[Interview] Fragt Mil

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    • [Interview] Fragt Mil

      Mil Thédoran, ehemaliger „Wunderheiler“ aus Leynmorár, heute Besitzer eines kleinen Andenken-Ladens im Küstenstädtchen Nachtstill.

      Die Luft ist schneidend kalt und riecht nach Salz. Zu Eurer Rechten seht ihr das Ilvermeer bleigrau und träge vor sich hin rauschen. Mils Laden ist ein einfaches Holzhaus. Über der Tür baumelt ein fröhliches „They-Sah imhála“-Schild („Jeder ist willkommen“) im Wind. Wenn die Tür sich öffnet, wird man von einem diffusen Klingeln und Bimmeln begrüßt, verursacht durch die zahlreichen Windspiele aus Glas, Holz und Steinen, die überall an Wänden und Decke aufgehängt sind. Auf Tischen und Regalbrettern und türmen sich die verschiedensten Formen kleiner Andenken für Küstentouristen: Bernsteinschmuck, bunte Steine vom Strand, kitschige Gemälde, teures Briefpapier mit Seemotiven, Muschelschalen, getrocknete oder ausgestopfte Meerestiere. Knisterndes Ofenfeuer im Nebenraum sorgt für angenehme Wärme.
      Mil sitzt mit verschränkten Armen hinter dem Tresen und blickt Euch erwartungsvoll entgegen. Er mag etwa 35 sein, trägt einfache Kleidung, ist dunkelhaarig, groß und ziemlich dünn. Wie alle Gered hat er ein Paar riesige Flügel auf dem Rücken; deren „Federn“ sind in seinem Fall graubraun. Ansonsten sind an ihm nur die Augen auffällig. Sie sind blau, aber sehr blass und die Pupillen sind seltsam trüb.
      Er hebt die Hand zur Begrüßung, sagt „Hála“ und wartet auf Eure Fragen.

      [Anmerkung: Da ich momentan extrem wenig Zeit habe, kann ich immer erst abends antworten. Ich würde mich aber auf jeden Fall freuen, wenn Ihr Fragen stellt.]
      Mbwa ni hatari

      Zivilisation ist gefräßig
    • Die Journalisten duckt sich nervös unter den ganzen Windspielen hindurch und betrachtet dann verblüfft den Besitzer des Ladens.

      "Äääh... Holla?", ahmt sie dann den Gruß etwas unbeholfen nach.

      "Aaah.. Ja Herr Thédoran - ist das die richtige Anrede? - naja Herr Thédoran, ich habe hier irgendwo..."

      Sie wühlt in ihren Aufzeichnungen und Blätter landen überall.

      "Also ja genau. Sie waren einmal Wunderheiler oder? Nun ich gebe zu ich weiß nicht genau, was das... hier für eine Bedeutung hat aber es erstaunt mich schon, dass Sie eine so drastische Berufsänderung vorgenommen haben. Was hat Sie dazu bewogen?"
    • "Herr" und "Sie"? Das wäre doch mal was *lächelt* Aber wie du an meiner bescheidenen Behausung erkennen kannst, bin ich nicht einmal annähernd adelig. Die richtige Anrede ist "du, Mil".
      Zu meinem Berufswechsel... Nun, ich habe lange Zeit vorgegeben, etwas zu können, das ich in Wirklichkeit nicht konnte. Zum Beruf des Zauberheilers bin ich nämlich nur durch einen merkwürdigen Zufall gekommen, durch den die Leute glaubten, ich könnte Wunder wirken und auch die schwersten Krankheiten heilen. Ich hatte von Anfang an ein schlechtes Gewissen dabei, mit solchen Lügen armen Menschen das Geld vom Band zu ziehen. Aber es waren nunmal alle so begeistert davon und der Reichtum war neu für mich. Dann tauchten andere Heiler auf und arbeiteten mit mir zusammen, so dass ich immer tiefer in die ganze Geschichte verstrickt wurde. Sie waren es auch, die mich zum Schluss dazu zwangen, meine Heimatstadt zu verlassen. Nachdem ich nämlich beschlossen hatte, all den Kranken endlich zu erzählen, dass wir Lügner waren und dass sie lieber zu richtigen Ärzten gehen oder einen Gott anbeten sollten - also, meine "Mitarbeiter" wurden ziemlich wütend. Sie brachen in mein Haus ein und wollten, nun, ich schätze mal, sie wollten mir ein paar Dolche in den Rücken stechen *lächelt und kratzt sich am Kopf* Zum Glück war ich nicht da. Aber sie verwüsteten alles, zerschlugen meine Einrichtung und ließen ihre Wut am Haus aus. Als ich zurückkam und sah, was passiert war, packte ich sofort meine wichtigsten Sachen zusammen, nahm das letzte bisschen Geld, das sie mir nicht gestohlen hatten und nahm eine Kutsche nach "weit weg" *grinst* Hier, am Meer, kannte mich niemand und ich konnte einfach von vorn anfangen. Wie man sieht.
      Mbwa ni hatari

      Zivilisation ist gefräßig
    • Felicitas steht da mit einem Gesicht, als ob sie einen Frosch verschluckt hätte:
      "Ich kriege diese Begrüßung einfach nicht hin... Guten Tag Mil... sag ich da einfach mal.
      Ich möchte eine etwas intime Frage an dich stellen und hoffe, daß ist in Ordnung. Du brauchst ja nicht zu antworten, wenn du lieber verschlossen bleiben möchtest.
      Bist du zufrieden mit dem, was du jetzt hier hast? Ich meine dein Leben klingt ruhig und gelassen. Der kleine Laden, das Meer in der Nähe... ich könnte mir nichts schöneres vorstellen."

      Gruß Felicitas
      Ein Keks, der unter einem Baum liegt, ist auch ein schattiges Plätzchen. :dozier:
    • Hallo, Mil! Wenn ich deine Flügel mit ungebührlichem Interesse betrachte, liegt das daran, dass ich noch nie einen Gered gesehen habe... oder irgendeine andere Art geflügelter Humanoider, wenn man's genau nimmt.

      Die erste Frage lautet da natürlich: Kannst du damit fliegen? Und sind diese Flügel empfindlich?
      Je größer der Begriff, desto kleiner bekanntlich sein Inhalt – und er hantierte mit Riesenbegriffen.
      - Kurt Tucholsky über Rudolf Steiner
    • Hallo Mil! Hübsch hast du es hier... Oh, was für ein schöner Anhänger... *räuspert sich* Aber ich bin ja zum Interview hier.
      Darf man fragen, ob du Familie hast? Hier oder in deiner alten Heimat?
      Und wie kam es überhaupt dazu, dass du für einen Wunderheiler gehalten wurdest?
      I'm one of many, I speak for the rest, but I don't understand... (Genesis - Man Of Our Times)
    • Original von Felicitas
      Bist du zufrieden mit dem, was du jetzt hier hast? Ich meine dein Leben klingt ruhig und gelassen. Der kleine Laden, das Meer in der Nähe... ich könnte mir nichts schöneres vorstellen.


      Manchmal vermisse ich Leynmorár, aber ich schätze, dass man mich dort nicht mehr dulden würde, nach allem, was geschehen ist. Hier habe ich tatsächlich ein sehr ruhiges und angenehmes Leben. Ich habe inzwischen viele Freunde gefunden und besitze sogar ein eigenes kleines Boot. Mir gefällt das Meer. Ich kann nur allmählich keinen Fisch mehr sehen. Die Leute hier essen fast nichts anderes!

      Original von Snapshot
      Die erste Frage lautet da natürlich: Kannst du damit fliegen? Und sind diese Flügel empfindlich?


      Nein, wir können nicht fliegen, leider. Dafür müssten die Flügel größer sein, nehme ich an. Aber man kann den Fall damit etwas bremsen, wenn es sein muss - das hat schon so Manchen bei einem schweren Sturz vor dem Tod gerettet. Damit haben wir also doch den Assé und den Bergvölkern etwas voraus.
      Die Flügel sind nicht viel empfindlicher als Arme und Beine. Man muss nur darauf achten, dass man sich im Winter keine Erfrierungen holt und dass man sie beim Schwimmen möglichst über Wasser hält, sonst saugen sie sich voll und werden ganz schön schwer.

      Original von Latsi
      Darf man fragen, ob du Familie hast? Hier oder in deiner alten Heimat?


      Nein, leider nicht. Meine Angehörigen sind schon vor langer Zeit verstorben, und hier... Nun, eine eigene Familie wäre sicher nicht schlecht. Zwei oder drei kleine Kinder, die lachen und herumrennen und den Laden in Unordnung bringen - darüber denke ich in letzter Zeit öfter nach, als mir lieb ist, das gebe ich zu *lacht*


      Original von Latsi
      Und wie kam es überhaupt dazu, dass du für einen Wunderheiler gehalten wurdest?


      Ach, das lag eigentlich nur daran, dass dort im Süden der Aberglaube so verbreitet ist. Die Bauern glauben alles, was man ihnen erzählt und auch vieles, was man ihnen nicht erzählt, ganz einfach.
      Ich hatte schon bei meiner Geburt das Kindsfieber und bin dadurch erblindet. So bin ich aufgewachsen und ich hatte gelernt, damit zu leben. Als ich knapp zwanzig Jahre alt war, kehrte dann allmählich mein Augenlicht zurück, ich konnte wieder sehen. Niemand konnte sich das erklären, einen solchen Fall hatte es angeblich noch nie gegeben. Sobald sich das herumgesprochen hatte, fingen die ersten Leute an, meine Heilung als Wunder zu feiern. Ein paar Wochen später stand plötzlich eine Frau vor meiner Tür mit ihrem schwerkranken Kind. Es hatte den Husten und sah so aus, als würde es sterben. Sie erwartete allen Ernstes von mir, dass ich das Kind durch Handauflegen heilte, schließlich sei ich auch selbst durch ein Wunder geheilt worden und so weiter... Ich war zu weichherzig, sie wegzuschicken und ließ mich zu einem Versuch überreden. Das Kind wurde nach wenigen Tagen tatsächlich gesund, obwohl das ganz sicher nicht an mir lag!
      Danach konnte ich mich vor lauter Schwerkranken kaum retten, die mir förmlich die Tür einrannten und meine angeblichen Heilkräfte nutzen wollten. Und dann... also, ich stammte aus ärmlichen Verhältnissen und konnte einfach der Versuchung nicht widerstehen, damit Geld zu machen. Ich rechnete Preise aus für die verschiedenen Arten von Wundern, begann zusätzlich zu den Heilungen auch noch andere Zaubereien anzubieten - alles nur Schwindelei. Heute bin ich nicht mehr so. Deswegen mag ich auch meinen kleinen Laden hier *deutet auf die Regale* Die Strandsteine sind wenigstens echt.
      Mbwa ni hatari

      Zivilisation ist gefräßig