtete. Rauch stieg von dem Tisch auf, der Heltaus fing an zu glühen und den Tisch zu verbrennen. Jasker starrte ungläubig hoch zu dem Magier, der selber mit weit aufgerissenen Augen das Schauspiel beobachtete.
      Da kam endlich Bewegung in Straz. Er holte aus und hieb kräftig seitlich an den Holzwürfel, dass dieser wegflog. Beide anwesenden Männer starrten den Würfel nach, wie der, vom Hieb getroffen, durch das Bruchglasfenster aus dem Haus flog.
      Heute schon gebastelt?
    • 3
      Für den dreckigblonden Lockenkopf, den er recht schmerzhaft traf, war er an sich nicht bestimmt gewesen...
      "Au!" rief der empört und grapschte dann hastig nach Halt, um nicht vom Dach der wild bockenden, dahinrasenden Kutsche zu fallen. Verblüfft griff er nach dem hübschen Holzwürfel und starrte dann auf ihre drei Verfolger, die auf stolzen - und leider viel zu schnellen - Schimmeln hinter der flüchtenden Kutsche her preschten. Pfeile, Messer, ja vielleicht noch Steine hätte er von den Inquisitoren erwartet, aber verzierte kleine Edelholzkästchen? Das geborstene Fenster, das schon hinter der Ecke verschwand, um die sie gerade rasend und schlingernd bogen, bemerkte er nicht.
      "Wenna, wie weit sind sie noch weg?" fragte die Stimme seiner Kapitänin aus dem Inneren der Kutsche drängend.
      "Weit? Weit wäre gut! Ich würde eher sagen 'wie nah'! Zwanzig Schritt oder so. Ich will ja nicht hetzen, aber... Lasst Euch schnell was einfallen, Käptn!"
      Unter ihm reckte sich der hellblonde Kopf seiner Kapitänin aus dem Kutschenfenster und hielt nach einem Ausweg Ausschau. Hinter ihnen preschten nun auch die drei Inquisitoren um die Ecke, voraus die Anführerin in ihrem prächtigen gold-weißen Gewand, hinterdrein die beiden alltäglich verkleideten Geheimermittler. Wenna warf nochmals einen schnellen Blick auf den Würfel. Welches göttliche Wunder die Inquisitoren sich auch immer von dem Ding erhofften, er würde nicht darauf warten!
      Mit aller Kraft schleuderte er es der Oberinquisitorin entgegen - und war baff, als sie es mit einer schnellen, präzisen Bewegung vor sich aus der Luft griff und ihm ein vernichtendes Lächeln schenkte. Er konnte sie förmlich mit verächtlicher Stimme sagen hören: "Das hättest du wohl gerne, Bürschchen!"
      "Äh... Käptn, wir brauchen einen Plan, und zwar schnell!" rief er.
      "Einmal Plan, kommt sofort!" drang es schelmisch herauf, und er hoffte inständig, dass Käptn Federblaun tatsächlich genauso zuversichtlich sein durfte, wie sie klang.
      "Berre, nächste Seitenstrasse rechts!" kommandierte sie, und der Kutscher konnte gar nicht anders als mit einem zackigen "Jawoll!" zu antworten. In einem scharfen Bogen schlidderte die Kutsche in die Seitenstrasse, Wenna wurde auf den Bauch geworfen und krallte sich verzweifelt kreischend am Rand des Kutschendaches fest. Dass sein Kopf so ruckartig seine Position geändert hatte, war sein Glück, denn dadurch verfehlte ihn der Holzwürfel, den die Inquisitorin gerade mit wütender Wucht nach ihm geworfen hatte. Er hörte, wie das Kästchen hinter ihm irgendwo abprallte und war heilfroh, dass 'irgendwo' nicht sein Kopf war. Dann musste er grinsen, weil er den Würfel in seiner vollen Zierlichkeit und Pracht auf einem Misthaufen an der Straßenecke thronen sah, wo er offenbar gelandet war. Seiner Meinung nach ein guter Aufbewahrungsort für eine Etharielsreliquie.
      Als er seinen Blick wieder auf ihre Verfolger richtete, verging ihm allerdings das Grinsen. Sie hatten schon wieder ein paar Schritt aufgeholt!
      "Halt, im Namen des Herren! Ergebt euch!" donnerte die Oberinquisitorin zum wiederholten Male, aber Wenna fand, dass Anhalten keine wirklich gute Idee war. Glücklicherweise schienen Berre und Käptn Federblaun das genauso zu sehen.
      "Berre, nächste wieder rechts!" befahl Letztere jetzt. Diesmal konnte sich Wenna rechtzeitig festhalten. "Und jetzt schneller, wir brauchen soviel Vorsprung, wie wir kriegen können!"
      Heute schon gebastelt?
    • 4
      "Wir fahren so schnell es geht!"
      "Ist mir egal, fahr schneller! Und Wenna: Schließ die Gepäcktruhe auf!"
      Während Berre es tatsächlich schaffte, noch ein Quäntchen Geschwindigkeit aus den keuchenden Pferden herauszukitzeln, krabbelte Wenna auf dem hüpfenden, bockenden Kutschendach nach vorne, wo die Gepäcktruhe hinter dem Kutschbock festgeschnallt war.
      "Käptn, ich bin ja nur ein einfacher Matrose", keuchte er, während er den Schlüssel ins Schloss rammte, "aber ist das Lesen denn wirklich so schön, dass man für ein verdammtes Buch soviel Theater veranstalten muss?"
      "Sei froh, dass es ein Almanach ist und kein Schauspiel, sonst gäb's noch viel mehr Theater darum!" kommentierte sie trocken. Er verfluchte im gleichen Augenblick ihre Abenteuerlust, ihre Vorliebe für Verfolgungsjagden und ihre schlechten Wortspiele.
      Hastig drehte er den Schlüssel, fingerte die Schnallen der Ledergurte auf und hoffte, dass die Truhe auch ohne diese in ihrer Halterung bleiben würde. Als er aufblickte und über Berres bemäntelter Schulter den Stadtberg wieder auf sich zukamen sah, fragte er sich allerdings, warum sie wieder in die Richtung fuhren, aus der sie gekommen waren, statt so schnell wie möglich zum Hafen zu eilen. Dies schien auch der Kapitänin aufzufallen:
      "Wenna, festhalten! Berre, rechts und noch mal rechts, zurück auf die Hafenstrasse!"
      "Äh... Jawohl!" Berre schien verwundert, tat aber, wie ihm befohlen. Wenna hielt sich und die Truhe fest und betete inständig zu allen Göttern, die bereit waren, ihn aus dieser misslichen Lage zu befreien, dass sie ebendies tun mochten.
      Wieder auf der Hafenstrasse rief die Kapitänin: "Wenna, ist die Truhe offen? Mach dich zum Werfen bereit! Ich bin mir sicher, die Inquisition würde nur zu gerne in meiner Unterwäsche wühlen! Wenn ich 'Werfen!' schreie, dann deckst du sie damit ein, klar?"
      Er musste grinsen. "Klar, bereit zum Gefecht!"
      "Soo, da vorne muss ich leider aussteigen. Berre, wenn ich 'Jetzt!' rufe, biegst du scharf rechts ab, wie vorhin! Fahr dann so schnell es geht weiter und lenk sie noch ein wenig ab. Falls sie euch erwischen, habt ihr wenig zu befürchten, wenn sie mich nicht bei euch finden. Stellt euch dumm, notfalls organisier ich euch 'nen Advokaten. Wir sehen uns in Njaderdjin."
      "Käptn, wie-", begann Wenna, wurde aber unterbrochen.
      "Werfen!"
      Blind gehorchend riss er die Gepäcktruhe auf und schleuderte ihren Verfolgern das erste Kleidungsstück entgegen, das ihm unter die Finger kam. Es handelte sich um eine alte, abgewetzte Hose. Geschickt wich die Oberinquisitorin dem flatternden Geschoss aus, aber Wenna deckte sie und ihre Untergebenen schon mit weiterer Wäsche ein: Hemd, Nachthemd, Umhang und... oh, ein recht aufreizendes, besticktes Mieder.
      "Berre, jetzt!" befahl Federblaun. Wenna schleuderte noch eine Unterhose in Richtung der kirchlichen Macht und krallte sich dann, die Truhe stützend, fest. Sie schlingerten auf nur zwei Rädern in die Kurve, die Pferde wieherten protestierend. Wenna hatte schon Angst, dass sie umkippen würden, da hörte er eine Kutschentür klappen und sie fielen wieder auf alle vier Räder zurück.
      Berre brüllte seinen Tieren ein anfeuerndes "Heja!" zu, während Wenna seinen Wäschebeschuss auf die Inquisition fortsetze.
      Kapitänin Jila Federblaun krabbelte vorsichtig aus dem stinkenden Misthaufen an der Straßenecke, und blickte der Kutsche und den drei Hütern der kirchlichen Ordnung nach, die die Straße hinunter davon stoben, eine Wäschespur hinter sich herziehend. An die Brust gedrückt hielt sie ein Stoffbündel, in dem etwas rechteckiges eingewickelt war. Mit einem angeekelten "Wäch!" wischte sie den Pferdemist weg, der ihr auf der linken Gesichtshälfte klebte. Sie hoffte, dass dieses vermaledeite Buch tatsächlich so selten und wertvoll war, wie der Herzog meinte, damit sich das Herumrollen in der Scheiße auch gelohnt hatte. Von dem Aufwand, es erst einmal zu beschaffen, gar nicht zu reden!
      Den verzierten hölzernen Würfel, der, ebenso mit Pferdemist eingeschmiert wie sie, halbversteckt im Stroh des Misthaufens lag, bemerkte sie nicht, als sie sich davonmachte. Obwohl er im Schatten eines Hauses lag, blitzten seine Verzierungen kurz auf.
      Heute schon gebastelt?
    • 5
      "Verdammt."
      Der dampfende Misthaufen kam rasend schnell näher. Unwiderstehlich stieg der Geruch nach Dung und Jauche in seine Nase, viel zu intensiv, als Erent es jemals in seinem Leben erfahren wollte.
      "Verdammt!"
      Neben ihm regneten die Reste des Fensters zu Boden, welches er gerade im Flug durchquert hatte. Unfreiwillig.
      "..."
      Er hielt den Atem an.
      Gerne hätte er länger den Atem angehalten.
      Sein Bauch traf auf ein hartes, kantiges Etwas. Damit war es vorbei gewesen mit dem Anhalten.
      Zischend entfuhren ihm die kläglichen Reste noch halbwegs frischer Luft und machten Platz für den Gestank nach Abfall. Jauche, Stroh und Essensreste. Verdorben und verfault. Wie im Sturm eroberten diese alle seine Sinne, als ob nie etwas vergleichbares existiert hätte.
      Erent rollte sich zur Seite, griff er unter seinen Bauch und fasste nach einem hölzernen Würfel, der bequem in seiner Hand Platz fand. Hektisch rappelte er sich auf, flog noch einmal der Länge nach hin und rollte über den Misthaufens zur Gasse hinunter.
      "Wir kriegen dich, du kleiner nichtsnutziger Wicht!"
      Im Fenster über ihm war eine breite Gestalt erschienen, in schweres, dunkles Leder gehüllt, einen langen Krummdolch im Gürtel, wie er für Lèn Nadri typisch war. Das lebhafte x'antarisches Erbe der Stadt fand sich an allen Ecken und Enden.
      Erent wandte sich um, holte aus, zielte und warf. Aus Verzweiflung.
      "Verdammt noch mal!" Die gedachten Worte hallten in der Gasse wieder. Mehrere Leute auf der Straße wandten sich um und sahen gerade noch, wie der Würfel reflexartig und locker gefangen wurde.
      "Damit willst du mich beeindrucken? Lass die Späße und wart einfach, bis wir dich haben. Damit würdest du vielen Leuten eine Menge Ärger ersparen. Du kommst uns sowieso nicht davon." Die Stimme drang ruhig und sicher, überzeugt, an Erents rechtes Ohr. Das linke war aufgrund einer momentanen Unpässlichkeit nicht in der Lage, seine Funktion ordnungsgemäß zu erfüllen. Mist.
      Drei laufende Schritte später traf Erent ein kantiges Etwas im Rücken.
      "VERDAMMT!"
      Diesmal war der Schrei nicht nur gedacht gemeint.
      Er fühlte, wie sein Fuß nicht genau dort den Boden berührte, wie es gedacht gewesen war. Seine Arme begannen reflexartig, kreisend die Luft zu durchschneiden, dann schlugen sein Knie, von seine Händen gefolgt, auf dem rauen Boden auf. Erent drehte den Kopf noch rechtzeitig zur Seite, um zu sehen, wie knapp neben seiner Hand der Würfel zu liegen kam.
      Interessante Muster, du missratenes Ding.
      Er griff danach, rappelte sich hoch und rannte erneut los. Hinter ihm hörte er eine Tür gegen die Wand krachen, gefolgt vom Klirren und Scheppern von Rüstungen und Waffen. Stimmengewirr, erschrockene Leute auf der Straße, die, einen Ruf der Empörung auf den Lippen, zur Seite gestoßen wurden, Passanten, die vor Erent versuchten, schnell einen Winkel zu finden, als sie sahen, was hinter ihm folgte.
      Was...
      Rechts. Lücke.
      ...machen...
      Nur kein Blick nach hinten.
      Von dort waren verstörte Rufe, die unter lautem Scheppern untergingen, zu hören.
      ...nur...
      Links um die Ecke. Größerer Platz.
      ...noch mehr...
      Schneller.
      ...Leute...
      Verdammt.
      ...auf der...
      Woher kommt.
      ...Straße?
      Die Windkutsche?!
      Heute schon gebastelt?
    • 6
      Die schweren Schwingen eines Ridena berührten vor ihm fast den Boden, als dieser an Erent vorbeiflog. Zügel liefen, gerade noch gespannt, über seinen Rücken und wurden von einem Faeroni gehalten, der entspannt am Kutschbock saß. Neben ihm ragte der lange, leicht gekrümmte Griff einer Klinge über die Sitzbank, die so typisch für dieses Volk war. Bestickte Vorhänge waren vor die Fenster der geschlossenen Kutsche gezogen. Die Flügel der Kutsche waren steil angestellt, damit sie sich auch noch bei der geringen Fahrt, die sie im Moment machte, über dem Boden hielt.
      Erent kam schlitternd zu stehen und sah gerade noch den Flügel auf sich zukommen. Dann lag er das nächste Mal am Boden. Freiwillig. Die drachenartigen Ridena sind nicht gerade für ihre Zimperlichkeit bekannt.
      Er spürte den Luftzug in seinem Nacken, als der Flügel über ihn hinwegzog, sprang hoch und rannte der Kutsche hinterher.
      Endlich genug Raum, um sich zu bewegen. Und um sich umzusehen.
      Der Platz war von einer Reihe von Häusern umgeben, wie man sie überall in der Stadt finden konnte. Eine Mischung verschiedenster Stile, neu gebaut oder halb verfallen. Bewohnt waren alle von ihnen. Rauch stieg aus Schornsteinen und Fenstern in den Himmel, zeichnete eigenartige, schwerfällige Muster in die Luft.
      Die Kutsche zog sanft nach links über den Platz, um in eine der großen Straßen von Lèn Nadri einzubiegen, die hier ihren Ausgang nahm. Rechts öffnete sich eine schmälere Straße.
      Weiter.
      Wieder flog der Staub unter seinen Schuhen.
      Das Geschrei war leiser geworden auf dem großen Platz. Von anderen Geräuschen überdeckt.
      Um ihn herum waren immer noch eine Menge Leute, die Straße war voll, aber nicht gedrängt.
      Wohin?
      Erent blickte auf den kantigen Würfel in seiner Hand.
      Und was ist mit dir? Mistding. Nichts als Ärger. Aber warum muss ich mich auch mit dieser Bande einlassen. Ist doch klar, dass daraus nur Schwierigkeiten entstehen können. Geld, was denn sonst. Und jetzt nur dieser Würfel. Der war das Ganze wirklich nicht wert.
      Seine Hand fuhr zu seinem linken Ohr und versuchte, es aus seiner misslichen Lage zu befreien. Ein Blick auf seine Kleider machten das Bild nicht besser, das Erent im Augenblick bot.
      Jetzt erst fiel ihm auf, dass alle nicht nur wegen seines Laufens einen Bogen um ihn machten. Gerümpfte Nasen und abschätzige Blicke folgten ihm auf Schritt und Tritt.
      "Beim ewigen Baum, ich sehe grauenhaft aus."
      Vom klirrenden Klang der Waffen und dem Scheppern der Rüstungen war schon seit einigen Ecken und kleinen Gässchen nichts mehr zu hören.
      Beim nächsten Brunnen, die alle von einem öffentlichen Wassersystem gespeist wurden, das noch immer als ein Wunder galt, da die drei Schollen der Stadt über kaum eigenes Wasser verfügten und die gewaltige Bevölkerung von außen versorgt werden musste - unzählige Schiffe der Breanor kamen aus den Tiefen herauf und brachten schon fast zerronnenes Eis und Wasser, um die Speicher der Stadt laufend zu füllen - wusch sich Erent so gut es im Moment möglich war.
      Erstaunlich. Dieser Würfel ist kaum schmutzig. Obwohl er in diesem Misthaufen gelegen hat. Und glaubst du, das dich das retten wird?
      Erent nahm den Würfel in eine Hand. Warf ihn leicht in die Höhe.
      Siehst du, was dort drüben ist?
      Langsam drehte er den Würfel in der Hand und streckte ihn in Richtung des Schollenrandes, zu dem ihn seine Flucht gebracht hatte.
      Das kennst du wohl nicht, du Unding. Oder?
      Er schritt gemächlich auf die Kante zu, die eine Seite des kleinen Platzes einnahm, in dessen Mitte sich der Brunnen befand.
      Zuerst mir in den Bauch schlagen, dann in den Rücken. Wozu bist du überhaupt gut? Und diese nutzlose Verzierung? Nicht mal schön. Was machst du überhaupt hier? Was, keine Antwort?
      Sein Arm bewegte sich nach hinten, nahm die Schulter mit und spannte sich an.
      Sein Blick folgte dem Fallen des Würfels, bis dieser nur noch ein winziger Punkt weit unter ihm war und in einer Wolke verschwand.
      Entspannt drehte sich Erent um.
      "Endlich." Eine tiefe, ruhige und gelassene Stimme.
      Heute schon gebastelt?
    • 7
      Wie jeden Morgen seit jenem Tag vor drei Monaten beschleunigte Ikimi den Schritt als er an die Klippe kam. Wie jeden Morgen versuchte er, nicht an seinen Schmerz zu denken, sich gesenkten Blickes an der Stelle vorbeizuschleichen, und wie jeden Morgen scheiterte er. Nur schnell weg von hier, weg zur Sicherheit seines Gartens. Ach, Akukeo... Dann lag der sonnige Hang endlich hinter ihm und er konnte unter die schützenden Arme des Bergwaldes schlüpfen. Geschafft! Doch was war das? Ikimi blieb abrupt stehen. Ein Geräusch wie ein dumpfer Schlag. Aber hier oben war alles still, das Geräusch musste vom Strand unterhalb der Klippe gekommen sein. Was konnte das wohl gewesen sein? Einen Moment rang der junge Mann mit sich, dann kehrte er um.
      Der Anblick der Klippe im Sonnenlicht und des tiefblauen Meers dahinter nahm ihm den Atem. Viele Jahre, Jahrzehnte gar, hatten er und sein Zwillingsbruder hier des Morgens Abschied voneinander genommen. Er, Ikimi, der Gärtner und Akukeo, der Fischer. Und jeden Abend gab es ein Wiedersehen in ihrer Hütte, unten im Dorf. Doch dann war der Tag gekommen, an dem Akukeo nicht zurückgekehrt war. "Der Blaue hat ihn genommen, er nimmt gern die besten Fischer." So hatten die Alten versucht ihn zu trösten, doch was wussten sie schon vom Los, ein einzelner Zwilling zu sein?
      Erst langsam hielt die Wirklichkeit wieder Einzug in Ikimis Trauer. Dort! Da hing eine Staubwolke über dem Strand zu seinen Füssen. Aber was konnte den Sand so aufgewirbelt haben? Ikimi ließ den Blick über Meer und Land schweifen, doch da war nichts. Kein Vogel schwebte am Himmel und nicht einmal eine Wolke zierte das endlose Blau über ihm. Langsam verwehte der Wind die Staubwolke unter ihm und Ikimi wusste, dass er dieser Sache auf den Grund gehen musste. Schnell prägte er sich die Stelle ein, dann machte er sich daran, die Felsen hinabzuklettern. Dass sie senkrecht in die Tiefe fielen, ja, an manchen Stellen sogar überhingen, störte ihn nicht. Schon als Kind war er immer gerne losgezogen, um nach Vogelnestern zu suchen. Er und Akukeo...
      Irgendwie gelang es ihm, die Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen uns sich auf den Abstieg zu konzentrieren und so gelangte er schließlich auf den Sand. Die Staubwolke war mittlerweile verflogen, doch er hatte sich die Stelle gut gemerkt. Es war nicht schwer, sie zu entdecken. Ein tiefes Loch, von einem ringförmigen Sandwall umgeben, markierte den Ort. Wieder fragte sich Ikimi, was um alles in der Welt mit solcher Wucht aus dem Himmel fallen konnte. Mit beiden Händen begann er zu graben, tiefer und tiefer. Doch als er das Ding endlich in den Händen hielt, war es anders, als alles, was er erwartet hatte, auch wenn er nicht sagen konnte, was er eigentlich erwartet hatte. Es war ein hölzerner Würfel, mit geschnitzten Zeichen, wie Ikimi sie noch nie gesehen hatte. Er drehte und wendete ihn in den Händen, doch er konnte sich keinen Reim darauf machen. Er wusste nur eines: solche Zeichen hatte er auf keiner der Inseln Terapanaroas jemals gesehen. Da war er sich ganz sicher.
      Diese Sonne stieg höher und bald wurde es unangenehm warm, hier am Strand ohne Schatten. Ikimi raffte sich auf, endlich den Weg zu seinen Gärten höher am Berg fortzusetzen. Den Würfel schob er in seine Tasche. Heute Abend würde er sich weiter damit beschäftigen. Doch das Ding ließ ihm keine Ruhe. Da waren diese hellen, glänzenden Stellen gewesen. Zuerst hatte er sie für Holz gehalten, aber je länger er darüber nachdachte, desto sicherer war er, dass es das nicht sein konnte. Und so war seine Arbeit schon wieder vergessen, bevor er den kleinen Fleck erreichte, wo Beerensträucher und Stauden im Schatten von fruchttragenden Bäumen und mächtigen Palmen wuchsen. Er setzte sich ins hohe Gras am Stamm der großen Fruchtpalme und zog den Würfel wieder hervor.
      Heute schon gebastelt?
    • 8
      Nachdenklich fuhr er mit den Fingern über die Ornamente. Ja, das war wirklich kein Holz, aber was es war konnte er nicht sagen. Es schimmerte schwach im Licht, ähnlich wie Vulkanglas und doch ganz anders. Es fühlte sich kühl an, fast, als wäre es aus Mondlicht, das irgendjemand irgendwie verdichtet hatte. Er dachte an den dumpfen Schlag, den er gehört hatte, und wie tief der Würfel sich in den Sand eingegraben hatte. War er wirklich aus dem Himmel gefallen? War es vielleicht ein Zeichen von Itamifafailan, der Mondgöttin selbst? Zwischen den Palmblättern konnte er gerade den blassen Schimmer ihrer Sichel sehen, wie sie sich mühte, ihren Bruder einzuholen. Ja, nur von ihr, zu der er und sein Bruder schon immer ein besonderes Band gespürt hatten, konnte dieses Geschenk stammen. Aber was wollte sie ihm damit sagen?
      Der Mittag kam und ging und Ikimi saß noch immer unter der Palme. Was sollte er mit diesem Ding? Es war schön, keine Frage, aber war es auch zu etwas nutze? Und würde es nicht den Zorn der Götter heraufbeschwören, wenn er etwas so Außergewöhnliches für sich behielt? Sein Blick ging hinaus auf das Meer, dort wo es zwischen einigen Bäumen hindurchblitzte, und auf einmal fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er hatte dieses Geschenk nicht bekommen um es zu behalten, sondern um es weiterzugeben und es gab nur einen Gott, dem er es gerade darbringen konnte. Schnell erhob er sich und sah sich in seinem Garten um. Da, einige Blätter von der Lokono-Staude da drüben, ein Palmwedel, etwas Rinde vom Ulenuk-Baum... es war eine reiche Ernte die Ikimi schließlich am Palmstamm zusammengetragen hatte. Und keinen Moment zu früh, denn die Sonne verabschiedet sich schon nach ihrer Reise über den Himmel und er musste sich beeilen, wenn er noch vor Einbruch der Dunkelheit im Dorf sein wollte.
      In ihrer, nein, seiner Hütte angekommen, entzündete er die Lampe mit Palmöl an den verlöschenden Kohlen des Herdfeuers und machte sich an die Arbeit. Bald hatte er die mitgebrachten Pflanzenteile in gleichbreite Streifen geteilt, die nun, zu sauberen Haufen geschichtet auf ihre Verwendung warteten. Dann begann er zu flechten und unter seinen geschickten Händen wuchs schnell ein bezauberndes Muster aus der rötlichen Lokone, den gelben Palmwedeln und dem fast weißen Ulenuk und all den anderen Pflanzen. Und ganz allmählich konnte man auch die Form erkennen, die er anstrebte. Mehrmals musste er aufstehen, um das Öl in der Lampe nachzufüllen, doch als die Nacht schon fast vergangen war, war es endlich getan. Er erhob sich, streckte die müden Glieder und bewunderte sein Kunstwerk. Doch wenn er seinen Plan in die Tat umsetzen wollte, blieb ihm nicht mehr viel Zeit. Schnell setzte er den Würfel in die dafür vorgesehene Vertiefung. Es passte perfekt. Er nahm das kleine Boot auf - den genau das hatte er geflochten - und verließ die Hütte. Still lag das Dorf da und selbst der Mond war untergegangen. Doch Itamifafailan hatte ihren Part getan. Am Strand angekommen, legte er das Boot in sein Kanu, schob dieses ins Wasser und paddelte los. Er fuhr immer gerade aus, genau nach Osten, und als sich der Himmel langsam rosig verfärbte, war von der Insel hinter ihm kaum mehr etwas zu sehen. Er hatte noch Zeit und während er das Kanu treiben ließ, sanft von den Wellen geschaukelt, dachte er an die schönen Dinge, die er gemeinsam mit Akukeo erlebt hatte. Dann ging die Sonne auf, verwandelte das Meer in eine Straße aus flüssigem Licht. Ikimi setzte das kleine Boot ins Wasser. Während er sein Kanu mit leichten Paddelschlägen auf der Stelle hielt, sah er zu, wie sein Werk den Würfel mit sich fortnahm, hin zum Meergott, auf dass der Akukeo freudig empfinge. Gerade als er den Blick abwenden wollte, sah Akimi einen Lichtblitz, genau an der Stelle, wo das Kästchen wohl gerade war. Ob das wohl das Licht der Sonne war, das sich in dem seltsamen Material spiegelte? Er hatte schon das Paddel in die Hand genommen, um nachzusehen, doch dann bezwang er seine Neugier. Er hatte den Würfel dem Meergott geopfert und es war nicht gut, sich in die Belange der Götter einzumischen.
      Heute schon gebastelt?
    • 9
      "Hast du den Blitz dort gesehen?"
      "Was?" Kenjuak sah verwundert von seiner Arbeit hoch. "Welcher Blitz?"
      Angit wandte sich ihrem älteren Bruder zu. "Da war ein Lichtblitz auf dem Wasser. Nicht weit von der Küste entfernt."
      Ihr Bruder schüttelte nur den Kopf und zeigte ihr damit deutlich, wie wenig er ihr glaubte. Ohne weiter darauf einzugehen wandte er sich wieder seinen Farben zu, mit denen er die Höhlenwand bemalte. Er hatte dieses Mal die Aufgabe, die Ereignisse des vergangenen Jahres in Tassaqs geweihter Höhle darzustellen, ehe der Stamm weiterzog.
      "Was das wohl zu bedeuten hatte?", fragte Angit nachdenklich. "Der Blitz, meine ich."
      Kenjuak beschloss, sie einfach zu ignorieren. Es war schon schwer genug, sich zu konzentrieren, wenn seine geschwätzige Schwester ihm bei der Arbeit zusah, auch ohne dass er auf ihre lebhafte Fantasie einging.
      Er würde bald fertig sein und dann konnten sie weiterziehen. Im nächsten Jahr würde jemand anderer dafür zuständig sein. Vielleicht sogar Angit, überlegte Kenjuak nicht ohne Schadenfreude.
      Gerade, als er die letzten Striche aufmalte, sprang Angit mit einem Schrei auf.
      "Was ist?", fragte ihr Bruder genervt.
      "Da treibt etwas zwischen den Wellen. Das muss ich mir näher ansehen."
      Kenjuak beobachtete, wie seine Schwester über den Strand rannte, ihre Gewänder hoch raffte und ohne zu zögern mitsamt den Schuhen ins Wasser lief. Inzwischen sah auch er, dass tatsächlich irgendetwas nahe am Ufer in den Wellen auf- und abschaukelte. Angit griff danach und watete zurück an den Strand. Sobald sie wieder auf trockenem Boden stand ließ sie ihre Röcke sinken, schüttelte rasch das Wasser aus ihren Schuhen und kam zu Kenjuak zurück. Als sie ihm den Gegenstand hinhielt, konnte er doch eine gewisse Neugierde nicht unterdrücken.
      Es war ein kleines Boot, geflochten aus einem seltsamen Material, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Darin lag ein Holzkästchen, das mit hellen Mustern verziert war. Die Ornamente wirkten fremdartig für Kenjuak, aber das mochte nichts heißen. Vermutlich war es von den Südmenschen hergestellt und das meiste, was von ihnen kam, war ungewohnt und fremdartig. Möglicherweise hatten die Muster sogar eine Bedeutung und dienten ähnlichen Zwecken wie die Malereien in den Höhlen. Kenjuak strich über das Holz und die Muster. Was auch immer es war, es sah schön aus. Weshalb wohl jemand einen Holzwürfel in ein Boot setzte?
      "Eigenartig, nicht wahr?", meinte Angit. "Irgendwie geheimnisvoll." Sie betrachtete den Würfel genauer, fuhr die Muster nach und sah schließlich auf die Höhlenwand. "Du solltest es aufmalen."
      "Was?" Kenjuak starrte sie entgeistert an. "Das Kästchen? Ich kann das nicht einfach aufmalen."
      "Ich glaube, dass das ein bedeutender Fund ist und als solcher sollte er aufgemalt werden."
      Kenjuak konnte nicht glauben, dass sie das ernst meinte. Es war ihm verboten, etwas nach eigenem Gutdünken auf die Höhlenwand zu malen - nur was der Ältestenrat bestimmte fand hier seinen Platz.
      Heute schon gebastelt?
    • 10
      "Nun komm schon", drängte Angit. "Sei kein Feigling. Dann malst du eben etwas auf die Wand, was nicht vom Rat dazu bestimmt wurde - na und? Es ist etwas Außergewöhnliches, etwas Besonderes und deshalb interessant für Tassaq."
      "Und wenn es für ihn nicht interessant ist? Vielleicht trifft uns dann sein Zorn." Kenjuak war sich nicht sicher, wie genau sich der Gott tatsächlich die jährlich Chronik seines Stammes ansah, aber es war durchaus möglich, dass es ihn wütend machen würde, wenn etwas in der geweihten Höhle festgehalten wurde, das es gar nicht wert war.
      "Tassaq wird bestimmt nicht zornig. Vielleicht kommt das Kästchen sogar von ihm. Meinst du nicht, dass es ein Zeichen ist, dass es ausgerechnet hier gelandet ist während du die Ereignisse auf die Wand malst?"
      Kenjuak betrachtete zögernd das Kästchen. Er bezweifelte, dass das Kästchen von Tassaq war, aber vermutlich war es tatsächlich ein bedeutender Gegenstand. Vielleicht würde sein Stamm ihn dafür loben, dass er so klug gewesen war, das Kästchen aufzumalen. Oder man würde ihn bestrafen. Unschlüssig drehte Kenjuak das Stäbchen, mit dem er die Wand bemalt hatte, in der Hand und dachte nach.
      Schließlich tauchte er das Stäbchen in die Farbe und malte das Zeichen für einen wichtigen Fund auf die Wand.
      "Ich kann nicht glauben, dass ich das mache", murmelte er, während Angit ihm zufrieden lächelnd zusah.
      Langsam und sorgfältig begann Kenjuak das Kästchen aufzumalen und auch die eigenartigen Symbolen fanden ihren Platz auf der Wand. Halb befürchtete er, die Höhle würde einstürzen wegen seinem Frevel, aber nichts geschah. Schließlich war er fertig und er trat einen Schritt zurück. Die eben aufgemalten Striche fügten sich in das Gesamtbild der Wand, als hätten sie genau hier hingehört. Vielleicht hatte Angit doch Recht und das Kästchen kam tatsächlich von Tassaq. Er wandte sich seiner Schwester zu und erwiderte ihr Lächeln. Sie streckte die Hand nach dem Kästchen aus und er reichte es ihr.
      "Ich möchte wirklich wissen, was die Symbole bedeuten", meinte sie nachdenklich. "Meinst du, dass man es öffnen kann?" Sie klopfte an dem Holz, schüttelte das Kästchen ein wenig und drehte es unschlüssig in den Händen.
      "Ich weiß nicht, aber pass auf, dass du es nicht beschädigst." Kenjuak drehte sich um und hob die Schale mit der Farbe vom Boden auf. Im gleichen Moment schrie seine Schwester auf.
      Kenjuak fuhr erschocken herum und sah, dass das Kästchen seltsam glühte. "Was hast du gemacht?"
      Angit sah ihn entsetzt an. "Ich.... nichts.... ich habe nur versucht, es zu öffnen und..... und dann fing es an zu leuchten...."
      Das Licht, das von dem Kästchen auszugehen schien, wurde immer greller und Kenjuak war sich sicher, dass er doch einen Frevel begangen hatte, indem er es aufgemalt hatte. Und nun würde Tassaq sich rächen.
      "Los, wirf das Ding weg!" Kenjuak riss seiner Schwester das Kästchen aus der Hand und schleuderte es in einem hohen Bogen von sich. Dann griff er nach ihrer Hand und die beiden rannten los so schnell sie konnten, während das Kästchen auf der Höhlenwand aufprallte und dann zu Boden fiel.
      Heute schon gebastelt?
    • 11
      Ein frisch benutzter Weg führte in die Höhle hinein. Nun, warum auch nicht. Ejhastnub hatte schon so manche Seltsamkeit gesehen. Und eine Höhle mochte nicht der unsicherste Ort sein hier in den Bergen.
      "Willst Du da wirklich rein?" Ejhastnub drehte sich um. Dieser Ausdruck war ihm bisher fremd geblieben, im Gesicht der Fentin.
      "Aber sicher. Dort ist eine Stadt, wo eine Stadt ist kann man handeln, und vom Handel lebe ich. Was hast Du, Sihi?" Nie hatte Sihijad vor irgend etwas Angst gehabt.
      "Das ist so eng. Kein Platz an den Seiten. Der Berg wird mich erdrücken." Sie sah ihn mit schmalen Augen an. Dann sagte sie mit Bestimmtheit: "Ich warte hier."
      Diesem Ton hatte Ejhastnub nichts entgegenzusetzen. Einer Fentin, die vor Raumangst ihre Beherrschung verlor wollte Er um nichts in der Welt gegenüber stehen. Daher meinte er schließlich nur: "Pass auf Dich auf."
      Unvermittelt gab Sihijad ihm einen Kuss. Irgendwo auf ihren Reisen hatte sie mitbekommen, dass Menschen damit ihre Zuneigung ausdrückten. Nicht dass ihm das missfiel, doch ihr Raubtiergebiss und die raue Zunge, die ohne weiteres in der Lage war, ihm das Fleisch von den Knochen zu schaben war doch noch immer irritierend. "Bring mir was schönes mit." Mit diesen Worten verließ Sihijad den Wagen. Auch diesen Satz musste sie irgendwann unter den Menschen aufgeschnappt haben. Die Fentin machte sich nichts aus Besitztümern.
      Die Lampen am Wagen stellten sich bald als unnötig heraus, da der Stollen in einem seltsamen rötlichen Licht erstrahlte. Zwar nicht hell, aber die Konturen gut sichtbar. Und schon bald erstrahlte die Stadt in der Höhle vor ihm. In einer Höhle, deren Ausmaße er nicht für möglich gehalten hätte, erhoben sich beleuchtete Säulen zwischen ebensolchen Häusern. Durch das rote Glimmen erschien innerhalb der Stadt auch mancherorts ein wesentlich stärkeres blaues Leuchten. Dennoch wollte Ejhastnub nicht auf seine Lampen verzichten. Die Bewohner dieser Stadt mussten sehr gute Augen haben, um sich in diesem Zwielicht zurechtzufinden. Nach einer Weile war er nahe genug heran, um die Bewohner erkennen zu können. Sie alle waren recht klein geraten. Seine Kleidung würde er hier wohl kaum los werden.
      Am Stadttor wurde er von zwei der Zwerge, anders konnte er sie ob ihrer Körpergröße wirklich nicht bezeichnen, aufgehalten. Dies war ihm nicht ungewöhnlich. Bei dieser Gelegenheit pflegte er die Wachen nach den örtlichen Gepflogenheiten zu befragen. Noch bevor sie heran waren rief er ihnen entgegen: "Wohlan, werte Behüter dieser Stadt. Sagt an, ob es einem fahrenden Händler gestattet sei, dieserorts seine Waren anzubieten?"
      Die Wachen sahen sich kurz an, ein belustigter Ausdruck schlich sich in ihre ernsten Minen. "Was für Waren habt ihr denn feilzubieten?"
      "Nun, was sich auf meinem Wege ankaufen ließ, um es zu diesem erlesenen Ort zu bringen. Feinste Töpfe und Krüge aus den Werkstätten der Mönche zu Hermel, also biete ich Pelze und Stoffe aus Admont, fein gearbeiteten Schmuck der Meister dortselbst, Kräuter und Gewürze aus aller Herren Länder, ja selbst die geheimnisvolle Magierinsel besuchte ich, um dem hiesigem Volke zu gefallen zu sein."
      Seltsamerweise waren die Wachen von der Aufzählung der fremden Orte nicht im Geringsten zu beeindrucken. "Habt ihr Waffen?"
      "Wohl befinden sich unter meinen Waren zwei Dolche und einige Spieße, feinster Machart, die ..."
      "Waffen könnt ihr hier lassen" wurde Ejhastnub in seinem Redefluss unterbrochen, "und bei der Abreise wieder abholen. Den Wagen ebenso."
      Nun war es an Ejhastnub, nach den richtigen Worten zu suchen. "Meinen Wagen soll ich zurücklassen? Meine treuen Torgen? Die zu einem Teil meiner Familie wurden! Die Tiere, die die Freiheit der weiten Ebene kannten, den Wind auf hohen Gipfeln, die mich treu an jeder Gefahr vorüberzogen zurücklassen? Weis ich denn, ob sie in einem Stall nicht verenden?" Die Blicke wanderten zu den über mannshohen Kolossen vor dem Wagen, die die Pause genutzt hatten ein Schwein von einem Abfallhaufen zu vertreiben und sich nun selbst an diesem gütlich zu tun.
      "Dann Verkauft Eure Waren eben außerhalb der Stadt." Mit diesen Worten begaben sich die Wächter wieder an ihre Posten.
      Auch über den Marktstand vor den Toren war Ejhastnub nicht unglücklich. Nur wurde ihm normalerweise direkt gesagt, dass man kein fahrendes Volk in der Stadt haben wollte, und dies nicht auf irgendwelche Waffen, oder seinen Wagen geschoben. Er steuerte seinen Wagen ein Stück neben die Straße und breitete dort seinen Stand aus.
      Seine Dolche hatte Ejhastnub schon bald wieder von der Auslage genommen. Die Zwerge hatten nur verächtliche Blicke für diese übrig. Sonst machte Ejhastnub ein gutes Geschäft. Den griesgrämigen Zwerg bemerkte er erst, als er direkt vor ihm stand.
      "Verkauft ihr nur, oder kauft ihr auch?" War die knappe Anrede, ohne seinen abschätzigen Blick von den Waren zu heben.
      "Wenn ich nicht kaufte, edler Herr, so hätte ich wohl bald nichts mehr feilzubieten. Darf ich euren Worten entnehmen, dass ihr etwas anbieten wollt?"
      Wortlos holte der Zwerg einen hölzernen Gegenstand hervor. Zunächst dachte Ejhastnub, dass es sich hierbei um einen einfachen Würfel handelte. Doch war es eine Schatulle. Sehr feine Holzschnitzereien zierten die Seiten, sowie den Deckel. "Was würdet ihr mir hierfür geben?"
      Ejhastnub betrachtete den Schatullenwürfel eingehend. Es war wirklich eine sehr feine Arbeit, aus einem ihm unbekanntem Holz. Ja, jede Seite schien aus einem Anderen gefertigt. "Ein schönes Stück. An solcherlei Kleinoden hängt doch sicherlich auch eine Geschichte?" Vieles, besonders von den ausgefallenen Waren ließ sich besser verkaufen, wenn Ejhastnub eine darüber erzählen konnte.
      "Nein. Der Kasten ist sehr fein gearbeitet, ein Meisterwerk. Als solcher schon einiges Wert."
      "Das sehe ich. Doch ist er auch nicht besonders groß. Als Schmuckkasten wohl geeignet, doch kaum für größeres." Ejhastnub überlegte, was wohl ein angemessener Preis währe in Anbetracht der anderen, die er hier erzielt hatte. "Würdet ihr ihn mir für fünf Silberlinge überlassen?"
      "Nun, es ist doch ein fein gearbeitetes Stück. Ich dachte an mindestens Sieben."
      Ejhastnub betrachtete weiter den Würfel. Doch es fiel ihm kein Makel auf, mit dem er den Preis weiter hätte drücken können.
      "Nun gut, so sieben Silberlinge." Mit diesen Worten legte er das verlangte Geld auf den Tisch. Der Zwerg betrachtete verdutzt die ihm fremde Prägung, doch dann strich er das Silber ein und ging ohne ein weiteres Wort zu verlieren seiner Wege.
      Als der Strom der durch das Tor reisenden dünner wurde beschloss Ejhastnub, dass es nun auch für ihn Zeit war, zurückzukehren. Schließlich wurde er im Freien erwartet.
      "Verehrte Damen und Herren, der Markttag kommt leider für mich zu einem Ende. Ich werde anderenorts erwartet, doch wer weiß was die Zeiten bringen, vielleicht stehe ich dereinst wieder hier, mit neuen Waren, neun Geschichten aus aller Welt." Mit diesen Worten schloss Ejhastnub den letzten Handel ab, schickte einige Kinder zurück und begann seinen Stand aufzuräumen. Unzufrieden war er mit den Geschäften nicht. Doch war er kaum dazu gekommen, seinen Warenbestand aufzustocken. Außer dem Würfel. Irgendwie hatte dieser Würfel sich in seinen Gedanken festgesetzt. Er war sich sicher, kein schlechtes Geschäft gemacht zu haben. Doch irgendwas war falsch. Er wünschte sich, er könnte herausfinden, was es war.
      Die Sonne war längst hinter den Bergen verschwunden, als Ejhastnub aus der Höhle heraus fuhr. Irgend ein Gefühl der Fremdartigkeit, welches er nicht bemerkt hatte, bis es nicht mehr da war war von ihm gewichen. Wahrscheinlich war es bloß die Umgebung gewesen. Diese Enge im Berg. Irgendwo konnte er Sihi ja verstehen, dass sie da nicht hinein hatte wollen. Ach ja, Sihijad. Die junge Fentin hatte ja hier auf ihn warten wollen. Wo mochte sie nur sein? Im Dämmerlicht der aufsteigenden Nacht mochte es sich für ihn als unmöglich erweisen, sie zu erspähen. Schon wollte er sich darauf verlasen, dass sie ihn mit ihren viel besseren Sinnen fand. Doch der Lichtschein eines Feuers löste sein Problem. Dort saß tatsächlich Sihi, gegen einen Felsen gelehnt und briet ein Stück Fleisch. Im Schein des Feuers sah sie so unglaublich zart und schutzbedürftig aus. So genau das Gegenteil von dem, was sie war. Das Licht des Feuers spielte im seidigen Glanz ihres Fells. Nur ein Zucken des Haarbüschels an ihrer Ohrspitze verriet, dass sie Ejhastnubs kommen bereits bemerkt hatte. Ohne eine Regung erwartete sie die Ankunft des Wagens. Bei einem Menschen hätte leicht ein arroganter, oder beleidigter Eindruck entstehen können, doch für die Fentin war dies die Art, auf die sie ihr Vertrauen ausdrückten. Erst als einer der beiden Torgen sie mit seiner Nase anstieß reagierte sie und schob ihm ein großes Stück Fleisch ins Maul. Der grunzte zufrieden, und als ob er wüsste, dass sein Tagewerk getan war ließ er sich zu Boden sinken.
      Heute schon gebastelt?
    • 12
      Da hielt auch Ejhastnub nichts mehr im Wagen. "Sei gegrüßet zur Abendstunde, Sihijad. Hast Du den Tag angenehm verbracht?" Der Bratenduft stieg in seine Nase, und sein Magen wies lautstark auf die heutige Vernachlässigung hin.
      "Ich habe mir einen Ork gepflückt. Willst Du auch was?" Mit unschuldigem Lächeln hielt sie ihm eine Keule hin.
      "Ein Ork? Aber ein Ork kommt niemals alleine. Wo ist sein Rudel?"
      "Der war erst alleine. Dann hat er aber geschrieen. Wie er mich gesehen hat. Aber nur kurz. Hat aber gereicht. Die Anderen sind dann gekommen. Die waren ziemlich sauer, und haben gefragt, was das denn soll. Ich habe gesagt, ich habe Hunger. Da ist dann so ein ziemlich großer von denen daher gekommen. Der hat gesagt, dass das so nicht geht. Dem hab ich dann gezeigt, dass er nicht mehr geht. Der ist aber schon zu zäh. Ich hab ihn für Deine Torgen da drüben hin gelegt. Den anderen Orks hab ich dann gesagt, sie sollen gehen."
      "Und dann sind sie einfach so gegangen?" Ejhastnub hatte mit seiner Begleiterin schon so einiges erlebt. Doch schaffte sie es immer wieder, ihm den Atem zu verschlagen.
      "Nein. Sie hatten einen jungen Bock dabei. Den haben sie mir noch gegeben. Für Dich" Sie holte aus dem Schatten hinterm Fels eine Holzplatte mit fertig angerichtetem Wildprett an einer Pilz-Kräuter Sauce hervor. Seinen fassungslosen Gesichtsausdruck deutete sie vollkommen falsch: "Ich wollte Dich überraschen. War das dumm?"
      "Nein, das war .." Dann musste Ejhastnub lachen. "Ich dachte schon allen Ernstes, du wolltest mir einen Ork anbieten. Wo hast Du das ganze Kochgeschirr her?"
      "Das hatten die Orks dabei."
      "Nun gut. Ich muss noch meine Tiere versorgen, dann machen wir uns einen schönen Abend."
      Ein fernes Donnergrollen kündigte keine trockene Nacht an. So zogen sich Ejhastnub und Sihijad bald in den Wagen zurück, gerade bevor eine Regenwand ihre Fluten herniederprasseln ließ. Während Sihijad sich sofort auf ihrem Kissen zusammenrollte, holte Ejhastnub nochmals den Würfel hervor. Nur im Schein seiner Lampe konnte er die feinen Schnitzmuster kaum noch erkennen. Doch schien es ihm, als ob dieser Würfel in seiner Hand vibrierte. Nun das mochte eine Einbildung sein, und konnte morgen bei Tageslicht besser geklärt werden. So legte auch er sich auf sein Lager und schlief bald ein.
      Noch immer klopfte der Regen auf das Blechdach des Wagens, als Ejhastnub am nächsten Tag erwachte. Ein Schrei von draußen verriet ihm, dass Sihi mit ihrem Lieblingsfrühsport beschäftigt war. Zeit, den neuen Tag zu begrüßen. Mit weißem Schaum bedeckt schoss ein frischer Sturzbach an der Stelle vorbei, wo gestern noch das Lagerfeuer gewesen war. Mitten dort drin stand die Fentin und versuchte sich an einem Ringkampf mit ihrem Lieblingstorgen. Dieser ließ ein wohliges Brummen hören. Das massige Tier dachte wohl es bekäme einige Streicheleinheiten verabreicht.
      "Sihi, hilf mir bitte, die Torgen anzuspannen."
      "Sofort, Ejh - aaaaa" Weiter kam sie nicht, da ihr Gegner kurz mit dem Kopf wackelte und sie in hohem Bogen in das Rinnsal flog.
      Die Torgen waren bald darauf wieder bereit weiterzuziehen. "Wo wollen wir heute hin?"
      "Ich will nicht noch weiter ins Gebirge. Bei so einem Wolkenbruch möchte ich auf keinen Fall in eine enge Schlucht geraten." Beide befanden sich im Wagen. Die Torgen fanden alleine einen sicheren Weg, und nur selten musste Ejhastnub die Richtung korrigieren. Bei dem wieder zunehmenden Regenguss konnte er ohnehin kaum etwas sehen, und verließ sich lieber auf die bewährten Instinkte der Tiere.
      "Was ist das?" Sihijad zeigte auf den Würfel, den Ejhastnub vom Vortag noch nicht wieder weggeräumt hatte.
      "Eine künstlerische Schatulle. Ich habe sie gestern in der Bergstadt gekauft."
      "Sieht nach Regen aus."
      "Wie meinst Du das?" Ejhastnub nahm den Kasten. In die Verzierungen ließ sich alles Mögliche hineininterpretieren. Doch Regen?
      "Ich weiß nicht genau. Ich sehe ihn an und denke an schlechtes Wetter. So wie da draußen. Nur schlimmer." Nun fiel Ejhastnub auf, dass der Kasten tatsächlich zitterte. Waren es nur Sihis Worte, die diesen Eindruck hervorriefen, oder passte sich der Würfel dem Rhythmus der Regentropfen an?
      "Der Würfel will den Regen haben."
      "Sihi, was redest Du da? Wie soll eine Schatulle Regen haben wollen."
      "Du hast den Kopf so voll von schlauen Sachen. Darum siehst Du die einfachen Dinge nicht mehr. Der Würfel will den Regen."
      Ejhastnub öffnete eine Fensterklappe am Wagenrand. Kaum dass er den nächsten Fels wahrnahm, obwohl es gerade knapp über Mittag war. "Wir werden bald aus den Bergen draußen sein. Dann werden wir den Würfel so bald als möglich verkaufen, wenn er Dir Angst macht." "Er macht mir keine Angst. Er macht mich nass. Wenn ich raus gehe."
      Weder an diesem, noch am nächsten Tag durchbrach auch nur ein einziger Sonnenstrahl die Wolkenwand. Im Gegenteil, Ejhastnub bekam den Eindruck, dass der Regen sich immer weiter verstärkte. Nach zwei Tagen brachten sie den letzten Berg hinter sich. Doch nicht die Spur einer Ansiedlung war hier zu finden. Stattdessen zogen die Torgen sie durch ein hügeliges Waldland. An ein Aussteigen war hier nicht zu denken. Dornige Ranken griffen nach allem, was sich bewegte. Mehrmals mussten gar die Torgen eine solche zerbeißen, die sie mit ihren gewaltigen Kräften nicht abreißen konnten. Ein weiterer Tag ließ die Vorräte knapp werden. Wenigstens schienen sie in eine friedlichere Gegend zu kommen. Es gab wieder Tiere. Nur selten einmal sprang eines von ihnen einen Torgen an und erfuhr auf diese Weise, warum die Torgen dicke Schuppen hatten, oder auch wozu die Dornen auf diesen gut waren. Das Wetter hingegen verschlimmerte sich weiter. Donnergrollen trotz tagelangem Regens erhob sich über der Landschaft. Fast schon war es tagsüber so dunkel wie in der Nacht. Die Nächte ließen nicht mehr die geringste Spur eines Mondenscheines sehen.
      "Ejha, tu den Würfel weg." Kam Sihijad wieder auf dieses Thema zurück.
      "Du meinst immer noch, er hängt mit dem Wetter zusammen?"
      "Ich weiß es." Ejhastnub war inzwischen auch zu dieser Überzeugung gekommen. Zu ungewöhnlich war dieses Wetter um diese Jahreszeit. Gerade wollte er ihn aus einer Truhe holen, als ein Donnerschlag ihn allein durch die Wucht seines Knalls zu Boden warf. Der ganze Wagen erstrahle in einem gleißenden Licht. Funken sprühten in den Ecken, wo Verzierungen aus Ebereschenholz zur Magieabwehr in das Eisen eingearbeitet waren.
      "Was war das?" Noch nie war die Stimme der Fentin so dünn gewesen. Wo ihre Haut durch das Fell sichtbar war hatte diese die Farbe von Kreide.
      "Ein Blitz. Uns hat ein ziemlich heftiger Blitz getroffen. Und das trotz des ganzen Regens. Aber Du brauchst keine Angst zu haben. Hier drin sind wir sicher." Ejhastnub hielt inne, als er plötzlich bemerkte, dass sich der Wagen nicht mehr bewegte. Als er durch die Luke nach vorne hinaus blickte fühlte er, wie auch ihm jegliche Farbe aus dem Gesicht wich als er das unmögliche erblickte. Was die Fentin auch nicht im Ansatz vermocht hatte. Was für Heerscharen räuberischer Kreaturen aller Art unmöglich gewesen war, der Himmelsspeer hatte es im Bruchteil eines Augenschlags erreicht: Einer der Torgen, jenes Tier, das das Gewicht des Eisenwagens nicht einmal zu spüren schien, das unbeirrt durch Echsensümpfe getrabt war, das den Sirenenstrauch zu seiner Leibspeise zählte, jenes von keiner Gefahr beeindruckbare Tier lag regungslos am Boden.
      Sihijad, die neben ihn getreten war stieß einen spitzen Schrei aus, und noch bevor Ejhastnub überhaupt zu einer Reaktion in der Lage war war sie aus dem Wagen raus, umarmte den Torgen und versuchte ihn wieder auf die Beine zu stellen.
      Ejhastnub kam ihr hinterher. Noch immer zitterten seine Knie, dass er fürchten musste im nächsten Moment umzufallen. Doch brachte er hervor: "Sihi, das hat keinen Sinn. Ist er tot?" Noch immer fiel es ihm schwer, solches zu akzeptieren. Er kniete sich neben den Torgen und löste sein Joch. Dabei befühlte er die Kehle des Tieres, seine einzige weiche Stelle. Doch bevor er etwas fühlen konnte war
      Sihijad wieder mit einem Wutschrei aufgesprungen und im Wagen verschwunden. Mit klammer Hand setzte Ejhastnub seine Untersuchung fort. Beinahe hätte auch er aufgeschrieen, allerdings vor Freude, als er noch einen schwachen Pulsschlag wahrnahm.
      Während er sich daran machte, den Torgen vom Rest seines Geschirrs zu befreien sprang Sihijad wieder aus dem Wagen, in der Hand den Würfel, den sie für die Ursache allen Übels hielt.
      Ein weiterer Blitz fuhr vom Himmel hernieder und spaltete eine nahe gelegene Eiche. Trotz des kräftigen Regenschauers schlugen sofort hohe Flammen aus dem Stamm. Im unsicherem Licht des Brandes erschien es nun Ejhastnub, als bräche der Würfel in ein diabolisches Gelächter aus. Obgleich er sich sicher war, dass dies nur eine Täuschung durch das Spiel des Flackerlichtes auf der Musterung des Kastens sein konnte, ließ dieser Anblick ihn frösteln. Einen letzten unsicheren Einwand hatte er seiner Begleiterin gegenüber vorzubringen: "Schau Sihi, der Würfel ist ein Handelsgut. Wenn ich meine Waren einfach so wegwerfe, wovon sollen wir dann leben?"
      Doch mit einem Blick auf den reglosen Torgen schnaubte sie: "Willst Du hier handeln?"
      Gegen diese Logik war nichts mehr einzuwenden. Außerdem hätte er die Fentin ohnehin nicht mehr aufhalten können, als sie an ihm vorbei sprang, einem im Feuerschein sichtbar gewordenen Felsabhang entgegen. Ejhastnub konnte nur noch zusehen, wie sie den Würfel dort hinunter schleuderte.
      Doch da war ihr Zorn auch schon wieder verraucht. Fast schien sie etwas zu schrumpfen. "Ejha, kommst Du mal?"
      Leicht irritiert begab sich nun auch Ejhastnub zu dem Graben. Sein Blick folgte dem ihren. Von dort unten leuchtete aus den Fenstern eines Anwesens ein Licht herauf.
      "Bekommt der jetzt Probleme wegen mir?" War die Besorgnis in ihrer Stimme gespielt, oder echt? Selbst nach all der Zeit mit ihr konnte er das nicht sagen.
      "Der Würfel wird wohl weit genug von diesem Hof entfernt liegen."
      "Da, in dem Fass auf dem Dach." Die Fentin musste noch bessere Augen haben, als Ejhastnub bisher geahnt hatte. Kaum konnte er dort unten Konturen ausmachen, und sie wollte den Flug des Würfels bis dort hin verfolgt haben. Dass sie so weit geworfen haben wollte, war weniger überraschend. "Und wenn schon. Jedenfalls ist es nicht mehr unser Problem." Mit diesen Worten drehte er sich wieder um. "Da, schau!"
      Unbemerkt von den beiden hatte das Gewitter nachgelassen, ja, sogar der Regen schien nicht mehr ganz so schwer auf Ejhastnubs Hut zu prasseln. Und war das nicht gar ein dünner silberner Streifen, dort hinten am Horizont?
      Ohne Hast gingen die beiden zurück zum Wagen. Sihijad schritt direkt auf den gefallenen Torgen zu. Als ob ihm ihre Umarmung neue Kraft verlieh hob dieser zunächst den Kopf, anfangs noch taumelnd erhob er sich dann und sie mit sich empor.
      Heute schon gebastelt?
    • 13
      Archendos drückte die Tür des Baderaumes hinter sich zu und schob den Riegel vor. Er seufzte und bemühte sich nicht mehr an den unerwünschten Besuch zu denken. Er öffnete den Schieber und das heiße Wasser strömte in das Hydrekem. Das Wasser stammte aus einem ungefähr 50 Fass fassenden Bronzetank auf dem Hof, floss durch den bereits von Henroi angeheiztem Ofen im alten Hühnerstall und von da aus durch Kupferrohre in den tiefer gelegenen Baderaum. Der Patriarch hatte ihm vor zwei Jahren für ein Exemplar dieses Systems ein hübsches Sümmchen gezahlt, dass seine Arbeit auf Monate hinaus finanziert hatte.
      Archendos entkleidete sich, warf seine Kryita achtlos auf den Boden, prüfte die Temperatur mit den Zehen und ließ sich seufzend in das Becken sinken. Das Wasser war eine Spur zu heiß. Er griff nach dem Seil der Wasserschütte und zog. Eiskaltes Salzwasser rann aus der Schütte über sein Gesicht und Oberkörper. Ein nordisches Salzbad, einfach herrlich, die Südländer würden das nie verstehen.
      Er schloss die Augen, zog stärker und öffnete den Schieber ganz. Etwas schlug schmerzhaft auf seinen Oberschenkel auf und versank im Wasser. Archendos gab einen kurzen Schreckensschrei von sich.
      "Alles in Ordnung mit euch?", klang es sofort durch die Tür.
      "Jaja, es ist nichts."
      Das schien zu genügen, der Bewacher verzog sich wieder.
      Archendos fischte im Wasser und bekam etwas Hartes, Kantiges zu fassen. Es war ein Würfel, ein ungefähr spanngroßer Holzwürfel. Er wog ein gutes Pfund. Wie bei Daitra kam so etwas in sein Badebecken? Das Salzwasserfass war erst an diesem Nachmittag von Henroi gefüllt worden und eigentlich sollte der auch alles Gröbere herausgefischt haben.
      Archendos richtete sich auf und blickte in die Öffnung der Schütte. Er konnte nichts erkennen. Im Wasserfass nachzusehen sollte sich als relativ schwierig erweisen; es hing auf dem Hinterhof in seinem Gestell und Archendos' 'lieber Besuch' hinderte ihn seit Tagen energisch daran, das Haus zu verlassen. Er wog den Würfel abschätzend in der Hand; er war schwer für seine Größe, ein gutes Pfund bestimmt. Archendos legte den Würfel auf den Beckenrand, verlies das Becken und begann sich abzutrocknen, ohne den Blick von ihm zu wenden.
      Jemeiros schlug Areishas zweite Linie mit einem Que-Manöver und verleibte sich grinsend ihren Spielstein ein.
      Areisha fluchte leise und blickte konzentriert auf die verfahrenen Situation.
      Der Alte kam mit einem Tuch um die Hüften aus dem Baderaum und Jermeiros nickte ihm zu, Areisha sah nicht einmal vom Spielbrett auf.
      "Können wir noch irgendetwas für euch tun?"
      Der Alte drehte sich um und sagte überraschend freundlich: "Nein, vielen Dank, ich mache mich wieder an die Arbeit." Er verschwand in seinem Arbeitsbereich und zog den Vorhang zu, der ihn von dem Wohnbereich abtrennte.
      Jemeiros zuckte mit den Achseln und beobachtete Areisha beim Angestrengt-Denken. Seit fünf Tagen saßen er hier herum, spielte Spiele und bewachte jemanden, der nicht bewacht werden wollte.
      Warum genau, darüber hatte ihn niemand informiert, die Sondersitzung des Rates war geheim gewesen und auch sein Auftrag hatte keine Begründung erhalten. Aber die Gerüchte waren eindeutig, es ging um politische Ränkespielchen ersten Ranges. Er bewachte den alten Archendos dij Djilvusi, Wissenschaftler, Schriftgelehrter und genialer Erfinder. Den begnadeten Konstrukteur, der mit seinen Bronzeguss-Sechspfündern der reniischen Armee im Oiska-Krieg kurze Nachladezeiten und damit den Sieg gebracht hatte.
      Und er langweilte sich zu Tode dabei.
      Archendos saß an der Werkbank und drehte das seltsame Objekt in den Händen. Das Holz trocknete langsam, nahm dabei aber auch keinen wesentlich helleren Farbton an. Die Oberfläche des Würfels war mit feinen, verschlungenen Schnitzereien verziert, einem Muster ohne offensichtlichem Sinn. Der Würfel wog genau ein Pfund und anderthalb Zim und hatte eine exakte Seitenlänge von einem Spann und einem Finger.
      Auch die Wasserschütte hatte er mit Hilfe einer Lampe untersucht. Seine beiden Bewacher mussten ihn für verrückt gehalten haben, hatten sich aber nicht dazu hinreißen lassen, ihn zu fragen. Der Würfel musste im Salzwasserfass gewesen sein, und war wohl von Henroi, seinem Diener mit dem Wasser aus dem Ostmeer geschöpft worden. Das erklärte aber nur wie er in sein Hydrekem kam, und nicht, was er eigentlich darstellen sollte.
      Heute schon gebastelt?
    • 14
      Nachdenklich fuhr er die Ornamente auf der Oberfläche mit dem Daumennagel nach. Mit etwas Fantasie bildeten sie Schriftzeichen.
      Er stand auf, schritt an seiner Bücherwand entlang und zog schließlich Symbole und Skriphten aller Voelker und Zeyten heraus, das Standardwerk auf diesem Gebiet.
      Alle sechs Seiten des Würfel zeigten die gleichen Schriftzeichen - so es denn welche waren.
      Nein, da gab es keine Ähnlichkeit zu irgendeiner bekannten Schriftart.
      Er legte einen Bogen Pergament auf eine Seite des Würfels, nahm ein Stück Zeichenkohle und rieb die Zeichen durch. Vielleicht konnte man an der Universität etwas damit anfangen. Er stellte den Würfel auf die Fensterbank, wo neben exotischen Götzenstatuen und einem echten Waldmenschendolch schon einige andere kuriose Gegenstände aus allen Teilen der Welt als Schmuck dienten. Er setzte sich an seinen Zeichentisch und beschäftigte sich wieder mit wichtigen Dingen, die Arbeit musste schließlich getan werden.
      Areishas Ablösung war mit Sonnenuntergang eingetroffen. Ein humorloser Südländer, mit dem man sich nicht unterhalten konnte. Die Lust auf Spiele war Jemeiros vergangen. Er lieh sich etwas zu lesen aus der Bücherwand, ein Drama von Klimios dij Ayl, und verzog sich auf sein Lager.
      Archendos öffnete das Fenster, kalte Nachtluft strömte in den dunklen Raum, vermischt mit den Gerüchen einer nächtlichen Großstadt. Er konnte die Brandung hören.
      Ein Windstoß wirbelte seine Zeichnungen auf und wehte sie vom Tisch. Seufzend sammelte er sie wieder zusammen und beschwerte sie mit dem ersten Gegenstand, der ihm in die Finger kam, dem Holzwürfel. Hinter ihm knackte etwas. Er wollte sich gerade umdrehen, da legte sich etwas auf sein Gesicht, ein scharfer Geruch drang in seine Nase. Er wollte schreien, doch da spürte er, wie er das Bewusstsein verlor.
      Jeremeios erwachte mit schmerzendem Genick. Er war tatsächlich auf seinem provisorischem Deckenlager eingeschlafen, nachdem in die Intrigen der Imnia in Die Kammerzofe beinahe so sehr gelangweilt hatte, wie die ganze letzte Woche..
      Der Südländer lag mit dem Oberkörper auf dem Tisch. Während der Wache eingeschlafen, dafür würde ihm Jeremeios noch den Kopf waschen. Hinter dem Vorhang knarrte und raschelte es, der Alte war anscheinend noch wach. Jemeiros entschied sich, dem Soldaten seinen Schlaf zu lassen und ging hinüber zum Arbeitsbereich, um das Drama zurück zu stellen. Er zog den Vorhang beiseite und blickte auf eine hochgewachsene Gestalt in einem braunen Mantel. Jemeiros starrte ihn einen Augenblick lang völlig perplex an. Archendos lag regungslos auf dem Boden.
      Der Unbekannte stand an Archendos' Zeichentisch, Papiere und etwas anderes, das Jemeiros nicht genau erkennen konnte, in den Händen. Dann wandte er sich ab und floh, Jemeiros gab einen Alarmschrei ab und folgte ihm. Im Laufen griff er nach seinem Säbel, und stellte fest, dass er ihn abgelegt hatte.
      Die Gestalt erreichte die Tür, als diese gerade von außen geöffnet wurde. Die völlig verblüffte Wache wurde einfach umgerannt.
      Jeremeios folgte dem Fremden auf die Straße, sah wie dieser der zweiten Wache auswich und setzte ihm nach. "Archendos liegt drinnen, kümmert euch um ihn", rief er über die Schulter zurück und folgte der Gestalt, die mit wehendem Mantel die Straße hinunter floh. Sie rannte erst in Richtung Hafen, runter zu den Kais, wandte sich dann aber nach links und lief durch eine Seitengasse in Richtung östliches Hafenviertel.
      Der Abstand wurde größer, Jemeiros' Lungen pfiffen und seine Stiefel polterten über das Pflaster. Er wurde langsam alt und hatte etwas Fett angesetzt, aber ein ehemaliger Elitesoldat der reniischen Armee gibt nicht auf, niemals.
      Jemand kam von hinten an ihn heran, überholte ihn und schloss zu dem Verfolgten auf. Eine der beiden Türwachen. Wenige Augenblicke später waren die beiden hinter einer Abzweigung verschwunden, Jemeiros lief verbissen weiter.
      Der Weg führte an eine Abzweigung, die Wache stand ratlos da.
      "Du nach rechts!", rief Jemeiros ohne anzuhalten.
      "Jawohl, Hauptmann!"
      Jemeiros wandte sich nach links. Papier wehte über den Boden, die Unterlagen aus Archendos' Haus, offensichtlich verloren.
      Jeremeios zog die Balmuha im Laufen. Am Ende der Gasse sah er den Zipfel eines Mantels um die Ecke wischen. Als er um die Ecke bog, sah er, wie die Gestalt über einen schlafenden Bettler stolperte, beinahe fiel. Er feuerte die Balmuha ab, aber der Unbekannte wich erneut in eine Seitengasse aus, der Pfeil prallte wirkungslos von einer Mauer ab.
      Jeremeios setzte über den verblüfften Bettler hinweg, bog in die Seitengasse ein... und stoppte aus vollem Lauf.
      Eine Sackgasse, der Unbekannte war weg.
      Hauswände auf drei Seiten, die Gasse diente ihrem Geruch nach für die Bewohner dieser Häuser als Kloake. Es gab keine Möglichkeit sie auf einem anderem Weg als dem, auf dem er herein gekommen war, zu verlassen. Trotzdem war der Unbekannte nicht da, spurlos verschwunden. Jeremeios Atem beruhigte sich langsam, er sah sich noch einmal um, fand aber keine Erklärung für das plötzliche Verschwinden.
      Er zuckte mit den Achseln und verließ die Gasse.
      Heute schon gebastelt?
    • 15
      Und nur wenige Sekunden später war der Dieb in der Dunkelheit einer nächtlichen Seitenstrasse verschwunden. Er rannte noch ein wenig weiter, sprang über umgefallene Mülltonnen und Obdachlosenbehausungen. Oder über Mülltonnen, die als Obdachlosenbehausungen dienten. Als er sich sicher war seine Verfolger abgehängt zu haben, hielt er kurz inne und betrachtete seine Errungenschaft.
      Doch die Freude war nur von kurzer Dauer. Ein Licht, ein Geräusch, ein kurzer erschrockener Blick in die Richtung deren Herkunft. Darauf folgte ein etwas lauteres Geräusch, das verblüffende Ähnlichkeit mit dem Geräusch aufwies, das ein Schlagzeuger verursacht, der mitsamt seines Drumkits eine Treppe hinunterfällt. "Hmpf!" dachte Herr Rüselheimser. "Liegt da wieder irgendwelcher Krempel auf der Strasse!" machte sich keine Gedanken über das Geräusch, den kurzzeitigen Geschwindigkeitsverlust und das kurze Rütteln des Aeromobils und fuhr weiter ohne zu bemerken, dass er gerade einen mehr oder weniger harmlosen Passanten mit Karracho von der Strasse gefegt und in die Luft befördert hatte.
      Der kleine hölzerne Würfel flog in hohem Bogen über die Strasse, über eines der Häuser hinweg, landete auf einem Hausdach, fiel von dort in eine Regenrinne, kullerte diese entlang, prallte an einen Laternenpfahl, bis er schließlich auf den Boden fiel und einem Mann auf dem Weg zur Arbeit vor den Füssen liegen blieb.
      Der Mann war vielleicht Mitte 30 und hatte einen weißen Laborkittel an, den er gerade vor ein paar Minuten aus der Wäscherei abgeholt hatte, die ihn fast verschlampt hätte, nachdem kurz vor dem Vorwaschgang das Namensschild abgefallen war, weil es nur schlecht befestigt worden war und sich deshalb leicht lösen konnte. Zum Glück fand man das Schild und konnte es, weil es das einzig schlecht befestigte war und alle anderen noch vorhanden waren, schnell dem passenden Kleidungsstück zuordnen. Dieser Umstand gab einen Rabatt auf den Preis, was ja auch nur verständlich war, schließlich gibt es genug Wäschereien in dieser Stadt, die Konkurrenz ist groß und der Verlust eines maßgeschneiderten Laborkittels kann deshalb auch leicht zum Verlust eines Kunden führen. Bei sich trug er einen schwarzen Aktenkoffer aus Kunstplastik. Das heißt er sah aus wie Plastik, war aber in Wirklichkeit gar keines. In diesem Koffer befand sich alles, was dieser Herr für seine Arbeit benötigte: ein Kugelschreiber, ein Kreuzworträtselheft, eine seltsame grüne Frucht, die zum Essen bestimmt war, auch wenn sie sich versuchte dagegen zu wehren, eine 1000er Packung Heinedönsens Doppel-D (das erste zweidimensionale Getränk) und ein Schmuddelmagazin. Er hatte kurze, schwarze Haare, grade so auf die Länge zurechtgeschnitten, ab der man sie nicht mehr zu kämmen braucht und eine große, runde Brille vor seinen Augen, die er halb geschlossen hatte, ob aus Müdigkeit, geistiger Abwesenheit oder übermässigem Drogenkosum soll an dieser Stelle einmal offen bleiben.
      "Natürlich, natürlich," dachte er so bei sich "Natürlich hätte ich auch den Gelgozentrofensterlogikatapultonerophonemergensotransfusor benutzen können! Aber is doch nicht meine Schuld, dass der da im Weg rumsteht und nicht aufpasst und jetzt Tintenflecken im Gesicht hat! ICH bin wenigstens IMMER bei der Sache...!" Sein Koffer sprang auf und der gesamte Inhalt entleerte sich in die nähere Umgebung, als er über den Würfel stolperte und sich mit Schwung auf die Strasse legte. Die Heinedönsenflaschen verteilten sich in alle Himmelsrichtungen, das Kreuzworträtselheft fiel in eine Pfütze Physikizid und wurde gelöst, der Kugelschreiber wurde beinahe einem kleinen streunenden Ungetüm in der Form eines Fußballs mit unglaublich viel Fell zum Verhängnis, als er nur wenige Zentimeter neben dessen Körper vorbeizischte (was das Ungetüm dazu veranlasste erschrocken zu quäken und empört zu verschwinden), die Frucht ließ einen Triumphschrei los und floh in eine Seitenstrasse und das Schmuddelheft fiel auf den kleinen Holzwürfel.
      Heute schon gebastelt?
    • 16
      Dieser Umstand führte dazu dass der Mann diesen, heftig fluchend, aus versehen mit einpackte, beim Auflesen des Heftes und dem Zusammensammelns der Doppel-D-Flaschen, die in der Nähe liegengeblieben waren, ohne vom Wind weggeweht zu werden.
      Nur einen unbedeutend kleinen Zeitabschnitt später, der eine kurze Busfahrt, einen auch-kurzen Aeromobiltransport, eine ellenlange Aufzugfahrt und ein permanentes Gezeter über Flecken auf einem frisch aus der Wäscherei abgeholten Laborkittel, der sowieso schon beinahe verloren gegangen wäre und deshalb doch heute schon genug Ärger gemacht hätte, beinhaltete, kam der Mann endlich an seinem Arbeitsplatz an (Labortrakt 436, Abteilung "Farben und Lacke" der Solar-Star 7 Raumstation, die an einem riesigen Kran hängt und so über dem Planeten schwebt), und ließ sich erst mal entnervt in seinen Stuhl fallen.
      Er platzierte den Koffer neben seinen Schreibtisch, der sich in einem kleinen Laborraum befand, zusammen mit einem Computer, einer Kaffeemaschine und einigen seltsamen Apparaturen, die lustig blinkten und ab und an dezente Geräusche von sich gaben. Eine Maschine druckte ganz langsam eine Reihe von Zahlen und Buchstaben auf Endlospapier. Der Mann startete den Computer. Der Versuch lief nun schon eine ganze Weile, heute Nacht erhoffte man sich das erste Ergebnis und er wollte dabei sein, wenn der Versuch abgeschlossen sein würde. Aber erst mal hieß es warten.
      Nach einem kurzen Blick, ob irgendwelche neue elektronische Post angekommen war, griff er nach seinem Koffer, legte ihn auf den Schreibtisch und öffnete ihn. Er seufzte leise, als er die Kümmerlichen Reste des Inhalts betrachtete, sah dann aber den Würfel. Er nahm ihn in die Hand, rückte seine Brille zurecht und hielt ihn gegen das Licht. "Was ist DAS denn?" dachte er, als er den Würfel beäugte und hin und her drehte. "Wie kommt DAS denn in meinen Koffer? Bah, egal...weg damit." Er öffnete die Abfallklappe unter seinem Schreibtisch und warf den Würfel hinein. Die Klappe schloss sich und mit einem leisen Zischen wurde der Inhalt des Müllkastens entleert. Und so wurde der Würfel, zusammen mit ein paar Schmierzetteln, alten Stickynotes und einer Schokoriegelverpackung, von der Station weggeschossen. Der Mann schaute dem entschwebenden Abfall durch sein kleines Fenster eine Weile hinterher. "Jetzt hab ich Lust auf einen Kaffee!" ging ihm durch den Kopf und er drehte sich um, um die Kaffeemaschine zu bedienen. So konnte er nicht sehen, wie der gesamte Abfall im Orbit verglühte, bloß der kleine Würfel, unbeschadet und nur ein wenig zu hoch temperiert, auf den Boden zuraste. "Hm, der Kaffee war auch schon mal besser." Er stellte die Tasse neben den Monitor auf seinen Schreibtisch, als eine der Maschinen ein *ping* von sich gab und der Drucker eine große rote Zahlen- und Buchstabenkombination druckte und anschließend das Drucken einstellte. Endlich war es soweit, der Versuch war abgeschlossen und beendet! Endlich passierte ihm einmal etwas aufregendes!
      Heute schon gebastelt?
    • 17
      Zum Knochenfischen war das ganze Dorf auf den Beinen. Singend und schwatzend zogen die Niasso durch den Sumpf; vorbei an moosbärtigen Fächerbäumen und wild rankenden Schlingpflanzen. Sie wanderten trittsicher über schmale Wege, die für fremde Augen im überfluteten Sumpfboden wohl kaum zu erkennen wären. Wasser und Sumpf waren vertraut, sie waren hier zu Hause. Die Niasso waren zierliche kleine Geschöpfe mit feingliedrigen Händen und Füßen. Die blasse Haut hatte einen bläulichen Schimmer, Haar und Augen waren hingegen nachtschwarz. Viele waren in schilfgeflochtene Stoffe gekleidet, einige in schuppiges Leder.
      Cha’el, die Älteste, führte den fröhlichen Zug an. Hinter ihr folgten einige der Jäger mit Körben und Harpunen, und dahinter der Rest der Dorfbewohner. Männer, Frauen und Kinder, die zum Knochenloch zogen. Der Weg war allen gut bekannt: vorbei am großen Spinnenbaum, ein Stück entlang des Algenbächleins und dann um den Schlangenweiher. Sie waren diesen Weg erst vor einem Mond gegangen - als sie schweigend und traurig die Überreste von Lintolotek, Tanzende Perlmuschel, aus dem Dorf getragen hatten. Doch jetzt war es an der Zeit, ihn zurückzuholen.
      Am Knochenloch angekommen, gebot Cha’el dem schwatzenden Völkchen zu schweigen. Einen Schreckvogelruf lang starrte sie schweigend in das klare, tiefe Wasser, dann nickte sie den anderen zu. Fröhlich und erwartungsvoll verteilten diese sich nun um das Wasserloch. Die Jäger setzten ihre Lasten ab und wiesen lebhaft schwatzend auf den Knochenbaum. Der riesige alte Baum stand dicht neben dem Wasserloch und streckte seine starken Arme weit über Sumpf und Wasser. Sein Stamm war rissig vom Alter und ehrwürdig weit war seine Krone. Doch Laub sah man kaum, da an Ästen und Zweigen überall Knochen und Muschelsplitter gebunden waren. Alte Schädel hingen in den Zweigen, achtsam mit Sehnen befestigt. Knöchelchen baumelten an dünnen Fasern und schwangen mit den Blättern im Wind.
      Tiquitiquai, Kleine Schwester der Wasserschlange, hatte flink den Knochenbaum erklommen und angelte nun mit einer Harpune nach einem im Knochenloch versenkten Seil. Unter den aufmunternden Rufen der Dorfbewohner schnappte sie sich das Seil und begann, es hochzuziehen. Das Los hatte sie aus der Familie bestimmt, Großvater Lintolotek im Wasser zu versenken - und ihn nun zurückzuholen. In dem Mond, den sein toter Körper in dem Loch geruht hatte, konnten die Knochenputzerfische fein säuberlich alle Knochen abnagen, so dass er nun ins Dorf zurückkehren konnte.
      Mit einiger Mühe zog Tiquitiquai den großen Korb aus dem Knochenloch. Die Jäger fassten mit zu, sobald er aus dem Wasser auftauchte. Gemeinsam wurde der Korb ans Ufer gesetzt und unter fröhlichen Rufen begrüßt. Lintolotek war gestorben - doch seine Knochen sicherte, dass sein Geist in der Nähe blieb und seine Freunde und Verwandten mit Rat und Hilfe unterstützte. Sofort wurde einer der sauber abgenagten Rippen an den Knochenbaum gebunden. Cha’el sicherte den Knoten mit einem Lied, während die Dorfbewohner bereits die Familie des Verstorbenen zu seiner Rückkehr beglückwünschten. Doch noch ehe die Knochen gezählt und getrocknet waren, ließ ein seltsames Geräusch alle aufhorchen. Ein dünnes Pfeifen, wie aus großer Höhe, wie ein Sturmwind, der rasch näher kam. Besorgt blickten die Niasso nach oben, konnte im dunstigen Himmel hinter vielblättrigen Laubkronen aber nichts entdecken. Das Geräusch blieb aber - und verstärkte sich noch. Und schließlich gab es einen mächtigen Schlag, der den Boden erzittern ließ. Für einen Herzschlag waren alle Geräusche des Sumpfes verstummt, und auch die Niasso hatten sich erschrocken hinter Büschen und Schilf versteckt. Nicht weit vom Knochenloch entfernt sahen sie zitternde Baumwipfel und eine blasse Rauchsäule.
      Nichts geschah.
      Als die Geräusche des Sumpfes allmählich wieder einsetzten, wagten sich auch die Niasso wieder aus ihren Verstecken. Ängstlich wurden Vermutungen ausgetauscht. War dort etwas vom Himmel gefallen? Hatte ein Blitz den Wald berührt? Oder trieben gar die Geister seltsame Scherze? Schnell siegte die unstillbare Neugier des lebhaften Völkchens über den Schreck und so zogen Späher aus, um die Ursache des Lärmes zu suchen. Tiquitiquai flitzte hinter Issahilar, Wassersänger, durch das Schilf. Vögel flogen auf und schimpften lautstark über die erneute Störung. Die Neugier ließ die Niasso aber nicht alle Vorsicht vergessen. Kurz vor dem Ort des Lärmes, verhielten sie ihre Schritte und schlichen schattengleich weiter. Die schmalen blauen Körper verschmolzen fast mit dem vielfältigen Grün des Sumpfwaldes. Lautlos glitten sie weiter, sahen aber nicht viel. Ein Baumstamm war gesplittert, ringsum lagen Holzsplitter und abgerissene Zweige und selbst der Rauch, der von dem Stamm aufstieg, war kaum noch zu erkennen. Mit schnellen Handzeichen berieten sich die Niasso. Eine Gefahr schien nicht wirklich zu bestehen - und wenn doch Geister ihre Macht im Spiel hatten, würde verstecken ohnehin nicht helfen. Reichlich unbehaglich wagten sich die Geschöpfe näher. In dem Baum... steckte etwas?
      Heute schon gebastelt?
    • 18
      Vier spitze Gesichtchen mit neugierigen großen Augen schoben sich vor den gesplitterten Baumstamm und bestaunten das seltsame Ding, das darin verborgen war. Es war aus Holz, wie es schien, und mit Metall? Selbst die Form schien schon völlig fremd. Es war ein Würfel - aber die Niasso, die all ihr Wissen aus dem sie umgebenden Sumpf und Dschungel nahmen, kannten nicht einmal ein Wort für eine solche Form. Staunend verharrten sie vor dem seltsamen Ding und wagten nicht, es zu berühren.
      Schließlich fasste sich Tiquitiquai ein Herz - Großvater Lintolotek müsste sich doch schämen, brächte sie nicht den Mut auf! Langsam schob sich die schmale Hand zu dem seltsamen Ding. Ein einzelner dünner Finger berührte ihn kurz und - nichts passierte. Halbwegs erleichtert, griff die Niasso zu und zerrte den Würfel aus dem Baumstamm. Das metallgeschmückte Holz war warm und glatt und völlig fremd. Ratlos drehte sie das Ding in ihren Händen und reichte es schließlich den anderen. Der Würfel wanderte nun von Hand zu Hand - doch keiner konnte sich erklären, was das sein sollte, und wo es herkam. Aber vielleicht konnte die Cha’el dieses Rätsel lösen. Tiquitiquai bekam den Würfel zurück und geschwind machte sich der kleine Trupp auf den Rückweg. Immer wieder drehte Tiquitiquai dabei den Würfel in ihren gelenkigen Fingern, fuhr die seltsamen Ornamente nach und probierte mit spitzen Zähnchen, ob sie daran nagen konnte. Aber das Holz bekam nicht einmal einen Kratzer.
      Die Niasso am Knochenloch hatten inzwischen die Überreste von Lintolotek zusammengeschnürt und warteten ungeduldig auf die Späher. So war ihr Empfang lebhaft, lautstark und überschwänglich. Sofort ging auch hier das seltsame fremde Ding von Hand zu Hand, wurde befühlt, berochen, gekostet, geschüttelt und bewundert. Keiner konnte sich recht erklären, woher es kam und wofür es gut war. Auch die Älteste konnte das Rätsel nicht lösen. Lange betrachtete sie das Ding und fuhr nachdenklich die seltsamen Ornamente nach. Als sie das Ding dabei noch schüttelte, sprang plötzlich mit einem metallenen Klicken eine Seite auf. Sofort zuckten die Niasso zurück - aber es war nur eine Klappe, die sich geöffnet hatte und nun einen Hohlraum offenbarte. Cha’el tastete mit ihrem langen faltigen Zeigefinger in die Höhlung. Sie war leer. Vielleicht musste man etwas hineintun? Tiquitiquai war sofort Feuer und Flamme für die Idee. Vielleicht war das Ding doch von den Geistern gekommen - und wenn man ihnen dafür etwas gab, erfüllten sie einen Wunsch? Viele Geschichten erzählten von Geistern, die Niasso auf die Probe stellten, und ihnen anschließend Wünsche erfüllten. Eine Weile wurde hin und herdiskutiert, die hohen aufgeregten Stimmchen der Niasso schwirrten wie Vogelgezwitscher durcheinander. Dann der Entschluss - etwas sollte in das Kistchen hineingelegt werden. Nur was?
      Aufgeregt stoben die Niasso auseinander, um in Sumpf und Wasser nach einem passenden Geschenk zu suchen. Eine Knospe vom Mondblütenbaum vielleicht? Oder ein glänzender Käferpanzer? Eine angeschliffene Muschelklinge?
      Mit großen Gejohle tauchten schließlich die Kinder bei Cha’el auf. Sie hatten einen dicken Wurzelfrosch gefangen, der quakend zu entkommen versuchte. Die Kinder tanzten mit dem Frosch um die Älteste und den Würfel herum, völlig begeistert von der Idee, den Geistern diesen Leckerbissen zu vermachen.
      Cha’el setzte den Würfel vorsichtig auf den Boden, so dass die offene Seite nach oben zeigte. Der Frosch wurde hineingestopft und der Deckel geschlossen. Es kostete einigen Kampf mit dem glitschigen strampelnden Tier, bis endlich der Würfel geschlossen war. Alle Blicke lagen nun schweigend auf dem fremden Ding und warteten, ob etwas geschehen würde. Dumpf klang das Quaken des gefangenen Frosches. Dazu kamen die Geräusche, die der Frosch bei vergeblichen Befreiungsversuchen verursachte. Der Würfel wackelte durch seine Bemühungen... und rutschte schließlich davon. Hüpfte der Frosch mit dem ganzen Ding? Hastig versuchten die Niasso den Würfel zu schnappen, behinderten sich aber gegenseitig. Durch Hände und Füße rutschte er immer weiter, wurde versehentlich geschubst und geschoben - und platschte schließlich in das Knochenloch.
      Betreten schauten die Niasso hinterher. Der Würfel sank schnell im klaren Wasser, zog eine kreiselnde Schmutzspur hinter sich her und einen Schleier winziger Luftbläschen. Dann versank er im schlammigen Grund.
      "Weg", sagte Tiquitiquai enttäuscht. "Einfach weg." Im Sumpf versunken, im Wasser. Die Niasso waren ausgezeichnete Schwimmer - aber im Knochenloch würde kein Lebender wagen zu schwimmen. "Weg..."
      Heute schon gebastelt?
    • 19
      Noch lange hallten die Worte der Niasso im Gedächtnis des Frosches nach, während er weiter darum kämpfte, frei zu kommen. Er ahnte nicht, dass er ins Knochenloch gefallen war und das Öffnen des Deckels seinen Tod bedeuten würde, denn er war mittlerweile schon viel zu tief gesunken.
      So kämpfte er noch eine ganze Weile gegen die roten Wände an, die ihn gefangen hielten, bevor er erschöpft inne hielt und nach Atem rang. Das Rot des Würfels begann schon vor seinen Augen zu flimmern, als sein Gefängnis sich plötzlich wie wild anfing zu drehen. Immer wieder berührte er mit einem erschütternden "Plong" etwas Hartes, sprang davon ab und stürzte weiter in die Tiefe. So unsanft behandelt, sprang der Deckel des Würfels auf einmal auf und ließ den Frosch frei.
      Benommen und nach Atem ringend, schaute sich der Frosch um. Überall um ihn herum waberte feiner Nebel, in dem sich merkwürdige Schatten zu bewegen schienen. Er begriff nicht, wo er war, doch bevor er sich entschließen konnte aufzubrechen, schlossen sich zwei durchscheinende Kiefer um seinen kleinen Körper und verschlangen ihn.
      "Gut gemacht, mein Freund!" Die Stimme, die diese Worte sprach, war so flüchtig wie der Nebel, der die Gestalt des Sprechenden umhüllte und seine Umrisse unkenntlich machte. Eine verzerrte Hand fuhr durch das Fell des Nebelwolfes, während die andere den roten Würfel umschlossen hielt.
      "Dieser Gegenstand muss Anra‘sari wieder verlassen!" meinte Nograhm, der Herrscher über die Nebelfälle von Skah, nachdenklich und schickte seine Nebelwölfe aus, um einen der Dar‘etienne (1) zu ihm zu bringen, der diese Aufgabe übernehmen sollte.
      Belisa sammelte gerade Kräuter, als vor ihr einer der Nebelwölfe aus dem Nichts auftauchte. Er musterte sie mit seinen funkelnden, grünen Augen und blieb abwartend stehen. Belisa hatte schon oft einen seiner Gattung gesehen, aber noch nie hatte einer von ihnen vor ihr ausgeharrt. Doch aus den Erinnerungen ihrer Vorfahren wusste sie, dass Nograhm sie zu sehen wünschte.
      So nickte sie dem Nebelwolf bestätigend zu und machte sich auf zu Nograhm. Je weiter die beiden in den Wald vordrangen, desto mehr Nebelwölfe schlossen sich den beiden an, so dass sich Belisa bald von einem ganzen Rudel der schattenhaften Gestalten flankiert sah. Es musste etwas ungemein Wichtiges sein, wenn Nograhm alle seine Diener ausgeschickt hatte, um sie oder einen ihres Volkes zu finden.
      Als sie schließlich die wabernden Seen am Fuße des Sturmgebirges erreicht hatte, wartete Nograhm bereits auf sie. Wie immer war seine Gestalt nicht auszumachen zwischen den Nebeln, aber das Leuchten seiner uralten, blauen Augen besänftigte ihre Unruhe.
      Ruhig wartete sie ab, bis Nograhm das Wort an sie richten würde. Sie musste nicht lange warten, denn kaum hatte sich der letzte Nebelwolf zu seinen Füßen gelegt, reichte er Belisa den roten Würfel und meinte leise: "Bringe diesen Gegenstand nach Edador. Im Künstlerviertel findest du Espiró. Übergebe ihm den Würfel."
      Er musterte Belisa noch einmal mit seinen allwissenden Augen, bevor er in den Nebeln verschwand. Auch seine Diener verflüchtigten sich im sanften Wind und ließen Belisa alleine an den Ufern der geisterhaften Seen zurück.
      Solange Belisa sich erinnern konnte, war dies Nograhms Art: Wünsche auszusprechen, aber ihre Gründe niemals näher zu erläutern. Ihre Vorfahren und auch sie selbst akzeptierten diese Verhaltensweise seit Jahrhunderten, aber dieses Mal hätte sie sich gewünscht, mehr darüber zu erfahren, denn es war schon Generationen her, dass jemand aus ihrer Familie die Wälder von Skah verlassen hatte.
      Den merkwürdigen roten Gegenstand nachdenklich in den Händen drehend, machte sie sich dennoch auf den Weg zur Küste, denn Nograhms Wünsche galt es zu erfüllen. Nur kurz hielt sie zu Hause an, um das Notwendigste zu packen und ihrer Familie Bescheid zu geben, bevor sie sich auf den Weg nach Daronis machte; der einzigen Hafenstadt im Norden Lyskaris‘ (2). Tage vergingen, bis sie unter dem schützenden Blätterdach ihrer Heimat ins Freie hinaustrat. Blinzelnd sah sie hinauf zur Sonne, die sie zum ersten Mal in ihrem Leben sah, ohne das gewaltige Baumkronen sie verdeckten. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als sie an die Reise dachte, die ihr nun bevorstand.
      Zuletzt hatte Demian Waldläufer die Wälder verlassen, um den Kindern Elamatans (3) nach der Zeit der Feuerkriege beizustehen. Nograhm hatte seinerzeit viele Heiler der Wälder nach Tanmariv geschickt, um die grässlichen Wunden der Kriege mit den starken Heilkräutern der Nebelwälder zu heilen.
      Jetzt sollte sie diese Reise antreten, um dieses merkwürdige rote Ding nach Edador zu bringen.
      Während sie also auf ein Schiff wartete (4), das sie nach Edador bringen würde, regten sich tief im Süden Anra‘saris Geister längst vergangener Zeiten. Sie spürten, dass etwas Fremdes in ihre Welt eingedrungen war.
      Bringt es zu mir! Es muss Anra‘sari so schnell wie möglich wieder verlassen, bevor es Unheil anrichtet.
      Die zwei Jäger, denen der Auftrag erteilt worden war, nickten bestätigend und machten sich sofort auf die Reise.
      Es vergingen mehrere Mondläufe, bis am Horizont endlich die Segel eines Handelsschiffes der Camarah auftauchten und Belisas heruntergebrannte Reiselust erneut entfachten.
      So trat sie dem Kapitän der Perlmutt entschlossen entgegen, als sie ihn um eine Passage ersuchte. Dieser war bei ihrem Anblick zunächst viel zu erstaunt, um irgendetwas erwidern zu können. Die in verschiedenen Brauntönen gefleckte Haut, das kurze Haar, das in den Farben Grün, Braun, Rot und Weiß schimmerte und ihre bernsteinfarbenen Augen, die denen einer Katze glichen, verwirrten ihn völlig - sah er doch zum ersten Mal in seinem Leben eine der sagenumwobenen Heilerinnen aus dem Volke der Dar‘etienne.

      (1) Die Dar‘etienne leben in den Wäldern von Skah, die die Nebelfälle vor der restlichen Welt verbergen. Sie sind humanoide Lebewesen, die ein genetisches Gedächtnis besitzen.
      (2) Lyskaris ist einer von vier Kontinenten - der Herbstkontinent - Anra‘saris.
      (3) Elamatan ist der Gott des Frühlings und wacht über den Kontinent Tanmariv. Mit den "Kindern Elamatans" sind somit alle Völker Tanmarivs gemeint.
      (4) Daronis ist der zweitnördlichste Hafen Anra‘saris und wird nur selten von Handelsschiffen angelaufen.
      Heute schon gebastelt?