Bücher von Jared Diamond als Quelle fürs Weltenbasteln

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    • Bücher von Jared Diamond als Quelle fürs Weltenbasteln

      Nachdem @Gomeck mich gefragt hat, dachte ich, ich muss das doch mal ein bisschen genauer aufschreiben.

      Jared Diamond hat bisher 6 Bücher veröffentlicht. Die, die ich gelesen habe, habe ich auf Englisch gelesen, aber ich gebe auch die deutschen Titel an.


      Why Sex is Fun hab ich nicht gelesen. Das führt größtenteils Ideen aus The Third Chimpanzee genauer aus. An Upheaval bin ich gerade dran.
      Wenn Gott allwissend ist, weiß er dann auch wie Papiertaschentücher schmecken?
    • Bevor ich anfange, über die Bücher zu reden, hier ein bisschen was zur Biographie von Jared Diamond, denn ich glaube, es fällt leichter, seine Herangehensweise zu verstehen, wenn man weiß, wo er herkommt.

      Diamond ist Jahrgang 1937
      Als erstes hat er eine Karriere in medizinischer Physiologie verfolgt und es dabei immerhin zu einer Professur an der UCLA gebracht. Seine Spezialität war die Gallenblase.
      Nachdem er die Möglichkeit bekam, an einer vogelkundlichen Expedition nach Neu-Guinea teilzunehmen, begann er eine zweite Karriere in Ornithologie und sattelte auf Bio-Geographie um.
      Durch den Kontakt mit steinzeitlich lebenden Völkern in Neu-Guinea begann er sich für Anthropologie und Geschichte zu interessieren und hat heute einen Lehrstuhl für Geographie. :freak:
      Wenn Gott allwissend ist, weiß er dann auch wie Papiertaschentücher schmecken?
    • Guns, Germs and Steel (dt. Arm und Reich)

      Mein erstes Buch, das ich von ihm gelesen habe (übrigens auf einen Tipp meines Bruders hin, der Biologie ist). Mein Lieblingsbuch von ihm und das einzige, das ich so oft gelesen habe, dass das paperback den Geist aufgegeben hat und ich es mir ein zweites Mal als ebook gekauft habe. Wie ich in dem anderen Thread schon schrieb, für mich ein absolutes must-read für jeden, der realistische Welten(geschichte) basteln will.

      Worum geht's?
      DIamond versucht die Frage zu klären, warum es manche Weltregionen zu modernster Technik gebracht haben und in anderen die Menschen noch in der Steinzeit leben. Dabei sucht er explizit NICHT nach Erklärungen, die in Unterschieden zwischen den Völkern selbst liegen, sondern in ihren Lebensumständen. Die Europäer haben also die Welt nicht erobert, weil sie schlauer sind oder so, sondern weil sie mehr Glück hatten. Aber was bedeutet "mehr Glück"?
      Diamond kommt in seinen Methoden und Denkweisen ganz klar von der Evolutionstheorie her. Man kann ja Theorien über die Evolution normalerweise auch nicht im Labor untersuchen, weil es zu lange dauern würde. Evolutionsbiologen greifen deswegen auf "natürliche Experimente" zurück, d.h. Situationen, in denen sich Lebewesen zufälligerweise in unterschiedlichen Bedingungen wiederfanden. Und genau solche natürliche Experimente sucht er auch in der Weltgeschichte. Ich muss bei seiner Argumentation auch immer stark an die statistische Thermodynamik denken. Es ist zwar unmöglich, das Verhalten eines einzelnen Atoms zu beschreiben, aber man kann recht genau beschreiben, was viele Atome im Durchschnitt machen. Anders als in der normalen Geschichtsschreibung geht es Diamond nicht um die Person selbst, die eine Entdeckung machte und was in ihrer Biographie sie dazu brachte. Es geht ihm nicht darum, was die Person Christopher Kolumbus dazu brachte, den Seeweg nach Indien im Westen zu suchen. Seine Grundthese ist, dass wenn man nur genügend Menschen hat (entweder weil die Bevölkerungsdichte hoch ist, oder weil man lange Zeitspannen betrachtet), dass irgendwann irgendjemand schon auf die Idee kommen wird, den Seeweg nach Indien im Westen zu suchen. Wer es genau ist, ob er aus Genua oder aus Venedig stammt, ist völlig irrelevant. Interessant ist, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit seine Bestrebungen auch Erfolg haben. Oder anders gesagt: warum schaffte es Kolumbus, Amerika zu "entdecken", aber kein Indianer fand je von sich aus den Seeweg nach Europa?

      Damit ihr euch das besser vorstellen könnt, hier mal ein Beispiel seiner Beweisketten.
      Warum verwendeten die Indianer keine Karren mit Rädern? Waren sie zu dumm dafür? Nein, denn sie kannten die Töpferscheibe und es gibt auch Kinderspielzeug mit Rädern. Warum also nicht in groß?
      • Um einen richtigen großen Karren zu bewegen, braucht man Zugtiere. Große Säugetiere, die einen Karren ziehen können, gab es aber in Süd- und Mittelamerika nicht (das größte ist ein Lama, das wiegt gerade mal 120-150kg. Pferde und Rinder können bis zu 1200kg schwer werden, das ist eine ganz andere Hausnummer).
      • Warum gibt es keine großen Säugetiere in Amerika? Die meisten sind etwa zeitgleich mit der Besiedlung des amerikanischen Doppelkontinents durch die ersten Menschen in der Steinzeit ausgestorben. Ob der Mensch daran schuld ist, ist unklar. Fakt ist aber, dass es ein solches Massenaussterben großer Tiere in allen Kontinenten gab, wo Tiere direkt mit dem voll entwickelten Homo Sapiens-Jäger konfrontiert waren. Auf den Kontinenten, wo die Tiere den Menschen schon kennenlernten, als dieser noch kein so effizienter Jäger war, haben mehr große Tierarten überlebt. Zufall?
      • Können nicht auch Menschen Karren ziehen und dann mehr Last bewegen? Schon, aber dafür braucht es einen halbwegs ebenen, halbwegs festen und halbwegs vegetationslosen Untergrund. Das war im Inkareich (Stichwort eben) und in Mittelamerika (Stichwort fest und vegetationslos) eher nicht gegeben. Man hätte also erst Straßen anlegen müssen. Rechnet man aber den Aufwand des Straßenbaus mit ein, dann kann man die Lasten auch einfach tragen, dann braucht man keine Straßen und halt ein paar Träger mehr.
      • Was ist mit den Great Plains? Hätten sich da nicht Wagen gelohnt? Ja, das wäre gegangen, dort hätte es auch mit dem Bison einen Kandidaten für die Domestizierung eines Haustiers gegeben. (Der Bison ist zwar ziemlich aggressiv, aber das war der Auerochse auch). Allerdings gab es in den Great Plains keine sesshaften Kulturen (außer an einigen Flussläufen, und genau am Wasser braucht man ja keine Karren). Außerdem kam der Ackerbau erst nach der Zeitenwende auf den NORDamerikanischen Kontinent, so dass vielleicht einfach noch nicht genug Zeit gewesen ist, auf den Great Plains Ackerbaukulturen zu etablieren, die dann Rinder domestizieren und Karren bauen können.
      • Warum hat es so lange gedauert, bis der Ackerbau nach Nordamerika kam? Zum einen wurde Mais aus Teosinte gezüchtet, was viel schwierig war, als Kultur-Weizen aus wildem Weizen. Vor allem aber war der Ur-Mais nicht an die veränderlichen Tageslängen und kurzen Vegetationsperioden der nördlicheren Regionen angepasst (er hat auch in präkolumbianischer Zeit nie den Sprung in die Anden geschafft, obwohl es dort ja sesshafte Kulturen gab).
      • Warum waren die Vegetationsbedingungen in Amerika so unterschiedlich? Weil Amerika eben eine Nord-Süd-Hauptachse hat (anders als Eurasien, das in Ost-West-Richtung ausgerichtet ist).
      So, ich glaube, jetzt könnt ihr euch ein grobes Bild machen. Hier noch eine kurze Inhaltsangabe nach Kapiteln:
      1. Was geschah vor der Entdeckung des Ackerbaus?
      2. Ein natürliches Experiment: die Besiedlung Polynesiens
      3. Warum die Inkas nicht Spanien eroberten
      4. Die Entstehung des Ackerbaus
      5. Geographische Unterschiede in der ersten Kultivierung von Pflanzen
      6. Warum sich Ackerbau ausbreitet
      7. Welche Pflanzen werden vom Menschen (unbewusst) zur Kultivierung ausgewählt
      8. Warum entstand in manchen Regionen KEIN Ackerbau
      9. Wie man Tiere domestiziert
      10. Einfluss der Kontinentalachsen auf den Austausch von landwirtschaftlichen Technologien
      11. Haustiere und Krankheitserreger
      12. Verbreitung von Technologien (am Beispiel Schrift)
      13. Was macht eine Technologie erfolgreich
      14. Verschiedene Stufen menschlicher Gesellschaftsformen
      15. Die Entwicklung von Australien und Neu-Guinea
      16. ... von Ost-Asien
      17. ... der pazifischen Inseln
      18. Vergleich der Entwicklung der Amerikas mit Europa
      19. Geschichte Afrikas
      Was mir an Diamond gefällt, und warum ich sage, dass ein an Realismus interessierter Weltenbastler ihn gelesen haben sollte, ist weil er nicht wie andere Geschichtswerke beschreibt, was passiert ist, sondern erklärt warum es passiert. Und wenn man die Gesetzmäßigkeiten kennt, kann man sie auf Bedingungen anwenden, die es auf unserer Erde nie gab. Dazu hat er eine ganze Reihe an praktischen Tabellen und auch in allen seinen Werken immer mal wieder "Ckecklisten". So führt er z.B. in diesem Buch im Kapitel über die Domestizierung von Tieren 6 Gründe auf, warum eine Tierart nicht domestizierbar ist (nur wenn alle Kriterien erfüllt sind, klappt es). Die sechs Kategorien sind: Ernährungsweise, Wachstumsgeschwindigkeit, Paarungsbereitschaft in Gefangenschaft, sanftes Temperament, fehlende Neigung zur Panik, soziales Gefüge).
      Das sind Infos, damit kann man beim basteln was anfangen.

      Noch etwas zu seinem Stil: ich finde, er schriebt sehr lesbar und er fügt Unmengen an Beispielen und Anekdoten ein. Allerdings ist er ein großer Freund des tell, tell, tell-Approaches, den sie uns an der Uni auch gepredigt haben.
      Tell them, what your going to tell them!
      Tell them!
      Tell them, what you told them!
      Diamond lässt es auch nicht unbedingt bei dreimal bewenden. D.h. wenn man das Buch ganz gelesen hat, hat man seine Kernthesen dann schon 5 oder 6mal dargelegt bekommen, das wird dann teilweise mit der Zeit etwas eintönig (vor allem, wenn man das Buch wie ich mehrfach gelesen hat ;) ) Aber effektiv als Lehrmethode ist es natürlich.
      So, jetzt hab ich genug gesagt. Fragen?
      Wenn Gott allwissend ist, weiß er dann auch wie Papiertaschentücher schmecken?
    • fluchtigerBesucher schrieb:

      Danke für diesen Thread!

      Ich selbst habe Kollaps gelesen und von Guns, Germs, and Steel eine Doku gesehen. Von Kollaps gibt es auch eine Doku, wobei die Bücher natürlich besser sind, aber als Einstieg sind Dokus vielleicht geeignet.
      Welche Dokus meinst du? Hast du da Links dazu?
      Æýansmottír-Blog - Mysterion-Blog - Deviant - Mysterion - Æýansmottír (provisorisch) - Bloubbuji

      Jedes Tier sollte stolz sein, wie Grillgut auszusehen. Besser als wenn man hinschaut und sagt: "Nette Suppeneinlage." (Mara)
      The limit of the Willing Suspension Of Disbelief for a given element is directly proportional to its degree of coolness.
    • So, weiter geht's
      Nachdem @Gomeck mich darauf gebracht hat, dass mir ein Buch durch die Lappen gegangen ist, habe ich diesen Zustand natürlich gleich behoben.

      Upheaval (dt. Krise)
      Zu Beginn stellt Diamond die These auf, dass man eine nationale Krise und insbesondere die Faktoren, die eine Bewältigung der Krise erschweren oder erleichtern, durchaus mit Krisen von Einzelpersonen vergleichen kann. Und was bei Einzelpersonen zur Bewältigung einer Krise beiträgt, ist von Psychologen eingehend erforscht worden. Zum Teil muss man die Dinge natürlich übertragen sehen, aber Diamond stellt eine Liste von 12 Faktoren auf.
      1. Nationaler Konsens, dass die Nation in einer Krise steckt
      2. Akzeptanz der eigenen Verantwortung etwas zu tun
      3. "einen Zaun errichten", der Dinge, die geändert werden müssen, von denen abgrenzt, die bleiben können, wie sie sind
      4. materielle und finanzielle Hilfe von anderen Nationen
      5. andere Nationen als Vorbilder für die Lösung der Krise
      6. Nationalbewusstsein
      7. Ehrliche Selbsteinschätzung des Zustandes der Nation
      8. historische Erfahrungen mit der Bewältigung von nationalen Krisen
      9. Toleranz für Fehlschläge
      10. Situationsspezifische nationale Flexibilität
      11. nationale Leitwerte
      12. Freiheit von geopolitischen Einschränkungen
      Je mehr dieser Faktoren erfüllt sind, umso wahrscheinlicher ist es, dass eine Nation eine Krise erfolgreich bewältigen kann.
      Im folgenden geht er dann verschiedene Krisen durch (die Auswahl erfolgte sicher nicht vollkommen zufällig, aber er schreibt, dass er die Länder ausgewählt hat, weil er persönlich mit ihnen gut vertraut ist):

      Zwei, die durch abrupte äußere Ereignisse ausgelöst wurden
      • Finnlands Freiheitskampf gegen die Sowjetunion von 1939-1945 und die Gestaltung der finnisch-sowjetischen Beziehungen danach
      • Die Modernisierung Japans in der Meiji Restoration ab 1853
      Zwei, die durch abrupte innere Vorgänge ausgelöst wurden
      • Chile unter der Pinochet-Diktatur
      • Indonesien unter der Suharto-Diktatur
      Zwei, bei denen die Umorientierung ein langsamer Prozess war
      • Deutschlands Umgang mit seiner Nazivergangenheit, insbesondere ab 68
      • Australiens Abkehr von einer "British-only" Gesellschaft zu einer im asiatischen Raum verankerten multikulturellen Gesellschaft
      Drei, deren Ausgang noch unklar sind
      • das heutige Japan: Überschuldung, Überalterung, Rolle der Frau, Umgang mit der Vergangenheit
      • die heutigen USA: zunehmende Polarisierung in Politik und Gesellschaft, fehlende Wahlbeteiligung, Ungleichheit, fehlende gesellschaftliche Aufstiegschancen
        (Anmerkung, das Buch ist von 2019, er schreibt, dass er bewusst nicht auf den "aktuellen" Präsident eingeht, da er möchte, dass die Thesen des Buches auch noch in Jahrzehnten Gültigkeit haben. Aber ich denke, einiges wäre nach dem 6. Januar und dem Sturm aufs Kapitol anders ausgefallen)
      • die Welt: Nuklearwaffen, Klimawandel, endliche Ressourcen, Ungleichheit


      So, und jetzt meine Bewertung. Das Buch hat sich gut gelesen, ich hab sicher eine Menge gelernt, und ich denke, an seinen Thesen ist durchaus etwas dran. Auch glaube ich, dass er Recht hat mit der Einstellungen, dass wir uns mit solchen Fragestellungen beschäftigen sollten, wenn wir die großen Probleme unserer Zeit lösen wollen. Im Vergleich zu Guns, Germs and Steel fehlt mir aber, das 5 mal Warum (sorry, die Methode krieg ich in der Arbeit ständig vorgesetzt). Also dass jeder Grund wieder Gründe hat, die wieder Gründe haben... In diesem Buch belässt er es größtenteils dabei, seine Checkliste in jedem Fall abzuhandeln, wie dieses Land bzgl. jedes Punktes dagestanden hat und geht nur in Einzelfällen darauf ein, was dazu geführt hat, dass die Nation so dastand.

      Weltenbastlerisch muss ich sagen, dass ich jetzt noch nie das Problem hatte, eine Nation in einer Krisensituation zu haben, und mich händeringend zu fragen, was ich jetzt basteln muss, um sie da wieder rauszukriegen. Aber jetzt, da ich das Buch gelesen habe, mag es schon den einen oder anderen Bastelimpuls geben.

      Ich würde sagen: kann man ruhig lesen, aber fangt mit Guns, Germs and Steel an
      Wenn Gott allwissend ist, weiß er dann auch wie Papiertaschentücher schmecken?